Freiland: Ein sociales Zukunftsbild
Part 34
_Miguel-Diego_ (Rechte). Wir wissen nunmehr, daß die neue Ordnung alle natürlichen Erfordernisse des Gelingens in sich vereinigt; daß ihre Einführung ein Erfordernis des Kulturfortschrittes sei, wurde früher schon nachgewiesen. Wie kommt es trotz alledem, daß dieselbe nicht als das Ergebnis des Zusammenwirkens elementarer, gleichsam automatisch eintretender geschichtlicher Vorgänge, sondern vielmehr als eine Art Kunstprodukt, als planmäßig eingeleitetes Resultat der Bestrebungen einzelner Männer ihren Einzug in die Welt hielt? Wie, wenn die »Internationale freie Gesellschaft« sich nicht gebildet hätte, oder wenn ihr Aufruf erfolglos geblieben, wenn ihr Werk gleich im Keime gewaltsam erstickt worden, oder wenn es aus irgend einem anderen Grunde fehlgeschlagen wäre? Man wird zugeben, daß dies immerhin denkbare Eventualitäten sind. Wie stände es um die wirtschaftliche Gerechtigkeit, wenn eine dieser Möglichkeiten Thatsache geworden wäre? Wenn die Socialreform in Wahrheit eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, dann müßte sie sich schließlich auch gegen den Widerstand einer ganzen Welt durchsetzen, dann müßte sich zeigen lassen, daß und kraft welcher unlöslich mit ihr verknüpften Gewalten, sie den Sieg über Vorurteil, bösen Willen und Mißgeschick davongetragen hätte. Erst damit wäre der Beweis erbracht, daß das Werk, um welches wir uns bemühen, mehr ist, als die ephemere Frucht unsicheren Menschenwitzes, daß vielmehr jene Männer, die den ersten Anlaß dazu gaben und seine Entwickelung überwachten, damit lediglich als Werkzeuge jenes Weltgeistes handelten, der -- hätten _sie_ ihm versagt -- um andere Werkzeuge und Wege zu dem unvermeidlichen Ziele nicht verlegen gewesen wäre.
_Henri Ney_ (Freiland). In der That, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit auf unser, der Gründer von Freiland, Eingreifen angewiesen wäre, um Thatsache zu werden, dann stünde es schlecht nicht bloß um ihre Notwendigkeit, sondern auch um ihre Sicherheit. Denn was einzelne Menschen schaffen, können demnächst andere Menschen wieder rückgängig machen. Zwar sind äußerlich betrachtet alle geschichtlichen Vorgänge Menschenwerk; aber die großen geschichtlichen Notwendigkeiten unterscheiden sich dadurch von den bloß zufälligen Ereignissen, daß sich bei ihnen allemal erkennen läßt, ihre Akteure seien lediglich die Werkzeuge des Schicksals, Werkzeuge, die der Genius der Menschheit hervorbringt, wenn er ihrer bedarf. Wir wissen nicht, wer die Sprache, das erste Werkzeug, die Schrift, erfunden hat; aber wer es auch sei, wir wissen, daß er in dem Sinne ein bloßes Werkzeug des Fortschritts gewesen, als wir mit der nämlichen Sicherheit, mit welcher wir irgend ein anderes Naturgesetz aussprechen, die Behauptung wagen können, Sprache, Werkzeug, Schrift wären erfunden worden, auch wenn ihre zufälligen Erfinder niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Das nämliche nun gilt auch von der wirtschaftlichen Freiheit; sie wäre gefunden worden, auch wenn keiner von uns, die wir sie thatsächlich zuerst fanden, existiert hätte. Nur freilich wäre in diesem Falle die Form ihres Eintritts in die Welt der geschichtlichen Thatsachen wahrscheinlich eine andere geworden, vielleicht eine friedlichere, erfreulichere noch, als jene, deren Zeugen wir sind, vielleicht aber auch eine gewaltthätige und schreckliche.
Um das in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise zu zeigen, muß zunächst erwiesen werden, daß der Fortbestand der modernen Gesellschaft, so wie sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, ein Ding innerer Unmöglichkeit ist. Zu diesem Behufe werden Sie mir gestatten, etwas weiter auszuholen.
