Freiland: Ein sociales Zukunftsbild
Part 29
Diese Truppe besaß von Haus aus schon ihre Anführer bis zum Range der Tausendführer. Zwar waren zahlreiche dieser Offiziere verheiratet, doch wurde übereinstimmend beschlossen, sie nichtsdestoweniger beizubehalten. Die Wahlen der Oberoffiziere fanden, nachdem auch die Hundert- und Tausendführer der vier auswärtigen Tausendschaften in dem zu diesem Behufe bestimmten Vereinigungspunkte Nordleikipias eingetroffen waren, am 23. August statt. Das Oberkommando trugen die versammelten Offiziere keinem aus ihrer Mitte, sondern einem als Chef der Ukerewebaugesellschaft in Ripon lebenden jungen Ingenieur Namens Arago an, der selbstverständlich annahm, sich aber einen der Oberbeamten des Verkehrsressorts der Centralverwaltung als Generalstabschef ausbat. An diesen wandte ich mich, aus Ungama direkt nach Nordleikipia geeilt, mit der Bitte um Aufnahme in den Generalstab, die mir, da ich mich über die entsprechenden Kenntnisse auszuweisen vermochte, mit Rücksicht auf meine erst kürzlich aufgegebene italienische Staatsbürgerschaft bereitwillig zugestanden wurde. Gleichzeitig mit mir war auch David eingetroffen, der mir die zärtlichsten Grüße und die freudige Zustimmung meiner Braut zu meinem Entschlusse brachte, und zugleich erklärte, daß er während des Feldzuges nicht von meiner Seite weichen werde.
Mit Waffen und Munition waren alle Tausendschaften ohnehin reichlich versehen; ebensowenig fehlte es an gut eingerittenen und geschulten Pferden.
Die Verpflegung des Heeres wurde den Approvisionierungsgesellschaften von Edenthal und Danastadt übergeben. Den technischen Dienst -- Pionierwesen, Brückenbau, Feldtelegraphie u. dergl. -- übernahmen zwei Associationen aus Central- und Ostbaringo, den Transportdienst endlich besorgte die freiländische Centralstelle für diesen Verwaltungszweig. Innerhalb der Grenzen Freilands konnte bei der hohen Vollendung des Kommunikationsnetzes die Beförderung und Verpflegung einer so kleinen Armee natürlich nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Da man jedoch keineswegs gesonnen war, die Abyssinier zu erwarten, sondern den Krieg in die Gallaländer und nach Habesch hinüberzuspielen gedachte, so wurden 5000 Elefanten, 8000 Kamele, 20000 Pferde und 15000 Büffelochsen für den Lastendienst aufgebracht. Zelte, Feldkochgeräte, Konserven u. dergl. mußten herbeigeschafft, kurzum Vorsorge getroffen werden, daß die Armee auch in den unwirtlichen Gegenden außerhalb Freilands an nichts Mangel leide.
Alle diese Vorbereitungen waren am 29. August vollendet; schon zwei Tage vorher hatte Arago 4000 Reiter mit 28 Geschützen über den Konsopaß ins benachbarte Wakwafiland gesendet, mit dem Auftrage, sich fächerförmig ausbreitend, Fühlung mit den Abyssiniern zu suchen, deren Anzug wir auf dieser Seite erwarteten. Um für alle Eventualitäten gesichert zu sein, sandte er kleinere Streifkorps von 1200 und 900 Mann mit je 8 und 4 Geschützen zur Bewachung der sich nordöstlich und nordwestlich von dieser seiner Operationslinie erstreckenden Gebirgszüge von Endika und Silali. Am Konsopaß hinterließ er des ferneren eine Reserve von 6000 Mann und 20 Geschützen und überschritt am 30. August mit 36000 Mann und 200 Geschützen die Gallagrenze. Um möglichst große Marschleistungen zu erzielen und die Mannschaft trotzdem zu schonen, war das Handgepäck aufs äußerste reduciert. Es bestand außer den Waffen -- Repetiergewehr, Repetierpistole und kurzem, auch als Haubajonett zu gebrauchendem Schwert -- nur aus 80 Patronen, einer Feldflasche und kleinem, zur Aufnahme _einer_ Mahlzeit bestimmten Ranzen. Alle anderen Gepäckstücke trugen Handpferde, die den Marschkolonnen unmittelbar folgten und deren auf jede Hundertschaft 25 kamen. Dieser der Mannschaft jederzeit zur Verfügung stehende sehr bewegliche Train führte wasserdichte Zelte, komplette Anzüge und Schuhwerk zum wechseln, Regenmäntel, Konserven und Getränke für einige Tage, und eine Patronenreserve für 200 Schuß per Mann mit sich. Unsere jungen Leute waren solcherart mit allem Nötigen versehen, ohne selber überlastet zu sein und sie legten daher an einzelnen Tagen bis zu 40 Kilometer zurück, ohne daß es Marode gegeben hätte.
