Part 7
Das Auge folgt den weißgrünen Wirbeln; man sieht sich wieder frisch an diesem starken Willen, der seinen singenden Siegeslauf durch das Tal, das er selbst gegraben hat, dahinzieht -- von keinem Hindernis aufgehalten. Du bist wie das Menschenleben, wie das Mannesalter! Du kommst aus der unbewußten Unschuld der Kindheit, aus dem weißen Schnee, der die knorrige Härte des Gebirges bedeckte, als die Zeit nicht eilte.
Nun hastest du mit der Blindheit des Mannes durch dein Werk, brichst dir selber den Weg und leistest deine Arbeit, um still ins Meer zu verschwinden. Aber von neuem steigen deine Wasser, von neuem fällt Schnee im Gebirge...
Über deinen schäumenden Lauf beugt sich geschmeidig und anmutig die Hängebirke. Du gibst ihren Wurzeln Wasser und ihren Blättern Tau -- aber dann eilst du weiter......
+Grjotli+, 16. Juli.
Wieder oben zwischen Bergen und Schnee. Die Sonne ging gerade unter, und über dem Bergkamm erglühte der Gletscher in tiefem Karmin. Die Flächen und der See unter mir liegen im kalten Abendschatten.
Kaum ist man den Gletschern wieder nahe, und sofort treibt der Lebensmut neue Schößlinge, und das andere da unten wird dumpfe Schlaffheit.
Was ist das für eine Zaubermacht? Als ich sie diesmal zuerst sah, die dunkle Schlucht, die jähen Felswände und die weißen Gletscherflecken, scharf begrenzt und hart, da kam das Unbehagen; es war wie: ach, mußt du da hinein? Da lockten die fruchtbaren Felder und die lachenden Birkenhaine... Aber jetzt -- wenn man zu den Gletschern hinübersieht, wie sie bläulichweiß und kalt daliegen, nachdem die Sonnenglut verschwunden ist -- da ist es, als fühle man sich wieder frei und aufrecht. Kommt es vielleicht von der Luft, die so hoch über dem Meere leichter ist?
+Geiranger+, 17. Juli.
Regen und Nebel über den Bergen. Nichts ist zu sehen, und trotzdem ist es schön, Mensch zu sein. Es ist so wunderlich: in Regen und Unwetter wird einem oft am leichtesten zumute. Löst die feuchte Luft das trübe Wetter im Innern auf? Nun ist es ganz fort...
Die Fahrt hier herab gehörte gewiß zum Großartigsten, was ich je sah, wenn ich nur etwas davon hätte sehen können! Aber der Nebel war so dicht, daß, als ich oben in der Schlucht stand und Wasserfälle auf allen Seiten stürzten, ich über und unter mir nichts anderes als wogende Wolken schaute. Ich ahnte nur, daß ich 3000 Fuß unter mir das Tal und den Fjord hatte, da unten in der Tiefe, wo die grauen Steinmassen verschwanden.
Einmal ging ein Riß durch die Nebelmasse, und ich erblickte tief, tief unten ein grünblaues Band -- das mußte der Fluß sein, zu dem die Wasserläufe sich über diese stürzenden, hängenden Schutthalden und Bergwände hinabgewälzt hatten... Dann verschwand es wieder, und ich hörte nur das Donnern stürzenden Wassers.
Es ist der ausgeprägteste Talkessel, durch den ich je, soweit ich mich besinnen kann, gefahren bin. Die Wände im innersten Kessel steigen etwa 2000 Fuß an, und das Tal spaltet sich dann in zwei, jedes mit einem Fluß; keiner von diesen scheint sich tiefe Rinnen gegraben zu haben. Die Zeit, seitdem der Talkessel vom Eise gebildet worden und der Gletscher geschwunden war, war zu kurz; dazu kommt, daß der Abstand von der Wasserscheide bis zum See so klein und das Gefäll groß ist, daß also die Ausgrabung und der Transport von allen Seiten zu schnell gegangen ist.
