Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Part 19

Chapter 193,402 wordsPublic domain

»Einige Zeit später erscheinen die Arbeiter der Association neuerlich, um die noch übrigen Stuben zu reinigen, die früher entfernten Teppiche an ihren Ort zu geben, in Küche und Frühstückszimmer alles zum Frühstück Erforderliche herzurichten. Und so kommen und gehen diese Leute tagsüber mehrmals, so oft es eben vereinbart ist, um nach dem Rechten zu sehen. Alles geschieht unaufgefordert, unhörbar, mit Blitzesschnelle. Unser Haus gehört zu den größeren, unsere Einrichtung zu den besseren in Edenthal; die Association hat also in wenigen Häusern mehr zu thun, als bei uns; trotzdem rechnete sie uns für all' diese Dienste im Vorjahre nicht mehr als 180 Stunden an, für welche wir nach dem bereits erwähnten Tarife jenes Jahres 72 Pfd. Sterling zu zahlen hatten. Ich bezweifle, daß irgend ein Haus gleich dem unsrigen in Europa oder Amerika um das Doppelte und Dreifache dieses Betrages in gleich gutem Stande erhalten werden könnte. Und dabei haben wir statt mit den leidigen »Domestiken«, mit intelligenten, höflichen, diensteifrigen Geschäftsleuten zu thun, die schon durch die Konkurrenz -- denn wir haben in Edenthal sechs solche Associationen -- genötigt sind, ihr Äußerstes zur Befriedigung der sie beschäftigenden Familien zu thun. Die Mitglieder dieser Associationen sind Gentleman, mit denen man füglich an der gleichen Tafel Platz nehmen kann, die sie soeben selber hergerichtet, und weder unsere zwei »Ehrenfräulein«, noch meine Schwester, würden den geringsten Anstand nehmen, bei Tische mit anderen Gästen auch Mitgliedern der Association für persönliche Dienstleistungen aufzuwarten.

»Sie werden übrigens die Herren der Association heute noch kennen lernen, denn die unser Haus versorgenden Mitglieder werden sofort eintreffen, um sich mit peinlicher Genauigkeit über jeden Ihrer speziellen Wünsche zu unterrichten. Sie dürfen nicht ungeduldig werden, wenn _Sie_ dabei einem etwas umständlichen Verhöre unterzogen werden; es geschieht zu Ihrem Besten und nur dies eine Mal. Haben Sie einmal den keine Kleinigkeit übersehenden Fragen der Association Stand gehalten, so wird es Ihnen, so lange Sie in Freiland sind, gewiß nicht widerfahren, des morgens ein anderes als das gewünschte Kleid an der bezeichneten Stelle, Ihr Bad um einige Grade zu kalt oder zu warm, Ihr Bett nicht in der gewohnten Weise bereitet zu finden, oder was dergleichen kleine Ungehörigkeiten mehr sind, aus deren Vermeidung zu nicht geringem Teile das häusliche Behagen besteht.

»Mit der Association für persönliche Dienstleistungen wären wir fertig. Ich kann also mit der Erklärung unserer häuslichen Einrichtungen fortfahren. Hier dieses andere Telephon hat die auch in Europa gebräuchliche Bestimmung, mit dem Unterschiede allerdings, daß hierzulande Jedermann sein Telephon besitzt. Jene Schraube dort hat den Zweck die Kaltluftleitung zu öffnen, welche künstlich gekühlte und zugleich ein wenig ozonisierte Luft in jeden Raum leitet, falls die Hitze unangenehm werden sollte; da dieses ausnahmsweise -- wenn nämlich in den heißen Monaten ein nächtliches Gewitter am Horizonte heraufzieht -- auch des Nachts vorzukommen pflegt, so ist die Schraube vorsichtshalber in der Nähe des Bettes angebracht.«

Ich teile Dir all' diese Details mit, weil ich glaube, daß sie Dich als Beweise dafür interessieren werden, wie wunderbar es diese Freiländer verstanden haben, unsere abendländischen Haussklaven durch ihre »eisernen Sklaven« zu ersetzen. Bemerken will ich nur noch, daß die »Association für persönliche Dienstleistungen« selbst meines Vaters weitgehenden Ansprüchen durchaus zu genügen vermochte; er versichert, im Hotel Bristol zu Paris keine bessere Bedienung gefunden zu haben.

