Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Part 26

Chapter 263,314 wordsPublic domain

Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der höchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf äußere Lebensverhältnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnten, sie würden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange lediglich von persönlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die geistreichste, liebenswürdigste Frau ist es, deren Freundschaft von ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte einnehmen mag. Du begreifst also, daß Frau Moro ihren Mann wählen konnte, ohne sich in der hiesigen »Gesellschaft« das Geringste zu vergeben.

Da wir gerade mit diesem Thema beschäftigt sind, laß mich die Gelegenheit benützen, einige Worte über das Wesen der hiesigen Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist überaus lebhaft; die bekannten Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird. Soweit wäre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentümlichen, dem Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhält diese Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton höchster Freiheit im Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie einigemale gekostet, dürstete ich förmlich nach den Freuden dieser Zusammenkünfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu können über die Natur des Zaubers, den sie auf mich übten. Schließlich bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß es in erster Linie jene Atmosphäre wahrer Menschenliebe sein müsse, die in Freiland alles umfängt, was hier den geselligen Verkehr zu einem so genußreichen gestaltet.

Europäische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belügt; Zusammenkünfte von Feinden, die das Böse, das sie sich gegenseitig wünschen, unter höflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen ernstlich zu täuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen Gesellschaft anders gar nicht möglich, denn in dieser ist Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidarität eine höchst seltene und bloß zufällige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren Übung ein nicht gerade alltägliches Maß von Selbstverleugnung gehört, und Jedermann weiß daher, daß neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in bitterem Hasse über einander herfallen würden, wenn die angeborene und anerzogene Dressur der wohlanständigen Sitte sie auch nur einen Moment im Stiche ließe. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein Gefühl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag, welche in den Menagerien zum Ergötzen des schaulustigen Publikums in einen gemeinsamen Käfig gesperrt, sich wohl oder übel miteinander vertragen müssen. Der Unterschied liegt bloß darin, daß die Dressur von uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wölfen, Bären und Hyänen vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust sichtlich nur mühsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des Tierbändigers unterdrückend; während wir den im Herzen lauernden bösen Willen höchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tückisches Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit verraten. Ja, so mächtig ist die Dressur von uns zweibeinigen Raubtieren, daß wir uns durch dieselbe zeitweilig selber täuschen lassen; die Hyäne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt, ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenüber sei ehrlich gemeint, und wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben nur vorübergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird man der Empfindung nicht ledig, sich unter natürlichen Feinden zu befinden, die nur äußerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber an die Kehle zu springen. Die Freiländer dagegen sehen sich unter wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder übervorteilen, noch gegenseitig ausnützen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen statt, aber dieser kann das Gefühl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht beeinträchtigen, da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten gute Früchte trägt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz verleiht.

Doch jetzt laß mich fortfahren in meinen Berichten über unsere hiesigen Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten -- Betrunkenen. Wir -- d. h. mein Vater und ich -- hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns zukam und lallend nach einem der Gasthöfe fragte. Es war sichtlich ein erst kürzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen Schritte nach Hause allein zurückzulegen, nahm den Betrunkenen unter den Arm und führte ihn nach seinem Gasthofe; ich schloß mich diesem Liebeswerke an, während mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten, fanden wir ihn im lebhaftesten Gespräche mit Frau Ney über dieses kleine Abenteuer. »Denke nur,« rief er mir zu, »Madame behauptet, wir könnten uns rühmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswürdigkeiten begegnet zu sein; sie ihrerseits habe während der 25 Jahre ihres Aufenthalts in Freiland bloß drei Trunkene bemerkt, und sie sei überzeugt, daß Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit tränke! Ihr Freiländer« -- so wandte er sich nun an David -- »seid doch sicherlich keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzüglich, Euere Weine lassen nichts zu wünschen übrig, und Ihr scheint mir nicht die Leute, diese guten Dinge bloß zum Gebrauche etwaiger Gäste in Bereitschaft zu halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, daß Ihr ein klein wenig über den Durst tränket?«

»Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen guten Tropfen und gönnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch will ich nicht leugnen, daß bei festlichen Gelegenheiten die Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen emporschlägt; ein sinnlos trunkener Freiländer gehört aber trotzdem zu den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das geschieht, wie ich weiß, auch bei Ihnen bloß in den seltensten Fällen, obwohl dort die öffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist, als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pöbel, der im Rausche Vergessenheit seines Elendes suchen müßte, und das Beispiel dieses Pöbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses erniedrigendsten aller Laster zu gewöhnen.«

