Part 11
Es ging über ein breites, nasses Moor, wo man genau aufpassen mußte, auf welchem Büschel man bei jedem Sprunge landete. Es kam aber vor, daß man bis zur Wade im Wasser steckenblieb, ohne sich vor dem nächsten Glucksen bewegen zu können. Hörte der Hahn mitten im Spiel auf, so zogen sich die Minuten in die Länge; man sank tiefer und tiefer ein, und die Beine schmerzten, ohne daß man einen Fuß bewegen konnte. Dann fing der Hahn wieder an, und wir kamen schließlich über das Moor und den Abhang auf der andern Seite hinauf.
Da sahen wir den Hahn frei auf einem Aste auffußen. Der Abstand war ziemlich groß, aber das Feld war so offen, daß man nicht näher herankommen konnte. Ich mußte schießen. Beim nächsten Glucksen erfolgte ein Knall, und klatschend fiel der Hahn zur Erde. Johann eilte davon, ihn zu holen.
Es war nun schon so hell, daß kein Spiel mehr zu erwarten war. Auch ein Sonnenspiel würde es nicht geben, denn im Osten war der Himmel dicht bewölkt, und die Sonne konnte nicht durchdringen, als sie aufging. Darum machte ich mich mit Johann auf den Heimweg.
Im Bereich Rondanes und der Sölenberge
Juli 1916.
Die Fahrt von den lachenden Mjöslandschaften das lange Gudbrandstal hinauf bis Otta bietet nicht viele Überraschungen. Gutgehaltene Gehöfte leuchten zu beiden Seiten des glitzernden Lågen. Das Leben geht im Talgrund seinen gleichmäßigen, altgewohnten Gang. Der ziemlich gelichtete Wald erstreckt sich auf beiden Seiten die Abhänge hinan bis zum Rand des kahlen Gebirges.
Verläßt man aber diese Einförmigkeit und geht ein Seitental hinauf, wie es die Waldschlucht ist, durch die sich die Ula ihren Weg vom Hochland herab bricht, dann ist man bald in einer neuen Welt.
Durch ein einsames Waldtal kommt man am Fluß entlang aufwärts, der in lauter Wasserfällen zur Seifensteinmühle unten im Tal hinabstürzt.
Hat man eine enge Bergpforte hinter sich, dann erweitert sich das Tal etwas und wird oben flacher. Die großen weißen Terrassen zu beiden Seiten mit den horizontalen Schichten zeigen, daß hier einmal, wohl am Schluß der Eiszeit, ein großer Binnensee gewesen ist. Jetzt ist er ausgetrocknet, da sich der Fluß einen freien Lauf gebahnt hat durch diese Rinne im Berge, die wohl von einer Moräne aufgedämmt worden war, oder vielleicht auch vom Eise, als das Tal draußen von einem Gletscher angefüllt war.
Dann wird das Tal wieder enger, und es geht höher hinauf. Allmählich wird der Wald niedriger und lichter, bald steht man an seinem oberen Rand. Die Talschlucht erweitert sich. Nach oben wird es flacher, und vom obersten Rücken, meint man, müsse man schon einen Ausblick auf die Bergweite mit ihren Gipfeln haben.
Das Barometer war gestern gesunken, schwere Wolken zogen jetzt von Osten her. Es mochte wohl Regen geben, aber es war gutes Wetter zum Gehen.
Jenseits der Schlucht liegt eine Sennhütte in etwas lichtem Wald mit flachen Mooren. Von da kommt man zur Mysualm hinauf. Im Birkenwald steht Hütte an Hütte; rot angestrichen, mit grünem Torfdach, vorn Fahnenstangen; sie sind von Stadtleuten gebaut, die sich hier im Sommer aufhalten und die Gebirgsluft genießen, im Herbst auf die Jagd gehen und zu Ostern Schneeschuh laufen.
Dann kommen die Touristenhütte und die Sennhütten. Aber der Weg führt höher hinauf, ins kahle Gebirge. Bald ist man ganz oben, und die Bergweite liegt wie eine Almwiese vor einem und wogt in weichen, mit Heidekraut und Moos überwachsenen Wellen.
