Freiland: Ein sociales Zukunftsbild
Part 18
Du weißt also jetzt, Freund meiner Seele, _warum_ wir nach Freiland reisten. Bist Du zu erfahren begierig, _wie_ wir die Reise bewerkstelligten, so diene Dir, daß wir dazu von Brindisi bis Alexandrien den »Uranus«, eines der Riesenschiffe benützten, die Freiland zum Zwecke des Post- und Passagierdienstes auf allen Meeren laufen läßt. Zugleich mit uns machten 2300 Einwanderer nach Freiland die Seereise, und wenn diesen die neue Heimat nur einen Teil dessen hält, was sie sich von ihr versprechen, so muß sie ein wahres Paradies sein. Mein Vater, der anfangs einige Bedenken hegte, sich einem freiländischen Dampfer anzuvertrauen, auf welchem keinerlei Überfahrtgebühr angenommen, dafür aber auch, wie männiglich bekannt ist, keinerlei Unterschiede in der Behandlung der Passagiere gemacht werden, gestand mir schon am zweiten Tage der Fahrt, daß er nicht bereue, meinem Drängen nachgegeben zu haben. Die Kabine, die wir erhielten, war nicht zu klein, komfortabel und von peinlichster Sauberkeit, Küche und Verpflegung ließen nichts zu wünschen übrig und -- was uns am meisten wunderte -- der Umgang mit den buntzusammengewürfelten Auswanderern erwies sich als keineswegs unangenehm. Zwar waren unter unseren 2300 Reisegenossen alle Stände und Berufsklassen, vom Gelehrten bis zum Handarbeiter, vertreten; allein auch die letzteren erwiesen sich von dem Bewußtsein, einer neuen Heimat entgegenzueilen, in welcher unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen herrschen sollte, dermaßen gehoben, daß während der ganzen Fahrt keinerlei Roheit oder gemeine Ausschreitung vorkam.
In Alexandrien benützten wir den nächsten nach dem Sudan abgehenden Kurierzug, der jedoch bis Assuan, so lange nämlich ägyptische Kondukteure und Maschinisten ihn führten, von einem solchen wenig mehr als den Namen hatte. In Assuan nahm uns ein freiländischer Eisenbahnzug auf, und nunmehr ging es mit einer Accuratesse und Raschheit vorwärts, wie man sie sonst nur in England oder Amerika antrifft. Mit raffiniertester Bequemlichkeit eingerichtete Schlaf-, Speise- und Konversationswagen führten uns in rasendem Fluge den Nil aufwärts, den Riesenstrom bis Dongola zweimal übersetzend. Charakteristisch ist, daß von Assuan ab keinerlei Fahrtaxe berechnet wurde. Die im Speisewagen oder auf den Stationen verzehrten Speisen und Getränke mußten zwar bezahlt werden -- auf der Urania waren auch die Mahlzeiten unentgeltlich gewesen -- die Beförderung aber besorgte das freiländische Gemeinwesen unentgeltlich zu Land wie zu Wasser.
Die Schilderung von Land und Leuten in Ägypten und dessen Dependenzen wirst Du mir erlassen; es hat sich zwar diesbezüglich im letzten Decennium, und insbesondere seit Vollendung der freiländischen Nilbahn einiges zum Besseren geändert; aber im großen Ganzen fand ich das Elend der Fellachen noch sehr arg und nur dem Grade, nicht dem Wesen nach verschieden von jenen Schilderungen, die den zahlreichen älteren Reiseberichten über diese Gegenden zu entnehmen sind. Ein durchaus anderes Bild bot sich dem Auge, sowie wir uns dem Albert-Njanza näherten und freiländisches Gebiet erreichten. Ich traute meinen Sinnen kaum, als ich am Morgen des fünften Tages der Eisenbahnreise erwachend, zum Waggonfenster hinausblickte und statt der bisherigen Landschaft von üppigen Gärten und lachenden Hainen anmutig unterbrochene endlose Fruchtfelder erblickte, aus deren Mitte elegante Villen, teils zerstreut, teils zu größeren Ortschaften vereinigt, hervorleuchteten. Als der Zug bald darauf in einer Station -- sie hieß, ein freundliches Omen für uns Italiener, Garibaldi -- hielt, sahen wir auch zum erstenmale Freiländer in ihrer eigentümlichen und, wie ich auf den ersten Blick erkannte, überaus zweckmäßig den Anforderungen des Klimas angepaßten, ebenso einfachen als kleidsamen Tracht.
