Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Part 17

Chapter 173,357 wordsPublic domain

Auch der Außenhandel vermag daran nichts zu ändern; denn für die Dinge, die man ausführt, muß man doch irgend etwas -- sei es nun ein Genußmittel, ein Arbeitsinstrument, bares Geld oder sonst ein Gut -- wieder einführen, und für dieses eingeführte Etwas muß man Verwendung haben, was jedoch, wenn der Konsum fehlt, unmöglich ist, da in diesem Falle auch importierte so wenig als im Inlande erzeugte Dinge Verwendung finden können. Allenfalls könnte man noch jene Güter, die man erzeugt, ohne weder sie selber noch etwas anderes an ihrer Statt gebrauchen zu können, dem Auslande leihweise überlassen; aber das hängt wieder davon ab, ob das Ausland Verwendung für solche im Inlande unverwendbare Überschüsse hat, und da dies natürlich in der Regel ebenso wenig der Fall ist, so bleibt es ein für allemal dabei: Jedes Volk vermag nur so viel zu erzeugen, für wie viel es Verwendung hat und die Höhe seines Reichtums ist daher bedingt durch die Höhe seiner Bedürfnisse.

Natürlich ist hier nur von jenen Völkern die Rede, deren Kultur so weit vorgeschritten ist, daß der Verwendung hochentwickelter Arbeitsinstrumente nicht ihre Unwissenheit, sondern lediglich ihre socialpolitische Hülflosigkeit im Wege steht. Für diese aber gilt ihrem vollen Umfange noch die Wahrheit, daß sie arm sind lediglich aus dem Grunde, weil sie sich nicht satt essen _dürfen_ und daß die Zunahme ihres Reichtums durch nichts anderes bedingt ist, als durch das Ausmaß der Energie, mit welcher die arbeitenden Klassen sich gegen ihr Elend aufbäumen. Die Engländer und Amerikaner _wollen_ Fleisch essen, sie lassen ihren Arbeitslohn nicht so weit herabdrücken; das ist der einzige Grund, warum England und Amerika mehr Maschinen verwenden, als China und Rußland, wo sich das Volk mit Reis oder Kartoffeln begnügt; wir in Freiland aber haben es zuwege gebracht, unseren arbeitenden Klassen den Genuß des ganzen Ertrages ihrer Arbeit zu sichern, dieser Ertrag mag noch so hoch wachsen -- was ist selbstverständlicher, als daß wir so viel Maschinen verwenden, als unsere Techniker nur immer zu ersinnen vermögen.

Nichts kann auf die Dauer der Wirksamkeit dieses obersten Gesetzes der Volkswirtschaft widerstehen. Die Produktion ist einzig um des Konsums Willen da und muß daher -- das hätte man sich längst sagen sollen -- in ihrem Maße sowohl als in der Art ihres Betriebes vom Ausmaße des Konsums abhängen. Und wenn morgen ein mutwilliger Kobold all unseren Reichtum, all unsere Maschinen über Nacht nach irgend einem europäischen Lande versetzte, dabei aber diesem Lande unsere socialen Institutionen nicht mit als Angebinde brächte, so wäre dieses Land damit so gewiß nicht um eines Hellers Wert reicher als zuvor, als es gewiß ist, daß China nicht reicher würde, wenn man die Reichtümer Englands und Amerikas dahin versetzte, ohne den chinesischen Arbeitern mehr als abgebrühten Reis zur Nahrung und mehr als ein Lendentuch zur Kleidung zu gewähren. Gleichwie in diesem Falle die englischen und amerikanischen Maschinen in China sofort zu nutzlosem alten Eisen würden, ebenso erginge es in jenem Falle unseren Maschinen in Europa oder Amerika. Und gleichwie umgekehrt die Engländer und Amerikaner das ihnen durch Koboldstücke nach China verzauberte Maschinenkapital -- beharrten ihre arbeitenden Klassen nur bei ihren derzeitigen Lebensgewohnheiten -- sehr rasch wieder ersetzen und damit die frühere Stufe ihres Reichtums wieder erklommen haben würden, so könnte es auch uns nicht schwer fallen, zu wiederholen, was wir einmal vollbracht, nämlich uns neuerlich in den Besitz all jener Reichtümer zu setzen, die _unseren_ Lebensgewohnheiten entsprechen. Denn diese letzteren, die socialen Einrichtungen Freilands, sind die wahre und einzige Quelle unseres Reichtums: daß wir sie _gebrauchen_ können, ist der Seinsgrund unserer ganzen Maschinenkraft.