Die freiländische Centralverwaltung hatte der Armee einen Kommissar beigegeben, dessen Amt es war, etwaige Wünsche der Heeresleitung, soweit deren Erfüllung Sache der Centralstelle sein sollte, entgegenzunehmen; ferner für den Fall, als der Negus sich zu Friedensverhandlungen geneigt zeigen sollte, dieselben zu führen; schließlich für Sicherheit und Bequemlichkeit der fremden Militärbevollmächtigten und Zeitungsreporter Sorge zu tragen, die unseren Kriegszug mitmachten. Ein Teil dieser Herren begleitete uns zu Pferde, ein anderer Teil war auf Elefanten bequem untergebracht; die meisten folgten dem Hauptquartier, welches dieselben über alle Vorkommnisse auf dem Laufenden erhielt.
Am dritten Marschtage, dem zweiten September, verständigte uns unsere vorausschwärmende Reiterei, daß sie auf den Feind gestoßen sei. Da Arago, bevor er einen entscheidenden Kampf annahm, zuvor praktisch erproben wollte, ob er und wir alle nicht etwa doch in einer verhängnisvollen Täuschung bezüglich der vorausgesetzten Überlegenheit unserer Mannschaften über die feindlichen befangen wären, gab er der Vorhut Auftrag, eine forcierte Rekognoscierung vorzunehmen, d. h. den Gegner zu möglichst vollständiger Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen und erst zurückzuweichen, wenn über die Marschrichtung der feindlichen Hauptmacht Sicherheit erlangt sei.
Am 3. September bei grauendem Morgen griffen wir -- ich war nämlich auf meinen Wunsch dieser Truppe beigegeben worden -- die abyssinische Vorhut bei Ardeb im Flußthale des Dschub an. Diese, der unsrigen nicht stark an Zahl überlegen, wurde im ersten Anlauf über den Haufen gerannt, ihr sämtliches Geschütz -- 36 Stücke -- nebst 1800 Gefangenen abgenommen, ohne daß die Unsrigen mehr als fünf Mann verloren. Die ganze Affaire dauerte kaum 40 Minuten. Unsere Artillerie war der schon auf 6000 Meter Distanz ein wirkungsloses Feuer gegen unsere sich entwickelnden Linien eröffnenden abyssinischen ohne einen Schuß abzugeben bis auf 2500 Meter entgegengefahren, hatte sie von hier aus mit wenigen Salven zum Schweigen gebracht, 19 Stücke demontiert und die übrigen zum Rückzuge genötigt. Sich hierauf gegen die tollkühn heransprengende feindliche Kavallerie wendend, hatte sie diese durch einige wohlgezielte Granatschüsse auseinander gesprengt, so daß unsere Eskadronen nurmehr die in regelloser Flucht Davoneilenden zu verfolgen und die schwache, von der eigenen flüchtenden Kavallerie ohnehin schon in heillose Unordnung gebrachte Infanterie niederzureiten hatten. Der Rest war dann Verfolgung und Einbringung der von panischem Schreck gejagten Gegner, deren Verluste an Toten und Verwundeten, wenn auch die unserigen namhaft überragend, im Ganzen verhältnismäßig doch nur gering waren.
