Fetzen

Part 8

Chapter 83,497 wordsPublic domain

Jappes: „Bei Stefan George ist nicht alles unverständlich. Wer literarischen Takt hat, tut als ob er Modernes versteht. Die moderne Richtung ist, unverständlich zu sein; denn alles was man verstehen kann, ist schon gesagt. Es ist besser, etwas Unverständliches sagen, als das Alte zu wiederholen, denn die Kunst kann nicht stille stehen.“

Fräulein Winterstein deutete ihre Ankunft durch ein elegisches Lächeln an. Jappes grüßte sie sehr umständlich, obwohl er ihr schon vorgestellt worden war: „Ich habe viel Ulkiges von Ihnen gehört,“ begann sie, „und wünsche meine Ohren selber auf die Weide zu führen. Wie gefällt Ihnen unser musischer Kreis? Lauter gebildete Menschen, gelt?“

Jappes machte eine Verbeugung: „Lauter Menschen, die den Anschein haben, sehr gebildet sein zu wollen. Man spricht von Hölderlin-Bestrebungen, vom Tempo eines Kasimir Edschmid, vom Sinne-kitzelnden Hanns Heinz Ewers ... Ueberall gelehrtes Gegacker; man kann sich hier allen Schliff holen, den man sich im Lesesalon aneignen sollte. Und vor allem die Interpretation der Bücher, sehr interessant, hochinteressant! Die Damen haben direkt einen Flair für das Schöne.“

„Sie sind wohl auch einer von den Modernen, ein Skribifax, der allerlei Industriewaren auf den Olymp schmuggelt und sich die lachende Gage des Publikums erkitzelt? Unsere heutigen Schriftsteller sind alle ein bißchen – – hm! wie soll ich sagen ...?“

„Geniale Schweine!“ ergänzte Jappes.

Das Fräulein lachte: „Wenn Sie es selbst sagen, ja! Man erkennt das Vieh am Grunzen, aber es hat unsere ganze Sympathie, wenn es geschmackvoll zubereitet ist.“ „Mit ein paar Trüffeln des Witzes,“ lachte Jappes.

Fräulein Winterstein: „Aber die Kritiker haben keinen richtigen Anhaltpunkt, weil dem modernen Zeug so schwer beizukommen ist.“

„Die Schriftsteller schreiben manchmal absichtlich Blödsinn, um die Kritiker auch zu inspirieren.“ Da wandte sich Jappes zu Herrn Winterstein, um ihn zu begrüßen, lächelnd wie eine Putte war er hinzugetreten. „Na,“ drückte er behäbig hervor, „interessante Unterhaltung, was? Hoher Ton?“

„Wir haben über die Frauen geredet, Herr Kommerzienrat,“ sagte Jappes. „Wenn einem das Thema ausgeht, kann man immer noch etwas über die Frau sagen.“

„Interessantes Thema,“ bemerkte Herr Winterstein, „unerschöpflich!“

Frau Winterstein begrüßte ihre Gäste in wallender Abendtoilette. Wie eine Göttin schwebte sie durch den ätherischen Tabaksqualm. Herr Kommerzienrat nahm die Gelegenheit des Erscheinens seiner Frau wahr, um sich auf französisch zu empfehlen und Jappes notierte, daß man sein Verschwinden weder bedauerte, noch Herrn Kommerzienrat vermißte. Die Unterhaltung war bis zu dem Punkte gediehen, wo es für Frauen unterhaltend ist, zuzuhören. Frauen hören immer gern, daß irgendein kleiner Dämon in ihnen steckt. Jappes traf mit dem Klaviervirtuosen zusammen, dessen ganze Ausdrucksmöglichkeit auf die Noten konzentriert war. Man sah ihm an, daß er es vorzog, nur von hinten angesehen zu werden, wenn er im Reich der Töne phantasierte.

