Freiluftleben

Part 9

Chapter 93,793 wordsPublic domain

Gestern abend, hier mitten im Meer treibend, legten wir Leinen mit Hunderten von Angelhaken aus, und heute früh holten wir sie herein und fanden eine Menge Rotfische, große Sebastes norvegicus. Das hatten wir gerade erwartet. Es war also richtig, daß der Rotfisch hier draußen über den großen Meerestiefen lebt, etwa 80 bis 90 Meter tief, und in solchen Mengen. Und das wissen die Seehunde, wenigstens die Klappmützen.

Der Himmel ist bewölkt, und das Meer lächelt nicht. Trübes Wetter im Herzen -- weshalb? Und morgen sehen wir vielleicht Norwegen! Ich habe wohl die letzte Nacht zuviel gearbeitet, und diese Tage zuwenig geschlafen. -- Schwermut. -- Die See rollt bleigrau......

So viele Rätsel unter der ewig wogenden Fläche. Und wie wenig wissen wir noch von dem, was da unten vorgeht und sich bewegt.

Droben im Polarmeer hatte ich durch fortlaufende Temperaturmessungen der Wasserschichten in verschiedenen Tiefen eine Ahnung davon bekommen, daß in diesen Schichten große Wellen gingen, von denen wir an der Oberfläche des Meeres nichts merkten.

Nun haben wir, indem wir viele Stationen dicht nebeneinander machten, diese Verhältnisse näher zu erforschen versucht. Es bestätigt sich, daß es solche unbekannte Wellen in der Tiefe auf den Grenzen zwischen den Schichten geben muß, so daß die schwereren Schichten unten in den leichteren Schichten oben auf- und abwogen. Und die Wellen, die dort unten langsam rollen, sind groß, sie können 40 und 50 Meter hoch sein; ja, es ist die Frage, ob nicht zuweilen solche von 100 und 200 Meter Höhe vorkommen.

Hier an der Oberfläche merken wir sie nicht. Man denke sich, daß wir auf einmal solche Wellen daherrollen sehen. Aber das verhindert die Schwerkraft. Der Gewichtsunterschied zwischen Wasser und Luft ist zu groß; solche Wellen würden an der Oberfläche des Meeres, wo sie sich in die Luft erheben sollten, zu schwer werden im Verhältnis zu der Kraft, die sie vorwärts treibt. Und selbst wenn man sie sich durch ein zufälliges Ereignis gebildet denken könnte -- z. B. durch einen Vulkanausbruch auf dem Meeresboden oder durch ein Erdbeben --, würden sie sofort zusammenfallen und eine entsprechende Höhe annehmen. Anders dort unten, wo der Gewichtsunterschied zwischen der einen Schicht und der andern so gering ist.

Wenn wir auf einem hohen Berge stehen, das Nebelmeer unter uns, und die Sonne scheint darauf, dann können wir dort große Wellen sehen. Das sind die Wellen in den Luftschichten. So ungefähr müssen wir es uns auch unten im Meere denken....

Im übrigen ist es merkwürdig, wie regelmäßig verteilt wir die Wasserschichten in der Tiefe gefunden haben; ganz anders gleichmäßig, als alle früheren Untersuchungen erwarten ließen.

In allen Tiefen von mehr als 800 bis zu 1000 Metern ist das ganze Nordmeer voll von kaltem Wasser, unter Null Grad, und die Temperatur nimmt regelmäßig ab bis zum Grunde, wo sie ungefähr 1,2 Grad unter Null ist. Der Salzgehalt ist überall bis zum Grunde fast genau derselbe, und die Veränderungen in diesen tiefen Schichten von Ort zu Ort sind verschwindend klein. Auch in den höheren Schichten sind die Veränderungen immer gradweise und regelmäßig. Das sind wichtige Entdeckungen; die Meeresforschung wird zu einer mehr exakten Wissenschaft.

* * * * *

Draußen nimmt die Dünung von Norden her zu. Der Himmel verfinstert sich, und es beginnt zu wehen. Sollte es in der Nacht Sturm geben?