Es war die reine Polarlandschaft dort oben zwischen den Bergen. Die Gletscher wälzten sich aus dem Nebel herab, die Bergwände standen nackt und naß darunter, und dazu der schwarze Djupsee mit den zerstreuten blaufüßigen Eisschollen. Man war wieder hoch im Norden in der Eiswelt.
+Ålesund+, Sonntag, 22. Juli.
Ich liege seewärts auf einer Bergkuppe und lasse mich von der Sonne braten. Weit draußen nach Nordosten breitet sich das Meer kühl-blau und dunkel mit weißen Schaumkämmen.
Von Geiranger aus haben wir ozeanographische Untersuchungen im Storfjord unternommen; jetzt sind wir hier. Gestern kamen wir halbwegs bis Storeggen hinaus, um unsern Querschnitt durch das Meer nach Island hinüber mit einer Reihe von ozeanographischen Stationen zu beginnen, auf denen Lotungsreihen mit Temperaturbeobachtungen und Wasserproben von der Oberfläche bis zum Meeresboden genommen werden.
Mehrere Tage hatte es Nordweststurm gegeben. Noch war hohe See, und die Wogen gingen so hoch, daß sie auf mehrere Faden Tiefe Brandung bildeten. Das war nicht gerade gemütlich für diejenigen von uns, die nicht seefest waren. Aber die Arbeit wurde trotzdem geleistet, und wir erledigten unsere fünfte Station auf dieser Reise gut genug...
* * * * *
Hier ist es so still und friedlich. Unten ein kleiner gemütlicher Hafen mit Speichern und Fischerhütten ringsum; draußen Schären und Holme, die gelbbraun, mit eingesprengten grünen Flecken, sich von dem blauen Meer abheben, auf dem es von Nordosten immer mehr zu wehen anfängt. Kein Segelboot ist bei dem frischen Winde zu sehen; es ist ja Sonntag, und die Leute sind in den Häusern und feiern.
Hier und da schlendern sonntäglich gekleidete Männer umher, die Hände in den Hosentaschen, und spucken -- oder sie liegen auf einem Hügel in der Sonne, die Hände unter dem Nacken, und starren ins Weite, oder sie sitzen zu zwei und zwei zusammen, saugen an ihren Pfeifen und reden vom Wind und von Fischfangaussichten. Sie haben in den letzten Wochen einen überaus guten Fang von Langfischen gehabt.
Unten auf dem Hügel spielen einige Kinder. Ein keckes, halbwüchsiges Mädchen mit roter, in der Sonne hell leuchtender Mütze übt auf einer Ziehharmonika „Ja wir lieben dieses Land“; sie singt dazu und marschiert auf und ab. Sie bewegt sich stramm und behend.
Dort kommt ein erwachsenes Mädchen im blauen Rock herauf; sie setzt sich auf den Stein und will die Harmonika haben. Sie spielt nicht besser.
Auf einmal aber wird sie eifrig; sie fährt auf, glättet das Kopftuch und geht ein Stück nach unten. Ich sehe nach der entgegengesetzten Seite. Dort unten auf dem Wege gehen zwei Mannsleute ruhig und gemütlich. Sie werden wohl bald stehen bleiben? Jawohl, der eine bleibt stehen, sieht hinauf und spuckt, die Hände in den Taschen, den Nacken etwas gebeugt. Der andere bleibt weiter unten stehen.
Das Mädchen wendet sich und kehrt zurück; verwirrt sieht sie sich nach den Kindern um, die sie ja nicht zu beaufsichtigen hat, bittet sie zu kommen und will doch gar nicht, daß sie es tun. Dann geht sie im Zickzack nach unten.
Das Mädchen mit der Harmonika will folgen, wird aber abgewiesen. Dann geht es schneller und schneller, bis zum Stacheldrahtzaun. Dort unterhalten sie sich, dann spazieren sie den Weg weiter hinunter und verschwinden hinter den Häusern.
Später sehe ich sie unten im Hafen in einem Boot. Er setzt ein rotbraunes verwittertes Segel, und bei gutem Wind geht es zu einer Sonntagsfahrt über den glitzernden Fjord. Der blaue Rock leuchtet frisch weit hinaus, aber die Freude ist ja blau. Das Leben ist strahlendes blaues Sonnenlicht.
