Part 8
Die Ritte dort am schönen Fjord entlang über die ebenen Gebirgsflächen, die grünen Täler, die muntere Fahrt, das ansteckende Gelächter, die schneeblinkenden Berge und weit draußen das glitzernde Meer. Und das Leben wurde jung und frei.... Man hatte das Gefühl, als könne man sich hier für die Dauer niederlassen.
Und dann diese guten prächtigen Menschen, die unter freien Verhältnissen aufgewachsen sind.
Man schließt die Augen und sieht Sonnenblicke über grünen Lehnen -- schroffe Basaltwände darüber -- niedrige isländische Bauernhöfe -- Isländer, die Heu einbringen -- eine graue, schlichte Kirche -- draußen seewärts der Fjord. Vorn eine Reiterin, die in frischem Trab anführt, und hinterdrein eine Reihe Reiter und Reiterinnen, und blaue Augen, die vor Freude blitzen.
Das Bild wechselt -- und in wilder Karriere rast eine ganze Schar im Wettrennen über den flachen Sandstrand, wo die Wellen die Pferdebeine umspülen. Das Getrappel der raschen Pferdehufe klingt hart und taktfest. Über den Himmel ziehen Gewitterböen, mit Nebel und Regen im Gebirge, während die sinkende Sonne über den Meeresrand durch Gewitterwolken einen Lichtstreifen auf glitzernde Wellen wirft. Hei, Mann, ist das Leben schön und gesund!
Unter mir aber erklingt das einförmige Stampfen der Maschine, die uns unbarmherzig nach Osten und nach Norden in den Eismeernebel hineinführt.
* * *
Das Wetter hat sich wieder aufgeklärt. Der Gletscher am Land südöstlich von Kap Nord leuchtet uns am Nachmittag entgegen, halb bedeckt von Nebelwolken. Es war wie ein Gruß vom Franz-Joseph-Land: die schroffen, schwarzen Basaltwände unten, darüber die große ebene Schneefläche und dann der Gletscherkamm, der oben im Nebel verschwand.
Nun ging die Sonne im Meere unter; ein glühendes Stück Regenbogen in einer blauen Gewitterwolke über den Berggipfeln; und dann einen kurzen Augenblick, als die Sonne sank, die Wolken dort in Purpurglut und die Bergspitzen blau, die See dunkel und frisch in der Brise und der Rauch vom Schornstein wie eine rotgelbe Wolke, während im Nordwesten, wo die Sonne verschwunden war, der ganze Himmel ein gelbroter Brand über dunkelblauem Meere war.
* * *
Es ist Mitternacht. Die See rollt blank und grün. Berge und Gletscher im Süden stehen düsterblau und scharf. Kalte Schimmer von Schneeflecken heben sich von einem dunkeln grünblauen Himmel ab. Island und der Dyrafjord sind in Nacht gehüllt, aber im Norden träumt noch der Himmel gelbrot und spiegelt sich in blanker See. Es ist Zeit zu schlafen.
7. August 1900.
Wir kommen von Südwesten in einemfort durch Nebel über das Meer von Island her. Kurzer Sonnenschein am Mittag und am Vormittag gestattete uns einige Sonnenhöhenmessungen. Danach mußten wir auf der Höhe der Insel Jan Mayen sein, aber etwas westlich. Die Temperatur scheint freilich nicht darauf hinzudeuten, daß wir dem Eise nahe sind, denn das Wasser ist warm, über 4 Grad, bis zu einer Tiefe von 20 Metern, und warmes Wasser ist auch noch weiter unten in einer Tiefe von 100 Metern, ja zum Teil bei 200 Metern.
Aber es muß doch so sein, so große Fehler können unsere astronomischen Bestimmungen nicht aufweisen. Die Tiefe war 1207 Meter. Nach Osten zu muß es weniger tief werden, und wir fahren ostwärts.
Aller Augen starrten in den Nebel vor uns, der sich bald etwas lichtete, bald wieder verdichtete, so daß wir kaum zwei Seemeilen, zuweilen nicht eine Meile weit sahen.