Durch die Wolkenschicht im Nordwesten dringt ein goldener Sonnenstrahl und nach unten ein Lichtschleier, der ganz draußen am Meeresrand glitzert; dann verschwindet er wieder. Die Abenddämmerung bricht an. Das Meer wogt über seine Rätsel in die Nacht hinein.

Ove Hjort singt im Laboratorium, zwischen Helland-Hansens Flaschen am Tisch sitzend, zur Gitarre: „Die Hütte ist geschlossen“, während die Schraube uns ostwärts nach Norwegen arbeitet.

* * *

Am Abend des 14. August kamen wir unter die Küste von Norwegen, diesem Märchenlande des Nordens. Auf der See draußen begann es zu stürmen, wir mußten daher unsere Arbeit auf der letzten Station etwas abkürzen.

Wir steuerten in den Sund hinein. Südlich lagen die Lofotenberge wild und gezackt. Mit Firnen und Schneefeldern, fast bis zum Fuß herab, stürzten sie aus dem Nebel in die See, im Bunde mit der Welt, aus der wir kamen. Kein Platz für ein menschliches Heim -- das reine Trollheim.

Auf der Nordseite lag die Hasselinsel, weiße Häuser auf grünen Wiesen, die gerundeten Anhöhen mit Birkenwald, Gras und Moos bis zur Spitze hinauf begrünt, nicht ein nackter Fleck......

Ist das nördlich des Polarkreises? Wie wunderbar friedlich und freundlich lächelt es uns entgegen an dem düstern Abend unter dem dunkeln, drohenden Nebeldach, das sich von dem Trollheim im Süden nach Norden erstreckt. Ein Gruß von Sommer und Frieden.

Ist +dies+ die Schönheit? Oder ist es das unbändig Wilde auf der andern Seite? Oder das Große, Rollende, immer Wechselnde dort draußen?...... Ich weiß es nicht mehr. -- Aber hier ist Frieden, der dazu verlockt, haltzumachen, sich umzusehen und zu ruhen.

Weiter drinnen der Fjord, waldbewachsene Anhöhen und dahinter der Mösattel und Gipfel mit Gletschern, die in den Wolken verschwinden.

Es ging südwärts zwischen Holmen und Schären nach dem engen Raftsund, die Bergwände in Nebel gehüllt. Nachts hielten wir in Hannö, um das Morgengrauen zu erwarten.

Am Land erhielten wir vom Kaufmann die neuesten Zeitungen: König Umberto erschossen, in China ungefähr alles beim alten, aber keine Neuigkeiten von zu Hause.

Am nächsten Morgen steuerten wir in den Westfjord hinaus und westwärts nach Svolvär. Ein steifer Wind, aufgeregte See, immer noch treibender Nebel über den Bergspitzen, aber auch ein Sonnenstrahl.

Um acht Uhr morgens erreichten wir Svolvär. Das erste war, an Land zu gehen und Telegramme aufzugeben. Endlich, am Nachmittag, kam Antwort von zu Hause -- alles wohl! Am Abend veranstalteten die freundlichen Menschen von Svolvär und Kabelvåg ein Fest für uns.

Am nächsten Morgen kam „Vesterålen“. Hjort, Kapitän Sörensen und die andern begleiteten mich an Bord. Trotzdem es nach Süden ging, stimmte die Trennung wehmütig, und lange winkten wir, bis „Vesterålen“ durch die enge Einfahrt hinausfuhr. Die weiße Mütze Hjorts, der auf der Brücke stand, verschwand hinter dem Holm, und das Schiff tauchte in die Wogen, die in den Westfjord hineinrollten.

Der uns entgegenwehende steife Wind brachte uns drei Stunden Verspätung, so daß wir schon darauf vorbereitet waren, in Drontheim zu spät zum Zug zu kommen, trotzdem Kapitän Nielsen alles tat, um die Verspätung einzuholen.