Um Dich nicht zu ermüden, erlasse ich Dir die Schilderung des ersten und zweiten Frühstücks am nächsten Tage, und will Dir nur nach der Hauptmahlzeit, die um 6 Uhr genommen wird, den Mund wässern machen.

David gestand mir auf Befragen, daß man uns zu Ehren den sonst gebräuchlichen vier Gängen einen fünften zugelegt habe; aber nicht in der Mannigfaltigkeit, sondern in der Vorzüglichkeit der Gerichte, wie nicht minder in der Abwesenheit nicht zur Gesellschaft gehöriger und deshalb störender Dienerschaft bestand der Reiz des Mahles. Ohne Übertreibung kann ich versichern, selten so vorzügliche Bereitung, niemals zuvor aber so erlesenes Material vereinigt gesehen zu haben. Das Fleisch der auf den würzigen Hochalpen gemästeten jungen Ochsen und zahmen Antilopen hat nirgend anderwärts seines Gleichen; die Gemüse stellen die seltensten Schaustücke einer Pariser Ausstellung in den Schatten; insbesondere aber ist die Pracht und Mannigfaltigkeit seiner Frucht- und Obstsorten der Stolz Freilands. Und nun die mysteriöse Art des Servierens! Ein in der Wand des Speisegemachs angebrachter Schrank entwickelte aus seinem Innern eine scheinbar unerschöpfliche Reihe von Eßwaren. Zunächst entnahm Fräulein Bertha diesem Schrank eine Terrine, welche sie vorsichtig an den elfenbeinenen Henkeln anfassen mußte -- als der Deckel gehoben wurde, präsentierte sich eine köstlich dampfende Suppe. Dann gab ein anderes Fach des gleichen Schrankes einen Fisch heraus -- derselbe war kalt, als ob er frisch vom Eise gekommen wäre. Nun folgte -- wieder aus einem anderen Fache -- ein warmes Ragout, diesem ein ditto Braten mit mannigfaltigen Gemüsen und Salat -- dann kam Eis mit Backwerk, Obst, Käse. Den Schluß bildete ein schwarzer Kaffee, der aber vor den Augen der Gäste bereitet wurde, nebst erlesenen Cigarren -- alles gleich dem Biere und den Weinen freiländisches Gewächs und Fabrikat. Dienerschaft war während der ganzen Mahlzeit nicht sichtbar; die drei reizenden Mädchen holten alles aus dem geheimnisvollen Schranke oder von einem in dessen Nachbarschaft befindlichen Serviertische.

Frau Ney machte jetzt den Cicerone. »Dieser Wandschrank« -- erklärte sie -- »ist zur einen Hälfte Eiskeller, d. h. von gekälteter Luft durchströmt, zur anderen Hälfte Herd, d. h. mit elektrischen Heizvorkehrungen ausgestattet; in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen befindet sich -- durch schlechtleitende Wände von beiden getrennt -- eine neutrale Abteilung von gewöhnlicher Zimmertemperatur. Außerdem hat dieser Schrank die Eigenheit, sich nach zwei Seiten zu öffnen, hier herein in den Speisesaal, und hinaus in den Korridor. Während wir nun tafelten, brachte die »Speiseassociation« in rascher Reihenfolge die bei ihr bestellten Gerichte, teils vollkommen bereitet, teils, wie z. B. den Braten und einige Gemüse, fertig adjustiert, aber noch roh. Die fertigen Speisen wurden vom Korridor aus in die verschiedenen Fächer des Schrankes eingeschoben; Braten und Gemüse kochte ein Mitglied der Association in der rückwärts befindlichen Küche mit gleichfalls elektrischem Herde gar. Das ist übrigens nicht die gewöhnliche Ordnung; wenn wir allein sind, wird in der Regel auch das Geschäft des Garkochens hier am Schranke besorgt und zwar von meinen Töchtern; das nimmt bloß kurze Zeit in Anspruch und Küchendünste sind dabei niemals zu spüren, denn dieser Speiseschrank, der Herd- und Eiskeller zugleich ist, vereinigt damit auch noch die Eigenschaften eines guten Ventilators. Das Reinigen der Geräte ist Sache der Association, die übrigens, wenn es gewünscht wird, auch das Geschäft des Servierens bei Tisch übernimmt.

