Fremde Straßen

Part 5

Chapter 53,732 wordsPublic domain

»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes Vieh. Da könnt's wohl auch passieren, daß man das Tier gar nicht erkennt, wie es dem alten Herzog drüben ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat sein Jäger einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das soll ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit deinem Jägerlatein bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich kenne den Adler nicht? Ein Adler hat +zwei+ Köpfe.«

»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von dem Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte. Dann sprang er über: »Was meint Ihr, Meister, sollten die hohen Herrschaften aus ihren Wappen nicht einmal das Tier herausnehmen und den Menschen hineingeben?«

»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg. Der Mensch, heißt es, soll in der Kunst das allerschwerste sein.«

»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr ein lebendiger, wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint Ihr dazu?«

»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß.

Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte sich auf das Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er: »Meister Reimar, machet Feierabend für heute. Wir wollen einmal eins plaudern mitsammen.«

Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite das dreiköpfige Ungeheuer aus der Zwänge und dachte: Wohl eine rechte Freud', so was. Wie unser gnädiger Herr gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der Leutseligkeit des Fürsten ein Lob zudenken.

»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal besuchen? Wo wohnt sie denn? Nehmet sie doch ganz zu Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist Platz genug.«

Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen.

Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage, heimlich seine Studien zu machen an dem schönen heiteren Mädchen, das in dem Schlosse herumwirtschaftete, so geschickt, harmlos und fein, als wäre es darin geboren worden. Nach wenigen Tagen beherrschte es in Form einer fröhlichen Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau, ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit selber, auch dem Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf drein, denn viel überflüssige Zeit war nicht mehr vorhanden. Eines Tages befahl er, das Frühstück solle ihm die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er ein: »Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?«

»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut' schon gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.«

»So bist du am Ende wieder hungerig?«

»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie. »Wenn dem gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang wird beim Frühstück, so soll er halt eine gnädige Frau dazu nehmen.« Das sagte sie munter und harmlos hin. Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!« sagte er leise, und sonst nichts -- kein Wort. Sie verließ schnell das Zimmer.

Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben Tage um seinen Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle vorgezogen werde zur Bedienung! Man hätte es ihm gar so deutlich nicht zu machen gebraucht, auch etwas weniger deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig geworden sei ... Laut grölend wandte er sich gegen die Wand.

»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme, »Franz, du bist ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den Abschied nicht erhalten. --

»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines Tages hinter ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde durch den ruhsamen Park ging und sein Abendgebet verrichtete. Und als er sich umwandte, sah er, wie ein junger Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke Schritte machte und so frisch aufgelegt war.

»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr fort, »wollt Ihr ein schönes Märchen hören? Es ist sehr alt, vielleicht kennt Ihr es schon von der Mutter her.«

Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte.

»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den Alten am Arm nehmend und mit ihm zwischen den Ahornen dahinschreitend, »dieser König war sehr mächtig und hatte viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte in einem großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist: Einsamkeit?«

»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann, »das ist Langeweile. Ich hab' sie weiter nie gehabt.«

»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch ans Freien dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt Ihr es? Was ist das, Meister: Gott sieht's nie, der König selten, der Bauer alle Tag?«

»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete der Zimmermann.

»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten seinesgleichen und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel ihm keine. Er trug sich in ganz eigentümlichen Meinungen über das Weib. Er wollte eine Besondere haben. Die Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen. Er wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher zu finden. Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle Tage sieht.«

»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen sollen,« meinte der Zimmermann.

Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am Arm und sagte: »Das hat er getan.«

Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach: »Wenn das Bauernmädel klug ist? Ich wollt' mich doch erst besinnen, ob ich einem König die Hand geben möchte.«

»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei Hände. Auch der König. Geht eine Verbindung zur rechten Hand nicht, so geht sie vielleicht zur linken. Meinet Ihr nicht auch so?«

»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte. »Zur linken Hand. Verstehe aber den Unterschied nicht.«

»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um die Sonne und wissen nicht warum. So drehen wir uns um Sitten, für den einen haben sie Sinn, für den anderen nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem Volke freien will ...«

Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich. -- Diese hohen Herren! Sie mögen sonst noch so brav sein, in dem einen Punkt denken sie leichter, als andere Leute! -- An seine Hedwig dachte der Alte, da wurde ihm heiß in der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im Schlosse wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts. Man muß sie heim zum Vater schicken. --

Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem Tage mit Hedwig ein entscheidendes Wort zu sprechen. Aber zum Teufel, das war schwerer, als er es sich gedacht hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's schon versucht, dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug zu parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war eines Tages, als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte, seine Frage.

