Freiland: Ein sociales Zukunftsbild
Part 28
Zunächst also wisse, daß -- es ist dies ja jetzt kein »diplomatisches Geheimnis« mehr -- meines Vaters und seiner englischen wie französischen Kollegen Bemühungen, für 300000 bis 350000 Mann anglo-franco-italischer Truppen Durchzug durch Freiland zu erlangen, von vollständigstem Mißerfolge begleitet waren. Freiland lebe mit Abyssinien in Frieden, so erklärten die Edenthaler Regenten und habe vorerst kein Recht, sich in dessen Händel mit den Westmächten zu mischen. Anders stünden allerdings die Sachen, wenn letztere sich entschließen wollten, auf ihren afrikanischen Territorien freiländisches Recht einzuführen, in welchem Falle diese als freiländisches Gebiet angesehen und als solches dann selbstverständlich von Freiland geschützt werden müßten. Aber dann wäre die geforderte Militärkonvention erst recht überflüssig, denn in diesem Falle würde Freiland jeden Angriff auf seine Verbündeten als _casus belli_ für sich selber auffassen und Abyssinien aus eigenen Kräften zur Ruhe bringen. Darüber nun flossen die Verhandlungen seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette von London, Paris und Rom letztere Zusage Freilands nicht recht ernst, trotzdem ihre Gesandten, insbesondere mein Vater, redlich das ihre thaten, ihnen mehr Vertrauen in die kriegerische Kraft Freilands einzuflößen; die europäischen Mächte waren nicht abgeneigt, die von Freiland als Bedingung eines Bündnisses geforderte Anerkennung des freiländischen Rechts für die Kolonien am roten und indischen Meere zuzugestehen, beharrten aber trotzdem auf der Forderung nach Abschluß einer Militärkonvention, worauf jedoch Freiland nicht eingehen wollte. So standen die Sachen bis in die letzten Tage.
Am Morgen nach meiner Verlobung saßen wir eben beim Frühstück, als für meinen Vater eine chiffrierte Depesche aus Ungama -- dem großen Hafenplatze Freilands am indischen Ocean -- eintraf, nach deren Entzifferung derselbe, von seiner gewohnten diplomatischen Ruhe gänzlich im Stiche gelassen, totenbleich aufsprang und Papa Ney bat, sofort eine Sitzung der sämtlichen Regenten der freiländischen Centralverwaltung einzuberufen, er habe eine Mitteilung von entscheidender Bedeutung zu machen. Den teilnahmsvollen Schrecken unserer Freunde bemerkend, erklärte mein Vater: »Geheimnis kann die Sache ohnehin nicht bleiben, so erfahret denn aus meinem Munde die Unglücksbotschaft. Die mir von Commodore Cialdini, dem Kapitän eines unserer in Massaua stationiert gewesenen Panzerschiffe zugekommene Depesche lautet: »Ungama, den 21. August 8 Uhr Morgens. Bin soeben mit Panzerfregatte Erebus und zwei Avisodampfern -- einem eigenen und einem französischen -- schwerbeschädigt und flüchtig aus Massaua hier eingetroffen. Johannes von Abyssinien hat vorgestern Nachts unter Bruch des bestehenden Friedens Massaua verräterisch überfallen und fast ohne Schwertstreich eingenommen. Unsere im Hafen liegenden und ebenso die englischen und französischen Schiffe, 17 an der Zahl, wurden gleichfalls überrumpelt und genommen, nur mir und den zwei Avisos gelang es zu entkommen. Die kleineren Küstenfestungen, an denen wir vorbeikamen, sind auch sämtlich in den Händen der Abyssinier. Da uns der Cours nach Aden durch mehrere uns verfolgende feindliche Dampfer abgeschnitten wurde und der Erebus kampfunfähig ist, suchten wir Zuflucht in Ungama, um unsere Havarien auszubessern. Finden uns hier die Abyssinier, so sprenge ich unsere Schiffe in die Luft.«
Das war in der That eine üble Botschaft, nicht bloß für die Verbündeten, sondern auch für Freiland, denn sie bedeutete Krieg mit Abyssinien, den man hier zu vermeiden gehofft hatte. Zwar war man -- wie gesagt -- von Anbeginn gefaßt darauf gewesen, den europäischen Mächten als präsumtiven Bundesbrüdern, Ruhe vor Abyssinien zu verschaffen, aber man hatte sich -- im Vertrauen auf die hohe Achtung, welche Freiland bei allen Nachbarvölkern genoß -- mit der Erwartung geschmeichelt, dem trotzigen Halbbarbaren durch festes Auftreten imponieren und ihn in friedlichem Wege zur Ruhe verhalten zu können. Der verräterische Überfall gerade zu einer Zeit, wo die Unterhändler der Angegriffenen eben in Edenthal weilten, zerstörte jedoch diese Hoffnung.