Der Kaffee wurde im Freien auf einer der Terrassen genommen; dann sangen die Damen zur Harfe und zum Klavier einige Lieder. Inzwischen machte uns Herr Ney mit den Familienverhältnissen der beiden Ziehtöchter seiner Frau bekannt. Die eine derselben -- Leonore -- ist eines Ackerbauers Kind aus Leikipia, die andere -- Klementine -- die Tochter eines seiner Departementschefs. Letzteres befremdete uns. »Warum« -- so fragte ich -- »verläßt diese zweite Dame das elterliche Haus, das doch auch ein vornehmes, hochgebildetes sein muß?« Herr Ney erklärte nun, daß die Ziehtöchter nicht sowohl das vornehme gebildete »Haus«, sondern ausschließlich die gebildete, geistreiche _Frau_ des Hauses suchen. Der Mann mag noch so berühmt und gelehrt sein, wenn die Hausfrau ein gewöhnliches Geschöpf ist, betritt niemals eine Ziehtochter ihre Schwelle. Diese Institution hat eben bloß den Zweck, den betreffenden Jungfrauen den Vorteil eines höheren Beispiels, eines veredelnden weiblichen Umganges, nicht aber den Glanz günstiger äußerer Verhältnisse zu gewähren, was, nebenbei bemerkt, angesichts der hier herrschenden Zustände auch keinen rechten Sinn hätte, da im großen Ganzen jede freiländische Familie dem Wesen nach auf gleichem Fuße lebt. Die Mutter Klementinens nun ist eine herzensgute brave Dame, aber schließlich doch nur eine tüchtige Hausfrau; »deshalb bat sie meine Ellen, die«, so fügte er leuchtenden Auges hinzu, »den edelsten Frauen unseres an herrlichen Weibern so reichen Landes zugezählt wird, um die Gunst, sich ihrer Klementine für zwei Jahre anzunehmen.«

Ich muß für heute schließen, denn Müdigkeit überwältigt mich, trotzdem ich Dir noch vielerlei über meine Erfahrungen sowohl innerhalb als außerhalb des Ney'schen Hauses zu erzählen hätte ....

15. Kapitel.

Edenthal, den 18. Juli.

Erst heute komme ich dazu, den vor Wochenfrist unterbrochenen Bericht über unsere hiesigen Erlebnisse wieder aufzunehmen. Begreiflich wirst Du finden, daß wir beide, mein Vater und ich, vor Begierde brannten, die Stadt zu besichtigen, welchen Wunsch erratend, uns Herr Ney schon am Morgen des ersten Tages einlud, unter seiner und seines Sohnes Führung eine Rundfahrt durch Edenthal zu unternehmen. Der Wagen warte schon.