In der ursprünglichen barbarischen Gesellschaft, wo die Ergiebigkeit der Arbeit so gering war, daß der Schwächere durch den Stärkeren nicht ausgebeutet und das eigene Gedeihen nur durch Verdrängung und Vernichtung der Mitkonkurrenten gefördert werden konnte, waren Blutgier, Grausamkeit, Hinterlist, durchaus erforderlich nicht bloß zum Fortkommen des Individuums, sondern sie dienten auch ersichtlich zum Vorteile jener Gesellschaft, der das Individuum angehörte. Sie waren deshalb nicht bloß allgemein verbreitet, sondern galten ganz offenbar als Tugenden. Der erfolgreichste, erbarmungsloseste Menschenschlächter war der geehrteste seiner Horde und wurde sicherlich in Wort und Lied als nachahmenswürdiges Beispiel gepriesen.
Als dann die Ergiebigkeit der Arbeit wuchs, verloren diese »Tugenden« zwar viel von ihrer ursprünglichen Bedeutung, in ihr Gegenteil aber verkehrten sie sich erst, als die Sklaverei erfunden wurde und nunmehr die Möglichkeit sich einstellte, statt des Fleisches die Arbeitskraft des besiegten Konkurrenten sich und der eigenen Gemeinschaft nutzbar zu machen. Nun erst wurde blutgierige Grausamkeit, die bis dahin immer noch nützlich gewesen, schädlich, denn sie beraubte um eines vorübergehenden Genusses -- des Menschenfleischgenusses -- willen das siegende Individuum sowohl, als die Gesellschaft, welcher es angehörte, des dauernden Vorteils vermehrten Wohlstandes und gewachsener Macht. Die bestialische Blutgier mußte daher in der neuen Form des Daseinskampfes allmählich schwinden, aus einer bewunderten und gehegten Tugend zu einer mehr und mehr der allgemeinen Mißbilligung unterworfenen Eigenschaft, d. i. also zu einem Laster werden. Sie _mußte_ dazu werden, weil nur jene Horden, in denen dieser moralische Umwandlungsproceß Platz griff, der Vorteile der neuen Formen der Arbeit und der neuen socialen Institution -- der Sklaverei -- in vollem Maße teilhaft werden konnten, dadurch an Kultur und Macht zunahmen und ihre gewachsene Macht dann dazu benützten, die auf ihren alten kannibalischen Sitten beharrenden Stämme auszurotten oder sich zu unterwerfen. Eine neue Moral setzte sich solcherart im Laufe der Jahrtausende unter den Menschen fest, eine Moral, die in ihren Grundzügen sich bis auf unsere Tage erhalten hat, die der Ausbeutung.
Eine der seltsamsten Täuschungen aber ist es, diese Ethik »Menschenliebe« zu nennen. Zwar der wilde, blutdürstige Haß gegen den Nebenmenschen war milderen Gefühlen gewichen, aber von diesen bis zu wirklicher Menschenliebe, unter welcher wir die Wertschätzung des Nebenmenschen als _Unseresgleichen_ verstehen, zum Unterschiede von jenem kalten Wohlwollen, welches wir allenfalls auch dem Tiere entgegenbringen, ist noch ein weiter Schritt. Wirkliche Menschenliebe verträgt sich mit der Ausbeutung so wenig, als mit dem Kannibalismus. Denn die neue Form des Daseinskampfes verdammt zwar das Töten des Besiegten, macht aber an dessen Statt die Unterdrückung und Vergewaltigung des Nebenmenschen zu einem gebieterischen Erfordernisse des eigenen Gedeihens. Und man verstehe wohl: wahre, vollkommene Menschenliebe kann bei jener Art des Daseinskampfes, wie ihn die ausbeuterische Gesellschaft führt, nicht bloß nicht gefördert werden, sie erweist sich als geradezu schädlich und vermag -- als allgemein verbreiteter Gattungsinstinkt -- gar nicht zu bestehen. Einzelne Individuen mögen immerhin den Nebenmenschen als Ihresgleichen lieben; sie bleiben, solange die Ausbeutung in Kraft ist, seltene und von der öffentlichen Meinung keineswegs geschätzte Sonderlinge. Nur Heuchelei oder grobe Selbsttäuschung werden das in Zweifel ziehen. Allerdings haben die sogenannten civilisierten Nationen des Abendlandes seit länger als einem Jahrtausend das Wort: »Liebe Deinen Nächsten _wie dich selbst_« auf ihre Fahnen geschrieben und ohne Scheu behauptet, sich an dasselbe zu halten, oder doch zum mindesten bestrebt zu sein, diesem Worte nachzuleben. In Wahrheit aber liebten sie den Nebenmenschen -- bestenfalls -- wie ein nützliches Haustier, zogen ohne den geringsten Skrupel Vorteil aus seiner Plage, seiner Marter, und schreckten auch vor dessen kaltblütiger Tötung nicht entfernt zurück, wenn ihr wirklicher oder vermeintlicher Vorteil sie dazu antrieb. Und das waren nicht etwa die Gesinnungen und Gefühle