Diese Kraft aber, wir fassen hier überall unter dem Sammelbegriff Maschine alles zusammen, was einerseits kein freies Geschenk der Natur, sondern Erzeugnis menschlichen Fleißes, und anderseits dazu bestimmt ist, die Ergiebigkeit menschlicher Arbeit zu steigern -- diese Kraft ist in Freiland zu kollosalen Dimensionen erwachsen. Unser Eisenbahnnetz -- die oben genannten Linien umfassen bloß die vier großen, dem Außenhandel dienenden Bahnen -- hat eine Gesamtausdehnung von 575000 Kilometer erreicht, wovon allerdings bloß 180000 Kilometer Hauptbahnen, während nahezu 400000 Kilometer landwirtschaftliche und industrielle Schienenanlagen sind. Unser Kanalsystem dient hauptsächlich Be- und Entwässerungszwecken und die Ausdehnung seines in unzähligen tausenden von Adern und Äderchen sich verzweigenden Netzes entzieht sich jeder Berechnung; schiffbar aber sind diese Kanäle in einer Länge von 57000 Kilometern. Außer den bereits erwähnten Passagierschiffen schwimmen auf allen Meeren nahezu 3000 unserer Frachtendampfer mit einem Laderaume von 15 Millionen Registertonnen; auf den Seen und Flüssen Afrikas besitzen wir 17800 größere und kleinere Dampfer von insgesamt 5½ Millionen Tonnen. Die motorische Kraft aber, die all diese Verkehrsmittel und die zahllosen Maschinen unserer Landwirtschaft und unserer Fabriken, unserer öffentlichen und privaten Anlagen, in Bewegung erhält, beträgt nicht weniger als 245 Millionen indizierter Pferdekräfte, d. i. reichlich das Doppelte der mechanischen Kraft, über welche derzeit die ganze übrige Welt verfügt. Es kommen sohin in Freiland nahezu 9½ Pferdekraft mechanischer Arbeitsenergie auf den Kopf der Bevölkerung, und da eine indizierte Pferdekraft die Leistungsfähigkeit von 12 bis 13 Männern entwickelt, so ist der Arbeitseffekt der nämliche, als ob jeder Freiländer Kopf für Kopf ungefähr 120 Sklaven zu seiner Verfügung hätte. Was Wunder, daß wir ein Herrendasein zu führen vermögen, trotzdem es in Freiland keine menschlichen Knechte gibt.

Der Wert jener ungeheuren Investitionen aller Art läßt sich angesichts der wunderbaren Durchsichtigkeit unseres ganzen wirtschaftlichen Getriebes auf Heller und Pfennig berechnen. Das freiländische Gemeinwesen als solches hat in den 25 Jahren seines Bestandes in runder Summe 11 Milliarden zu Investitionszwecken ausgegeben; der Aufwand durch Vermittlung der Associationen und einzelner Individuen (letztere allerdings bloß mit relativ verschwindenden Ziffern vertreten) hatte 23 Milliarden -- alles Pfund Sterling -- betragen, so daß die Gesamtinvestitionen einen Reichtum von 34 Milliarden repräsentieren, durchweg vorzüglich rentierendes Kapital, trotzdem, oder richtiger gerade weil es keinen bestimmten Herrn hat, denn eben diese Herrenlosigkeit der gesamten Produktionskapitalien ist die Ursache, daß jede Arbeitskraft sich jener Betriebsmittel bedienen kann, durch deren Anwendung sie jeweilig die höchsten Erträge zu erzielen vermag. Jeder Freiländer ist Mitbesitzer dieses ganzen ungeheueren Reichtums, von welchem -- den unschätzbaren Wert des Kulturbodens gar nicht gerechnet -- auf den Kopf der Gesamtbevölkerung rund 1300 Pfd. Sterl., auf die Familie rund 6000 Pfd. Sterl. entfallen. Wir sind also in diesen 25 Jahren allesamt gewissermaßen ganz behäbige »Kapitalisten« geworden; »Zinsen« trägt uns dieses Kapital allerdings nicht, dafür aber verdanken wir ihm den Arbeitsertrag von 7 Milliarden, der, umgerechnet auf die 26 Millionen Seelen Freilands, rund 270 Pfd. Sterl. per Kopf ergibt.