Im Volkspalaste fanden wir die freiländischen Verwaltungschefs schon vollzählig versammelt, und bald nach uns trafen auch die englischen und französischen Bevollmächtigten ein. Den Franzosen sahen wir es sofort an den verstörten Mienen an, daß ihnen die Unglücksbotschaft schon zugekommen war; die Engländer erhielten erst einige Stunden später direkte Nachricht, als ihre Panzerkorvette »Nelson«, die unterwegs mit zweien der in abyssinische Hände gefallenen Schiffe ein mörderisches Gefecht bestanden und eines derselben in den Grund gebohrt hatte, als halbes Wrack ebenfalls in Ungama anlangte. Inzwischen waren aber auch an das freiländische auswärtige Amt aus verschiedenen Küstenorten nähere und ausführliche Nachrichten eingetroffen, die das Unglück seinem ganzen Umfange nach bestätigten. Der mit sehr überlegener Macht unternommene und offenbar von Verrat begünstigte Überfall war den Abyssiniern vollständig gelungen. Da der Frieden mit Abyssinien noch mehrere Wochen zu gelten hatte, so waren die Garnisonen der meist ungesunden Küstenorte weder sehr zahlreich, noch sonderlich wachsam gewesen; die Abyssinier hatten zur nämlichen Stunde -- gegen 2 Uhr nach Mitternacht -- Massaua, Arkiko und Obok, die Hauptfestungen der Italiener, Engländer und Franzosen, und sämtliche acht Küstenforts derselben erstiegen, die im Schlafe überraschten Garnisonen teils niedergemetzelt, teils gefangen genommen und sich gleichzeitig auch der in den Häfen liegenden Schiffe bis auf die schon erwähnten vier bemächtigt. Daß sie einige derselben schon am nächsten Morgen segelfertig machen und mit ihnen in See stechen konnten, erklärt sich aus den früher schon erwähnten Matrosenwerbungen des Negus, welch letztere aber auch ein bezeichnendes Licht darauf werfen, wie lange geplant und wohlvorbereitet der Überfall gewesen. So vortrefflich funktionierte das Getriebe des Verrats, daß die vier geretteten Schiffe wenige Minuten nachdem der Überfall auf die anderen gelungen war, aus Schiffsgeschützen sehr wirksam und heftig beschossen werden konnten. Die den Abyssiniern in den sämtlichen drei Häfen in die Hände gefallenen Fahrzeuge waren 7 englische, 5 französische und 4 italienische Panzerschiffe, darunter mehrere erster Größe, und 11 englische, 8 französische und 4 italienische Kanonenbote und Avisos; die in den Festungen und Schiffen gefangenen oder gefallenen Truppen betrugen in runder Zahl 24000 Mann.
