Part 7
Dann waren sie lachend gegangen, triefend von Küssen. Tage kamen mit Wandern und den Schauern der gierigen Nächte. Sie war kühl und dämpfte die Glut der männlichen Sehnsucht. Fühlte, daß ihr Wesen eine Schwenkung zur Freiheit machte, fühlte, daß der Mut zur Liebe wuchs, der Mut zur leidenden Liebe. Der Dampf riß sie fort und die rollenden Räder. Jappes nach Norden und Pepy nach Süden. In München wartete gähnend der englische Schiffer, gähnend, als wollte er den Liebling verschlingen. So war es gut, denn sein Herz bedurfte der Kühlung und Jappes dachte, sie wird ihn schon kühlen.
Er schrieb ihr den Brief voll liebender Fülle, voll rasender Gier:
Die Liebe kommt plötzlich wie ein Föhn und wütet in den stärksten Forsten, aber der Windbruch birgt viel Nutzholz.
Mein Rudibub! Montag ist’s wieder. Acht Tage sind’s her, seit der Zug Dich entführte. Der Traum ist vorbei und die sonnigen Tage. Dein Name kommt manchmal und klopft an mein Ohr – Rudibub. – Du Liebe, ich habe Dich lieb. Vielleicht trübe ich Deine Freude, wenn ich Dir sage, daß noch ein Mensch neben einem anderen ist. – Golliwog! – Einer, der um Dich weiß. Von meinen Lippen tropft es: Ruth! – rollend – weich. Ich höre Deine Stimme und in meinem Herzen ist ein Echo: – Rudibub! Die Sehnsucht quält Jappes, die Sehnsucht an einen Traum. Und dehnt die Zeit, die schrecklich tickende Zeit. Der Traum war Ruth. Fort bist Du und hast einen Strich gemacht. Einen Strich hinter den Golliwog. Und Golliwog verdreht die Augen: – Ruth! – Es ist ein Traum, ein weicher, rollender Traum.
So war es schön.
Golliwog denkt an Tage voll Nähe und Liebe. Denkt an Nächte voll Schwüle und Glück. An heiße Nächte und innige Nähe. Es springt über in ihm und alles sammelt sich um Ruth. Er reicht ihr seinen Kuß. Schwester, wo bist Du? Schwester meiner schwülen Nächte. Weißt Du noch etwas von meiner Liebe? Weißt Du von meiner Sorge, als Du gingst. Ich denke an die blaue Glut der Berge. Die Wege und Täler sind voll von Dir. Alles sagt mir, Ruth war da, mein Rudibub. Sie war hüpfend wie ein Reh, und geschmeidig wie eine Katze. Sie war Pepy zwei Tage und dann wurde sie lieb und trank die fiebernde Nähe. Vier Tage war sie Rudibub – mit Tränen und Glück. Golliwog gab ihr seine zitternde Liebe, und doch ging mein Rudibub. Die Glut blieb und die Sehnsucht und die marternde Zeit.
Ein anderer pflückt die Blume ihrer Liebe. Golliwog wünscht, daß er sie nicht nur zum Schmucke bricht. Pepy ist fort und Ruth ist mein Traum. Die Kühle ging fort und in mir ist die Glut. Die Kleine ist da und sie lacht. Ich sehe die Zähne, die Locken und bete – – –:
Ruth, mein Rudibub!
Grinsend rollt er die Augen
Dein Golliwog.
Jappes schämte sich fast, als er sah, daß ein junges Glück in seinem Herzen zitterte.
EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Das Wesen einer typischen Tante ist Komik, und Komik ist immer etwas Ernstes.
Am Bubenbad in Stuttgart entdeckte Armida eine mütterliche Tante. Eine schwäbische Schwäbin mit Runzeln im Blick und eine zierliche Zofe. Wie eine Robbe war sie mit hängenden Armen und fettiger Schwarte. Ihr Kleid von Kattun verdeckte die Trümmer der Ehe. Ihr bäuchiger Leib gemahnte an das Kap der guten Hoffnung. Ihr treues Geleite war ein knurrender Mops, der die Art der Möpse auf der Straße mit sachgemäßer Beschnüffelung absolvierte. Ihr Blick war auf die Erde gerichtet, weil sie vom Himmel nichts hoffte.