Doch damit war bloß das Vorspiel des blutigen Dramas zu Ende. Unsere Reiter hatten sich eben gesammelt, und die Gefangenen mitsamt den erbeuteten Geschützen unter geringer Bedeckung dem Hauptquartiere zugesandt, als sich in der Ferne dichte und immer dichtere Massen des Feindes zeigten. Es war dies der gesamte, 65000 Mann mit 120 Kanonen zählende, linke Flügel der Abyssinier. Zwanzig von unseren Kanonen waren auf einer kleinen, die Marschlinie des Feindes dominierenden Höhe aufgefahren und gaben von dort um 7 Uhr morgens den ersten Schuß auf den Gegner ab. Alsbald sah man die feindlichen Infanteriemassen seitlich abbiegen, während unserer Artillerie gegenüber successive 90 der abyssinischen Geschütze auffuhren. Der sich nun entspinnende Kampf der Kanonen währte eine Stunde, ohne unserer Artillerie sonderlichen Schaden zuzufügen, denn die abyssinischen Artilleristen trafen auf so große Distanz -- es waren gut 5000 Meter -- nur sehr schlecht, während die Granaten der unserigen nach und nach 34 feindliche Stücke zum Schweigen brachten. Zweimal versuchten es die Abyssinier, näher an unsere Position heranzufahren, mußten aber beidemal schon nach wenigen Minuten wieder zurückweichen, so mörderisch räumten unsere Geschosse bei dieser Annäherung unter ihnen auf. Da es so nicht ging, versuchte der Feind unsere Position zu stürmen. Seine Infanterie- und Kavalleriemassen hatten sich längs unserer ganzen, sehr dünn gestreckten Front entwickelt und kurze Zeit nach 8 Uhr setzte sich die gesamte kolossale Übermacht gegen uns in Bewegung.
Was sich nunmehr abspielte, hätte ich nimmermehr für möglich gehalten, trotzdem ich über die Waffengewandtheit der freiländischen Elite-Tausendschaften schon so Manches vernommen und auch der spielend erfochtene Sieg über die feindliche Vorhut zu hochgespannten Erwartungen berechtigte. Ich gestehe, daß ich es für unverantwortlichen Leichtsinn und für eine gänzliche Verkennung der ihm vom Oberkommando zugeteilten Aufgabe hielt, daß Oberst Ruppert, der Führer unserer kleinen Schar, den Kampf annahm und zwar nicht etwa in Form eines Rückzugsgefechtes, sondern als regelrechte Schlacht, die, wenn verloren, unfehlbar mit der Vernichtung seiner 4000 Mann enden mußte. Denn in einer fünf Kilometer umfassenden, die feindlichen Linien sogar um ein Geringes überflügelnden dünnen Aufstellung mit nur schwachen Reserven im Rücken, hatte er seine Reiter -- sie waren sämtlich abgesessen und schossen mit ihren vortrefflichen Karabinern -- entwickelt und erwartete die Abyssinier, als ob diese als Tirailleure und nicht in kompakten Sturmkolonnen heranrückten. Und diese Sturmkolonnen kannte ich sehr wohl, sie hatten bei Erdeb und vor Obok die ihnen an Zahl gleichen indischen Veteranen Englands, die bretonischen Grenadiere Frankreichs und die Bersaglieri Italiens geworfen, ihre Waffen waren den Freiländischen gleichwertig, ihre militärische Disziplin mußte ich der meiner gegenwärtigen Kampfgenossen überlegen halten; wie sollte unsere dünne Linie dem Ansturme dieser, uns an Zahl sechzehnfach überlegenen kampfgewohnten Krieger widerstehen? Sie mußte -- das war meine felsenfeste Überzeugung -- in der nächsten Viertelstunde zerreißen, wie ein Bindfaden, der einer Lokomotive den Weg versperren will; und dann, das konnte jedes Kind sehen, war nach einem Gemetzel von wenigen Minuten alles vorbei. Ich nahm im Geiste Abschied von der fernen Geliebten, vom Vater -- und auch Deiner, mein Luigi, gedachte ich in dieser Stunde, die für meine letzte zu halten ich damals vollen Grund zu haben wähnte.