Wie gut es tut, zu faulenzen! -- Morgen geht es auf die See. Wir wollen erst mit einer Reihe von Stationen einen Querschnitt durch das Meer nach Island hinüber ziehen, dann soll es weiter nach Jan Mayen gehen und zurück nach den Lofoten. Hjort und Gran wollen die Verbreitung des Lebens im Meer und die Fischverhältnisse studieren, Helland-Hansen und ich werden besonders das Verhältnis zwischen den warmen und kalten Strömungen und Wassermassen zu ergründen suchen.
Wir alle haben neue Apparate, Instrumente und Methoden für die Untersuchung des Meereslebens und der physikalischen und chemischen Verhältnisse des Meeres erfunden, und Großes erwarten wir von dieser Fahrt -- nach unserer Annahme dürfte sie wohl in der Meeresforschung eine neue Zeit einleiten.
+Auf dem Meer+ zwischen Norwegen und Island, Donnerstag, 26. Juli.
Das Leben ist mitunter licht. Wir haben den ersten Sieg auf unserer Fahrt errungen! Heute nacht bekamen wir unsere Treibnetze voll von Heringen, blanken, blinkenden, großen Heringen. Einen Kohlfisch fingen wir auch und zwei große Dorsche, mitten auf See.
Hjort strahlte vor Stolz auf diese Bestätigung seiner Erwartung. Er war zu dem Schluß gekommen, daß die Fischarten, die uns unsere großen Fischereien liefern, nicht nur an die Bänke und Küstenstriche gebunden, sondern über das ganze Meer verbreitet sind, auch über die großen Tiefen, überall wo sie Lebensmöglichkeit finden. Er war darin bestärkt worden durch das, was Bottlenose(Entenwal)-Fänger von Fischmengen erzählten, die sie auf offener See gefunden hatten.
Hier haben wir also die sicheren Beweise. Auf einmal wird das Feld, aus dem die Fischereien ihre Reichtümer holen, mächtig erweitert. Die Fischmengen des Meeres scheinen noch unerschöpflicher zu sein, als wir zu glauben gewagt hatten.
Nun bin ich gespannt auf den Rotfisch (~Sebastes norvegicus~) westlich von Jan Mayen, wo ich im Jahre 1882 einen Klappmützenmagen voll von frischen Rotfischen fand, die eben erst eingenommen sein mußten. Und das war mitten in der Tiefsee. -- Und dann denke ich auch an alle die Fische, die ich in den Magen von Eishaien fand, die wir damals in der Dänemark-Straße zwischen Island und Grönland fingen.
Wir hielten ja Dorsche, Rotfische und ähnliches hauptsächlich für Grundfische, und wir unterschieden sie von den sogenannten pelagischen Fischen, die frei im Meere herumstreifen, wie z. B. die Makrele. Aber nun werden sie ja so ziemlich alle pelagisch.
Es ist Windstille. Lange Dünungen wie wogender Stahl. Leise Schläge gegen die Schiffswand, die Feuerkugel der Sonne geht in bläulichem Purpur unter. Eissturmvögel schweben geschäftig auf stillen Schwingen über dem Meeresspiegel, unablässig den Sonnenstreifen kreuzend, als suchten sie etwas, was sie niemals finden. Aber du lieber Himmel, das tun wir wohl alle....
Doch man muß schlafen. In wenigen Stunden kommt das Schleppnetz herauf, und dann gilt es wieder die ganze Nacht zu arbeiten, Temperaturen zu messen und Wasserproben aus der Tiefe zu holen. -- Schlafen, wie man nur auf See schlafen kann.
+Nördlich von Island+, Sonntag, 29. Juli.
Nebel, Nebel -- über uns, um uns -- Nebel, wohin wir schauen.
Aber fahr weiter durch den Nebel, während das Meer dir entgegenwogt und dir Botschaft und Grüße bringt von der unsichtbaren Welt da hinten, du weißt nicht woher -- dir Sehnsucht bringt, du weißt nicht wonach. Du ahnst nur, daß es eine Sehnsucht gibt nach irgendwohin im Raum -- hinter, über dem Nebel, wo der Tag klar ist und die Sonne auf blinkende Zinnen scheint.