einzelner, besonders hartherziger Individuen, sondern die der Gesellschaft als solcher; sie wurden von der öffentlichen Meinung nicht mißbilligt, sondern gebieterisch gefordert, unter allerlei wohlklingenden Namen als Tugenden gepriesen, und ihr Widerspiel, die wirkliche Menschenliebe, galt, sowie statt leerer Phrasen Thaten in Frage kamen, günstigenfalls als bemitleidenswerte Thorheit, in der Regel aber als todeswürdiges Verbrechen. Er, der jenes Wort gesprochen und zu dem sie in ihren Kirchen beteten, wäre von ihnen allen abermals ans Kreuz geschlagen, verbrannt, gerädert, gehängt -- in der jüngsten Vergangenheit vielleicht bloß eingekerkert worden, hätte er es abermals, wie vor neunzehn Jahrhunderten, gewagt, auf offenem Markte und in zündender, nicht mißzuverstehender, lebendiger Rede zu predigen, was ihr blödes Auge und ihr durch Jahrtausende alten Selbstbetrug verwirrter Sinn in den Schriften seiner Jünger wohl las, aber nicht begriff.
Und das Entscheidende dabei ist, daß die Menschheit in der Epoche der Ausbeutung anders gar nicht fühlen und denken, geschweige denn handeln konnte. Sie _mußte_ auf der Ausbeutung beharren, solange diese eine Kulturnotwendigkeit war, sie _konnte_ daher keine Menschenliebe empfinden und üben, denn diese verträgt sich mit Ausbeutung so wenig, als Widerwille vor dem Totschlag mit Kannibalismus. Gleichwie in der ersten barbarischen Menschheitsepoche schon das, was die Ausbeutung »Humanität« nennt, ein Nachteil im Daseinskampfe gewesen wäre, so hätte späterhin das, was _wir_ Humanität nennen, die wahre Menschenliebe, jede davon befallene Nation in Nachteil versetzt. Fressen oder gefressen werden -- das war die Alternative in der Epoche des Kannibalismus; unterdrücken oder unterdrückt werden, in der Epoche der Ausbeutung.
Nun hat sich ein neuerlicher Wandel in der Form und Ergiebigkeit der Arbeit vollzogen; die socialen Einrichtungen sowohl, als die moralischen Empfindungen der Menschheit können davon nicht unberührt bleiben. Aber -- und damit bin ich zum letzten entscheidenden Punkte gekommen -- es sind dabei allerdings mehrere Formen der Entwickelung denkbar. Die erste ist diejenige, mit welcher wir uns bisher ausschließlich beschäftigt haben: die socialen Einrichtungen unterziehen sich dem durch die neue Arbeitsform bedingten Wandel, und entsprechend der damit bewirkten Änderung des Daseinskampfes vollzieht sich auch der Umschwung in den moralischen Gefühlen; friedlicher Wettbewerb, vollkommene Interessensolidarität löst die wechselseitige Ausnutzung, vollkommene Menschenliebe die Menschennutzung aus.
Wollen wir nun den letzten Zweifel über die bedingungslose Notwendigkeit dieses Entwickelungsganges ein für allemal beseitigen, so setzen wir den Fall, daß es anders käme: die Anpassung der socialen Einrichtungen an die geänderte Arbeitsform vollziehe sich _nicht_. _Denken_ läßt sich eine solche Möglichkeit immerhin, und ich halte es -- bis zu diesem Punkte der Beweisführung gediehen -- auch für ganz überflüssig, die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit derselben abzuwägen; wir nehmen einfach an, daß sie sich verwirkliche. Unsinnig und undenkbar aber wäre in diesem Falle die fernere Annahme, daß dieses Beharren der socialen Einrichtungen auf den alten Formen stattfinden könne, ohne daß sehr wesentliche Rückwirkungen sowohl auf die Formen der Arbeit als die moralischen Instinkte der Menschheit die notwendige Folge wären. Jene überaus orthodoxen, aber nicht minder gedankenlosen Socialpolitiker, die solches annehmen, halten es für möglich, daß eine Ursache von so überwältigender Tragweite, wie es die bis zur Möglichkeit des Überflusses und der Muße für alle Menschen gediehene Produktivität der Arbeit ist, überhaupt ohne irgend welche, wie immer geartete Wirkung auf den Entwickelungsgang der Menschheit bleiben könne. Sie übersehen, daß der Daseinskampf innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich unter dem Einflusse dieses Faktors für alle Fälle ändern muß, gleichviel, ob die socialen Einrichtungen sich einer entsprechenden Anpassung unterziehen oder nicht, und daß demnach ebenso für alle Fälle untersucht werden muß, welche Rückwirkung diese geänderte Form des Daseinskampfes auf die Gesamtheit der menschlichen Institutionen äußern könne oder müsse.