Zwei Stunden später, um drei Uhr nachmittags, war die Tiefe 1100 Meter; wir konnten nicht mehr weit entfernt sein.
Eine Stunde später maß die Tiefe 1082 Meter; noch eine Stunde, und sie war 914 Meter. Das ist spannend. Die Augen starren in den Nebel hinein. Man glaubt eine Landzunge zu sehen, die bald kommt, bald verschwindet.
Die Tiefe wird allmählich geringer, bis auf 658 Meter. Der Kurs ist nun genau nördlich, aber auf einmal wird das Wasser wieder tiefer.
Wo sind wir? Sind wir westlich oder östlich von der Insel? Nach dem Besteck müßten wir etwas +östlich+ sein, aber der Kompaß scheint in diesem Fahrwasser wenig zuverlässig. Nach den Sonnenhöhen müßten wir nicht viele Meilen +westlich+ sein, und ein Sonnenblick, den wir am Nachmittag hatten, ergab eine neue Beobachtung, die das bestätigt. Es +muß+ richtig sein. Aber diese zunehmende Tiefe?
Trotzdem wollen wir nach Westen zurückhalten. Nimmt die Tiefe zu, dann müssen wir westlich sein, und dann gilt es nur die Breite zu halten und nach Osten zu gehen, bis wir auf Land treffen.
Etwas später ist die Tiefe ungefähr dieselbe, aber der Nebel zerstreut sich ein wenig, und dort im Osten und Nordosten hält sich beständig ein merkwürdig heller Schein, mit dunkeln Bänken nahe dem Horizont, der Land mit Vorsprüngen ähnlich sehen könnte. Er kommt und verschwindet immer auf derselben Stelle. Wir schlagen diese Richtung ein. Da muß etwas sein; unterdessen gehen wir hinunter und essen.
Als wir bei Tisch sitzen, ruft der Kapitän, nun sehe er bestimmt Land.
Alle Mann hinauf! Es ist ebenso neblig wie vorher. Aber dort im Osten erkennen wir am Horizont deutlich eine dunkle Landzunge. Bald wird sie etwas deutlicher, bald verschwindet sie wieder fast ganz. Das ist Jan Mayen! Aber wo? Nördlich oder südlich?
Wir steuern darauf los. Der Nebel kommt und nimmt sie weg. Dreiviertel Stunde fahren wir und müßten nun unmittelbar davor sein. Aber nichts sehen wir außer dichtem Nebel, und die Tiefe ist wieder größer geworden.
Wir sind froh, daß wir unzweifelhaft Land erblickt haben, nun können wir kaum noch zwei Seemeilen entfernt sein. Wir müssen still liegen und warten, während sich die Augen anstrengen, um das Land noch einmal einen Augenblick zu sehen, und die Ohren, um womöglich die Brandung am Strand zu hören.
Der Nebel wird bald leichter, bald dichter, aber nichts ist zu sehen und zu hören, nur Nebel und Meer, mit einer schwachen Dünung aus Nordwest.
Endlich zerstreut sich der Nebel wieder etwas, und man sieht von neuem die runde Bergkuppe dunkel aus dem Nebel hervorscheinen -- nun ganz in der Nähe. Dann tritt weiter nordwärts ein Stück Land dunkel hervor, südlich aber nichts.
Sollten wir in der Nähe der Südspitze sein?
Bald wird der Nebel wieder ganz dicht. Wir können nichts erkennen und wir können nichts anderes tun als liegen bleiben und warten. Näher unter Land zu gehen, scheint bei solchem Wetter nicht ratsam. Vielleicht bleiben wir hier die ganze Nacht liegen....
Das Land ist wieder ganz weg; wir waren ihm aber so nahe, daß wir die Brandung am Strand sehen konnten. Wir gehen unter Deck.
Als ich später am Abend wieder auf Deck kam, konnte ich einen Augenblick die Bergkuppe schärfer und dunkler sehen als zuvor. Nun gewahrte ich auch ganz deutlich eine Landzunge weiter im Süden. Aber dort, was war das? Dort vor der Landzunge? Eine Klippe, die aus der See aufragt, und daneben noch ein niedrigerer Stein?
