Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Part 36

Chapter 363,289 wordsPublic domain

_Arthur French_ (Rechte): Das soeben Gehörte erfüllt mich mit maßlosem Erstaunen. Wie, das Mitglied der freiländischen Verwaltung gibt zu -- was allerdings vernünftiger Weise nicht geleugnet werden kann -- daß unbegrenzte Vermehrung eine Unmöglichkeit sei, und bestreitet dennoch, daß Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wäre? Daß Malthus geirrt, als er dieses natürliche Hemmnis auch bisher schon als in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen verwehrt war, sich zu sättigen, nicht weil die Erde unvermögend gewesen wäre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu ernähren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt hatte. Schon minder verständlich ist mir, was Redner darunter meint, wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung künstlich hervorgerufene Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als Beförderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber möchte ich näheres über jene anderen, entscheidenden Faktoren hören, welche dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch in Zukunft die Regulierung der Bevölkerungszahl erwartet. Diese anderen Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die Bevölkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe kommen zu lassen. Künstliche, willkürlich zur Anwendung gelangende Mittel können das nicht sein, sonst würde ein Mitglied der freiländischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit gegründeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen. Doch abgesehen von all dem -- wie kann die Wirksamkeit eines so elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist, gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden, während dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe nötigen würde, bei ihrem Fortpflanzungsgeschäfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes vernünftige Maß zu beschränken, welches den Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entspräche?«

Mächtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schärfe vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefühl erwartungsvoller Spannung noch dadurch, daß mehrere Mitglieder der freiländischen Verwaltung -- unter diesen auch der frühere Redner Stefan Való -- zum Präsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten, sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemächtigte sich die Empfindung, daß die Debatte -- nicht bloß die heutige, sondern die des Kongresses überhaupt -- an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei. Vermochten die Wortführer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und gegenstandlos nachzuweisen, so war die große Geistesschlacht endgiltig gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte fürderhin nicht mehr der Frage gelten, _ob_, sondern bloß derjenigen, _wie_ die neue sociale Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an diesem Punkte die Kraft der freiländischen Beweisführung, gelang es ihr nicht abermals, das Gebäude der gegnerischen Argumentation umzublasen, gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens. Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofür man sich begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen.

Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr. _Strahl_ das Wort, nachdem er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freiländischen Verwaltung abgegeben hatte:

»Unser Freund von der Rechten«, so begann er seine Rede, »hat den an uns gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das Mittel kennten, welches die Heringe nötigen würde, sich bei ihrem Fortpflanzungsgeschäfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den Rücksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entsprächen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bündig: Jawohl, wir kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? Mit Unrecht, lieben Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf einen Gegenstand handelt, bezüglich dessen die mit der Muttermilch eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem Urteilvermögen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, daß Sie Alle das fragliche Mittel so gut wüßten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, daß wir oder Sie imstande wären, den Heringen diese vorsorgliche Rücksicht erst beizubringen, was in der That ziemlich schwer durchführbar wäre; ich behaupte vielmehr, daß unsere gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, daß die Heringe von jeher üben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst durch unseren Witz angeleitet werden müßten und daß wir daher, um zur Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, bloß nötig hatten: erstlich, die Augen zu öffnen, um zu sehen, _was_ in der Natur vorgeht und sodann unseren Verstand einigermaßen zu gebrauchen, um auch hinter das _Wie_ dieses Naturvorganges zu gelangen.

Öffnen wir also zunächst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde, die ererbte ökonomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne dabei an dessen mögliche Beziehungen zur Bevölkerungsfrage innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen Erklärungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie denselben einfach als einen der vielen Kostgänger am Tische der Natur. Unmöglich wird Ihnen dann entgehen, daß diese Tierspecies zwar in sehr zahlreichen Exemplaren vertreten ist, daß aber noch unendlich zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fänden. Ja ich behaupte, daß Sie sich -- immer vorausgesetzt, daß Sie dabei nur den Hering und nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben -- selber verlachen würden, käme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die Heringe könnten, wenn ihrer etwas mehr wären, keine Nahrung im Weltmeere finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu werden vermöchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren Ernährungsverhältnisse wir nicht wie bei den Heringen bloß durch unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch wirklichen Augenschein zu erkennen vermögen, also z. B. den Elefanten, den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und für den er gleichfalls berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Pärchen den ganzen Erdkreis mit seinen Nachkommen erfüllen müßte, um daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß es der Nahrungsmangel sei, was dieser schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste, oberflächlichste Blick, daß nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel Elefanten sind, als reichlich und in Fülle Nahrung fänden? Würden Sie nicht jeden für einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis machen wollte?