Es war das ein leicht und elegant gebautes Gefährte auf stählernen, denen eines Velocipeds ähnlichen Rädern, mit zwei bequemen, für je zwei Personen ausreichenden Sitzen. Da wir beide Davids zum Einsteigen auffordernde Handbewegung mit betretenen Mienen aufnahmen und keine Anstalt machten, der Einladung Folge zu leisten, bemerkte dieser erst, daß wir die -- Pferde vermißten. Er sah sich also bemüßigt, uns zu erklären, daß man hierzulande aus mancherlei Gründen im Wagenverkehr, insbesondere im städtischen, die animalische Zugkraft durch mechanische ersetzt habe. Das sei sicherer, reinlicher und nebenbei auch billiger. Der Lenker dieser Gefährte, einer Art Draisinen, dessen Platz rechts auf dem vorderen Sitze ist und dessen Amt keinerlei Kraftaufwand oder besondere Kunstfertigkeit erfordert, setzt durch einen leichten Druck nach abwärts auf eine zur rechten Hand angebrachte kleine Hebelstange den Wagen in Bewegung, und zwar in desto raschere, je stärker gedrückt wird; ein Druck nach aufwärts verlangsamt den Gang oder bringt das Gefährte zum Stillstand; das Ausweichen oder Umlenken nach rechts oder links wird durch entsprechende Drehbewegungen desselben Hebels hervorgebracht. Die Kraft, welche die Räder in Bewegung setzt, ist weder Dampf noch Elektricität, sondern die Elasticität einer Spiralfeder, die jedoch nicht fix mit dem Wagen verbunden, sondern nach Bedarf einzuschalten oder zu entfernen ist.

»Die oberhalb der vorderen Achse angebrachte, etwa ½ Meter lange und 20 Centimeter tiefe cylindrische Kapsel hier«, so demonstrierte mein Freund -- »ist zur Aufnahme der Spiralfeder bestimmt. Vor dem Gebrauche wird die Feder »aufgezogen«, d. h. in Spannung gebracht und zwar in sehr hochgradige, ein Geschäft, welches Dampfmaschinen in den Ateliers der »Association für Transportwesen« besorgen, und solcherart einen entsprechenden Teil ihrer in Form von Dampfspannung vorhandenen Arbeitsenergie in die Form von Federnspannung umwandeln. Dieses in den Spiralen niedergelegte Quantum lebendiger Kraft genügt, um -- durch einen sehr einfachen Mechanismus auf die Achse des Rades übertragen -- ein solches Rad zehntausend Umdrehungen machen zu lassen, auch wenn der Wagen ziemlich schwer beladen ist, und da der Radumfang 2 Meter beträgt, so reicht der Kraftvorrat der Spirale zur Durchmessung eines Weges von 20 Kilometern hin. Die Schnelligkeit der Fortbewegung hängt einerseits von der Belastung des Wagens, anderseits von der mehr oder minder vollständigen Auslösung der Hemmvorrichtung -- reguliert durch den Druck des oben erwähnten Hebels -- ab; das zu erreichende Maximum bei mäßiger Belastung und gutem Wege beträgt bei diesen gewöhnlichen Draisinen 2½ Radumdrehungen, d. i. eine Fortbewegung um 5 Meter in der Sekunde oder 18 Kilometer in der Stunde: doch besitzen wir auch sogenannte Rennwagen, mit denen nahezu die doppelte Geschwindigkeit erreicht werden kann. Die Kraft der Spirale ist erschöpft, sowie das Rad seine 10000 Umdrehungen gemacht hat, was auch bei langsamerem Fahren binnen 1¼-1½ Stunden eintritt; es muß daher bei länger dauernden oder rascheren Fahrten für angemessene Reserven gesorgt werden, was in mannigfaltiger Weise geschieht. Zunächst kann man eine oder mehrere aufgezogene Spiralen -- denn wenn die Hemmung geschlossen bleibt, bewahren dieselben Monate und Jahre lang ihre Spannung -- für welche hinten im Wagen eigene Reservebehälter angebracht sind, auf die Fahrt mitnehmen. Da jedoch jede Spirale mindestens 35 Kilogramm wiegt, so hat auch diese Art Kraftverlängerung ihre Grenzen; außerdem ist das Auswechseln der Spiralen immerhin keine angenehme Arbeit; man zieht daher in der Regel die zweite Methode der Kraftverlängerung vor, die darin besteht, daß man nach Verlauf einer gewissen Zeit bei einer der zahlreichen, auch anderen Zwecken dienenden Stationshäuschen der Transportassociation, die sich auf allen belebteren Straßen finden und durch weithin sichtbare Flaggen kenntlich sind, Halt macht und die Spirale wechseln läßt. Jede Station besitzt jederzeit einen genügenden Vorrat gespannter Spiralen und so kann man jede beliebige Zeit hindurch umherkutschieren, ohne stecken zu bleiben, zumal wenn man die Vorsicht gebraucht, für den Fall des Übersehens einer notwendig gewordenen Auswechslung eine Reservespirale mit sich zu führen. Solche Auswechslungsstationen aber giebt es nicht bloß in und um Edenthal, sondern in und um alle Städte Freilands und außerdem auf allen belebteren Landstraßen, und da die unterschiedlichen Associationen des gleichen Geschäftszweiges im ganzen Lande so klug waren, überall Spiralen von genau den gleichen Maßen einzuführen, so kann man das ganze Land bereisen und mit einiger Bestimmtheit darauf rechnen, überall entsprechende Relais zu finden. Will man jedoch völlig sicher gehen, so kann man sich durch seine Association die Relaisspiralen für eine vorher angegebene Route eigens bestellen, in welch letzterem Falle auch nichts hindert, die großen Straßen zu verlassen und minder frequentierte Nebenwege einzuschlagen, sofern dieselben nur nicht allzuschlecht und steil sind, was aber angesichts der hohen Vollendung des freiländischen Straßennetzes nur bei ganz entlegenen Gebirgswegen zu besorgen ist. Unsere Familie hat solcherart vor zwei Jahren das ganze Aberdare- und Baringo-Gebiet bereist, dabei 1700 Kilometer zurückgelegt und zu der ganzen Reise in aller Bequemlichkeit bloß 14 Tage gebraucht.«

