Freiland: Ein sociales Zukunftsbild
Part 16
»Was ließ sich da machen? Wir mußten unser Plänchen so einkleiden, daß den freiländischen Arbeitern ganz von selbst die Lust verginge, sich zu beteiligen. Aber auch allzu plump durfte anderseits die Sache nicht gemacht werden, sonst witterten die Leute am Ende doch Unrat, oder beteiligten sich vielleicht gar aus purer Menschenliebe, um unserer Thorheit mit gutem Rat zu Hilfe zu kommen. Schließlich einigten wir uns dahin, eine Nähnadelfabrik zu errichten; eine solche war nach der ganzen Geschäftslage offenbar unrentabel, der Plan klang aber doch nicht allzu abenteuerlich, um uns Neugierige an den Hals zu ziehen. Wir konstituierten uns also und hatten in der That die Genugthuung, vorläufig außer zwei Dummköpfen, welche die Nähnadelfabrikation aus irgend einem Grunde für ein gutes Geschäft halten mochten, und mit denen fertig zu werden, nicht allzu schwer fallen konnte, keine Genossen zu erhalten. Jetzt handelte es sich um die Festsetzung des Gründungskapitals, will sagen um die Höhe des bei der Centralbank zu fordernden Kredits. Natürlich hätten wir am liebsten gleich eine Million Pfd. Sterling verlangt; das ging aber nicht, da wir, wie gesagt, angeben mußten, wozu wir das Geld brauchten und eine Nähnadelfabrik für 48 Arbeiter doch unmöglich so viel verschlingen durfte, ohne uns sofort eine ganze Legion von Untersuchungsrichtern in Gestalt beitretender Arbeiter auf den Nacken zu setzen. Wir beschränkten uns also notgedrungen auf 130000 Pfd. Sterling, was zwar auch einiges Aufsehen erregte, von uns aber damit motiviert wurde, daß die neuartigen Maschinen, die wir anzuwenden gedächten, sehr teuer wären.
»Jetzt kam aber die Hauptsorge; wie sollten diese 130000 Pfd. Sterling oder doch der größte Teil derselben in unsere Taschen geleitet werden? Mich hatten unsere Jungens zum Direktor der »ersten Edenthaler Nähnadel-Fabriks-Association« gewählt und als solcher begab ich mich anderntags zu der Bank, um uns dort unser Konto eröffnen zu lassen und gleichzeitig alle erforderlichen Informationen einzuholen. Der Kassierer versicherte mir zwar auf Befragen, daß alle von mir angewiesenen Auszahlungen ohne weiteres durchgeführt werden sollten, als ich aber daraufhin um ein »kleines Akonto« von einigen tausend Pfunden bat, fragte er mich verwundert, was es damit solle. »Je nun, wir müssen doch gewisse kleine Zahlungen leisten.« -- »Unnötig«, war die Antwort, »alle Zahlungen werden hier bei der Bank ausgeglichen.« -- »Ja, aber wovon soll denn ich mit meinen Leuten inzwischen, bis die Nähnadelfabrik zu arbeiten anfängt, leben?« fragte ich gereizt. »Nun, von Ihrer Arbeit bei anderen Unternehmungen, oder von Ihren Ersparnissen, wenn sie welche haben. Auch an Kredit wird es Ihnen nirgend fehlen -- wir aber, die Centralbank -- geben bloß Produktivkredite; was Sie verzehren, können wir Ihnen nicht vorstrecken.«
»Da standen wir nun mit unserem Kredite von 130000 Pfd. Sterling und fingen an zu begreifen, daß derselbe doch nicht so leicht davonzutragen sei. Allerdings konnten wir bauen lassen und bestellen, so viel und was wir wollten. Was hatten wir aber davon, Geld auf unnütze Dinge auszugeben?
