Part 12
Aber nein, dieses Beförderungsmittel ist ein Überrest aus der Vergangenheit. Bald wird das Automobil auch in diesem Tal, wie in allen andern, siegreich seinen Einzug halten. Schließlich werden die Pferde nur noch zur Holzbeförderung im Walde gebraucht werden; denn dahin können die Autos noch nicht vordringen. Aber wer weiß, was kommen wird? Wir haben schon merkwürdigere Dinge erlebt als die Beförderung von Holzstämmen mit Automobilen.
Endlich kam ich an den Bahnhof Atna. Von dort ging es mit der Eisenbahn südwärts nach Koppang und von da mit dem Automobil nach Åsheim am Nordende des Storsjö im Äußeren Rental. Dort wollte ich einige Tage bleiben und fischen.
* * *
+Åsheim+, 14. Juli.
Durch eine tiefe, bewaldete Schlucht an der Westseite der Sölenberge bricht sich die Mistra ihren Weg von den weiten flacheren Gebirgsstrecken im Norden. In einem großen Bogen geht es durch ein enges Waldtal wie durch einen Riß in dem Bergmassiv zu dem schönen Storsjö im Rental hinab.
Den Fluß ziehen große Forellen hinauf, und ich hatte Lust, es mit ihnen zu versuchen. Aber es war am Fluß entlang unwegsam, und man mußte gut bekannt sein, um die richtigen Gumpen zu finden, in denen die großen Fische stehen.
Olav Åsheim kam lächelnd vom Telephon herein und sagte:
„Nun habe ich einen guten Begleiter für dich gefunden, den Schneider hier im Ort. Einen bessern Fischer gibt es in dieser Gegend nicht. Er findet das Wetter heute gut und ist bereit, mitzugehen, aber er wird erst gegen ein Uhr frei, dann will er dich bei Misteregga treffen.“
Jawohl, das paßte mir gut. Ich hatte bis dahin auch noch einiges zu besorgen.
„Du kannst meinen Sohn Klein-Olav nehmen, der wird dir den nächsten Weg durch den Wald zeigen.“
„Er lahmt, der Schneider,“ fügte er hinzu, „er hat ein steifes Bein. Aber darum brauchst du dich nicht weiter zu kümmern. Er klettert die Bergwände hinauf und geht im Wald wie nur einer mit gesunden Beinen. Auch einen bessern Jäger gibt es in unserer Gegend nicht.“
Etwa gegen zwölf Uhr zogen wir los, Klein-Olav und ich. Erst mußten wir durch den Renafluß, da das Hochwasser im Frühjahr die Brücke fortgerissen hatte. Dann ging es durch den Wald aufwärts. Es war eine Brathitze, und man mußte die Kleider ablegen, soweit es ging. Je höher wir hinaufkamen, um so gespannter wurde ich, diesen merkwürdigen Schneider zu sehen.
Endlich erblickten wir die Häuser von Misteregga zwischen den Bäumen, und als wir auf die Landstraße hinauskamen, erhob sich vom Straßenrand ein junger Mann und wünschte „Guten Tag“.
Ein hübscher, stark gebauter Mensch von Mittelgröße, oder vielleicht eher klein, im braunen Jagdanzug mit Kniehosen, mit blondem Knebelbart, sonst glatt rasiert, mit lachenden, treuherzigen Augen.
Das war der Schneider Rikard Kvernnes, auch Rikard Odden genannt, nach dem Haus nördlich vom Lomnessee, in dem er wohnte. Von dort war er auf dem Rade gekommen. Er trug eine lange Angelrute aus Bambusrohr mit Roller.
Wir gingen ostwärts die Anhöhen hinauf. Trotz seines steifen Beines marschierte mein Begleiter leicht. Es schien ihn keine Anstrengung zu kosten, Schritt zu halten.
Wir stiegen etwa anderthalb Stunden, bis wir vom Weg abbogen; dann ging es die waldigen Berghänge nach dem engen Tal hinab, auf dessen Grund tief unten die Mistra schäumt.