Über dem allen liegen die Berge. Dort ist Rondane! Wolkenhohe Steinmassen wölben sich Kuppe an Kuppe über den Bergheiden mit tiefen Spalten, mit Firnen und Talkesseln und Schutthalden -- eine Märchenwelt für sich.
Dort ganz im Westen, sind das der Valsberg und die Bråkdalshöhe, wo Per Gynt hauste? Dann sind das in der Mitte wohl Smiuhammer und die Rondvaßhöhe mit den jäh abfallenden Hängen. Aber Diger-Ronden selbst und Hög-Ronden sieht man nicht, die liegen hinten. Hier vorn im Osten ist die Illmannhöhe.
Was für Berge! Sie tauchen fast zu plötzlich auf, nach dem kurzen Aufstieg vom Tale. Die Brust weitet sich, der Mut und die Schwingen wachsen.
Über welche Flächen schweift hier das Auge! Man fühlt sich so leicht, als könne man fliegen, und die Gedanken schwimmen in der blauen Luft bis weit nach Norden zu den festen Linien der Rondeberge.
Nach allen Seiten dehnt sich die Bergweite -- die Täler wie schmale Risse in den Gebirgsflächen. Tief dort unten windet sich der Fluß des Menschenlebens, weit, weit weg von hier oben. Hier atmet man frei, hier bietet sich Ruhe für Auge und Herz.
Doch andere Bilder tauchen auf -- aus weiterer Ferne.... Festungen, Schützengräben -- Berge von verstümmeltem Menschenfleisch.
Nein, nein, dem Furchtbaren da draußen entkommt man nicht, auch hier nicht! Nirgends gibt es Frieden.
In all das, was man sieht, klingt der Jammer von Millionen von Frauen hinein, die alles verloren haben -- den Geliebten, den Gatten.... Man sieht verzweifelte Mütter nach ihren Söhnen suchen, ergraute gebeugte Väter nach der Hoffnung ihres Stammes....
Ein Alpdrücken des Wahnsinns!.... und niemand kann es aufhalten -- niemand.
Schon erbeben die Grundlagen der Gesellschaft.... Die Völker Europas -- die „Träger der Kultur“ -- fressen einander auf; sie zertrampeln die Kultur, sie legen Europa in Ruinen -- wem zum Vorteil?
Es ist wie eine Lawine, die auf ihrem Weg zum Abgrund immer mehr mit sich fortreißt, Bäume, Wälder, Häuser, Gehöfte. Sie nimmt zu an Furchtbarkeit; alle wissen, daß sie das ganze Tal begraben wird, aber keine Macht kann sie aufhalten, sie +muß+ ihren Lauf vollenden.
Und wofür wird gekämpft? Für +Macht+! Nur für Macht! Wenigstens die, die angefangen haben....
Konnte es denn anders kommen? Eine Kultur, die die +Macht+ als das hohe Ziel der Völker setzt, kann die Menschheit nicht vorwärtsbringen; sie mußte sie schließlich hierher führen -- dem Untergang entgegen.
Für die einzelnen wie für die Staaten galt als Forderung der freie, rücksichtslose Wettlauf nach dem materiellen Erfolg um jeden Preis, nach äußerer Macht, nach Glanz.
Um das Ziel zu erreichen, nahmen die Völker auf nichts anderes mehr Rücksicht als auf sich selbst. Ideale, Moral konnte jeder mit heiligem Recht mit Füßen treten, sobald nur sein Volk Vorteil davon hatte. Da konnten feierliche Versprechen gebrochen werden, da konnte gelogen, betrogen, da konnte gemordet werden mit Lug und Trug. Da wird +der+ Mann zum Verräter, der nicht jedes Mittel anwenden will, um die Gegner seines Volkes zu vernichten. Ja, wenn es notwendig war, schadete es nichts, wenn einer die übrige Menschheit vernichtete, sobald sein eigenes Volk Platz brauchte....
Der Feldruf ist: Nieder mit allen andern, wenn nur +wir+ in die Höhe kommen!