Ehe wir jedoch einer Schilderung des auf Grundlage dieser Fülle von Reichtum und Kraft sich entwickelnden Lebens Freilands Raum geben, wird es notwendig sein, in kurzen Zügen einen Abriß der freiländischen Geschichte während der letzten 20 Jahre zu bieten.

Wir sind im vorigen Abschnitte bis zur Eröffnung der ersten Schienenverbindung mit dem indischen Ozean auf der einen Seite und bis zu dem Feldzuge gegen Uganda und der damit beginnenden Besiedelung der Uferlandschaften des Ukerewe anderseits gelangt. Die Aufmerksamkeit unserer Forscher war von da ab zunächst auf das hochinteressante Gebirgsland nördlich und nordwestlich vom Baringosee gerichtet, wo insbesondere das Gebiet des nahezu 4300 Meter hohen, an der Grenze Ugandas gelegenen Elgon ihren Eifer nach mehr als einer Richtung herausforderte. Hier war ersichtlich ein großes, den Kenia- und Aberdarebergen an Fruchtbarkeit, klimatischen Vorzügen und landschaftlicher Schönheit ebenbürtiges Feld zukünftiger Besiedelung vorhanden. Die Aussicht vom Gipfel des Elgon übertraf sogar, was Mannigfaltigkeit der gebotenen Eindrücke anlangt, alles bisher Gesehene; im Südosten reichte der Blick bis zu der meerartig sich in unabsehbarer Ferne verlierenden Fläche des Ukerewe; im Norden ragten, 65 Kilometer entfernt, die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Lekakisera gen Himmel; im Osten streifte das Auge über mächtige Waldgebirge, während im Westen sich endlos das lachende Hügelland von Uganda erstreckte.

Doch unaufhaltsam weiter drangen unsere Pioniere; Platz war zwar noch im Überfluß an den alten Wohnsitzen vorhanden; aber der Forschungstrieb in Verbindung mit dem Zauber der Neuheit, der die ferner liegenden Landschaften umgab, lockte stets neue Scharen tiefer und tiefer hinein in den »dunklen Erdteil«. Nachdem die Ufer des Ukerewe nichts Unbekanntes mehr boten, drangen unsere Pfadfinder in die Urwaldungen der Zwischenseegebirge gegen den Muta-Nzige und Albertsee. Hier stießen wir zum ersten Mal auf menschenfressende Stämme, deren Bändigung keine geringe Arbeit bot und auch keineswegs ganz ohne Blutvergießen abging. Am Albert-Njanza angelangt, dessen Ostufer meist kahl und unwirtlich sind, erblickte man von jenseits verführerisch die Mondberge, deren höchste, 4000 Meter überragende Gipfel in der kühlen Jahreszeit häufig eine Schneedecke zeigen und von deren malerisch gegen den See abfallenden Hängen zahlreiche Katarakte von ganz unglaublicher Fallhöhe und gewaltigem Wasserreichtum zur Tiefe stürzen, angenehme Rückschlüsse auf die Beschaffenheit ihrer Quellgebiete gestattend. Selbstverständlich blieben sie nicht lange unbesucht und der Ruf der neuen Wunder großartiger Naturpracht, die dort gefunden wurden, lenkte bald den Schritt vieler Hunderttausende dahin. Auch dort gab es Kämpfe mit anthropophagen Stämmen, die zum Teil heute noch ihren schlimmen Gewohnheiten im Geheimen fröhnen. Von hier aus wandten sich die Pioniere mehr südwärts, überall die Gebirgszüge als Heerstraße benutzend. Vor sechs Jahren langten unsere ersten Vorposten am Tanganika an, wo sie mit Vorliebe die sich im Westen erhebenden Höhenzüge wählten, welche stellenweise den 900 Meter über dem Meere gelegenen Seespiegel um 1500 Meter überragen; jetzt sitzen schon Hunderttausende in den lieblichen Uferlandschaften dieses wenn auch nur zweitgrößten, so doch weitaus längsten der Äquatorialseen. Der Tanganika hat nicht ganz den halben Flächeninhalt des Ukerewe, er ist nirgends so breit, daß ein gutes Auge nicht die jenseitigen Uferberge zu sehen vermöchte; seine Länge aber beträgt 580 Kilometer, also ziemlich genau drei Vierteile derjenigen des adriatischen Meeres, und der schnellste von den 286 Dampfern, die ihn derzeit für unsere Rechnung befahren, braucht nahezu 24 Stunden, um von seinem Nordende zum Südende zu gelangen.