Diese ist der antik griechischen sehr ähnlich, selbst die Sandalen an Stelle der Schuhe fehlten nicht, nur daß dieselben nicht auf bloßem Fuße, sondern über Strümpfe getragen werden. Die Kleider der Freiländerinnen sind zumeist farbenprächtiger, als jene der Männer, die jedoch auch keineswegs jene düsteren monotonen Tinten zur Schau tragen, wie die abendländische Männertracht. Insbesondere die freiländischen Jünglinge lieben heitere, helle Farben, die jüngeren Damen bevorzugen Weiß mit farbigen Ornamenten. Der Eindruck, den die Freiländer auf mich machten, war ein geradezu blendender. Strotzend von Kraft und Gesundheit, bewegten sie sich in heiterer Anmut unter den schattigen Bäumen des Bahnhofgartens, mit einer vornehmen Sicherheit des Benehmens, die mich anfangs glauben ließ, daß sich hier die Spitzen der ortsansässigen Gesellschaft Stelldichein gegeben hätten. Diese Meinung wurde noch verstärkt, als späterhin einige Freiländer den Zug bestiegen und ich aus den Gesprächen während der Weiterfahrt entnahm, daß deren Bildungsgrad durchaus dem äußeren Eindrucke entsprach; und doch waren es gewöhnliche Landleute, Ackerbauer und Gärtner mit ihren Frauen, Söhnen und Töchtern, mit denen wir es zu thun hatten.
Nicht minder überraschend war das Behagen der unter den Weißen zerstreut auftretenden und mit diesen unbefangen verkehrenden Neger. Deren Kleidung war zwar noch leichter und luftiger als die der Weißen -- meist Baumwollzeuge an Stelle der von diesen ausschließlich benützten Schafwolle; im übrigen aber machten diese Eingeborenen den Eindruck durchaus civilisierter Menschen, und wie ich mich aus dem Gespräche mit einem der den Zug gleichfalls zur Weiterfahrt benützenden Neger überzeugen konnte, stand ihre Bildung auf einer ziemlich hohen Stufe, jedenfalls auf einer weit höheren, als die der Landbevölkerung in den meisten Gegenden Europas. Der Schwarze, mit dem ich mich unterhielt, sprach ein fließendes, korrektes Englisch, hielt eine freiländische Zeitung, in welcher er während der Fahrt eifrig las und erwies sich nicht nur in den Angelegenheiten des eigenen Landes, sondern auch über europäische Verhältnisse sehr gut unterrichtet.