Hallo, da wird in der Maschine halbe Fahrt signalisiert. Der Nebel draußen ist dicht wie Brei. Wir können nur ein paar Schiffslängen vor uns sehen.
Das ist der Eismeernebel. Das ist die Grenzscheide, wo die warmen, salzigen Meeresströmungen des Südens mit den weißen Eisfeldern zusammentreffen. Und Wogen kommen und Wogen gehen, wir sehen nicht woher und wissen nicht wohin.
Irgendwo im Süden liegt Island, das Land der Sagas -- im Norden liegt das Eis. Aber aus diesen wollgrauen Nebelmassen kommen kühne Wikingerschiffe aus längst verschwundenen Zeiten mit niedrigem Segel vorübergefahren -- wetterharte Kerle mit struppigem Bart, den Kopf frei auf starken Schultern und scharfe Augen unter den Brauen -- Kerle, denen das Leben ein Spiel ist, die aber auch den Tod nicht fürchten.
Da fährt der geächtete Eirik Raude, vierschrötig und zerlumpt, aber mit zähem Willen; dir passen Nebel und Eis. Da steht Leif aufrecht und ruhig am Achtersteven, der Verwegene mit den weiten Zielen und der sicheren Überlegung. Du vermeidest am liebsten das Eis und suchst das offene Fahrwasser.
* * * * *
Sie verschwinden wieder im Nebelmeer, während Island dort im Süden liegt und seine Erinnerungen an Tat und Missetat hegt.
* * * * *
Nun wird in der Maschine wieder volle Fahrt signalisiert. Der Nebel hat sich etwas gelichtet, die Schraube dreht sich in gesteigertem Tempo; es geht neuen Zielen zu.
Setze Segel für den Tag der Arbeit, hinaus aus dem naßkalten Nebel! Sie lebten ihr Leben und erfüllten es mit Abenteuern, laßt auch uns unser Leben leben.
* * *
Am Nachmittag endlich entdecken wir plötzlich Land vor uns. Es ist der Fuß einer senkrechten Bergwand unten an der Meeresfläche, der aus dem Nebel hervordunkelt.
Es ist Kap Nord, gerade das, was wir erwarteten. Wir sind in der Tat nicht weit davon entfernt. Nun wissen wir, wo wir sind, und da geht es weiter. Eine felsige Landzunge nach der andern tritt hervor, senkrechte Basaltwände. Wir sahen in den Jökullfjord und in den Isafjord hinein. Der Nebel lag auf allen höheren Bergspitzen, aber hier und da leuchteten Firne und Gletscher aus den Nebelmassen hervor. Von Nordosten ging eine frische Kühlte.
Ein Blick in den Önundarfjord hinein. Wild und zerrissen ist er, aber jetzt ansprechender als das letztemal, als ich im Sturm dort war, im Monat Mai vor zwölf Jahren, und die Berge mit Neuschnee bedeckt waren.
Draußen begegneten wir Ellefsens fünf Walfischfängern, starken, kleinen Schiffen, die sich gut auf den Wellen schaukelten, Schaum am Bug.
Gegen Mitternacht ging es in den Dyrafjord hinein, aber ich erkannte ihn nicht wieder. Der spitze Kegel dort war wohl die Myrumkuppe, die Häusergruppen an Steuerbord mußten Högatal sein, aber ich entsann mich nicht, daß es so bewohnt war.
Dort vorn erstreckt sich eine flache Landzunge, soweit wir das im Dunkeln durch das Fernrohr erkennen können. Ja, nun kenne ich mich wieder aus, das ist Thingeyre. Aber auch dort scheinen jetzt mehr Häuser zu stehen, als ich in Erinnerung habe.
Wo ist Bergs Haus? Es muß wohl weiter da drinnen liegen. Ja, dort liegt auch ein Dampfschiff vor Anker. Das muß einer von seinen Walfischfängern sein. Nein, das ist ja eine Fabrikesse. Nein, es ist doch ein Dampfer mit Schornstein.