»Daß ihr Freiländer gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch nicht gar so sehr Wunder,« entgegnete mein Vater. »Aber ihre verehrte Mama erklärte uns, daß auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar sind, wie weiße Raben. Nun ist mir nicht bekannt, daß an den Grenzen Ihres Landes Mäßigkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehören zum Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat dem Trunke -- und zwar dem Trunke in seiner häßlichsten Bedeutung -- keineswegs abgeneigt sind; was veranlaßt diese Leute hier, sich solcher Enthaltsamkeit zu befleißigen?«

»Zunächst der Wegfall jener Gründe, die in Europa und Amerika zum Trunke verleiten. Ich habe mich gelegentlich meiner europäischen Studienreise, die nicht bloß der Kunst, sondern auch dem Leben Ihres Landes gewidmet war, in den Höhlen der Armut umgesehen und dort Verhältnisse gefunden, die es geradezu wunderbar erscheinen ließen, wenn die inmitten derselben Lebenden nicht in der Schnapsflasche Vergessenheit ihrer Marter, ihrer Schmach, ihrer Entwürdigung gesucht hätten. Ich sah Menschen, die zu zwanzig und dreißig -- alle Altersklassen und Geschlechter bunt durcheinander gewürfelt -- in _einem_ Gemache schliefen, welches gerade nur soviel Raum bot, daß die Insassen dichtgedrängt auf der eklen, den Boden bedeckenden Streu Unterkunft fanden; Menschen, die tagsüber kein anderes Heim hatten, als den Fabriksaal -- oder die Schenke. Und das waren nicht etwa brotlose, sondern in regelmäßiger Arbeit stehende Leute, und nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern Typen der Arbeiterschaft großer Landstriche. Daß solche Menschen in viehischer Betäubung Rettung suchen gegen die Erinnerungen ihrer Entbehrungen, der Schande ihrer Weiber und Töchter, daß sie das Bewußtsein ihrer Menschenwürde verlieren, das hat mich niemals in Erstaunen und noch weniger in Entrüstung versetzt; diese beiden Gefühle kehrten sich bloß gegen den Unverstand, der solchen Jammer ruhig gewähren läßt, als wäre er in Wahrheit der Ausfluß eines unwandelbaren Naturgesetzes. Und eben so natürlich finde ich, daß diese selben Menschen hier, wo sie ihre Würde und ihr Recht zurückerlangt haben, wo ihnen sorglose, schöne Lebensfreude allenthalben entgegenlacht, zugleich mit dem Elend auch das Laster des Elends abstreifen. Diese neuen Ankömmlinge stürzen sich alle mit wollüstiger Gier in den Umgang mit uns; sie können es meist gar nicht erwarten, ganz und vollständig unseresgleichen zu werden; je elender, entwürdigter sie zuvor gewesen, desto grenzenloser ist ihr Entzücken, ihr Dankgefühl, sich hier von Jedermann als Seinesgleichen betrachtet zu sehen; um keinen Preis würden sie der Achtung ihrer neuen Genossen verlustig werden, und da diese den Trunk allgemein meiden, so trinken sie eben auch nicht.«

»Du hast uns erklärt, warum Ihr keine Trunkenbolde hierzulande habet« -- nahm nunmehr ich das Wort. »Aber noch um vieles wunderbarer erscheint mir, daß Euer Grundsatz, jedem Arbeitsunfähigen -- er mag es aus welchem Grunde immer sein -- einen Versorgungsanspruch einzuräumen, Euch nicht mit Krüppeln und Greisen sonder Zahl überflutet. Oder gibt es irgendwelche, uns noch unbekannte Einrichtungen, welche Euch gegen solche Gäste schützen? Und in welcher Weise erwehrt Ihr Euch, ohne peinlich inquisitorische Kontrolle, jener Trägen, die das Versorgungsrecht der wirklich Arbeitsunfähigen erschleichen wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden hinsichtlich der Versorgungsansprüche vielleicht Unterschiede zwischen Einheimischen und Eingewanderten gemacht, und was ist zur Geltendmachung eines solchen Anspruches vonnöten?«