Gegen Mittag erreichten wir mit der Station Baker den Albert-See, genau an jener Stelle, wo ihm der weiße Nil entströmt. Hier erwartete mich eine sehr angenehme Überraschung. Du wirst Dich noch David Neys, jenes jungen freiländischen Bildhauers erinnern, mit welchem wir während des letzten Herbstes in Rom zusammentrafen, und an welchen insbesondere ich mich damals so innig anschloß, weil der herrliche Jüngling es mir durch den Adel seiner äußeren Erscheinung sowohl, als seiner Gesinnung angethan hatte. Was Du wahrscheinlich nicht weißt, ist, daß wir, nachdem David nach Abschluß seiner Kunststudien Rom und Europa verlassen hatte, wiederholt Briefe wechselten, so daß er von meiner bevorstehenden Ankunft genau unterrichtet war. Mein Freund hatte nun die dreißigstündige Reise von Edenthal, wo er bei seinen Eltern -- sein Vater ist, wie Du weißt, einer der Regenten Freilands -- wohnt, an den Albert-Njanza nicht gescheut, war mir bis Baker entgegen geeilt, und das erste, was ich, in die Station eingefahren, bemerkte, war sein liebes, mir freudig zulächelndes Antlitz. Er brachte meinem Vater und mir eine Einladung der Seinen, während unseres Aufenthaltes in Edenthal ihre Gäste zu sein. »Wenn Sie, Herr Herzog -- sagte er -- mit der Wohnung und Bewirtung, die Ihnen ein Bürger von Freiland zu bieten vermag, zufrieden sein wollen, würden Sie uns alle, insbesondere aber mich, dem damit das Glück ungestörten Beisammenseins mit Ihrem Sohne zu teil würde, zu höchstem Danke verpflichten. Den Glanz und die Pracht, an welche Sie daheim gewöhnt sind, werden Sie allerdings in unserem Hause vermissen, welches sich nur wenig von denen der einfachsten Arbeiter unseres Landes unterscheidet; aber diese Entbehrung wäre Ihnen überall in Freiland auferlegt, und ich glaube Ihnen versprechen zu können, daß Ihnen auch bei uns keinerlei wirkliche Bequemlichkeit fehlen wird.« Zu meiner großen Genugthuung acceptierte mein Vater nach kurzem Besinnen dieses herzliche Anerbieten mit lebhaftem Danke.
Über das während der eineinhalbtägigen Fahrt vom Albert-See nach Edenthal Gesehene will ich mich für heute kurz fassen, da ja noch Gelegenheit sein wird, ausführlich darauf zurückzukommen, und schon dieser erste meiner freiländischen Reisebriefe ohnehin zu ungebührlichem Umfange anschwellen wird, wenn ich Dir über das mich zunächst Interessierende, die Lebensweise der Freiländer nämlich, auch nur oberflächlich Bericht abstatten will. Unser Kurierzug durchflog in rasender Eile die von Saatfeldern und Plantagen bedeckten Ebenen Unjoros und Hügellandschaften Ugandas, lief hierauf einige Stunden längs der Ufer des mächtig brandenden Ukerewe durch liebliches, einem einzigen Garten gleichendes Hügel- und Bergland; bei den Riponfällen den See verlassend, wandten wir uns in das wildromantische Gebirgsland des Elgon mit seinen zahllosen Herden und reichen Fabrikstädten, umkreisten den gärtenumsäumten Baringo-See und drangen durch Leikipia in die Alpenlandschaften des Kenia ein. Gegen 9 Uhr Abend des sechsten Tages der Eisenbahnreise erreichten wir endlich Edenthal.
Es war eine herrliche Mondnacht, als wir, den Bahnhof verlassend, die Stadt betraten; überdies glänzte diese im Scheine zahlloser mächtiger elektrischer Bogenlampen, so daß dem neugierig forschenden Blicke nichts entging. Selbst wenn ich es jetzt schon wollte, ich könnte Dir den Eindruck, den diese erste freiländische Stadt, deren Inneres wir betraten, auf mich machte, nicht im einzelnen schildern. Denke Dir einen etwa hundert Quadratkilometer bedeckenden Feengarten, erfüllt von zehntausenden reizender, geschmackvoller Häuschen und hunderten märchenhaft prächtiger Paläste; dazu den berauschenden Duft aller erdenklichen Blumenarten und den Gesang zahlloser Nachtigallen -- dieselben wurden in den ersten Jahren der Gründung des Gemeinwesens aus Europa und Asien importiert, haben sich aber seither unglaublich vermehrt -- und fasse all' das in den Rahmen einer Landschaft, wie sie großartiger und pittoresker kein Teil der Erde aufweist -- so kannst Du Dir, wenn Deine Phantasie lebendig ist, eine matte Vorstellung des Entzückens machen, mit welchem mich diese Wunderstadt erfüllte, und je länger ich sie kennen lerne, mehr und mehr erfüllt. Die Straßen und Plätze, durch die wir kamen, waren ziemlich menschenleer, doch versicherte uns David, daß rings um den Edensee allabendlich bis Mitternacht reges Leben flute. Und auch in zahlreichen Häusern, an denen wir vorbeifuhren, herrschte geräuschvolles, heiteres Treiben. Auf breiten, luftigen Terrassen und in den Gärten rings um dieselben saßen und lustwandelten die Bewohner, zu kleineren oder größeren Gesellschaften vereint; Becherklang, Musik, silberhelles Lachen schlugen an unser Ohr, kurzum, alles deutete darauf hin, daß hier die Abende fröhlichster Geselligkeit geweiht seien.
