Freiland: Ein sociales Zukunftsbild
Part 27
»Wir in Freiland aber verlangen von niemand zwangsweise solchen Heldenmut. Auf wirtschaftlichem Gebiete muten wir dem Individuum nichts zu, was seinem eigenen Interesse widerspricht, es ist daher nur selbstverständlich, daß es sich niemals gegen unsere Rechtsordnung empört. Bei uns ist Wahrheit, was unter der Herrschaft der alten Ordnung bloß selbstgefällige Gedankenlosigkeit behaupten konnte, daß nämlich wirtschaftliche Moral nichts anderes sei, als vernünftiger Egoismus. Sie werden es also begreiflich finden, daß _vernünftige_ Menschen unsere Rechtsordnung nicht verletzen können. Wir haben einige Dutzend unverbesserlicher Übelthäter im Lande, dieselben sind aber ohne Ausnahme -- unheilbare Idioten.«
Nachdem auch dieser Punkt erledigt war, erbat sich mein Vater eine letzte Aufklärung. Er erklärte, nunmehr vollständig zu begreifen, daß die freiländischen Institutionen, gerade weil sie nichts anderes seien, als die konsequente Durchführung des Prinzipes der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, durchaus geeignet wären, jeglichem billigen und vernünftigen Anspruche zu genügen. Nichtsdestoweniger drückte er seine Verwunderung über die sichtlich herrschende allgemeine und ausnahmslose Zufriedenheit mit denselben aus. Ob denn _unvernünftige_ Parteiungen Freiland keinerlei Schwierigkeiten bereiteten? Insbesondere wollte er wissen, ob Kommunismus und Nihilismus, die in Europa stets drohender ihr Haupt erheben, hierzulande gar nicht zu schaffen machten. »In den Augen eines echten Kommunisten«, so rief er, »seid Ihr hier doch nichts weiter, als arge Aristokraten. Von absoluter Gleichheit keine Spur bei Euch! Welchen Wert kann Euere vielberühmte Gleich_berechtigung_ in den Augen von Leuten haben, die von dem Grundsatze ausgehen, daß jeder Bissen Brot, den einer dem andern gegenüber voraus hat, Diebstahl sei, und die daher, damit niemand mehr besitze, als der andere, alles Eigentum aufheben? Und dabei keine Polizei, keine Soldaten, um diese Tollhäusler im Zaume zu halten! Teilt doch auch uns das Recept mit, nach welchem sich der nihilistische und kommunistische Fanatismus so unschädlich machen läßt!«
»Nichts leichter als das« -- antwortete Frau Ney. »Machen Sie, daß jedermann satt werde, und niemand wird dem anderen die Bissen vorzählen wollen. Die absolute Gleichheit ist eine Hallucination des Hungerfiebers, weiter nichts. Die Menschen sind einander _nicht_ gleich, weder in ihren Fähigkeiten, noch in ihren Bedürfnissen; Ihr Appetit ist stärker, als der meinige; Sie lieben vielleicht hübsche Kleider -- ich gebe keinen Heller für dieselben; dafür bin ich vielleicht ein Leckermaul, während Sie grobe Kost vorziehen, und so fort ohne Ende. Welcher Menschenverstand soll nun darin liegen, unsere beiderseitigen Bedürfnisse über denselben Leisten zu schlagen! Ich will gar nicht untersuchen, ob es möglich ist, ob über den davon unzertrennlichen Zwang nicht Freiheit und Fortschritt zu Grunde gehen müßten; der Zweck an sich ist so unsinnig, daß absolut unbegreiflich wäre, wie zurechnungsfähige Menschen auf derartige Gedanken geraten können, wenn nicht _eines_ dazwischen träte, nämlich, daß der eine von uns weder seinen starken, noch seinen schwachen Appetit, seine Vorliebe weder für feine noch für ordinäre Kleidung, weder für leckere noch für gewöhnliche Speisen befriedigen kann, sondern grimmiges, brutales