Und was mich am meisten Wunder nahm: die Freiländer schienen insgesamt meine Empfindungen zu teilen; nichts von jener wilden Kampflust war in ihren Mienen zu finden, die man doch bei denjenigen voraussetzen sollte, die -- überflüssiger Weise -- Einer gegen sechzehn den Kampf aufnehmen. Tiefen, düsteren Ernst, ja Widerwillen und Schrecken las ich in den sonst so klaren, heiteren Augen dieser freiländischen Jünglinge und Männer; es war als sähen sie allesamt gleich mir sicherem Tode entgegen. Auch die Offiziere, ja selbst der kommandierende Oberst, teilten sichtlich diese unerfreulichen Gefühle -- warum um des Himmelswillen nahmen sie dann die Schlacht an? Wenn sie Übles vorher sahen, warum zogen sie sich nicht rechtzeitig zurück? Wie sehr aber hatte ich diesen Männern Unrecht gethan, wie gründlich Anlaß und Richtung ihrer Besorgnisse verkannt! So unglaublich es klingen mag: meine Kriegskameraden waren nicht für ihre, sondern für des Gegners Haut besorgt, ihnen graute vor dem Gemetzel, das -- nicht ihnen, den Feinden bevorstand. Der Gedanke, daß sie, die freien Männer, von armseligen Knechten besiegt werden könnten, lag ihnen so fern, als etwa dem Jäger der Gedanke, die Hasen könnten ihm gefährlich werden; aber sie sahen sich vor der Notwendigkeit, Tausende dieser Bejammernswerten kaltblütig niederschießen zu müssen und das erregte ihnen, denen der Mensch das Heiligste und Höchste ist, unsäglichen Widerwillen. Hätte man mir das _vor_ der Schlacht gesagt, ich hätte es nicht begriffen und jedenfalls für Renommisterei gehalten; jetzt, nach dem was ich schaudernd mit erlebt, finde ich es begreiflich. Denn, daß ich es nur gleich sage: eine gegen freiländische Linien anstürmende und von deren Feuer zerrissene Kolonne bietet einen Anblick, der selbst an Massenmord einigermaßen gewöhnten Männern, wie mir, das Blut zu Eis gerinnen macht. Ich habe den Würgengel des Schlachtfeldes einigemal an der Arbeit gesehen und durfte mich daher gegen dessen Schrecken gefeit halten. Hier aber ...
Doch ich will ja nicht meine Gefühle, sondern die Ereignisse schildern. Als die Abyssinier uns auf etwa 1½ Kilometer nahe gekommen waren, sprengten ein letztesmal Rupperts Adjutanten die Front entlang und riefen den Unseren die Losung zu: Schonung! keinen Schuß, sobald sie weichen! Dann war es bei uns totenstill, während von jenseits stets lauter der Klang der Trommeln und einer wilden Musik, unterbrochen zeitweilig von dem gellenden Schlachtrufe der Abyssinier, herübertönte. Als die Feinde bis auf 700 Meter etwa herangerückt waren, gab unsere Schützenlinie eine einzige Salve ab; als ob ein Pesthauch in sie gefahren wäre, so brach die Stirnlinie des Feindes zusammen, seine Reihen wankten und mußten sich neu formieren. Kein Schuß wurde inzwischen von den Freiländern abgefeuert; als aber die Abyssinier unter wildem Schlachtgeschrei abermals, jetzt im Laufschritte vorrückten, donnerte eine zweite und da die todeskühnen braunen Krieger diesmal über ihr zerschmettertes erstes Glied hinweg den Ansturm fortsetzten, eine dritte Salve über das Feld. Mit dieser aber hatten Jene einstweilen genug; sie wandten sich zu wilder Flucht, und hielten erst, als sie sich außerhalb unserer Schußweite wußten. Auch jetzt hörte unser Feuer augenblicklich auf, sowie der Feind sich gewandt