Nach ungefähr halbstündiger rascher Fahrt langten wir bei der so ziemlich im Centrum der Stadt, nicht weit vom Edensee gelegenen Behausung unserer Gastfreunde an. Die Familie Ney empfing uns in der herzlichsten, liebenswürdigsten Weise, trotzdem aber imponierte die sichere Würde ihres Benehmens selbst meinem stolzen Vater aufs Gründlichste. Insbesondere die Damen des Hauses glichen so sehr verkleideten Prinzessinnen, daß mein Vater sich sofort in den galanten Paladin von unerreichter Ritterlichkeit verwandelte, als welchen Du ihn von den Hoffesten in Rom, London und Wien her kennst. Vater Ney verrät auf den ersten Blick den tiefen, an ernste Arbeit gewöhnten Denker, dem jedoch heitere Sicherheit des Benehmens keineswegs fehlt. Er dürfte, nach seiner sechsundzwanzigjährigen Thätigkeit im Dienste des freiländischen Gemeinwesens zu schließen, mindestens 50 Jahre zählen, seinem Äußeren nach aber würdest Du ihm keine 40 geben. Der jüngere der Söhne, Emanuel, Techniker von Beruf, ist Davids vollkommenes Ebenbild, nur etwas dunkler und kräftiger noch als dieser, der, wie Du wissen wirst, auch gerade kein Schwächling ist. Die Hausfrau, Ellen genannt, eine geborene Amerikanerin, die mir, Dank offenbar den Berichten meines David, sofort mit wahrhaft mütterlichem Wohlwollen begegnete, muß nach dem Alter ihrer Kinder zu schließen, etwa 45 Jahre zählen, macht indessen vermöge ihrer Jugendfrische mehr den Eindruck einer Schwester, als einer Mutter ihrer Kinder. Sie ist von blendender Schönheit, bezaubert aber insbesondere durch die Güte und Geisteshoheit, die ihren Zügen aufgeprägt sind. Als ihre Töchter stellte sie uns drei junge Damen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren vor, von denen jedoch nur eine, Bertha genannt, ihr und den Söhnen ähnlich ist. Diese, das verjüngte Ebenbild ihrer Mutter, verwirrte mich geradezu durch den unsäglichen Reiz ihrer Erscheinung, glich aber so wenig den beiden anderen, Leonore und Klementine, daß ich mich einer Bemerkung hierüber vor David nicht enthalten konnte. »Diese zwei sind auch nicht blutsverwandt mit uns, sondern die Ziehtöchter meiner Mutter; was das zu bedeuten hat, erzähle ich Dir später«, lautete die Antwort.