»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da wollt' ich mir gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.« Dabei versetzte sie einem graubärtigen Ahnen mit dem Wedel eins ins Gesicht. -- Und der hohe Herr verschob es klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort. Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen auf die Weide zu führen. Die Ziegen!

Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt. Der alte Reimar war just daran, das Himmelbett zu streichen.

»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst. »Muß denn alles dunkel sein? Das Bett will ich blau haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich nicht, wie ich's haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast, man mißtraut mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen Willen es zu gehen hat in meinem Hause, in meinem Staate!«

Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete er: »Nach dem meinen nicht. Ich hab's auch nur aus Gefälligkeit getan.« Legte den Pinsel weg und packte sein Werkzeug zusammen. -- An der einen Seite ist das Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht uns noch heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten Handwerksmann, der dem Fürsten plötzlich die Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer behaupten, dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat!

Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt zu haben, aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort ist nicht von heut' auf morgen. Doch ging er von dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er ging über die Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden hin, wo die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind, und schoß nichts. Da war es einmal am Wasser, daß der Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel nachtrug, seine Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er gar untertänig zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich bitt' schön, ich hätt' halt schon lang ein Anliegen!«

»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn der Fürst freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von Förmlichkeiten, und es war wahrlich nicht das erste Mal, daß er seinen Untertanen, wie er sie immer noch zu nennen pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz erteilte.

»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was recht Wichtiges ...« So stotterte der Bursche.

»Du weißt, was in meiner Macht steht ...«

»In -- des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.«

Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den hübschen und klugen Jungen schon seit länger. Manchmal auch war er ihm schon zu keck gewesen. »Ist dir etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der Sold zu gering?«

Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte kaum verständlich: »So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen meinen Herrn auf der freien Weide anginge ...«

»Dann ist's ...« der Herr griff ihm ans Kinn und hob ihm das Haupt: »Schaue mich an, Knabe! Ist's die Liebe?«

Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's, die Liebe.

»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das geht manchem so.«

»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche, »aber 's hat ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt eine bessere Partie machen, sagt sie.«

»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler mußt du ausstechen.«

Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt viel stärker als ich. Zwar das nicht, stärker nicht -- aber angesehener.«

»Wohl ein Bauer?«

»Das nicht.«

»Gar ein Bürger?«

»Wohl ein wenig mehr.«

»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?«

»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.«

»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen, mein Junge!« sagte der Fürst etwas ernster.

»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister. »Es geht nur so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild darüber. Sie sagen, dafür tät' ein braves Bauernmadel zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen sich's gleich in den Kopf und glauben die größte Dummheit. -- Der gnädigste Herr wollt' sie haben, sagen sie ...«

Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In solcher Lage war er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen auch kaum jemals einer. Darauf ist keine Hofetikette eingerichtet. In zorniger Erregung wählte er den kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich: »Was sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe! Ich rate dir ...!« Mit dem Finger wies er in die Ferne.

Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade vor ihm stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern zuckte und trutzig das Wort sagte: »So ist es doch wahr ...«

Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche eilte ihm nach, glühend und bebend vor Aufregung rief er gellend: »Nachher setzt's was, gnädiger Herr! Die Hedwig laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf kostet.«

Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich das im Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an.

»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch, die Fäuste ballte er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht allein. Ich hab' Kameraden!«

Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das Strauchwerk davon.

-- Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung?

Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung gefallen war unten am Wasser, beschied der Fürst den Forst-, Jagd- und Fischermeister Jonathan zu sich und sprach mit diesem seinem Agrikulturminister längere Zeit. Er befragte ihn über die allgemeine Aufführung des Fischerjungen Winard.

»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit brav, aber ein Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage lang im Kotter gebrummt. Raufhändel, Liebesgeschichten.«

»Man nehme ihn zu den Soldaten.«

»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!«

»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst.

Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen wollte, daß er durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen werde, war der Winard nicht mehr da. Die Vermutung lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei, denn er hatte ein Handbündel mitgenommen.

Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten ein kunstvoll und doch unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das war vom Fischerjungen, dem das Schreiben nicht arg vonstatten ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich wie folgt:

»Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker Herr!

Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen letztmal aber i kan nit anderst und vonwegen dem Mädel kunt i schlecht wern. Ich bit Ihnen, se kriegn bessere, lassens mir de, i bit Ihna kniefellig, sunst weis nit, was gschicht. Da thät ma wull all zamhalden, wann unsri Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher gangeten. Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen kann und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst fleißi verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner

Winard Oberlimer.«

Der Winard Oberlimer wartete nun auf das Antwortschreiben des Fürsten. Er wußte wohl, daß hohe Herren sich nicht so leicht herbeilassen, mit Arbeitsleuten Briefe zu wechseln, aber in einem so wichtigen Falle, dachte er, würde der gnädige Herr doch eine Ausnahme machen. Er wartete Tage und Tage, er konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Wo er wartete, das wissen wir nicht, denn er hatte vergessen, in dem Briefe seinen Aufenthaltsort anzugeben. Auch der seidenhaarigen Hedwig hatte er geschrieben und ihr Vorwürfe gemacht darüber, weil sie, »die spottschlechte Person, sein glihend Hertz um eitel guld und ehr verkaufft« hätte. Die Hedwig wußte sein Versteck und antwortete ihm das Folgende:

»Mein Lebtag wär's mir nit eingefallen, das von wegen dem Fürsten, wie du meinst. Wenn ich dich auch einmal mit ihm gereizt hab. Aber dein Schimpf- und Spottbrief auf mich zeigt nit von deiner grossen Lieb und jetzt thu ichs. Nit wegen eitel Guld und Ehr, wie du schreibst, sondern weil mir ein guter freundlicher Mensch lieber ist, wie ein Zornnickel. Deine Wäsch hab ich dir aufs letztemal gewaschen und geflickt und kannst sie abholen lassen. Mit Achtung

Hedwig Sommerauer.«

Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt an der Brücke kamen an Sonntagen die Burschen des Tales gern zusammen. Jetzt war der Winard unter ihnen und warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen, als Beweis wie es stand.

»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr wisset, wie wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und ich. Und jetzt soll sie verdorben werden? Heiraten! Der Herr so eine von niedrigem Stamm? Wer's glaubt, ich nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen. Einer allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten! Verlaßt's mich nit, Kameraden!«

Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache sei. Andere überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu haben wir allzeit gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar jetzt ruft: In den Krieg für euer Land, für euern Herrn! so wird nicht einer das Hundsfott sein und sich drücken. Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz geht, da halten wir zusammen, gegen wen der will! Wir verlassen dich nicht, Winard!«

Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig gewesen, jetzt stand er auf, rüttelte am Ofengeländer, daß es klirrte und rief: »In diesem Tone kann ich nicht weiterreden lassen. Zerstreut euch!«

Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie bestellten frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger, und das war der Nachtwächter. --

Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate Schreckenburg. Die Leute waren ernster, mürrischer. Die Kirchen blieben leerer als sonst, die Wirtshäuser waren voll. Die Leute sangen nicht mehr ihre heiteren Lieder, sie steckten die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den Heerbann auf. Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der in gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb, mit bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so sei, wie es sein sollte.

»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte der Fürst.

»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im Straßenwirtshaus an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen. Er hat Genossen. Sie haben den Verkehr mit den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen die hereingehenden Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post ausgeblieben.«

Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen zusammenziehen und die Wegelagerer aufheben.« Nach etlichen raschen Schritten über die Dielen hin riß er den Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer standrechtlich erschießen!«

»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister. »Schon vor drei Tagen sind die Reichstruppen einberufen worden. Aber -- es kommt niemand.«

»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.