Armida nannte sie: Ida Telluren.
Sie war eine einsame Frau, die den Abend mit Patiencen verbrachte oder im Gespräch mit der schleichenden Stille. Zwei Papageien hatten sich unter ihren Liebkosungen zu Tode geschrien.
Papageien werden bei Tanten nicht alt, so dachte die gelenkige Nichte Armida. Ihr Mann, der gesprenkelte Assessor, war hinter seiner Brille an Gallenergüssen gestorben. Und die Witwe suchte den Schmerz im Gähnen der Reisen zu töten. Sie war treu, obzwar noch viele die stramme Fülle begehrten. Sie kannte die Lust der flaumigen Betten, die den Männern die besten Sinne verwirren und sie kannte die eignen Pulse des Blutes. Bei Tag war sie sicher vor dem Stachel des Satans. Nur die Nacht wob die Besorgnis um das Pfand ihrer Treue. Ida Telluren war klug, denn sie spürte sich noch nicht als vergöttertes Tantchen. Sie fand eine List, die Männer vom Pfuhl ihrer Träume zu bannen: Im Hotel stellte sie neben die zierlichen Hülsen der eigenen Füße ein Paar Stiefel aus derberem Leder. So lebte sie abends im Gedanken an den seligen Mann; und draußen hielten die Stiefel die Wache.
Die Jahre verspritzten die üppigen Formen und das Alter zeichnete die Skizze der Tante. Die Nase quoll auf, und die Zähne entwichen. Die Brüste schlotterten in fettiger Fülle. Wuchs der Geschmack für Kaffee, für Schnäpse und Möpse. Ihr Wesen schrie auf: Nun werde ich zur Tante. Der Ausgleich für ihr wackliges Tantengemüt bestand in der Liebe zur jungfräulichen Nichte Armida. Mit verschlissenem Plaid, der Beute der jagenden Reisen, spülte die Zeit sie hinunter nach dem schwäbelnden Schwaben. Am Nesenbach lag ihre Kemenate und sie empfing nur gekrückte Gestalten, die sie mit minniglicher Atzung von Tee und Kaffee und Tantengebäck zu ermuntern suchte. Manchmal war Vollblut im Haus: die niedliche Nichte Armida. Mit zierlichen Füßen küßte sie die Läufer der Treppe. Dann wurde die Tante viel jünger, und geschwätzig floß ihr Bächlein der Rede. Verließ die opalisierenden Schreier, mied den gekniffenen Schwanz des Mopses und hielt das Kätzchen im Arme, die weiche Armida.
Ihr Brevier waren die Räuber von Schiller. Sie wußte das Jahr, da sie der junge medizinische Schiller in gefolterten Nächten bei grimmiger Kälte geschrieben. Im Winter 1778/1779! – Die Finger rieb sie vor Kälte, wenn sie des fröstelnden Jünglings gedachte. Mit heiliger Scheu ging sie an der Solitude vorüber, wo das Große geboren worden war und starrte mit geknicktem Genicke zu den lebendigen Gemälden der Decke. Hetsch und Guibal und Heideloff hatten hier ihre Pinsel verewigt.
Ida Telluren liebte diluviale Gestalten. Sie selbst war ein Mammut aus dem Diluvium der bräutlichen Schichte. Wisent und Ur bockten kämpfend im Protz ihrer geräumigen Säle. An den Wänden spreizten sich die derben Gerüste der knochigen Ichthyosaurier von kundiger Hand in Kohle gehalten. In der Tantenstube ein Porträt von Victor Thaumatosaurus, aus Holzmaden, der Jura-saurische Intimus von Ida Telluren. Knochen, nur Knochen, denn Tante Telluren haßte das Fleisch. Im Staatsarchiv an der Neckarstraße wohnten die betagten Skelette und Ida liebäugelte oft mit den geognostischen Typen. Seufzend verließ sie den Saal, in Trauer über die knochigen Riesen sinnend.
