Fetzen

Part 9

Chapter 93,563 wordsPublic domain

Frau Professor und Pepy erschienen mit einem Körbchen junger, wippender Boxerhündchen. Das Windspiel heulte auf und schlug Alarm, weil es sich in seiner Hundeliebe zurückgesetzt fühlte. Frau Professor nahm es in ihren Schoß und tröstete es über die Eifersucht auf die jungen Hunde. Das Windspiel hatte einen russischen Namen: Duschitschko-Seelchen. Professor Günther, dem das Winseln verhaßt war, klingelte dem Zimmermädchen: „Bringen Sie den Hund Gassi-gassi, er möchte nach dem Wetter sehen.“ Frau Günther hob ein zitterndes Hündchen aus dem Korb, führte es mit einem jähen Ruck an die Lippen und knutschte es ab, spielte Fangball damit und nannte es Mollchen, Knäuelchen, Bubele. Der Herr Professor gab Aufschluß über die Eigenarten des deutschen Boxerhundes und die Frau wandte sich stolz an Pepy: „Mein Gemahl kennt sich aus in der Hundezucht.“

„Der Tee wird kalt, Mutter,“ beeilte sich Herr Professor Günther einzuschenken. „Belieben gnädiges Fräulein Rum oder Zitrone?“

„Danke, Herr Professor, ich erlaube mir ein Stückchen Zucker und etwas Milch.“ „Wie gnädiges Fräulein belieben!“ Und er reichte ihr das Gewünschte. Frau Günther reichte eine Dose mit petits fours und biscuits de Reims. Herr Günther servierte Himbeergelee: „Das Süße den Süßen,“ fügte er liebenswürdig und kavaliermäßig lächelnd hinzu. Er bediente Pepy und seine Frau – die Mutter.

Pepy sprach sich belobigend über die tadellose Einrichtung aus. Frau Günther nannte die Preise der einzelnen Möbel, nannte einen übertriebenen Preis für den gemusterten Smyrnateppich und fand ihn lächerlich billig für so ein Prachtstück. „Schöngeister“ – und sie zeigte auf Professor Günther, „brauchen eine luxuriöse Umgebung, das weckt die kühnsten Gedanken.“

Der Tee war alle und die Uhr ging auf zwölf. „Der Uhr geht die Zeit aus, und wir möchten uns heute noch verabschieden,“ sagte Jappes. Frau Günther geleitete die Gäste bis zur Tür: „Gelt, Fräulein Pepy, Sie schauen mal nach den Hündchen.“ Pepy versprach zu kommen.

Dann traten sie in die Nacht.

Vom Salon bis zur Küche ist oft nur ein Schritt.

„Eine liebe Frau,“ sagte Pepy, „ein glückliches Verhältnis, die zwei.“

„Sehr anständige Menschen,“ bemerkte Jappes, „die einem nicht sagen, daß man überflüssig ist. Aber es ist schön, die Rolle des Geduldetwerdens zu spielen.“

„Die Leute sind riesig nett,“ und Pepy hängte sich in Jappes’ Arm, „er ist ein entzückend liebenswürdiger Mensch. Siehst du, wenn du den Professor vom Katheder los machst, ist er auch ein Mensch ...!“

„Zu Hause ein Mordsvieh,“ unterbrach Jappes, „gewiß, aber immer noch furchtbar klug und sehr beschränkt. Mag sein, daß ich Vorurteile habe, für mich ist es eine Gesellschaft, die den Tee im Salon serviert, die Schwarte vom Schinken und die Rinde vom Käse herunterschneidet – sie aber in der Küche auffrißt, wenn der Besuch gegangen ist.“ Pepy zwickte Jappes in den Arm: „Jappes, du bist ein Kerl. Wie kommst du auf einmal auf den Gedanken? Mit dir kann man nicht reden. Sie waren doch sehr aufmerksam gegen uns, weshalb redest du das konfuse Zeug?“

„Ich meine nur so,“ sagte Jappes.