»Das ärgerlichste war, daß wir ehrlich zu arbeiten beginnen mußten, wollten wir das allgemeine Mißtrauen nicht doch schließlich gegen uns erwecken, und so traten wir denn verschiedenen Unternehmungen bei. Überwunden aber wollten wir uns noch immer nicht geben und nach reiflichem Nachdenken fiel mir folgendes als die allein mögliche Methode des von uns geplanten Schwindels ein. Die Centralbank vermittelt zwar alle Käufe und Verkäufe, hindert aber, wie ich bald herausbekam, den Käufer oder Besteller nicht im geringsten in der Wahl der ihm passend erscheinenden Güter. Wir hatten also das Recht, für unsere Nähnadelfabrik Maschinen in Europa oder Amerika bei beliebigen Fabrikanten zu bestellen, für welche dann die Centralbank Zahlung leisten würde. Wir mußten also bloß mit einer geeigneten europäischen oder amerikanischen Schwindelfirma in Verbindung treten und den zu erzielenden Nutzen mit dieser teilen, um schließlich doch eine recht ansehnliche Beute wegtragen zu können.
»Aber zugleich mit diesem Auskunftsmittel fiel mir auch ein, wie grenzenlos dumm es wäre, von demselben Gebrauch zu machen. Sehr viel, das leuchtete mir ein, war mit demselben nicht zu gewinnen; aber selbst wenn es möglich gewesen wäre, für jeden Einzelnen von uns ein Vermögen herauszuschwindeln, hatte ich doch die Lust verloren, Freiland wieder zu verlassen. Die Rechnung stand für alle Fälle zu ungleich. Ich war in ehrlicher Arbeit ein Neuling und sonderliche Anstrengungen sagten meinem damaligen Geschmack nicht zu; trotzdem hatte ich es auf einen Tagesverdienst von 12 Shillingen gebracht, das sind 180 Pfd. Sterling im Jahr, mit denen sich hier mindestens so gut leben ließ, wie mit dem Doppelten in Amerika oder England; selbst wenn ich in der bisherigen Weise, gleichsam bloß, um mir die Langeweile zu kürzen, fortarbeitete, mußte sich dieses Einkommen sehr bald steigern, ich konnte hier schlimmstenfalls ein Leben führen, wie da draußen im Besitze einer Jahresrente von 400-500 Pfd. Sterling; auch nur annähernd so viel zu stehlen, war nun nicht die geringste Aussicht vorhanden. Doch wenn auch! Ich wäre doch nicht weggegangen. Erstlich weil es mir hier zu gut gefiel; der Umgang gleich und gleich mit anständigen Menschen hat etwas Lockendes selbst für Spitzbuben, wie ich damals einer war. Und dann -- es kam mir damals komisch vor -- begann ich mich meines Gaunertums zu schämen. Auch die Spitzbuben haben ihre Ehre. Da draußen, wo _Jeder_ dem Nebenmanne das Fell über die Ohren zieht, wenn er nur kann, erachtete ich mich im Wesen nicht schlechter, als die sog. ehrlichen Leute; ich hielt mich nicht so genau an das Gesetz, als diese, das war aber auch der ganze Unterschied. Auf der Jagd nach dem lieben Nebenmenschen befinden sie sich da draußen Alle; daß ich ohne Jagdkarte zu jagen mir erlaubte, beschwerte mir das Gewissen nicht sonderlich, umsoweniger, da ich doch nur die Wahl hatte, zu jagen, oder gejagt zu werden. Hier aber jagte Niemand dem Nebenmenschen das Seine ab, hier mußte sich jeder Gauner selber gestehen, daß er schlechter sei, als die Anderen alle, und zwar ein schlechter Kerl ohne Not, aus purer Freude am Schlechten. Und wenn man dabei noch den Reiz der Gefahr gehabt hätte, der da draußen die Jagd mit einer gewissen Poesie umgiebt! aber auch davon keine Spur! Nicht einmal verfolgt