Im allgemeinen fließt die Mistra in gleichmäßigen Stromschnellen schäumend über und zwischen runden Steinen, ohne tiefere Stellen. Hier halten sich in der Hauptsache nur kleine Fische auf. Dann aber verlangsamt der Fluß, oft in langen Abständen, seinen munteren Lauf in langen Vertiefungen, in denen die großen Fische stehen.
Nachdem wir einen steilen Abhang hinabgeklettert waren, standen wir endlich am Fluß. Der Schneider schlug vor, wir sollten erst aufwärts von einer Gumpe zur andern gehen, um dann am Abend wieder herunterzuwandern. Das taten wir, aber wir bekamen nicht einen großen Fisch.
Es war drückend schwül. Schwere schwarze Wolken zogen sich im Osten über der Schlucht zusammen. Man hatte das Gefühl, daß ein Gewitter im Anzug war. Aber es standen Wolken vor der Sonne, und daher mußte jetzt am Nachmittag gut fischen sein. Ich versuchte es erst mit der Fliege, und dann benutzten wir Wurfköder mit Rotauge als Lockspeise, eine Angelmethode, in der der Schneider Meister war. Aber wir hatten keinen Erfolg.
Der einzige Fang, den ich sah, war ein großer Auerhahn, der gegen meine Angelrute herangesaust kam, als ich auf einem Stein im Flusse stand. Er war vom Hund auf dem Land hinter mir aufgestoßen worden. Ich dachte daran, den Köder nach ihm zu werfen. Natürlich sollte er den Köder nicht etwa verschlingen, ich konnte aber leicht die Schnur um ihn werfen, so daß ihn die Angelhaken festhielten. Ich ließ es aber sein, und er sauste den Fluß hinab und im Kiefernwald auf der andern Seite hinauf.
Das wäre ein „Fischfang“ gewesen! Ich sehe ihn, wie er, die Schnur um den Hals, draußen im Flusse Widerstand leistet, mit den Flügeln schlägt, den Hals streckt, während ich ihn mit dem Roller heranziehe. Das wäre ein Kampf geworden!
Es gab hier unheimlich viele Mücken, und sie bissen und stachen in Gesicht und Hals, Hände und Waden, daß man kaum ruhig auf den Steinen stehen und angeln konnte.
Es fielen schwere Tropfen, und ein gewaltiger Regenguß platschte auf uns nieder, Schauer um Schauer. Auf einmal aber brach der Donner los, daß es zwischen den Bergwänden in dem engen Tal hallte, und es dröhnte Schlag auf Schlag; schließlich kamen Blitz und Donner fast gleichzeitig.
Der Schneider meinte, da brauche man sich nicht zu wundern, wenn die Fische nicht hätten anbeißen wollen. Nun sei es ganz hoffnungslos zu angeln.
Wir stiegen im Wald bis zu einer Holzhütte, um vor dem Regen Schutz zu finden und etwas zu essen. Wir mußten uns gedulden, bis das Gewitter vorüber war; vielleicht ging es dann mit dem Fischen besser.
Als der Regen nachgelassen hatte, kletterten wir wieder zum Fluß hinab, hatten aber auch weiterhin kein Glück. Wir mußten uns noch eine Weile gedulden und gingen etwas weiter hinauf, bis zu einer neuen großen Fischgumpe. Der Schneider warf seinen Köder im unteren Teil der Gumpe, ich versuchte mein Glück etwas weiter oben.
Da biß beim Schneider mitten in der stärksten Strömung ein großer Fisch an. Es ging die Stromschnelle hinab, die ganze Schnur sauste vom Roller herunter. Der Schneider mußte hinterdrein; er sprang von Stein zu Stein und watete im Wasser oft bis an den Leib, so daß der Schaum um ihn aufspritzte. Plötzlich stürzte er zwischen den Steinen, und nur die Arme, die Schultern, der Kopf und die Angelrute waren über dem Wasser zu sehen. Er sprang auf, und weiter ging es.
Dann wurde aber die Strömung zu stark; er mußte ans Land und die Bergwand hinaufklimmen. Ich ergriff den Kescher und sprang hinterdrein.