Jetzt war aber auch die Zeit gekommen, wo wir mehr und mehr mit europäischen, resp. unter europäischem Einfluß stehenden Kolonien in unmittelbare Berührung gerieten. Im Süden und Osten stießen wir auf deutsche und englische Interessensphären, im Nordosten teils direkt, teils indirekt auf französische und italienische, im Norden auf ägyptische, im Westen an den mächtig aufstrebenden Kongostaat. Dabei waren die sich ergebenden Wechselbeziehungen zwar überall von den besten, entgegenkommendsten Absichten geleitet, es tauchte aber doch eine Menge von Fragen auf, die nachgerade dringend einer endgültigen Lösung bedurften. Für die benachbarten Kolonien stellte sich nämlich der Übelstand heraus, daß sie nirgend die unmittelbare Nähe freiländischer Ansiedelungen auf die Dauer zu ertragen vermochten; ihre Bevölkerung wurde von uns angezogen, wie Eisenfeilstäbchen durch einen Magnet; wo sich eine freiländische Association in der Nähe etablierte, blieb von fremden Kolonien binnen kürzester Frist nichts übrig, als die verödeten Wohnstätten, die verlassenen Plantagen; die Kolonisten waren zu uns übersiedelt und Freiländer geworden. Dagegen konnten die fremden Regierungen nichts thun, wollten es wohl auch nicht, da doch das Interesse ihrer Unterthanen dabei wahrlich nicht schlecht fuhr; aber mit Rücksicht auf die Machtstellung ihrer betreffenden Länder mußte ihnen diese Unmöglichkeit, sich in unserer Nähe zu behaupten, unbequem werden und sie zum Nachdenken anregen.

Doch auch wir mußten die Frage in Erwägung ziehen, was denn geschehen werde, wenn freiländische Ansiedler irgendwo fremdes, einem abendländischen Volke gehöriges Gebiet betreten sollten. Bisher hatten wir dies absichtlich vermieden; auf die Dauer war es jedoch unvermeidlich. Was würde dann geschehen? Sollten wir, im Besitze der stärkeren Civilisationsform, vor der zurückgebliebenen zurückweichen? Konnten wir es, selbst wenn wir wollten? Freiland ist kein Staat im gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes; sein Wesen liegt nicht in der Herrschaft über ein bestimmtes Territorium, sondern in seinen socialen Einrichtungen; diese sind an sich mit fremden Regierungsformen ganz gut vereinbar, und wir mußten im Interesse friedlichen Zusammenlebens mit unseren Nachbarn bestrebt sein, diesen Einrichtungen gesetzliche Anerkennung -- zunächst in den benachbarten Kolonialgebieten -- zu verschaffen.