Mit Notwendigkeit mußte das zu dieser Selbstvernichtung führen, sie +mußten+ einander auffressen, sobald die Erde zu klein wurde und jeder Platz besetzt war, als die letzten zur Krippe kamen und meinten, sie hätten dasselbe Recht auf die fetten Bissen wie die andern.
Aber alle behaupten, sie seien in den Kampf hinein gezwungen worden, sie kämpften für die hohen Ideale. Wie ist es so gekommen?
Es +mußte+ so kommen! +Europas Kultur hat versagt+; sie war innerlich faul. Wie der kranke Baum im Walde stürzte sie zusammen, sobald der Sturm losbrach.
Kultur? Ja, was ist sie denn, wenn sie nicht das wilde Tier meistert, wenn sie es nicht fortführt aus der Barbarei? Das ist ja ihr innerstes Wesen, ohne das ist sie eine leere Schale.
Aber nun rast das wilde Tier zügellos, der Fenriswolf ist los, häßlich heult Garm am Eingang zur Unterwelt.
Der größte Sieg ist, sich selbst überwinden. Das gilt nicht nur für den einzelnen, das gilt auch für die Völker, für die Gemeinschaft der Menschen.
Wir führen einen steten Kampf, um die Naturkräfte zu meistern, um das Dasein zu sichern. Aber die ohne Frage größten Unglücksfälle, das schlimmste Elend +verdanken wir immer noch den Menschen selbst+, und noch sind wir nicht dahin gelangt, das hindern zu können. Welch eine furchtbare, demütigende Wahrheit!......
* * * * *
Die schwere Nebelkappe über dem Smiuhammer wird dunkler, unten in der Schlucht wird es blauschwarz. Es ist, als runzle der Berg die Brauen......
Kann es wahr sein? -- Aber es sind ja +Großmächte+ -- und eine Großmacht darf alles, was sie selbst für recht erklärt. Die Mehrheit entscheidet über das Recht in der Welt. Eine Großmacht ist immer in der Mehrheit, also hat sie immer recht -- und die kleinen Völker haben unrecht. -- --
Nein, das führt im Kreise herum. Aber ich will ja vorwärts, ich will weiter über diese moosbewachsenen Flächen, wo nichts den Fuß aufhält.
Über die Flächen und an den Bergwänden hinauf schweift der Blick..... Hier gab es früher Renntiere genug, aber jetzt ist kein Tier zu sehen, kein lebendes Wesen. Die Menschen haben alles vernichtet.
Ein herrliches Geschöpf, dieser Mensch..... plündern, rauben, Krieg gegen die Tiere, Krieg gegen die Menschen..... Raubtier -- überall.....
* * * * *
Und wie dieser Krieg alle Begriffe auf den Kopf stellt! Zu was für Ungeheuern macht er uns!
Bekommt einer eine Uniform an, Kleider von einer gewissen Form und Farbe, und dazu einen Befehl, dann hat er Recht zu allem möglichen. Er kann aus der Luft Bomben auf friedliche Städte werfen, auf arbeitsame Bürger, die nur ihrer Tagesarbeit nachgehen, er kann Wohnstätten, Eigentum, Beruf vernichten.
Verteidigt sich aber einer, der keine Uniform anhat, schießt er auf die Gewaltmenschen, dann ist das ein schändliches Verbrechen .... Fängt man ihn, dann wird er nach Gesetz und Recht erschossen oder gehängt...
Es kocht in einem.... Aber selbst sonst gutherzige Menschen finden so etwas in Ordnung, wenigstens schreien sie nicht.
Ist das die Kultur, in der die Welt weiterleben sollte? Dann lieber verbluten..... dann lieber untergehen!
Mußte Europas Kultur bis zu diesem Wahnsinn führen -- und das +mußte+ sie wohl, denn es waren ja erwachsene Männer und nicht gedankenlose Kinder, die die Drähte in der Hand hielten --, ja, dann war sie fertig und sie +mußte+ in den Schmelztiegel ....