Der Schneider kam um den Berg herum; er hatte einen Teil der Schnur eingezogen, und der Fisch war in etwas stilleres Wasser gekommen. Aber immer noch gab es recht starke Stromschnellen.
Er zog den Fisch ans Land heran. Mehrmals versuchte ich, mit dem Kescher heranzukommen, aber dann ging es wieder fort, weiter und weiter hinab.
Endlich fing der Fisch an, sich zu ergeben. Der Schneider zog ihn wieder herein, ich bekam den Kescher unter den Fisch und zog ihn ans Land. Wahrhaftig, eine schöne Forelle, fett und breit, mit kleinem Kopf. Sie wog gut ihre drei Kilo.
Der Schneider hob den Fisch feierlich in die Höhe und überreichte ihn mir. Den sollte ich, sagte er, als Gabe erhalten.
Wir gingen wieder aufwärts. Der Schneider warf noch einige Male den Wurfköder in derselben Fischgumpe aus, ich weiter oben. Wieder stippte ein Fisch an. Diesmal hing er nicht, aber der Schneider sah den Schwanz, der groß war.
„Klein-Olav sah ihn auch, und hätte ich ihn herausbekommen, dann hättest du gesehen, daß wir hier auch große Fische im Fluß haben. Er war beträchtlich größer als der fünf Kilo schwere, den ich hier vor einigen Tagen fing. Aber so ein großer Fisch beißt nicht mehr als einmal an. Geht es dann fehl, dann beißt er nicht wieder. Wir müssen ihm Zeit lassen und den Versuch auf dem Rückweg wiederholen.“
Wir gingen weiter hinauf. Oft fiel der Berg an den Gumpen sehr steil ab. Von einem hohen Felsen aus warf ich den Köder in eine große schöne Gumpe. Ich zog den Köder über den Strom hin. Platsch, da biß etwas an; es gab mir einen Stoß durch den ganzen Körper. Die Rute stand wie ein gespannter Bogen, und die Schnur sauste vom Roller. Nun galt es festhalten, der Fisch wollte die Stromschnelle hinab.
Ich bekam ihn wieder in die Gumpe hinein. Er ging im Kreise. Während ich so stramm als möglich hielt, kletterte ich die Bergwand bis zum Ufer hinunter. Endlich wurde er müde; er kam gutwillig und wurde in den Kescher hineingeholt; es war ein Fisch von etwa anderthalb Kilo.
Nun war aber nichts mehr zu machen, so oft wir es auch weiter oben versuchten. Wir gingen wieder zurück, denn es war schon spät am Abend geworden. Aber auch der große Fisch des Schneiders wollte nicht wieder anbeißen, und so war nichts zu machen als heimzukehren.
Wir kletterten vom Fluß aus aufwärts, bis wir an eine Holzhütte kamen, wo wir einen Bissen Abendbrot aßen.
Klein-Olav hatte einige kleine Fische mit der Fliege gefangen; er triefte vor Nässe, war aber stolz auf den langen Ausflug. Dann kletterten wir weiter hinauf bis zur Straße und wanderten heimwärts.
Als wir die langen steilen Hänge hinabgingen, erzählte der Schneider, hier sei es gewesen, wo er das Bein gebrochen habe.