Das Pflaster warf die hallenden Schritte durch die Nacht. Polizisten drückten sich in die Ecken, in ihre blauen Pelerinen gehüllt. Sie sahen aus, als fürchteten sie etwas Polizeiwidriges zu sehen. Aus der Ferne rollte das dumpfe Gedröhne eines Eisenbahnzuges. Manchmal schlich eine Katze duckend übers Trottoir und verschwand in einer Kellerluke. Der Wind trieb die Wolken von Westen. Jappes brachte Pepy bis zur Pension, wo sie wohnte. Ein Kuß, und dann Abschied.

„Gelt Jappes,“ sagte sie, „die Hundchen waren doch nett.“

„Sehr nett, Pepy.“

Mitleid ist die letzte Form des Anstandes.

„Ich reise mit dem Frühzug nach Stuttgart,“ sagte Jappes zum Portier der Vier Jahreszeiten, „richten Sie das Frühstück und wecken Sie mich um fünf.“ In seinem Zimmer schrieb er an Pepy: Mein Rudibub, ich wollte Dir den Abschied ersparen. In der Früh, um sieben Uhr, bin ich nach Stuttgart gefahren. Schreib, wenn Du etwas, oder mich brauchst. Ich bin Dein Freund.

Herzlichst Dein Golliwog.

Er fügte eine Visitenkarte bei auf den Namen Doktor Golliwog. Er schrieb darauf: Ich lasse meine Visitenkarten in Zukunft immer mit dem Spitznamen drucken.

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Es gibt Menschen, die glauben, nur das Erhabene sei lächerlich.

Der D-Zug eilte mit Jappes nach Stuttgart. Armida lag schlafend wegen Unpäßlichkeit. Ida Telluren bereitete Jappes einen emphatischen Empfang. Als Geschenk brachte er eine Büste von Schiller. Die Tante war im siebenten Himmel. „Herr Jappes,“ rief sie aus, „das ist schön von Ihnen, oh! wie liebe ich Schiller! das ist schön, Herr Jappes. Wir müssen zur Akademie hinüber, in die Solitude,“ sagte sie mit stolpernden Worten, „dort ist mein Heiligtum. Wo Schiller die Räuber schrieb.“

Jappes dachte: ein romantisches Tantchen.

Ida Telluren führte den Gast in ihr Schillerkabinett: Gipsabgüsse, Aquarelle, Marmorbüsten, Kupferstiche, Oeltempera, Terrakotta und Majolika – alles Schillerdarstellungen. „Freund Armidas,“ nahm sie seine Hand, „das Traurigste, was ich in meinem Leben empfand,“ – und sie zeigte auf den Abguß einer überlebensgroßen Schillerbüste – „Sie wissen, daß Dannecker in einem Anfall geistiger Umnachtung noch soviel Bosheit fand, die Stirnlocken des Dichters wegzumeißeln.“ Mit zitternder Hand strich sie über die fehlenden Locken und vertraute ihrer Schürze einen salzigen Tropfen an, der von der tantigen Wimper troff. „Wir müssen am Nachmittag auf den Bopser,“ unterbrach sie die schluchzende Rührung, „nach der Schillerhöhe, ein Platz, der dem Dichter gebührt.“

Die weiße Haube einer Zofe gab zu an daß der Tee serviert sei. Jappes und Tante Telluren überboten sich in Höflichkeitsphrasen, wem der Vortritt gebühre. Die Tante als die Klügere gab nach. Mit der Schillerbüste unter dem Arm, trat sie an den Teetisch. Ein Papagei rollte modulierend L-o-o-r-r-a, Lorra. Nur durch die süße Vermittlung eines Stückchen Zuckers war er stumm zu machen. Die weichsamten-diaphanen Hände von Ida Telluren griffen nach der Teekanne.

„Ich weiß nicht, was für einen Trost ich in meinem Alter gefunden hätte,“ seufzte die Tante, „wenn Schiller nicht geboren worden wäre.“ Sie servierte Jappes ein Stück Sandkuchen. Eine große Rosine gähnte in dem körnigen Gebäck und mit einem bißchen Phantasie war es anzusehen wie ein malaiischer Zyklop. Jappes liebte süße Aufmerksamkeiten: „Sie sind noch jung, erlauben Sie, daß ich Sie Tante Telluren nenne,“ schmeichelte er, „wenn man eine solche geräuschvolle Umgebung aushalten kann,“ – und er zeigte auf den Papageienzwinger – „dann hat man noch gesunde Empfindlichkeitssträhne.“

„Mit den Nerven bin ich nicht geplagt, gottlob, und Veronal nehme ich selten. Höchstens als Gegenwirkung für Kaffee.“ Sie lächelte beschämt, weil sie etwas Intim-Tantenhaftes preisgegeben hatte.