Und wir, unser Volk? Sollen auch wir in den Mahlstrom hineingezogen werden, bevor wir noch haben versuchen können, unsern Einsatz in der Entwicklung der Welt zu leisten? Noch haben wir Norweger keine eigene Kultur hervorgebracht, aber die Kräfte sind da, und groß genug liegen die Aufgaben vor uns in der Zukunft -- wenn wir nur nicht an unserer Seele Schaden nehmen, indem wir als Zuschauer dasitzen und uns mit dem mästen, was vom Weltbrand abfällt.....
Bei uns herrschte dieselbe wilde Gier nach Gewinn, die den Krieg entzündete; aber wir leben ohne die großen Gefühle, die ihn tragen.....
Dort draußen werden trotz aller Vernichtung doch Willen gehärtet, dort werden Männer geschaffen. Die Völker kämpfen um ihr Leben, -- da gibt es noch Ziele!..... Und sie erhalten ihre Taufe in dem großen Leiden, in der Entsagung, in dem geduldigen, unbegrenzten Opferwillen..... Aller Flitterstaat wird abgestreift, sie werden zur Natur zurückgezwungen, zu dem einfacheren, gesunderen Leben in Genügsamkeit.... Aber wir?...
Sollte aus dieser Berserkerwut des Wahnsinns doch etwas Gutes, eine neue Zeit hervorgehen?
* * * * *
Fertig, sagen sie? Sollte Europas Kultur fertig sein? Ist der Mittelpunkt der Welt im Begriff verlegt zu werden?
Oder haben trotzdem die Völker die Kraft zur Erneuerung?
Die Welt hat früher gesehen, daß Völker, die für ihr Dasein, für die Freiheit -- aber nicht für die Macht -- kämpfen, sich herrlich entfalten können, wie die Griechen, wie Athen nach dem Kampf gegen die Perser.
Aber die Welt hat auch gesehen, daß, wo ein Militärstaat, ein Sparta oder ein Rom, den Sieg davontrug, der große Niedergang der Kultur begann.
Ja, wer weiß, was kommt -- und was nützt es, darüber zu grübeln?
* * *
Es geht schnell und leicht nach Osten. Ich komme über die Glitra, die nach dem Gudbrandstal fließt, und wandere weiter aufwärts. Das einzige lebende Wesen ist hier und da ein Morinell (~Eudromias morinellus~), der zwischen den mit Heidekraut bedeckten Rücken davonläuft.
Bald erreichte ich die Wasserscheide zwischen der Glitra und dem Musvollfluß, der nach Nordosten in den Atnesee fließt. Es öffnete sich auch eine breite Talsenke ostwärts mit Aussicht nach Sollien und dem Glommental. Im Norden aber thronten über allem die Berge von Rondane. Können vielleicht sie dort oben von ihrer Höhe in die Zukunft hineinschauen?
Ja, sag du mir, Diger-Ronden, was du siehst..... Die Zukunft, das Kommende, ist es denn +nur+ Finsternis?
Oder vielleicht verbrennt das Alte und Verbrauchte, damit Neues an seine Stelle treten kann? Aber woher soll dieses kommen?
Bleibt Kraft genug zurück, um das neue Geschlecht fortzupflanzen? -- --
Tausendmal die gleiche Frage, aber der unstete Gedanke erhält keine Antwort. Es ist, als ob alles versage und versinke. Wir fühlen uns todkrank.
Doch nein, welche Genesung in diesen Bergweiten! Man sieht sich wieder gesund und stark an diesen Bergen, wie sie daliegen in ihrer breiten sicheren Größe, fest, unverrückbar, wie sie die wechselnden Zeiten an sich vorübersausen lassen, während sie unverändert bleiben.
Wenn abgelebte Kulturen einiger Völker zugrunde gehen, so ist das wohl kein unersetzlicher Schaden. So etwas ist schon früher geschehen, und noch leben die Menschen.
Sieh diese gewaltigen Gebirgsformen! Hier liegt die Erde, wie sie eben vom Eise verlassen wurde, wie sie jahrtausendelang gelegen hat. Sie birgt Möglichkeiten für neue arbeitende Geschlechter. Sorge dich nur nicht! Wenn die, die waren, einander auffressen konnten, so ist es wohl gut, daß neue kommen.