„Sie kennen sicher Schrekers Oper ‚Ferner Klang‘,“ bekräftigte Jappes. „Gerade das Ueberspannte daran ist es, was einen reizt. Das Urgewaltige, das Zischende und Brodelnde. Es sind nicht Töne für jedermanns Ohr. Die neuen Sachen sind gottlob noch nicht zur klassischen Alltagskartoffel geworden. Sie verstehen es, Noten zu lesen? Den wenigsten ist das gegeben, und Sie wissen, Ihre Gefühle in Tönen auszudrücken.“

Der Musiker stellte eine dankende Ueberlegung an und sprach mit leiser, vibrierender Stimme: „Fr–r–anz Schr–r–r–eker–r–r!“ Er rollte die R sehr ausdrucksvoll. „Ueber Schreker bin ich hinaus. Ich wünsche russische Musik. Das Neueste in Farbenvisionen. Rußland ist mein Traum. Die verborgene Seele mit ihren phosphoreszierenden Gefühlen. Scrjabin kennen Sie wohl nicht? Nein, er ist zu rezent, sein Prometheus?“

„Von den Russen kenne ich keine Tonwerke,“ gab Jappes zu, und fragend: „ist es ein expressionistischer Künstler?“

„Vielleicht Wagner im Expressionismus, dieselbe Utopie, nur daß er auf dem Realismus des Wahnsinns aufbaut. Das ist das Große, daß Scrjabin uns aus der Sphäre unserer Bewußtseinsvorgänge reißt und es versteht, durch ein paar Zaubertakte die musikalischen Lichtwirbel wieder zu dämpfen.“

Jappes fragend: „Das ist ja etwas wie telepathische Musik?!“ Der Virtuose: „Nein, tatsächlich, Sie spaßen wohl? Die Russen gebrauchen zur Aufführung der Symphonie ein Farben-Lichtklavier, das die opalisierenden Tonwellen mit entsprechenden Lichtwellen illustriert. Sie sehen und hören die Musik. Die Themata sind nach Farben gruppiert, Zinnober-Takte, Karmoisin, Preußischblau, kurz Farben, alle Farben, Farben-Symphonien. Sie kennen Kandinsky vielleicht?“ „Habe nicht die Ehre,“ sagte Jappes.

„Er ist ein Künstler,“ tönte der Virtuose, „und arbeitet auch auf dem Gebiet der symphonischen Farben-Akustik. Er würde sicher durchdringen, wenn die Kritiker ihn nicht so scharf anfahren würden und wenn er von der Sache überzeugt wäre.“

„Das ist es, die Ueberzeugung, die Ueberzeugung,“ rief Jappes. „Das elfte Gebot, du sollst überzeugt sein! Nicht wahr, gnädiges Fräulein?“ redete er Fräulein Flavia Winterstein an, die Nichte des Kommerzienrates – die Tochter hieß Henny – „nicht wahr, gnädiges Fräulein, die Musik war entzückend heute abend?“

„Wenn Sie es sagen, ist es ein großes Kompliment für Herrn Berendtsen.“ Der Künstler stellte sich vor und entschuldigte sich, daß er es bis jetzt übersehen hatte: „Der Name tut nichts zur Sache,“ tröstete Jappes den Virtuosen, „und Vergeßlichkeit ist ein Zeichen von Genie, denken Sie an Beethoven.“

Wer feine Finger hat, kann sogar mit einem Schmetterling spielen.

In einer Nische ließ er sich mit Fräulein Flavia nieder. „Ich will mich ein wenig an Ihrer reizenden Gegenwart entzücken,“ komplimentierte Jappes. „Sie sind mir den ganzen Abend aufgefallen durch Ihre schmiegsame Art. Ihrem Verlobten kann man zu seiner glücklichen Wahl gratulieren,“ fuhr er fort und zeigte auf ihren Verlobungsring.

„Oh, Sie Schmeichler!“ wehrte sie errötend.

„Gut, wenn Sie wollen, jedes Kompliment ist eine Schmeichelei. Ich sage, die Venus von Milo ist schön, die Putten des Perugino sind entzückend, die raffaelschen Engel sind himmlisch. Das sind alles Schmeicheleien. Aber sie treffen die Sache. Es wäre eine doppelte Taktlosigkeit, Ihnen zu sagen: Gnädiges Fräulein, Sie sind häßlich, erstens weil Sie es nicht sind, und zweitens, weil Sie hübsch sind.“

„Sie sind ein Dämon,“ wehrte die dankend Geschmeichelte.

