Part 7
Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht. Zornig schrieb sie an den Jüngling, er sei undankbar, daß er solchergestalt fortlaufen könne. Und in einem fast heftigen Schreiben an das Institut verlangte sie den Theologen. Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus eigenem Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, auf der er bald pflichtvergessen und unglücklich werden müßte. Sie rufe ihn daher zurück und wolle ihn für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. -- Als die Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden? Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, was Gottes ist! -- Das Institut antwortete nicht anders, als daß der Tag bekannt gegeben ward, an dem Konrad seine erste Messe lesen werde. Frau Johanna atmete fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht der Versuchung, und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer Standhaftigkeit wieder zurückzuerobern. -- Es ist vorbei, also beredete sie sich selbst, die Zeit meiner Liebe liegt weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg: dem Himmel zu.
Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, zu der Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage rüstete sich die ganze Gegend, das Dorf und auch das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den alten Dorfpfarrer ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit im Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der alte Herr mit einigem Befremden, sagte ihn aber gerne zu. Am Vorabende des Festes erschien Konrad. Er war im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch tauiger, neben der Tonsur kräuselte sein braunes Haar noch reicher und lockender. Als er hörte, daß seine Wohnung im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am dunkelnden Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna im Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, in ihrer Hand einen frisch geflochtenen Kranz aus weißen Rosen.
»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich muß dich schwer beleidigt haben, daß du mich verstoßen hast!« Er ließ sich vor ihr auf die Knie, und sein Körper bebte.
»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte sich, suchte ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand und drückte die heftig an seinen Mund.
»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, fast zornig. »Du bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn mit beiden Armen an sich, bedeckte seine Stirn, seine Augen, seinen Mund mit Küssen. -- Frau von Martenstein! -- Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter? Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie der Säugling sich festschmiegt an die Mutterbrust ... Aus dem Tale klangen die Kirchenglocken, da tauchte Frau Johanna ihn mit beiden Armen von sich, und ehrfurchtgebietend wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein Auge. Sie wimmerte unter der Last des einsamen, freudlosen Lebens, sie wollte beten um Kraft, um Entsagung, aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!
Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem Ornat, am reichgeschmückten Altare stand, auf dem Haupte eine Krone aus Rosen, umgeben, bedient von einer Priesterschaar, umklungen, umjubelt von Musik, wie ein Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt dankte sie Gott, daß +rein+ das Opfer am Altare stand. Konrad war anzusehen wie eine aufrechtstehende Leiche, so fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine Bewegung, so erloschen sein Auge.
Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein gefaßt, beinahe heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, als wären sie zu Marmor geworden seit zwei Tagen. Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr, ernst und still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus stand.
Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer Siegesfreudigkeit. Als alles vorüber war, und wieder der Alltag herrschte auf Martenstein, als sie sich vorstellte, daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben müsse, daß nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische Pein. Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, wie Vorwurf -- Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte sie den Knaben aus der Armut gerissen, um ihn ins Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht geboren ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben von handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht besser als ein Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie liebesdurstig er ist! Etwas, das nicht ihr Eigentum war, hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil ihres Seelenfriedens zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam hat sie der Kirche überantwortet, einer Braut, die den Gespons zur himmlichen Seligkeit erhebt oder schon auf Erden verdammt macht. -- So deutlich hatte Frau Johanna noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.
Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann ihren Irrtum noch gutmachen, ihm noch Genugtuung geben ... Das wäre die Stimme des Gewissens, meinte sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, und Lieb' läßt sich nicht lumpen.
Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder einmal den alten Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, ob das landwirtschaftliche Erträgnis des Jahres auf seinen Feldern wohl für die Bedürfnisse reiche, oder ob sie ihm mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte, was er habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf brachte die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag zu Tag älter, es falle ihr manchmal beschwerlich, zur Pfarrkirche herabzusteigen, besonders zur Winterszeit. Also beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder instand setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin die vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die heilige Messe im Schlosse lesen lassen.
»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.
»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete Frau Johanna.
»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende Frau, nicht herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, der ziemlich in den Achtzigern stehende Mann, täglich zu Euch hinaufsteigen, um die Messe zu lesen?« fragte der Greis.