Aber woher sollen diese kommen? Wo finden wir die frischen unverbrauchten Geschlechter?
Nein, wieder geht es im Kreise. Aber ich wollte ja zum Atnesee hinunter.....
* * * * *
Nach und nach tauchte etwas Birkengebüsch an den Talhängen auf. Der Hund zog mehrmals vor Hühnern an, und die ängstliche Schneehuhnmutter ging auf und lief mit hängenden Flügeln vor dem Hunde fort, um ihn zu sich heranzulocken, weg von den Jungen. Ja, ich habe die Schneehuhnmutter mit gesträubten Federn gerade auf den Hunderachen zulaufen sehen, um auf ihn einzuhacken, wenn der Hund das Junge nehmen wollte.
+Das+ ist Mut und Opferwille bis zum Tode. Können wir Menschen ihn besser für unsere Nachkommen und für das Vaterland beweisen?
Weiter unten begegnete ich einer Herde Jungvieh, die am Flusse weidete. Ohne auf den Hund zu achten, stürmten sie auf mich ein und umringten mich, pusteten und schnauften und kamen mit dem Maul an meine Hand heran, um sich streicheln zu lassen und Salz zu bekommen, als ob sie lange Zeit keine Menschen gesehen hätten. Sie sind also menschenfreundlich genug..... und wir?...
Sie folgten mir ins Tal hinab, so sehr ich sie auch wieder ins Gebirge hinaufzuscheuchen versuchte.
* * *
Auf der Björnhullhalde kam ich zu der ersten bewohnten Alm. Ich ging ins Haus, um ein Schnitzmesser abzugeben, das ich unterwegs gefunden hatte. In der Stube saß die Frau und nähte; der Mann verspeiste gerade einen Fisch, den er im Bergsee gefangen hatte.
Sie hatten sechs Kühe und einige Ziegen auf der Alm; das Gehöft lag zu oberst im Atnetal, und der Mann war, wie er sagte, der nächste Nachbar von Hög-Ronden.
Auf ihrem Berghofe ernteten sie nichts als Heu und vielleicht noch etwas Grünfutter. Der Anbau von Korn war nicht möglich, auch nicht der von Kartoffeln. Was sie davon brauchten, mußten sie aus dem Tale holen, und es waren jetzt teuere Zeiten. Aber man durfte trotzdem nicht klagen, sie bekamen genug.
Ja, in seiner Art war es ein mühseliges Leben, und der Winter war streng und lang -- aber das Leben so hoch oben im Gebirge ist auch gesund. Die Luft ist rein, das Wasser gut, und wir sind frisch an Leib und Seele, und so können wir, wie gesagt, nicht klagen.
Ich erwiderte, es sei erfreulich, so etwas zu hören. Es gibt viele, die über die Lage des Bauern klagen, nicht zum wenigsten oben in den Gebirgstälern. Manche Täler sind ja in den letzten Zeiten ziemlich entvölkert worden; besonders die Jugend wandert nach Amerika aus oder zieht auch in die Städte. Sie finden es zu Hause zu mühselig; die Ansprüche ans Leben sind gestiegen. Was aber noch schlimmer ist, das Leben ist ihnen zu langweilig geworden. Sie wollen lieber in der Stadt hungern und frieren, denn dort gibt es so vieles, was anlockt.
Oh, er könne nicht sagen, daß es hier im Tal so schlimm gewesen sei. In der letzten Zeit hätten sich sogar mehrere neu angesiedelt. Es habe doch auch keinen Sinn, in diese häßlichen Städte zu ziehen, wenn man im Gebirge sein eigener Herr sein und sein freies Leben haben könne.
Das waren erfrischende Worte von einem, der selbst dieses Leben lebte. Daß der Hinweis auf die Gesundheit mehr als Gerede war, zeigt das hohe Alter, das die Leute hier im Tal erreichen. Die Mutter dieses Mannes wurde über 92 Jahre alt; mit 89 Jahren ging sie noch mit dem Vieh vom Tal zur Alm, und sie war gesund und rührig in ihrer Arbeit.