hatte, aber es war auch hohe Zeit gewesen. Nicht als ob die geringste Gefahr für unsere Stellungen aus einer Fortsetzung des Sturmes hätte entstehen können; die Abyssinier hatten kaum 100 Meter gewonnen gehabt, waren also immer noch gute 600 Meter entfernt gewesen und die Gewißheit, daß Keiner von ihnen unsere Front erreicht hätte, erwies sich als augenscheinlich; aber gerade diese eigene, jede eigentliche Kampfeserregung ausschließende Unnahbarkeit ließ die Gräßlichkeit des unter den Gegnern wütenden Gemetzels mit so elementarer Gewalt hervortreten, daß mehr als menschliche Nerven dazu gehört hätten, dies Schauspiel längere Zeit zu ertragen. Nahe an 1000 Abyssinier waren binnen wenigen Minuten tot oder verwundet gefallen und zahlreiche der freiländischen Schützen erklärten mir später, sie hätten beim Anblicke der reihenweise zusammenbrechenden und am Boden zuckenden Feinde Ohnmachtsanfälle gehabt -- was ich vollkommen begreife, da auch mir ernstlich übel dabei wurde.
Die freiländischen Ärzte und Sanitätstruppen waren eben an der Arbeit, die verwundeten Gegner vom Schlachtfelde aufzulesen, als die abyssinische Artillerie neuerlich den Kampf aufnahm und alsbald auch die Infanterie ein rasendes Schnellfeuer eröffnete. Da Letztere sich jedoch diesmal vorsichtig in der respektablen Entfernung von ungefähr 2000 Metern hielt, so war ihr Feuer anfangs ganz ungefährlich und wurde daher von den Unseren nicht erwidert; nachgerade aber verirrte sich doch die eine oder andere Kugel in unsere Reihen und Oberst Ruppert gab daher Befehl, die Zehntführer möchten den Feinden deutlich sichtbar mehrere Schritte aus der Front hervortreten und eine Salve abgeben. Dieser Wink wurde drüben verstanden; das feindliche Infanteriefeuer hörte sofort auf, da die Abyssinier aus der Wirkung dieser einen kleinen Salve ersahen, daß die freiländischen Schützen auch auf so große Distanz allzu unangenehm werden könnten, als daß es rätlich wäre, sie durch ohnehin wirkungsloses Feuer zum Antworten herauszufordern. Die zähen Burschen, die offenbar den Gedanken nicht zu ertragen vermochten, vor einer so kleinen Minderzahl das Feld zu räumen, formierten nun neuerlich einige Sturmkolonnen, diesmal mit schmaler Front und von beträchtlicher Tiefe. Doch auch diesen ging es nicht besser als ihren Vorgängern, nur daß gegen sie etwas rascheres Feuer abgegeben werden mußte; sie wurden mit einem neuerlichen Verluste von 800 Mann nach wenigen Minuten zum Weichen gebracht und waren nunmehr zu abermaligem Vorgehen nicht mehr zu bewegen. Um die verwundeten Abyssinier, die in freiländischer Verpflegung weitaus besser versorgt waren, als in der ihrer Landsleute, zu bergen, ließ jetzt Ruppert einen Vorstoß bewerkstelligen, vor welchem sich der Gegner eilfertig zurückzog, so daß wir unbestritten Herren des Schlachtfeldes blieben. Unsere Verluste betrugen 8 Tote und 47 Verwundete; die Abyssinier hatten 360 Tote, 1480 Verwundete und 39 Kanonen zurückgelassen. Die erste Sorge der Unseren war, die Verwundeten -- Freund und Feind mit gleich liebevoller Sorgfalt -- in den reichlich vorhandenen und mit sinnreichstem Komfort ausgestatteten Sanitätswagen unterzubringen und nach Freiland zu in Bewegung zu setzen. Dann wurden die Geschütze und sonstigen erbeuteten Waffen geborgen, die Toten begraben.