Und nicht bloß auf dem afrikanischen Kontinente, sondern auch in den anderen Weltteilen häuften sich die einer Erledigung dringend bedürftigen »Fragen« zwischen uns und unterschiedlichen Regierungen. Wir mengten uns zwar grundsätzlich nicht in die politischen Angelegenheiten des Auslandes, aber für unser Recht und unsere Pflicht hielten wir es, aus der Fülle unseres Reichtums und unserer Macht unseren notleidenden Brüdern, in welchem Teile der bewohnten Erde immer, beizuspringen. Freiländisches Geld war überall zur Hand, wo es galt, irgend welche Not zu lindern, den Enterbten und Elenden in welchem Winkel der Erde immer gegen Ausbeutung Hülfe zu bringen. Unsere Anmeldebureaux und Schiffe standen jedermann zur unentgeltlichen Verfügung bereit, der sich aus dem Jammer der alten Weltordnung zu uns herüberretten wollte, und wir ließen es an Bemühungen nicht fehlen, die Segnungen unserer Einrichtungen unseren leidenden Mitbrüdern in stets ausgedehnterem Maße zugänglich zu machen. Das alles betrachteten wir, wie gesagt, als unsere Pflicht und unser Recht zugleich; wir waren daher nicht gesonnen, uns in der Ausübung dieser Mission durch den Einspruch ausländischer Machthaber beirren zu lassen. Damit aber gerieten wir -- auf die Dauer ließ sich das unmöglich verkennen -- mehr und mehr in Kollision mit den Anschauungen einzelner europäischer und asiatischer Regierungen. Zwar im demokratischen Westen Europas, in Amerika und Australien sprach die öffentliche Meinung zu mächtig zu unseren Gunsten, als daß von dorther irgendwelcher -- und sei es auch bloß passiver -- Widerstand unseren Bestrebungen gegenüber zu besorgen gewesen wäre; anders aber verhielt es sich in einzelnen Staaten des Ostens, und insbesondere seitdem unsere Mittel und mit diesen unsere propagandistische Thätigkeit die kolossalen Dimensionen der letzten Jahre erreicht hatten und eine stetige Zunahme voraussehen ließen, begann man sich hie und da ganz ernstlich mit der Frage zu beschäftigen, ob und durch Anwendung welcher Mittel es thunlich wäre, freiländischem Gelde und freiländischem Einflusse die Wege zu verlegen. Zwar scheuten einstweilen jene Regierungen noch den offenen Bruch mit uns, teils aus Rücksicht auf die auch bei ihnen sich geltend machende öffentliche Meinung, teils aus Respekt vor den gewaltigen finanziellen Hülfsmitteln, über welche wir verfügten. Man wollte uns nicht gerne zu erklärten Feinden haben, aber man wollte freiländische Geldsendungen und deren Zwecke kontrollieren und die Auswanderung nach Freiland einschränken.

Wir waren nun durchaus nicht gewillt, derartigen Bestrebungen mit verschränkten Armen zuzusehen; das Recht, unseren geknechteten Mitmenschen beizuspringen oder ihnen die Zuflucht nach Freiland offen zu halten, waren wir fest entschlossen, zu verteidigen, so weit unsere Kräfte reichten, und Niemand in Freiland zweifelte daran, daß wir stark genug seien, um die Absperrungsgelüste der fremden Machthaber im Notfalle gewaltsam niederzuschlagen. Nur war man in Freiland ebenso einig darüber, daß zuvor jedes erdenkliche friedliche Mittel versucht werden müsse, ehe man an die Waffen appellieren dürfe. Und die Schwierigkeit einer unblutigen Einigung lag eben darin, daß ersichtlich im Punkte der Anschauungen über die kriegerische Stärke Freilands ein Gegensatz zwischen unserer freiländischen und der außerfreiländischen öffentlichen Meinung bestand; während wir -- wie gesagt -- der Überzeugung waren, jedem Militärstaate der Welt, ja selbst mehreren zugleich durchaus gewachsen zu sein, hielten uns insbesondere jene Regierungen, mit denen wir diesfalls zu thun hatten, für militärisch durchaus ohnmächtig. Wir mußten also darauf gefaßt sein, daß eine eventuell drohende Sprache unserer Bevollmächtigten gar nicht ernst genommen werden dürfte und daß gerade deshalb jeder Versuch, unseren Standpunkt energisch zu vertreten, nur durch einen thatsächlichen Krieg den erforderlichen Nachdruck erlangen könnte. Und ein Krieg war es denn auch, der unseren Standpunkt allenthalben im Auslande zur Geltung bringen sollte, nur allerdings nicht ein Krieg mit einer europäischen oder asiatischen, sondern ein solcher mit einer afrikanischen Großmacht, ein Krieg zudem, der mit den soeben erörterten Fragen höchstens indirekt etwas gemein hatte, trotzdem aber auch diese zur Entscheidung brachte.