Sie wissen also insgesamt -- das bitte ich zunächst festzuhalten -- daß jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmäßig innerhalb solcher Schranken hält, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht bloß, daß es so ist, Sie wissen auch, daß und warum es so sein _muß_. Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgänge sagt Ihnen nämlich bei nur einigem Nachdenken, daß eine Art, die sich wirklich regelmäßig bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmäßig dem Hunger und den Entbehrungen ausgesetzt wäre, notwendiger Weise verkümmern müßte.

Sie wissen also, daß jener unerschöpfliche Überfluß, der im Gegensatze zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der Notwendigkeit ist und es erübrigt nur mehr die Ergründung jenes Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel, welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhüllt, war damals noch nicht erhellt; man mußte sich also damit begnügen, alle Vorgänge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder der sogenannten Lebenskraft zu erklären -- was natürlich auch damals niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses einstweilen unerklärlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie aber -- im Jahrhundert nach Darwin lebend -- können auch über diesen letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, daß es der Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem entwickeln, was sie sind, daß Eigenschaften, die sich als nützlich und notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die sich als schädlich für das Gedeihen der Art erweisen, unterdrückt und beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur Existenz jeglicher Art nicht bloß nützlich, sondern durchaus notwendig ist, so muß eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen, ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.

Das alles haben Sie gewußt, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur war Ihnen dieses Ihr Wissen bloß in jenen Fällen auch bewußt, zum Gebrauche beim Denkprozesse gegenwärtig, wo es sich um rein botanische oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite der socialen oder ökonomischen Probleme berührt wurde, senkte sich augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier über diese soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten Schleier -- seine Fäden heißen anerzogene Vorurteile und Wahnvorstellungen -- ansieht, und Ihr Urteilsvermögen funktionierte nun nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen >Logik< sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige Kapriolen, die -- läge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen -- unmöglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben könnten. Ja, so gründlich haben Sie sich daran gewöhnt, die Bilder, die Ihnen dieser Schleier zeigt, für die wirkliche Welt zu halten, daß Sie sich von denselben nicht zu befreien vermögen, auch nachdem Sie sich dazu aufgerafft, den Schleier selber zu zerreißen.

Die Wahnvorstellungen und Trugschlüsse der Malthus'schen Theorie sind doch eigentlich nur dadurch entstanden, daß ihr Autor nach Gründen für das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der ägyptische Fellache, so fragte er sich; und da er -- gehindert durch den bewußten Schleier -- nicht zu sehen vermochte, daß sie hungerten, weil ihnen der Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, daß die Massen überall und allezeit hungerten, örtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu anderen Zeiten und Orten, aber schließlich doch hungerten, hungerten, hungerten, trotz aller Plage und allen Fleißes, soweit menschliche Erinnerung zurückreicht -- so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen allgemeinen Hunger für die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt wußte er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die Völker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch zahlreicher zu werden. Daß die vom Rätsel des Elends gepeinigte Welt _das_ glaubte, ist schließlich zu begreifen, denn einen Grund muß das Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche Erklärungsgründe herhalten müssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie glauben merkwürdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz, welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen, durchlöchert, aber seine Fetzen umhüllen Ihnen noch immer Haupt und Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer _heute_ hungert, das zu sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber für unsere Nachkommen zittern Sie noch immer vor Übervölkerung, den Hering sehen Sie noch immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift für Sie immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans oder Afrikas -- sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an diese unsere armen, der Übervölkerung verfallenen Nachkommen.«

Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrüchen lauter Heiterkeit durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege von der Rednerbühne zum Präsidentensitze erwarteten ihn neben den Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drücken, auch die Wortführer der Opposition, die freudig und rückhaltlos den vollkommenen Sieg anerkannten.

(Schluß des vierten Verhandlungstages.)

27. Kapitel.

Fünfter Verhandlungstag.

Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung:

_Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommenen Interessen zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu?_

_Der Vorsitzende._ Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses, _William Stuart_, bitte, sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten über jene Vorschläge, welche das mit Ausarbeitung der Übergangsbestimmungen in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat.

