Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Part 20

Chapter 203,292 wordsPublic domain

»Letzteres wäre bei uns wohl kaum möglich«, -- antwortete lächelnd Herr Ney -- »denn wer würde dann in Freiland Pferdewärter sein wollen? Wir müssen auch dem Stallpersonal denselben Durchschnittsverdienst gewähren, wie anderen Arbeitern, und wenn ich für die sieben Reitpferde, die ich zum Gebrauche meiner Familie in den Ställen der Transport-Association halte, ein Wartepersonal nach abendländischem Zuschnitt bezahlen wollte, so würden die Kosten mein gesamtes Einkommen überschreiten. Aber das Rätsel löst sich sehr einfach dadurch, daß auch die Arbeit im Pferdestall mit Hülfe von Maschinen verrichtet wird, derart, daß durchschnittlich ein Mann für je 50 Tiere vollkommen genügt. Sie schütteln ungläubig den Kopf? Wenn Sie gesehen haben werden, binnen wie wenigen Minuten unsere durch mechanische Kraft in Rotation versetzten riesigen cylinderförmigen Bürsten ein Pferd spiegelblank putzen; binnen welch kurzer Zeit unsere Kehrmaschinen und Wasserleitungen den größten Stall von Mist und jeglicher Unreinlichkeit säubern; wie das Futter den Tieren automatisch zugeteilt wird: so dürfte Ihnen nicht bloß das, sondern ebenso die Thatsache einleuchten, daß in Freiland auch die »Stallknechte« gebildete Gentlemen sind, Geschäftsleute so ehrenwert und geachtet, wie alle anderen«.

Unter solchen Gesprächen waren wir daheim angelangt, wo ein ausgiebiger Imbiß genommen ward und einige Geschäfte Erledigung fanden. Nach dem bereits letzthin geschilderten Diner fuhren wir mit unseren Gastfreunden abermals zum Edensee und besuchten zunächst die große Oper, wo an diesem Tage das Werk eines freiländischen Kompositeurs gegeben wurde. Dasselbe war uns nicht neu, da es eines jener zahlreichen freiländischen Tonwerke ist, die auch im Auslande großen Anklang finden und häufig aufgeführt werden. Dagegen überraschte uns die eigenartige -- allen freiländischen Theatern gemeinsame -- Anordnung des Zuschauerraums. Die Sitzreihen bauen sich amphitheatralisch bis zu bedeutender Höhe auf; das Dach ruht auf Säulen, durch welche die äußere Luft frei hereinstreichen kann. Bis zu 10000 Personen finden solcherart in den größeren dieser Theater bequem Platz, ohne daß jemals Hitze oder verdorbene Luft sich in denselben ansammeln könnte.

Die Darstellung war eine vorzügliche, die Ausstattung in jeder Beziehung glänzend; trotzdem waren die Preise der -- durch keinerlei Rangordnung unterschiedenen -- Plätze nach abendländischen Begriffen lächerlich mäßig. Der Sitz kostete einen halben Schilling -- doch wohlverstanden bloß hier, in der großen Oper; die anderen Theater sind alle noch wesentlich wohlfeiler. Unternehmer sind überall die städtischen Kommunen, als deren Angestellte die ausübenden Künstler sowohl als das Regiepersonal fungieren; als ökonomischer Grundsatz gilt dabei allgemein, daß die Kosten des Baues und Unterhalts der Gebäude vom allgemeinen Kommunalbudget zu tragen seien, und daß die Eintrittspreise bloß die Gehalte und Tantiemen des angestellten Personals und die Ausstattung zu decken haben.

Von David erfuhr ich, daß Edenthal außer der großen Oper noch eine Spieloper und vier Schauspielhäuser besitze, ferner drei Konzerthäuser, in denen allabendlich Orchester-, Kammermusik und Chöre sich hören ließen. Als freiländische Specialität aber nannte er mir fünf verschiedene »Lehrtheater«, in denen astronomische, archäologische, geologische, paläontologische, physikalische, geschichtliche, geographische, naturgeschichtliche, kurz alle erdenklichen wissenschaftlichen Vorträge mit dem umfassendsten Aufwande plastischer Darstellungskunst den Hörern vorgeführt werden. Die Vorträge sind von den geistreichsten Gelehrten verfaßt, von den gewandtesten Rednern vorgetragen, von den tüchtigsten Ingenieuren und Dekorateuren in Scene gesetzt. Diese Art Theater seien die besuchtesten; in der Regel genügen die vorhandenen Plätze nicht, so daß die Kommune kürzlich zwei neue derartige Darstellungshäuser bauen ließ, die binnen wenigen Monaten eröffnet werden dürften. Die Großartigkeit dieser Vorführungen, die ich an den nächsten Abenden kennen lernte, ist in der That staunenerregend und wenn auch die Jugend bei den meisten derselben den größeren Teil des Auditoriums stellt, so werden dieselben doch von Erwachsenen sehr fleißig besucht.