hätten uns die Freiländer, wenn wir uns mit der erschwindelten Beute aus dem Staube gemacht hätten; sie hätten uns laufen lassen wie räudige Hunde. Nein, hier wollte und konnte ich kein Spitzbube sein. Ich rief die Genossen zusammen, um ihnen anzuzeigen, daß ich meine Würde als ihr Anführer niederlege, mich überhaupt von der Kompagnie lossage und es hier mit anständiger Arbeit versuchen wolle. Nicht einer war, der mir nicht zugestimmt hätte. Zwar mit der Arbeitslust sah es bei einigen noch windig aus, aber hier bleiben wollten sie Alle. Ein besonders zäher Kerl warf zwar die Frage auf, ob es, da wir doch einmal so hübsch beisammen seien, wie später wohl nicht wieder, nicht vielleicht doch ganz nett wäre, ein paar Tausend Pfund herauszuschwindeln und dann erst ehrliche Leute zu werden; aber schon bedurfte es des Hinweises auf die Haftpflicht der Associationsmitglieder für die von ihnen kontrahierten Kredite nicht, um den Vorschlag dieses Nachzüglers unserer ehemaligen Gaunerei zu beseitigen. Nicht bloß hier bleiben, sondern ehrlich werden wollten sie, diese hartgesottenen Schelme, die wenige Wochen früher ehrlich und dumm als gleichbedeutende Worte zu gebrauchen pflegten. So kam's, daß das feine Plänchen, an welchem die »smartesten fellows« von Neu-England ihren Witz erschöpft hatten, klanglos fallen gelassen wurde und wenn ich gut berichtet bin, so hat nachher keiner von uns 46 je zu ernstlicher Klage Anlaß gegeben.«
Der zweite, vor die Gesamtvertretung von Freiland gebrachte Antrag -- die Rückzahlung der bis dahin von den meisten Mitgliedern bei Gelegenheit ihres Eintrittes in die Gesellschaft geleisteten größeren oder geringeren Beiträge betreffend, bedeutete die Aufbringung einer Gesamtsumme von nicht weniger als 43 Millionen Pfd. Sterling. Nun hatte man allerdings den Mitgliedern jederzeit gesagt, daß die Beiträge nicht rückzahlbar, sondern ein den gesellschaftlichen Zwecken gebrachtes Opfer seien; nichtsdestoweniger erachtete es die Verwaltung von Freiland der Billigkeit entsprechend, daß nunmehr, wo das neue Gemeinwesen eines solchen Opfers nicht mehr bedurfte, auf dasselbe für die Zukunft sowohl als für die Vergangenheit verzichtet werde. Die großmütigen Spender hatten zwar niemals aus ihrer den ärmeren Mitgliedern so reichlich geleisteten Hülfe irgendwelchen Rechtstitel auf besondere Anerkennung oder höhere Ehre abgeleitet, ja die meisten hatten es sich sogar verbeten, namentlich als Schenker angeführt zu werden; auch widersprach diese Hülfeleistung keineswegs den Prinzipien, auf denen das neue Gemeinwesen begründet war, ja im Sinne derselben durfte das Eintreten der Bemittelten für die Hülflosen gerad zu als eine Forderung des gesunden, vernünftigen Eigennutzes angesehen werden. Aber mit dem Momente, wo gerade infolge dieses so ausgiebig bethätigten vernünftigen Egoismus das Gemeinwesen kräftig genug wurde, um außergewöhnliche Hülfeleistungen entbehren und die vordem dargebrachten zurückerstatten zu können, erschien es uns wieder billig, daß dies auch sofort geschehe.
Auch dieser Antrag wurde debattelos einstimmig angenommen und sofort zur Ausführung gebracht. Den sämtlichen Beitragleistenden wurden die eingezahlten Beträge zurückerstattet, resp. in den Büchern der Centralbank gutgeschrieben, wo sie nach Gefallen über dieselben verfügen mochten.
