Freiland: Ein sociales Zukunftsbild
Part 35
Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage, woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche Sachkenntnis und Intelligenz hernähmen, um jederzeit genau beurteilen zu können, wo man ihrer gerade am nötigsten bedürfe. »Sie haben,« so meinte einer der Besucher, »eine allumfassende, pünktliche Statistik, die jede Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit verzeichnet -- sehr wohl; aber welch hohes Verständnis gehört dazu, um sich in einer solchen Statistik zu orientieren!«
»Dazu gehört in Wahrheit ein überaus bescheidenes Maß von Verständnis, kein höheres, als es bei jedem vernünftigen Menschen ohne weiteres vorausgesetzt werden kann,« war die Antwort. »Denn kein Arbeiter braucht sich um anderes zu kümmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Hätten wir keinen freien Markt, auf welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wäre es allerdings eine nicht bloß schwierige, sondern eine in Wahrheit ganz und gar unlösliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig stärkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wünschenswert sei. Da sich aber bei uns jede Veränderung der Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im Preise der Produkte ausdrückt, so ist es ganz selbstverständlich, daß der in Gemäßheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde entfallende Nettoertrag in untrüglichster Weise anzeigt, ob der Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Daß z. B. die Maschinenfabrik, in deren Räumen wir uns momentan befinden, ihren Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf zurückzuführen, daß deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind, eine Thatsache, die an und für sich zu konstatieren in der That höchst kompliziert und schwierig wäre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Erträgnis aller hier beschäftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so genügt es vollkommen, letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nämlich der vermehrte Zufluß von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle.«
»Aber ist nicht auch diese Ergründung des überall in jedem gegebenen Momente vorhandenen Erträgnisses eine für gewöhnliche Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe?« lautete die fernere Frage.
»Durchaus nicht,« erklärte der Direktor der freiländischen Centralbank. »Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von unserer Centralstelle ergänzten und bearbeiteten Urmateriale zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich für statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der gewöhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er die seinen Fähigkeiten entsprechende höchste Rente findet, begnügt sich mit jenen übersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erläuterungen aller Art begleiten. Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8 Schilling begnügen, oder wegen des bei einem anderen verwandten Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde höheren Ertrages sich diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden soll, die vorübergehend -- während der Erntezeit nämlich -- bis zu 10 Schilling für die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er muß mit sich darüber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm genügenden Ersatz gewährt für die mit dem Ortswechsel möglicherweise verknüpften materiellen oder gemütlichen Nachteile, für die Beschwerden und Unannehmlichkeiten des Umzuges, für die anstrengendere Arbeit u. dergl.; im übrigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verständnis verwickelter wirtschaftlicher Vorgänge, noch irgendwelches Interesse für anderes, als für den eigenen Vorteil gefordert.«
»Wie aber verhüten Sie,« so fragte ein anderer der Herren, »daß bei einer irgendwo eintretenden stärkeren Steigerung der Erträge der Zuzug der Arbeitskräfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behörde ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so ist doch immerhin möglich, daß statt der gewünschten Hunderte sich Tausende einstellen.«
»Das könnte nur geschehen« -- so lautete die Erklärung -- »wenn Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wären, oder wenn wir uns ihrer nicht zu bedienen verstünden. Um welchen Teilbetrag die Rente sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wächst, läßt sich natürlich überall mit großer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thöricht ist, einer irgendwo auftauchenden höheren Gewinnziffer nachzulaufen, ohne sich vorher zu vergewissern, daß er diese höhere Gewinnziffer, am Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es bei uns selbstverständliche Übung, daß die Arbeiter ihre Absicht den Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, daß diese Anmeldungen fortlaufend publiziert werden und daß demnach Jedermann, noch bevor er sich auf den Weg macht, vollkommen darüber beruhigt sein muß, an seinem zukünftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnöten zu sein.«
Einen zweiten Anlaß zu eingehenderen Erörterungen boten die in zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort beschäftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung leuchtete den Gästen natürlich sofort ein, weniger einleuchtend aber erschien den meisten derselben der erläuternde Zusatz eines der Direktoren -- es war das zufällig in der Danastädter Chemikalienfabrik -- daß man die gewonnenen Erfahrungen »selbstverständlich« jederzeit publiziere, auf besonders nützlich erscheinende die anderen Associationen wohl auch ausdrücklich aufmerksam mache und dafür ebenso selbstverständlich von diesen über alle in deren Versuchsanstalten gemachten Funde pünktlichst auf dem Laufenden erhalten werde.