Die Bevollmächtigten aller drei Mächte hatten sofort, nachdem sie die Hiobsbotschaften empfangen, an ihre Regierungen telegraphiert und um Verhaltungsmaßregeln gebeten. Der freiländischen Verwaltung gegenüber erklärten sie, daß nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach mit größter Energie auf dem Abschluß der Militärkonvention bestanden werden dürfte. Jetzt, da die Festungen gefallen, wäre es vollends unmöglich, an den unwirtlichen Küsten des roten Meeres ein so großes Heer zu sammeln, wie es gegen den Negus nun erst recht notwendig sei. In der That war das auch die ziemlich kategorisch lautende, noch im Laufe des nämlichen Tages einlangende Kollektivforderung der drei Mächte. Ebenso kategorisch aber war die Ablehnung, begleitet von der Erklärung, daß man den, aller Voraussicht nach für Freiland allerdings unvermeidlichen Krieg mit Abyssinien allein auszufechten gedenke. Im übrigen, so gab man den Alliierten zu bedenken, kämen doch ihre Armeen ohnehin viel zu spät. Wäre der Suezkanal für ihre Truppensendungen auch praktikabel, so könnten ihre 350000 Mann -- für so viel lautete die nun geforderte Durchzugsbewilligung -- frühestens binnen 2 Monaten bei uns konzentriert sein, und es hieße fürwahr dem Negus Johannes sehr wenig zutrauen, wollte man sich darauf verlassen, daß er bis dahin nicht längst schon versucht haben sollte, sich in den Besitz aller strategischen Positionen Freilands zu setzen. Nunmehr vollends, wo die den Abyssiniern in die Hände gefallenen Schiffe von diesen in erster Linie dazu benutzt werden dürften, den Suezkanal zu sperren, kämen die Alliierten, selbst wenn man sie rufen wollte, jedenfalls zu spät. Denn auch der Landweg über Ägypten könne von den Abyssiniern so leicht verlegt werden, daß der zur Operationsbasis zu wählen schlechthin unsinnig wäre. Bliebe also nur der Weg ums Kap der guten Hoffnung, und wie lange es brauchen würde, bis von dorther 350000 Mann Hülfstruppen bei uns einträfen, das möge man sich in Paris, Rom und London doch selber beantworten. Unsere Freunde möchten im übrigen vollkommen beruhigt sein; rascher als sie zu glauben schienen und vollständiger sollte ihnen Genugthuung werden. Ehe man in England, Frankreich und Italien auch nur mit der Ausrüstung eines so großen Expeditionsheeres fertig sein könnte, würden wir mit dem Negus abgerechnet haben. Inzwischen möchten die Alliierten ihre neuen, nach den Küstenorten des roten und indischen Meeres bestimmten Garnisonen segelfertig machen; sie könnten für dieselben ohne weiteres den gewohnten Weg über den Suezkanal in Aussicht nehmen, denn bis ihre Transportschiffe vor demselben angelangt sein dürften -- woran vor Ende des nächsten Monats kaum zu denken sei -- würde Freiland den Abyssiniern ihre gestohlene Flotte genommen oder vernichtet haben.
Insbesondere die letztere Zusage erregte in hohem Grade das Befremden der verbündeten Regierungen und ihrer Gesandten, und ich muß gestehen, daß auch ich nicht recht abzusehen vermochte, wie wir es, ohne auch nur ein Kriegsfahrzeug zu besitzen, anstellen wollten, eine aus 16 der besten Schlachtschiffe und 23 kleineren Fahrzeugen bestehende Flotte vom Meere wegzublasen. Nicht ohne Bitterkeit meinten die Gesandten, statt so großartige Pläne zu verfolgen, wäre es vielleicht praktischer, ihren im Hafen von Ungama liegenden jämmerlich zugerichteten vier Schiffen dazu zu verhelfen, daß sie ihre Schäden möglichst rasch ausbessern und dann mit thunlichster Schnelligkeit das Weite suchen könnten. Beruhe doch die Möglichkeit, sie vor der so unendlich überlegenen feindlichen Flotte zu retten, angesichts der vollständigen Wehrlosigkeit Ungamas lediglich auf der höchst unsicheren Hoffnung, daß der Feind nicht sofort auf den Gedanken geraten werde, sie dort zu suchen.
»Für den Moment« -- so tröstete einer der Verwaltungschefs die geängstigten Diplomaten -- »d. h. für wenige Stunden noch haben Sie allerdings Recht. Wenn heute vor einbrechender Dunkelheit eine abyssinische Übermacht vor Ungama erscheint und den Kampf mit Ihren Schiffen sofort aufnimmt, sind diese allerdings menschlicher Voraussicht nach verloren. Allein das gilt eben nur für heute. Zeigt sich morgen die abyssinische Flotte, so haben wir einen Empfang vorbereitet, der sie sicherlich nicht zur Wiederkehr einladen wird.«
»Wie das?« fragten jene wie aus einem Munde. »Was thaten Sie, was konnten Sie thun zum Schutze der traurigen Überreste unserer kürzlich noch so stolzen verbündeten Flotte?« Dabei hingen die Blicke dieser in ihrem Patriotismus so tief verwundeten Männer mit ängstlicher Spannung an den Zügen ihrer Gastfreunde, und trotz meiner jungen Zugehörigkeit nach Freiland teilte ich nur zu sehr ihre Empfindungen. Du wirst begreifen, daß es uns nicht um die paar Schiffe allein zu thun war; aber endlich einen Punkt des Widerstandes gegen den frechen Barbaren gefunden zu haben, die Unseren der fernern Notwendigkeit beschämender Flucht enthoben zu wissen, das war es, was uns als süße Verheißung in den Ohren klang. Man beeilte sich uns vollständige Aufklärung zu geben.