„Jedenfalls eine gesunde Konstitution,“ bemerkte Jappes, „mir wäre Opium angenehmer,“ fügte er feinschmeckerisch hinzu, „wegen der üppigen Träume, die man im Schlafe noch gratis vorgefilmt bekommt.“

„Opium hat einen lasterhaften Beigeschmack und ich leide eigentlich nicht an Traumlosigkeit. Ich habe mich schon nach einem Antitraumin umgesehen, aber die Apotheker führen das nicht. Ich habe manchmal absonderliche Träume, wenn der Sturm draußen um die Fenster paukt: An einem stürmisch-kalten Novemberabend träumte mir, ich erhalte hohen Besuch. In der Eile goß ich eine Tasse Kaffee über das lilienreine Tischtuch. Bin vor Schreck aufgewacht ... und dachte nach über den Traum, es war klar, was er bedeuten sollte: Die Ankunft Schillers, denn es war der 10. November, der Geburtstag des meistgefeierten Deutschen. Heute beschleicht noch eine bittere Wehmut mein Herz, wenn ich daran denke, daß der Kaffeeklecks – (übrigens ein wunderbarer Schillerkopf) – mir das hold-elegische Gesicht vorenthalten hat, denn der Traumgott hatte mich ausersehen, den hohen Gast zu bewirten.“

Jappes fand, daß seine Bildung noch lange nicht ausreichte, die Träume der Ida Telluren zu deuten. An den traumdeutenden alttestamentarischen Joseph dachte er nicht, denn Tante Telluren hatte mit Potiphars Weib nichts gemeinsam, und es war keine Gefahr, einen Mantel zu riskieren.

Die Frau ist eine Blume des Paradieses, die nach dem Sündenfall ihren Namen verloren hat, deshalb wird sie heute so verschieden klassifiziert.

„Ich hatte einen erbaulichen Traum,“ plapperte die unermüdliche Tante, „ich sah meine Nichte in einer Nische der Kirche als Mutter der immerwährenden Hilfe. Viele junge Männer kamen, Armida ihre Not zu klagen. Sie erhörte alle. Von Milde und Güte war sie durchschauert, daß ich mir das Bild von einem tüchtigen Pinsel in Farbe gewünscht habe.“

„Ein schöner Traum, ein erhabenes Bild, wahrlich, Armida kann jeden Pinsel entzücken!“ Und Jappes begoß seine Zunge mit der würzighellen arabischen Brühe.

„Ihr Wesen ist Liebe,“ sagte die Tante mit sanfter Gebärde. „Armida voll Klang und Melodie. Klingt es nicht wie ein Teufelswort, wenn man sie die Tochter Arbilans, des Königs von Damaskus, nennt. Doch täuschend ist ihr Bild, so zauberisch-schön, und Männer wird sie auch dereinst verwirren wie Arbilans Tochter mit den Christenhelden tat. Rinaldo war ein tapferer Held, den sie in ihren Zaubergarten in Antiochia lockte und durch Wollust seinem Tatendrang entzog.“

„Tante Ida, Sie sind eine kluge Sibylle. Armida ist verführerisch-schön und weiß die Männer auch zu locken. Soll ich etwa ein Rinaldo sein, meine kluge Sibylle, fürwahr, es wäre keine Schande, tatenlos in ihren Gärten zu verweilen.“

„Tapferer Freund, am Teetisch lernt man eines Mannes Werte kennen. Herr Jappes wird schon seinen Gottfried finden, der ihn vom süßen Taumel löst im Zaubergarten der Armida; mir bangt nur, daß Torquato Tasso mit der selten-ausgereimten Frucht der listig schönen Magd Armida meines Schillers Räuber einst verdrängen wird?“

„Tante, in Ihrem großen Herzen wird wohl Platz für beide sein, Rinaldo war doch auch ein Räuber ...“

„Recht, mein Freund,“ sprach Frau Telluren, „für ideale Räuber gab es immer Platz in meinem Herzen und wenn mein neuer Räuber einst mein Neffe wird, soll er in meinem Herzen eine warme Kammer haben.“

Die Abreise beweinte Ida Telluren in stiller Abgeschiedenheit. Erst die abendliche Ruhe löste ihre Stimme.