Damit aber kann auch die zweite Epoche der Geschichte von Freiland als abgeschlossen betrachtet werden. Die Gründung des Gemeinwesens -- die erste Epoche ausfüllend -- vollzog sich gänzlich durch freiwillige Opfer einzelner seiner Mitglieder; in der zweiten Periode war diese Hülfeleistung, wenn auch nicht mehr durchaus notwendig, doch ein nützliches und wirksames Beförderungsmittel des raschen Wachstums gewesen; von jetzt ab wies die zu einem Riesen erstarkte freie Gemeinschaft jeden wie immer gearteten, nicht aus ihren regelmäßigen Hülfsquellen geschöpften Beistand ab, und die einst empfangene Unterstützung tausendfach vergeltend, war nun sie es, auf deren stets unerschöpflicher fließende Mittel Not und Elend, sie mochten sich in welchem Teile der bewohnten Erde immer zeigen, mit Sicherheit zählen durften.
Drittes Buch.
13. Kapitel.
Abermals sind zwanzig Jahre verflossen, fünfundzwanzig Jahre, seitdem unsere Pfadfinder den Kenia erreichten. Die Prinzipien, nach denen sich Freiland regiert und verwaltet, sind die gleichen geblieben und auch der Erfolg hat nicht gewechselt, nur daß das Wachstum von geistiger und materieller Kultur, von Einwohnerzahl und Reichtum sich in unablässig steigender Progression bewegte. Die Einwanderung, vermittelt durch 54 der größten Ozeandampfer von zusammen 495000 Registertonnen, hatte im letzten Jahre die Ziffer von 1152000 Köpfen erreicht. Um diesen, aus allen Weltteilen anlangenden Zuzug an den afrikanischen Küsten aufzunehmen und mit möglichster Beschleunigung in das Herz des Kontinents zu befördern, war das Eisenbahnnetz von Freiland an vier verschiedenen Punkten bis an den Ozean, resp. bis an die zum Ozean führenden fremden Anschlußbahnen vorgedrungen. Der eine dieser Schienenstränge ist der noch in der vorigen Epoche vollendete von Edenthal nach Mombas; diesem folgte vier Jahre später, nachdem die Pacifizierung der Gallasstämme gelungen war, die Eisenbahn im Danathale an die Wituküste; nach neun ferneren Jahren war ein -- gleich allen freiländischen Hauptbahnen zweigeleisiger -- Schienenstrang längs des ganzen Nilthales, vom Ukerewe und Albert-Njanza über die ägyptischen Äquatorialprovinzen, Dongola, den Sudan und Nubien bis zum Anschlusse an das ägyptische Bahnnetz fertig und solcherart die Verbindung der Mittelmeerküste mit Freiland bewerkstelligt; im Vorjahre endlich war der letzte Spatenstich der großen äquatorialen »Transversalbahn« gemacht worden, die von Uganda am Ukerewe ausgehend und den Nil bei dessen Austritt aus dem Albert-Njanza überbrückend, von hier den Aruwhimi und Kongo entlang den atlantischen Ozean erreichte. Wir besaßen also zwei direkte Schienenverbindungen mit dem indischen und je eine mit dem mittelländischen und atlantischen Meere. Die Mombaslinie war durch die weitaus kürzere Danabahn selbstverständlich in den Hintergrund gedrängt; die 580 Kilometer der letzteren durchflogen unsere Passagierzüge in 9 Stunden, während die Mombasstrecke, trotz ihrer inzwischen erfolgten Abkürzung durch die Athizweigbahn, nahezu die doppelte Zeit erforderte. Auf der Nilbahn waren von Alexandrien bis Edenthal 6452 Kilometer zu durchmessen, deren Betrieb von Assuan -- der Grenze Oberägyptens -- ab in unseren Händen war; die Reise beanspruchte hier -- wegen des langsameren Betriebes auf der ägyptischen Linie -- 6½ Tage; trotzdem war diese Route die meistbenutzte, da sie allen über das Mittelmeer gehenden Einwanderern, also allen europäischen und den meisten amerikanischen, die Reise nahezu um zwei Wochen verkürzte. Die im Einvernehmen mit dem Kongostaate, jedoch beinahe ausschließlich auf unsere Kosten ausgebaute und durchweg in freiländischem Betrieb stehende äquatoriale Transversalbahn endlich hatte eine Länge von 4874 Kilometern und auf ihr konnte man in nicht ganz 4 Tagen von der Kongomündung in Edenthal anlangen.
