Part 6
»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es wird auch anhalten. Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, daß unten an der Luserbrücke der Verkehr unterbrochen sei,« sagte der Fürst beklommenen Atems und setzte gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber noch nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten, dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron dem Zufalle außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so liebe Gäste in den Schoß werfe -- konnte dazugedacht werden.
Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs Andeutungen vernommen hätte, als wäre an der Luserbrücke etwas nicht richtig. So als ob sich dort allerlei Gesindel zusammenrotte.
»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage freizumachen,« fiel der Fürst ein.
»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige Einladung annehmen,« entschied die Prinzessin, »denn über eine schadhafte Brücke fahre ich nicht, niemals!«
Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, die Wägen fuhren langsam hintendrein und das Gefolge kam zu Fuße nach. --
Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt die richtige Begeisterung gekommen. Man hatte für den Krieg auch schon einen Namen. Mädeljäger-Krieg! Ging er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst kamen sie herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie das Feuer seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand rasch den nötigen Schwung. Früher hatte man nie viel davon gehört, und jetzt wußte jeder zu sagen vom gefährlichen Mädeljäger, von bedrohten Weibern und eroberten Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei! In äußerste Erregung geriet der Fischer Winard, denn jemand hatte erzählt, daß man in der Nacht den Zimmermann Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet habe -- in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen das Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte sie dem Wüstling zu. Darum also die ganze Tischlerei im Fürstenhause! -- Der Winard brachte stockend kaum die Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt heut' bei der Nacht das Schloß stürmen.«
Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, der ein junges Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. Es war die große, gemeinsame Sache. --
Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster des Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. War Seine Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt gewesen auf diesem gar so schlichten, stillen Landsitz, Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester, gefiel es gar wohl. Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein trauliches Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und nicht Greis, er war ein stattlicher Mann von angenehmstem Wesen. Ihre Hoheit war in einer sehr getragenen Stimmung, es war nicht Lust und es war nicht Weh, es war so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen Stunde die Hunderte von Fackeln heranloderten über die Matten, lärmend, knallend und jauchzend, da waren die Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die Ovation, die ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht werde. Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer zu kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, sich von den Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten in solchen Dingen kein Maß und Ziel, sie wären manchmal ein wenig zu unbefangen für ein Damenohr, er würde dann selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es gesagt hatte, war draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene Einfahrtstor sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen Baumstamm.
»Ein Überfall?« rief der König.
»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's +mir+ gilt, gut!« Er eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm nach, fiel ihm in den Arm und kreischte in höchster Angst: »Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«
»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom Lindenbaum her eine Stimme.
»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen, der wie Wildwasser in den Hof flutete.
»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der Befehl des Fischerjungen.
»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren Seiten, »lebendiger ist der Vogel mehr wert als wie toter! Aber in den Käfig mit ihm! Für Hühnervolk ist ein einköpfiger Geier schon gefährlich, wie erst ein dreiköpfiger!«
Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da wurden schon Leitern herbeigeschleppt, um zu den Fenstern hineinzusteigen. Roter Rauch wirbelte von den brüllenden Lunten empor an die Wände und übers Dachwerk. Zwei Männer taten einen großen Sack auseinander, um den Mädeljäger, wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der Winard hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen hervorziehen lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter haben! Mit zwei fürstlichen Rößlein will er die böse Hedwig in seine Hütte führen. Das Gejohle rings ums Schloß war so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem Söller vergeblich rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder die Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage sein altes Haupt willig herab.
»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das Jammern des Alten. Etliche Männer hieben mit Äxten den Brunnenständer um und rollten den Trog über, daß das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem Sande dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß es schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er selbst stand am Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein. Er wollte sprechen, das wurde bemerkt und dumpfer ward der Lärm. Der Fürst bog sich heraus, er hatte wieder seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend aneinander.
»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde es still.
Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen: »Ich bin erschüttert von der Kundgebung, ich bin hocherfreut von dem neuen Beweise euerer Liebe und Anhänglichkeit, mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das größte Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet ihr diese großartige Huldigung nicht anbringen können, als heute, an diesem Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke auch das menschliche Herzensglück gefunden habe. Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer Liebe nicht ehren zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige Herrscherin vorstelle ...«
»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn.
Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm ein Weib.
»Die Hedwig?«
»Ist sie's?«
»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«
Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das ist meine Braut, Ihre königliche Hoheit, die Prinzessin Aglaia von Bramburg!« --
Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen worden in diesem Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren in die Wirtshäuser des Reiches. Hatten die Leute zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen geschah, so schlug der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit um. Sie hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon vorüber, doch noch immer nicht Matthäi am letzten war! Wer soll da nicht als warmer Patriot eins trinken über den Durst? -- Als der nächste Morgen tagte, gab es um das Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das bräutliche Paar.
