Part 18
Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus immer finsterer ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher zu machen. Im Hofe auf dem Teich hörte man kein Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen. Nahe dem Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine Dämmerung legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung stand ein altes Kreuz. Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, es ragte hoch zum Geäste auf. Es war vor Zeiten draußen in dem großen Walde gestanden, der unter dem Namen der Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen getrieben, Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, um Meierhöfe und ganze Schlösser auszuplündern. Eines Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein durchfahrender Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet. Der Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam schoß ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, dem der ganze Festzug unterlegen war. Zum Gedächtnisse hatte man das neunbalkige Kreuz aufgestellt. Später, als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer gefallen war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem Riede stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es in seinen Hof, stellte es dort auf unter dem Eichbaum und verehrte es ob der blutigen Tat, deren Erinnerung daran geknüpft war.
Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem Philippus zu eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich auf großen flachen Kähnen über das Wasser fuhr. Auch Getreide, Heu, Holz und andere Dinge wurden mit solchen Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der Teich hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine lange Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages unter dem Eichbaum vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf diesen Kanal hinaus und sah, wie dort zwischen Erlen und Silberweiden zwei Knaben standen und mit kurzen Stäben Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet im Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen an, daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren die Söhne des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen an ihrer Hütte schon oft mit den Augen gespießt hatte. Ein heißes Lustgefühl stieg in ihm auf, eilig holte er vom Hause einen Feuerhaken und einen Strick, damit ging er zum Landungsplatz und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber die entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden und in den Hof schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den Haß zu befriedigen, der in ihm gegen den Karrner mit gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er jedoch an die Stelle kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen Mißmutes voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten den Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten eines unter die Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob lebendig oder tot, der Lohn sei zwölf Silbertaler und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch.
Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen Tag über hatten die Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen und dem Wohnsitze im Teiche. Es gab schwere Garbentrachten und Philippus freute sich. Es war ein Hagelwetter niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der Himmel seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, daß er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem Freudentag folgte ein würdiger Abend. Mit der letzten Garbenfuhr brachten drei Knechte einen Mann mit, der auf den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte. Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, es war der Karrner Josue.
Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast angefahren gekommen wäre, stellte er sich, die Hände in den Taschen des Beinkleides und mit ausgestemmten Füßen ans Ufer und sah mit Behagen zu, wie die Knechte den Gefangenen zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn abzuladen. Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen den Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze warfen sie den Karrner zu Boden.
»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte zu berichten. »Wir haben ihn ertappt. Des Meierhofes Haushahn hatte er gestohlen und getötet und verzehrt. Wir haben den armen, lieben, schönen Vogel seit dem Morgen nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den Karrner, der eine solche Feder auf dem Hute getragen. Er wollte vorüberhuschen, aber wir haben ihn abgefangen, er hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht geglaubt. Wir haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu dir gebracht.«
»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte Philippus zu den Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd benutzen. Bleibt nur da. Wir haben heute einen Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken. Zuerst müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein Opfer darbringen vor dem Kreuze.«
Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, daß die Leute einander mit Befremdung ins Gesicht schauten. Philippus, ohne den Gefesselten, der auf dem Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin vor das Kreuz, streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. Du hast meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. Dein ist die Rache, und nach Deinem Willen will ich meine Feinde lieben. Ich töte ihn nicht aus Rache. Ich liebe meinen Feind und werde ihn küssen, ehe er geopfert wird. Herrgott! Du bist nicht der Judengott, der das Opfer Abrahams verschmäht hat, Du bist der Christengott, der das blutige Opfer seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. Ich bin nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem Altar steht, ich bin der demütige Zöllner, der sein Angesicht verhüllt und betet: Herr, ich habe gesündigt. Nimm für alle meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir und gib mir ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die ewige Seligkeit. Amen.«
Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel lag eine rauchbraune Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise gegen Sonnenuntergang war ein glühendroter Streifen schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen Wolken und Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum und manchem begann unheimlich zu werden.
