Part 8
Ihm gesteh --? Es ist unmöglich! Unmöglich!
9. Oktober.
Seine Studenten lieben ihn auch. Sie haben ihm gestern zu seinem Geburtstage einen Fackelzug gebracht.
»Der gilt dir!« jubelte er mir heimlich zu, »es ist ja der erste, den sie mir bringen.«
Zum Fenster rief er hinab: »Ihr jungen Freunde! Mein Leben ist licht geworden. Opfert den Göttern, daß ich demütig bleibe!«
»Ludwig,« sagte ich später zu ihm, da wir allein waren, »Philosophen pflegen sonst dem Glücke nicht sehr zu trauen. Ich kann nicht so zuversichtlich sein.«
Nach einer Weile habe ich beigesetzt: »Du hast nur einen einzigen Fehler, lieber Mann. Daß du so gar nicht eifersüchtig bist.«
»Diese Bemerkung,« sagte er darauf, »beweist, daß ich ganz recht habe, es nicht zu sein.«
Ich las einmal, daß es Frauen gibt, die ihre Männer nicht allein mit Eifersucht quälen, nicht allein hintergehen, sondern sie auch eifersüchtig haben wollen. Bei Gott, von diesen bin ich doch keine. Wie könnte ich glücklich sein, über sein Vertrauen!
12. Oktober.
Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von meinen Fenstern aus die schönen Alleen des Glacis und den Schloßberg. Die herbstlichen Schattierungen der Bäume sind gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe und seinen Gesprächen lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für allerlei, das mir sonst gleichgültig gewesen ist. Wie könnte ich es genießen!
Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen Pakt geschlossen, daß der Mann jeden Lärm möglichst hintanhalte und wie ein Engel mit flammendem Schwerte unser Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht, wie nahe die Zeit ist.
Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können, als ich es tue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an sie habe ich in das Stadthaus mitgenommen, hier damit ein Zimmer eingerichtet, das wie meine Hauskapelle ist. Wenn mir gar zu schwer wird um's Herz und ich trotz des geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß, wem ich meine Angst und Not klagen soll, gehe ich in das Zimmer der Verstorbenen und weine mich aus.
Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin gerufen worden ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen gestickt mit Freuden -- sie hätte gerne gelebt mit diesem Mann.
Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber wundern. Ich kann nicht, ich habe es versucht -- es ist, als stickte und webte ich an der Sünde weiter.
Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da ich doch weiß, es könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden?
Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur nicht so unsäglich gut wäre!
25. Dezember.
Das war ein trauriger Christabend.
Ludwig überschüttete mich mit Gaben, mich und das Kind, als ob es schon da wäre und spielen und jubeln könne. Und er saß in der dunklen Ecke des Zimmers und sagte kein Wort, sondern verdeckte sein Gesicht mit den Händen. Ich wußte nicht, was es war, und der Christbaum gab einen Schein, wie die Lichter an einer Bahre.
Ich wagte nicht, ihn zu fragen nach seinem plötzlichen Kummer, denn ich glaubte, daß er nun alles wisse. Aber es war doch was anderes, denn endlich stand er auf, trat zu mir heran, die ich allein am Tische des Baumes gesessen war, und küßte mich so herzlich und treu, daß es nicht zu beschreiben ist.
28. Dezember.
Er ist nicht, wie er sonst war.
Er ist liebreich und gütig gegen mich wie immer, aber er ist nicht so heiter. Er ist zerstreut, ist viel an seinem Arbeitstische, arbeitet aber nicht, sondern schaut mit aufgestütztem Haupte nur so vor sich hin.
Er muß einen Kummer haben. Hundertmal wollte ich ihn schon fragen, was es sei, aber ich kann nicht, ich vermag's nicht, ich weiß nicht warum. Wüßte er etwas, wie könnte er so herzlich mit mir sein, es wäre ja nicht möglich.