Edenthal, wie überhaupt das Keniagebiet, hatten schon seit langer Zeit aufgehört, den ganzen Zuzug der Einwanderer in sich aufzunehmen. Zwar die dichteste Menge der freiländischen Bevölkerung war noch immer in den Hochgebirgslandschaften zwischen dem Ukerewe und dem indischen Ozean zu suchen, der Sitz der obersten Verwaltung war nach wie vor in Edenthal, Freiland aber hatte seither seine Grenzen nach allen Seiten, insbesondere nach Westen zu mächtig ausgedehnt. Über ganz Massailand, Kawirondo und Uganda, rings um die Ufer des Ukerewe, Mwutan-Nzige und Albert-Njanza hatten sich freiländische Ansiedler ausgebreitet, so weit gesunde, hohe Lage und fruchtbarer Boden zu finden war. Im Südosten bilden die paradiesischen Gebirgslandschaften von Teita, im Norden die Höhenzüge zwischen dem Baringo und Ukerewe und den Gallaländern, im Westen die äußersten Ausläufer der am Albertsee beginnenden Mondberge, im Süden endlich die bis zum Tanganikasee streichenden Gebirgszüge die vorläufigen Grenzen unserer Ausbreitung, ein Gesamtareal von 1½ Millionen Quadratkilometern umfassend, welches jedoch nicht überall von kompakten Massen freiländischer Bevölkerung besiedelt ist, vielmehr unsere Kolonisten an vielen Stellen zerstreut unter den Eingeborenen sitzen, dieselben überall zu höherer, freier Kultur erziehend. Die Gesamtbevölkerung des derzeit unter freiländischem Einflusse stehenden Gebietes beträgt 42 Millionen Seelen, davon 26 Millionen Weiße und 16 Millionen schwarze oder braune Eingeborene. Von ersteren wohnen 12½ Millionen im Stammlande am Kenia und Aberdaregebirge; 1½ Millionen sind im übrigen Massailand, am Nordabhange des Kilima-Ndscharo und in Teita zerstreut; die Berge westlich und nördlich vom Baringosee haben eine weiße Bevölkerung von 2 Millionen; rings um den Ukerewe sitzen 3½ Millionen, in den Bergen zwischen diesem und dem Mwutan-Nzige und Albertsee 1½ Millionen, in den Mondgebirgen westlich vom Albert-Njanza 3 Millionen und endlich südlich von diesen beiden Seen bis zum Tanganika zerstreut 2 Millionen.