„Glauben Sie an das Dämonische im Menschen? gnädiges Fräulein, dann waren Sie wirklich nie Backfisch!“

„Ich glaube an das Dämonische im Menschen,“ wiederholte sie.

Der Virtuose saß mit verschränkten Beinen auf einem Polster. Seine Lackstiefel umarmten blaue Seidenstrümpfe. Jappes bemerkte: „Vielleicht gibt es blaue Seidenstrumpftakte in der Musik?“

Flavia: „Seidenstrümpfe sind bei Herren geschmacklos.“

„Ich möchte sie nicht auf den Geschmack prüfen, nicht einmal bei Damen.“

„O Sie.“

Jappes schnalzte mit den Fingern: „So ein Luder von Virtuose redete mir heute abend von spiritistischen Klopflauten, die er in der Nacht gehört haben will, eine ganze Oper wurde geklopft, ganz hinreißend, sagte er. Als er Licht anmachte und die Takte nachschreiben wollte, war der Spuk zu Ende. Die Künstler leiden eigentlich immer an Halluzinationen.“

„O Sie! ...“ entfuhr es Flavia, „Sie sind ja selbst Künstler.“

Jappes: „Weshalb erklären Sie mich für halluzinatorisch? Ich lehne die Künstlerschaft ab. In ihrer Jugend haben die Künstler irgendeine Halluzination gehabt, und das ganze Leben suchen sie nach dem Inhalt und der Gestaltung und sterben mit einer großen Enttäuschung. Die blaue Blume der Romantik war nichts anders als der blaue Dunst einer poetisch-ungereimten Halluzination, welche die Dichter in Reime zu fassen suchten. Und das bläuliche Phosphoreszieren unserer Tage, die ultravioletten Strahlen, alles blau, blau, blauer Dunst!“ Die Dame hatte den Faden verloren ... „Die weiße Tür verletzt mein ästhetisches Gefühl,“ lenkte sie ab, und zeigte auf eine Doppeltür in der rosa Stofftapete. „Man müßte sich erkundigen, was hinter der Tür ist, und sie dann öffnen lassen,“ sagte Jappes, aber da erschien Frau Kommerzienrat.

„Wünsche angenehme Unterhaltung,“ nickte sie gönnerhaft. „Das Arrangement ist sehr geschmackvoll,“ lobte Flavia. „Sie müssen sich verheiraten, Herr Jappes,“ ermunterte Frau Winterstein, „dann wird Ihre Frau Ihnen auch solche geschmackvolle Abende bereiten.“

„Ich weiß nicht, ob meine Frau soviel Geschmack hätte!“

„Na, na, na, Sie Schmeichler,“ drohte Frau Kommerzienrat mit dem funkelnden Finger. In einer Vase stand Flieder. Jappes nahm ein Sträußchen: „Bitte, gnädiges Fräulein, lila-blaß-blau. Nehmen Sie den romantischen Gruß.“ Verschüchtert wehrte sie: „Ach, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen wirklich, im Garten haben wir selbst Flieder. Wirklich, Herr Jappes, wirklich.“ Sie entschwebte und lief einem verstört-besorgten Verlobten in die Arme.

Armida traf auf ihrer Runde auf Jappes. Sie reichte ihm einen großen amethystfarbenen Kußring: „Mein Freund, wie verbringst du den Abend?“

„Gut, danke, Freundin, sehr gut, ich füttere die Gänse.“

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Wer die Dämonologie studieren will, sollte mit der Frau beginnen, und – mit der Frau aufhören.

Mit dem Nachtschnellzug fuhr Jappes nach München. Er wollte Pepy sehen und Professor Günther einen Besuch abstatten. Armida fuhr zu ihrer Tante nach Stuttgart und stieg in Nürnberg um. Pepy erwartete Jappes am Bahnhof: „Nett, daß du gekommen bist,“ empfing sie ihn. Jappes küßte sie auf die Stirne: „Eine halbe Stunde Verspätung nach Bamberg und doch fahrplanmäßig angekommen. Darf man sich erkundigen, wie es dir geht, mein Rudibub?“ Pepy lachte: „Du bist der alte Golliwog, uns scheint es beiden sehr gut zu gehen.“