Wie ich Dir bereits erzählte, besitzt die freiländische Unterrichtsverwaltung zum Gebrauche der Jugend eine stattliche Anzahl von Geschützen verschiedensten Kalibers in allen Teilen des Landes. Die größten derselben durchschlagen den stärksten der derzeit in Gebrauch befindlichen Schiffspanzer wie ein Kartenblatt; 84 dieser Riesengeschütze aus den zunächst der Seeküste gelegenen Distrikten hatte man nun, sofort nachdem die ersten Nachrichten eingelaufen, nach Ungama in Bewegung gesetzt. Da alle diese Ungetüme ohnehin auf Schienen laufen, die mit dem freiländischen Eisenbahnnetze in Verbindung gesetzt sind, so waren sie allesamt noch am gleichen Vormittage in Begleitung der mit ihrer Behandlung vertrauten Jünglinge unterwegs nach ihrem Bestimmungsorte und mußten dort successive am Abend und im Laufe der Nacht eintreffen. Da ebenso in Ungama zu Zwecken des gewöhnlichen Hafendienstes mehrere mit dem Eisenbahnnetze in Verbindung stehende Schienenstränge längs der Seeküste hinlaufen, so können die anlangenden Geschütze ohne weiteres sofort in die für sie bestimmten Stellungen einfahren, die inzwischen -- gleichfalls noch im Laufe des nämlichen Tages -- mit provisorischen Erdwerken versehen werden. Späterhin sollen diese Werke auch Panzerdeckung erhalten; fürs erste aber, so rechnete die Centralverwaltung, mußten 84 Geschütze erster Größe, denen die auf ihnen eingeschossenen besten Kanoniere mitgegeben waren, auch ohne sonderliche Deckung genügen, um von zusammengelaufenen Abenteurern bemannte Panzerschiffe in respektvoller Entfernung zu halten.
Mich litt es nun nicht länger in Edenthal; nach kurzem Abschiede von meinem Vater, nach etwas längerem von meiner Bertha, eilte ich nach Ungama, und schon der zweitnächste Tag zeigte, daß die getroffenen Schutzmaßregeln weder überflüssig noch ungenügend gewesen waren. Am 23. August erschienen 5 abyssinische Panzerfregatten und 4 Kanonenboote vor Ungama und versuchten, da sie den Ort für wehrlos hielten, ohne weiteres in den Hafen einzulaufen, um die dort liegenden Wracks der Verbündeten vollends zu zerstören. Ein auf sie aus 10000 Meter Entfernung abgegebener scharfer Schuß des größten unserer Panzerbrecher, der einen der Schornsteine der vordersten Panzerfregatte wegnahm, veranlaßte sie zwar zu etwas größerer Vorsicht, hielt sie jedoch in ihrem Laufe nicht auf. Jetzt ließen unsere jungen Kanoniere den einmal gewarnten Gegner bis auf 7 Kilometer Distanz herandampfen, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben; dann eröffneten sie aus 37 Geschützen zugleich das Feuer, welches jedoch nur kurze Zeit währte. Schon die erste Salve brachte ein Kanonenboot zum sofortigen Sinken und beschädigte die sämtlichen Schiffe so stark, daß die ganze feindliche Schlachtlinie in sichtliche Unordnung geriet. Einige Schiffe machten Miene, das Feuer der Unseren zu erwidern, andere legten sofort eine sichtliche Neigung zum Stoppen und Rückwärtsdampfen an den Tag. Zwei Minuten später fegte unsere zweite Salve über die Wogen; deutlich konnte man verfolgen, daß diesmal keiner der 37 Schüsse fehlgegangen war; alle feindlichen Schiffe zeigten schwere Havarien und insgesamt hatten sie die Lust verloren, den ungleichen Kampf weiterzuspinnen. Sie gaben Kontredampf und suchten mit möglichster Beschleunigung das Weite. Eine dritte und vierte Salve wurde ihnen nachgesandt, worauf ein zweites Kanonenboot und die größte der Panzerfregatten sank; noch drei weitere Salven fügten dem fliehenden Feinde zwar beträchtlichen ferneren Schaden zu, vermochten aber kein Schiff mehr zu sofortigem Sinken zu bringen; nur erfuhren wir durch den italienischen Aviso, der den abyssinischen Schiffen von weitem nachfolgte, daß noch ein drittes Kanonenboot eine Stunde nach Abbruch des Kampfes unterging, und daß eine der Panzerfregatten ins Schlepptau genommen werden mußte, um den Kugeln unserer Strandbatterien zu entgehen. Diese selbst hatten bloß zwei Mann verloren.