»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte der Fürst und legte die zarte Hand der Braut zwischen die seinen. »Gestern um diese Morgenstunde haben wir einander noch nicht persönlich gekannt -- und heute --!«
»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief sie hochbeseelt, »ich habe deiner immer gedacht, mein Herz hat dich immer gesehen, dich, wie du bist, da ich längst noch nicht wußte, daß es einen Fürsten Othmar gibt. Ich wäre achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen Mann zu sehen als dich. Und du?«
Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete er bloß: »Meine Empfindung läßt sich gar nicht schildern.« --
Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er seine Hedwig nicht mit fürstlichen Rössern in sein Haus führen konnte, das wurmte ihn kläglich. Und doch war er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu haben. Wo aber war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem Almhirten begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten im Hochgebirge dem krummen Zimmermann mit einem jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen das Welsche hinüber hätten sie die Richtung genommen. -- So sauber! Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den Krieg erklären.
Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht ungelegen, daheim drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und drüben am Waldrande stand aus alten Zeiten her noch immer so etwas, wie ein aufrecht ragender Holzblock mit einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs plünderte er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. Am ersten Abend sprach er unterwegs in einer Sennhütte zu. Anfangs unterhielt er die Sennin mit einem behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur hängend munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang und sich dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. Dieses possierlichen Anblickes wegen tischte die Sennin eine Schüssel Milch auf. Dann langte der Bursch aus der Hosentasche ein kleines Schildkrötlein hervor und ließ es über den Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte gegen sie hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, der solche Ungeheuer mit sich führte, buk sie ihm auch noch einen Eierkuchen. Nachdem dieser mit Wohlbehagen verzehrt worden war, gestand er der Sennin, noch etwas bei sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange ringelte. »Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die Sennin kreischte vor Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein tut ja nichts, es ist bloß eine junge Viper.« Die Sennin hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und Schweinen abgegeben, als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch noch Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. Erst am nächsten Morgen fragte er, ob sie nicht einen alten krummen Mann mit einem jungen Mädel hätte des Weges gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.
Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange totgebissen. So warf der Bursche auch die Schildkröte ins Heu, und leichten Mutes zog er weiter gen Welschland. Am zweiten Tage sprach er in einer Kohlenbrennerhütte zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von der Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib artig zum Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die Köhlerin ihm zu berichten, der krumme Alte mit dem jungen Mädel sei erst gestern gesehen worden und sitze unten in der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. Nur war es nicht der Zimmermann Reimar und seine Enkelin Hedwig, sondern ein welscher Scherenschleifer mit seinem Kinde.
Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie einen ihrer Irrtümer eingestehen und nie umkehren wollen. Diesmal aber war die Überzeugung, daß er auf dem Irrwege ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er sich noch immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, bis er über einen Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken fiel. Ein paar Tage später war er doch wieder im Gebirge, und da hörte er plötzlich von einem Hirten das Wort ausrufen: »Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«
Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War nicht der Fürst so genannt worden? Wahrhaftig -- dachte sich der Bursche -- das stimmt auch bei mir! Bei mir vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer Woche! Ihr und so weiter. -- Jetzt fing er sachte an, sich zu schämen. Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, mißmutig bei einer Pechbrennerklause kehrte er zu, einen Löffel warmer Suppe erbittend. In der Klause saß der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese Wiege, so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. »Wo ist die Hedwig?« schnob er.
Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem Knie ruhen und antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. Ihr habt gerauft um sie, so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich hab' das Mädel gut versteckt, du findest es nicht. Der gnädige Herr auch nicht.«
»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte Prinzessin. Und ich muß die Hedwig haben!«
»+Mußt+ sie haben? Na, dann ist's was anderes. -- Mädel!« rief er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie war gerade bei den Pechersleuten unter dem Baume. Blieb aber nicht kleben an dem Baumstamm, der von Holz war, sprang dem Burschen an den Hals, der von Fleisch und Blut war.
Jetzt ist die Geschichte aus. -- Wie? Die Wiege geht euch noch im Kopfe um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. -- Aber sollen sie denn hocken bleiben beim Pecherpaar in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst Othmar der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war nur einer vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard jubelnd begrüßt, als er mit seiner Hedwig zurückkehrte ins heimatliche Fürstentum.
Lieb' läßt sich nicht lumpen.
Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden sich zwei Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden erregten. Eine anmutige, etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner junger Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten sie kaum sein, dafür war das dunkle Auge, mit welchem die Frau manchmal auf ihn blickte, viel zu unstet, zu gewitterhaft, und dafür war das Wesen des jungen Mannes manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend -- ein zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. Als der »Poseidon« von der deutschen Küste gegen den Westen abgedampft war, hatte die Frau heftig geweint, hatte der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter gelegt, bis sie plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang und ihn küßte. -- Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt? Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? Oder hatten sie sich sonstwie verfahren in der Alten Welt und steuerten nun der Neuen zu, um in ihr einen frischen Lebenslauf zu versuchen? -- Also fragten die Mitreisenden sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort geben konnte.
Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein wohl kaum gedacht an jenem Tage, als sie mit zwei Rappen vom Kirchhofe zurückfuhr -- eine Witwe von einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr sonst lebensfreudiges Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe die Sonne als trübe Ampel hing. Damals war ihr unmöglich zu denken, daß in ihrer schmerzerfüllten Brust jemals noch ein irdisches Begehren wach werden könnte. Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte sie sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun an lauter Gutes zu erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, daß es ihnen nicht so sehr für diese, als vielmehr für jene Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte sich vorgenommen, ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe zu Stufe emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem so früh Verlorenen sie wieder zu begegnen hoffte.
Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst die Glücklichsten ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! War Johanna von Martenstein, das blendend schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze ihrer Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu Oswald von Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, daß sie selbst manchmal schauerte vor der Gewalt dieser Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein ganzes Jahr und drei Tage -- nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes Schießgewehr getötet. O gleißendes Geschick mit deinem »Zufällig!« Da doch das darauf Kommende so folgerichtig ist, berechnet auf ein einsames Menschendasein voll grenzenloser Trauer!
An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe heimfuhr gegen ihr Bergschloß, scheuten im Dorfe vor einem Dörcherkarren die Pferde und traten eines der halbnackt umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das Gespann wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein zu sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten nachfragen, ob es ihnen gehöre, und was sie in diesem Falle verlangten an Vergütung.
Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von Branntwein riechender Mann, kroch aus dem Blachenkobel hervor und erklärte rülpsend, an Vergütung erbäten sie drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als der gute Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur behalten, sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.
Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen Wink des Himmels, den Knaben zu sich zu nehmen, ihn aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen, gottselig zu erziehen, ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also an die Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit der Bedingung aber, daß dieselbe an den Knaben keinerlei Ansprüche mehr mache, ganz als wäre er gestorben und begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile gewonnen. Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der würde gesehen haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. Das Lebendigbegrabenwerden eines solchen Würmleins im vornehmen Herrschaftswagen konnte der sonnengebräunten Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des Blutes und nach einigem Wimmern neben ihr auf blauem Samtkissen schlummerte, ein wenig ihres Geschickes, und sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus diesem armen Kinde eine Ehre Gottes zu machen.
Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine Konrad selbst, der das fahrende Dörcherdach vertauschte um eine feste Ritterburg, deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet hatte in das rote Meer des bürgerlichen Geblütes, also daß der Stromerknabe kein allzu fremder Eindringling war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende bezeichnet, und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter gutem Zeichen einzog durch das hohe Tor, aus welchem sie drei Stunden früher den toten Herrn davongetragen hatten.
Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand nicht mehr ab. Wie es unter diesem schwarzen Winter dem jungen Herzen gehen wird, das muß die Folge zeigen.
Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses sein Stübchen und seine Wärterin bekommen, und wurde vorbereitet für die Schule, zu der er denn auch bald hinabtrippelte in das Dorf. Täglich ein paarmal sah ihn die Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmerchen herrichten, in dem er spielen und lernen konnte. Die Schule war mit ihm zufrieden, und als sie im Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt war, sprach Frau von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer des Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in das lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden zu lassen. Der Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte sie in derselben und versprach, die nötigen Schritte einleiten zu wollen. Also geschah es, daß Konrad nach fünfjähriger Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam und dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in Gegensatz bringen zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder sachte und ruhig, oder unter Krämpfen ablösen von dem Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des Gedanklichen und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so recht in das blühende, gährende Leben hineinranken, wird nicht beachtet.
Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es allemal lebendiger und frischer auf Martenstein, und die junge Frau im schwarzen Gewand hatte manche Freude. Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den munteren Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten Baumgarten auf die lustigste Weise umherregierte, die Wildtauben jagte, aus dem Bache Forellen fing, auf den Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette kletterte und anstatt eines vollbrachten Lateinpensums lebendige Vögel, die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie ihn oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. Und wenn er im großen Teiche schwamm und oft minutenlang unter den Wellen blieb, da bangte ihr um ihn, bis sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser hervorstand. Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: Es wird ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!
Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne Stadt, da empfand Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, und sie zählte die Monate, die Wochen, die Tage, die Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz so, wie er fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er schlanker geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen tieferen Ton angenommen, war es, daß an der Oberlippe und unter den Ohrläppchen junger Bartanflug schattete, war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster erschien -- mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.
Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, wo sie zu frühstücken pflegten, und ihr den Morgenkuß darbrachte, zuerst auf die Hand und dann auf den Mund, fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst betroffen zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl: diese Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er möge seiner Ehrerbietung für sie stets nur in strenger Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.
Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und nahm schweigend sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich nichts dafür, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, und daß die Dankbarkeit, die er für seine Gönnerin empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der Schloßfrau war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein Gefühl, welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen Lebens gewesen, zur Gefahr sich steigerte. Noch an demselben Tage mußte Konrad übersiedeln in den entlegensten Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer auf das sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna sich aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt und befangen fühlte. Um den Rest der Vakanzen -- es waren die letzten vor der Priesterweihe -- dem jungen Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm sie eine Reise nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen hoffte. Aber was sie hoffte, das fürchtete sie, und was sie fürchtete, traf ein. Konrad war bereits abgereist in das geistliche Institut und hatte ein Schreiben zurückgelassen, in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem er versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu beten, und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die Zeilen nur geschrieben worden waren, um alles zu verschweigen, zu verhüllen, was in dem leidenschaftlichen Herzen des jungen Mannes vorging -- Frau Johanna müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig zu ahnen.