„Wie ist denn das zugegangen?“
„Ja, ich kam auf dem Rad daher, und da geriet hier oben auf der Höhe die Bremse in Unordnung, und dann verlor ich auch das Pedal, und da ging es in voller Geschwindigkeit alle diese steilen Hügel hinunter.“
„Aber warum versuchtest du nicht gleich seitwärts abzuspringen?“
„Ja, da sind auf beiden Seiten so häßliche Steine, und dann, weißt du, meinte ich auch, ich würde schon mit der Geschichte fertig werden.“
„Du mußt aber diese steilen Hänge mit fürchterlicher Geschwindigkeit hinabgesaust sein?“
„Ja, freilich ging es schnell.“
„Ich hörte von einem, der dich hatte hinabfahren sehen, es sei wie der Blitz gegangen.“
„Akkurat da war es, wo dieser Seitenweg abbiegt; dort standen sie und machten die Saumlast fertig, sie wollten zur Alm hinauf. Ich rief ihnen zu, als ich da unten gefallen war, aber sie hörten mich nicht.“
„Sahen sie dir denn nicht nach?“
„Ach nein, sie glaubten wohl, es sei meine Gewohnheit, so schnell zu fahren. Aber, weißt du, ich meinte, ich würde schon mit der Sache fertig werden. Diesen schroffen Abhang hinunter nahm ja die Geschwindigkeit furchtbar zu, und dann kam dort unten die Biegung, die damals noch viel schlimmer war als jetzt, weil der Weg noch nicht umgelegt war. Damals waren es zwei Biegungen, erst eine jäh nach links und dann wieder eine jäh nach rechts. Ich lag flach auf dem Weg, erst auf der einen Seite, dann auf der andern, und wahrhaftig -- es ging! Aber dann sprang ein Felsen in den Weg vor; auf den fuhr ich los, wurde heruntergeworfen und brach das Bein an zwei Stellen, über dem Knie und darunter, Oberschenkel und Schienbein. Da blieb ich liegen; aber ich hatte Glück, nicht länger als eine Stunde lag ich, da kam ein Mann, der zur Alm hinauf wollte, und der hatte glücklicherweise einen Wagen mit Federn, auf dem ich hinuntergefahren wurde.“
„Tat es nicht weh?“
„Ach nein, ich kann nicht sagen, daß es besonders weh tat, bis ich nach Hause kam, aber dann fing das Blut zu strömen an. Es war gut, daß ich damals einen so guten Doktor hatte; das Bein wurde so gut hergerichtet, als nur möglich war. Aber mein Doktor sagte, mit Jagen und Radeln sei es nun Schluß. Damit behielt er freilich nicht recht. Ich lag aber lange, bis ich wieder gesund wurde.“
„Aber dein Bein war ja schon vorher verletzt?“
„Ja, ich hatte einmal mit dem Beil hineingehackt, und da entzündete sich die Wunde, und das Knie wurde steif. Weißt du, das kam daher, daß es schlecht behandelt wurde.“
Bei Misteregga trennten wir uns. Der Schneider fand hier sein Rad wieder und fuhr davon, die Abhänge hinab. Es war kaum zu glauben, daß er mit dem einen Bein fahren konnte; es war aber so kräftig entwickelt, daß es zwei andere Beine aufwog.
Klein-Olav und ich gingen durch den Wald hinunter nach dem Storsjö. Meine Gedanken waren bei dem Schneider, diesem merkwürdigen Mann. Welch zäher Wille muß in seinem Körper leben!
+Åsheim+, 18. Juli.
Einige Tage später (am Montag, 17. Juli) fuhr ich wieder zur Mistra hinauf. Diesmal hatte ich in Åsheim ein Rad geliehen und fuhr auf der Landstraße über die Kvernnesbrücke und Odden, wo der Schneider wohnt. Es war ein Umweg von einer Meile.
Der Schneider stand auf dem Hofe; ich kam früher, als er erwartet hatte. Er bat mich hereinzukommen und Platz zu nehmen, bis er sich fertig gemacht habe.
Draußen und drinnen war alles in guter Ordnung. Das Haus liegt schön auf einer kleinen Landzunge an der Südseite des Lomnessees. Draußen war ein kleiner schöner Garten mit Blumenbeeten und Küchengarten.
Eine helle luftige Stube mit Waffen an den Wänden: eine Winchester-Magazin-Hagelflinte, ein Büchsendrilling mit Zielfernrohr. Damit schießt er im Winter die Auerhähne, das soll er besonders gut verstehen. Mehrere andere Gewehre hingen auch da und Fischereigeräte.
Aber vom Schneiderhandwerk war nichts zu entdecken. Auf den Tischen lagen Kataloge von Jagd- und Fischereigeräten. Man merkte, daß er Junggeselle war.