Nach dem Theater mieteten Neys am Ufer eine der zahllosen dort von einer Association bereit gehaltenen Gondeln mit mechanischer Triebkraft (von elastischen Federn getriebene Propellerschrauben) und wir steuerten in den See hinaus. Derselbe war von gewaltigen, rings am Ufer in beträchtlicher Höhe angebrachten elektrischen Reflektoren taghell erleuchtet und es stand uns heute ein ganz besonderer Genuß bevor, denn Walter, der berühmteste Liederkomponist Freilands, ließ an diesem Abend eine neue Kantate durch die Mitglieder des Edenthaler Choralvereins zur ersten Aufführung bringen. Dieser Verein, welcher zu seinen allwöchentlichen Vorträgen in der Regel den Edensee als Schauplatz wählt, verfügt zu solchen Zwecken über mehrere der großartigsten Prachtbarken, deren bisweilen geradezu märchenhafte Ausstattung durch freiwillige Beiträge seiner zahlreichen Mitglieder und Verehrer gedeckt wird.

War es die Wirkung der ganz eigenartigen Scenerie, war es die Schönheit des Tonstückes an sich -- der Effekt, den die Kantate auf mich machte, war ein überwältigender. Als wir uns auf den Heimweg machten, gestand ich David, daß mir niemals zuvor die gleichsam transcendentale Gewalt der Töne so deutlich geworden, wie während dieser Vorstellung am See; ich hatte durchaus den Eindruck, als ob der Weltgeist in diesen Klängen zu meiner Seele spräche und als ob diese auch ganz genau seine Sprache verstünde und nur unvermögend sei, dieselbe in gewöhnliches Italienisch oder Englisch zu übersetzen. Zugleich aber äußerte ich mein Erstaunen darüber, daß ein so junges Gemeinwesen, wie das freiländische, in allen Kunstarten Anerkennenswertes, in zweien aber, in Architektur und Tonkunst, den besten Vorbildern aller Zeiten Ebenbürtiges leiste.

Frau Ney gab hierüber ihre Meinung dahin ab, daß dies die schlechthin notwendige Konsequenz der Gesamtrichtung des freiländischen Geistes sei. Wo fröhlicher Lebensgenuß mit ruhiger Muße sich paarten, dort müßten die Künste gedeihen, die ja in Wahrheit nichts anderes seien, als Produkte des Reichtums und edler Muße. Und daß gerade Architektur und Musik den Anfang der Kunstblüte machten, lasse sich ganz ungezwungen erklären. Erstere mußte durch die, dem neuartigen großartigen Gemeinwesen entsprungenen Bedürfnisse in erster Reihe mächtig angeregt werden; auch der Einfluß der gewaltigen und doch lieblichen Natur des Landes sei hier unverkennbar. Die Musik dagegen sei die unmittelbarste aller Kunstformen, diejenige, deren sich der Genius der Menschheit stets in erster Reihe bediene, wenn eine neue Ära künstlerischen Schaffens durch neue Arten des Fühlens und Denkens eingeleitet worden sei.

»Bei dem so überaus regen Sinne Ihres Volkes für das Schöne« -- so wandte sich mein Vater an Frau Ney -- »nimmt es mich nur Wunder, daß zum Schmucke der schönsten Zierde Freilands, seiner königlich gearteten Frauen nämlich, so wenig aufgewendet wird. Zwar die Tracht ist kleidsam, und nirgend bisher habe ich noch so erlesenen Geschmack in der Wahl der geeignetsten Formen und Farben getroffen; aber eigentliches Geschmeide sieht man nicht. Hie und da Goldreifen im Haar, da und dort goldene oder silberne Spangen an den Kleidern, das ist alles; Edelsteine und Perlen scheinen bei den hiesigen Damen verpönt zu sein. Woran liegt das?«