»Hinsichtlich der Versorgungsansprüche wird keinerlei Unterschied gemacht, und zu deren Geltendmachung genügt das Krankheitszeugnis eines unserer Ärzte, oder der Ausweis des zurückgelegten 60. Jahres. Bei Ausstellung der Krankheitsatteste wird prinzipiell mit der größten Liberalität vorgegangen, ja es hat Jedermann das Recht, für den Fall, daß ihm der eine Arzt das Zeugnis verweigern sollte, sich nach Belieben einen anderen auszusuchen, da wir es grundsätzlich vorziehen, lieber zehn träge Simulanten zu füttern, als einen wirklich Kranken abzuweisen. Trotzdem gibt es bei uns ebensowenig fremde, als einheimische Müssiggänger von Beruf. Auch hier erweist sich der Einfluß unserer Institutionen als genügend mächtig, um alle derartigen Gelüste im Keime zu ersticken. Beachte vor allem, daß der Neueingewanderte den obersten Ehrgeiz hat, Unseresgleichen zu werden, sich uns anzuschließen; zu diesem Behufe muß er, ist er anders gesund und kräftig, an unseren Geschäften teilnehmen. Der kennt die menschliche Natur schlecht, der da glaubt, Proletarier, die sich noch einen Rest von Menschenwürde gerettet, würden, wenn sie Gelegenheit haben, als gleichberechtigte, selbstherrliche Männer in blühende, mächtige Geschäfte einzutreten, darauf verzichten und es vorziehen, sich von Gesamtheitswegen füttern zu lassen. Die Ankömmlinge _wollen_ an allem teilnehmen, was hierzulande zu erlangen und zu leisten ist; es bedarf in neunundneunzig unter hundert Fällen keines anderen Anreizes zur Arbeit für sie. Jene Wenigen aber, denen dieser Sporn nicht genügt, finden sich, ist erst einmal die erste Zeit des Schauens und Hörens vorbei, sehr rasch durch Langeweile und Vereinsamung genötigt, irgend eine fruchtbare Thätigkeit zu wählen. Wir haben hier kein Wirtshausleben im abendländischen Sinne, keine Geselligkeit gewohnheitsmäßiger Müssiggänger; man _muß_ hier eben arbeiten, um sich behaglich zu fühlen, und so arbeitet denn Alles, was arbeitsfähig ist. Die verstockteste Trägheit und Indolenz kann höchstens durch einige Wochen dem Zauber des Gedankens Stand halten, daß man, um den Ersten des Landes als Seinesgleichen die Hand schütteln zu dürfen, keines anderen Ehren- und Machttitels bedürfe, als einiger ehrlicher Arbeit. Kräftige, gesunde Müssiggänger sind also auch unter den Eingewanderten geradezu verschwindende Ausnahmen, die wir resigniert als eine Art geistiger Krankheitsfälle über uns ergehen lassen. Darben aber dürfen bei uns auch diese Trägen nicht. Sie erhalten, ohne daß ihnen ein besonderes Recht eingeräumt wird, alles, was sie brauchen und zwar nach europäischen Begriffen überreichlich.

»Was nun die Frage anlangt, ob das Institut der Versorgungsrechte nicht geradezu alles ins Land locke, was die übrige Welt an körperlich und geistig Invaliden, an Krüppeln und Greisen besitze, so kann ich darauf nur antworten, daß Freiland Jedermann unwiderstehlich anlockt, der nähere Kunde von seinen Einrichtungen erhalten hat, und daß daher das Verhältnis zwischen arbeitstüchtigen und arbeitsuntüchtigen Einwanderern lediglich davon abhängt, ob solche Kunde leichter und rascher zu ersteren oder zu letzteren gelangt. Wir weisen niemand zurück und befördern den lahmen Krüppel ebenso unentgeltlich in unser Land, wie den rüstigsten Arbeiter; aber es liegt in der Natur der Sache, daß die Tüchtigsten, Regsamsten sich in stärkerer Zahl melden, als die Armen an Geist und Körper.

»Auf der Forderung, daß jeder Einwanderer des Lesens und Schreibens kundig sein müsse, um all' unserer Rechte teilhaftig zu werden, bestehen wir seit Gründung des Gemeinwesens. Freiheit und Gleichberechtigung setzen ein gewisses Ausmaß von Kenntnissen voraus, welche wir niemand erlassen _können_. Freilich bliebe uns der Ausweg, die Unwissenden zu bevormunden; aber damit wäre den Behörden ein Wirkungskreis eingeräumt, den wir für unvereinbar mit wahrer Freiheit halten, und wir behandeln daher Einwanderer, die Analphabeten sind, als Fremdlinge, oder wenn man so will, als Gäste, die nach Möglichkeit zu fördern jedermanns Menschenpflicht ist, die in materieller Beziehung, sofern sie sich leistungsfähig erweisen, den Einheimischen gegenüber keineswegs verkürzt werden, die jedoch keinerlei politisches Recht auszuüben vermögen.«

»Wie aber«, so fragte mein Vater, »konstatieren Sie diese geistige Beschaffenheit Ihrer unwissenden Landesgenossen? Existiert zu diesem Behufe eine besondere Behörde, und ergeben sich keine Unzukömmlichkeiten bei solcher Inquisition?«