Elend leidet. Kommt dazu noch der Irrtum, daß mein Überfluß an Ihren Entbehrungen die Schuld trägt, so wird es begreiflich, daß Sie und diejenigen, die Mitleid mit Ihren Leiden haben, nach Teilung, nach vollkommen gleichmäßiger Teilung rufen. Mit einem Worte, der Kommunismus hat keine andere Quelle, als die Erkenntnis des grenzenlosen Elends der überwiegenden Mehrzahl aller Menschen, verknüpft mit der falschen Anschauung, daß es der thatsächlich vorhandene Reichtum Einzelner sei, aus welchem allein die Linderung dieses Elends geschöpft werden könne. Diese letztere Meinung ist nun allerdings eine unbegreifliche Thorheit, denn man braucht nur die Augen zu öffnen, um zu sehen, welch kümmerlicher Gebrauch von den so reichlich vorhandenen Fähigkeiten, Reichtümer zu erzeugen, gemacht wird; aber nicht die Kommunisten sind es, welche diese Thorheit ausheckten; Euere orthodoxe Ökonomie hat die Lehre in Umlauf gebracht, daß gesteigerte Ergiebigkeit der Arbeit die vorhandenen Werte nicht zu vermehren vermöge, sie, nicht der Kommunismus war es, was die Menschheit blind machte gegen den wahren Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgänge; Kommunisten sind in Wirklichkeit nichts anderes, als gläubige Anhänger der sogenannten »Grundwahrheiten« orthodoxer Ökonomie und der einzige Unterschied zwischen der bei Euch herrschenden Partei und ihnen liegt lediglich darin, daß sie hungrig sind, während jene satt ist. Mit der Erkenntnis, daß es nur der vollkommenen Gleich_berechtigung_ bedürfe, _um Überfluß für alle zu schaffen_, verfliegt der Kommunismus ganz von selbst wie ein böser, beängstigender Traum. Man kann verlangen -- wenn auch nicht durchführen -- daß alle Menschen auf gleiche Brotrationen gesetzt werden, so lange man glaubt, daß der gemeinsame Reichtum, von dem wir alle zehren müssen, eben nicht weiter als fürs liebe Brot reiche; denn satt werden wollen wir doch alle. Zu verlangen, daß jedem die gleiche Sorte und Menge Braten, Backwerk und Konfekt aufgezwungen werde, nachdem sich herausgestellt hat, daß genug für alle auch von diesen guten Dingen vorhanden sein könnte, wäre schlechthin läppisch. Es gibt daher bei uns keine Kommunisten und kann keine geben.
»Aber auch der Nihilismus ist aus dem gleichen Grunde in Freiland unmöglich, denn auch er ist nichts anderes, als eine durch die Verzweiflung des Hungers hervorgerufene Hallucination, die nur auf dem Boden der orthodoxen Weltanschauung gedeihen kann. Ist der Kommunismus die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsatze zieht, daß die Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um Überfluß für Alle zu erzeugen, so kann man den Nihilismus als die Schlußfolgerung der Verzweiflung aus jener anderen Lehre ziehen, daß Kultur und Civilisation unvereinbar seien mit wirtschaftlicher Gleichberechtigung. Die Orthodoxie ist's, welche auch dieses Dogma in Umlauf gebracht hat; allerdings hält sie, als die Wortführerin der Satten, auch hier keine andere Schlußfolgerung für denkbar, als diejenige, daß die auf ewig enterbten Massen sich im Interesse der Civilisation resigniert in ihr Schicksal fügen müßten; die Partei der Hungrigen aber wendet sich in wütendem Grimme gegen diese Civilisation, von welcher selbst ihre Anhänger behaupten, daß sie der ungeheuern Mehrzahl der Menschen niemals helfen könne und die deshalb für diese keinen anderen Effekt hat, als den einer Steigerung der _Empfindung_ des Elends. _Wir_ haben den Beweis erbracht, daß Civilisation nicht bloß vereinbar, sondern geradezu die Voraussetzung der wirtschaftlichen Gleichberechtigung ist -- auch der Nihilismus muß also hierzulande unbekannt sein.«