An der Wand hing ein Diplom. Sollte es ein Schützendiplom sein? Aber nein; wahrhaftig, das erinnerte doch etwas an den Schneider, es war ein Diplom über einen vollendeten Zuschneidekursus in Kopenhagen. Also ganz ausgelernt, und gewiß tüchtig im Handwerk wie in allem andern.
Nun ist er fertig. Kaffee in der Thermosflasche und zwei Flaschen Bier im Rucksack, so zogen wir auf unsern Rädern in der Sonnenhitze aufwärts. Man merkte es wahrhaftig nicht, daß er nur mit einem Bein treten konnte. Ich hatte meine liebe Not, ihm die langen steilen Anhöhen hinauf zu folgen, trotzdem ich an meinem Rad die Übersetzung wechseln konnte. Die steilsten Hügel hinauf mußten wir freilich gehen.
Halbwegs oben hörten wir ein furchtbares Getrampel auf uns zukommen; schneller als wir denken konnten, sprengte eine Koppel Pferde heran. Wir mußten uns mit unsern Rädern schleunigst in den Graben werfen, um nicht niedergetrampelt zu werden.
„Den Teufel auch, was mag das bedeuten?“
Aber da kam noch etwas hinterdrein -- ein Mann auf einem Motorrad. Wahrhaftig der junge Tierarzt! Hatte der nichts Vernünftigeres zu tun, als so die Pferde zu jagen?
„Wenn der lange so gefahren ist, dann sind sie versprengt,“ sagte der Schneider.
Weiter oben begegneten wir einem alten Mann, der den Hut lüftete. Wir grüßten.
„Guten Tag,“ sagte er, „willst du ins Gebirge?“
„Wir wollen an die Mistra angeln gehen,“ antwortete ich. „Kommst du weit von Osten her?“
„Ich habe eine Stute nach Trysil gebracht.“
„Mußt du denn die Stuten so weit bringen?“
„Ja, dort ist ein tüchtiger Hengst. Sonst hätte ich sie freilich zum Hengst im Rental, zum Romulus, geschafft, aber er ist vorige Woche verendet; König Knut hat ihn so geschlagen, daß er einging.“
„Ja, ich hörte davon. Aber wie konnte es zugehen, daß die beiden Hengste aneinander gerieten?“
„Man hatte schlecht aufgepaßt, weißt du, und da kamen sie zusammen.“
„Das war ein schwerer Verlust für den Besitzer?“
„Ach, er war für 2000 Kronen versichert; aber du weißt, das ist kein Preis für so ein gutes Pferd. Aber die Besitzer waren Halstein Sjölie, Simen Landet und andere Große, und für diese Reichen wollen einige tausend Kronen nicht viel sagen.“
Wir mußten weiter und verabschiedeten uns.
„Guten Tag,“ sagte er und zog weiter bergab.
Als wir hoch genug gekommen waren, ließen wir die Räder stehen und gingen zum Fluß hinunter. Es war gegen Nachmittag und Zeit, etwas zu genießen.
Wir schlugen den Weg zu einer Holzhütte ein, um dort, vor Mücken geschützt, unsern Proviant zu verzehren. Eine Flasche Bier legten wir zum Kühlen in den Bach, während wir in die Hütte gingen.
Der Schneider ging voraus. Als er aber in die Türöffnung trat, hörte ich ein fürchterliches Flattern. In der Hütte war ein Birkhahn. Vor Schreck flog er erst in die eine Ecke und dann in die andere; im Dach war ein Loch, durch das er hinaussauste. Dann fiel er draußen auf dem Boden ein. Dort blieb er eine Weile und bedachte sich, dann strich er durch den Wald ab.
Auer- und Birkhähne findet man oft in solchen Holzhütten. Neulich hatte ein Junge einen Auerhahn in einer Hütte erschlagen, was freilich ungesetzlich war.
Wir blieben nicht lange in der Hütte; es gab drin gar zu viele Mücken und Bremsen, da war es draußen doch besser. Freilich war es auch da schlimm, aber zuweilen kam doch ein Windstoß, der Erleichterung brachte.