Der Autokutscher der Vier Jahreszeiten nahm sein Gepäck und öffnete den Droschkenschlag. „Ach, wir laufen das Stück,“ dankte Jappes und schmiß ihm ein Trinkgeld. „Du siehst ja glänzend aus, mein Golliwog, und hast Abenteuer erlebt, du mußt erzählen, o bitte, bitte!“ Jappes zog Pepy ins Café Arkadia, und in zwei Plüschsesseln saßen sie vor ihrem Tee. „Wenn du artig bist, erzähle ich dir von meiner Freundin Armida.“ Pepy setzte sich in horchende Stellung: „Ich werde sehr artig sein.“ Und Jappes erzählte:

„Armida ist ein Staatsweib. Kann alles, was die andern nicht können. Ist Wassermädel und Putzmacherin. Reitet das feurigste Berberroß bei Busch im Zirkus, trinkt wie drei Polen, frisiert sich à la vireloque und improvisiert die ulkigsten Couplets. Lenkt selbst den Phaethon und frißt die Entfernungen im Auto. Sie muß immer führen, immer eine Leistung, wenn sie etwas beginnt und alles gelingt ihr. Hat sicher ein Bündnis mit dem Teufel. Und Menschen kennt sie, kennt alle. Die Schuhwichser am Anhalter Bahnhof, die Maquereaux der Motzstraße, Zeitungsfrauen und Lohnkutscher, Ministerialbeamte, Räte, geheime und wirkliche und Kommerzienräte. Hat tausend Engagements, sagt zu und schreibt im letzten Moment ab. Wird immer wieder vorgemerkt. Ist überall Amateur und überall erste Geige. Kann keine Frau ausstehen und tritt am schroffsten für die Forderungen in der Frauenbewegung ein. Sie ist eine Maschine, man braucht sie nur auf das Gewünschte umzuschalten. Weiß Geld zu machen aus ihren Freunden, so daß die Geschröpften es noch angenehm empfinden. Das ist die Kunst unserer Tage! Wohnt im Edenhotel, wo nur Nietzscheaner Absteigequartier haben, und wohnt in den Spelunken an der Spree, wo ihre Antipoden hausen. Hat tausend Pläne und führt sie alle aus. Ehe ich wegfuhr, hat sie geäußert, sie wolle ein Asyl für heimlich Liebende gründen.“

Und Pepy: „Das Unternehmen wird Erfolg haben, ein pfiffiger Gedanke!“

„Eine Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftung, alle Zahlungen im bargeldlosen Verkehr. Eine Größe im Film, spielt Charakter- und Titelrollen, spielt die Rollen der entsagenden Liebe und der hingebungsvollen Brunst. Hauptdarstellerin in den Oden von Horaz. Erste Pantomime. Ihr neuestes Projekt im Film: Homer. Spielt alle Heldenrollen und es gibt nur Helden in der Ilias und in der Odyssee. Alles aktive Rollen, nur die passive Rolle des hölzernen Pferdes liegt ihr nicht. Sino, dem man die Ohren abschneidet, will sie tragieren. Sie ist imstande, sich die Ohren abschneiden zu lassen, um die Rolle naturgetreu wiedergeben zu können. Bei Gott, es wäre schade, sie hat so schöne Ohren!“

„Und wohin würde man ihr die Ohrringe hängen?“ Pepy lachte ihn aus.

„Oh, das ist das wenigste, dafür fände sie einen Ausweg. Und ein seelenguter Mensch ist sie dazu, schleppt ganze Bündel Wäsche in die armseligsten Baracken, kauft Nestles Kindermehl und füttert die junge Brut, kocht es auf und pflegt die Wöchnerinnen, beglückwünscht den Vater; kauft ihm eine Flasche Schnaps, macht ihn hagelvoll besoffen, freut sich königlich an seinen wackligen Gebärden und bändigt die gröbsten Wüteriche, wenn der Alkohol sie zu sehr reizt. In der Havelgasse habe ich eine rührende Szene mit Armida erlebt: Eine Frau war niedergekommen und war eines putzigen Knäbleins genesen. Der Vater stand weinend am Bett und weinte wie Magdalena, weil es keine Zwillinge waren. Armida vertröstete ihn so liebevoll auf das nächste Mal, daß der Tränenquell versiegte.“