Am Freitagabend, 17. August, fuhren wir in den Drontheimfjord. Wie friedlich und still es hier war! Der Fjord breit und schön, die Höhen rundum mit Nadelwald bestanden, darunter Gehöfte, Wiesen und Äcker nach dem Wasser zu. Ach dieses Forscherleben, ewig auf der Jagd nach allen Rätseln, ein verwickelter, ruheloser Apparat! Man sehnt sich zurück nach dem einfachen Leben. -- --

Der Zug hatte auf uns gewartet, und so ging es in der Nacht nach Süden, den Gulafluß entlang.

Wie wohltuend war es, wieder zu den dunkeln Nächten zurückgekehrt zu sein. Wie die Bergrücken dort oben sich schwarz von dem dämmernden Himmel abheben! Vom Mond dringt etwas Gold durch die Wolke über der Schlucht im Süden. Unten brummt der Fluß mit Stromschnellen und schwarzen Gumpen zwischen den Tannen. Ich erkenne ein Boot. Sie fischen jetzt wohl in der Nacht.

Ich liebe diese dunkle Nacht, wenn sie so sachte sich senkt, alle Kleinlichkeit bedeckt und nur die großen einfachen Linien durchschimmern läßt -- und die Sterne.

Herbstjagd in den Bergen

+Ormanhütte+, 24. September 1903.

Ein Waldtal tief im Gebirge, in dem noch nie das Lautgeben der Hunde zur Hasenjagd von den Bergen widerhallte, hat seinen eigenen Reiz; es ist eine stille Welt für sich.

Vorigen Herbst war ich eines Tags durch ein solches Tal gekommen. Andres und ich waren oben im Gebirge auf der Hühnersuche gewesen und hatten kein Glück gehabt. Die Schneehühner hielten nicht, und wenn sie aufstanden, verschwanden sie im Nebel. Es war ein nasses, garstiges Wetter.

Dann aber kamen wir unter das Nebeldach hinab in dieses Tal, wo der Wald so still dastand, das Moos so weich und grün war, und der Bach sich zwischen sanft abfallenden Hängen im flachen Talgrunde schlängelte. Im Moor entdeckten wir Elchspuren. Wie geschützt und üppig war es hier; kein Kampf, keine Hast.

Wir zogen unsern Proviant hervor, warfen uns unter einer Kiefer am Rande des Moors in das Heidelbeergesträuch und steckten uns dann eine Pfeife an. Ich hatte nur den einen Wunsch: hätte ich doch den Hasenhund mitgenommen! Hier war so schöner Waldbestand, ein herrliches Revier, die Jagd mußte hier leicht und ergiebig sein.

Seitdem lockte mich dieses Waldtal dort im Westen immer von neuem, und so oft ich im Gebirge war, besonders am Nachmittag, schaute ich hinüber zu diesen bewaldeten Abhängen zwischen den baumlosen Gebirgsflächen, wo der Abend schon kühle Schatten warf.

Vorgestern früh brachen wir endlich auf, Andres und ich. Nun wollten wir einen Versuch machen, erst mit den Schneehühnern und am nächsten Morgen mit den Hasen. Es war so schönes Herbstwetter. Die Schneehühner mußten jetzt in die Berglehnen hinaufgezogen sein. Wohl waren wir in diesem Herbst schon einmal dort gewesen, ohne mehr als einige alte Hühner zu finden, aber damals herrschte ein rasender Westwind.

Jetzt hegten wir große Erwartungen. Es ging über den Velebuberg und die flachen Strecken mit Mooren und Hügeln hinter den Sötliseen -- aber nirgends war etwas von Schneehühnern zu sehen.

Dann den Waldhang ins Tal hinab über Windbruch, Wipfel und Zweige; hier und da gab es Hasenspuren, und Sang zog an der Koppel. Aber jetzt galt es den Schneehühnern.

Auf Liset fanden wir eine Almhütte voll mit Heu, wo wir die Nacht schlafen konnten. Wir legten unsere Sachen ab, aßen in aller Eile, bevor wir hinaufzogen nach dem lockenden Weidengesträuch oben auf den kahlen Höhen über der Waldgrenze.