»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus nun den Karrner an. »Heute finden wir uns vor einem anderen Richterstuhle, als dazumal. Ich hege keinen Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu bereuen.«
»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« entgegnete der Karrner, seine Stimme war heiser; »ich habe ihn nicht gestohlen. Ich bin auf einem Botengange zum Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem Meierhofe. Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das sind keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich eine auf den Hut gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«
Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich den langen roten Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: »Du zwingst mich auch noch, daß ich dich als Lügner strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine ehrwürdigen Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich erfahren. -- Junge!« so wandte er sich an einen halberwachsenen Burschen, »gehe in meine Stube und hole die gelbe Tasche heraus.«
Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren Jahren war Philippus ein beliebter Metzger gewesen. Hatte es in der Nachbarschaft und selbst weiter um im Tal etwas zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu gebeten; dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, und das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich tot. Als aber Philippus später bei zunehmendem Alter und bei gesteigertem Grolle gegen alles anfing, sich an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte er die Sache umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. Da meinten die Leute, er solle daheimbleiben auf seinem Lackenhof, sie wollten ihre Metzgerei schon selbst besorgen. Also mußte er sich begnügen mit den Freuden, die das Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, befanden sich die Schlachtwerkzeuge.
Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei Fackeln anzünden, deren Träger zur rechten und zur linken Seite des Kreuzes stehen mußten. Der schwarze Pechrauch qualmte empor. Philippus öffnete die Tasche, er tat es langsam, mit feierlicher Gebärde, doch das leise Zittern seiner Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was er hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring mit scharfen Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. Der Gefesselte begann beim Anblick dieser Dinge zu beben, die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen. In den Mienen des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen grünlichen Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht flüsterte zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« Zögernd trat der Knecht zu Philippus vor, berührte ihn ein wenig am Arm und sagte leise: »Herr Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, aber so nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, ein altes wertloses Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn Ihr wollt. Dort sollen sie den Dieb bestrafen.«
Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das dich an!« sagte er dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«
Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das Beil. In demselben Augenblicke krähte ein Hahn.
»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und deutete auf einen Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, da oben sitzt er!«
»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.
»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer Garbenfuhr muß er herübergekommen sein auf die Insel. Es ist unser Hahn, wir kennen seine Stimme und der Karrner ist unschuldig!«
»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit gehobenem Beile dem Hingestreckten nahend. Jene drei Knechte, die den Karrner gebracht hatten, rissen den Wütenden nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte er sich vor seinen eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen ihn zu Boden und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte das Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei, führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte den zur Stelle stehenden Kahn frei, und nun glitt der Karrner hinaus -- gerettet.
Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den Armen seiner Knechte los und sprang zum Ufer hinab: »Sterben muß er!«
Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der schwarzen Masse des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer abgestoßen hatte. Der Karrner sah noch die Gestalt des Verfolgers und in dessen Hand das Blinken des Messers, er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie nach vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr das dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses dunkle Haupt glitt heran und rasch heran, so sehr der des Ruderns unkundige Karrner auch die Schaufel einsetzte und vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende Fluchen des Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann schwamm nicht, das war zu merken, er hatte noch Grund unter den Füßen. Also floh das Fahrzeug vor der schwarzen Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers nachzurollen schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder, er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit aller Macht die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle Punkt des Hauptes tauchte tiefer und tiefer hinab -- noch ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers, dann war der Verfolger verschwunden.
Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus und lief davon, neu dem Leben wieder geschenkt.
Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe. Als es Morgen ward und der Hahn krähte, suchten sie nach dem Hausherrn. Man fand ihn nicht auf der Insel und nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon hoch, als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm, der lange rote Bart voller Schlamm und Schaum, in verglasten Auge keine Glut mehr -- der Haß war erloschen mit dem Leben.
Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie sie mir unter den anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten auf fremden Straßen der wandernden Seele begegnet ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz nicht, aus Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu lesen steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen Hasse zu Trotz und der lieben Liebe zu Liebe.
Das Weihnachtsfeuilleton.
»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende aus Anlaß der Umkehr des feurigen Sonnenrades -- angelsächsisch: ~hveol~, altnordisch: ~hiol~ oder ~jule~ -- das Julfest, und zwar in der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in den nordischen --«
»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der Chefredakteur und Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen jungen Journalisten.
»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir erst gestern auferlegt haben, als ob wir nicht den ganzen Dezember über mit Bestimmtheit darauf hätten rechnen können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten präzise wie immer einstellen würden.«
»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß irgendein Blatt zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, den wir hätten benutzen können. -- Machen Sie sich übrigens nicht die Mühe, das Ding abzuschreiben, geben Sie offen den Band des Konversations-Lexikons mit dem Artikel ›Weihnachten‹ in die Druckerei.«
»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band über den Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie eines reizenden Mädchenkopfes, daß solche den Augen des Alten verborgen sei. »Gut, so werde ich einen Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen schreiben, von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern, von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von dem --«
»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt auch nicht ein Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.