Wie dies kam, darüber sollen die in den nachfolgenden Kapiteln mitgeteilten Briefe Aufschluß geben. Dieselben haben den Prinzen Carlo Falieri, einen jungen italienischen Diplomaten zum Verfasser, der nachmals nach Freiland übersiedelte, in jener Zeit jedoch, von welcher die Briefe handeln, im Auftrage seiner Regierung Edenthal aufsuchte. Zugleich werden diese Korrespondenzen ein lebhaftes Bild der freiländischen Zustände und der Lebensweise im fünfundzwanzigsten Jahre der Gründung bieten.

14. Kapitel.

Edenthal, den 12. Juli ..

Ich schreibe Dir diese Zeilen nach mehrmonatlichem Stillschweigen aus der Hauptstadt von Freiland, die mich und meinen Vater seit einigen Tagen beherbergt. Was uns ins Land der socialen Freiheit gebracht hat? Du weißt, oder weißt vielleicht auch nicht, daß meine Chefs auf Monte Citorio sich in letzter Zeit gegen den braunen Napoleon an der Ostküste Afrikas, den Negus Johannes V. von Abyssinien, keinen Rat mehr wissen, und da ihnen solcher von unseren guten Freunden in London und Paris, wo man sich in gleichen Nöten befindet, auch nicht erteilt werden kann, so einigten sich die drei westmächtlichen Kabinette schließlich dahin, gegen die gemeinsame afrikanische Krankheit ein afrikanisches Heilmittel zu suchen; diesem nachzuspüren sind wir nun hier, von seiten Englands die Herren Lord Elgin und Sir Bartelet, von seiten Frankreichs Mrs. Charles Delpart und Henri de Pons, von seiten unseres Italien Principe Falieri und dessen Sohn, meine Wenigkeit nämlich. Beauftragt sind wir insgesamt, den Freiländern nahezulegen, daß es in ihrem wie in unserem gemeinsamen Besten gelegen wäre, wenn sie ihr Land zum Kriegsschauplatze gegen Abyssinien hergeben wollten.