Den ganzen Tag über trotteten wir über dieselben Strecken, wo wir voriges Jahr um diese Zeit Volk um Volk gefunden hatten; aber kein Schneehuhn war zu sehen, nicht einmal ein einsamer Hahn, kaum eine Feder. Alles war hier wie ausgestorben. Nur an einer Stelle hatte ein Volk Spuren hinterlassen, doch es war nirgends zu finden. Gab es zuviel Füchse? Fuchslosung fanden wir an mehreren Stellen, und als wir das letztemal hier waren, hörten wir den Fuchs die ganze Nacht oben in den Halden bellen.

Aber herrliches Wetter war es. Die Sonne sengte auf die Gebirgsflächen herab wie in Hochsommerzeiten. Dort im Westen lag im blauen Sommernebel der Gausta mit seinen weißen Schneestreifen; die Berge von Telemarken mit Skorve und Lifjell wogten südwärts in leichtem Dunst, und unter uns die Waldrücken und Talsenken von Hovin, ein Meer von Tannenwäldern mit goldenen Tupfen, den gelben Birken, die ihr Laub noch nicht verloren hatten. Und mitten in den Wäldern lagen die blanken Seen still und weltenfern.

Immer haben solche Weiher im Walde etwas Friedvolles, wenn man sie von weitem sieht. Sie spiegeln den Himmel und spiegeln die Halden, und wenn man nicht zu nahe kommt, möchte man beinahe glauben, der Wald ringsum sei noch nicht angetastet von Menschenhand.

Eine solche Waldwelt sehe ich immer mit einem Gefühl, wie es etwa die ersten Jäger gehabt haben müssen, wenn sie vor Tausenden von Jahren herankamen und von der Höhe aus den gewaltigen dunklen Waldteppich weithin wogen sahen -- mit seinen Mengen von Hochwild -- und ihnen diese Seen entgegenblinkten, die großen Fischreichtum ahnen ließen.

Über dem Walde aber liegt die Bergweite jetzt rotbraun in den letzten Farben des Herbstes, bevor der Schnee kommt. Die Bergbirke hat schon fast das ganze Laub verloren, welk raschelt es unter den Füßen. Sollte es den Schneehühnern im Gebirge zu trocken sein, und sind sie die Abhänge hinabgezogen? Am Nachmittag fanden wir auf dem Heimweg nach der Alm oben am Waldrand ein Volk und schossen einige Hühner.

Wir kochten das Abendessen draußen auf der Almwiese, streckten uns auf dem Boden hin und rauchten....

Wie still und friedlich es war! Längst waren Menschen und Tiere von den Almen heimgekehrt. Die Sterne erglänzten. Im Westen erhob sich über uns dunkel der bewaldete Hang, darüber das kahle Gebirge.

Östlich, auf dem Velebuberg, dem Åkeligipfel und dem Ble, stand noch tiefe Abendröte, aber bald verschwand sie.

Die Erde mit Tälern und Bergen und Wäldern und Seen lag da, eingehüllt in die dunkle Herbstnacht.

All das sinnlose Gewimmel und Hasten war ausgelöscht. Nur die großen Linien waren noch undeutlich zu erblicken unter dem glitzernden Sternenhimmel, der ruhig und selbstverständlich alles Kleinliche in Vergessenheit sinken läßt.

* * *

Gegen fünf Uhr morgens waren wir wieder nach Sörset unterwegs. Noch herrschte nächtliche Stille, kein Laut im Walde. Der Orion strahlte auf uns herab, im Osten aber dämmerte schon der Tag.

Als wir an Sörset vorübergekommen waren, begann Sang unruhig zu werden. Bald gab er Laut. Es war wohl ein Junghase, denn er ging so unregelmäßig und versteckte sich im Dickicht; richtiges Büchsenlicht war auch noch nicht. Es dauerte nicht lange, bis der Hund ihn unter Steinen verbellte, und der Hase kam zur Strecke.

Wir zogen weiter, ließen den Hund wieder los, und bald fand Sang eine neue Spur; mit hellem Laut ging es die Böschung hinan. Es wurden anderthalb Kreislinien gemacht, denn der norwegische Hase läuft, wenn gejagt, in großen Kreisen. Dann kam der Hase in langen Sprüngen den Almsteig herab und fiel. An einigen offenen Stellen im Walde, etwas weiter unten, wurde wieder eine Spur gefunden. Es dauerte nicht lange, und das Treiben war neuerdings im vollen Gang. Nach einigen langen und schwierigen Kreistouren hatte dieser Hase dasselbe Schicksal wie der vorige.