Wir kommen näher. Ich starre nach Thingeyre hinüber. Ich erkenne das Haus wieder, in dem wir wohnten und drei Mann zusammen in einem Schlafsack auf der Diele einer Bodenkammer schliefen -- wo ich, auf der Diele dieser Bodenkammer auf dem Bauche liegend, eine Abhandlung über den „Hermaphroditismus des Schleimaals“ schrieb... Und auf einmal stehen jene Tage mit all ihren unruhigen Erwartungen und unsicheren Ahnungen leibhaftig vor mir.
Wir warteten damals auf das Schiff, das uns an die Ostküste Grönlands bringen sollte, wo wir durchs Treibeis an Land wollten, um über das Inlandeis zu gehen.
Es war im Grunde keine begehrenswerte Zeit. Keine Ruhe, um sich irgend etwas zu widmen. Die Berghalden entlang unternahmen wir unsere Ausflüge zu Pferd. Aber auch diese konnten wir nicht ganz genießen, ebensowenig wie den Ritt zum Glåmugletscher. Wie eine Nebelwand lag es ja vor uns, dieses Unbekannte, in das wir hinein-, durch das wir hindurchfahren sollten -- wie die Nebelkappe jetzt dort über dem Glåmugletscher.
Aber der Dampfschiffsschornstein dort drinnen wurde doch zu einer Fabrikesse, und das Helle dort oben an der Halde muß Bergs Haus sein.
Der Geruch sollte uns auch nicht lange darüber in Zweifel lassen, daß wir in der Nähe einer Walfischfängerstation waren. Vorsichtig fuhren wir ein und ankerten neben drei Walfischfängern, die dort vertäut lagen.
Gegen sechs Uhr morgens ging Kapitän Sörensen an Land und begrüßte Berg. Dann mußten wir nach Thingeyre hinüber, um Kohlen zu bestellen und meinen alten Wirt, den Holsteiner Herrn Wendel, zu begrüßen. Dann zurück und vor Framnes anlegen; und drei Tage lang war das Leben eitel Sonnenschein.
Im Grunde ein prächtiger Ort. Der Fjord voll von Fischen und Enten und Seevögeln, Forellen in den Flüssen, Schneehühner auf den Bergen und dann die herrlichen Ausflüge zu Pferd. Was will man noch mehr? Hier mußte man leben können, unterdessen mochte die Welt weiterrollen. -- Die Chinesen schlachten Europäer ab und die Engländer Buren -- was geht das uns hier an? Man hat Telegraph und Post vergessen -- und das Telephon.
Dienstag, 31. Juli 1900.
Ich besuchte einen alten Dichter, Sigvathor Grimsson. Er ist Bergs nächster Nachbar und sein Pächter. Er ist 60 Jahre alt und hat in seinem Äußern nicht gerade viel von einem Dichter. Als ich zu ihm kam, stand er gerade gebückt da und mähte. Er war dabei, einen Rasenhügel mit einer kurzen Sense zu barbieren, wie sie in Norwegen und Island benutzt wird, wo die vielen Steine im Gras dazu nötigen.
Erst wurden die notwendigen einleitenden Bemerkungen über dies und jenes erledigt. Er brachte seine Versicherung, daß er so vornehmen Besuch nicht erwartet habe, in gutem Dänisch vor, wobei er ständig die Anrede brauchte: „Mein guter Herr.“ Dann kamen wir ins Plaudern.
Ich fand, es müsse doch mühsam sein, eine Wiese zu mähen, die so dicht mit Höckern bedeckt sei wie diese, und fragte, wie er dies Jahr für Jahr tun könne.
Erstaunt entgegnete er, wie es denn anders gemacht werden könne. Ich meinte, es müsse doch weit besser sein, das Feld flach zu pflügen.