30. Dezember.
Er ahnt doch etwas. Heute sprach er davon, daß es Zeit sein dürfte, das Wochenzimmer zu bereiten.
1. Januar 18**
Er ahnt nichts. Wir haben in der Nacht die zwölfte Stunde wachend erwartet.
»Ich segne dich, du vergangenes Jahr,« sagte er, »du hast mir mein Menschentum verzweifacht. Und ich segne dich, du kommendes Jahr, du wirst es verdreifachen.«
Er ist wieder heiter und voll Zuversicht.
5. Januar.
Ich wüßte keine andere Pein, die so höllisch sein könnte, als die meinige ist. Den Menschen, den man über alles liebt, dem man alles verdankt, ohne den man nicht mehr leben könnte, mit jedem Tage neuerdings täuschen und betrügen zu müssen.
Ihm gestehen? Nein, nein, eher soll er mich im Sarge sehen.
O unseliges Kind! Wie ich dich hasse, jetzt schon. Das einzige, was die Mutterliebe für dich tun kann, daß sie betet, du mögest das Tageslicht nimmer erblicken. Erscheinst du mir tot, ach, wie werde ich dich lieben und dankbar küssen und jubelnd begraben! O, Mutter Maria, ich rufe dich an! Mein Herz ist zum Zerspringen so schwer. Wenn ich dieses Büchlein nicht hätte! Alles in mich könnte ich nicht verschließen.
13. Januar.
Der Gedanke verläßt mich nicht, o Gott! Es wäre ja zu unser aller Besten. Mein Fehltritt gebüßt, kein fremdes Wesen zwischen uns. In der Ehe Harmonie und Frieden nach Gottes Willen. Wie kann etwas, das so zum Guten führt, ein Verbrechen sein?
Wenn ich nur mit ihm darüber sprechen könnte, wie über ein Fremdes, so daß ich seine Meinung wüßte für solchen Fall. Einmal hat er gesagt: Den Gott am meisten liebet, den nimmt er als Kind zu sich.
17. Januar.
So bin ich vor mir selbst nicht mehr sicher. Heute morgens fragte mich Ludwig, woher ich denn plötzlich das Tigerherz genommen? Ich hätte in der Nacht vom Erwürgen gesprochen.
Er mußte merken, wie ich erschrak, denn er sagte sogleich: »Wenn die Frauen so schlimm wären, als ihre Träume -- besonders in solcher Zeit! Der Traum ist das Ventil, durch das sich die Laster der tugendhaften Frau austoben.«
Gott wolle, es wäre so!
25. Januar.
Es ist merkwürdig, wie ich seine erste Frau, die ich anfangs als meine größte Feindin betrachtet habe, nun ganz zu meiner Vertrauten mache. Wie sehr sie ihn geliebt hat, er spricht auch nicht ein Wort darüber, aber tausend Spuren geben davon noch Zeugnis.
O weise mich, seliger Geist, wie ich dich ihm würdig ersetzen kann!
10. Februar.
Heute bin ich das erstemal aus dem Bette. Im Nebenzimmer schläft es.
Ludwig war über die Frühgeburt nicht besonders überrascht. Es ist auch gar zu klein.
Wenn er vom Kollegium nach Hause kommt, setzt er sich an's Bettlein und schaut es an. Ich habe immer gehört, es spreche das Blut, das muß doch nicht so sein. Er liebt es.
Wenn ich jetzt denke an meine Gedanken! Solches nur denken zu können!
Das Kind ist so arm, daß ich weinen muß, sooft ich es anblicke. Ich soll ruhen und schlafen, ich kann nicht, ich denke an das Kind immer und immer. Liebe ich es? Das wäre Untreue gegen den, der mir in meinen schweren Stunden wieder bewiesen hat, daß er mir alles ist, daß ich ihm alles bin. Er weinte und lachte, als es geboren war.
-- -- Sieben Monate! Wäre das nicht möglich? Wenn der Junimond nicht ausgeblieben wäre!