Der Negus nämlich, der uns Europäern, die wir Besitzungen an den afrikanischen Küsten des Roten Meeres und südlich der Straße von Bab-el-Mandeb unser eigen nennen, auch bisher schon viel zu schaffen machte und gelegentlich des letzten Krieges die verbündeten englisch-französisch-italienischen Armeen in Schach hielt, ja ohne die Intervention unserer Flotten denselben um ein kleines das Schicksal jenes ägyptischen Heeres bereitet hätte, welches nach biblischen Berichten vor 3300 Jahren im Roten Meere ertränkt wurde, der Negus, sage ich, hat den fünfjährigen, für uns nicht gerade rühmlichen Frieden -- offenbar mit Hülfe gewisser guter Freunde in Europa -- dazu benützt, um seine auch vorher schon Achtung gebietende Armee vollkommen nach abendländischem Muster zu organisieren. Er besitzt jetzt 300000 Mann, durchweg mit Waffen bester, modernster Konstruktion versehen, eine vorzügliche Kavallerie von mindestens 40000 Köpfen, und eine Artillerie von 106 Batterien, die es, unseren Militärbevollmächtigten zufolge, mit jeder europäischen an Tüchtigkeit aufnehmen soll. Die Absichten aber, die Johannes mit diesen für das arme Abyssinien geradezu ungeheuerlichen Rüstungen verfolgt, können -- insbesondere nach den Erfahrungen des vergangenen Lustrums -- nicht zweifelhaft sein. Er will uns und den Engländern die Küstenplätze am Roten Meere, den Franzosen ihr Gebiet südlich von Bab-el-Mandeb abnehmen. Unsere Küstenfestungen und Flotten werden dies auf die Dauer nicht verhindern, falls es uns nicht gelingt, die Abyssinier in offener Feldschlacht zu schlagen. Wie aber Armeen, die der reorganisierten abyssinischen gewachsen wären, an jenen unwirtlichen Küsten erhalten, wie einen Feldzug mit dem Meere als einziger Rückzugslinie gegen einen Feind wagen, dessen furchtbare Offensivkraft wir auch bisher schon sattsam kennen gelernt haben? Und doch muß dem Negus begegnet werden, koste es, was es wolle, da mit dem Preisgeben der Küstenorte die Verbindung mit Ostasien und dem seit den letzten zwei Dezennien in die erste Linie des Welthandels gerückten Ostafrika für alle europäischen Mächte verloren wäre. Ist uns doch nur zu wohl bekannt, daß Johannes V. sich diesbezüglich mit den weitestgehenden Plänen trägt. Heute schon werben seine Agenten in Griechenland, Dalmatien und selbst in Nordamerika Matrosen zu Tausenden, die offenbar bestimmt sind, eine Kriegsflotte zu bemannen, sowie der Besitz der Küstenpunkte es den Abyssiniern ermöglicht, eine solche zu halten. Ob er diese Flotte im Auslande kaufen, oder selber bauen will, ist annoch ein Rätsel. Wäre ersteres der Fall, so könnte es den Nachforschungen der von dieser Zukunftsflotte bedrohten Mächte unmöglich entgehen; aber keine der bekannten Schiffswerften der Welt hat derzeit Kriegsfahrzeuge unbekannter Bestimmung in Bau. Soll die abyssinische Flotte aber am Roten Meere gebaut werden, erst nachdem dessen Küsten in abyssinische Gewalt geraten sind, wozu braucht der Negus jetzt schon die vielen Matrosen? Keineswegs ist dieses Geheimnis geeignet, über die Endabsichten Abyssiniens zu beruhigen -- kurzum, man hat in London, Paris und Rom beschlossen, den Stier an den Hörnern zu fassen und gegen den ostafrikanischen Eroberer offensiv vorzugehen. Die drei Kabinette wollen gemeinsam ein Expeditionskorps von mindestens 300000 Mann ausrüsten, und mit diesem sofort nach Ablauf des fünfjährigen Friedens -- das wäre also Ende September dieses Jahres -- gegen Abyssinien vorgehen. Als Operationsbasis aber sind diesmal nicht unsere eigenen Küstenorte -- sondern Freiland ausersehen. Dieses würde den verbündeten Armeen eine gesicherte Verpflegungs- und Rückzugslinie gewähren, und Aufgabe von uns Diplomaten ist es nun, die freiländische Verwaltung für dieses Projekt zu gewinnen. Wir verlangen nichts, als passive Mitwirkung, d. h. freien Durchzug für unsere Truppen. Ob unsere Instruktionen dahin gehen, diese passive Assistenz im Notfalle zu erzwingen, weiß ich nicht, denn nicht ich, bloß mein Vater ist eingeweiht in die letzten Hintergedanken der Leiter unserer auswärtigen Politik, und wenn meine bekannte Schwärmerei für dies Land der Socialisten unsere Regierung auch nicht hinderte, mich meinem Vater beizugeben, so vermute ich doch, daß mir die intimeren Geheimnisse unserer Diplomatie vorenthalten werden.