„Ein schöner Tag im reinsten Licht,“ klang es der Zofe an die Ohren. Der Tante Wunsch war, in der Nacht dem Neffen mit der Nichte still im Liebeszwiegespräch zu lauschen. „Gott segne meine Träume,“ war ihr Gebet voll Innigkeit.

Dann klappten ihre Augen zu.

ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Mitmann, wenn deine Freundin sich nach deiner Mitfreundin erkundigt, tut sie es nicht immer aus Eifersucht, sondern manchmal auch aus Neugierde.

„Vielleicht steigen wir in Erfurt aus und kaufen der Tante Sonnenblumensamen für die Papageien,“ sagte Jappes in Ritschenhausen zu Armida, „dort gibt es die größten und besten Sämereien.“

„Du scheinst dein Herz ummöbliert zu haben seit deiner Münchener und Stuttgarter Reise,“ warf Armida nachlässig hin, „und wenn du mich ganz ausrangieren willst, tu es bitte gleich und gebrauche keine langen Flausen, dich von meiner Nebensächlichkeit zu überreden.“ Dabei sah sie seltsam-schön aus. Um ihre Lippen zuckte ein nervöses Lächeln und ihre Nasenflügel erbebten. Sie hielt die Augen geschlossen und die Locken tropften über ihre Stirn. Ihr leichtbrauner Teint, der sich unter den untern Lidern zum Halbbogen verdunkelte, diente dem kastanienbraunen welligen Gelock als Folie. „Gott, die Circe ist schön,“ dachte Jappes. So seltsam unruhig hatte er sie nie gesehen. „Die Galle muß ihr ins Blut gelaufen sein,“ phantasierte er weiter, „sonst ist sie weiß wie Alabaster und flaumig-rosig wie ein Pfirsich,“ aber von ihrem Gesichte kam er nicht mehr los.

Sie saß unbeweglich und ein blaugesprenkelter Reiseshawl wehte um ihren Kopf. Sie schien dem Poltern der Räder zu lauschen und ein rieselndes Vibrieren durchlief sie. Die eigenartige Wollust des stampfenden Rollens zeichnete zuweilen in ihren Zügen die Gier, sich von diesen drehenden Rädern zermalmen zu lassen. Jäh zuckte sie dann zusammen und ein Schauer krampfte in ihr. Ein Schauer, der ihr die Lider preßte. Sie riß die Knie aneinander und biß die Eckzähne zusammen, daß ihr Gebiß aus der klaffenden Muschel der Lippen leuchtete. Ein frostiger Schauer warf ihr die Schulter hoch und eine Sekunde oder zwei schien sie im Trancezustand, so entrückt war sie allem Irdischen. Wie das Meer war sie, im jähen Wechsel zwischen körnigem Gekräusel und brüllender Gier und glatter lauernder Ruhe.

Jappes liebte es, sie so zu sehen. Er wußte, dann gab es einen wilden Kampf in ihr. Sie haßte die Gleichgültigkeit, mit welcher er sich ihr gegenüber benahm und doch hatte sie ihm gesagt, er solle sich keine Schmeicheleien erlauben, denn sie halte ihn keiner fähig, er solle ihr nie den Hof machen und seine Aufmerksamkeiten nicht in eine überschwengliche Form kleiden. Er solle Jappes sein, hatte sie ihm befohlen, so wie sie sich ihn denke. Er liebte zu sprechen und als seine Bewunderung für Armida bis zu dem Grade gesteigert war, daß er ihre Stimme vernehmen wollte, lehnte er sich hinüber und flüsterte:

„Armida, heute möchte ich nicht Jappes sein. Heute ist es uns zu schwer, die Harmonie unserer Seelen richtig zu finden. Hat dich die Reise ermüdet?“

Armida hielt die Augen geschlossen und flüsterte zurück: „Ich ertrage schwer, daß du nicht bei mir bist. Hat dein Münchener Rudibub dich so fest umstrickt?“ Sie sagte es mit einem langgedehnten Satz, und ihre Frage klang bestimmt wie ein Ausruf.