_William Stuart._ Im Auftrage der Vertreter des amerikanischen Volkes erbitte ich mir die Wohlmeinung dieser hochansehnlichen Versammlung über eine Reihe von gesetzlichen Verfügungen, die bestimmt sein sollen, uns mit jener Energie, die nun einmal unseren Gewohnheiten entspricht, zugleich aber unter vollkommener Schonung aller bestehenden Rechte, aus dem bisherigen wirtschaftlichen Zustande in denjenigen der wirtschaftlichen Gleichberechtigung hinüberzuleiten. Meine Auftraggeber sahen sich zu diesem Schritte durch den Umstand veranlaßt, daß unsere Nation unter allen Nationen außerhalb Freilands die erste ist, welche -- unseres Wissens zum mindesten -- über das Stadium der Vorberatungen hinaus gediehen, unmittelbar vor der zur Durchführung des Werkes führenden Aktion steht. Die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit selber sind nichts Neues mehr; wir konnten uns diesbezüglich auf ein bewährtes Präcedenz, das Beispiel Freilands, stützen, was denn auch -- mit einigen höchst unwesentlichen, der Eigenart des amerikanischen Volkscharakters und Landes entsprechenden Abweichungen -- durchweg geschehen wird. Dagegen fehlt es für die Übergangsbestimmungen an jeglicher Erfahrung, und da wir, ungeachtet der bekannten Raschheit unseres Handelns, guten Rat -- insbesondere in so wichtiger Sache -- lieber vor als nach der That einholen, so bin ich hergesandt, Ihre Meinung zu hören und dieselbe dann im amerikanischen Kongresse zu vertreten, bevor die Vorschläge des Komitees Gesetzeskraft erlangen.

Es ist beantragt, allen im Gebiete der Union gelegenen Boden für herrenlos zu erklären, die bisherigen Besitzer aber mit dem vollen Katasterwerte zu entschädigen. Um denjenigen, die sich dabei verkürzt erachten sollten, die Möglichkeit der Abhilfe zu gewähren, sollen besondere Sachverständigenkommissionen zur Prüfung allfälliger Reklamationen niedergesetzt werden und die öffentliche Meinung der Union geht dahin, daß diesen Kommissionen ein möglichst rücksichtsvolles Verfahren zur Richtschnur empfohlen werden sollte. Der gleiche Vorgang ist bei Gebäuden beantragt, mit der Maßgabe jedoch, daß zum eigenen Gebrauche des Besitzers dienende Wohnhäuser auf dessen Wunsch von der Ablösung ausgenommen werden können. Die solcherart erhobenen und festgestellten Ablösungsbeträge sollen je nach Wunsch der Berechtigten entweder sofort oder in Raten zur Auszahlung gelangen, mit der Maßgabe, daß für jede Erstreckung der Raten um je ein Jahr eine Prämie von 1/5 Prozent gewährt wird, welche Prämie der Berechtigte in Form von Zuschlagsraten nach erfolgter Abtragung des eigentlichen Kaufpreises ausgezahlt erhält. Auf länger als fünfzig Jahre wird die Abzahlung nicht erstreckt. Gesetzt also den Fall, eine Liegenschaft sei mit 10000 Dollars bewertet worden, so erhält der Besitzer, falls er sofortige Auszahlung der ganzen Summe verlangt, seine 10000 Dollars, mit denen er dann anfangen mag, was ihm beliebt; verlangt er beispielsweise zehn Jahresrenten _à_ 1000 Dollars, so hat er das Anrecht auf zehn Prämien von je 20 Dollars, die ihm gesammelt als elfte Jahresrate von 200 Dollars zugezählt werden. Verlangt er Abzahlung in fünfzig Raten _à_ 200 Dollars, so erwächst ihm ein Prämienanspruch von fünfzigmal 20, d. i. also von 1000 Dollars, die er in Form fünf fernerer Jahressraten _à_ 200 Dollars einkassiert. Dieselben Rückzahlungsmodalitäten gelten für die gesamte, sofort zu kündigende Nationalschuld.

Die bestehenden Kredit- und Schuldverhältnisse der Privaten bleiben aufrecht; doch soll der Schuldner, gleichviel welche Abzahlungsbedingungen ursprünglich vereinbart waren, das _Recht_ unmittelbarer Rückerstattung des entliehenen Kapitals haben. Die Beistellung der zum Betriebe welcher Produktion immer erforderlichen Kapitalien abseitens des Gemeinwesens wird die Privatschuldner in den Stand setzen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; nur soll nach dem Antrage der Kommission das Gemeinwesen bis auf weiteres die nämliche Prämie, die es seinen Gläubigern gewährt, auch von seinen Schuldnern verlangen. Der Zweck letzterer Maßregel liegt auf der Hand; sie soll verhüten, daß -- Mangels jedes ihnen eingeräumten Vorteils -- die Privatgläubiger ihre Kapitalien aus dem Verkehre ziehen und tot liegen lassen. Bekämen die Kapitalbedürftigen anfangs ihren Bedarf gänzlich kostenlos, lediglich gegen die Verpflichtung allmählicher Rückerstattung des entliehenen Kapitals, so würden sie sich zu keinerlei Vergütung ihren alten Gläubigern gegenüber verstehen, während sie, wird der Vorschlag der Kommission angenommen, jene Prämie, die das Gemeinwesen von ihnen verlangt, auch jenen zu bewilligen bereit sein werden.