Die freiländische Produktion hat sich auf nahezu alle Bedarfsartikel des Kulturmenschen ausgedehnt, der hauptsächlichste Produktionszweig aber ist die Maschinenindustrie geblieben. Sie erzeugt vornehmlich für den inländischen Gebrauch, trotzdem ihre Leistungsfähigkeit schon seit Jahren die aller Maschinenfabriken der ganzen übrigen Welt zusammengenommen sehr wesentlich übertrifft; Freiland hat eben für mehr Maschinen Verwendung, als die ganze übrige Welt zusammengenommen, denn die Arbeit seiner Maschinen ersetzt ihm die Sklaven- oder Knechtesarbeit der Anderen und da unser -- die civilisierten Neger gar nicht gerechnet -- 26 Millionen »Arbeitgeber« sind, so brauchen wir sehr viel stählerne und eiserne Knechte, um unseren mit jedem Fortschritte unserer Kunstfertigkeit stetig Schritt haltenden Bedürfnissen zu genügen. Von unseren Maschinen also geht -- mit Ausnahme einiger Specialitäten -- verhältnismäßig wenig über unsere Grenzen; dafür arbeitet die Landwirtschaft überwiegend für den Export, ja es kann füglich behauptet werden, daß die Gesamtproduktion des freiländischen Körnerbaues für den Export verfügbar ist, da die zur Deckung des eigenen Bedarfs erforderlichen Mengen im Durchschnitt kaum so groß sind, als die auf unsere Märkte gelangenden Überschüsse der Negerproduktion. Im letzten Jahre waren 9 Millionen Hektaren Ackerland bestellt gewesen, die in zwei Ernten einen Ertrag von 2100 Millionen Zentner Körner- und sonstiger Feldfrüchte im Werte von rund 600 Millionen Pfd. Sterling ergaben. Zu diesem Getreidequantum kamen nun noch für 550 Millionen anderweitige Ausfuhrgüter, so daß der Gesamtexport 1150 Millionen Pfd. Sterling betrug. Unter den Importartikeln dagegen nimmt weitaus die erste Stelle der Posten: »Bücher und andere Drucksachen« ein, diesen zunächst folgen Kunst- und Luxusgegenstände. Von den, anderwärts als sogenannte Massenartikel des Außenhandels anzutreffenden Waren, zeigen die freiländischen Importlisten bloß Baumwollwaren, die im Lande selbst fast gar nicht erzeugt, im Gesamtbetrage von 57 Millionen Pfd. Sterling zur Einfuhr gelangten. Der Bücherimport -- Zeitungen eingeschlossen -- betrug im letzten Jahre 138 Millionen Pfd. Sterling -- nicht unwesentlich mehr, als im gleichen Jahre die ganze übrige Welt für Bücher ausgegeben hatte. Und dabei darf man nicht etwa glauben, daß Freiland seinen Bücherbedarf gänzlich oder auch nur zum größeren Teile vom Auslande her gedeckt hätte; mehr als zweimal so viel, als an ausländische Verleger hatten im selben Jahre die freiländischen Leser an ihre einheimischen zu bezahlen; sie lesen eben zur Zeit, bei welcher wir angelangt sind, mehr als dreimal so viel, als das ganze Lesepublikum außerhalb Freilands.
Diese Ziffern schon lassen auf die Höhe des Reichtums schließen, zu welchem Freiland gediehen. In der That, der Gesamtwert der von 7½ Millionen Produzenten im letzten Jahre hervorgebrachten Erzeugnisse hatte den Betrag von nahezu 7 Milliarden Pfd. Sterling erreicht, wovon nach Abzug von 2½ Milliarden zur Deckung der Ausgaben des Gemeinwesens, 4½ Milliarden als Gewinn der Produzenten verblieben, aus welchem im Durchschnitt 600 Pfd. Sterling auf den einzelnen Arbeiter entfielen. Und dabei hatten wir im Mittel bloß 5 Stunden täglich oder 1500 Stunden im Jahre zu arbeiten gebraucht, so daß der durchschnittliche Nettowert der Arbeitsstunde 8 Schilling erreichte, kaum weniger, als in gar manchen Teilen Europas der durchschnittliche Wochenlohn gewöhnlicher Handarbeiter.