»Der Grund liegt darin« -- so antwortete Frau Ney -- »daß uns Freiländern jene ausschließliche Triebfeder fehlt, die den anderen Völkern die Geschmeide eigentlich begehrenswert macht. Eitelkeit ist auch hierzulande heimisch, unter Männern sowohl als Frauen; aber sie findet in der Schaustellung von sogenannten »Kostbarkeiten«, deren alleiniger Vorzug vor ähnlichen Dingen lediglich darin besteht, daß sie teuer sind, kein Genüge. Glauben Sie wirklich, daß es die _Schönheit_ der Diamanten ist, was gar manche unserer bedauernswerten Schwestern da draußen Glück und Ehre in die Schanze schlagen läßt, um in den Besitz solch glitzernder Steinchen zu gelangen? Warum stieße dann dasselbe Weib, welches sich um echter Steine willen verkaufte, unechte, die es in Wahrheit von jenen gar nicht zu unterscheiden vermag, achtlos beiseite? Und zweifeln Sie daran, daß auch der echte Diamant sofort zum unbeachteten Kiesel würde, den keine »Dame von Geschmack« fernerhin eines Blickes würdigte, sowie dieser Stein aus irgend einem Grunde seinen hohen Preis verlöre? Die Geschmeide gefallen also nicht, weil sie schön, sondern weil sie kostbar sind. Sie schmeicheln der Eitelkeit nicht durch ihren Glanz, sondern durch das Bewußtsein, welches sie in ihrem Eigner erwecken, in diesen unscheinbaren Dingerchen den Extrakt so und so vieler Menschenleben zu besitzen. »»Seht her, hier an meinem Halse trage ich einen Talisman, um den Hunderte von Knechten Jahre lang ihr bestes Mark vergeuden mußten und dessen Gewalt auch Euch, die Ihr die netten Dingerchen ehrfurchtsvoll anstaunt, mir als Sklaven zu Füßen legen, allen meinen Launen dienstbar machen könnte! Seht her, ich bin mehr als Ihr, ich bin die Herrin, die auf nichtigen Tand vergeuden kann, wonach Ihr vergeblich giert um Euren Hunger zu stillen!«« Das etwa ist's, was das Diamantenkollier aller Welt verkündet, und _darum_ hat seine Besitzerin vielleicht sich und andere verraten, elend gemacht, um es als ihr Eigen um den Nacken schlingen zu können. Denn beachten Sie wohl, das Geschmeide schmückt nur, wenn es Eigentum des Trägers ist; entliehenes Geschmeide zu tragen ist ignobel, gilt als unanständig, und mit Recht, denn entliehenes Geschmeide lügt, es ist eine Krone, die ihrem Träger den Schein einer Macht verleihen soll, die er in Wahrheit nicht besitzt.

»Die Macht nun, deren legitimen Anspruch das Geschmeide zur Schau tragen soll, die Macht über fremdes Leben und fremde Leiber existiert in Freiland nicht. Zwar wer einen Diamanten von beispielsweise 600 Pfund Wert besäße, der hätte damit auch hierzulande das Verfügungsrecht über einjährigen Ertrag menschlicher Arbeit; aber wer ihn deshalb erwürbe und zur Schau trüge, würde sich damit -- angesichts unserer Institutionen -- doch nur lächerlich machen; denn _seine eigene Arbeit_ wäre es, deren Ertrag er solcherart festlegte, gleich gegen gleich müßte er mit Jedem, dessen Arbeit er sich um den Stein dienstbar machen wollte, tauschen und statt ehrfurchtsvollen Staunens könnte er bloß bedauerndes Mitleid erwecken, Mitleid darüber, daß er sich bessere Genüsse versagt, oder nutzlose Anstrengungen auferlegt, um den albernen Kiesel zu erwerben. Es wäre das gleichsam, als ob der Besitzer des Diamanten aller Welt verkünden wollte; »»Seht her, während Ihr genosset oder ruhtet, habe ich gedarbt und gearbeitet, um den Tand zu gewinnen««! Nicht der Mächtigere, der Thörichtere wäre er in Jedermanns Augen -- der Stein, dessen fascinierende Kraft an die Vorstellung geknüpft ist, daß sein Besitzer zu den Herren der Erde gehöre, die über fremde Arbeit verfügen und _deshalb_ sich den Scherz erlauben dürfen, das Produkt so großen Schweißes in nutzlosen Sächelchen anzulegen -- der Stein kann für ihn keinen Reiz mehr haben. Wer ihn in Freiland kauft, der gliche Jenem, der sein Leben an den Besitz einer Krone setzt, die aufgehört hat, das Symbol der Herrschaft zu sein.«

»Sie sprechen also dem Geschmeide alle wirklich schmückende Kraft ab? Sie leugnen, daß Perlen oder Diamanten geeignet sind, die Reize eines schönen Körpers noch wesentlich hervorzuheben?« entgegnete mein Vater.