Das muß die Klippe an der Südostspitze des Landes sein. Ich rufe den Kapitän. Er sieht sie auch, bald ganz deutlich, bald wieder draußen im Nebel.
Kurz zuvor hatte der Steuermann einen Blick tun können auf den Beerenberg selbst, oben im Nebelmeer, aber der Berg war sofort wieder verschwunden.
Lange bleibe ich stehen und schaue. Alles ist wieder verschwunden. Nun aber kommt ein Riß in den Nebel und siehe, jetzt wird die Spitze wieder sichtbar und die Klippe davor mit einem Spalt in der Mitte und ein kleinerer Fels südlich davon.
Nun ist kein Irrtum mehr möglich, und langsam dampfen wir nach Süden, um südlich um die Insel herum auf die Ostseite zu kommen, wo im Schutz des Landes gewiß klareres Wetter sein muß, denn der Wind kommt von Westen.
8. August 1900.
In der stillen grauhellen Nebelnacht fuhren wir langsam um die Südspitze der Insel. Als wir weiter nach Osten kamen, wurde das Wetter soweit klar, daß wir die grüngelben Abhänge des Berges oben in den Senken zwischen den Gipfeln und Kratern auf dem Rücken des Landes sehen konnten. Darunter waren die jähen Lavawände, die von Nebelschwaden umgeben schwarz ins Meer abfielen.
Die Vorsprünge der Ostseite der Insel nach Norden zu traten nach und nach mehr hervor. Der Bautastein, der dort vor der schroffen Lavalandzunge aus der See aufragt, muß die „Leuchtturmklippe“ sein. Wir spähen immer weiter hinaus, aber nordwärts wird kein Land mehr sichtbar.
Im Lee der Insel, auf der Ostseite, ist die See ganz glatt geworden, und wie zu erwarten, ist das Wetter hier klarer.
Eine Nacht mit wunderlicher Nebelstimmung, so still und öde. Auf der glatten Seefläche unter den schwarzen Lavawänden lagen gleich schwarzen Flecken da und dort Alke und ein vereinzelter Krabbentaucher. Sie schwammen mit Wohlbehagen -- zuweilen flatterten sie vor dem Schiffe über den Wasserspiegel, konnten sich aber nur schwer erheben; es war zu still -- und dann tauchten sie. Einer stieß seinen ärgerlichen Schrei aus.
An den Lavawänden entlang hing oben eine helle Nebelschicht. Darüber ragten hier und da die eigentümlichen Lavagipfel und Krater hervor, mit ihren Töpfen voll Schnee. Jetzt werden sie ganz klar, und die grüngelben Abhänge heben sich von der lichten Nebeldecke ab.
Wir halten, um eine Angelschnur auszuwerfen und zu prüfen, ob hier Fische sind. Wie still wurde die Nacht, als die Schraube aufhörte zu schlagen.
Ganz anders ist es hier als sonst irgendwo. Landeinwärts erhebt sich dieses düstere Vulkanland, halb in Nebel gehüllt. Krater an Krater, mit scharfen Kämmen dazwischen. Keine Täler, nur Kare, von den kleinen Gletschern ausgehöhlt, und hier und da ein Bach, der keine Rinne gegraben hat, sondern von der Schneedecke über die hohen Lavawände in die See hinabstürzt, ein weißer Streifen auf schwarzem Grund. Und am Fuße der Wände tiefe Spalten und Höhlen, darunter der glatte Meeresspiegel. Oben darüber wälzt sich das Nebelmeer von Nordosten her, und draußen liegen das blanke Meer und der Nebel. Es ist wie eine ausgestorbene Welt auf dem Monde oder auf einem vergessenen Planeten.
So liegt sie hier durch die Jahrtausende, diese einsame Insel, dem Menschenauge verborgen, und niemand erfährt, was sie im Wechsel der Zeiten durchmacht.