»Wir inquirieren nicht, und keine Behörde kümmert sich um das Wissen der Leute. Anfänglich übten wir, um nicht von fremder Unwissenheit überflutet zu werden, die Vorsicht, Analphabeten von der unentgeltlichen Beförderung nach Freiland auszuschließen; wir haben vor 19 Jahren auch das fallen gelassen. Jedermann, ohne jegliche Ausnahme, wird seither unentgeltlich bis an jeden ihm beliebigen Punkt Freilands befördert; niemand befragt ihn auch hier um den Stand seines Wissens; es steht ihm frei, von allen unseren Einrichtungen vollen Gebrauch zu machen, alle unsere Rechte auszuüben -- nur muß er dies in derselben Weise thun, wie wir -- und das ist dem Analphabeten eben unmöglich. Wohin er sich wenden mag, bei der Centralbank, bei allen Associationen, in allen Wahlbureaus, muß er lesen, schreiben -- und zwar der Natur der Sache nach meist mit Verstand schreiben -- sich in Gedrucktem und Geschriebenem zurechtfinden, kurz, ein gewisses Maß von Bildung haben, welches wir ihm nicht erlassen könnten, auch wenn wir wollten.«

»Dann ist aber«, meinte mein Vater, »Ihre berühmte Gleichberechtigung doch nur für einigermaßen gebildete Leute vorhanden?«

»Selbstverständlich« -- erklärte nun Frau Ney. »Oder glauben Sie wirklich, daß vollkommen Unwissende die Fähigkeit besitzen, sich selber zu regieren? Jawohl, wirkliche Freiheit und Gleichberechtigung hat einen gewissen Grad von Civilisation zur unerläßlichen Voraussetzung. Die Freiheit und Gleichberechtigung der Armut und Barbarei, diese allerdings lassen sich auch von unwissenden Horden ins Werk setzen; Reichtum und Muße aber sind Produkte hoher Kunst und Kultur, sie können nur von wirklichen Kulturmenschen genossen werden. Wer die Menschen frei und reich machen will, der muß ihnen zuvor Wissen beibringen -- das liegt nun einmal in der Natur der Sache, und nicht unsere, sondern Euere Schuld ist es, daß so Viele Eurer Volksgenossen zur Freiheit erst noch erzogen werden müssen.«

»Da haben Sie abermals Recht«, seufzte mein Vater. »Nun, und welche Erfahrungen machen Sie mit diesen eingewanderten Analphabeten?«

»Die Erfahrung, daß diese Ausschließung von vollkommener Gleichberechtigung, gerade weil sie mit keinerlei materieller Benachteiligung verknüpft ist, als schlechthin unwiderstehlicher Antrieb zu möglichst raschem Nachholen des in der alten Heimat Versäumten wirkt. Wir haben zu Nutz und Frommen solcher Einwanderer besondere Schulen für Erwachsene eingerichtet; auch Nachbarn und gute Freunde nehmen sich ihrer an und die Leute lernen mit geradezu rührendem Eifer. Sie begnügen sich keineswegs mit der mechanischen Aneignung jenes Ausmaßes von Kenntnissen, dessen sie zu Ausübung aller freiländischen Rechte gerade bedürfen, sondern sind redlich bemüht, sich möglichst vollständiges Wissen zu erwerben, und es sind wenige Fälle bekannt, wo aus solchen Einwanderern in kurzer Zeit nicht ganz gebildete Menschen geworden wären.«

»Und was schließlich die hier wirklich als Invaliden anlangenden Einwanderer betrifft«, nahm jetzt wieder David das Wort, »so üben wir diesen gegenüber die Versorgungspflicht in der nämlichen Weise, als ob sie in freiländischen Werkstätten alt und schwach geworden wären. Eine merkliche Belastung unseres Budgets haben wir davon nicht verspürt. Charakteristisch ist übrigens, daß die invaliden Eingewanderten meist nur unvollständigen Gebrauch von dem ihnen eingeräumten Versorgungsrechte machen; diese Bedauernswerten gewöhnen sich in der Regel nur allmählich an das sich ihnen hier bietende Ausmaß höherer Genüsse, und sie wissen daher anfangs keine Verwendung für den auf sie einstürmenden Reichtum.«