Er kommt.
12. Februar.
Und so soll es nun fortgehen? Das Geheimnis soll bleiben und ich soll ihn betrügen bis ans Lebensende?
Das sei nicht. Das sei nimmer.
Gut kann es sich nicht lösen -- aber es löst sich, ich weiß einen Ausweg. Da das Kind nicht hier bleiben darf und ich ohne es nicht sein kann, so muß ich mit ihm fort. Nach Wien, zur Schwester meiner Mutter. Von der Ferne werde ich ihm alles schreiben und die Form finden, die ihm am wenigsten weh tut. Ludwig ist nicht allein im Hörsaal Philosoph, er wird sich zurechtfinden. Hat er den Verlust des +treuen+ Weibes ertragen können, so wird ihn der des falschen nicht zu Boden drücken. Habe ich sein Andenken an die erste Frau unterbrochen, so wird es nach meiner Flucht -- es soll nichts von mir zurückbleiben -- wieder erwachen und er wird nicht verlassen sein.
20. Februar.
Ein Schreiben wollt' ich ihm zurücklassen, daß ich ihn bis zu meinem Tode lieben werde, daß ich von ihm gehe, weil ich seiner nicht wert wäre.
Ich darf es nicht, ich darf diesen Brief, in den ich mein Leid gelegt habe, nicht an ihn gelangen lassen, das würde den Schmerz nur steigern. Ich will ohne alles, so wie eine Undankbare, eine Unwürdige geht, so will ich davongehen.
Seine Verachtung gegen mich soll ihn retten und mich strafen, wie ich es verdiene. O mein Gott!
3. März.
Ludwig ist mit einer kleinen Gesellschaft von Historikern auf einige Tage nach Cilli und Pettau gegangen, um dortige Römerdenkmale zu besichtigen.
Er war sehr munter und sagte zu mir beim Abschied, ich sollte ihm nur recht den kleinen Ludwig hüten.
Ich will nicht d'ran denken, will stark bleiben, ich habe viel zu vollbringen.
Bei dem Packen sehe ich erst, wie wenig ich in dieses Haus gebracht habe, und wie viel von ihm empfangen.
Der Dienerschaft sage ich, es sei verabredet, daß ich der Luftveränderung wegen auf einige Wochen nach Wien gehen werde.
Also heute nachmittags vier Uhr in Gottesnamen!
6. März.
Nun ist es so gekommen!
Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe ich es nur, ich sage ihm ja alles und darf es sagen, o Glück!
Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen schreibe ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!
Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hätte mich göttlicher nicht strafen, herrlicher nicht demütigen können und erheben zugleich, als er es getan hat. --
Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine Diebin. Der Wagen stand vor dem Tore; über die Aufregung vergaß ich des Schmerzes, der mich schrecklich gequält hatte die Nacht und den ganzen Tag hindurch.
Am Tore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer wegfahre. Dieser deutet auf mich, die ich hastig aus dem Hause trete.
»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.
Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt mich und das Kind zurück in die Wohnung.
»Du wolltest -- mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.«
»Ludwig,« sprach ich und mir wollte der Atem versagen, »laß mich rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will dir dann was sagen.«
Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die Tür ab.
»Daran tust du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die Knie.
Ich habe ihm alles gesagt -- alles.
Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er die meinige hielt, zitterte.
»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt, ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich dir die Qual mildern, vielleicht dadurch, daß ich dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit dem Christabend.«
So viel sprach er, dann stand er auf und ging einige Male das Zimmer auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an jenem Tage auf deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal, da ich etwas suchte, um dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln, einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern helfen soll. Ich pflege nicht indiskret zu sein, aber als ich das Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort deine nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen, denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit deinen Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las alles.«
»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus.