* * * * *

Ist es nicht merkwürdig, daß unser Gedächtnis sich so oft an Dinge heftet, die wir zunächst vielleicht gar nicht weiter beachteten?

Was mir von diesem Jagdausflug am meisten vor Augen steht, ist, wie wir uns gegen Mittag in der Sonnenhitze müde und schläfrig nach der Alm zurückzogen. Der Hund lief irgendeiner Spur nach. Wir setzten uns ab und zu und warteten auf ihn, ob er den Hasen wohl finden würde.

Es war sehr heiß, die Augenlider fielen uns zu, und zuweilen nickten wir ein wenig. Das vergilbte Farnkraut stand hoch und dicht auf Lichtungen an den Lehnen zwischen Windbruch und Tannenreisig.

Es war nicht leicht zu gehen. Bei solcher Trockenheit werden die Stiefel sehr glatt. Unter den Birken raschelte das Laub, wenn wir gingen, aber unter den Tannen war Schatten.

Dann kamen wir an den Bach in dem flachen Talgrund. Das erfrischte. Welche Wonne ist doch so ein klarer rieselnder Waldbach an einem heißen Tage!

Es war so erquickend, so friedlich, sich in dem dichten Gras am Ufer zu lagern, wie auf einer kleinen Wiese mitten im Walde. Die Sonne spielt mit frischen Lichtern in dem klaren, kühlen Wasser. Jeder Stein auf dem Grunde ist sichtbar, und die Sonnenstrahlen, von den kleinen Wellen gebrochen, glitzern über sie hin. Ein Bild der ewigen, lachenden Jugend.

Der Bach schlängelt sich dahin zwischen den flachen Sand- und Kiesbänken. An den offenen Stellen wachsen an den Ufern Gras und etwas Schilf, und unter den Bäumen grünes Moos und Farnkraut. Und die Tannen, die hoch und schlank dastehen und schattenspendend ihre Zweige breiten, spiegeln sich in dem dunkeln, stillen Wasser.

Diese Gumpen im Flußbett haben etwas unveränderlich Reines und Frisches. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber so oft ich sie sehe, drängt sich mir ein zufälliger Eindruck auf aus den Straßen Roms an einem warmen, klaren sonnenheißen Junitag. Ich kam an einem dieser vielen kleinen Marmorbecken vorüber, in denen aus einem Löwenmaul ein Wasserstrahl springt. Ich sehe noch die Sonne auf dem Marmorboden spielen, höre noch das Plätschern des Wassers.

Weshalb kommt mir das in den Sinn? Vielleicht versetzte mich damals dieses frische, reine Wasser in dem kühlen, weißen Marmor im Nu aus der großen Weltstadt mit all ihren Kulturdenkmälern und ermüdenden Museen an einen klaren Bach mit murmelndem Wasser und weißen Kieselsteinen, tief drinnen im Wald, wohin die Kultur nicht gelangt....

Ja, diese Freude am rieselnden, reinen Wasser -- an der Sonne, -- am blauen Himmel, -- am Waldfrieden -- sie ist vielleicht mit dem Ursprünglichsten in unserm Wesen verwandt. Wenn wir nur von dieser einfachen Freude mehr in das Leben zurückbringen könnten!

Worüber freuen wir uns denn sonst?

Plötzlich muß ich an ein Bild denken, das mir einst Erik Werenskiold mit Worten malte. Ich sehe es aber, als habe er es mit seinem Pinsel gemalt:

„Wir Menschen in den Städten, sind wir nicht wie Tiere, die in Kisten leben? Erst schlafen wir in einer Kiste, dann schlüpfen wir hinaus durch einen schmalen Zwischenraum und hinein wieder in eine andere Kiste. Dort bleiben wir einige Stunden, dann kehren wir wieder in die vorige Kiste zurück. Nach ein oder zwei Stunden geht’s wieder in eine dritte Kiste. Wenn wir dort eine Weile gewesen sind, dann schnell zurück in die vorige Kiste.“

Ja, genau so ist es. Und so vergehen die Jahre, drinnen in diesen Kisten. Und das nennen wir das Leben! Und darin pflanzen wir uns fort und schaffen neue Geschlechter, die dasselbe Kistenleben fortsetzen sollen.