Wir entschlossen uns endlich kopfschüttelnd, den automatischen Wagen zu besteigen. Mein Vater mit Herrn Ney nahm den ersten, ich mit David den zweiten Sitz ein; ein Druck Ney's auf den Leithebel, und geräuschlos setzte sich die Maschine in Bewegung, unserem ersten Ziele, dem Edensee zu. Dessen Ufer sind mit Ausnahme der Nordwestseite, wo in einer Ausdehnung von 5 Kilometern die Quais für den Waarenverkehr sich erstrecken, sämtlich von vierfachen Palmenreihen umsäumt und bestehen teils aus breiten, bis zum Wasserspiegel hinabreichenden Marmorstufen, teils aus in den See vorspringenden Molen, bedeckt von säulengetragenen Wandelbahnen. An letzteren landen die zahlreichen, den See nach allen Richtungen durchfurchenden Passagierdampfer, die jedoch, um die balsamische Luft nicht zu verderben, mit vollkommen funktionierenden Rauchverzehrern versehen sein müssen. Auch das mißtönige Pfeifen der Dampfventile ist in Edenthal verpönt. Denn der Edensee ist nur nebenbei Verkehrsstraße; seine hauptsächliche Bestimmung ist die eines gewaltigen Zier- und Lustteiches. Ein großer Teil der Ufer wird von den luxuriös ausgestatteten Badeanstalten eingenommen, die weit in den See hineinreichen und zu jeder Tageszeit von tausenden Badender benützt werden. Neben diesen, zumeist von schattigen Lusthainen umgebenen Bädern haben sich auch die sämtlichen Theater-, Opern- und Konzerthäuser Edenthals, im Ganzen 16 an der Zahl, angesiedelt, die wir jedoch einstweilen nur von außen in Augenschein nahmen. Unsere Gastfreunde machten uns darauf aufmerksam, daß der Edensee seine Hauptreize erst bei Monden- oder Elektrodenschein entfalte, und daher an einem der nächsten Abende von uns aufgesucht werden solle.