»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt war vor dem Tage, da wir uns die Treue geschworen. Ich entschuldige nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches sie in dein Herz warf.«
»Und das Kind?«
»Ist unser. Ich gestehe dir wohl, es war eine schwere Betrübnis in mir, da mich die Tatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es ist mein Kind, wie es das deine ist, denn in unseren Armen ruht es, durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts anderes wissen. Nicht +der+ Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser machte es zum Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein tierisches Band ist es, das mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst du sehen, daß keines andern, daß +mein+ Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht. Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so teuer erkauft hat, als ich das meine.«
In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann an seiner Brust.
»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit dir zu sprechen, Juliana, deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die Gründe, die dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder dir so geschienen haben. Aber ich hätte von dir so viele Kenntnis meines Wesens und Charakters erwartet, durch die du wissen solltest, daß unter allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntnis das Beste gewesen wäre. Ich habe dieses Bekenntnis von dir fast bestimmt noch vor der Geburt des Kindes erwartet; es hätte dir Beruhigung und Mut gebracht, es hätte dich meinem Herzen womöglich noch näher gebracht, schon durch das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vorteil, verzeihen zu können. Wie, wenn du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem Gewissen, und ohne von mir den Beweis der +wahren+ Liebe, den ich heute erbringen kann, hören zu können! Das alles war nicht, aber verlassen wolltest du mich heimlich, uns drei in ein Elend stürzen, wie ein größeres kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch schmerzlicher, als die erste es war ...«
An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.
Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Träne ...
* * * * *
Als ein letztes Siegel der Reue und der Treue, ja sozusagen als eine Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter -- mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen -- zu veröffentlichen.
Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als erstes, ob die Skrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des Mannes wohl das richtige Verständnis finden werden?
Die Kokette.
Du sprichst von koketten Frauen, junger Freund, wie ein Blinder von der Farbe. Kokett nennst du es, wenn eine Dame durch auffallende Farben, Bewegungen, Blicke die Augen der Männer auf sich zu lenken sucht. Kokett nennst du sie, wenn sie sich ein wenig vordrängt und ein wenig versteckt, wenn sie ein wenig dreist ist und ein wenig erröten kann, wenn sie ein wenig anzieht und ein wenig abstößt und so die Herzen der Männer bearbeitet, bis sie Feuer geben, und wenn der Mann für sie lichterloh entbrennt, sie geneigt ist, die Glut regelrecht zu dämpfen. Das ist ja alles nett und kokett und verläuft auf das Anmutigste.
Ich kenne eine andere Koketterie, mein Junge, und will dir erzählen; willst du keine Lehre daraus ziehen, so magst du dich wenigstens für klüger halten, als ich war -- und das wird dir sicherlich ein großes Vergnügen sein.
Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich mich als Student eine Zeitlang mit Unterrichtgeben in der Stenographie fortgeholfen hätte. Also gewann ich auch durch Vermittlung eines Bekannten wöchentlich zwei Stunden bei einer Dame Stachari. Es war eine blasse, schwarzhaarige und großäugige Dame, die stets in schwarzem Seidenanzuge war und am Busen eine Kamelie oder eine rote Rose stecken hatte. Sie konnte nicht älter als vierundzwanzig Jahre sein, ich wußte nicht, ob sie vermählt war oder ledig; das alte Stubenmädchen erwähnte mehrmals des »Herrn«, den ich aber nie zu Gesichte bekam. Die Wohnung bestand aus drei Zimmern, die sehr luxuriös eingerichtet waren. Zumeist herrschte in ihnen ein künstlich hergestelltes Dunkel und ein betäubender Blumenduft. Die Blumen und ihr Duft, so behauptete sie, seien ihr Licht, ihre Luft, ihre Nahrung, ihre Liebe, ihr Traum, ihre Seligkeit. Was den Männern der Wein, der Tabak, das Opium sei, das wäre ihr die Blume; was den Männern das Spiel, die Gefahr, das Weib sei, das wäre ihr die Blume. Die Blume sei das einzige Wesen auf der Erde, von dem sie nichts Schlimmes erfahren, nicht enttäuscht worden wäre.