»Das thue ich allerdings«, war die Antwort. »Nicht daß ich die dekorative Wirkung an sich überall bestreiten wollte; nur leugne ich, daß sich nicht genau der nämliche, ja in der Regel ein weit besserer Effekt durch andere Mittel auch erreichen läßt. Im allgemeinen aber schmückt der, seiner ganzen Beschaffenheit nach gar nicht zum menschlichen Körper passende Tand durchaus nicht, entstellt vielmehr in neunundneunzig unter hundert Fällen den stolzen Besitzer. Daß ein diamantengeschmücktes Weib Euch Herren da draußen besser gefällt, als ein blumengeschmücktes, hat genau den nämlichen Grund, aus welchem Euch -- Ihr mögt noch so starre Republikaner sein -- eine Königin schöner erscheinen wird, als ihre vor dem Richterstuhle unbefangener Ästhetik vielleicht schöneren Rivalinnen. Ein gewisses Etwas, ein eigentümlicher Zauber umschwebt sie -- der Zauber -- Sie entschuldigen das harte Wort -- des Knechtsinnes; dieser, nicht Euer ästhetisches Urteil ist es, was Euch weismacht, das Diadem verleihe höheren Reiz, als der Kranz von Rosen; lasset die Rose zum Symbol der Herrschaft werden, dessen sich nur Königinnen bedienen dürfen, und Ihr werdet jetzt ohne Zweifel finden, daß die Rosen es sind, die wahre Majestät zur Geltung bringen.«

»Eitel sind wir Freiländerinnen deshalb doch. Wir wollen nicht bloß schön sein, sondern auch schön erscheinen und die Männer bestärken uns nach Kräften in diesem Bestreben; nur bitte ich wohl im Auge zu behalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sind Kleid und Zierat einer Freiländerin nie Selbstzweck, sondern Mittel zum Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft in der greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Person, als auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie wählt nicht das Gewand, welches ihre persönlichen Reize am günstigsten hervorhebt, sondern das kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir halten es anders; schon unsere eigenen ästhetischen Anschauungen bewahren uns vor der Thorheit, einem Kleiderkünstler zu Liebe andere Gewänder anzulegen, als jene, von welchen wir vermuten oder wissen, daß sie unsere Gestalt am vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Außerdem aber steht uns diesbezüglich jederzeit der Rat künstlerisch gebildeter Männer zur Seite. Kein hervorragender Maler verschmäht es, jungen Damen Aufschluß über die passendste Wahl ihrer Toilette zu gewähren, ja es werden besondere Vorträge über diesen wichtigen Punkt gehalten. Natürlich kann es eine strenge Mode bei uns nicht geben, da Zusammenstellung, Faltenwurf und Farbe der Kleidung durchweg der Individualität der Trägerin angepaßt sind; daß Hagere und Wohlbeleibte, Große und Kleine, Blonde und Brünette, Imposante und Niedliche, sich nach der gleichen Schablone tragen sollten, gälte hier zu Lande als Gipfel der Abgeschmacktheit. Ebenso lächerlich aber fände es eine Freiländerin, die gefallen will, mutete man ihr zu, ein Kleid, eine Haartracht, die sie als für sich passend einmal erprobt, zu wechseln, bloß aus dem Grunde, weil man sie in dieser Tracht schon zu oft gesehen. Wir begreifen es nicht, daß man, um zu gefallen, am besten thue, sich möglichst mannigfaltig zu entstellen; insbesondere aber halten wir, darin abermals unterstützt von unseren Männern, zähe fest an dem Glauben, daß die menschliche Gestalt durch das Kleid zwar bedeckt und verhüllt, aber nicht verzerrt werden dürfe.«

Wir erklärten galant, diese Toiletteprinzipien durchaus zu billigen. Die Wahrheit ist, daß der an die Excentricitäten abendländischer Moden gewohnte Fremde in Freiland angelangt, die nach künstlerischen Grundsätzen zusammengestellte hiesige Frauentracht anfangs etwas zu einfach, dann aber die Rückkehr zu den abendländischen Zerrbildern schlechterdings unerträglich findet. Du wirst Dich erinnern, daß David uns in Rom versicherte, die europäischen Moden machten ihm genau den nämlichen Eindruck, wie die der afrikanischen Wilden; nach kaum einwöchentlichem Aufenthalte hier beginne ich diese Auffassung zu teilen.

