Fremde Straßen

Part 4

Chapter 43,713 wordsPublic domain

»Mein Gott, recht ist -- recht ist!« entgegnete sie gutmütig greinend. »Wenn ein gutes Werk geschieht, das muß einem wohl immer recht sein.«

Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in aller Lustigkeit aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines Kind bekommen!« Und schon lange nicht mehr, wenn er des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so warm und froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«

* * * * *

Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs gab es Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und es mag noch so klein sein, beherrscht das Haus. Aber sie ertrugen es. Hatten sie sich's doch selbst eingebrockt. Der Vater hatte es im Hause haben wollen, die Mutter hatte ja gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts weiter, denn es wußte die Waise in guter Hut. Alfons war jetzt fast immer zu Hause, er brachte manche Stunde im Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben, der von Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind war. Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der Kneipe saßen, blieb Alfons daheim und spielte mit dem Kind.

Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, kräftiges Menschlein geworden. Ein lieber kleiner Kerl. Das Haar war nachgedunkelt, die langen Augenwimpern und Brauen waren pechschwarz und die großen runden Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus, die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam er die erste Hose und das übrige dazu -- einen »Matrosenanzug« mit den flotten Schulterklappen und den goldenen Ankern daran, und das Käppchen, wie es ähnlich einst auch Alfons gehabt.

Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.

Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen Sohn zu einer Besprechung ein.

»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, ihr werdet nicht damit einverstanden sein. Besonders du nicht, Alfons: Denn für dich bedeutet es eine Einbuße. Übrigens -- du könntest ja auch fünf Geschwister haben, oder acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du spielend.«

Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den Mund zuhalten.

»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. -- -- »Wenn wir den Richard ganz adoptieren wollten? Was denket ihr?«

Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend fiel er dem Alten um den Hals und umarmte die Mutter und küßte sie und lachte und rief endlich aus: »Papa! Mama! also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«

Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. Aber als jetzt der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im neuen Kleidchen und hell lachend auf Mama zu, kreischte das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand, Josef! Das ist ja der Fonserl!«

Da wußten sie alles.

Der Mädeljäger.

Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in eine Felsenschlucht, aus der ein grünlicher Gebirgsbach hervorbraust, steht Schreckenburg. Es ist eigentlich keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben ein »größerer Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft, scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. Vater und Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und Gesellen, darin liegt der Ständeunterschied von Schreckenburg. Wohl haben sie einen Fürsten, aber auch der hohe Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von Schreckenburg sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge, heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn dort an der Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden Volkes gewesen. Wenn man der Historia glauben darf, und man soll es sogar, so haben es die Schreckenburger seit jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu verschaffen in der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt worden, das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des zur Zeit dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch hundertundzehn Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren der Erde nicht angegriffen worden. Unser Fürst Othmar III. befehligt zur Zeit der Not ein Heer von zweiunddreißig Mann, davon vier zu Pferde! Aber die Zeit der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält sich in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum Schreckenburg. Die Armee ist fast ständig beurlaubt bis auf sechs Mann, wovon einer den Nachtwächterdienst besorgt. Einmal wurde in einem Winkel dieses Reiches ein unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst nicht als Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten Leute von Schreckenburg lasen auch manchmal eine Zeitung, in der des Wunderbaren und Nützlichen viel berichtet wurde. Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die Staatsbürgersteuer eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages eine Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß auch im Erzfürstentum die Staatsbürgersteuer eingeführt werden möchte, maßen doch auch die Schreckenburger treue Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für ihren durchlauchtigsten Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange das Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in der Welt zu viel Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr zu Jahr der Viehpreis, weil jedes Land schon mehr und mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es verschlechterten sich die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um die Einführung der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem Irrtum befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer würde in anderen Ländern vom Fürsten geleistet an seine braven Untertanen; gerade das Gegenteil wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer dem Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung waren die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der Gütige legte dem Sprecher die Hand auf die Achsel und versicherte, für das Wohl seines Reiches auch fernerhin das möglichste zu tun, besonders im Straßenbau und in der Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu lassen. Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon sie wußten, daß die Universität nicht allzu ernst gemeint war. Der Fürst liebte es, in launigen Stunden das allerdings schon gebrechliche Volks- und Gewerbeschulgebäude zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für eine spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte ins Ausland gehen.

Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger nicht unbedrohlichen Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. Der hatte ein großes Reich und viele Mannen, war aber nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am Bau einer Grenzbrücke über die Luser. Für das Fürstentum war diese Brücke schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der Herzog aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen und brauche keine Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. Othmar bot seinen Heerbann auf und zog auf Umwegen, da die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen die herzogliche Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt hatten, schickte der Herzog einen Gesandten herab. Das war ein Edelknabe, und der lud im Namen seines Herrn den Feind samt und sonders auf einen Löffel Suppe ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere des großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern versehen war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen und versorgt mit allen schrecklichen Pulverwaffen der Neuzeit. Fürst Othmar soll hieraus »Kehrt euch!« kommandiert haben und an der Spitze seiner Armee friedlich heimwärts gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen Feldzuges, aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren, haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn ein Denkmal aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf dem Marktplatz empor und zeigt den Fürsten auf dem Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner Erzherrlichkeit, in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr zu sehen war.

Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf Reisen gewesen, in allen Weltteilen, und stets bei Königen und Kaisern zu Tische geladen, was die Schreckenburger mit besonderem Stolze erfüllte. Auch ging im Reiche die erhebende Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von Schreckenburg mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und du stehe.

Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.

Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe stand, hätte jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte gehalten, wenn nicht über dem Tore das Wappen der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler, angebracht gewesen wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut, hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, helle viereckige Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über dem flachen Schindeldach ein zierliches Türmchen für ein Glöcklein, das den Nimbus einer Sturmglocke trug, tatsächlich aber nur zu den Tageszeiten geläutet wurde. Ein Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen Gesinde.

Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden Gutsbesitzers und bestand aus sieben Personen, den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn es Gäste gab, im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am Tore zu stehen hatte.

Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das Haupthaar voran zu schüttern und hinten zu grauen beginnt. Er war stets glatt rasiert und trug eine goldene Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag war, in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme des Propstes und des Reichshauptmannes der einzige im Reiche, der gewichste Stiefel trug. Wenn er zu Fuß durch das Fürstentum wandelte, lief alles, jung und alt, auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger ganz leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, so auf dem Marktplatze stand in Erz für alle Zeiten. In Wahrheit schaute der Fürst aber auf dem Pferde aus wie ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken reitet. Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht, obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen Gewerbestand angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit beobachtete. Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren und Liebhaber der Schreckenburger Schönen noch leidlich gefallen, wenn der Fürst aber artig wurde und den Weibchen die Wange kneipte, da empfanden sie so etwas wie die Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, seinen Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit abzugeben. Für einen Seelenkenner wäre es vielleicht nicht unschwer zu merken gewesen, daß Fürst Othmar die Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht so sehr die Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und des nahenden Alters.

Eines Tages war er unten im Tale in ein altes Bauernhaus getreten, um mit dem Nachbar eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Da fielen ihm die stattlichen Kästen und Truhen auf, die in der Stube standen. Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte den Bauern, ob er ihm diese schöngebauten, festgefügten und kunstvoll geschnitzten Kästen nicht verkaufen wolle?

»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, »die Kästen da geben wir nicht her, sie sollen schon im Haus bleiben für unsere Kinder und Kindeskinder.«

»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« meinte der Fürst.

Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut gehen. Die jungen Zimmerleute nennten sich zwar jetzt fürnehm Meistertischler, brächten so was aber nicht mehr zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch nicht den Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig sein, gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom Wald verkauft. »Nachher kreistet's und kracht's, nach einem Jahr kann man die Finger in die Fugen und Sprünge stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das Kameltier oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, die alten Kästen geben wir nicht her.«

Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans zu Boden gestarrt und vielleicht sogar mit einer gewissen Wehmut der guten alten Zeit gedacht, da man so schöne Tischlerarbeit machte, und da man solch schöne Tischlerarbeit den Untertanen gelassen wegnehmen konnte.

Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um mit Weißbrot und gelber Butter den Landesvater zu ehren, sagte zu ihr der Bauer: »Das ist mir rechtschaffen zuwider, Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an diesen Kästen, und wir mögen sie nicht weggeben.«

Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein. Diese Kästen hat der Zimmermann Reimar gemacht vor dreißig Jahren, wie wir zusammen geheiratet haben, und der Reimar lebt noch. -- Gnädiger Herr, bitt' gar schön, ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.«

Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen wurde nach dem Zimmermann Reimar geschickt. Der hatte einen krummen Fuß, kam am Abend in den Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt, die längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten das Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben waren schon von alters her mit gutem Holz und schlichtem Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert, so wollte der Fürst noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen mit Täfelung, Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette. Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er ließ sich gute Weile dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse, eine Gerätetruhe, zwei breite Gewandkästen, eine Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das stattliche Himmelbett mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen wurde mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete ohne Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich mit Zimmerfarbe und Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz. Und dieses Holz war an zwanzig Jahre unter dem Dachvorsprung einer Scheune, hoch an der luftigen Wand gelegen, um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar hatte ein Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und der Zimmermann sein Holz sieben Jahre lang kennen, bevor er anhebt. An grünem Holz tat er nicht einen Handgriff. Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte Stube des Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da hobelte er, schnitt und schnitzte. Häufig saß der Fürst da und schaute dem weißhaarigen Meister in Hemdärmeln und mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die ging wie ein langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und heiter, sagte manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein altes Auge an der Arbeit haftete. Dem Fürsten tat der Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus dem Volke seine Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem sie fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an dem Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen. Mehrmals geschah es, daß der Fürst sich sogar an den Tisch setzte, wo der Reimar sein Mahl einnahm. Denn mit dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es vor, allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu viele Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster des Erkers öffnete, so überblickte er sein Reich; der Zimmermann hätte das von sich nicht sagen können, er hatte sein Lebtag auch in anderen Tälern, selbst drüben im Herzogtume Häuser gebaut. Fürsten +kann+ es geben, Zimmerleute +muß+ es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht besonders untertänig.

Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus und brachte auf dem Rücken eine Fischlagel mit, in der Wasser schwupperte. Er grüßte in der Stube ehrerbietig den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach.

Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine Durchlaucht könnten jetzt nicht gestört werden, sie wären just beim Regieren.

»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,« sagte der kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob der gnädige Herr die Forellen selber haben will, oder ob ich damit um ein Häusel weiter gehen soll. Heute ist Freitag, und morgen bringe ich sie nicht mehr an.«

Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte sich der Fürst artig vor seinem Ministerium, das aus dem Propste, dem Kreishauptmanne und dem Meister Grobschmied bestand, ging hinaus und ließ sich die Fische zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten munter in ihrem nassen Gemach auf und nieder.

»Sind sie nicht zu jung?«

»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der hübsche Bursche.

»Die Forellen meine ich.«

»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.«

»Gut, lasse sie da.«

Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden, und der Erzfürst saß bei den blaugesottenen Forellen allein. Er rief den Zimmermann, ob er Forellen liebe?

Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte. In letzter Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht einsam da. Der Kammerdiener war brummig. Wenn die Tiere wenigstens lebendig gewesen wären. Aber sie lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so sinnig mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich selbst ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte. -- Der Fürst fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom Tische auf, faßte den silbernen Armleuchter und stellte sich damit vor den Spiegel. Seit einiger Zeit hatte er sich den Schnurrbart wachsen lassen, der war durchaus noch nicht grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister Reimar die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend hatte er wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie man um ein Weib freit, das schien ihm eine verdammt heikle Aufgabe. In solchem Falle kann der Herrscher nicht einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt nun davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so völlig vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen Weltreisen Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher sich in der Wahl einer Ehefrau durchaus nicht einschränken lassen. Bei uns ist dem Prinzen eine Prinzessin vorgeschrieben. Zwei Gekrönte auf +einem+ Thron, ist das aristokratisch?

Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die Tischlerwerkstatt, um der Arbeit des Alten zuzusehen, der nur das Zimmerhandwerk gelernt hatte und nun die edelsten Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag aber im Bette, und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte sich gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern beschäftigte sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um die Beine zu winden und ihm die Kissen zurecht zu legen. Dieses Mädchen hatte ein Haar wie Seide. Wie Naturseide, so lichtgelb und zart. Das waren gar keine Haarfäden mehr, das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten mit einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus in seinen Tiergarten, dort hatte er etliche Hirsche und Rehe drinnen und in einem hohen Drahtgeflechte zwei Fasanen. Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen mit hochgetragenem Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von Angst oder Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in die hohle Hand und hielt es ihm vor. Das Reh schnupperte hin, fraß es aber nicht. Da trat ein junger Mensch hinzu und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir nimmt es das Brot!«

»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr und wandte sich ab, denn der dreiste Ton des Burschen war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen muß man unter die Soldaten stecken, daß er Manier lerne. --

»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte Seine Durchlaucht an einem nächsten Tage, als Meister Reimar wieder bei der Arbeit war.

»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.«

»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?«

»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.«

»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?«

»Zu Martini achtundsiebzig.«

»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch leistet.«

»Solang' mich die Augen nicht verlassen ...«

»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer, das Euch so sorgfältig gepflegt hat vor etlichen Tagen?«

»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl recht um Verzeihung bitten. Mir hätte schon auch im Haus keine Wartung gefehlt, aber wenn ein Kind einem zugeht, das kann man nicht wehren, muß einen noch freuen.«

»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag wohl schon an siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.«

»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon im achtzehnten um.«

»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr ein alter Junggeselle wäret?« fragte der Fürst.

»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann, »ist nur damit gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen bin.«

»Und eine Enkelin, sagt Ihr?«

»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem Reifmesser an einem dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in dieser Sache hat sich der Mensch nicht zu beklagen, da ist alleweil Segen Gottes genug vorhanden.«

»Ist sie ein Tochterkind?«

»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis. Mein Sohn ist braver gewesen wie ich.«

Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf und ab, die Hände am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine verflogene Jugend hatte ihm kein solches Glück aufbewahrt. Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt, wird ihm keine Enkelin warme Tücher um die Beine winden.

Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der Zimmermann Reimar denn wieder einmal an der Gicht darniederliegen würde. Der ließ darauf warten. Hingegen kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An diesem Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu werden, den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch der Hofstaat ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde, Prinzen und Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da strahlten an den Mänteln und Roben die Goldspangen, an den Diademen die Diamanten. Das war längst nicht mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III. gab es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er hinter dem Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte diesmal in der Sonne silberiger als je. Seine Andacht war an diesem Fronleichnamsfeste keine gewöhnliche. Vor der Priesterschaft wallten in langen weißen Gewändern vier Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die Marterwerkzeuge Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle schön und blühend wie der Mai, aber eine davon war anders als die übrigen. Sie überragte die anderen um eine halbe Kopflänge, ihr Haar wallte wie eine lichte Seidenwelle über den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie die Blüte des Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei Genossinnen taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr großes Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin gegen die Berge, auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll wie eine Königin. Sie trug auf ihrem Kissen die Dornenkrone des Heilandes. Das ist die Krone des Volkes. Hat der Erzfürst eine bessere?

»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,« sagte am nächsten Tage der Fürst zum Zimmermann. Dieser hatte gerade wieder den dreiköpfigen in der Arbeit für das Himmelbett.