Bei der Spannung der Erdkruste unter dem Meer wurden einst die inneren glühenden Massen aus der Tiefe in einem Ausbruch nach dem andern emporgetrieben. Das Meer stöhnte und zitterte in furchtbaren Explosionen. Meerbeben folgten, gewaltige, berghohe Wellen wälzten heran, zerschmetterten das Eis im Norden und warfen die schweren Schollen in krachendem Tumult übereinander. -- -- --
Dann stieg die Lava in kochendem Nebel über die Meeresfläche. Vulkankegel bauten sich auf, Aschenregen verfinsterte den Tag zur Nacht. Höher stiegen die Vulkane, Krater an Krater öffnete sich. Aber am gewaltigsten erhob sich ein Kegel; er stieg und stieg bis mehr als 2500 Meter über die Meeresfläche, es war der Beerenberg. Er wurde von schweren Firnen und Gletschern bedeckt.
Bis in späte Zeiten hinein hat es Ausbrüche auf der Insel gegeben. Lavaströme sind hervorgebrochen, Gletscher sind geschmolzen, und Wassermassen mit Eis und Schutt sind in wildem Lauf hinuntergeschäumt. Der Aschenregen hat den Schnee und das Eis weit in die See hinaus mit dicken schwarzen Lagen bedeckt. Erde und Meer haben gezittert. Der Erdkessel ist übergekocht, und die Stille der Polarnacht ist von dem Brüllen und Krachen des ausströmenden Dampfes erschüttert worden. Diese ganze Eiswelt war eingehüllt in das kochende, brausende Wolkengemisch...
* * * * *
Kein Fisch! -- Wir dampfen wieder nordwärts, um in die „Treibholzbucht“ hineinzufahren. Vom Land im Norden erkennen wir im Nebel nur dann und wann die Eierinsel.
Hjort war auch herausgekommen; stumm standen wir unter dem Nebeldach auf der Brücke und schauten in diese fremde Welt hinein. Die Eierinsel und die Lavalandzunge im Norden traten allmählich deutlich hervor. Das mußte die „Lotsenbootklippe“ sein, der schwarze Fels, der wie ein Segelschiff dort auf Backbordbug aus der See aufragte. Und dort weiter nördlich ist die Bucht, in die wir hinein wollen.
Aber schau, nun zerstreut sich der Nebel! Er bekommt Risse, und aus den Nebelmassen tritt höher und immer höher der Beerenberg mit weißblauen Gletschern und schwarzer Lava dazwischen hervor; es ist, als ob er sich auf uns herniederwälzte.
„Da, sehen Sie, Kapitän!“ Eine Weile sieht der Kapitän hin, ohne ein Wort zu äußern, dann zuckt er die Achseln und sagt:
„Uff, ist das unheimlich! Es ist, als ob sich ein Ungeheuer auf einen herabwälzte.“
Ja, hier ist Trollebotten, das Land der Reifriesen der norwegischen Mythen. Etwas Derartiges habe ich wenigstens nirgends gesehen. Diese weißen Gletscher mit blaugrauem Eis dazwischen, die unter dem Nebeldach leuchten und sich nach allen Seiten unmittelbar ins Meer wälzen, hier und da mit schwarzen Basaltwänden darunter,
„Die düstere Welt, wo keine Sonne scheint.“
Wir fuhren in die Bucht hinein. Angelleinen wurden ausgelegt, und am hellen Morgen gingen wir schlafen und träumten von lachenden Wiesen.
* * *
Mit den Leinen fingen wir nichts. Mehrere Trawlzüge wurden unternommen, aber auch sie ergaben keinen von unsern südlichen Fischen, nur kleine ~Aragonus Cottus~ und ähnliche in Mengen.
Wenn man an all die Fische denkt auf den Bänken bei Island, was nicht viel weiter südlich ist, und bei Finmarken im Osten, was ebenso hoch im Norden liegt -- ja oft bei Spitzbergen, noch viel weiter nördlich --, dann konnte es nicht unwahrscheinlich dünken, daß auch auf den Bänken bei dieser Vulkaninsel Fische vorhanden wären. Aber es scheint doch nicht so zu sein. Die Tierwelt muß hier ziemlich arktisch sein, und für unsere großen Fische gibt es wohl zuwenig Nahrung.