Mit dem Berichte dieser ersten freiländischen Waffenthat, an welcher ich jedoch lediglich als staunender Zuschauer teilzunehmen vermochte, schließe ich diesen Brief. Wann, wo -- und ob ich Dir einen nächsten schreiben werde, weiß allein der Kriegsgott.
22. Kapitel.
Massaua, 25. September.
Wenn ich mich recht entsinne, sind es genau ein Monat und ein Tag, daß ich mein letztes Schreiben an Dich sandte; binnen dieser kurzen Frist haben sich Ereignisse abgespielt, welche Euch drüben im alten Europa gar mancherlei Überraschungen gebracht haben dürften und die -- täusche ich mich über die Absichten meiner neuen Landsleute nicht -- in ihren mittelbaren Konsequenzen für die ganze bewohnte Erde von entscheidender Tragweite sein werden. Die Freiheit der Welt ist es -- so glaube ich -- die auf den Schlachtfeldern des Roten Meeres und der Gallaländer gesiegt hat -- nicht bloß über den unseligen Johannes von Abyssinien, sondern auch über gar mancherlei Tyrannei, die inmitten Euerer sogen. civilisierten Welt geknechtete Völker darniederhält. Doch wozu sich in Vermutungen ergehen über Dinge, welche die nächste Zukunft schon zur Entscheidung bringen muß; mein heutiger Brief dient dem Zwecke, Dich meines ungetrübten Wohlbefindens zu versichern und Dir den freiländisch-abyssinischen Feldzug zu schildern, den ich vom ersten bis zum letzten Kanonenschusse mitgemacht.
Am 25. August, also zwei Tage, nachdem der erste Kampf stattgefunden, erhielt die Edenthaler Zentralbehörde das Ultimatum des Negus, in welchem dieser erklärte, daß er gegen Freiland nichts Böses im Schilde führe, sondern die Waffen nur deshalb ergriffen habe, um sich und -- Freiland gegen eine europäische Invasion zu schützen, die diesem, wie er erfahren habe, aufgenötigt worden sei. Da wir nicht die Macht besäßen, seine Feinde von unseren Grenzen fernzuhalten, so gebiete ihm die Pflicht der Selbsterhaltung, von uns die Auslieferung einiger strategisch wichtiger Punkte zu verlangen. Fügten wir uns diesem Begehren, so wolle er unsere Freiheiten und Rechte im übrigen schonen, auch den seinen Schiffen bei Ungama zugefügten Schaden verzeihen; widersetzten wir uns, so werde er uns mit Krieg überziehen, und da er dafür gesorgt, daß uns so rasch keine Hilfe aus Europa zu erreichen vermöge, so könne der Ausgang wohl nicht zweifelhaft sein. Er habe sich mit einem Occupationsheere von 300000 Mann bereits in Bewegung gegen unsere Nordgrenze gesetzt und werde längstens binnen Wochenfrist an derselben eintreffen; an uns sei es, ob wir ihn als Freund oder Feind empfangen wollten.
Die Antwort an den Negus lautete dahin, daß er sich zwar in seiner Voraussetzung, daß Freiland fremde Truppen aufzunehmen gedachte, täusche, da dieses den Engländern, Franzosen und Italienern ebensowenig als ihm zu kriegerischen Zwecken die Grenzen offen zu halten gesonnen sei; in Frieden mit ihm könnten wir jedoch trotzdem nur dann leben, wenn er sich entschließe, auch den genannten europäischen Mächten gegenüber Frieden zu halten, und für das ihnen zugefügte Unrecht volle Sühne zu leisten. Nicht verschweigen wolle man nämlich, daß Freiland im Begriffe sei, mit dessen europäischen Staaten einen Freundschaftsvertrag zu schließen, in dessen Sinne es sich dann verpflichtet halten würde, die Feinde seiner Freunde auch als die seinigen anzusehen. Man warne ihn, Freilands stets an den Tag gelegte Friedfertigkeit als Mutlosigkeit oder Schwäche auszulegen. Eine Woche Frist solle ihm gelassen werden, um seine drohende Haltung aufzugeben und Bürgschaften des Friedens und der Sühne zu stellen. Sollten diese bis dahin nicht geboten worden sein, so würde Freiland ihn angreifen, wo immer es ihn fände.