Tanten träumen seltsame Träume und Ida Telluren war Tante; auch Tante im Traum: Sie sah schnäbelnde Ichthyosaurier auf einer Bank im Mondenschein, _sie_ war so innig und ließ _ihn_ gewähren. Doch bald befiel ihn die Lust nach südlicheren Früchten. Da erbebte die Tante und schwitzte Besorgnis, hob die Hand und schrie zum Schutze der Unschuld.
Armida lag wachend und dachte: Der Schweiß einer Tante riecht seltsam!
Am Morgen ging Ida Telluren zu einem Traumatologen.
ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Ein Ton in deiner Stimme sagt mir, daß dein Wesen Lüge ist.
Professor Günther war ein überflüssiges Möbel, obwohl er eine kluge Glatze trug, wie einen Spiegel der Weisheit, in welchem der Gelehrtendünkel und der Professorenwahnwitz jener verschrobenen Kaste sich spiegelten. Er hatte den Tempel der Wissenschaft geplündert und sich zum vielfachen Doktor gekrönt. Er wußte, daß er eine Potenz war. Und das wurde sein Verhängnis, denn nichts ist schlimmer als das Bewußtwerden der eigenen Größe.
Zwei Seelen wohnten in seiner Brust: im Privatleben die Seele eines Schweines, im offiziellen Leben die Seele eines Berufspsychologen. Er hatte eine Kurve seiner Gemütsbewegungen gezeichnet, kannte die Grade der Verliebtheit von der errötenden Unberührten über das kanonische Alter hinaus bis zum fast begierdelosen Weibe. Er hatte seine Beobachtung nach empirischer Methode graphisch dargestellt, fand, daß die Kurve bei der Frau aus dem Unendlichen kommt und bis zum fünfundvierzigsten Jahre etwa mit regelmäßigen periodischen Schwankungen parallel zur X-Achse verläuft und von da langsam abfallend mit asymptotischer Annäherung an die Abszisse wieder ins Unendliche überspringt. Beim Manne beginnt die Kurve im Pubertätspunkte, dessen Abszisse das Alter, dessen Ordinate die Umgebung ist. Auch diese Kurve hat einen konstant-flachen, aber schwankungslosen Verlauf, fällt indes gegen siebzig Jahre steil ab. Die Flächen hatte er ausplanimetriert und wußte alles zahlenmäßig auszudrücken. Für ihn galt die Zahl, die Nummer. Jedes Gefühl hatte er in eine Formel gefaßt, die er für das einzelne Individuum mit der Variablen des Temperaments multiplizierte. Nach ihm war die Psychologie die Wissenschaft dessen, was man unter Seele versteht.
Seine privaten Vorlesungen waren interessant, weil er seltsame Widersprüche lehrte und dadurch das Staunen seines Auditoriums bis zur Verblüffung steigerte, so daß er am Schlusse seines Vortrages mit frenetischem Beifallstaumel hinausgetrampelt wurde. Der Einpauker Günther bereitete im Gegensatz zur Universität die Studenten für die praktische Seite des Doktor- und Staatsexamens vor. Jappes merkte sich den Mann, und während dessen Sprechstunde stand er dem Seelenkundigen gegenüber. Er platzte mit der Frage zur Tür hinein: „Ist Liebe ein Affekt oder ein Instinkt?“
Professor Günther rollte seine mausgrauen Augen eine Weile musternd, brachte die Glatze in Kampfstellung und kaute die Frage hervor: „Haben Sie keine Visitenkarte?“ Jappes stand vor ihm mit eingeknicktem Fuß wie ein Häuflein Elend. Von seinen Lippen schlotterte es demütig: „Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich bin immer etwas rasch und ich war so geblendet von Ihrem Wissen, daß ich wie ein Falter in das lockende Licht flatterte ...“ Hier überreichte er seine Visitenkarte:
Jappes Paul cand. med. et. phil. et. cam.