»Jetzt bitte ich Sie, noch _ein_ Bedenken zu zerstreuen, wie mir scheint, das wichtigste. -- Was ist's mit Verbrechern, gegen deren Einwanderung Sie doch auch nicht geschützt sind? Erscheint mir schon höchst merkwürdig, daß Sie ohne Polizei und Strafeinrichtungen mit den Millionen Ihrer freiländischen Bevölkerung auskommen, so kann ich vollends nicht begreifen, wie Sie mit jenen Strolchen und Verbrechern fertig werden wollen, welche durch die ihnen hier winkende Milde, die auch den Verbrecher nicht strafen, bloß bessern will, doch angelockt werden sollten, wie Wespen vom Honig. Nun haben Sie uns allerdings erzählt, daß die zur Entscheidung der Civilstreitfälle eingesetzten Friedensrichter auch in Criminalsachen als erste Instanz zu fungieren haben, und daß von diesen der Appell an höhere Richterkollegien zulässig sei; Sie fügten jedoch hinzu, daß diese Richter allesamt so gut wie nichts zu thun haben und nur in höchst seltenen Ausnahmefällen das hierzulande übliche Besserungsverfahren zu verhängen in die Lage kommen. Wirken thatsächlich Ihre Institutionen so besänftigend auch auf verstockte Verbrechergemüter?«

»Allerdings«, antwortete Frau Ney. »Und wenn Sie ruhig erwägen, welches die eigentliche und letzte Quelle aller Verbrechen ist, so werden Sie das auch ganz begreiflich finden. Vergessen Sie doch nicht, daß Recht und Gesetz in der ausbeuterischen Gesellschaft Anforderungen an das Individuum stellen, die der menschlichen Natur geradezu entgegenlaufen. Der Hungernde und Frierende soll vorübergehen an fremdem Überflusse, ohne sich davon anzueignen, wessen er zur Befriedigung seines unabweislichen Bedürfnisses bedarf, ja ohne Neid und Mißgunst gegen die Glücklicheren zu empfinden, die reichlich besitzen, was er so grausam entbehrt! Er soll seinen Nebenmenschen lieben, trotzdem dieser gerade auf jenem Gebiete, wo Interessenkonflikte am unversöhnlichsten sind, weil sie die Grundlagen der ganzen Existenz berühren, sein Nebenbuhler, sein Zwingherr oder sein Sklave, für alle Fälle aber sein Feind ist, aus dessen Nachteil er Vorteil zieht und aus dessen Vorteil ihm Nachteil erwächst! Daß all' dies Jahrtausende hindurch unerbittliche Notwendigkeiten waren, läßt sich freilich nicht leugnen; aber thöricht wäre es, zu übersehen, daß derselbe grausame Zusammenhang, welcher die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Unrecht, zur Voraussetzung des Kulturfortschrittes machte, auch das Verbrechen, d. h. die Auflehnung des gemarterten Individuums gegen die zum Wohle der Gesamtheit unerläßliche schreckliche Ordnung, erst ins Leben rief. Die ausbeuterische Weltordnung verlangt vom Individuum, daß es thue, was ihm schadet, weil das Wohl der Gesamtheit es so erfordert, und sie verlangt dies nicht etwa als besonders anerkennenswerte, hervorragende Leistung, die bloß einzelnen edlen Naturen zugemutet werden dürfe, in denen der Gemeinsinn jegliche Regung des Egoismus unterdrückt hat, sondern als etwas bei jedermann stets und überall Selbstverständliches, dessen Übung nicht Tugend, sondern dessen Unterlassung Verbrechen genannt wird. Auch der Held, der sein Leben dem Vaterlande, der Menschheit opfert, unterordnet sein Einzelinteresse dem Wohle einer höheren Gesamtheit, und niemals wird die Menschheit auf solche Opferthaten verzichten können, immer wird sie von ihren Edelsten verlangen, daß die Liebe zur Gattung den Sieg davon trage über die Liebe zum eigenen kleinen Ich, ja es darf ohne weiteres als logisches Ergebnis fortschreitender Kultur bezeichnet werden, daß diese Forderung stets gebieterischer im Busen des Menschen sich geltend machen und dort stets freudigeren Gehorsam finden wird. Aber der Name dieses Gehorsams ist »Heroismus«, sein Mangel noch kein Verbrechen; er kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein freiwilliger Liebestribut groß angelegter Naturen. Auf wirtschaftlichem Gebiete aber wird ähnlicher, ja schwerer zu übender Heldenmut dem Letzten und Elendesten, ja diesem in erster Reihe zugemutet, muß ihm, so lange Ausbeutung die Grundlage der Gesellschaft ist, zugemutet werden, und »Verbrecher« heißen dann alle Jene, die sich minder groß erweisen, als ein Leonidas, Curtius oder Winkelried auf dem Schlachtfelde, oder als jene meist ungenannten Heroen der Menschenliebe, die ihr Leben im Kampfe gegen feindliche Naturmächte zaglos zum Opfer brachten, wenn die heilige Stimme in ihnen, die Stimme der Nächstenliebe, es forderte.