Nun hätte ich für mein Leben gern gewußt, was die junge Dame schon für Schicksale gehabt und worin die Enttäuschungen bestanden; natürlich wagte ich nicht zu fragen und sie berührte ihre Vergangenheit, ihre persönlichen Verhältnisse mit keiner Silbe.
Nachmittags von fünf bis sechs Uhr hatten wir den stenographischen Unterricht; ich wußte aber nicht, zu welchem Zwecke sie die Schnellschreibekunst erlernen wollte, einmal nur äußerte sie, solche mache ihr Spaß und sei ein netter Zeitvertreib, während ich immer der Meinung gewesen, die Stenographie sei Zeitersparnis. Indes ging ihr die Sache doch nicht recht von der Hand; mehrmals legte sie schon in der ersten Hälfte der Stunde den Stift weg, lehnte sich in den Sessel zurück und machte den Vorschlag, lieber ein bißchen zu plaudern. Nun wußte ich über nichts eigentlich zu plaudern, als über Gabelsberger, denn ich war ein ganz unerfahrener Mensch, der bisher in Gesellschaft sich stets bescheidener Schweigsamkeit beflissen hatte. In erster Zeit hatte mich sogar die Ansprache verlegen gemacht: ich nannte sie gnädige Frau, sie widersprach nicht, doch ahnte ich bald die Unschicklichkeit dieser würdigen Ansprache, denn die Dame kam mir manchmal sehr jung vor und ich nannte sie endlich »mein Fräulein«. Manchmal schlug sie Heines Buch der Lieder auf, fragte mich, welche Gedichte mir am besten gefielen und las wohl selbst eines oder das andere, wobei sie manchmal seufzte und schwermütig ward.
Als es in den Spätherbst hineinging, wollte uns der Tag nicht mehr leuchten zu unserem Schreibunterrichte, da wurde die Lampe angezündet, die einen roten Schirm aus Seidenpapier hatte, so daß die Schreibeblätter und die Hände und die Wangen einen rosenglühenden Schein gaben. Manchmal zitterte im Schreiben ihre Hand ein wenig und sie bat mich, daß ich sie führe, was aber durchaus nicht nach der Schnellschreiberegel ist. -- Zwei Minuten nach Ablauf der Stunde pflegte ich aufzustehen, mich vor meiner Schülerin zu verneigen und davonzugehen. Bei solchem Fortgehen kam ich mir sehr einfältig vor und ich ärgerte mich nachher, daß ich nicht artiger gewesen war gegen das liebenswürdige Fräulein. Das böse Gewissen ließ mich deswegen oft halbe Nächte lang nicht schlafen und ich nahm mir fest vor, das nächste Mal sachgemäßer zu handeln. Als ich jedoch das nächste Mal wieder neben ihr saß, wieder die stille Lampe brannte, wieder ein Heinesches Gedicht gehaucht wurde, war ich eben gerade wieder so blöde, sehnte mir insgeheim den Verlauf der Stunde herbei und als sie vorüber war, zögerte es doch in mir, ob ich schon gehen oder meine Schülerin noch ein bißchen nachsitzen lassen solle.
Eines Abends im Dezember machte mir das Fräulein die etwas überraschende Mitteilung, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen werde und daher den stenographischen Unterricht leider unterbrechen müsse. Sie händigte mir die Hälfte des ausbedungenen Honorars ein, die andere Hälfte stellte sie mir in Aussicht nach ihrer Rückkehr. Beim Abschiede teilte sie mir errötend mit, daß sie sich von mir eine Gunst ausbitten wolle -- ein Andenken von mir -- eine ganz kleine Haarlocke.