Doch ich sehe, daß ich abermals schließen muß, ohne meinen Bericht erschöpft zu haben. Mit dem Versprechen, das Versäumte nachzuholen

Dein ..... .....

16. Kapitel.

Edenthal, den 28. Juli.

Ich konnte mein Versprechen, Dir bald zu schreiben, nicht halten, weil die vergangene Woche einer Reihe kürzerer oder längerer Ausflüge gewidmet war, die ich mit David teils zu Pferde oder mittels automatischer Draisinen in die unmittelbare Umgebung Edenthals und der benachbarten Danastadt, teils mit der Eisenbahn bis an die Ufer des Ukerewe unternahm. Ich lernte solcherart eine ziemliche Anzahl freiländischer Städte und ebenso mehrere zerstreute Industrie- und Ackerbaukolonien kennen. Ich sah die lieblichen, in schattigen Wäldern eingebetteten Orte des Aberdaregebirges mit ihrer gewaltigen Metallindustrie; Naiwaschacity, das Emporium der Lederindustrieen und des Fleischexports, dessen Villenreihen den ganzen Naiwaschasee in einer Längenausdehnung von 64 Kilometern umrahmen; die Ansiedelungen in den Bergen nördlich vom Baringosee mit ihren zahllosen Herden edler Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, zahmer Elefanten, Büffel, Zebras, mit ihren Gold- und Silberbergwerken, und Ripon, das Centrum der Mühlenindustrie und des Ukerwehandels. In allen Städten fand ich dem Wesen nach die nämlichen Einrichtungen wie in Edenthal; elektrische Eisenbahnen in den Hauptstraßen, elektrische Beleuchtung und Beheizung, Bibliotheken, Theater u. s. w. Was mich jedoch zumeist überraschte, war, daß auch die ländlichen Ansiedelungen mit sehr geringen Ausnahmen eines hochentwickelten städtischen Comforts nicht entbehrten. Elektrische Bahnen zogen auch an ihnen vorüber und setzten sie mit den Hauptverkehrslinien in Verbindung; wo nur 5-6 Villen -- denn der Villenstil herrscht ausnahmslos durch ganz Freiland -- nebeneinander standen, fanden sich elektrische Beleuchtung und Beheizung; Telegraph und Telephon fehlten selbst dem entlegensten Gebirgsthale nicht, ebenso keinem Hause das Bad; und wo einige hundert Villen in nicht gar zu großer Entfernung zerstreut lagen, war sicherlich ein Theater für sie gebaut, in welchem abwechselnd Schauspiele, Concerte, Vorträge abgehalten wurden. An Schulen gab es allenthalben Überfluß, und wo irgend ein Ansiedler sich allzu einsam angebaut hatte, als daß die Kinder eine in der Nähe gelegene Schule hätten besuchen können, dort waren diese bei befreundeten Familien untergebracht, denn der Jugendunterricht darf in Freiland unter keinen Umständen leiden.

Daß ich die Gelegenheit nicht versäumte, mir das freiländische Volk an seiner Arbeit -- auf dem Felde und in der Fabrik -- zu betrachten, ist selbstverständlich. Hier wurde mir die Größe Freilands erst offenbar. Ungeheuer, überwältigend war, was ich allenthalben sah. Von der Großartigkeit der maschinellen Einrichtungen, von der unermeßlichen Kraftfülle, welche die gebändigten Elemente hier dem Menschen zur Verfügung stellen, kann sich der Abendländer ebensowenig eine Vorstellung machen, als von dem raffinierten, ich möchte fast sagen aristokratischen Komfort, mit welchem die Arbeit überall umgeben ist. Keine schmutzige, aufreibende Handlangung verrichtet der Mensch; die sinnreichsten Apparate entheben ihn jedes wirklich unangenehmen Geschäftes; er hat der Hauptsache nach bloß seine unermüdlichen eisernen Sklaven zu überwachen. Und nicht einmal durch ihr Klappern, Stöhnen und Rasseln dürfen diese überall geschäftigen Diener das Ohr ihrer Herren beleidigen. Ich bewegte mich in den Stampfwerken von Leikipia, die den mineralischen Dünger für die dortige Bodenassociation bereiten, zwischen Steinzermalmern von tausenden Centnern Stoßkraft, und kein lästiges Geräusch war zu hören, kein Atom Staub zu sehen. Ich durchschritt Eisenwerke, in denen Stahlhämmer bis zu 3000 Tonnen Fallgewicht verwendet werden; die gleiche Ruhe herrschte in den lichten freundlichen Fabriksälen, kein Ruß auf Händen oder Gesichtern der Arbeiter störte den Eindruck, daß man es mit Gentlemen zu thun habe, die sich dazu herbeilassen, die Schmiedearbeit der Elemente zu überwachen. Ich sah auf den Feldern ackern und säen -- wieder dieselbe Erscheinung des Herrn der Schöpfung, der durch den Druck eines Fingers die Riesen »Dampf« oder »Elektricität« nach seinem Willen lenkt, wohin und wozu es ihm nützlich dünkt. Ich war _unter_ der Erde in den Kohlengruben und in den Eisenminen; auch dort fand ich es nicht anders: keinen Schmutz, keine aufreibende Plage für den Menschen, der in vornehmer Ruhe zusieht, wie seine gehorsamen Geschöpfe aus Stahl und Eisen für ihn schaffen ohne zu ermüden und zu murren, von ihm nichts anderes verlangend, als daß er sie lenke.