„Nein, mein guter Herr, dann würde ja die Fläche, auf der Gras wachsen kann, viel kleiner!“
Das war auch ein Gesichtspunkt. Aber sonst war das Pflügen in diesen letzten Jahren hier nicht mehr unbekannt. Als ich vor zwölf Jahren nach Grönland reiste, kaufte ich das einzige Pferd auf Island, das, wie man sagte, vor einem Pflug erprobt war und daher ziehen konnte, was die isländischen Pferde sonst nicht können.
Dann fragte er, ob ich ins Haus treten wolle. Durch den niedrigen, gekrümmten dunkeln Gang, der sich fast wie der Hausgang einer Eskimohütte ausnahm, kamen wir in einen Raum, der so niedrig war, daß ich nicht aufrecht stehen konnte. Da lagen Bücher die Wände entlang in Haufen aufgestapelt, meist uneingebunden, von verschiedener Art, von Familienzeitschriften angefangen bis zu Sagas.
Dann ging es eine Treppe in das Obergeschoß hinauf, das ein gemeinsamer Aufenthaltsort unter dem Dachboden war: Wohnstube, Arbeitszimmer und Schlafraum für ihn und die ganze Familie.
Hier lag auf einem Tisch am Fenster sein Arbeitszeug, Feder und Tinte. Wenn er aber schrieb, saß er auf einem Schemel und hielt ein Brett als Schreibtisch im Schoß. Hier verbrachte er, soweit ich erfahren konnte, den größten Teil des Winters und seine sonstige von Landarbeit freie Zeit.
Er zog seine Manuskripte hervor, sechs dicke Bände über isländische Priester, schön und dicht beschrieben; dazu kamen noch mehrere Bände mit Nachträgen.
Über den Inhalt kann ich nicht urteilen. Aber eine Riesenarbeit ist allein schon die Niederschrift, und sie ist geleistet ohne Hoffnung, sie jemals gedruckt zu sehen. Es soll eine Arbeit sein, die er kommenden Geschlechtern hinterläßt und die auf der Kopenhagener Universitätsbibliothek aufbewahrt werden soll, wenn sie nicht etwa jetzt der Reykjaviker Bibliothek übergeben wird.
Wahrhaftig, mich überkam Bewunderung für diesen alten Mann, wie er dort in dem engen Zimmer stand. Für wen arbeitete er? Nicht für Ruhm -- es müßte höchstens bei der Nachwelt sein. Etwa für die Menschheit?
Arm wie Hiob, in dieser Umgebung, den undichten Torf des Daches so dicht über dem Kopf, daß er daran stieß. Nie hatte er studiert, nur immer die Erde gegraben. Ja, wir arbeiten, weil wir müssen, sei es selbst über isländische Priester.... Unsere Ziele werden groß genug, wenn unsere Scheuklappen nur das Gesichtsfeld klein genug machen.
Undicht? Ja, das Torfdach war so undicht, daß er, wenn es regnete, über das Manuskript gebeugt sitzen mußte, damit es nicht aufs Papier, sondern auf seinen Rücken regnete.
+Das+ ist Island! Niedergedrückt von Erinnerungen, fast bis zur Verkrüppelung, lebt es in der Vorzeit -- vergißt die Gegenwart -- und braucht die kurze Sense.
* * *
In der Nacht des 2. August fuhren wir in düsterer Stimmung wieder aus dem Dyrafjord hinaus. Wir hatten im Laufe des Tages einen herrlichen Ritt nach der Kirche und weiter unternommen, und die Familie Berg hatte den Abend bei uns an Bord zugebracht.
Niemand hatte Lust abzufahren, und mehrere von uns hätten wohl gern Sturm auf See gehabt, um wieder zurückkehren zu müssen. Aber die See war schön, und im Norden träumte der Himmel nach Sonnenuntergang in einer wehmutsvollen bleichen Röte. Ove Hjort sang: „Norweger wollen fahren.“
Aber nicht immer wollen sie fahren.
Tags darauf machte ~Dr.~ Hjort einen ausgezeichneten Fang. Mit dem großen Netz fing er im Verlauf einer Viertelstunde mitten in der Dänemark-Straße, in der Grenzzone, wo sich der warme Irmingerstrom aus dem Atlantischen Ozean und der Polarstrom begegnen, 128 Fischbruten, meistens Dorscharten.