Zu bemerken wäre noch, daß, dank dem schon bei Gelegenheit der Wahlagitationen für den konstituierenden Kongreß allenthalben zum Ausdrucke gebrachten Grundsatze, alle erworbenen Rechte peinlichst zu achten, die produktive Thätigkeit in der Übergangszeit nicht allein keinerlei Störung erlitten, sondern einen, vorher niemals noch erlebten Aufschwung erfahren hat. Die in Bildung begriffenen freien Associationen zwingen die alten Unternehmer, sich durch ausgiebige Lohnerhöhungen die zum provisorischen Fortbetriebe erforderlichen Arbeitskräfte zu erhalten, und da gerade diese Lohnerhöhungen den Bedarf nach allen Produkten sprunghaft steigern, so wächst damit zugleich das Interesse der Unternehmer, ihre Produktion vor jeder Stockung zu bewahren. Diese beiden Strömungen steigern sich gegenseitig in solchem Maße, daß im Momente der Minimallohn drei Dollars per Tag übersteigt, und daß fieberhafter Unternehmungsgeist sich der gesamten Geschäftswelt bemächtigt hat. Insbesondere die Maschinenindustrie entfaltet eine Regsamkeit, die aller bisherigen Vorstellungen spottet. Die Furcht vor Überproduktion ist zur Mythe geworden, und da die Unternehmer darauf rechnen können, in den Associationen demnächst schon bereitwillige Abnehmer für guteingerichtete Anlagen zu finden, so hält sie nichts ab, den letzten Moment, der ihrer Privatthätigkeit noch gelassen ist, thunlichst auszunützen. Auch die Landbesitzer finden dabei ihre Rechnung, denn selbstverständlich ist der Bodenwert infolge der so rapid gewachsenen Nachfrage nach Bodenprodukten aller Art sehr namhaft gestiegen. Kurzum, alles berechtigt uns zu der Annahme, daß sich der Übergang in die neue Ordnung der Dinge bei uns nicht bloß leicht und glatt, sondern auch zu vollster Befriedigung _aller_ Teile unseres Volkes vollziehen werde.

Der _Vorsitzende_ fragt die Versammlung, ob sie sofort in die Diskussion der soeben gehörten Botschaft des amerikanischen Kongresses, respektive in die Debatte über Punkt vier der Tagesordnung eingehen, oder zuvor noch den Bericht entgegennehmen wolle, welchen der freiländische Kommissär in Rußland durch einen soeben in Edenthal eingetroffenen Abgesandten zu erstatten beabsichtige. Da sich der Kongreß für letzteres entschied, nahm

_Demeter Nowikof_ (Abgesandter des freiländischen Kommissars für Rußland) das Wort: Als wir, auf Wunsch des russischen Volkes von der freiländischen Centralverwaltung delegierten Kommissäre, in Moskau eingetroffen waren, fanden wir die Ruhe wenigstens äußerlich insoweit hergestellt, als die einander bis dahin mit schonungsloser Wut zerfleischenden Fraktionen auf die Nachricht unserer Ankunft vorderhand Waffenstillstand geschlossen hatten. Nicht bloß die Kanonen und Gewehre, auch die Guillotine und der Galgen feierten. Radoslajew, unser bevollmächtigter Kommissär, berief sofort die sämtlichen Parteihäupter zu sich, bewog sie, die Waffen vollends niederzulegen, die Gefangenen freizugeben, die sieben verschiedenen, sich bis dahin sämtlich als ausschließliche Vertreter des russischen Volkes geberdenden Parlamente heimzusenden, und schrieb dann, nachdem er sich für die Zwischenzeit mit einem Rate von Vertrauensmännern der verschiedenen Parteien umgeben, mit thunlichster Beschleunigung allgemeine Neuwahlen für eine konstituierende Versammlung aus.

Da Produktion und Verkehr beinahe gänzlich stille standen, so war das Elend grenzenlos. Die Arbeitgeberschaft war von einigen der extremsten Parteien als todeswürdiges Verbrechen verfolgt worden, niemand wagte es daher, Arbeiter zu beschäftigen; sich selber zu organisieren, dazu waren in den meisten Teilen des Reiches die unwissenden, in knechtischem Gehorsam darniedergehalten gewesenen Massen gänzlich außer Stande, und da zum Überfluß die radikalsten unter den Nihilisten auch die Organisatoren freier Associationen als »maskierte Herren« zu guillotinieren begonnen hatten, so schien es fast, als ob gegenseitiges Todschlagen die einzige Thätigkeit sei, der man hinfort in Rußland obliegen könne.