Die Preise fast aller Bedarfsartikel in ganz Freiland sind dabei immer noch wesentlich billiger, als sonst in einem Teile der civilisierten Welt. Ein Zentner Weizen kostet durchschnittlich 6 Schilling, ein Kilogramm Rindfleisch nicht ganz ½ Schilling, ein Hektoliter Lagerbier oder leichten Weines 10 Schilling, ein kompletter Anzug aus gutem Schafwollstoff 20-30 Schilling, ein Pferd vorzüglicher arabischer Vollblutzucht 15 Pfd. Sterling, eine gute Milchkuh 2 Pfd. Sterling u. s. w. Teuer sind bloß einige vom Ausland bezogene Luxusartikel, z. B. einige Weine und alle nur durch Handarbeit produzierbaren Dinge, deren es aber äußerst wenig giebt. Letztere werden sämtlich aus dem Auslande importiert, mit welchem in Handarbeit zu konkurrieren, einem Freiländer natürlich nicht in den Sinn kommen kann. Denn obwohl die harmonisch ausgebildeten, vollkräftigen und intelligenten Arbeiter unseres Landes auch an Kraft und Geschicklichkeit ihrer Muskeln den entnervten, ausgemergelten Knechten des Abendlandes sicherlich mindestens zwei- und dreifach überlegen sind, so vermögen sie doch nicht zu konkurrieren mit einer Arbeitskraft, die fünfzig- und hundertfach wohlfeiler ist, als die ihrige. Ihre Überlegenheit beginnt erst, wo sie den ausländischen Knechten aus Menschenfleisch und Bein ihre stählernen entgegenstellen können; mit diesen arbeiten sie dann billiger noch, als jene, denn diese von Dampf, Elektrizität und Wasser in Bewegung erhaltenen Sklaven sind noch genügsamer, als die Lohnarbeiter des »freien« Europa. Verlangen diese doch immerhin Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige Lumpen zur Verhüllung ihrer Blöße, während Kohle oder ein Wasserstrahl den Hunger jener stillt und ein wenig Schmieröl hinreicht, um ihre Glieder geschmeidig zu erhalten.
Im übrigen bestätigt diese Überlegenheit Freilands im Maschinenwesen und die des Auslandes in Handarbeit bloß einen alten Erfahrungssatz, der deshalb nicht minder richtig ist, weil er der Erkenntnis der sogenannten »Kulturnationen« noch immer entgeht. Daß nur die verhältnismäßig reichen Nationen, d. h. jene, deren Massen verhältnismäßig am besten gestellt sind, zugleich eine unter starker Verwendung von Maschinenkraft betriebene Produktion besitzen, konnte selbst dem blödesten Auge auf die Dauer unmöglich entgehen, nur erklärte man sich dieses unleugbare Phänomen umgekehrt; man glaubte, daß das englische oder amerikanische Volk deshalb menschenwürdiger existiere, als z. B. das chinesische oder russische, weil es reicher sei und daß aus dem gleichen Grunde, weil nämlich die erforderlichen Kapitalien reichlicher vorhanden seien, dort mit Maschinenkraft, hier mit menschlicher Muskelkraft gearbeitet werde. Das läßt allerdings die Hauptfrage, nämlich woher denn eigentlich diese Unterschiede des Reichtums rühren, unerledigt und schlägt anderseits den Thatsachen ganz ungeniert ins Antlitz, denn dem Chinesen oder Russen nützt alles ihm noch so freigebig und billig angebotene Kapital nichts; die Maschinenarbeit bleibt bei ihm unrentabel, so lange sich seine Lohnarbeiter mit einer Handvoll Reis oder mit halbverfaulten Kartoffeln und etwas Schnaps begnügen -- aber es gehört einmal ins Kredo der orthodoxen Nationalökonomie und wird deshalb unbesehen geglaubt. Wer jedoch seine Augen nicht bloß dazu hat, um sie den Thatsachen gegenüber zu verschließen, seinen Verstand nicht bloß dazu, um einmal angenommene Vorurteile hartnäckig festzuhalten, der muß endlich begreifen, daß der Reichtum der Nationen nichts anderes ist, als ihr Besitz an Produktionsmitteln, daß dieser Reichtum groß oder gering ist, je nachdem zahlreiche und mächtige, oder wenige und kleinliche Produktionsmittel vorhanden sind und daß man viele oder geringfügige Produktionsmittel braucht, nach Maßgabe des großen oder geringen Verbrauches jener Dinge, die mittels dieser Produktionsmittel erzeugt werden sollen -- also ausschließlich nach Maßgabe des großen oder geringen Konsums. Wo man wenig gebraucht, kann man wenig erzeugen, kann also auch wenig Instrumente der Erzeugung besitzen, _muß_ also arm bleiben.