Letztere Arbeit war eben vollendet und der Rückzug aufs Hauptquartier sollte angetreten werden, als von Westen starke abyssinische Heersäulen auftauchten, während gleichzeitig auch der nach Norden abgezogene linke Flügel des Feindes wieder sichtbar wurde. Ruppert ließ sich dadurch in seiner Absicht nicht beirren. Feindliche Kavalleriemassen machten einen stürmischen Versuch, uns zu verfolgen, wurden aber von unserer Artillerie rasch zurückgeworfen, und fernerhin unbehelligt bewerkstelligten wir unseren Rückzug auf das Hauptkorps.
Wir wußten nun aus Erfahrung, daß die von uns vorausgesetzte Überlegenheit freiländischer Männer über Gegner welcher Art immer eine Thatsache sei. Die Abyssinier hatten sich gegen uns so brav geschlagen, als je zuvor gegen europäische Truppen; ihre Bewaffnung, Disziplin und Schulung, das vieljährige Werk eines ausschließlich diesem Zwecke gewidmeten rücksichtslosen Despotismus, ließ -- nach europäischen Begriffen -- nichts zu wünschen übrig und thatsächlich hatten diese braunen Soldaten sich gleichstarken abendländischen Heeren im offenen Felde stets ebenbürtig gezeigt. Wir aber hatten eine sechzehnfache Übermacht zum Weichen gebracht, ohne daß dabei das Zünglein der Wage auch nur einen Moment geschwankt hätte. Daß der Kampf überhaupt so lange währte und nicht viel früher schon mit vollständiger Niederlage der Abyssinier endete, lag nur daran, daß der Führer der Vorhut sich an die Ordre hielt: den Feind zur Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen. Hätte er sich statt dessen mit voller Wucht sofort auf den Gegner geworfen, ihm _nicht_ Zeit zur Entwicklung gelassen, und jeden erlangten Vorteil energisch ausgebeutet, so wären die 65000 Mann des linken Flügels der Feinde längst zersprengt gewesen, bevor das Zentrum in die Aktion eingreifen konnte. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß Oberst Ruppert Unrecht that, den Kampf hinhaltend und mehr defensiv zu führen. Ganz abgesehen davon, daß doch auch ihm erst im Laufe des Gefechtes der bis dahin bloß vermutete hohe Grad freiländischer Überlegenheit zur absoluten Gewißheit werden konnte, war es, je zweifelloser der schließliche Sieg unserer Sache erschien, desto entschiedener die Pflicht jedes gewissenhaften Führers, das Blut unserer freiländischen Jünglinge nicht überflüssigerweise um eines Heldenstückleins willen zu vergießen. Er mußte gleich uns allen annehmen, daß diese erste Lektion vollkommen genügen werde, den Negus darüber aufzuklären, daß eine Fortsetzung des Kampfes seinerseits Thorheit wäre.
Wir hatten aber unsere Rechnung ohne Rücksicht auf den Dünkel eines barbarischen Despoten gemacht. Als der dem Hauptquartier folgende Kommissär der Centralverwaltung am nächsten Tage Parlamentäre ins abyssinische Hauptquartier sandte, um Johannes erklären zu lassen, daß Freiland gegen Rückgabe der überrumpelten Festungen und Schiffe und gegen Leistung zu vereinbarender Friedensbürgschaften noch immer bereit sei, sich mit ihm zu vertragen, empfing dieser die Abgesandten hochmütig mit der Frage, ob sie gekommen seien, Unterwerfung anzubieten. Weil unsere Vorhut sich schließlich zurückgezogen, gab er die Affaire des gestrigen Tages für einen abyssinischen Sieg aus. Die Offiziere der zurückgeworfenen 5 Brigaden seines Heeres seien Feiglinge, meinte er, wir sollten sehen, wie _er_ sich schlagen werde -- kurzum der Verblendete wollte von Nachgiebigkeit nichts hören.