Ein sicheres Mittel gegen Mücken hatte ich freilich auch mit, Zitronellaöl, das die Engländer in den Tropen gegen Insekten verwenden sollen. Ich hatte gerade eine Flasche von Christiansen von Elverum bekommen, der am Storsjö angelte; er kannte das Öl von Malakka her, wo er Gummiplantagen besitzt.
Gewiß, das Öl war gut. Ein oder zwei Stunden lang kam einem keine Mücke zu nahe, wenn man sich ordentlich eingeschmiert hatte. Aber wir mußten mit dem Vorrat sparen, bis wir zur Mistra kamen, wo das ernstere Geschäft, das Angeln, vor sich gehen sollte. Wir wußten ja auch, daß am Abend die Mückenplage noch schlimmer wird.
Das Essen schmeckte jetzt, aber noch mehr das Bier, das in dem Bach schön kalt wurde. Wir beschlossen, auch gleich die zweite Flasche zu leeren; es gab kein Widerstreben. Abends konnten wir dann den Kaffee trinken. Die Sonne brannte heiß, der Himmel war wolkenlos, es hatte also keine Eile, an den Fluß zu kommen und mit dem Angeln zu beginnen.
Wir wateten durch den Renfluß und kamen zu der Fischgumpe in der Mistra. Wir beide verwandten Wurfköder, aber ohne Erfolg. Es war zu klares Wetter, vielleicht wurde es gegen Abend besser.
Wir gingen flußabwärts.
Ich kam an eine große tiefe Gumpe unter einer jähen Bergwand, wo man im Schatten stand. Hier mochten wohl große Fische stehen. Ich warf den Köder nach der andern Seite hinüber und ließ ihn treiben, während ich ihn hereinzog; er kam gerade dahin, wo ich ihn haben wollte.
Aber dort am Rand der Strömung? Ein schwerer Platsch, ein gelbes Aufblinken, ein runder dunkler Rücken, ein breiter Schwanz schlug aus dem Wasser auf. Es zog an, die Schnur lief vom Roller, und die Angelrute stand rund wie ein Rad. Ich stemmte mich dagegen, soweit es irgend anging. Es kam darauf an, den Fisch in der Gumpe zu behalten. Kam er erst in die Stromschnelle hinab, dann war es ungewiß, ob ich mit ihm fertig werden könnte, denn die Bergwand fiel senkrecht ab, und der Fluß war tief und reißend, so daß es nicht leicht war zu folgen.
Am Rand der Stromschnelle kam es zum Kampf. Ich wußte, das einfache Vorfach, wenn es auch dünn war, war gut, und die Schnur hielt wohl, und eine geschlissene Bambusrute ist nicht leicht zu brechen. Das Ende vom Liede war, daß ich den Fisch wieder in die Gumpe hineinbekam; dort ging es blitzschnell im Kreise herum.
Während ich mit diesem Tanz beschäftigt war, sah ich den Schneider auf der Bergwand über mir. Er kletterte herunter, um mir zu helfen.
Bald wurde die Forelle schwächer, und endlich zeigte sie den Bauch. Ich zog sie direkt in den Kescher des Schneiders hinein. Sie kam ans Land; groß und blank lag sie im Sand zwischen den Steinen, wand sich und schlug. Sie war nahezu drei Kilo schwer.
„Das verdiente einen Trunk,“ meinte der Schneider, aber den Trunk hatten wir nicht.
Wir gingen weiter abwärts, hatten aber weiter keinen Erfolg, weder der Schneider noch ich. Wenn auch ihm nichts gelang, so war es gewiß nicht deswegen, weil wir schlechte Fischer waren.
Inzwischen war es Nacht geworden; da war nichts weiter zu tun, als zu Abend zu essen, und der warme Kaffee aus des Schneiders Thermosflasche schmeckte gut, besonders da wir uns tüchtig mit dem Zitronellaöl eingeschmiert hatten, so daß wir vor den Mücken Ruhe hatten.
Dann kletterten wir aus der Schlucht wieder hinauf, kamen auf die Straße und fuhren durch die Sommernacht auf unsern Rädern nach Hause. Wir konnten die Räder meistens einfach frei laufen lassen.