Und worin besteht nun die Änderung des Daseinskampfes für den oben gekennzeichneten Fall? _Ganz einfach in einem teilweisen Rückfalle in die Kampfesformen der ersten, der kannibalischen Menschheitsepoche!_
Wir haben gesehen, daß die Ausbeutung den früher auf Vernichtung des Konkurrenten abzielenden Kampf in einen auf Unterjochung desselben gerichteten umgewandelt hat; nun denn, mit dem Momente, wo die Produktivität der Arbeit so groß wird, daß der -- durch die Ausbeutung darniedergehaltene -- Konsum ihr nicht mehr zu folgen vermag, wird abermals die Verdrängung, die -- wenn auch nicht physische, so doch wirtschaftliche -- Vernichtung des Konkurrenten zu einer Voraussetzung des eigenen Gedeihens, der Daseinskampf muß die Formen der Unterjochung und Vernichtung zugleich annehmen. Wenig nützt nunmehr auf wirtschaftlichem Gebiete die noch so schonungslose Herrschaft über noch so zahlreiche menschliche Ausbeutungsobjekte; sofern es dem Ausbeuter nicht gelingt, den Mitausbeuter vom Markte zu verdrängen, muß er im Daseinskampfe unterliegen. Und ebenso haben nunmehr die Ausgebeuteten sich nicht bloß der Härten ihrer Zwingherren zu erwehren, sie müssen, wollen sie dem Hunger entgehen, sich gegenseitig die unzureichend gewordenen Stellen an den Futterkrippen des »Arbeitsmarktes« mit Zähnen und Klauen streitig machen.
Ist es nun denkbar, daß eine so fürchterliche Änderung der Grundlagen des Daseinskampfes ohne Wirkung auf die Moral der Menschheit bleibe? Die gleiche Ursache _muß_ von der gleichen Wirkung begleitet sein, die Ethik der kannibalischen Epoche _muß_ ihre siegreiche Wiederkehr feiern. Zwar den veränderten Modalitäten des Vernichtungskampfes entsprechend werden auch die einstigen grausamen, bösartigen Instinkte eine Modifikation erleiden, aber die Grundstimmung, die schonungslose Feindseligkeit gegen den Nebenmenschen, muß wiederkehren. In den Jahrtausenden, in denen der Kampf nur der Ausnützung des Nächsten galt, war, insbesondere wenn der Ausgenützte sich gewöhnt hatte, im Ausbeuter ein höheres Wesen zu verehren, zwischen Herr und Knecht zum mindesten jener Grad der Anhänglichkeit möglich, wie er zwischen Mensch und Haustier besteht. Herren oder Knechte unter sich hatten vollends keinen notwendigen Anlaß einander zu hassen. Wechselseitige Schonung, Großmut, Milde, Dankbarkeit konnten als -- allerdings sehr kärgliche -- Surrogate der Menschenliebe bei einem solchen Zustande gedeihen. Nunmehr jedoch, wo Ausbeutung und Verdrängung zugleich die Losung des Kampfes sind, müssen sich die obgenannten Tugenden mehr und mehr als verderbliche Hindernisse erfolgreichen Daseinskampfes erweisen, sie müssen folglich verschwinden und der Erbarmungslosigkeit, Hinterlist, Grausamkeit, Tücke Platz machen. Und wohlverstanden, all diese schändlichen Eigenschaften müssen nicht bloß allgemein verbreitet, sie müssen auch allgemein geschätzt, aus dem Inbegriffe schmählichster Niedertracht zum Inbegriffe der »Tugend« werden. Ebenso wenig, als ein »humaner« Menschenfresser oder ein von wirklicher Menschenliebe erfüllter Ausbeuter denkbar sind, ebenso wenig läßt sich ein großmütiger, im bisherigen Sinne tugendhafter Ausbeuter unter dem Alpdrucke der Überproduktion auf die Dauer auch nur denken; und ebenso sicher, als die kannibalische Gesellschaft tückische Mordgier als preiswürdigste aller Tugenden anerkennen mußte, ebenso sicher müßte die von Überproduktion heimgesuchte ausbeuterische Gesellschaft dahin gelangen, den hinterlistigsten Betrüger als ihr Tugendideal zu verehren.