„Jappes,“ sagte Pepy, „du tust einen Griff ins Lateinische?“

„Auf Ehre, nein,“ schwor Jappes, „beim Nabel des Buddha, ich rede wahr. Ein seltsames Weib ohne Schlaf und ohne Rast. Die Nächte pflegt sie die Kranken. Leert die Urinflaschen und Spucknäpfe, führt die Kranken zu Stuhl, reicht ihnen Medizin und Essen und wischt sie sauber vom Schleim des Erbrechens. Säubert vom blutigen Gerinnsel mit Eiter vermengt, macht Kompressen und legt Eisbeutel auf. Kühlt den Phantasierenden die heiße Stirne und tröstet die Sterbenden in der Agonie.“

„Bist du begeistert von ihr,“ fragte Pepy, „willst du sie heiraten?“

„Sie heiratet nicht,“ beschwichtigte Jappes. „Sie ist keine Frau. Sie hat keine Nerven. Tee trinkt sie die Masse und Kaffee und Wein. Raucht spanische Zigarillos und ägyptische Zigaretten. Ohne Wirkung! Sie hat mir gesagt, nur ein Inkubus könne sie befruchten, ein Inkubus mit kaltem Samen.“

„Sie wird dein Verhängnis sein,“ warf Pepy dazwischen.

„Aber sie liebt das Leben, den Taumel, die Lust. Zersetzt und zerstäubt und wer sie liebt, den zieht sie in den Abgrund. Ich sage dir, Pepy, eine seltsame Frau. Beim Bakkarat hat sie eine fünfstellige Zahl verloren. An einen jüdischen Grafen. Hat ihr Scheckbuch verspielt und einen Kreditbrief dazu. Ohne Mucks hat sie alles hergegeben und ging lächelnd vom Tisch, fragte den Grafen beglückwünschend nach seiner Adresse und lud ihn ein für den Abend: ‚Wir machen einen Mitternachtspoker, wenn die Gespenster tanzen, Sie kommen! – Ja? Ich erwarte Sie!‘ Sie hing an meinem Arm und machte die tollsten Zicken. Verabschiedete mich und klingelte mich um drei in der Nacht aus dem Schlaf: ‚Meine Requisiten habe ich wieder.‘ Und sie zeigte das Geld, die Schecks und den Brief. So ist meine Freundin. Pepy, wir brechen noch einer Flasche den Hals.“

Sie tranken auf die Freundin Armida.

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Es gibt drastische Wahrheiten, die wie Lügen klingen, aber viel gefährlicher sind.

Professor Günther stak in einer grauen Litewka mit braunen Kordeln. Ohne die Lorbeeren am Kragen hätte er wie ein Husar ausgesehen. Saß in seiner Bibliothek vor einem Stoß Manuskripte und rauchte aus einer aromatischen Ruhla. Ein russisches Windspiel lag auf einem Bärenpelzfetzen neben dem Spucknapf. Jappes hatte sich telephonisch angemeldet: Wenn es Herrn Professor genehm sei, komme er auf einen Sprung vorbei, ob es nicht störe, wenn die Freundin mitkomme? Im Gegenteil, hatte der Professor verbindlich gesagt. Kommen Sie ungeniert. Auf Wiedersehen! Jappes und Pepy wurden mit lebhafter Höflichkeit empfangen.

Es wurde Tee serviert und Frau Professor dazu. Ein schmuddeliges Weibchen, das ihrem Manne alles mit talmudistischer Ueberzeugungstreue glaubte und manch verworrene Ehekonflikte auf die unverständliche Gelehrsamkeit ihres Mannes zurückzuführen gewußt hatte. Sie hatte sich schon vom Leben zurückgezogen, weil alle ihre Wünsche erfüllt waren. Einen berühmten Gatten, einen berühmten Sohn und eine geordnete Häuslichkeit. Sicher war dieses ausgeglichene Wesen ein Werk des Psychologen. Frau Günther hatte sich in ihren Betrachtungen eingekapselt und lebte ihren Gedanken: von der Außenwelt um ihr Glück beneidet zu werden. Ohne Bedürfnis nach fremden Männern, fand sie keine Worte für Jappes außer den zeremoniellen Begrüßungsformeln:

„Wir haben allerliebste kleine Hunderl,“ platzte sie heraus, „ich liebe sie so sehr. Vielleicht hat gnädiges Fräulein Lust, die zappelnden Dingerchen zu sehen.“ Pepy warf Jappes einen fragenden Blick hin. Er kniff die Augen zu und schürzte die Lippen: Geh halt mit der Frau! Pepy und Frau Günther gingen zur Hundeschau.

„Die Frauen sind seltsame Dinge,“ begann der Professor. „Sie haben immer ein Steckenpferd und es ist das Glück der Männer, wenn sie sich sehr früh von ihnen abwenden: Der Instinkt vertritt bei ihnen den Geist und immer zum Vorteil der Frau.“

„Das könnte ich nicht gerade behaupten,“ sagte Jappes, um nicht zu schweigen. Und Professor Günther: „Wieso?“

Jappes: „Ich weiß auch nicht. Ich meine nur so.“

„Es gibt nur einen Glauben, das ist die Erfahrung. Glauben Sie mir, Freund, die Frau ist nicht mehr als ein Prinzip, eine Idee, das Prinzip der Zeugung, mehr strebt das Weib im Leben nicht an. Alles in der Frau ist Liebe und was dazu führen kann.“

„Das ist doch weiter nicht schlimm oder ...?“

„Bewahre, bewahre,“ fuhr Professor Günther fort, „wenn der Auerhahn balzt, versteckt er den Kopf. Er balzt nur in der Brunstzeit. Die Natur hat ein Exempel statuiert. Sie will zeigen, wie die Liebe das blinde Prinzip ist, das Lichtscheue.“

„Auch der Strauß versteckt seinen Kopf in den Wüstensand,“ warf Jappes ein, „wenn er verfolgt wird, aber aus purer Furcht.“

„Liebe und Furcht ist dasselbe,“ lachte der Professor, „sehen Sie, Freund, wenn das Mädchen verliebt ist, fürchtet es, keinen Mann zu finden und findet es einen, so fürchtet es, ihn zu verlieren – von anderer Furcht nicht einmal zu reden. Ergo, Liebe ist dasselbe wie Furcht. Quod erat demonstrandum!“

„Die Ableitung ist sehr gut, eine akademische Form. Sicher und logisch, aber das Weib muß sich doch seines Wertes auch bewußt sein, weil es mit den Männern spielt. Im Flirt, dem spezifisch-weiblichen Attribut, ist von der ‚lieblichen Blindheit‘ verdammt wenig dran.“

„Freund, Sie sehen etwas, aber nichts Genaues. Ich erkläre Ihnen den Vorgang. Um banal zu sein: Der Flirt beruht auf Gegenseitigkeit. Verstehen Sie mich recht! Sie haben eine Dame gefunden und wünschen ihre Bekanntschaft zu machen. – Ich spreche Ihnen soviel Geschmack zu, daß ich annehmen darf, die Dame hat noch viele andere Freunde. – Wenn Sie der Dame den Hof machen, fühlt sie sich geschmeichelt und hat sie auch Sympathie für Sie, so entwickelt sich der Flirt. Aus Courtoisie gegen die Dame geben die Männer gesellschaftlich zu: der Flirt gehe von den Damen aus. Unter uns gesagt, Freund Jappes, die Sachen liegen doch nicht gar so pantoffelartig für uns. Wir sind scheinbar die Mucker und Duckmäuser und doch führen wir die Frauen am Narrenseil!“

„Oh, das tu ich nicht und glaube nicht, daß man es tun kann mit selbständigen Frauen.“

„Alle Frauen sind abhängig,“ sagte der Professor gereizt, „und diejenigen, welche sich einbilden, am unabhängigsten zu sein, sind gerade die Unselbständigsten. Noch ein Wort, mein Freund, was bei den Frauen Koketterie ist, das ist es, womit wir spielen. Wir spielen also mit dem Wesen der Frau, weil jede Frau kokett ist und mit sich spielen läßt.“