»Sie glauben also«, nahm ich das Wort, »daß die Gleichheit des thatsächlichen Einkommens mit der Gleich_berechtigung_ nichts zu thun habe? Ich meinerseits muß gestehen, daß mir jene nutzlose Anhäufung überflüssiger Reichtümer, die wir in unserer abendländischen Gesellschaft zu beobachten Gelegenheit haben, an und für sich widerwärtig geworden ist, auch wenn ich mich überzeugt habe, daß das Elend der Massen weder in diesem Überflusse einer kleinen Minderzahl seinen letzten Grund habe, noch sich durch Verteilung dieses Überflusses wesentlich lindern ließe. Eine gesellschaftliche Ordnung, welche diese geilen Überschüsse nicht beseitigt, wird in meinen Augen immer unvollkommen bleiben, mag sie im übrigen noch so ausreichend für den Wohlstand Aller Sorge tragen.«
»Auch ich kann dieses Gefühles nicht ganz Herr werden«, meinte mein Vater. »Aber ich bin der Ansicht, daß in dieser Auflehnung gegen die Ungleichheit an sich, denn doch nichts anderes zu suchen sein dürfte, als die sittliche Empörung, welche in jedem unbefangen denkenden Menschen gegen die bisherigen _Ursachen_ der Ungleichheit Wurzel geschlagen hat. Wir sehen bei uns zu Hause, daß große Vermögen fast niemals in hervorragenden individuellen Anlagen, sondern regelmäßig bloß in der Ausbeutung der Nebenmenschen ihren Entstehungsgrund haben, und daß sie ebenso regelmäßig zu neuer Ausbeutung benutzt werden. Das ist's, was uns dagegen einnimmt. Könnten noch so große Vermögen bloß durch hervorragende persönliche Fähigkeiten entstehen und vermöchte man sie zu nichts anderem zu gebrauchen, als zur Steigerung der individuellen Genüsse, wie dies in Freiland alles zutrifft, so würde auch die nicht hinwegzuleugnende Abneigung gegen dieselben rasch aufhören. Was ist übrigens die Meinung unserer liebenswürdigen Wirtin über diesen Punkt?«
»Der Widerwille gegen übergroße Vermögen« -- erklärte diese -- »ist meines Erachtens nicht bloß in der ungerechten Quelle und Verwendung derselben zu suchen, sondern liegt tiefer, in der Erkenntnis nämlich, daß von sehr vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die Verschiedenheiten in den Fähigkeiten der Menschen nicht so einschneidend sind, um so gewaltige Differenzen des Reichtums genügend zu rechtfertigen. Der Reichtum einer hochkultivierten Gesellschaft besteht zu derart überwiegendem Teile aus den Hinterlassenschaften der Vergangenheit und zu verhältnismäßig so geringem Teile aus den ureigenen Leistungen der einzelnen Individuen, daß ein gewisser Grad der Gleichheit -- nicht bloß der Rechte, sondern auch der thatsächlichen Genüsse -- allerdings im Wesen der Sache begründet und ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Jeder Fortschritt der Kultur ist gleichbedeutend mit fortschreitender Ausgleichung der Differenzen der Leistungsfähigkeit. Denken Sie sich zurück in den Urzustand, wo das Individuum den Kampf ums Dasein der Hauptsache nach mit den ihm angeborenen Hilfsmitteln zu Ende führen mußte, so werden Sie finden, daß die Unterschiede sehr groß waren: bloß der Kräftige, Gewandte, Schlaue vermochte sich zu erhalten; der minder Begabte mußte untergehen. Als dann späterhin wachsende Kultur die Hilfsmittel der Menschen