Wir wendeten den Wagen und bogen in eine der Radialstraßen, die vom See zu den halbkreisförmig das Edenthal umgrenzenden Höhen führen. Hier leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 3 Kilometer entfernt, ein Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohnten stets aufs neue mit staunender Bewunderung erfüllen muß, uns Fremden aber geradezu die Sinne verwirrte. Er ist ebenso unerreicht an Größe, wie unvergleichlich an Ebenmaß und harmonischer Vollendung all seiner Bestandteile. Er macht gleichzeitig den Eindruck des überwältigend Majestätischen und des märchenhaft Lieblichen. Dieses, vor 5 Jahren vollendete Wunderwerk ist der Volkspalast von Freiland, der Sitz der zwölf obersten Verwaltungsbehörden und der zwölf Vertretungskörper. Er ist durchwegs aus weißem und gelbem Marmor gebaut, übertrifft an Flächenausdehnung den Vatikan, seine luftigen Kuppeln sind höher als der Petersdom; daß er mit einem Kostenaufwande von 9½ Millionen Pfd. Sterling hergestellt werden konnte, erklärt sich bloß dadurch, daß alle Baugewerke wie nicht minder die hervorragendsten Künstler des Landes sich dazu drängten, bei dem Baue irgendwie verwendet zu werden. Und -- so belehrte mich David -- das geschah nicht etwa aus patriotischer, sondern aus rein künstlerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug, um sein Volkshaus wie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu gestalten, hätte sich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus dem Entwurfe hervorleuchtende eigenartige, überwältigende Schönheit des Werkes hatte es allen Künstlern angethan. Er erinnere sich noch der fieberhaften Erregung, mit der schon die Mitglieder jener Prüfungskommission, welche über die vorgelegten Bauentwürfe zu entscheiden hatte, allenthalben erzählten, es sei ein Plan eingelaufen, von einem bis dahin unbekannten jungen Architekten, der Unsagbares biete; eine neue Ära der Baukunst sei angebrochen, ein neuer Baustil erfunden, der an Adel der Form die besten griechischen, an Großartigkeit die gewaltigsten ägyptischen Denkmale erreiche. Und diese Begeisterung teilte sich allen mit, die den Entwurf sahen; die Konkurrenten -- es waren deren nicht weniger als 84, denn in Edenthal wurde damals schon viel und schön gebaut -- zogen ausnahmslos ihre Entwürfe zurück, und huldigten freiwillig dem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel.

Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigung anderer Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal die Runde um den Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben den Rücken zu kehren. Mit der Aufzählung der zahllosen Prachtbauten, an denen wir flüchtig vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviel lasse Dir sagen, daß die Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der den unterschiedlichen wissenschaftlichen und künstlerischen Zwecken dienenden öffentlichen Anstalten auf mich durchaus verblüffend wirkte. Die Akademien, Museen, Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten gar kein Ende nehmen und allen sah man es auf den ersten Blick an, daß sie mit verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien.

Nachdem wir schon an zahllosen öffentlichen Gebäuden vorbeigefahren waren, deren Bestimmung mir zum Teil nur schwer begreiflich gemacht werden konnte, da unser »civilisiertes« Europa nichts ihnen Ähnliches besitzt -- ich nenne Dir beispielsweise bloß das Institut für »animalische Zuchtversuche«, welches den Zweck hat, durch Experiment und Beobachtung festzustellen, welchen Einfluß Erblichkeit, Lebensweise, Nahrung auf die Entwickelung des menschlichen Organismus äußern -- fiel es mir auf, daß wir noch an keinem Spital vorbeigekommen. Da ich nun begierig war zu sehen, wie die weltberühmte freiländische Humanität, die seit Jahren mindestens die Hälfte aller Spitäler der Welt mit reichen Mitteln ausstattet, daheim im eigenen Lande sich der armen Kranken annehme, bat ich David, uns doch in ein solches zu führen. »Ich kann Dir ebensowenig ein Spital, als einen Kerker oder eine Kaserne in Edenthal zeigen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil wir deren in ganz Freiland keines besitzen«, war dessen Antwort.