Und wenn es einmal so eine rechte Freude sein soll, dann schlüpft ein Teil der Tiere in eine größere Kiste, um miteinander zu essen. Da sitzen sie reihenweise auf ihren Hinterteilen, die Vorderpfoten auf einem Brett, und stopfen fünf, zehn, fünfzehn verschiedene Sorten Nahrung in sich hinein, je nach der Größe der Freude, und trinken entsprechende Mengen starker Getränke, bis sie sich selbst und die andern und die Kistenwelt in einem idiotischen Nebel sehen. -- Das nennt man Fest....

* * * * *

Aber dieser Bach rinnt Jahr um Jahr und gräbt langsam sein Tal, und der Wald steht still, gilbt im Herbst und grünt im Frühling. Und wie viele sehen den Bach außer dem großen Elch, der haltmacht und trinkt -- dem kleinen Hasen, der angehoppelt kommt und im Grase äst -- und dem Fuchs, der in der Dämmerung behutsam heranschleicht, um Hasen und Vögel zu belauern?.....

Zu unsern Häupten ziehen die Drosselscharen hin und wieder. Sie sammeln sich jetzt im Herbst. Keck und lebensfroh sind sie. Bald flöten sie sich etwas zu, bald lachen und spotten sie kreuzvergnügt.

Warum findet ihr heuer das Leben so lustig, wo es doch so wenig Vogelbeeren gibt? Vielleicht deswegen, weil ihr trotz allem dahin zieht, wohin es euch gelüstet....

In einem Tannenwäldchen jenseits des Bachs fliegt der wunderliche Unglückshäher von Zweig zu Zweig. In der Regel ist er stumm und still, als trüge er das Geheimnis des Lebens. Zuweilen schlägt er einen melodischen, wehmütigen Flötenton an, aber zu andern Zeiten bricht er plötzlich in ein hitziges, schneidendes Lachen voller Zorn aus.

Rätselhafter Vogel! Aus dir werde ich niemals klug. Bist du vielleicht der, der dem unsteten Menschengeiste am ähnlichsten ist?

Zuweilen, wenn ich im Walde sitze und du lautlos herangeschwebt kommst und dich auf den Ast über mir setzst und den Kopf schief hältst und herabsiehst, dann ist es, als müßtest du unbedingt etwas sagen. Aber dann fliegst du wieder weiter zum nächsten Baum, ehe du es gesagt hast. So geht es wohl auch mit uns. Wie oft finden wir keinen Ausdruck für das, was auf dem Grunde unserer Seele liegt und am tiefsten in uns ertönt......

Ab und zu kommt etwas wie der Versuch eines kleinen kühlenden Hauches. Es rauscht schwach in den Baumwipfeln und zischelt leise im Farnkraut. Aber es ist nur wie ein Luftschöpfen, und dann ist wieder alles still.

Oben zittert der Waldhang in der Sonnenhitze, wie er es Jahrtausende getan hat, und die Insekten summen ihre alte ewige Lebensmelodie. Dann fährt ein größerer Käfer in dürres Laub und raschelt darin. Der Kopf sinkt tiefer; ach, es ist so schön zu sitzen -- wahrhaftig.....

Aber auf einmal fahren wir in die Höhe und ergreifen das Gewehr. Hat jetzt doch der Hund in der Mittagshitze den Hasen aufgestoßen!

In voller Jagd geht es aufwärts. Alle Schläfrigkeit und Müdigkeit sind wie weggewischt.....