Aber, so wird man einwenden, das widerspricht denn doch, trotz aller logischen Unanfechtbarkeit, den Thatsachen allzusehr, als daß es richtig sein könnte. Die Überproduktion, der Zwiespalt zwischen der Produktivität der Arbeit und der durch die socialen Einrichtungen bedingten Konsumtionsfähigkeit, bestehen thatsächlich seit Generationen und trotzdem wäre es zum mindesten eine arge Übertreibung, wollte man behaupten, daß die moralischen Empfindungen der civilisierten Menschheit die im obigen gekennzeichnete schreckliche Verschlimmerung erfahren hätten. Daß mancherlei Nichtswürdigkeit infolge des stets schonungsloser sich gestaltenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes mehr und mehr an Verbreitung gewinne, ja daß allgemach eine gewisse Verwirrung sich der öffentlichen Meinung zu bemächtigen beginne, die den Unterschied zwischen wahrem Verdienst und erfolgreicher Schurkerei nicht überall mehr festzuhalten vermöge, sei allerdings wahr; ebenso wahr aber umgekehrt, daß niemals zuvor Humanität in allen Formen so hoch geschätzt und stark verbreitet gewesen, wie eben in der Gegenwart.
Diese unleugbaren Thatsachen aber besagen nicht, daß Überproduktion auf die Dauer zu anderen, als den oben gekennzeichneten Ergebnissen führen könnte -- sie zeigen nur, daß einerseits diese schreckliche Krankheitserscheinung im wirtschaftlichen Getriebe der Menschheit noch nicht lange genug wirksam ist, um ihre Früchte schon voll gezeitigt zu haben, und daß anderseits der moralische Instinkt der Menschheit den richtigen Ausweg aus dem ökonomischen Zwiespalte geahnt hat, lange bevor die menschliche Erkenntnis ihn zu betreten vermochte. Bloß wenige Generationen ist es her, daß das Mißverhältnis zwischen Produktivität und Konsum äußerlich in die Erscheinung getreten; was aber sind einige Generationen im Leben der Menschheit? Auch die Ethik der Ausbeutung bedurfte sicherlich sehr vieler Jahrhunderte, ehe sie diejenige des Kannibalismus überwand; warum sollte der Rückfall in die kannibalische Ethik sich um so vieles rascher vollziehen? Die instinktive Ahnung aber, daß wachsende Kultur nicht mit socialem Stillstande und moralischem Rückschritte, sondern mit dem Fortschritte beider verknüpft sein werde, diese der abendländischen Menschheit trotz aller Thorheiten und aller Greuel, in denen sie sich zwischenzeitig erging, unausrottbar eingeimpfte Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie ist eben jener »fremde Blutstropfen im Körper der europäischen Völkerfamilie«, der semitisch-christliche Sauerteig, der sie, als die Zeit der Knechtschaft um war, davor bewahrte, auch nur vorübergehend dem Verwesungsprozeß von Knechtschaft und Barbarei zugleich zu verfallen. Die Dinge werden eben die zuletzt gekennzeichnete Entwickelung _nicht_ nehmen, die Ausbeutung wird sich neben der gesteigerten Produktivität _nicht_ erhalten, und das ist der Grund, warum auch die gekennzeichneten moralischen Folgen nicht hervortraten. Wollte man aber materiellen Fortschritt und Ausbeutung zugleich als das zukünftige Los der Menschheit voraussetzen, so ließe sich dies logischer Weise anders, als verknüpft mit vollständigem moralischen Rückfalle gar nicht denken.