Selbstverständlich gab sich niemand über den Erfolg dieses Notenwechsels einer Täuschung hin und mit aller Beschleunigung wurden die Rüstungen zum Kriege betrieben.
Kaum daß Telegraph und Zeitungen die erste Kunde von dem abyssinischen Überfalle durch Freiland getragen, trafen von allen Seiten Meldungen und Anfragen bei der Zentralverwaltung ein, die Jedermann den vollgültigen Beweis lieferten, daß die Bevölkerung des ganzen Landes nicht bloß sofort begriffen hatte, ein Krieg sei bevorstehend, sondern daß sich auch unmittelbar ohne jeden bevormundenden Eingriff von oben, alle jene Faktoren des Widerstandes ganz von selbst in Aktion setzten, welche eine auf den Krieg jederzeit gerüstete Militärverwaltung nur immer hätte aufbieten können. Freiland mobilisierte sich selber und es erwies sich, daß diese selbstdenkende Thätigkeit von Millionen intelligenter, dabei aber an durchgreifendes Zusammenwirken gewohnter Köpfe, vollkommenere Ergebnisse lieferte, als durch einen noch so weislich erwogenen und vorbereiteten behördlichen Mobilisierungsplan auch nur entfernt möglich gewesen wäre. Von allen Tausendschaften des Landes langten schon im Laufe des ersten Tages Anfragen ein, ob die Zentralstelle ihre Mitwirkung für wünschenswert hielte; die Tausendschaften erster Klasse aus den zwölf Nord- und Nordostdistrikten, die Baringoländer und Leikipia umfassend, zeigten zugleich an, daß sie schon am nächsten Tage vollzählig -- bis auf die zufällig verreisten Mitglieder -- versammelt sein würden, da sie von der Voraussetzung ausgingen, daß die Ausfechtung des Kampfes mit Abyssinien zunächst ihre Sache sein werde. Man war nämlich ziemlich allgemein in Freiland der Ansicht, daß zur Bekämpfung der Abyssinier zwischen 40000 und 50000 Mann vollauf genügen würden, und da die Norddistrikte bekanntermaßen 85 der aus den Distriktsübungen als Sieger hervorgegangene Tausendschaften besaßen, so war von Anbeginn Niemand in Zweifel darüber, daß diesen allein die Kriegsarbeit zufallen würde. Zwar regte sich sicherlich in der Brust gar manchen Jünglings auch in den anderen Landesteilen der Thatendrang, aber nirgend zeigte sich das Gelüste, durch dessen Geltendmachung dem Lande mehr als nötig Arbeitskräfte zu entziehen oder unter Störung des naturgemäßen Mobilisierungsplanes entferntere Tausendschaften in den Vordergrund zu schieben. Und eben so bereitwillig, als die anderen zurücktraten, als ebenso selbstverständlich erachteten es die Norddistrikte, daß sie in Aktion zu treten hätten. Nur jene Tausendschaften, die während der letzten Jahre bei den großen Aberdarespielen Sieger gewesen waren, äußerten, auch sofern sie nicht zu den mobilisierenden Distrikten gehörten, den Wunsch, in die Mobilisierung mit einbezogen zu werden; ebenso ersuchten alle Sieger in den Einzelübungen der letztjährigen Distrikts- und Landesspiele um die Vergünstigung, in die mobilisierten Tausendschaften eingeteilt zu werden. Beides wurde bewilligt und es vermehrte sich solcherart das zur Verfügung gestellte Material um vier Tausendschaften und 960 Einzelne. Damit wären insgesamt 90000 Mann verfügbar gewesen, der im Lande herrschenden Ansicht zufolge ungefähr doppelt so viel als erforderlich war. Doch auch darauf nahmen die betreffenden Tausendschaften sofort aus eigener Initiative Bedacht, indem sie sich durch Vermittlung der Zentralverwaltung schon am nächsten Tage darüber einigten, bloß die vier letzten Jahrgänge zwischen 22 und 26 Jahren und in diesen bloß die Unverheirateten ins Feld zu stellen. Dadurch reducierte sich der Mannschaftsstand auf 48000 Mann -- darunter 9500 Berittene -- und 180 Geschütze; letzteren wurden nachträglich noch 80 Stücke aus dem oberen Naiwaschadistrikt hinzugefügt.