„Du verstehst das nicht mehr, Freundin. Die naive Liebe und Pepys Jugendlichkeit haben meiner irrenden Seele viel Glück gebracht. Ich lache, wenn ich das Fremdwort meiner Seele höre. Pepy liebt mich nicht. Sie liebt etwas in mir, was sie ahnt und was mir nicht gehört, Pepy liebt Menschen aus Mitleid und mich liebt sie, weil ich mit dem Glücke spiele. Pepy ist das naive Verhängnis im Kampf mit den Urgewalten der Triebe. Ich bin zu feig, um mich über das Glück zu freuen und Pepy ist zu schwach, um das Glück zu genießen. Ich bin vermessen gegen das Glück meiner Jugend und das ist mein erstes tödliches Gebot.“

„Und das zweite?“ fragte Armida ... Jappes fürchtete sich vor dem Blick, der die drei Worte wie eine düstere Melodie begleitete.

„Das zweite in mir ist, mit Seelen zu spielen, wie wir es tun. Ich möchte sagen das böse Prinzip, das Dämonische. Aber beide Gebote schließen sich ein.“ Er sagte es mit einem fixierenden Blicke und betonte jedes Wort, was dem Satze das Gepräge eines Vorwurfs gegen Armida gab. „Ich bin müde,“ sagte sie, „meine Gedanken haben mich ermüdet. Erzähle mir von Pepy und von deiner Liebe, ich freue mich an eurem Glücke. – An eurem kranken, menschlichen Glück!“

Jappes erzählte ihr die uneheliche Geschichte der Mutter Pepys aus dem Tagebuch des Malers Geraldo und erzählte ihr die Pfandhausszene. Jappes liebte Pepy teils aus Mitleid, weil sie ein apokryphes Mädchen war, teils aus Stolz, denn die Welt sieht nicht gern, daß uneheliche Mädchen Verehrer haben! – Die Welt liebt es nicht, den Selbstmördern ein liebevolles Andenken zu bewahren. Selbstmörder und Uneheliche sind Menschen, denen ein apokalyptisches Zeichen anhaftet, das wir nicht zu deuten vermögen: „Ihre piksüße Innigkeit“, fuhr Jappes in seiner Erzählung fort, „und ihre schmiegsame Anhänglichkeit sind es, was ich an Pepy liebe. Sie hat Künstlerblut und einen regen Geist, es gibt noch vieles in ihr zu wecken, und viel Waches in ihr zu ergründen. Von Pepys Seele habe ich dir mehr gesagt, als sie selbst davon weiß, der Verkehr mit ihrer Seele ist mir kein Spiel. Mit einem Verhängnis kann man nicht spielen.“

„Ich glaube, du wärest imstande, Pepy eine Liebeserklärung zu machen.“ Sie warf ihm einen kätzchenpfotenweichen Blick zu, und Jappes bemerkte: „In einem süßen Blick liegt immer eine Schlinge.“

Armida: „Das Lächeln einer Frau ist eine Gunst, die sie dem Mann erweist.“

Jappes: „Wenn Frauen geben, haben sie immer einen Wunsch. Ich fürchte diese weiblichen Danaer.“

Sie: „Für mich ist es kein Grund zu trauern, wenn du eine gute Freundin hast.“

Jappes war gereizt: „Wenn Frauen weinen, sind ihnen alle anderen Waffen ausgegangen. Und du weinst nicht. Ich möchte ein wenig in deinem Arsenal herumstöbern und deine Angriffsrequisiten ansehen. Tante Telluren hat uns schon getraut. Wir sollen in der Ehegaleere durchs Leben schiffen.“

„Tanten vermischen oft Traum und Wirklichkeit,“ erwiderte Armida und lachte ihr seltsames Lachen.

NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Die Menschen sind das beste Bildungsmaterial. Es wird durch unseren Umgang abgenützt, erneuert sich aber selbst an uns.

Pepy verlebte Tage harmlosen Glücks. Sie war in dem Alter, wo junge Mädchen anfangen, über ihre Begierden nachzudenken, in den Jahren, wo junge Mädchen noch selbst die knospende Fülle des Busens streicheln und in schüchterner Sehnsucht an ihre Bestimmung denken. Uebermütig wie ein junges Füllen, sanft wie ein Täubchen, lieb wie ein Kind und manchmal der unglücklich-phantastische Zug, den sie wohl von Geraldo hatte. Sie wußte, sie trug eine fatale Bestimmung mit sich.

Hatte eine große Vorliebe für illustrierte Romane und Märchen. Hatte nicht durch Zufall Busch- und Andersen-Märchen gelesen, Meyrink und E. T. A. Hoffmann nahm sie in Stunden der dunklen Gedanken. Merkwürdig genug zu hören, daß alle ihre Vorstellungen in ihr irgendeine graphische Form auslösten. Ihre Freude war nicht ohne Besorgnis, als sie ihr Talent entdeckte und an die Mutter dachte, an den Weg, den diese gegangen war; in Freude und Erwartung, in Schmerz und sterbender Enttäuschung.

Jappes hatte für Pepy gesorgt nach seiner Bekanntschaft mit Armida, hatte sie in eine der besten Pensionen gesteckt und ihr Geld für ihre Garderobe zur Verfügung gestellt. „Ich kann doch nichts annehmen von dir,“ hatte sie anfangs gesagt, aber es war Jappes nicht schwer geworden, sie zu überzeugen, daß eine schöne Ausstaffierung ihr gar nicht unwillkommen sei. Sie fügte sich und sah es als einen guten Wink ihres Schicksals an, daß ihr nach den paar Monaten großer Entbehrungen auf einmal soviel Glück – denn Geld ist Glück! – in den Schoß fiel. Er hatte ihr gesagt: „Pepy, du bist im Zeichen Merkurs geboren und wirst immer Geld im Ueberfluß haben.“ Pepy glaubte ihm, vergaß aber, an die Vergangenheit zu denken. Sie wußte, daß Jappes sein Wort hielt und er hatte versichert: Er habe Geld, solange die anderen welches hätten, und er sei nicht gesonnen mit dem Gelde der anderen sparsam zu wirtschaften.

Ehe die Reise- und Abenteuerlust Jappes nach Berlin verschlugen, pflegte er mit Pepy zu beratschlagen, was aus ihr werden solle. Er nannte es den „Familienrat“. Es war das reinste Idyll, wenn sie zur Beratung zusammenkamen, immer in der Bude von Jappes. Er dachte gerne an die Stunden zurück, wenn Pepy die Brote strich und er den Tee übers Tischtuch goß, wenn Frau Wertheim der Sicherheit halber an der Türe erschien, um zu fragen: Ob der Herr Doktor Jappes nichts benötige? Er dachte gerne an die schwesterlich-traute Sorge, die Pepy für ihn hegte und fühlte sein Herz von Bruderliebe durchpulst. Er sah es nicht als Tugend an, daß er Pepy so gelassen hatte, wie sie zu ihm gekommen war. Ihm schien alles wie ein romantischer Studentenwitz, ein junges Mädchen, frisch und rosig, sein eigen zu nennen, dabei die Grenzen des Unerlaubten nicht zu überschreiten. Pepy war ihm so ergeben, weil er sich trotz seines lebhaften Temperamentes in der Tat sehr anständig benahm. Jappes selbst deutete sein „kavaliermäßiges“ Benehmen Pepy gegenüber nur als ein Schnippchen, das er dem allgemeinen Umgang zu schlagen suchte – nicht so zu sein wie die anderen. Er war zu ehrlich und zu klug, ein Mädchen verführen zu wollen, denn trotz allem Barock-Burschikosen und allem Sinnlich-Unausgeglichenen stak ein guter Kerl in ihm. Er war nicht nur Student, sondern auch Mensch, der den Charitasgedanken nicht mit den leeren Worten tonsurierter Dunkelmänner predigte, sondern auch in die Tat umsetzte.