Am Nachmittag schossen Ove Hjort und ich unter den Lavawänden ein halbes Hundert Alke. Das war doch wieder etwas, die Flinte gebrauchen zu können und die Alke, einen nach dem andern, auf ihrer sausenden Flucht an uns vorüber ins Wasser stürzen zu sehen.
9. August 1900.
In der Nacht, während wir vor Anker lagen und einige Heringsnetze ausgelegt hatten, mit denen wir aber auch nichts fingen, zogen einige von uns wieder ins Land hinein. Zuerst die Lavawände entlang, um Alke zu schießen.
Auf der Eierinsel gab es eine Bucht, die das Ödeste, Unheimlichste, Verzaubertste ist, was ich je gesehen hatte. Unten ein schmaler, öder Sandstrand mit einigen Stücken Treibholz, gleich verwitterten Knochen. Darüber dunkelbraune Lava- oder Tuffwände, von Wasser und Frost in den gekrümmtesten knorrigsten Formen zerfurcht, überall von oben bis unten gewunden und gezerrt wie Knoten und Sehnen. Nichts Lebendes ist zu schauen. Nicht ein einziger Schneefleck, alles ist jetzt um Mitternacht dunkel, braun und düster.
Wahrlich, das ist der „Trolle-Botten“ im Norden, im „Nebelheim“. Hier wohnen Drachen und wunderliche vorweltliche Tiere -- für jetzt lebende Wesen keine Stätte des Bleibens.
Wir gingen weiter und dann wieder zurück -- überall dasselbe Bild. Anderwärts saßen doch die Alke reihenweise übereinander und belebten die Gegend. Aber hier gingen all die tiefen, krummen Furchen von oben nach unten, so daß für Vögel kein Raum war.
Südlich, vor der Eierinsel, ragte ein gewaltiger Lavafels aus der See empor, die seinen Fuß umspült und tiefe Löcher in ihn höhlt, so daß er wohl bald umstürzen wird.
Weiter südlich, in der „Treibholzbucht“, gingen wir durch die Brandung an Land und zogen das Boot auf den Strand, so gut wir konnten. Wir gingen tief ins Land hinein, aber nie habe ich eine trostlosere Landschaft gesehen, nur eine Fläche verwitterter Lava oder Asche, schwarz und traurig, ohne einen Grashalm. Nur in weiter Ferne sahen wir in den schwarzen Bergen grüngelbe Abhänge. Aber dorthin kamen wir nicht, trotz unseres eifrigen Botanikers, der gern etwas für seine Botanisiertrommel haben wollte.
Nebel lag auf allen Bergen ringsum. Nur über den Kämmen im Nordwesten leuchtete die Sonnenröte unter dem Nebeldach und erinnerte daran, daß es irgendwo in der Welt Sonnenschein gab. Aber das mußte weit, weit weg sein.
Als wir gegen Morgen an Bord gingen, zerstreute sich der Nebel über den Bergspitzen im Süden. Draußen im Nordosten färbte sich der Himmel rot von der Sonne; in seiner Art war das ganz schön.
* * * * *
Von Jan Mayen glaubten wir genug gesehen zu haben. Ganz hatte sich uns der Beerenberg freilich nicht gezeigt, und vielleicht erhält, wer ihn an einem Tag mit Sonnenschein zu sehen bekommt, ein anderes Bild von der Insel. In meiner Erinnerung hat sich die Insel unauslöschlich befestigt. Aber zu dieser Erinnerung werde ich wohl kaum gern zurückkehren....
Im Verlauf des Tages führten wir neue Trawlzüge aus und fanden unter anderm, daß hier die Algen bis in eine Tiefe von 90 bis 100 Meter hinab wachsen. Das kommt daher, daß das Wasser infolge des dürftigen Planktons so klar und durchsichtig ist und das Sonnenlicht daher im Sommer in große Tiefen hinabdringen kann. Das Meer hat die Klarheit und den Reichtum an Pflanzenleben, die Luft und Land entbehren müssen.