Was sie an einer Haarlocke habe? fragte ich, die Sache ins Scherzhafte ziehend, denn ich mußte mein heftig pochendes Herz verdecken. Sie antwortete, das wisse sie schon und schnitt mir unter unsagbar zarten Berührungen vom Nacken links ein Löcklein ab. Nun wären wir gottlob im richtigen Geleise! dachte ich, tat nichts dafür und nichts dagegen, wartend, daß das Glück mir in den Schoß falle. Das Fräulein stand eine Weile sinnend, endlich flüsterte sie: »Also denn -- es ist bestimmt, in Gottes Rat!« damit steckte sie mir ein halbaufgeblühtes Rosenknösplein in das Knopfloch. Ich drückte ihr die Hand, wünschte eine glückliche Reise und Wiederkehr und taumelte zur Tür hinaus.
Die qualvolle Zeit, die nun für mich kam, ist nicht nachzuempfinden Ich fühlte mich ganz und gar verwaist, mir war, als hätte ich die einzige Schwester -- he, bloß eine Schwester? -- verloren. Täglich mehrmals ging ich durch die Gasse und schaute hinauf zu ihren Fenstern, die mit Holzbalken verschlossen waren wie mitten im Sommer. Um Neujahr waren die Fenster plötzlich wieder offen, ich erschrak wonnig. Aber es waren nicht mehr die dunkelroten Gardinen, es waren weiße Spitzenvorhänge, zwischen denselben schaute ein alter schmauchender Weißkopf hervor.
Also dahin für immer!
Die Rosenknospe hielt ich wie ein Heiligtum und legte sie gepreßt in das Etui, in welchem das Bild meiner verstorbenen Mutter war. Von ihr hatte ich kein Bildnis, um so lebhafter baute und malte die Phantasie an ihrer Gestalt, bis sie die Schönste, die Begehrenswerteste war, die je auf Erden gelebt. Hören ließ sie aber nichts von sich und ich wußte nicht, sollte ich meine Gedanken und Sehnsucht nach Osten aussenden oder nach Westen, um sie zu finden.
Übrigens schleifte mich das Leben fort über Kummer und Freude, über Hoffnung und Enttäuschung; mir blieb dabei nur der Vorteil, daß ich älter und reifer wurde. Nach einem halben Jahre war die verreiste Schülerin glücklich verwunden und nach einem Jahre vergessen.
Frauen aber vergessen nicht so leicht. Als ich im zweiten Jahre auf der Universität war, erhielt ich eines Tages ein Paket zugeschickt. Kein Brief und kein Name war dabei. Das Paket kam aus einem böhmischen Orte, dessen Namen ich nicht zu enträtseln vermochte. Es bestand aus einem Buche mit folgendem Titel: »Die Schule der Liebe. Ein Unterricht für junge Männer und Frauen.« Ein Verlagsort war nicht angegeben, hingegen stand an der Stelle desselben mit Bleistift geschrieben: »Dem unvergeßlichen Lehrer die dankbare Schülerin J. St.«
Anfangs stutzte ich. Wo und wann hätte ich in der Liebe Unterricht erteilt! Endlich verfiel ich doch auf die Stenographenstunden mit Fräulein Stachari. Dieses schöne Buch sollte wohl der Rest des Honorars sein. Jedenfalls habe ich mehr aus ihm gelernt, als das Fräulein aus meinem Schnellschreibeunterricht. Als diese gedruckte Schule der Liebe durchgemacht war, kam es mir unbegreiflich vor, daß irgend ein Mensch blöde sein könne. Lebhafter stieg die Erinnerung an die junge schwarze Dame in mir auf, aber nun in ganz neuer Beleuchtung; ich durchsuchte alle Ecken und Ränder des Buches, jedes Blatt, um etwa ganz klein, vielleicht gar in stenographischer Schrift geschrieben, ihre Adresse zu entdecken. Vergeblich. Sie blieb mir unerreichbar und fern in Dunkel gehüllt. Freilich fehlte es nun nicht mehr an anderweitigen Zerstreuungen, doch tat es mir leid, wenn ich an das Fräulein Stachari dachte.