Während der nämlichen Ausflüge lernte ich auch eine Reihe besonderer in Freiland üblicher Vergnügungen näher kennen; ich besuchte mit David die mannigfaltigen entzückenden Aussichtspunkte des Kenia und der Aberdareberge, auf denen es allsonntäglich Gesang und Tanz der jungen Leute gibt, gewürzt in der Regel durch eine Überraschung, welche die Vergnügungskomitees -- eine ständige Institution in jedem freiländischen Orte -- zur Feier eines beliebigen Anlasses veranstalten. Mir waren die Eisfeste auf dem großen Eislaufteiche am Keniagletscher das Überraschendste. Dort hatten vor fünf Jahren die vereinigten Vergnügungskomitees von Edenthal, Danastadt und Oberleikipia ein 2400 Hektaren messendes, 4250 Meter über dem Meeresspiegel gelegenes Plateau in einen Teich verwandeln lassen, der von den Wässern der unmittelbar daran grenzenden großen Eisfelder gespeist wird. Von Ende Mai bis Mitte August gibt es nun in dieser Höhe stets sehr empfindliche Nachtfröste, die das ohnehin dem Gefrierpunkte nahe Gletscherwasser des Teiches sehr rasch in eine solide Eisbahn verwandeln. Nachdem hierauf dieser großartige Eislaufplatz seinem ganzen Umfange nach mit luxuriösen heizbaren Warte-, Toilette und Speise-Sälen umgeben, des ferneren mittels einer leistungsfähigen Zahnradbahn mit dem Fuße des Berges in Verbindung gebracht worden war, übergaben die vereinigten Komitees ihr Werk der Öffentlichkeit zur unentgeltlichen Benutzung. Die, wie sich denken läßt, sehr beträchtlichen Anlagekosten waren mit Leichtigkeit im Wege freiwilliger Subskriptionen aufgebracht worden, und ebenso decken sich die Erfordernisse der Instandhaltung überreichlich durch freiwillige Beiträge der zahlreichen Besucher. Denn die ganze kühle Jahreszeit hindurch ist die Riesenfläche des Eisteiches von Schlittschuhläufern und insbesondere von Schlittschuhläuferinnen nicht bloß aus der Umgebung des Kenia auf hundert Kilometer in der Runde, sondern aus allen Teilen Freilands bedeckt. Selbst von den Gestaden des indischen Ozeans und der großen Seen kommen Freunde und Freundinnen dieses gesunden Sports hierher, um an den zeitweilig veranstalteten glänzenden Eisfesten teilzunehmen. Gegenwärtig beschäftigt man sich mit dem Plane, unmittelbar am Eislaufplatze ein großartiges Hotel zu errichten, das besonders ausdauernden Verehrern dieser ebenso graziösen als gesunden Leibesübung Gelegenheit geben soll, in 4200 Meter Seehöhe zu übernachten. Des ferneren hat die große Beliebtheit des Kenia-Eisteiches den Anlaß gegeben, auch am Kilima-Ndscharo, und zwar dort in einer noch um 500 Meter höheren Lage ein ähnliches Unternehmen ins Werk zu setzen, welches gegenwärtig seiner Vollendung nahe ist; ein drittes, in den Mondbergen am Albertsee, hat einstweilen das Versuchsstadium nicht überschritten, da dem dortigen Komitee die Auffindung eines zu solchem Zwecke genügend hoch gelegenen und dabei ausreichend großen Platzes bisher nicht recht gelungen sein soll.