»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete die Frau von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst einen Schloßkaplan halten. Und in dieser Angelegenheit wollte ich um Eurer Hochwürden Vermittelung gebeten haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel ich weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir ohnehin in verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«
Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, warum habt Ihr es nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem jungen Manne zusammenleben wollet? Jetzt ist es zu spät, er hat die Weihen des katholischen Priesters, und Ihr wisset, was das heißt.«
Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb erraten sah; zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht wegen solcher »die gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, machte eine schlaue Schwenkung und sagte, es müsse ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr nur eingefallen, sie wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden, damit böse Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die Neigung nicht ganz verborgen geblieben, die in dem jungen Priester für seine Gönnerin keimte; und gerade seine plötzliche Kälte und Versunkenheit machte ihn nachdenklich. Der alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu verhüten, schrieb an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung aus, daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, bei seiner weltmännischen Befähigung und der unternehmenden Tätigkeit desselben geraten sein dürfte, den jungen Priester nicht in eine ruhige Seelsorge seiner Heimatsgegend zu setzen, sondern diese schätzbaren Eigenschaften vielmehr auszunützen etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern. Mehr sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.
Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und Wege gesonnen, Konrad wenigstens als Leutepriester auf eine der Pfarreien zu bekommen, über welche sie vermöge alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war ihr unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern sein sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme rief: Johanna, wozu verlangst du dir den jungen Priester? Zum Beichten oder zum Sündigen? -- Noch im Halbschlaf rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!
Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs Monate verflossen, da erhielt Frau Johanna ein Schreiben folgenden Inhaltes:
»Teure Mutter!
Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, daß Menschen, die sich allzulieb haben, weit auseinander müssen. Du kannst Dich verstellen, wie Du willst, ich weiß, daß Du mich liebst. Aber wir sehen uns nicht mehr auf dieser Welt. Über mich ist beschlossen worden, daß ich nach Ostindien reisen muß als Missionär. Heiden bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich bin kein Mensch mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist alles aus, in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem Orientzuge ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es mit mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb' und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht in jenem.
Konrad.«
Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr gar nicht so zumute, als müsse sie verzweifeln oder verzichten. Im Gegenteil, sie fühlte plötzlich eine bisher ungekannte Kraft und Kampflust in sich. Der Brief war voll blutigen Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin kein Mensch mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß es ihm wieder geben? -- Durch des Weibes Gehirn wogten frische Pläne. -- Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! Alle Dazwischenkunft in der Stadt ist zu spät. Doch zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden? nicht durch die Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von Martenstein entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, einsamer Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, um Wasser zu schöpfen? -- Die Frau war entschlossen.
Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem ausgebrannten Vulkan. O, wie hatte es getobt, geloht! -- jetzt war es still. Man sagte ihm, er gehe in einen fremden Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von seinen Genossen waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die Ungläubigen bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut verließen sie die Heimat. Konrad saß einsam an einem Fenster des bereits hinrollenden Zuges und war vertieft in sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an nichts dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen, der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte er müde hinaus auf die Landschaft, und wie Wälder und Wiesen, Berge und Täler versanken von diesem schönen Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht, wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist ohnmächtig geworden. -- Der Zug rollte über Heiden, rollte in einer Felswildnis, durch eine Waldschlucht. Nun stand er still. Auf dem Bahnhof brannten zuckend ein paar Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus, niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich schreckte Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen rufen gehört. Dort an der Wand stand eine schwarze Gestalt, die rief laut, wenn in dem Zuge ein hochwürdiger Herr namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick ins Freie kommen.
Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg aus. Die schwarze Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte ihn heftig in den Hintergrund durch das Tor, stieß ihn in einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug zu, und die Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.
Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an Seite der Frau Johanna von Martenstein saß.
»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich so im Wagen heim.«
»Ich bin verloren,« hauchte Konrad.
Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den Nüstern der Pferde stoben Flammen, fast so war es bei den grelleuchtenden Blitzen zu sehen.
»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad.
»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre Arme ungeduldig in die Luft hinausstoßend: da flogen die Felsen, die Bäume, die fahlen Strünke vorüber wie Nebelgebilde im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher und stach mit den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender Blitz, ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang von einem Steine geschnellt der Wagen empor, der Kutscher war hingeschleudert, und die Pferde rasten entfesselt dahin.
»Sterben!« sagte Konrad.
»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte toste leitlos, weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen Tiefe gelbe Nebel wallten. Bei dem roten Scheine einer in den Himmel emporwabernden Fichte sahen sie das Verderben, dem sie nahten.
»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna.
»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den Bock, erfaßte den Leitriemen und riß mit übermenschlicher Kraft die Rosse zurück. Diese standen.
Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht lag, sagte Frau Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht, daß ich dich hole, du bist ein Mann.«
Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz wieder zu besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen.
Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in den Burghof von Martenstein gerollt war, als Konrad in seinem wohlbekannten, trauten Zimmer saß, belehrte ihn die glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch eine Wendung sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch, daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter Vulkan.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau Johanna von Martenstein in ihre Gemächer wankte, dort in die Kissen sank und weinte. -- Also mußte es geschehen! Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht von dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt: Weihe ihn dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn hingegeben. Und nun, als er dem Herrn geweiht war, raubte sie ihn aus seinem Tempel. Was einst ein Vergehen gewesen wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde. -- Was soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden? Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft.
Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna von Martenstein vor den jungen Mann und sagte: »Konrad, wir haben unser Geschick beschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen. -- Vor einiger Zeit hat jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl, ich verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens. Du solltest nach dem Osten, nun gehe mit mir nach dem Westen. In einer vorurteilsloseren Welt wollen wir unser Haus gründen. Ist es dir also recht?«
»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad.
»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie.
Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter Blick. Ein ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust war in dem Wesen des jungen Mannes, dem die Frau in der Vollreife des Lebens sich gern unterwarf für alle ihre Zukunft.
Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem großen Ozeandampfer »Poseidon«.
Aus dem Tagebuch einer Ehefrau.
Graz, am 7. April 18**
Ich heirate ihn. Meiner Mama zu Trotz heirate ich ihn. Cousin Karl lacht mich aus und Mama sagt, am Ende nähme mich auch der nicht, ich bekäme gar keinen. Karl sagt, ich bekäme jeden. Mama ärgert sich, daß er Professor der Philosophie ist, ja sogar -- wenn er seinen Titel zeigen wollte, aber er will das nicht -- Ritter von! Das macht alle ihre Prophezeiungen von meiner Taugenichtsigkeit zuschanden und ich will in der schönen Villa am Rosenberge die Hausfrau sein.
Er ist genau zweimal so alt als Karl, ich habe ihn auch zweimal so lieb. Lieben muß eine brave Frau ihren Mann, das weiß ich schon, und ich will eine brave Frau werden, gerade der Stiefmutter zu Trotz, weil sie immer sagt, sie beweine den Mann, der mich nimmt.
Sie mag's tun und er soll sie belachen, das will ich.
10. April.
Heute war die Verlobung. Mama hat wirklich dabei geweint, aber vor Freuden und über mein Glück, wie sie laut sagte. Es ist auch eins. Ich weiß gar nicht wie mir ist, so als ob ich in den Lüften schwebte, und alles beweist mir Ehrerbietung, und die ganze Welt, so ist mir, wendet sich ringsum auf mich her und alle Bäume, alle Sträucher, an denen wir beim Nachhausegehen vorbeikamen, flüsterten einander zu: Sie ist Braut.
Ich werde es aber nicht lange sein. Mama behauptet, ich zähle im Traume schon die Tage, bis ich einen Mann hätte. Mein Onkel sagte mir scherzend: »Bleibe so lange Braut als möglich, heirate sobald als möglich. Der Ehestand ist am schönsten von vorne, der Brautstand von hinten.« -- So etwas Unverständiges kann nur der gute Onkel sagen.
Gottlob, daß ich Braut bin!
30. April.
Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur ein Wort zu schreiben.
Heute will ich's denn, ich kann das Geheimnis nicht in mir verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja dann verbrennen.
Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte, daß er in meinem künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen lasse gegen Mariatrost hin, weil er weiß, daß mir dieser Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und dem Cousin Karl sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie hätte ich denken können, daß es einmal mein sein sollte!
Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte gestern meinen Bräutigam überraschen. Er war aber nicht zu Hause, er hatte Vorlesung auf der Universität. Ich fand die weißbeklecksten Maurer, die dummen Tapezierer, die auf ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten. Ich wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ es bald. In der Panoramagasse begegnete mir der Cousin. Ganz zufällig war er spazieren gegangen gegen Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu begleiten. Ich ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder weg.
Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zumute und ich sagte, wir wollten doch hineingehen und die Mutter Maria grüßen.
Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie hätte ihm aber niemals gedankt. Er sei arm, verlassen, von niemandem geliebt. Ich bat ihn, daß er nicht so reden möge, und vielleicht, daß ihm die Mutter Maria heute danke. Ich sagte das, weil er mir leid tat und weil ich einen Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich immer ein großes Vertrauen hatte zu Mariagrün.
Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den Wald hinauf. Er wollte noch nicht sprechen und als ich ihn von der Seite heimlich anblicke, sehe ich, daß sein Auge voll Wasser steht. Mir wollte das Erbarmen mein Herz zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort einfiel, ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre, dachte ich, unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen, daß alles lacht.
Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt mich so heftig, daß ich vor Schreck ohnmächtig werden mußte ...
Wir sind spät nach Hause gegangen.
Jedes allein.