* * *

Auf dem Heimweg. Es dunkelt. Auf einmal stehen wir am Abhang. Dort unten liegen die Ormanhütte und der Sörkjesee. Draußen nach dem Auslauf zu glitzert ein Wasserstreifen im Mondschein, ebenso gerade unter uns in der Bucht. Über dem See ein leichter Silberschleier, oben auf dem Blegipfel eine dichte, weiße Wolke. Darüber groß und rund der Mond. Die Berge dunkel, tiefblau.

Über allem der große Weltraum, unendlich und blau, -- nur vereinzelte flimmernde Sterne. Im Osten blinkt gelb der Jupiter, gerade über dem Bergkamm von Synhövd.

Wie hoch wölbt sich heute abend der Himmel! Man sieht die Erde wie einen Punkt im Weltraum schweben.

Vor solch einem Hintergrund bewegen wir uns und beschäftigen wir uns mit unsern kleinen Sorgen! Was werden sie in zwanzig, ja schon in zehn Jahren bedeuten? In welcher Welt von Kleinlichkeiten leben wir und sind wir verstrickt?

Nur eine solche Nacht -- so weit, so einfach! Hierher trachten wir durch alles Hasten des Tages, ohne es zu wissen. Hier finden wir die Befriedigung unseres Sehnens nach Schönheit und Harmonie.

„Wir steigen hinab, um uns zu finden“, sagt man. Hat nicht jeder von uns, mag er noch so sehr Alltagsmensch sein, ein solches Heiligtum, in das wir leise treten? Aber das bewahren wir für uns selbst und „steigen hinab, um uns zu finden“.

Montag, 5. Oktober 1903.

Der Tag war am Freitag gerade angebrochen, als Andres und ich uns aufmachten. Wir wollten einen großen Ausflug nach Hovin hinunter unternehmen und Hasen und Schneehühner jagen. Der Himmel war überzogen. Vom Süden trieben dunkle Wolken heran, als wir über den Sörkjesee ruderten. Es konnte Regen geben.

Als Trygve uns am andern Ufer ans Land gesetzt hatte und wir die Moore hinaufgingen, hörten wir einen eigentümlichen Laut. Da war er wieder. Andres meinte, es sei wohl ein Fuchs am andern Ufer. Ich dachte an eine Lumme, aber eine solche war jetzt im Dunkeln nicht unterwegs.

Noch war kein Vogel wach. Oben auf dem Moor stand ein Schneehuhn schreiend vor dem Hunde auf. Ich konnte es in der Dunkelheit gerade noch weiß schimmern sehen.

Dann wurde es heller. Die Drosseln begannen zu erwachen und sich miteinander zu unterhalten, und bald gab es ein lautes Drosselkonzert. Aber der Hund, der draußen herumstrich, ließ nichts von sich hören. Der Boden war feucht und versprach einen guten Jagdtag -- wenn nur kein Regen kam.

Endlich hörten wir Sang in dem Abhang zwischen Lauvhövd und Grönli, und bald war das Treiben im Gang. In großen Kreistouren ging es bergauf, bergab, den waldlosen Höhen zu. Endlich kam ein guter Hase den Weg flüchtig herab und fiel.

Noch drei Treiben gab es. Das Ergebnis waren vier Hasen; inzwischen war es wohl zwölf Uhr mittag geworden. Aber nun begann es im Ernst zu regnen; genieselt hatte es schon lange. Da gingen wir nach Rustaholte.

Der Hof war voller Kinder, die ins Haus liefen, als sie uns erblickten. Es war Schule. Aber wir wurden in die Schulstube hineingeholt und Kinder und Lehrerin solange hinausgejagt. All mein Bitten fruchtete nichts. Später aber gelang es uns, in die Käserei zu schlüpfen und uns auszuruhen.

Dort wurde uns etwas Essen gekocht, während wir uns mit Sveinung und seinem Vater unterhielten, einem drolligen alten Hallingbauern, dem die Rede aus dem zahnlosen Munde wie Wasser floß.

Während wir dort saßen, kam ein Mann mit einem Regenschirm und einem Gewehr herein. Es war ein Gelegenheitsarbeiter, der angestellt war, die Steuern einzutreiben und auszupfänden. Er hatte schon das Remingtongewehr als Pfand genommen und sollte nun auch noch bei andern Schafe pfänden.