vermehrte, dermaßen, daß auch dem minder Fähigen möglich wurde, das zur Lebensfristung erforderliche zu erzeugen, blieb doch der Unterschied der individuellen Leistungen anfangs sehr groß. Der geschickte Jäger wird um ein Vielfaches reichlichere Beute haben, als der minder geschickte; der kräftige, gewandte Ackerbauer wird mit dem Spaten vielfach mehr richten, als der schwächliche, schwerfällige. Schon mit Erfindung des Pfluges verringert sich diese Verschiedenheit der Leistungen sehr wesentlich, und sie wird -- was körperliche Fähigkeiten anlangt -- mit der Erfindung der Kraftmaschinen beinahe auf Null reduciert. Mehr und mehr ersetzt die Maschine die Energie der menschlichen Muskeln, mehr und mehr aber gleichzeitig auch Witz und Erfahrung der Vorfahren die individuelle Findigkeit. Zwar so vollständig wie auf körperlichem Gebiete treten auf geistigem die individuellen Unterschiede nicht in den Hintergrund, aber auch sie rechtfertigen mit nichten jene kolossalen Differenzen des Reichtums, an welche man zu denken pflegt, wenn von »großen Vermögen« die Rede ist. Der Arbeiter am Dampfpfluge leistet -- er mag ein Riese oder ein Schwächling sein -- so ziemlich das nämliche; Klugheit und Umsicht der Leitung des Produktionsprozesses kann den Ertrag noch immer vervielfachen; eine Leistung aber, die hundertfach und tausendfach den Wert gewöhnlicher Durchschnittsleistung überträfe, ist heutzutage nur mehr -- dem Genie möglich, und diesem allein würde sie dem entsprechend auch unser Billigkeitsgefühl zuerkennen.«
Damit schloß dieses Gespräch, welches mir aus dem Grunde ewig denkwürdig bleiben wird, weil es meinen Entschluß, Freiländer zu werden, zur Reife gebracht hat.
21. Kapitel.
Edenthal, den 20. August.
Du schreibst in Deinem Letzten, es komme Dir nicht ganz geheuer vor, daß in meinen Briefen so gar keine Rede mehr von den jungen Damen sei, mit denen ich seit nunmehr sechs Wochen unter einem Dache weile. Wenn ein junger Italiener -- so argumentiert Deine unerbittliche Logik -- von schönen Mädchen, mit denen er verkehrt, darunter eines, dessen erster Anblick ihn -- eigenem Geständnis zufolge -- »geradezu verwirrt« habe, nichts zu erzählen wisse, so habe er sich entweder einen Korb von der bewußten Einen geholt oder sei doch im Begriffe, es darauf ankommen zu lassen. Die Logik hat Recht, Luigi; ich bin verliebt, d. h. ich war es vom ersten Blicke an, und zwar in Bertha, meines David herrliches Schwesterlein, und auch mit dem Korbe hätte es um ein Kleines seine Richtigkeit gehabt. Nicht, daß die Geliebte meine Gefühle unerwidert gelassen hätte; Bertha gestand mir mit jener unbefangenen Offenheit, die ihr -- richtiger, die allen Freiländerinnen -- so entzückend steht, beim ersten Anlasse, wo ich mir zu einem Geständnisse den Mut faßte, daß auch sie mich sofort in ihr Herz geschlossen, daß sie noch am ersten Abend unseres Beisammenseins gewußt, mir oder niemand werde sie als Gattin angehören -- und trotzdem bekam ich auf meine Werbung zunächst ein »Nein« zu hören, das an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ. Bertha vermochte sich nämlich nicht zu entschließen, italienische Herzogin zu werden, und mein Vater, der -- höre und staune -- den Brautwerber für mich machte, hatte von ihr als etwas selbstverständliches gefordert, sie solle mir nach Italien auf unsere dortigen fürstlichen Besitzungen folgen, das Herzogsdiadem in ihre Locken -- sie sind von