Am Nachmittag ließen wir die einsame, der Erinnerung bare Insel in ihrer Nebelwelt zurück. Schnell verschwand sie unter dem Horizont im Nebel, und es ging ostwärts nach Norwegen.
* * *
Am Abend nahmen wir eine Temperaturreihe bis auf den Grund. Da ereignete sich leider das Unglück, daß beim Heraufholen der Lotleine mein neu erfundener Wasserschöpfer in voller Geschwindigkeit gegen den Block des Flaschenzugs rannte, die Leine sprang aus, und das teure Instrument mit seinen kostbaren Thermometern verschwand in der Tiefe. Einen Augenblick gab es mir einen Stich ins Herz -- mein Blut stand still; auf das Instrument war ja monatelange Arbeit verwandt. Aber dann erinnerte ich mich, daß es nur ein Wasserschöpfer war, und wir holten einen andern hervor. Die letzte Tiefenmessung mußte wiederholt werden, und wir setzten sie bis zum Grunde in 1530 Meter Tiefe fort. Und so war das Unglück nicht weiter groß. Aber trotzdem -- es war viel verloren, und man hat mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.
11. August 1900.
Wir dampfen in der Nacht mit voller Fahrt nach Osten über die große rollende Wasserfläche. Auf einmal denke ich daran, daß es Sommer ist. Und dies ist wieder ein Sommermorgen mit zunehmendem Licht und mit blaugrauen echten Kumuluswolken. Weit hinten liegt der Nebel -- und dort vorn baut die Sonnenröte ihr wunderbares Elfenland, blaue Berge mit goldenen Kämmen, Sunde dazwischen, und hier und da segelnde Schiffe von Wolken, die wieder verschwinden. Dort oben im Nebel hatte man den Sommer ganz vergessen.
Nun starre ich in der zunehmenden Morgenröte in das lockende Wolkenland hinein. Es ist, als steige Norwegen dort hinten über den Meeresrand. Du herrliches Land! Es ist einem, als wäre man weit, weit weg gewesen, seit du im Meer versankst.
Über uns segeln Raubmöwen in ihrem leichten Falkenflug (meist ~Stercorarius crepidatus~, seltener ~S. pomarinus~, fast alle mit heller Brust, selten dunklere Formen).
Wie auf der Reise nach Island kommen sie hier in ganzen Scharen, bis zu zehn und zwanzig auf einmal, und sind fast Alleinherrscher. Von Eissturmvögeln sind verhältnismäßig wenige zu sehen, und von den Stummelmöwen hier und da eine.
„Das ist ein totes Revier, hier gibt’s weder Vogel noch Fisch,“ sagt der Steuermann, der neben mir auf der Brücke steht und Ausschau hält.
Vorn auf der Back stehen die Leute; sie unterhalten sich und sehen ostwärts in den aufsteigenden Tag. Oben auf dem Anker sitzt Ove Hjort und singt: „Schönes Tal“. Seine schlanke Gestalt hebt sich dunkel vom Himmel und der hellen Meeresfläche ab.
Aber es ist bald vier Uhr, und ich muß wieder hinunter, um das Wasser zu untersuchen, ob es in der Nähe des Golfstroms wärmer wird, oder ob sich derselbe merkwürdige Wechsel zeigt wie früher......
* * * * *
Es ist weiterhin dasselbe Mischungswasser.
Oben fliegen die Raubmöwen. Einmal kommt eine Stummelmöwe. Da stoßen sie in wilder Jagd auf sie herab, bis sich das geplagte Tier auf das Wasser legen muß. Sonst habe ich hier oft die Raubmöwen selber sich dazu herablassen sehen, etwas im Wasser zu fischen, wenn sie keine Stummelmöwen in der Nähe haben.
Aber dort kommt Ove Hjort mit der Gitarre und singt:
Fade jum, fade jum, sagte der König, Fade jum, sagte Seine Majestät
und dann singt er: „Santa Lucia“ und „Wenn die Blätter leise rauschen“.