Wir machten noch einen Versuch in den Fischgumpen unterhalb der Brücke bei Misteregga. Aber auch dort hatten wir keinen Erfolg, und so radelten wir denn weiter abwärts.
Recht wehmütig nahm ich vom Schneider am Zaune seines gemütlichen kleinen Anwesens auf der Landzunge Abschied. Ich bin sicher, daß wir beide aus aufrichtigem Herzen „Auf Wiedersehen“ sagten.
+Åsheim+, 19. Juli.
Mit zwei Damen fuhr ich nach dem Lövfjord, um Hechte zu fischen. Beim Schuhmacher am Südende des Fjords sollten wir ein Boot bekommen. Als wir kamen, war er nicht zu Hause, aber Kinder waren genug da. Sie hatten gerade junge Rotaugen als Köder für uns gefangen, und einer der Söhne konnte uns rudern.
Der Schuhmacher hatte sechzehn Kinder, die alle am Leben waren. Bevor wir ruderten, kam er selber.
„Ja,“ sagte er, „es kann wohl sein, daß es heute Hechte zu fangen gibt. Im übrigen aber ist es wunderlich mit dem Hecht. Er beißt nur bei abnehmendem Mond an, und dann die ersten Tage des Neumond.“
Dann müßten wir ja Aussicht haben, meinte ich, es sei heute das letzte Mondviertel.
Ja, erwiderte er, das sei wohl möglich. „Aber das Angeln taugt nichts zwischen Neumond und abnehmendem Mond, denn da gehen dem Hecht die Zähne ins Zahnfleisch und verschwinden ganz. Nur bei abnehmendem Mond und bei Neumond kommen die Zähne wieder hervor, und dann beißt er an, wie man sich leicht vorstellen kann.“
Im übrigen, meinte der Schuhmacher, gebe es im See große Hechte; vielleicht könnten wir einen von den größten erwischen. Aber mit den Geräten, die wir hätten, sei er nicht leicht ans Land zu bringen. „Denn er ist schlau!“
Ich mußte diesem Mann, der so viele prächtige Kinder hatte, einige anerkennende Worte sagen. Die wir sahen, waren wirklich schön, und frisch sahen sie auch aus.
„Es tut not, daß die Leute hier im Tal viele Stiefeln zerreißen, wenn du so viele Kinder zu ernähren hast.“
„Ach,“ sagte er, „mit dem Auskommen würde es hapern, wenn man bloß von der Schuhmacherei leben sollte; da könnte man Hungers sterben. Man kann nur in den freien Stunden Schuhmacher sein, im übrigen müssen wir vom Walde leben.“
Dann stiegen wir ins Boot und fuhren zum See hinauf. Ein achtzehnjähriger Sohn des Schuhmachers ruderte. Wir hatten aber scharfen Gegenwind, deshalb ging es sehr langsam vorwärts, und wir fingen nichts. Erst als wir am oberen Ende des Fjords den Wind in den Rücken bekamen, ging es schneller, und sofort biß auch ein Fisch bei einer der Damen an. Nach einer Weile brachten wir ihn ans Boot heran und nahmen ihn mit dem Kescher herein. Es war ein Hecht von etwa zwei Kilo.
Da der Wind zu stark war, wollten wir nicht unter der Brücke in den Lomnessee hineinrudern. Wir hielten sonnige Mittagsrast auf einem grasigen Hügel und fuhren dann wieder in den Lövfjord hinaus, den Wind im Rücken; das Boot hatte genügende Geschwindigkeit.
Nicht lange dauerte es, da biß ein Fisch von etwa zwei Kilo an, den wir auch ins Boot bekamen. Einige kleinere Hechte fingen wir ebenfalls. Dann aber kam eine lange Strecke ohne Erfolg, und wir gelangten bis ans Südende. Da wollten wir denn wieder ein Stück aufwärts, um zu sehen, ob es dort nicht besser gehen würde, und fuhren querüber, um am andern Ufer entlang zu rudern.
Mitten im Fjord sagte Frau S.:
„Da schnappt etwas, aber ich bin gewiß auf Grund geraten.“