einem entzückenden Blond -- flechten und im Vereine mit mir die Fortpflanzung des erlauchten Geschlechts der Falieri zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Meinen Wunsch, mich als Freiländer in Freiland anzusiedeln, betrachtete mein Vater als überspannte Narrheit. Du kennst seine Anschauungen, die ein seltsames Gemengsel von aufrichtigem Freisinn und aristokratischem Stolze sind, richtiger waren; hier in Freiland hatte die demokratische Seite seiner Anschauungen sich allgemach gewaltig ins Breite und Tiefe entwickelt; er begann sogar aufs feurigste für die freiländischen Institutionen zu schwärmen; wenn es einen anderen Zweig der Falieri gäbe, dem man die Erhaltung der fürstlichen Familientraditionen hätte anvertrauen können -- _per baccho_ -- mein Vater hätte mich sofort gewähren lassen. Aber um einer -- und sei es auch noch so edlen -- Schwärmerei willen, die Axt an den Stammbaum eines Hauses zu legen, dessen Ahnen unter den ersten Kreuzfahrern gekämpft und späterhin als italienische Duodez-Fürsten die Welt mit ihren (Schand-) Thaten erfüllt -- das war mehr, als er mir zu gewähren vermochte. Gegen die Liebe zu Bertha aber hatte er nichts einzuwenden; wirklich und wahrhaftig, lieber Freund, nicht das geringste. Im Gegenteil, er war ordentlich stolz auf mich, als ich ihm die Frage, ob ich denn der Gegenliebe des Mädchens sicher sei, mit einem zuversichtlichen »Ja« beantworten konnte. »Blitzjunge« rief er, »dieses Prachtgeschöpf so im Handumdrehen erobern! Das soll uns Falieris jemand nachmachen!« Bertha hatte es meinem Vater geradeso angethan, wie mir, und da dieser ganz im allgemeinen vor den freiländischen Frauen den größten Respekt empfindet, so war ihm die »bürgerliche« Schwiegertochter ganz recht. Aber nur unter der Bedingung, daß ich den »tollen« Gedanken des Hierbleibens aufgebe. »Das Mädchen ist im kleinen Finger klüger als Du«, rief er; »sie würde sich schön bedanken, wenn ihr der Bräutigam die Herzogskrone zerbrochen vor die Füße würfe. Freiländerin sein ist recht schön -- aber, glaube mir, Fürstin zu sein, ist noch schöner. Zudem kann man ja diese beiden Vorteile recht wohl vereinigen. Den Winter und Frühling verbringt Ihr in unseren Palästen in Rom und Venedig; Sommer und Herbst hindurch könnt Ihr dann -- wenn es Euch recht ist, in meiner Begleitung -- hier an Euren Seen und in Euren Bergen die Freiheit genießen. Also es bleibt dabei; ich werbe für Dich um Bertha -- aber von dauernder Ansiedelung hier kein Wort weiter!«
Mir gefiel die Sache nicht; den Vorsatz, Freiländer zu werden, hatte ich -- Du darfst es mir glauben -- nicht der Geliebten halber gefaßt, aber deren Lichtgestalt vermochte ich mir nun einmal weder mit dem Fürstendiadem, noch in den Prunkgemächern unserer Schlösser zu denken. Indessen mußte ich mich dem Willen des Vaters einstweilen fügen und so brachte nun dieser seine Werbung an den Mann, indem er in meinem und Berthas Beisein deren Eltern um die Hand ihrer Tochter für seinen Sohn, den Prinzen Carlo Falieri bat, hinzufügend, daß er sofort nach vollzogener Heirat die Güter in der Romagna, im Toskanischen und Venetianischen, sowie die Paläste in Rom, Florenz, Mailand, Verona und Venedig an mich übergeben und sich bloß unsere sicilianischen Besitzungen -- als »Altenteil«, wie er scherzend meinte -- vorbehalten werde. Die alten Neys nahmen diese grandiosen Zusagen mit einer nichts Gutes verkündenden eisigen Zurückhaltung entgegen; nach minutenlangem Schweigen und nachdem er auf Gattin und Tochter einen langen, prüfenden, auf mich aber einen vorwurfsvollen Blick geworfen, erklärte Herr Ney: »Wir Freiländer sind nicht die Tyrannen, bloß die Berater unserer Töchter; in _diesem_ Falle aber bedarf unser Kind des Rates nicht; wenn Bertha Ihnen als Fürstin Falieri nach Italien folgen will, wir werden es ihr nicht verwehren.«