„Das ist ein Sophismus,“ betonte Jappes, „meine Auffassung vom Wesen der Frau ist grundverschieden. Ich denke, die Frau ist das, was den Mann ergänzt und um so tiefer ergänzt, je unbewußter die Frau ist.“

„Wahr, wahr, Freund Jappes,“ beeilte sich der Professor zuzugestehen, „sehr wahr für schlappe Pantoffelritter, für Lappschwänze, aber für ganze Männer, nein. Die Frau ist da nur eine Begleiterscheinung der Größe eines Mannes, der Nebel, der den Kometen begleitet. Ein astroides Nebulargebilde.“ Dazu lachte er, daß das Zimmer wackelte. – „Sprechen wir praktisch. Wir renommieren soviel mit den Frauen, die wir uns kirre gemacht haben, wie es die Frauen tun, die uns den Kopf verdreht haben.“

„Eine Frau wird mehr umworben als ein Mann,“ stellte Jappes die Antithese.

„Pflichte Ihnen nicht bei, Herr Jappes,“ sagte der Professor wichtig, „nach der Ueberlieferung ist die Liebe beim Mann und bei der Frau eine Parallelerscheinung. Der okkulte Kult der Aegypter erzählt, daß Osiris und Isis sich schon im Mutterleibe geliebt haben. Die Aegypter haben uns wichtige Papyri über die Frauen hinterlassen. Sicher ist, daß die Liebe ein einträgliches Geschäft war. Einträglicher wie zu unserer Zeit, was doch beweist, daß die Frau wirtschaftlich bedeutend gesunken ist.“

„Die Anspielung verstehe ich nicht,“ entgegnete Jappes nachdenklich. Und Professor Günther belehrte ihn: „Als Cheops seine Pyramiden baute, geriet er in Geldverlegenheit und um ihr abzuhelfen, gab er seine Tochter den Edlen seines Hofes preis.“ – Und lächelnd fügte er bei – „Die Prinzessin fand soviel Geschmack an der Erbauung der Pyramiden, daß sie sich selbst eine Pyramide errichten ließ, alles von ihrem eigenen Gelde.“

„Sie wollen daraus die Werterniedrigung der Frau ableiten, ich bin eher der Ansicht, daß die Männer zur Zeit der Pyramide des Cheops noch nicht so ausgepowert waren wie heute.“

„Wenn Sie Ihre Bemerkung nicht ernst auffassen, verzeihe ich Ihnen die Wortklauberei recht gerne. Die Welt wäre längst mit den Gestirnen in Kollision geraten, hätten nicht Kepler und Newton und Laplace und die anderen siderischen Lokomotivführer ihre Bahnen und die Wege der Gestirne erkannt. Da finden Sie keine Frau. Keine Erfindung segelt unter der Flagge der Frau. Ueberall ist der Mann das Agens, die treibende Kraft. Nennt man heute den Namen einer Frau, dann ist es immer im Zusammenhang mit einem großen männlichen Namen.“

„Der Frau spricht man doch die Erfindung der Sünde zu, und all den hysterischen Zappelfritzen der Geschichte hätte man kein Kind bis zur Geburt anvertrauen können. Die Frau hat die Geduld, ein Kind zu gebären und sie würde es vielleicht noch länger als dreiviertel Jahr verborgen halten, wenn der Vorwitz danach bei ihr nicht so groß wäre. Das Monopol der Menschenerneuerung wollen Sie der Frau doch nicht absprechen? Die Frauen sind zu bescheiden, um den Ruhm für sich zu nehmen, deshalb setzen sie ihre Trabanten in die Welt, ihre geistigen Kulis, die Erfindungen zu machen und die Wissenschaften zu fördern. Jeder Gelehrte hat sein Leben von einer Frau geschenkt bekommen, und die Arbeit eines jeden Mannes ist Dienst zur Ehre des Weibes.“

Professor Günther wehrte mit der Hand ab. „Versuchskarnickel sind die Weiber, glauben Sie meiner Erfahrung, mein Freund, Versuchskarnickel!“

Die Gesellschaft ist ein Fünfuhrtee. Es wird leider meist Aufguß serviert.