»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten auf dem Meere oder in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten der Armen, oder auch Weihnacht eines alten Junggesellen, der --«
»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den Zeitungsschreibern gegangen und haben keine Phantasie,« rief der Chef und ging mit verschränkten Armen rasch im Zimmer auf und ab. »Weihnacht ist ein Familienfest, da wollen die Leute etwas Gemütliches, Idyllisch-Heiteres, Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches -- irgend ein Festglockenläuten.«
Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als ob ihm eine Idee gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas über Menschenliebe!«
Der andere lachte auf.
»Gibt es denn da etwas zu lachen?«
»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich werde schreiben. Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn auf die Erde gebracht hat und die seither unter den Menschen waltet. Nämlich einen ganzen Tag im Jahre. Denken Sie sich ein Christfest, das +zwei+ Tage dauern würde. Wie fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man rasch die Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für die nächsten 364 Tage.«
»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« bemerkte der alte Chef launig.
»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, wird jedes immerhin noch ein sehr gemeines Jahr sein,« gab der Doktor zurück. »Das Weihnachtsfest ist der Tag, an dem die Menschheit bei sich selbst den Etikettebesuch macht. Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an welchem Geben seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub dieses Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen -- und so ist die moderne Gesellschaft jener unselige Vogel des Märchens, der sich mit raublustigem Schnabel das eigene Herz aus dem Busen hackt. Die Kinder selbst werden an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen einen Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene Tannenbaum mit dem Flitter?«
Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im Sessel lehnend, halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich hingestoßen hatte, mit Teilnahme an und sagte: »So habe ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor! Das ist nicht mehr derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei einem Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus getragene Rede halten hörte!«
»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! Lebensfreudig, ja, solange es Geld und Bier gibt. Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit, Brüderlichkeit und Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche Existenz oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und Würden armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, es ist himmlisch groß und soll im Vereine mit der Liebe ja noch die Welt erlösen; aber in den Köpfen und Händen unerfahrener, verführter, leidenschaftlicher Menschen wird es so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz. Der Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist es, sein Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie niederträchtig ist der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe und wie gefährlich das aufgehetzte Nationalgefühl! Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln. Sonst hieß es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk; in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, im Parlament wird's besiegelt.«
»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, »doch vergessen Sie nur auch in langen Winternächten nicht, daß auf unserer Erde die Sonne nicht untergeht.«
»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen in diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. Am nächsten Tag, als am Stephanitag, wissen sie schon anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers rufen sie die Gläubigen zum unversöhnlichen Kampf gegen alle Andersglaubenden.«
»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, »Sie sind krank, Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie Hunger hätten. Nur Geduld! Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, das Sie in solcher Stimmung nie werden schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings zu erhöhen. --«
»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger Ablöhnung meiner sicher wären.«
Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem Fingernagel die Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser rein, die auf seiner Stirne angelaufen waren.
»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. »Sie müssen etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht sollten Sie heiraten.«
Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den alten Herrn verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher Kopf, den er hatte, dieser Doktor. In seiner Haltung, in seiner losen Haarfrisur, in seinem kecken Schnurrbärtchen lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge war schwermütig. So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, sondern auch etwas zu sagen wissen -- und zu sagen haben. Die Zeitung, der er gegenwärtig diente, war aber eine von denen, die fortwährend schwätzen, damit sie nichts sagen müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis und darum hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.
»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest nicht liebe, nicht empfinde -- weil mir dazu das wichtigste Ingrediens fehlt -- die Familie!«
»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend.
»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der Doktor.
»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.
»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen. Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte, da haben Sie einen Konflikt, --«
»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten, lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben. Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein Inhalt ist -- wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben werde. -- Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still, aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte, und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr verdorben, +weil sie mich nicht beschenken+ konnte. Und das ist der Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben ignoriert.« So der Doktor.
»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste Herz in lauter Egoismus auf. -- Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des Mannes, um ihn zu beschenken.«
»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.
»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden. Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit Leben und Spannung in die Sache.«
»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude machen konnte. Nichts sonst. -- Das wirkt.«
»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!« sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen, schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«