Hochaufgerichtet, einem erzürnten Cherub vergleichbar, wandte sich nun Bertha an meinen Vater: »Niemals! Niemals!« rief sie mit zuckenden Lippen. »Mehr als mein Leben liebe ich Ihren Sohn; ich werde sterben, wenn er, um Ihnen zu gehorchen, mir entsagt; aber Freiland verlassen, als _Fürstin_ verlassen? Niemals! Niemals! Lieber tausendmal den Tod!«
»Aber unseliges Kind,« entgegnete ganz entsetzt über diesen unerwarteten Effekt seines Antrages mein Vater, »Sie sprechen ja das Wort >Fürstin< aus, als wäre es für Sie der Inbegriff des Schrecklichen. Jawohl, Fürstin sollen Sie werden, eine der reichsten, stolzesten Fürstinnen Europas, d. h. Sie sollen fürderhin keinen Wunsch haben, den zu erfüllen nicht Tausende wetteifern würden; Sie sollen Gelegenheit und Macht erlangen, Tausende zu beglücken; Millionen werden Sie beneiden«
»und verfluchen und hassen« -- unterbrach ihn mit bebenden Lippen Bertha. »Wie, sechs Wochen leben Sie unter uns und begreifen nicht, was eine freie Tochter Freilands empfinden muß bei dem Ansinnen, diese glücklichen Gefilde, die Heimstätte der Gerechtigkeit und der Menschenliebe zu verlassen, um fern in Ihrem traurigen Vaterlande -- nicht etwa die Thränen Unterdrückter zu stillen, sondern zu erpressen, nicht etwa die Scheußlichkeiten Ihrer Sklaverei zu bekämpfen, sondern sie selber zu üben? Ich liebe Carlo so über alle Maßen, daß ich bereit wäre, an seiner Seite dies Land des Glückes mit dem des Elends zu vertauschen, wenn irgend eine unlösliche Pflicht ihn dahin riefe; aber nur unter der Bedingung, daß seine und meine Hand frei bliebe von fremdem Gute, daß wir in ehrlicher Arbeit selber verdienten, was wir zum Leben brauchen; aber _Fürstin_ soll ich werden, _Fürstin_! Tausende von Knechten sollen das Mark ihrer Knochen hergeben, damit ich im Überfluß schwelge, tausende von Flüchen zu Tode gequälter Menschen sollen haften an der Speise, die ich genieße, an der Kleidung, die meine Glieder umhüllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Antlitz schaudernd in den Händen; dann aber, sich gewaltsam aufraffend, fuhr sie fort): Bedenken Sie doch, wenn Sie eine Tochter hätten und man würde von ihr verlangen, unter die menschenfressenden Njam-Njam zu gehen, um dort Königin zu werden, und der Vater des Bräutigams würde ihr versprechen, es sollten ihr recht zahlreiche und fette Sklaven geschlachtet werden -- was würde das arme Kind, das unüberwindliches Grauen vor Menschenfleisch mit der Muttermilch eingesogen hat, dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland empfinden Grauen vor Menschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne Blutvergießen, Zoll um Zoll und Glied um Glied langsam getötet wird, uns flößt das allmähliche Aussaugen und Verzehren eines Nebenmenschen nicht minderes Entsetzen ein, als Ihnen das buchstäbliche Auffressen desselben, und so wenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu nehmen im Stande sind, so unmöglich ist es uns, von der Ausbeutung geknechteter Mitmenschen zu leben. Ich _kann_ nicht Fürstin werden, ich kann nicht! O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide darüber zu Grunde gehen, und -- das weiß ich nicht erst seit heute -- Sie lieben nicht nur ihn, sondern auch mich.«