Dort draußen steigt der Atemdampf von Walfischen auf. Ein paar große Wale ziehen ostwärts denselben Weg wie wir.
Drei Uhr nachmittags.
Nach einer arbeitsreichen Nacht habe ich geschlafen und liege hier auf dem Heck und schlucke Sonnenschein. Dunkelblaues Meer, hellblauer Himmel, hoch oben weiße segelnde Sommerwolken und Norwegen im Osten immer näher rückend, hinter dem scharfen blauen Meeresrand.
Dort vorn sind Netze zum Trocknen aufgehangen und heben sich schön rotbraun von der blauen Fläche ab.
Die Sonne brät einen bis in die Seele hinein, und das Leben ist blau. Kann man je zuviel Sonnenschein bekommen?
Hoch oben stoßen die dunkeln Raubmöwen ihre Klageschreie aus. Sie folgen uns noch. Was willst du hier im Sonnenschein, du Alk, fliege heim zu deinem Nebel und störe nicht die Sommerträume des Mannes.
Wie schön die Mastspitze golden gegen den blauen Himmel leuchtet! Sie erinnert mich an die goldene Mastspitze der „Fram“, wenn ich sie vom Eise her weit draußen in blauer Luft schaute. Es war so wunderbar einsam, dieses Gold dort hoch oben in der kalten Luft -- ein Gruß aus einer reicheren Welt. -- Segelt weiter, blinkende, goldene Träume!
Am Abend.
Gerade jetzt etwas Freudiges.
Tagelang haben wir seit der Abfahrt von Jan Mayen nach Medusen ausgespäht, Tag und Nacht. Nun sahen wir endlich die ersten. Das große Netz muß hinaus, während wir zu Abend essen.
Gran untersucht das Oberflächenplankton. Große Freude! Plötzlich tritt jetzt in Mengen ~Ceratium tripos~ auf, eine Kieselalge, die das Meerleuchten hervorruft -- also Küstenwasser oder Wasser von den Bänken. Gerade das, was wir nach den Medusen erwarten müssen.
Was wird das Netz bringen? Es wird hereingeholt. Große Spannung! Als es dann aber voller Medusen war und es zwischen ihnen von Fischbrut wimmelte, da herrschte an Bord wilde Freude. Gran lief herum und sang und tanzte. Der Kapitän kam aus seiner Kajüte im bloßen Hemd heraus und wollte es nicht glauben, bis ihm ein ganzer Teller voll wimmelnder Fischbrut präsentiert wurde.
Ja selbst der junge Jakob mit seinem Zahngeschwür mußte, in ein großes Tuch eingemummelt, hervorkommen und sich das Netz ansehen, das dieses Wunder: Fischbrut, reine Dorschbrut mitten im Meer zwischen Norwegen und Jan Mayen, mehr als zweihundert Seemeilen vom Lande, heraufgeholt hatte. Die Freude steckte alle an Bord an. Ein neuer Schritt vorwärts zum Verständnis des Meerestierlebens.
Es muß so vor sich gehen, daß im Frühjahr das Wasser an der Oberfläche an den Küsten und über den Bänken durch die zunehmende Menge Flußwasser vom Lande her stark gespeist wird. Außerdem wird dieses süße Oberflächenwasser im ganzen Vorsommer stark von der Sonne erwärmt. Auf diese Weise wird es viel leichter als das salzhaltige Wasser und muß sich infolgedessen weiter ins Meer hinaus verbreiten als im Winter. Dadurch kommt dieses Oberflächenwasser dazu, auch sein Plankton mitzuführen, wie auch diese roten Medusen, ~Ceratium tripos~, und die Dorschbrut, die im Frühjahr an den Bänken gelaicht ist.
Es ist übrigens eigentümlich, daß diese Dorschbrut, die also mit dem Wasser forttreibt, sich meistens gerade unter den großen roten Medusen aufhält, wo sie wohl bis zu einem gewissen Grad am besten geschützt ist.
+Auf dem Meer+ zwischen Jan Mayen und Norwegen, 12. August.