»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt versammelt zu haben.«

»Verschwörung? Revolte?« --

Um diese Zeit war es, daß der König eines großen Nachbarreiches von dem Hochgebirge herabkam. Er war nach einer Reise aus den südlichen Gegenden heraufgekommen, hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende Schwester, die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause zu begleiten. Der König hatte »seinen lieben Vetter«, Othmar III., benachrichtigen lassen, daß er in zwei Tagen durch Schreckenburg reisen werde. Da hieß es nun einmal, sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe wurde aufgemacht, und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten ein paar kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen der Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der seidene Rock hatte die Meinung grün zu sein, schillerte aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es bei einem charakterfesten Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe, die breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden Sterne und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene Kragen war allerdings etwas zu wulstig, um dem an Freiheit gewöhnten Herrn die Kopfbewegung uneingeschränkt zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden Reichshelm prangte der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen Flügel schwer zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen widerspenstig um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung nach rechts oder links zu machen hatte. Die Quaste des Griffes baumelte unten bei den Knien aufsichtslos herum. -- Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft vor seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten Sorge nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits hatte er seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt zum Straßenwirt mit dem Befehl, die Brücke freizugeben für allerhöchste Herrschaften, die an diesem Nachmittage durchreisen würden. Die Antwort, die sie zurückbrachten, war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht hoffähig. Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, wenn der Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege begrüßen müßte! Sofort eine zweite Abordnung zum Brückenwirt: Was denn eigentlich der Herren Begehr sei! -- Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht wohl. -- In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er wußte, daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, so konnte er sich's nur halb und halb denken. Es mag ja unsinnig sein, das mit dem Mädel -- so dachte er sich zu -- es mag ja Dummheit eines besonders entwickelten Johannestriebs sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor, und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen politischen Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung bitten, daß er ein hübsches Mädel gerne anschaue? So weit wird's wohl noch lange nicht gekommen sein. Zwar kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden! Es ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege heim. -- Er besichtigte seinen Thron, der im Saale stand. Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem Leder ausgepolstert, mit silbernen Nieten verziert. -- Das Holz war alt, aber kaum ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so einer, wie der Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? Denn für zwei nebeneinander hat der Sessel, genau besehen, nicht Raum. -- Na, es wird sich ja noch schlichten lassen. Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein gewöhnlicher Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten Burschen vergessen, mit wem sie's zu tun haben. -- Es wird sich alles ordnen, bis wir klar sehen. Nur die hohen Herrschaften dürfen nichts erfahren, denn die Geschichte ist zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch sonst sehr oft das beste ist -- aus der Not eine Tugend zu machen. Das Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft ist stets eine Tugend gewesen.

Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel war tätig im Fürstenhause einen halben Tag lang. Die Beschließerin warf einen schwellenden Sack mit Eiderdunen ins noch unfertige Himmelbett. Etliche Schuljungen, vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden in weiches buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche schlank und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit Helm und Lanzen bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, und mit solchem Hofstaate zog der Fürst den Reisenden entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen Rappen. Oberhalb des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß der König und die Prinzessin. Der König sah mit seinem weißen Vollbart und im grauen Lodengewand aus wie ein Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach da; sie hatte weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit ruhiger Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse gestiegenen Fürsten die Hand, die er küßte. Das umstehende Volk freute sich des Anblicks und war stolz auf die ritterliche Erscheinung seines Fürsten, den es noch nie in diesem unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König dasteht vor einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist ein prachtvoller Herr!« Ein behendiger Alter schlug mit den Armen um sich und flüsterte in die Leute hinein: »Die unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen könnten! Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«

Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen geheißen und sie eingeladen auf sein Schloß, zur Rast auf einige Tage.

»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät. »In zwei Tagen ist die Eröffnung unseres Reichstages, da müssen wir zu Hause sein.«

»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung und Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.

»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja das schönste Wetter.«