Schlapphof Baden
„Sie sind sehr vielseitig, Herr Kommilitone Jappes Paul vom Schlapphof.“
Eigentlich nur Vorder- und Rückseite, dachte Jappes, letztere, na ... vielleicht würde der Herr Professor doch nicht von meinem Anerbieten Gebrauch machen. Dann verschluckte ihn ein Klubsessel auf eine einladende Handbewegung hin.
„Nun, Herr Kommilitone,“ spreizte sich Professor Günther vor Jappes, mit lohender Zigarre und paffte einen wirbelnden Dunst an die Decke, – „unterbreiten Sie mir Ihre Fragen, bitte!“ Hier machte er eine Geste mit der Hand, als biete er einen Präsentierteller an: Bitte, bedienen Sie sich!
„Meine Frage muß Ihnen doch lächerlich sein, Herr Professor, denn im Vergleich zu den Studenten sind Sie ja unendlich klug und Sie vergessen an einem Tage mehr, als unsereins in einem Jahre mühsam zusammenstoppelt.“
Professor Günther lachte sich Grübchen und der Stolz perlte aus seiner Stirne. Er wehrte mit der Hand ab. Jappes wiederholte: „Ist Liebe ein Instinkt oder ein Affekt?“
Die Frage löste bei Professor Günther die strenge Sachlichkeit des Gelehrten aus. Ein klassisches Räuspern leitete seine Erklärung ein: „Entschieden, die Liebe ist ein Affekt. Eine heftige Gemütserregung mit einer Reaktion auf den Körper. Jeder andere Bewußtseinsinhalt wird von den Affekten hintangestellt. Die Vernunft ist ausgeschaltet, und unser Handeln ist zwangsläufig und wir haben keine freie Ueberlegung, weder in der Wahl noch in der Anwendung fester Grundsätze.“
„Wer liebt, ist also unvernünftig, unzurechnungsfähig,“ schlußfolgerte Jappes, „es scheint doch eine Grenze zu geben, wo Affekte und Instinkte zusammenlaufen. Der Instinkt ist doch die dauernde Disposition des Nervensystems, den automatischen Ablauf einer komplizierten Handlung zu bestimmen. Nach der Affektentheorie ist die Vernunft doch auch ausgeschaltet und mithin wäre alles, was im Affekt geschieht, eine automatische Handlung. Wir denken doch nichts dabei, wenn wir lieben, es ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden, wir beten das Ritual der Liebe ohne den Glauben, automatisch. Die Liebe wäre also ein Instinkt und kein Affekt?“
Professor Günther streckte die linke Hand vor, Daumen und Zeigefinger in Schnabelstellung, die übrigen Finger gespreizt: „Distinguo! Wir unterscheiden, Freund, zwischen objektiver Wahrnehmung und subjektiver Empfindung. Denken Sie sich, Herr Kommilitone, zwei Liebende von einem Dritten beobachtet.“
„Das wäre sehr unangenehm für alle drei,“ bemerkte Jappes.
Professor Günther verschluckte ein Lächeln: „Für den objektiven Beobachter zweier Liebenden ist die Liebe unbedingt ein Affekt! ...“
Jappes entschuldigte eine Unterbrechung: „Es ist doch unmöglich eine objektive Beobachtung über die Liebe anzustellen, weil unsere Instinkte sich aus den einfachen Reaktionsvorgängen durch die äußeren Reize des Geschauten entwickeln. Sind wir aber selbst verliebt, so entzieht sich unsere Selbstanalyse der Kontrolle, weil durch den Affekt die freie Ueberlegung ausgeschaltet ist!“
„Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen,“ bejahte der Psychologe, „gerade das ist die Grenze, die Norm. Die platonische Liebe ist ein Affekt, die praktische Liebe ist ein Instinkt: Entschuldigen Sie die Frage, waren Sie schon verliebt?“
Und Jappes: „Platonisch noch nie, deshalb kam ich auf den Gedanken, die Liebe sei kein Affekt.“ Und er dachte, er müsse mit Pepy darüber reden.
Jappes entschuldigte sich, er müsse gehen, er habe eine Verabredung mit einer Freundin. Professor Günther drückte ihm die Hand: „Dann leben Sie wohl, Herr Jappes Paul vom Schlapphof, und kommen Sie mal zu uns, unser Haus steht Ihnen offen. Ihre Freundin können Sie mitbringen.“
Jappes entwich dankend dem Zigarrenqualm.
DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Wenn ein Herr ein Tagebuch schreibt, will er etwas preisgeben. Wenn eine Dame ein Tagebuch schreibt, will sie etwas vertuschen.
„Ueber Nippsachen kann man immer etwas Spaßiges sagen,“ scharwenzelte Jappes vor Armida; „heute siehst du aus wie eine Teepuppe. So weich und flaumig und warm und duftig und prickelnd und ...“
„Zu Dummheiten bin ich heute nicht aufgelegt,“ fiel ihm Armida ins Wort, „da, geh zur Bank und hole das Geld von Arco Calvandi.“ Sie gab ihm einen Scheck. Er küßte ihre Hand und verließ ihr Zimmer.
Sie wohnte seit zehn Stunden in der Pension Ethos, ordnete ihre Briefschaften, schrieb Forderungen, ihre Außenstände einzutreiben, bot anderen große Summen zur Hilfeleistung an, ohne irgendwelche Verpflichtungen. Redigierte ihr Tagebuch. Sie schrieb: Doktor Seraph, ein verlorener Mensch, weil er seinen Beruf ernst nimmt, wohnt mit seinem Schicksal zusammen, aber er gewöhnt sich nach und nach an die Frau. Er freut sich, wenn ich komme und noch mehr, wenn ich gehe. Im Grunde doch ein glücklicher Mann. In seiner Brautnacht wird er sicher zu einem Sterbenden gehen. Heiraten sollte er nicht, denn er ist nicht fürs Leben geschaffen. Der Tod hat ihm sein Siegel schon aufgedrückt: die grauen, bohrenden Augen, der gramdurchsetzte Blick, das starre Paragraphengesicht. Alles an ihm schreit Pflicht, Pflicht, Pflicht und Dienst. Ein wertvoller Mensch, der uns zeigt, wie wir das Leben nicht verleben sollen.
Es gibt zweierlei Gedanken: Gedanken, die wir denken und solche, die wir schreiben oder sprechen. Korrupte Gesellschaft! Wir sitzen an einem Tische, in feinster Umgebung, geschmackvoll präparierte junge Damen, Schlangen im Blick, zischende Schlangen als Sinnbild des Geschlechts. Sie kennen alle unsere Mängel und wissen unsere Vorzüge klug zu verleugnen. Männer, außen Knigge und innen Canaille, legen ihre geistreichelnde Unterhaltung ins Schaufenster und ihr Laden ist leer. Trifft man sie oft, so merkt man den Staub auf den Ladenhütern. Ihre Gefühle, die Ladenschwengel des Instinkts! Sagen garnierte Liebenswürdigkeiten und denken die nacktesten Gedanken dabei. Kulissen überall und Attrappen. Aber man macht mit, weil man vom Fach ist. Oh! der Kitzel, sich hinter den Kulissen beobachtet zu wissen. Die Menschen sind nur Zitate der Vergangenheit und stehen in den Gänsefüßchen der Gegenwart. Taumelnde Gebärde ohne Kraft, Versteckspielen der Rede, blinde Kuh der Gesellschaft. Das ist der Kitzel, daß man sich und die anderen wissend betrügt! Der menschliche Geist ist ein Kolibri, leuchtend-schillernd wie Changeant-Seide – kehrt man das Kolibri um, dann ist es matt, schal, grau wie ein Zaunkönig, nur noch kleiner. Der Mensch macht sich müde über sich nachzudenken. Das Leben eine große Verdauungsübung, ein Fangballspiel mit den hüpfenden Tagen. – ––
Da war die Tinte zu Ende.
Ein roter Radler brachte einen Brief von Jappes:
„Sternchen,“ schrieb er, „zum Abendbrot mußt du auf meine gefräßige Gegenwart verzichten. Ich weiß, Du entschuldigst mein Ausbleiben, denn es gibt sogar Fälle, in denen Damen galant sein dürfen. Um zehn Uhr hole ich Dich ab mit achtzig Prozent Sicherheit. Unterweilen sage ich Dir auf Wiedersehen und wünsche Dir angenehme Empfindungen.“
VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Ein literarischer Salon ist wie eine Kirche: Priester, die opfern, und Gläubige, die beten, aber es wird nicht immer richtig gesungen.