Dieser Appell, verbunden mit den rührendsten Blicken und einem sanften Erfassen seiner Hände, war mehr, als mein Vater -- aus solchem Munde -- ungerührt zu ertragen vermochte. »Mädchen, Du hast mir ja ordentlich Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschenfresser sind wir, mit dem Unterschiede bloß von Euern liebenswürdigen Njam-Njam, daß wir unsere Schlachtopfer nicht mit _einem_ herzhaften Keulenschlage erlegen und dann sofort verschlingen, sondern stückweise, Zoll um Zoll uns zu Gemüte führen! Nun, Du magst so Unrecht nicht haben und keineswegs will ich Dich zu den Freuden einer Fürstlichkeit zwingen, bezüglich deren Du solche Anschauungen hegst. Auch mein entarteter Sohn scheint in diesem Punkte mehr Deiner als meiner -- bisherigen Geschmacksrichtung zu huldigen. Nehmt einander also und werdet glücklich nach Eurer Façon. Was mich anlangt, so werde ich über Mittel und Wege nachsinnen, um mich in den Augen meines neuen Töchterchens einigermaßen vom Geruche des Kannibalismus zu befreien.«
Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann der Reihe nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinem Vater an den Hals. Das Küssen und Umarmen des Schwiegerpapas geriet so begeistert und stürmisch, daß ich um ein Haar eifersüchtig geworden wäre. Mein Vater aber war nun derart Feuer und Flamme für unsere bevorstehende Verbindung, daß er Neys aufforderte, sofort alle erforderlichen Formalitäten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten. Binnen Monatsfrist ungefähr glaube er -- vorübergehend -- nach Europa zurückkehren zu müssen, und es wäre ihm eine große Freude, uns bis dahin schon vereint zu wissen. So wurde nun festgestellt, daß unsere Vermählung nach Ablauf von 14 Tagen, d. i. am 3. September stattfinden solle.
Ungama, den 24. August.
»Zwischen Lipp' und Bechers Rand ........«
Als ich vor vier Tagen meinen Brief geschlossen hatte und zum Zwecke eines Nachtrags, den Bertha hinzufügen wollte (sie erklärte sich verpflichtet, »meinem besten Freunde« einige Worte der Entschuldigung ob des Raubes zu sagen, den sie an ihm begangen), einstweilen noch zurückbehielt -- da ahnte ich nicht, daß gewaltige Ereignisse sich zwischen mich und die sofortige Erfüllung meiner glühenden Wünsche drängen könnten. Der Krieg, dem wir entgegengehen, läßt zwar mein neues Vaterland merkwürdig ruhig, und befände ich mich nicht in Ungama, so würde nichts verraten, daß es den Kampf mit einem Gegner gilt, der mehreren der mächtigsten kriegsgeübten Staaten Europas wiederholt schon schwere Sorge bereitet; aber ich bin noch nicht lange genug Freiländer, um die bittere Schmach und das schwere Unglück, von welchen mein Geburtsland neuerlich betroffen wurde, nicht schmerzlich zu empfinden, und für alle Fälle -- in meiner Eigenschaft sowohl als ehemaliger Italiener, wie als gegenwärtiger Freiländer -- halte ich es für meine Pflicht, den Kampf persönlich mitzumachen; bis dieser beendet ist, kann ich an Hochzeit und Ehe natürlich nicht denken. Einstweilen hat mich das Würfelspiel des Krieges von Edenthal weg, hierher, an die Küste des indischen Oceans verschlagen. Doch laß mich ordnungsgemäß der Reihe nach berichten.