Frohen Mutes zog ich weiter. Gäbe es nur viele von dieser Art in unserm Volk, dann könnte Norwegen einer lichten Zukunft entgegensehen.
Ja, wenn wir die Lebensansicht dieses Nachbars von Hög-Ronden der Jugend unserer Zeit einpflanzen könnten, dieser Jugend, die sich am meisten damit beschäftigt, wie sie bei geringster Arbeit das meiste Geld verdienen kann, um ihrer Genußsucht zu frönen. Wenn wir nur in der Jugend auch die Liebe zu dem Lande erwecken könnten, zu dem Volk, das sie hervorgebracht hat, wenn wir sie dazu bringen könnten, an die Zukunft der Nation zu denken und daran, was aus der Rasse werden könnte, und welche Pflichten, welche erhebenden Aufgaben sie da finden könnte, anstatt nur an sich selbst und an ihre Gelüste zu denken.
Dieser kleinliche Egoismus, der sich Tag für Tag mehr in allen Schichten verbreitet und die Gesellschaft entkräftet, in dieser Natur müßte er sich abschälen.
Wenn einer Rondane dort im Westen sich vom Himmel abheben sieht, dann muß er erkennen, daß zwischen solchen Bergen der Gesichtskreis ein anderer wird, die Ziele größer, als in dem Hof einer Fabrikstadt, wo das Auge den ganzen Tag nicht weiter schaut als bis zur nächsten Wand, und wo der beständige Anblick von andern, die es besser haben, die Unzufriedenheit nährt.
Gebt ihnen etwas von dem Naturleben zurück, das ihnen allen fehlt, nach dem sich aber alle, bewußt und unbewußt, sehnen -- und die Lebensauffassung wird gesunder, die Lebensfreude wird heller werden!...
* * *
Nun ging es im Walde abwärts, und nach einer halben Stunde erreichte ich die Musvollalm. Sie war voller Städter. Trotz der liebenswürdigen Versicherung des Besitzers, daß er mir schon noch einen Platz und ein gutes Bett verschaffen werde und sich gern mit mir unterhalten wolle, war es doch für einen fahrenden Gesellen zu früh am Tage, um haltzumachen. Die Hügel hinab wanderte ich weiter durch den Wald, und bald war ich unten am Atnesee.
Hier stehen einige Fischerhütten, die Leuten aus Fron, aus dem Gudbrandstal, gehören. Von alters her haben sie in diesem See das Fischrecht. Es waren gerade einige Männer da, aber größere Fische hatten sie nicht gefangen; das Wetter war zu still gewesen, auch stand das Wasser zu hoch.
Ich hatte die Erlaubnis erhalten, das Boot des Besitzers der Musvollalm zu benutzen; in ihm fuhr ich auf die andere Seite des Sees hinüber, wo eine neue Ansiedlung sein sollte.
Eine gute Strecke aufwärts vom See fand ich endlich auch die Rodung mitten im Wald. Zwei Männer hatten sich zusammengetan und hatten hier vor zwei Jahren angefangen urbar zu machen. Sie hatten schon einen guten Gerstenacker und Kartoffeln, und die Bäume waren auf einer großen Fläche gefällt. Die Wurzeln staken noch im Boden, und noch genug Arbeit war zu tun. Aber der Boden war gut, vielleicht etwas trocken, mit Sand darunter. Eine gemütliche kleine Hütte war schon gebaut, und auch der Stall war beinahe fertig. Als ich kam, saß der eine Mann auf dem Dach und legte Planken.
Ja, er könne mich über den See nach Brenn rudern; er könne auch sofort aufbrechen, müsse aber nur noch einmal ins Haus und sich etwas herrichten. Er war verheiratet, sein Kamerad aber war noch ledig. Sie hatten sich 16000 Quadratmeter Land gekauft, konnten einige Kühe und ein Pferd halten und verrichteten im übrigen in der Hauptsache Waldarbeit.