Dieser Fund ist von großer Bedeutung, denn er zeigt, daß die Brut von den Bänken an der Küste, wo die Fische laichen, mit den Strömungen vom Lande nordwärts ins Meer hinaustreibt, bis das Küstenwasser, das sie mitführt, hier dem Wasser des Polarstroms begegnet. Die jungen Fische leben nun ihr freies Leben im Meer, bis sie so groß werden, daß sie aus eigenem Trieb wieder zu den Bänken zurückkehren.
4. August 1900.
Gestern kamen wir bei glänzendem Sonnenschein und stiller See an das Eis heran. Es war ein eigentümliches Gefühl, es wiederzusehen. Am äußersten Rand trieben kleine lose Stücke, die von der warmen See aufgezehrt wurden. Weiter weg aber erstreckten sich in düsterer Eismeereinsamkeit schwere Schollen, unbetreten und ungesehen.
Ich schaute sie mir durchs Fernrohr an, diese weißen Eisflächen, die ich so gut kannte. Ich überlegte, ob es leicht war, Boote darüber hinwegzuziehen, und war mitten drin in unserer Fahrt übers Eis und unserer Drift Grönland entlang vor zwölf Jahren.
Erst fühlte ich mich so überlegen, als Gran und die andern gern ins Eis hinein wollten. Ich hatte gar nicht den Wunsch, da hinein zu kommen; ich hatte dort nichts zu tun. Das einzige, was mich interessierte, schien mir zu sein, ein Stück sibirisches Treibholz aufzufischen, das im Wasser zwischen den Eisstücken trieb.
Wie ich aber so dastand und hinausstarrte, da überkam mich doch die Sehnsucht, wieder dort drin zu sein, wieder von einer Scholle aus nach Fortkommen auszuspähen -- es ist Spannung, Handlung in dem Leben dort...
Der Schraube wegen mußten wir wieder umkehren; sie konnte in den losen Eisstücken abbrechen. Aber ich blieb stehen und starrte weiter, bis die schweren Schollen außer Sicht waren.
Wir waren gerade an der Grenze, wo sich die kalte und die warme Strömung begegnen. Auf der einen Seite der Polarstrom: aus weniger salzhaltigem, leichterem Wasser bestehend, von den sibirischen Flüssen gespeist, fließt er an der Oberfläche südwärts die grönländische Ostküste entlang und trägt die großen Eismassen auf seinem Rücken. Auf der andern Seite die warme Strömung, der Irmingerstrom genannt, die vom Atlantischen Ozean nordwärts die Westküste Islands entlang zieht.
Hier fließt das kalte, aber süße und daher leichte Eismeerwasser auf der Oberfläche, während das warme, salzige und daher schwerere Wasser des Atlantischen Ozeans unter das Eismeerwasser untertaucht. Und alles, was es auf seinem Rücken trägt, wird abgeschäumt und bleibt längs der Grenzlinie liegen, so daß wir diese auf weite Entfernung wie einen scharfen Schaumrand sehen können, wo die Wasserfläche zittert und wirbelt. Tiefer unten sind die verschiedenen Schichten durcheinandergeschoben, abwechselnd warme und kalte.
Heute nacht machten wir gerade in dieser Strömung eine Lotungsstation, in der wir wie üblich eine vertikale Reihe von Temperaturbeobachtungen anstellten und von der Oberfläche bis zum Meeresboden Wasserproben entnahmen. Die Temperatur konnte hier an der Oberfläche in ein paar Minuten von 3 Grad bis zu 10 Grad Wärme ansteigen.
Es war geplant, mehrere Stationen zu machen und dann nach Island zurückzukehren. Aber das Wetter ist gut, wir müssen es ausnützen und weiterkommen. Der Kurs wird daher nördlich von Island bis nach Jan Mayen gesetzt.
Südlich von uns liegt Island, vor einer Weile im Sonnenschein, jetzt im Nebel. Ein paar herrliche Tage hatten wir dort gehabt, ein sonniges Leben. Von den Nebeln kamen wir und zu ihnen kehren wir zurück....