Da wir -- wie Du begreiflich finden wirst -- von der sechstägigen Eisenbahnreise trotz allen Comforts freiländischer Waggons ziemlich erschöpft waren, baten wir, nach kurzem Geplauder mit unseren herrlichen Wirten, um die Erlaubnis, uns in die uns bestimmten Gemächer zurückziehen zu dürfen. David machte unseren Führer. Nachdem wir von der geräumigen Gartenterrasse aus, auf welcher wir bis dahin geweilt hatten, einen mit einfachem, aber gediegenem Geschmack eingerichteten Gesellschaftsraum und einen stattlichen Speisesaal durchschritten hatten, an welchen sich, wie ich bemerkte, rechts ein großer als Bibliothek dienender Saal und links zwei kleinere Gemächer anschlossen, die, wie mir David auf Befragen mitteilte, seinen Eltern als Arbeitsstuben dienten; betraten wir eine zierliche Vorhalle, von welcher aus eine Treppe in das obere Stockwerk mit den Schlafräumen führte. Hier wies uns unser Führer zwei Schlafzimmer mit gemeinsamem Empfangzimmer an.
Dann ging es an eine kurze Erklärung der mannigfachen, zur Bequemlichkeit der Bewohner dienenden Einrichtungen. »Ein Druck auf diesen Knopf hier, rechter Hand neben dem Thürstock -- demonstrierte David -- bringt den elekrischen Lustre zum Brennen, ein gleicher dort neben dem Nachttischchen den Wandkandelaber oberhalb des Bettes. Hier das Telephon No. 1 ist ausschließlich dem Verkehr im Hause selbst und mit der benachbarten Wachtstube der »Association für persönliche Dienstleistungen« bestimmt; bloßes Klingeln -- so, in diesem Rhythmus -- bedeutet, daß sich Jemand aus der Wachtstube herbemühen möge; alle diese Knöpfe -- sie sind durch die eigentümliche Kerbung kenntlich -- hier und dort an den Wänden, da am Schreibtische und dort neben den Betten, stehen mit dieser Telephonklingel in Verbindung; Sie brauchen sich also aus dem Lehnstuhl, den Sie jetzt inne haben, nachts oder morgens aus dem Bette, in dem Sie ruhen, gar nicht zu erheben, wenn Sie ein Mitglied dieser allezeit dienstbereiten Gesellschaft zu sich citieren wollen. Jedes Telephon und jedes Läutewerk hat seine Nummer in der Wachtstube sowohl, als an einer Tafel im Vestibul, das wir soeben verlassen haben; längstens zwei Minuten, nachdem Sie geklingelt haben, steht der auf dem Flügelrad herbeigeeilte Abgesandte der Gesellschaft zu Ihren Diensten.«
»Das ist eine wunderbare Einrichtung«, bemerkte ich, »die Euch die Annehmlichkeit eines jeden Winkes gewärtigen Kammerdieners gewährt, ohne daß Ihr den Ärger mit in den Kauf nehmen müßtet, den uns Abendländern unsere Kammerdiener bereiten; nur dürfte dieser Luxus ziemlich kostspielig und deshalb nicht allgemein üblich sein.«