Am 8. September griffen wir die am Dschubflusse verschanzte abyssinische Hauptarmee an. Nach zweistündigem Kampfe war der Feind geschlagen, 167000 Mann streckten die Waffen, der Rest eilte in wilder, regelloser Flucht den abyssinischen Bergen zu. 10 Tage später lagen wir vor den Mauern Massauas, in welche sich der Negus mit den Trümmern seines Heeres geworfen.
Die Zentralverwaltung von Freiland hatte unmittelbar nachdem sie die Nachricht von der Wegnahme der Küstenfestungen und der Schiffe erhalten, den Bau einer Flotte beschlossen und keine Stunde mit der Verwirklichung gezögert. Eine Panzerflotte herzustellen, dazu fehlte allerdings die Zeit; sie hielt aber dafür, einer solchen nicht zu bedürfen. Was sie plante, war die Konstruktion sehr schnellfahrender Fahrzeuge mit so weit tragenden Geschützen, daß ihre Geschosse die fremden Panzerschiffe zerstören könnten, ohne daß die Geschosse der Letzteren unsere Schiffe zu erreichen vermöchten. Dabei rechnete sie allerdings nicht bloß auf die größere Schnelligkeit der Fahrzeuge und die weitere Flugbahn der Geschosse, sondern hauptsächlich auf die Überlegenheit unserer Artilleristen. Wenn unsere Schiffsmaschinen den Feind immer nur auf die uns passend erscheinende Distanz heranließen, so mußte -- das war der Kalkül -- den Unseren gelingen, das stärkste feindliche Schiff zu vernichten, ehe unsere Fahrzeuge auch nur getroffen werden könnten. Um Schiffe von 2000 bis 3500 Tonnen -- so groß sollten unsere Kanonenbote sein -- in beliebiger Zahl binnen wenigen Wochen vollkommen auszurüsten, dazu genügten, wenn nur mit entsprechender Energie daran gegangen wurde und alles gehörig ineinander griff, die freiländischen Rhedereien und sonstigen Industrien vollkommen. Schon am 23. August wurde daher in Ungama der Kiel zu 36 Schiffen gelegt; Schiffsmaschinen zwischen 2000 und 3000 Pferdekräften -- von denen die größeren Kriegsdampfer bis zu vieren erhalten sollten -- waren genügend in den Maschinenwerkstätten Ungamas vorrätig. Aus allen freiländischen Schießplätzen wurden die vorzüglichsten und größten Geschütze herbeigezogen, 24 neue, alles bisher Erreichte in den Schatten stellende Ungetüme in den Gußstahlwerkstätten von Danastadt konstruiert und solchergestalt ermöglicht, daß binnen 22 Tagen der letzte Hammerschlag und Feilenstrich an der letzten der 36 schwimmenden Kriegsmaschinen gethan werden konnte. Die Eleganz der Ausstattung ließ in einzelnen Punkten zu wünschen übrig; die Vollkommenheit der technischen Ausführung aber war tadellos. Die Fahrzeuge, ziemlich flachbordig um den feindlichen Kugeln ein möglichst geringes Ziel zu bieten, waren in wasserdichte Kammern geteilt, um selbst durch einige unter der Wasserlinie einschlagende Granaten nicht zum Sinken gebracht zu werden; da jedes Schiff mindestens zwei vollkommen unabhängig funktionierende Maschinen besaß, so war auch eine Lähmung seiner Beweglichkeit nicht so leicht zu besorgen; gepanzert, und zwar mit Platten der stärksten Art, waren bloß die Pulverkammern. Die verwendeten, durchwegs frei beweglich an Deck angebrachten Geschütze wogen zwischen 95 und 245 Tonnen, und waren den einzelnen Schiffen teils einzeln, teils zu zweien und dreien zugeteilt; insgesamt besaßen die 36 Fahrzeuge deren 78. Das Maximum der Fahrgeschwindigkeit betrug bei den verschiedenen Schiffen zwischen 23 und 27 Knoten in der Stunde.