»Wenn das hierzulande selbstverständlich ist, dann müßt Ihr freiländischen Industriellen uneigennützig wie die Engel sein,« meinte einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fügte er hinzu: »Es scheint also doch, daß nicht alle Eure Einrichtungen sich sofort zu uns Abendländern übertragen lassen, denn bei uns, dessen kann ich Sie versichern, würde Niemand freiwillig von ihm ersonnene Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und am allerwenigsten könnte er sich darauf verlassen, daß diese ihm die ihrigen preisgeben.«
»Sie haben ganz recht,« war die Antwort, »das würde Niemand bei Ihnen thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen so wunderbar uneigennützig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung möglichst vollständig erfreuen, ist durchaus notwendig, daß alle chemischen Fabriken des ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich einführen. Wären wir so thöricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten -- ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der Öffentlichkeit all unserer geschäftlichen Vorgänge an und für sich ziemlich aussichtslos bliebe -- so wäre das einzig mögliche Ergebnis, daß aus allen concurrierenden Associationen insolange Arbeitskräfte zu uns einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit -- umgerechnet auf die einzelne Arbeitsstunde -- wieder auf das Niveau der anderwärts in Freiland erzielbaren Erträge herabgedrückt würde, wir also von unserer Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein erzielen wir, daß die Arbeit auch anderwärts ertragreicher wird und daß also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer Produktionsvorteile an uns heranzudrängen. Gerade so verhält es sich natürlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir können mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, daß wir sofort von denselben verständigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche Interesse haben wie wir, nämlich unsere Produktionserträge zu steigern, damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen möglichst vollständig genießen.«
Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht doch möglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.
»Was geschähe« -- so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt -- »wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von Nordleikipia, dazu aufgefordert durch -- selbstverständlich geheimen -- Beschluß der die Majorität bildenden alten Mitglieder, es versuchen wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung fernzuhalten; wer schützt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre, von der Majorität Ihrer Associationsmitglieder nicht bloß gebilligte, sondern geradezu in deren Interesse geübte Willkür? Die Mißhandelten haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was -- Sie entschuldigen wohl die, bloß um der prinzipiellen Aufklärung willen vorgebrachte Unterstellung -- erreicht werden will und was doch verhütet werden muß, soll darüber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die Brüche gehen. Oder die Majorität kann sich zu gleichem Zwecke ein so hohes Präcipuum votieren, daß das damit geübte Unrecht alle Zuwanderung abhält. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?«
»Abermals in der freien Concurrenz,« entgegnete lächelnd der Direktor. »Derartige Ausschreitungen wären bei uns nur möglich, wenn sie im geheimen geübt werden könnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht bloß die darauf abzielenden Beschlüsse, sondern auch deren Ausführung der Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollständig entginge. Ich müßte nicht bloß den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten, alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich müßte auch das Kunststück zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken, daß Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar würden, wäre ich -- darauf können Sie sich verlassen -- zum längsten Direktor, meine Auftraggeber wären zum längsten Majorität der Bodenassociation von Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser Beschluß, den alten Mitgliedern ein ungebührliches Präcipuum zuzuwenden, bekannt würde. Denn wie Sie leichtlich ermessen können, ist die öffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und eifersüchtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berührenden, das individuelle Interesse Aller gleichmäßig bedrohenden; und da die schrankenlose Freizügigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehört keine sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmäßigen Chikanen zum Verlassen unserer Association zwängen, würde vielleicht selber noch keine böse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon Lärm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten dürfte bereits das öffentliche Mißtrauen rege werden, und ehe ich meine Künste am zehnten Opfer zu üben vermöchte, wäre durch einen aus allen Gauen herbeiströmenden Zufluß neuer Mitglieder die übelwollende Majorität und ich natürlich mit ihr unschädlich gemacht.«
Diese Darlegung wirkte so schlagend, daß fernerhin kein Zweifel gegen die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congreßmitglieder hatten zwar noch wiederholt Anlaß, über gar Manches, was sie sahen und hörten, in Erstaunen zu geraten; daß jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nämlichen Wunder allüberall auch außerhalb Freilands in die Erscheinung treten müßten, war ihnen zur Gewißheit geworden.
* * * * *
Nach Ablauf der zweitägigen Pause wurden die Beratungen des Congresses wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung: _Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend allgemein zu beseitigen?_ Als erster Redner war vorgemerkt
_Robert Murchison_ (Rechte): Ich muß zuvörderst Namens meiner bisher die Durchführbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden Gesinnungsgenossen die formelle Erklärung abgeben, daß wir nunmehr nicht allein von der Durchführbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen Unvermeidlichkeit desselben durchaus überzeugt sind. Auch die fernere Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, daß es der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich derselben noch nicht entschlagen und fühle mich daher im Interesse allseitiger Aufklärung verpflichtet, dieselben nach Kräften zu begründen.
Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhängig von allen bisher erörterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die Durchführbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit muß und wird zur Wahrheit werden, das wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, daß sie sich wird behaupten können? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum für alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge zerstörender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr und mehr wird die Menge der Bevölkerung anwachsen, bis endlich -- der Tag mag noch so ferne sein -- die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu ernähren im Stande sein wird.
Ich will Sie mit ausführlicher Wiederholung und Begründung des bekannten Lehrsatzes meines berühmten Landsmannes Malthus nicht ermüden. Viel wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, Überzeugendes bisher nicht. Daß die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natürliche Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht bloß der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen bleiben muß. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren könnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum hätten, so müßte auch der Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des Nahrungsmangels stieße, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberfläche finden. Auch bestätigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Völker diese grausame Wahrheit; überall sehen wir, daß es der Nahrungsmangel, die Not mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser Grenzen hält. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit hinausrücken, völlig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und hundertfach größer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden, ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der Reichtum den Entbehrungen und schließlich bitterster Not weichen und zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil es aus ihrem alle Kultur erdrückenden Bannkreise kein Entrinnen geben wird, nicht einmal jenes teilweise, welches früher die Ausbeutung zum mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit, nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer könnte es sagen? Klar scheint nur, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht längere Zeit hindurch erfreuen könnte.
Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maßregeln zur Verhütung der Übervölkerung vorgeschlagen, um dem rückwirkenden Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf künstliche, planmäßige Unterdrückung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und Mittelchen sind -- wenn sie sich überhaupt durchgreifend in Anwendung bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den äußersten Konsequenzen des Elends zitternden Bevölkerung; wie in Überfluß und Muße lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschränkungen zu unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung könnte meines Erachtens in der freien Gesellschaft günstigsten Falles erst dann Platz greifen, wenn die Not der Übervölkerung schon einen hohen Grad erreicht, den einstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das individuelle Freiheitsgefühl bedenklich vermindert hätte. Das sind, ganz abgesehen von der ethischen Widerwärtigkeit all dieser gewaltsamen Eingriffe in das -- gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit so überaus zart sich gestaltende -- Verhältnis der Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von der überschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Männer von Freiland ihre Schöpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu können?
_Franzisko Espero_ (Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von den anderen lebenden Wesen, daß er sich seine Nahrungsmittel selber bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit fortschreitender Kultur die Bevölkerung wird. Das hat ein großer amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt, daß das im übrigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen Zurückbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten, auf den Menschen keine Anwendung findet. Daß trotzdem Not und Elend bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde hätte genug für Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet hätte, freien Gebrauch von ihren Kräften zu machen. Die Ausbeutung aber ist eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben. Beseitiget sie, und Ihr habt für immer das Gespenst des Hungers verjagt.
_Stefan Való_ (Freiland): Ich halte es für nützlich, den freiländischen Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu konstatieren. Das geehrte Kongreßmitglied aus Brasilien (Espero) hat recht, wenn es das thatsächliche Elend der Menschheit in der Epoche der Ausbeutung statt mit dem Walten natürlicher Kräfte, mit menschlichen Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie reichlicher zu ernähren unvermögend gewesen wäre. Ich will übrigens hinzufügen, daß dieses thatsächliche Elend die Massen niemals hinderte, sich zu vermehren in dem Maße, als dies durch andere, auf die Bevölkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja daß sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn er, gestützt auf die hohlen Redensarten Carey's, leugnet, daß die Volksvermehrung, könnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu Nahrungsmangel führen müßte. Der erste der heutigen Redner hat ganz richtig bemerkt, daß es in diesem Falle schließlich dahin käme, daß den Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, daß ein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberfläche bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja, in letzter Linie müßte bei wirklich schrankenlos fortschreitender Vermehrung der Menschenmenge nicht bloß die Oberfläche, sondern sogar der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente für die sich häufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme -- in so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhängern Recht, _muß_ also irgend eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die vernünftiger Weise erst dann bejaht werden dürfte, wenn festgestellt, oder auch nur plausibel gemacht werden könnte, daß nicht früher schon, lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge hätte, daß die Grenzen des Nahrungsspielraums, von ganz außergewöhnlichen Fällen abgesehen, niemals auch nur annähernd erreicht, geschweige denn überschritten werden könnten.