30. Juni.
Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche, einfach und würdig. Ich hätte aber vermutet, es würden mehr Leute in der Kirche anwesend sein. Mir sei beim Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich gesagt, aber geheim wäre mir doch um Zuschauer zu tun gewesen. Mama war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir nicht träumen lassen, daß mir der Abschied von ihr so schmerzlich fallen würde.
Als mich mein Mann -- ach, mein Mann! -- durch unsere neue Wohnung führte, war mir sehr bange und wußte ich nicht, was ich sagen sollte, um meine Beklemmung zu erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren Drang, als müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh täte. So sagte ich, daß ich nur eines fürchte in diesem Haus: Die Gegenwart seiner verstorbenen Frau. Ich sei maßlos eifersüchtig.
Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau sei es, als der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß dazu. Dann gab er mir den Schlüssel zu einem kleinen Zimmer und sagte, das Zimmer sollte mein Brautgeschenk sein, +mein+ ganz allein, er wolle es nimmer betreten und nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei.
Während er mit dem Hausmeister sprach über das, was bei unserer Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das Zimmer, denn ich war sehr begierig auf die Brautgabe. Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände von der ersten Frau, von ihrem Ölbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettenkasten, die kleine Wiege mit dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden ist. -- Das alles! Und es war mein Eigentum, ich konnte es vernichten.
Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner gütigen Weise, warum ich weine?
»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte ich fragen.
Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte, von wem ich spreche, aber er sagte nur: »Seit du lebst, Juliana, ist sie nicht. Du wirst gesehen haben, wie alles schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist ihr Sterbejahr gewesen.«
Nun sitze ich im Zimmer des Hotels. Mein Mann erkundigt sich beim Portier nach dem morgigen Wagen auf den Bahnhof. Ich solle mich um gar nichts kümmern, ich soll nur die schöne Welt genießen.
Wenn nur schon morgen wäre!
16. Juli.
Wir sind von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Es waren herrliche Tage. Ich habe mich während derselben in meinen Mann verliebt. Das ist ein goldener Mann und kann scherzen wie ein zwanzigjähriger Student.
»Ei geh', Ludwig!« verwies ich ihn einmal neckend, »ein Professor der Philosophie und so übermütig!«
Was ich mir unter Philosophie denn eigentlich vorstellte, war seine Frage, wenn nicht die Lehre vom heiteren Genuß der lieben Welt?
Ich könnte damit einverstanden sein -- aber für mein Unglück gibt es keine Philosophie.
1. August.
Keine Fürstin kann's so haben als ich. Draußen die paradiesische Landschaft mit der schönen Stadt im Tale. Im Hause die frohe Umgebung, in meinem Gemach der stille Frieden -- in mir die Pein.
Wie Wochen sind mir die Stunden, da Ludwig nicht bei mir ist, und wie zittere ich, wenn er bei mir ist! Er ist jetzt in den Ferien Bauer, Gärtner und Jäger und immer munter, immer gut und liebevoll. Gar nie tritt er ins Zimmer, ohne mir eine Blume, eine Knospe mitzubringen, er ziert damit mein Haar, meinen Busen, tritt dann zwei Schritte zurück und schaut fröhlich her, wie es mir passe. Gestern abends, da wir beisammen im Garten standen vor einem Strauche junger Herbstrosen, nahm er mich an beiden Händen, schaute mir mit feuchtem, leuchtendem Auge ins Gesicht und sagte: »Juliana, ich danke dir! Ich danke dir, daß du mein bist!«
Einen Stich gab's mir im Herzen, ich wankte ins Haus.
Ich liebe ihn! Ich liebe ihn so heiß, daß ich den Frevel nicht begreifen kann, wie ich einst sagte: bloß Mama zum Trotz.
4. August.
Es wird nicht anders. Es ist fürchterlich!
11. September.
Heute ging Karl vorbei und blickte zu meinem Fenster herauf. Kaum konnte ich mich noch verbergen, daß er mich nicht sah. Ich weiß nicht, was größer ist, mein Haß gegen ihn oder meine Verachtung gegen mich.
30. September.
Heute fand Ludwig, daß die Haustreppe für mich zu steil sei und will sie flacher legen lassen. Ich beschwor ihn, daß es nicht der Fall ist. Zum mindesten belegt er sie mit Teppichen, daß es meine Füße recht sanft haben sollen.
Wie er strahlt vor Glück, wenn er mir etwas Liebes erweisen kann! Mein ganzer Tag, meine ganze Existenz ist lautere Liebe von ihm.
Mama kommt mit ihren Ratschlägen, die mir zuwider sind, ich will nur ihn hören -- und daß ich's tue, zu tun vermag, ist eine Schmach für mich.