„Unser Roman geht weiter,“ sagte Armida zu Jappes und nahm das Geld in Empfang, „betrage dich anständig, wir machen einen hohen Besuch. Kommerzienrat Winterstein kennst du noch nicht? er ist unser Mann.“ Jappes hüpfte durchs Zimmer und lachte: „Kommerzienräte wollen gute Manieren. Armida, rede mir nicht zu viel zu, sonst blamiere ich dich durch sehr anständiges Betragen. Kommerzienräte können sich alles leisten. Hast du ihm schon von mir erzählt?“
„Er weiß alles über dich, du darfst ganz Jappes sein.“
„Ich danke!“ und er reichte ihr den Arm.
Kommerzienrat Winterstein wohnte in einer Villa in Tempelhof. In Geldsachen hatte er glänzende Erfahrungen gemacht. Er hatte eine niedliche Tochter, ein Blaustrumpf in den begehrtesten Jahren. Seine Villa war mit den Begierden seiner Frau möbliert, und obwohl Herr Winterstein eine tiefdeutsche Gesinnung hatte, war alles im Louis-XV-Stil gehalten. Wagen fuhren ein und aus. Lackierte Kutscher lenkten die vernickelten Monturen durch das Parktor. Herr Kommerzienrat Winterstein empfing die Gäste selbst: eine behäbige Lebhaftigkeit, der man es auf eine Meile ansah, daß sie nicht so leicht aus dem Konzept zu bringen war. Er war im Gesellschaftsanzug und einer Maréchal-Niel-Rose erwies er die Ehre, in seinem Knopfloch duften zu dürfen.
„Unser neuer Freund Jappes,“ stellte Armida vor, Herr Winterstein erstrahlte purpurn: „Sehr angenehm, dem Hause wird es eine Ehre sein, den Freund Armidas zu Gaste zu haben.“ Neue Gäste kamen, und Jappes sagte zu Armida: „Der Mann hat Gewicht, die Zähne sind schadhaft, aber sein Mund ist eine Goldgrube. Das ist der erste Kommerzienrat, der mir die Hand so angenehm geschüttelt hat.“
Dann schwammen sie im Strudel der Unterhaltung. Crêpe-de-Chine und Taft und Tüll, strotzende, federnde Körper, Mädchen, die das erstemal in Gesellschaft waren und die ihre fünf Sinne wie Antennen den Lockungen und Reizen entgegenhielten: Kommt, wir sind reif und schmachtend! Liebeblinzelnde Jungfern, die liebeblinzelnd in langjähriger Praxis im gesellschaftlichen Verkehr auf der Suche nach dem Manne ihrer Wahl waren, entschlossen, sich im Leben mit einem akademischen Grade zu klassieren. Duft und perlende Weine. Frostige Matronen im Reif ihrer Jahre frischten ihre Jugend wieder auf in der Retouche der gesellschaftlichen Lüge: Ihre Reize: blitzende Geschmeide. Lachen, vor dem Spiegel einstudiert, geglättet durch kluge Massage. Duftschwerer Phlox in leuchtender Glut winkte von den Tischen. Die Männer in Smoking und weißer Brustfläche – wie Silhouetten. Armida stellte Jappes vor: jeder Gruppe anders, für die einen war er Kandidat Jappes, für die anderen Medizinmensch, für dritte Publizist.
Armida sagte zu allen: „Das ist mein Freund!“ Jappes wurde in ein Gespräch gezogen: „Sie sind Schriftsteller,“ sagte eine ältere Dame und ein blendender Straußfächer kühlte ihre korpulenten Anstrengungen. „Man hat uns gesagt, Sie sind auch so eine Art Dichter, eine Art Goethe oder Hauptmann. Eine Ehre, mit Ihnen zusammen zu sein. Werden wir bald im Theater etwas beklatschen können?“
„Die gnädigste Dame beklatscht jetzt schon tüchtig. Ich bin Schriftsteller,“ hob Jappes mit leiser Ironie an, „ein Mensch, der allen Geschmäckern gerecht zu werden sucht.“
„Sehr gut! Sehr gut!“ ging es durch die Gruppen.