Es ist schwer, das Rätsel der naiven Liebe zu ergründen. Man weiß nicht, was sie ist, nicht was sie will. Nicht alle naiv-verliebten Werthergestalten endigen mit einer Knallerbse. Dazu ist die moderne Zeit nicht mehr dumm genug. Unsere Zeit ist eher dazu angetan, die Idee der platonisch-naiven Liebe in einer Wertherform zu opfern und sich für erlittene Unbill durch olympische Blasiertheit schadlos zu halten. Der junge Werther in Sturm und Drang mit dem romantisch-knallenden Tode ist eine Parallele zur enttäuschten Jugendliebe. Und ist der klassisch abgebrühte Goethe nicht eine Parallele zum blasierten Junggesellentum? – ein Parallelismus, der nicht mit Winkel und Reißschiene nachzuweisen ist!

Jappes trug Pepy eine ganze Bibliothek Kunstschmöker zu. Sie beeilte sich, die Lücken ihres Wissens in Gemeinschaft mit ihm zu füllen: „Wenn du auch einstweilen nur über die Kunst orientiert bist, das aber weißt du doch gründlich,“ meinte der Freund.

Pepy lachte, war stolz auf ihr Wissen und ihren geschäftigen Impresario.

Wenn Gott kein Künstler wäre, hätte er keinen nackten Menschen erschaffen dürfen.

Pepy trat in die Kunstgewerbeschule ein. Dasio und Ehmke lehrten sie die Kniffe der graphischen Praxis. Das Neue lockte sie. Der Holzstock und die eigene Technik, welche aus der Uebung entstand. Das neue Leben gefiel Pepy. Die strenge Arbeit, die Betätigung des ganzen Talentes, der Ehrgeiz, eine gestellte Aufgabe originell zu lösen. Das Bewußtsein, etwas zu können, der Wunsch, etwas Großes zu werden, die erbauenden Stunden an der vollendeten Technik Holbeins und Dürers. Die Anregung der Klasse selbst und deren Auffassung, das Lehrerkorps und die Studenten beiderlei Geschlechts allegorisierend darzustellen. Das laute Hallo, wenn ein Professor unter irgendeiner Tierform herumgereicht wurde. Mit tropfenden Knüttelversen bekleckste Skizzierbogen, die lustig-intimen Feste und kleinen Verschwörungen, die Großzügigkeit, mit welcher man sich gegenseitig die Lächerlichkeiten austrieb. In ihrer Umgebung sah Pepy die werdenden Künstler, das Sichloslösen von den Stänkereien des Alltags, alles Allegorie und epigrammatische Zeichnungsmethode, neben der zensurierbaren Arbeit der obligatorischen Stunden, welche Anspruch auf ernste Auffassung haben mußten.

Die Kunstgewerbeschule ist kein Institut für Mädchen, deren rote Hautpigmente zu nahe an der Oberfläche der Gesichtsfassade liegen. Für künstlerisches Schaffen ist das sinnliche Gleichgewicht ein Postulat, und das erotische Prinzip überdeckt ein großes Areal unserer sinnlichen Welt.

Welcher Künstler könnte im Taumel ein großes Werk schaffen! Im Taumel wird die Idee konzipiert und wenn der Künstler genügend Abstand gewonnen hat, wenn alle Eindrücke auskristallisiert sind zur konsistenten Masse schöpferischer Kraft, dann entsteht das Werk einer stilisierten oder idealisierten Form, oder unter natürlicher Gestalt, beleuchtet von dem Scheine künstlerischen Schauens. Anfangs fand Pepy Anstoß an der Natürlichkeit des Akt-Zeichnens. Es dauerte nicht lange, bis sie alles als künstlerische Natürlichkeit hinnahm. Das angenehme Gift lasziver Perversität, das in den sprühenden Zötchen genießbar herumgereicht wurde, machte Pepy mit der Theorie der sinnlichen Praxis vertraut.