Und noch eine dritte Entwickelungsform ließe sich als denkbar hinstellen: in dem Zwiespalte, in welchen die Produktivität der Arbeit mit dem geltenden socialen Rechte geraten, könnte erstere, die neue Form der Arbeit, unterliegen; vor die Unmöglichkeit gestellt, von den erlangten wirtschaftlichen Fähigkeiten den vollen Gebrauch zu machen, könnte die Menschheit diese Fähigkeiten wieder verlieren. In diesem Falle wäre der Einklang zwischen Produktivität und Konsum, Arbeit und Recht, auf der alten Grundlage zurückgewonnen und dem entsprechend könnte auch die Moral der Menschheit im alten Geleise verharren. Der Fortschritt zu wahrer Menschenliebe müßte zwar unterbleiben, denn nach wie vor würde der Kampf ums Dasein auf Unterdrückung des Nebenmenschen beruhen, aber die Notwendigkeit des Vernichtungskampfes wäre vermieden. Auch die Ahnung der Möglichkeit einer solchen Entwickelung war der abendländischen Menschheit nicht fremd; es hat, insbesondere während der jüngsten Generationen, an teils bewußten, teils unbewußten Versuchen nicht gefehlt, sie in diese Richtung hinüberzuleiten. Von der würgenden Umklammerung der Überproduktion geängstigt, dem Wahnsinne nahe gebracht, rüttelten zeitweise ganze Nationen an den Grundpfeilern der Produktivität, suchten die Quelle der Arbeitsergiebigkeit zu verschütten und verfolgten mit verbissenem Hasse den Kulturfortschritt, dessen Früchte zeitweise so bitter waren. Die Angriffe gegen die Volksbildung, gegen die unterschiedlichen Arten der Arbeitsteilung, gegen das Maschinenwesen, sind nicht anders zu verstehen, als eben durch dieses zeitweilige Bestreben, den Zwiespalt, in welchen die Gütererzeugung zur Güterverteilung geraten, durch Zurückschraubung ersterer zu überwinden. Daß solcherart auch die Moral vor einer Ausartung bewahrt werden sollte, deren eigentlich treibende Ursache diese Sorte von Reformatoren allerdings nicht begriff, die aber als düstere Ahnung vor ihrem geistigen Auge schwebte, läßt sich desgleichen nicht verkennen.
Und nun, nachdem wir alle drei überhaupt denkbaren Entwickelungsformen der Reihe nach betrachtet: 1. die Anpassung des socialen Rechts an die neue, höhere Arbeitsform und dem entsprechende Entwickelung einer neuen, höheren Moral; 2. den dauernden Gegensatz zwischen Arbeitsform und Recht und dem entsprechende Rückbildung der Moral; 3. die Anpassung der Arbeitsform an das bisherige sociale Recht durch Preisgebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand der bisherigen Moral -- nunmehr fragen wir uns, ob im Kampfe dieser drei Richtungen eine andere als die erste Siegerin sein kann. Denkbar sind sie, wie gesagt, alle drei; ist aber auch denkbar, daß materieller oder moralischer Verfall sich neben moralischem zugleich und materiellem Fortschritt behaupten, oder vollends über diesen endgültig triumphieren würden? Möglich, sagen wir sogar wahrscheinlich, daß ohne unser vor 25 Jahren erfolgreich durchgeführtes Unternehmen die Menschheit zunächst noch längere Zeit hindurch sich vorwiegend auf den Bahnen der sittlichen Verwilderung einerseits, der Attentate gegen den Fortschritt anderseits fortbewegt hätte; an Versuchen nach der Richtung der socialen Befreiung hin hätte es deshalb doch niemals gänzlich gefehlt, und der schließliche Triumph derselben konnte stets nur eine Zeitfrage sein. Nein, die Menschheit ist uns nichts schuldig, was sie nicht auch ohne uns für alle Fälle erlangt hätte; wenn wir ein Verdienst beanspruchen, so beschränkt es sich darauf, das, was kommen mußte, rascher und wahrscheinlich unblutiger herbeigeführt zu haben, als ohne uns geschehen wäre. (Stürmischer, lang andauernder Applaus und jubelnde Zurufe von allen Bänken. Die Wortführer der Opposition drücken der Reihe nach dem Redner die Hände und versichern ihn ihrer Zustimmung.)
(Schluß des dritten Verhandlungstages.)
26. Kapitel.
Da zahlreiche Congreßmitglieder den Wunsch geäußert hatten, sich eingehender davon zu überzeugen, daß thatsächlich die anscheinend so wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverständliche Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die Sitzungen des Congresses für zwei Tage unterbrochen und diese dazu benützt, um eine Reihe größerer Edenthaler und Danastädter Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur Verfügung der fremden Gäste stellenden Direktoren der fraglichen Anstalten sowohl, als des Leiters der freiländischen Centralbank alle etwa auftauchenden Zweifel gründlich zu erörtern.