„Wenn man dichtet,“ fuhr Jappes fort, „hat man gewöhnlich sehr viel Allgemeines zu sagen. Die Schriftsteller, gnädigste Frau,“ wandte sich Jappes zu der Dame, die ihn im Gespräch angezapft hatte, „die Schriftsteller machen die Erfahrungen, die die anderen so gerne lesen.“
„Glänzend!“ sprühte ein gutgescheitelter Assessor, „der junge Mann hat eine Zukunft. Wie machen Sie das eigentlich, die Gedanken so nach und nach zu finden? jetzt muß ich schon dumm fragen.“
„Das Fragen bin ich schon gewöhnt; ein junger Dichter muß aufs Interviewtwerden gefaßt sein. Aber das ist sehr einfach, ich trinke eine Kanne Tee leer und melke die Muse.“
Der Assessor schüttelte sich vor Lachen: „Verwechseln Sie nicht manchmal den Tee mit der Tinte?“
„Das ist ja weiter nicht schlimm,“ erwiderte Jappes, „solange das Publikum nichts davon merkt.“
„Der Herr Assessor spricht Ihnen eine Zukunft zu,“ sagte die fächelnde Dame, „mein Freund, der Herr Assessor, hat ein Auge für Größen.“
Sogar sinnvolle Gedichte können verstanden werden.
Ein junger Klaviervirtuose spielte ein triebhaft-schrankenlos-musikalisches Symbol und seine Akkorde fielen das Ohr an wie eine kläffende Meute. Seine Gewalt hielt die Lippen in Bann und die Ohren gefangen. Etwas Schreckhaft-Erotisches, etwas Dunkel-Mystisches legte sich über die erhitzten Seelen. Drängend-pulsierendes Leben schwebte durch den Saal, wie eine Narkose nahm die Musik allmählich von den Sinnen Besitz, leise einschmeichelnd, und als sie verklang, war es, als wolle der Zauber nicht weichen.
„Musik liebe ich nicht,“ sagte Jappes einer jungen Dame. „Wieso?!“ fragte das rosige Stimmchen, „Musik und Sekt ist das Schönste auf der Welt und Cakes und Caesar Flaischlen!“
„Neben vielem anderen sind das Sachen für Damen. Backfische schwärmen für platzend-prickelnde Sachen, für sacharinsüße Gedichte.“
„Machen Sie welche?“ fragte das Stimmchen.
„Ja!“
„Oh, bitte, bitte, bitte, erzählen Sie uns etwas von Ihren Gedichten, das mag ich liebend gern.“
„Bedauere,“ darauf Jappes, „ich habe leider auch noch nichts davon verstanden.“
„Das glaube ich,“ kicherte eine junge Fülle, „für das Geständnis müssen Sie schon was hersagen.“ Sie drängten sich um Jappes, und im Tumult des Saales sagte er ihnen vier Strophen:
„Ein Hund vor meiner Tür und wedelt in die Nacht. Aus meiner Brust ein Laut, er lacht, ein Wächter meiner selbst, wie dieses Tier.
Blume bebt im Mittagsfeld und trinkt von Sonne sich so voll und rot. Hoffnung, bang, durchzuckt die Welt – trinkt sich am Leben tot.
Schöpfer spendet sprudelnd Licht, daß Seele dran sich labe; was störst du meine flüchtige Habe du neckisch kleiner Menschenwicht?
Nicht zagen Muts! Taumel-wirr, trink auch vom roten Leben, trink dich am Leben irr und laß das Schicksal weben.“
„Das klingt so unverständlich, wie die Sachen von Stefan George,“ kicherte von neuem die junge Fülle, „all unsere jungen Dichter sind Kanonenfutter für die Lyrik der Zukunft.“