»»Den Mangel von Kerker und Kaserne lasse ich gelten; man weiß ja, daß Ihr Freiländer Euch ohne Kriminal- und Militärwesen behelft; aber -- so meinte ich -- Krankheiten muß es doch auch hier geben, diese haben doch mit Euren socialen Einrichtungen nichts zu thun!««

»Letzteres kann ich zwar nicht so unbedingt zugeben«, mengte sich hier Herr Ney ins Gespräch; »auch die Krankheiten haben unter dem Einflusse unserer socialen Institutionen abgenommen; aber verschwunden sind sie allerdings nicht; wir haben Kranke auch in Freiland -- aber keine _armen_ Kranken, weil wir eben keine Armen haben, weder kranke, noch gesunde. Wir besitzen daher auch nicht jene Sammelstellen des Massensiechtums, die man da draußen mit dem Namen »Spital« bezeichnet. Anstalten, in denen sich Kranke unter besonderer Aufsicht gegen gute Bezahlung verpflegen lassen können, haben wir allerdings und sie werden insbesondere in Fällen schwierigerer chirurgischer Operationen häufig aufgesucht; aber das sind Privatanstalten und sie gleichen in ihrer Einrichtung wie in ihrem Gebaren durchwegs Ihren feinsten Sanatorien für »distinguierte Patienten«.«

Wir waren inzwischen des Fahrens müde geworden, was nach nahezu vierstündiger Rundfahrt trotz des sanften Ganges und der bequemen Einrichtung der Wagen erklärlich erscheint. Neys machten daher den Vorschlag, den automatischen Wagen heimzuschicken und den Rückweg zu Fuße anzutreten, was von uns gern angenommen wurde. Wir hielten vor einem der Stationshäuschen der Transportassociation, ließen dort das Gefährte zurück und durchschritten die schattigen Alleen, von denen jede Edenthaler Straße eingesäumt ist. Jetzt hatten wir Muße, die zierlichen Privathäuser näher zu betrachten, die zwar alle den eigentümlichen, halb an den maurischen, halb an den griechischen erinnernden Edenthaler Baustil zeigen, im übrigen aber weder an Größe noch an Ausstattung gleich sind. Den vornehmsten Reiz dieser Villen bilden deren wunderliebliche Gärten mit ihren erlesenen Bäumen, ihrer unglaublichen Blumenpracht, den weißen Marmorstatuen, Fontänen und den mannigfaltigen zahmen Tieren -- insbesondere Äffchen, Papageien, Prachtfinken und allerlei Singvögeln -- die sich in ihnen neben jauchzenden Kindern tummeln. Des weiteren überraschte uns die außerordentliche Reinlichkeit der Straßen, als deren Hauptgrund uns angegeben wurde, daß seit Erfindung der automatischen Wagen keinerlei Zugtiere in den Straßen freiländischer Städte Staub aufwühlen und Unrat hinterlassen.

»Giebt es also keinerlei Pferde hier?« fragte ich, worauf mir die Erklärung ward, daß deren allerdings und zwar in bedeutender Anzahl und von edelster Zucht vorhanden seien; dieselben würden jedoch nur außerhalb des eigentlichen Weichbildes der Stadt zu Promenaderitten durch die benachbarten Wiesen, Haine und Wälder benützt. »Das muß aber hierzulande ein sehr teurer Luxus sein«, meinte ich. »Das Pferd selber und was es frißt, mag billig sein; aber da Menschenkraft in Freiland das teuerste von allen Dingen ist, so kann ich nicht begreifen, wie ein freiländischer Haushalt die Kosten eines Pferdewärters zu erschwingen vermag. Oder erhält diese Klasse Bediensteter hierzulande ausnahmsweise geringeren Lohn?«