»Die Kosten sind sehr bescheiden, gerade weil hier alle Welt Gebrauch von diesen öffentlichen Dienstleistungen macht«, antwortete mein Freund. »Für je 600 bis 800 Häuser ist je eine derartige Wachtstube mit je drei Wachthabenden errichtet; es wird nun jede geforderte Dienstleistung nach der Zeit bezahlt, richtiger gesagt, angerechnet, und zwar, wie dies nun einmal bei uns üblich ist, nach Maßgabe des von unserer Centralbank am Schlusse jedes Bilanzjahres veröffentlichten Durchschnittswertes der Arbeitsstunde. Im abgelaufenen Jahre, wo der Stundenwert 8 Shilling betrug, mußten wir für je 3 Minuten -- denn das ist die Einheit, nach welcher diese Gesellschaft rechnet -- 40 Pfennige bezahlen; wer nun häufig klingelt und die Association stark in Atem erhält, auf den entfällt am Jahresschluß ein stärkerer, wer dies seltener thut, ein geringerer Beitrag: für alle Fälle aber muß die Association auf ihre Kosten, d. h. auf ihre Ausgaben kommen und auf den Verdienst für ihre 9 wachthabenden Mitglieder -- denn die drei Wächter wechseln morgens, mittags und abends. Diese für je eine Wachtstube erforderliche Summe berechnete sich im Vorjahre mit rund 6000 Pfd. Sterling, und da beispielsweise die Zeitrechnungen der sämtlichen 720 Familien unseres Rayons nicht ganz zwei Dritteile dieser Summe ergeben hatten, so wurden die restlichen 2000 Pfd. Sterling nach Maßgabe des von jeder Familie gemachten Gebrauches nachgetragen. Unsere Familie hat verhältnismäßig geringen Bedarf nach den guten Diensten dieser Wachtstuben; wir zahlten z. B. im Vorjahre alles in allem 6 Pfd. Sterling, nämlich 4 Pfd. Sterling direkte Zeittaxen und 2 Pfd. Sterling nachträglichen Zuschlag, denn wir hatten binnen Jahresfrist bloß zweihundertmal 3 Minuten der fraglichen Dienste bedurft.«
»Warum« -- so fragte mein Vater -- »wird in Ihrem Hause verhältnismäßig weniger geklingelt, als anderwärts?«
»Weil unser Haushalt beständig zwei oder drei junge Damen beherbergt, die es sich zur angenehmen Pflicht machen, meinen Eltern all' jene persönlichen Dienste zu leisten, die sich mit der Würde wohlerzogener, gebildeter Frauenzimmer vertragen. Diese -- seit einem Jahre auch von meiner Schwester unterstützten -- Mädchen sind junge Freiländerinnen, wie man sie in jeder freiländischen Familie findet, wo die Hausfrau im Rufe besonderer Intelligenz und feiner Sitte steht -- Sie entschuldigen, daß ich meine Mutter so ohne weiteres zu diesen Auserwählten zähle. Jedes junge Mädchen Freilands rechnet es sich zur besonderen Ehre und zu großem Vorteile an, in einem solchen Hause mindestens für ein Jahr Aufnahme zu erlangen, weil allgemein die Ansicht besteht, daß nichts den Geist und die Sitte heranwachsender weiblicher Geschöpfe mehr veredle, als möglichst intimer Umgang mit hervorragenden Frauen. Selbstverständlich ist, daß derartige junge Damen durchaus wie Kinder vom Hause angesehen und behandelt werden; aber sie leisten ihren Adoptiveltern auch durchweg die nämlichen Dienste, wie aufmerksame, liebevolle Töchter. Vater und Mutter können einen Wunsch kaum im Gedanken fassen, so ist er schon erraten und erfüllt.«
»Ei, das ist ja ganz das Institut unserer königlichen Ehrenfräulein«, meinte lächelnd mein Vater.