Es stärkt den Glauben an die Zukunft, wenn man hoch oben im Gebirge eine solche neue Ansiedlung sieht. Der Anbau werde sich gut lohnen, meinte er; die Heuernte sei in den meisten Jahren gut, die Kartoffeln gediehen auch. Weniger gut stehe es mit dem Getreide, aber sie schnitten es als Grünfutter, was sich auch lohne. Dann hätten sie Fische im See und im übrigen, wie gesagt, Arbeit genug im Walde. Hier sei es wahrhaftig nicht schwer zu leben.
Die Ruderstrecke über den Atnesee beträgt etwa 8 Kilometer.
Welcher Friede! Dort an der Nordseite liegt das schöne Nesset, wo einer der wenigen großen Männer Norwegens, der Mathematiker Cato Guldberg, gewohnt hat. Das war ihm ähnlich, sich gerade hier niederzulassen. Diese einfache, aber großartige Natur entsprach seinem Wesen.
Breit und sicher liegen die Häuser oben auf dem grünen Wall, der sich bis an den See hinunter erstreckt; sie leuchten rot im Walde. Zu beiden Seiten ziehen die flachen Waldhänge bis zum kahlen Gebirge hinan.
Erst am Abend gelangte ich nach Brenn an der Atnebrücke und bekam für die Nacht Quartier. Das Zimmer ging auf den Fluß hinaus. Das Wasser des Falles donnerte unter der Brücke. Es stürzte in eine schöne Fischgumpe hinab, die verlockend aussah. Kreis um Kreis stießen die Forellen auf der blanken Wasserfläche oberhalb der Brücke. Die Nacht war still und warm. Das war viel für ein Fischerherz, aber -- es hieß weiterziehen. Es war das beste, sich schlafen zu legen.
Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen vom Atnetal über den Bergrücken hinab ins Vulutal und weiter nach Sollien.
Nun geht es vom Gebirge, von dem weitgedehnten Hochland hinab ins Land der ernsten großen Wälder.
Von der Skyßstation in Sollien fuhr ich mit frischem Pferd weiter, die Hügel hinab ins Glommental. Wie bedauerlich wenig Zeit wir Menschen brauchen, um unsere Lebensbedürfnisse zu steigern! Früher schien es herrlich, mit Pferd und „Stuhlkarre“ zu reisen. Jetzt aber, nachdem wir seit wenigen Jahren die Automobile haben, bewundert man die Geduld der Menschen, die sich dareinfinden, ihre Zeit damit zu verlieren, sich in einer Karre schütteln zu lassen und ein müdes Postpferd vorwärts zu treiben.
Das Pferd, das ich hier bekommen hatte, war übrigens recht willig. Gern ließ ich den kleinen erst zehnjährigen Kutscher fahren, denn er kannte das Pferd wohl am besten.
Als es aber einen langen Hügel hinabtrottete, stolperte es, fiel in die Knie, versuchte wiederaufzukommen, schlug aber dann einen Purzelbaum und lag auf dem Rücken, die Beine in der Luft.
Ich sprang aus dem Wagen und hielt dem Pferd den Filzhut über die Augen, damit es nicht zappeln und die Gabeldeichsel zerbrechen sollte. Der kleine Kutscher war beherzt. Ein bißchen weinen mußte er ja, gleichzeitig aber gab er mir mit der Miene des erwachsenen Mannes Bescheid, wie ich das Pferd ausspannen müsse. Bald hatten wir das Geschirr herunter, das Pferd wieder auf den Beinen und vorgespannt. Wir stiegen ein und fuhren weiter.
Ein wunderliches Pferd, mitten auf ebenem Weg einen Purzelbaum zu schlagen. Ich ergriff die Zügel, merkte aber bald, daß es leicht stolperte und fest im Zügel gehalten werden mußte.
Sie hätten das Pferd eben erst aus der Stadt bekommen, sagte der Junge, und er kenne es nicht. Wahrscheinlich war es ein Kutschpferd, das von den Steinstraßen kranke Beine bekommen hatte; durch die Automobile vertrieben, sollte es nun seine letzten Jahre als Postpferd hier auf dem Lande abdienen, wohin das Automobil noch nicht gelangt war.