»Allerdings; und ich zweifle sehr, ob Ihr Königspaar so gut, und insbesondere ob es so zärtlich betraut ist, wie mein Elternpaar jederzeit von diesen Ziehtöchtern der Mutter, deren seit 18 Jahren -- denn so alt ist diese Einrichtung in Freiland -- nicht weniger als 24 durch unser Haus gegangen sind, die aber sämtlich heute noch in durchaus kindlichem Verhältnisse zu meinen Eltern und in geschwisterlichem zu uns stehen. Unsere gegenwärtigen Ziehschwestern Leonore und Klementine haben Sie soeben kennen gelernt.«
»Sie sagten vorhin«, nahm wieder mein Vater das Wort, »daß Ihr gesamtes Haus -- also vier Damen und drei Herren -- während eines ganzen Jahres bloß zweihundertmal 3 Minuten hindurch die durch diese Klingel citierten dienstbaren Geister in Anspruch genommen hätte; außerdem erwähnten Sie die Dienste der reizenden Ehrenfräulein -- wer aber verrichtet jene gröberen Hantierungen, welche binnen 600 Minuten oder zehn Stunden jährlich kaum der Geist aus Aladins Lampe in einem Hause wie dieses hier zu vollbringen vermöchte. Sie haben, wie mir scheint, etwa zehn bis zwölf Wohnräume; das Estrich ist zwar aus Marmor -- aber sie müssen doch gefegt werden. Ich sehe überall schwere Teppiche, wer reinigt diese? Mit einem Worte, wer verrichtet die gröbere Arbeit in diesem, wie der oberflächlichste Augenschein zeigt, mit peinlichster Sorgsamkeit instand gehaltenen, komfortabel eingerichteten Hause?«
Die nämliche Association, mit deren Wachtstube ich Sie soeben bekannt gemacht habe; nur brauchen wir nicht zu klingeln, um diese, zum regelmäßigen Bedarfe gehörigen Verrichtungen besorgen zu lassen, vielmehr geschieht dieses auf Grund eines vereinbarten Tarifs, ohne daß man sich fernerhin darum zu kümmern hätte, mit einer Pünktlichkeit, die nichts zu wünschen übrig läßt. Die Association besitzt Haus- und Stubenschlüssel der mit ihr in Akkord stehenden Häuser. Zeitlich morgens, wir schlafen meist noch alle, erscheinen geräuschlos ihre Sendlinge, nehmen die zu reinigenden Kleider -- richtiger die zu wechselnden, denn wir Freiländer tragen niemals ein Kleidungsstück an zwei aufeinander folgenden Tagen -- von den Orten, wo sie des Abends hinterlegt wurden, thun die gereinigten an die dazu bestimmte Stelle, bereiten die Bäder -- denn in den meisten freiländischen Häusern hat jedes Familienglied sein besonderes Bad, das täglich genommen wird, es sei denn, daß man ein See- oder Flußbad vorzöge -- reinigen die Vorräume und einen Teil der Stuben, entfernen die Teppiche und sind verschwunden, ohne daß man zumeist auch nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit besitzt. Und zu all dem genügen wenige Minuten. Es wird nämlich fast durchweg mit Maschinen gearbeitet. Sehen Sie jenen kleinen Apparat dort hinten im Korridor? Das ist eine Wasserkraftmaschine, in Gang gebracht durch das Öffnen jenes Hahnes dort, der sie mit der großen, von den Keniakaskaden gespeisten Hochdruckleitung in Verbindung setzt. (In anderen Städten, wo Wasserdruck bis zu 35 Atmosphären nicht so leicht zu beschaffen ist, thun elektrische oder atmosphärische Kraftleitungen den nämlichen Dienst.) Hier die stählerne Welle in der mit dem zierlichen Gitter verdeckten Höhlung am Boden, und dort oben am Plafond die broncene, die dem Gestänge zum Aufhängen der Spiegel und Bilder zum Verwechseln ähnlich sieht -- es sind alles Transmissionen, welche die Bewegung der Wassermaschine in jeden Raum des ganzen Hauses, von den Kellern angefangen bis zu den Gelassen unter dem Dache, übertragen. Und dort in jener Kammer findet sich eine Anzahl von Maschinen, deren Bedeutung ich Ihnen schwer erklären kann, wenn Sie sie nicht in Funktion sehen. Eine Reihe anderer Geräte führen die 3-4 Leute der Association bei ihren Besuchen mit sich, und wenn diese Maschinen mit dem Gestänge da oben oder da unten in Verbindung gebracht sind und der Hahn des Wassermotors geöffnet wird, so ist solch ein Raum im Handumdrehen gefegt, gewaschen, die schwerste Last an ihren Ort gebracht, kurz alles mit Zauberschnelle geräuschlos verrichtet, was Menschenhände nur langsam und meist mit unangenehmem Gepolter zuwege brächten.