Part 6
– Wir werden ankommen! knurrte Sylvain und ein bläulicher Benzolschweif wirbelte gegen die Porte St. Martin. Die Sorbonne und das Palais du Luxembourg reichten sich die Hände, so raste Arco Calvandi. Er fieberte in dumpfem Groll.
Seine Zimmer lagen vis-à-vis vom Panthéon und von seinem Rauchzimmer aus sah er den Denker von Rodin. Er sprang die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Auf der Diele warf er seinen Mantel ab, lief in sein Schlangenkabinett und öffnete seine Handtasche. Ueberall Schlangen, Schlangen aus Glas, aus geädertem Porphyr, gemalte Terrakotta, majolikaglatte Schlangen. Augen wie zuckende Lohe, wie glänzende Rubine, weiße Milchaugen mit einem blauen Strich, Augen grün wie Malachit und züngelnde Zungen, gespalten und pfeilartig und spitz. Kriechende Schlangen an den Wänden von blauem Damast. Er riegelte die Tür ab und schloß die Fensterläden, Kippte die Wippe einer Schaltvorrichtung und eine pendelnde Schlange wurde elektrisch hell. Eine zitronengelbe, geringelte Schlange mit roten körnigen Augen. Gläsern klang die Bewegung der Zunge. Der Damast trank das zischende Geräusch und Arco Calvandi erbebte. Riß ein Paket aus der Tasche, riß an der dünnen Verschnürung, daß die Finger bluteten. „Schlange!“ kam es knirschend von seinen Lippen und dann hielt er das Korsett in der Hand – „bist du mein Opfer oder bin ich das deine?“ Mit sinnlicher Begierde preßte er es an seine Lippen. Vom kleinen Finger rann das Blut und befleckte Armidas Palladium. „Gebrandmarkt!“ rief er jauchzend. „Schlange, du hast mir eine List ersonnen!“ – Dann ging er zum Lunch.
Speiste mit einem Freund und zwei Fremden. Sie hatten eine Gier in den Augen und lebten von den Einkünften der anderen. „Gediegene Gestalten,“ schmeichelte Arco Calvandi Jerôme den Freund. Dann wurden vier Gaumen gekitzelt und es dauerte länger als eine Stunde. „Von einem Abenteuer komme ich,“ sprach Arco Calvandi, als der Stöpsel von der ersten Cave Pommery knallte. „Prickelnd war es und schaumig, wie der Champagner, aber nicht so kühl.“ Drei Augenpaare loderten von der Glut seiner Lüge, und ein Lachen kollerte durch das Gehege der Zähne. Sie tranken und horchten mit genäschigen Ohren: „Freunde, die Schönste von allen war meine, wie ein Kätzchen so weich und geschmeidig. Ihr kennt ihren Namen: Armida! es klingt wie die Sprache der Gläser. Trinkt auf ihr Wohl, sie brachte ihre Unschuld als Opfer!“ –
Die Fremden tranken, aber Jerôme warf seine Stirne in Falten: „Sonst pflegst du doch nicht zu lügen, mein Freund Arco Calvandi. Armida ist alt in Sachen der Liebe.“
„Schweig!“ warnte Calvandi, „und tu mir Bescheid. Am Balkan herrscht die Sitte, daß bräutliche Mädchen das Siegel der Tugend noch bringen. Ihr versteht – – – daß das Linnen ein Tropfen noch trübe – – – ein Tropfen des Bluts und, so wahr ich hier spreche, nehmt eure Gläser und folgt.“
Im Schlangensaal feierten sie die blutige Rüstung!
Wer Eile hat, kommt auch ans Ziel.
Ein Rattern fraß sich durch den Staub der Straße und strebte verlangend gegen St. Enghien. Eine Minute vor dem Start bestieg Arco die Tribüne und ein Murmeln hüllte ihn ein:
„Das ist er! 125000 Franken! der Prix Calvandi und heute sein bestes Roß, ein rassiges Vollblut, die Stute Armida.“
Oh! er ist ein schöner Mann, Herr Arco Calvandi!
SIEBENZEHNTES KAPITEL
Die Könige und Hanswürste tragen nicht umsonst einen Purpurmantel.
Sie saßen im Wintergarten und die Berliner weideten ihre Augen an den Schnörkeln einer tanzenden Korpulenz. Lüsterne Blicke hafteten an der flaumigen Corsage und im Taumel rissen sie die Fetzen vom wirbelnden Fleisch. Armida saß wie eine Königin. Um die Schultern ein brokatener Shawl, ein funkelndes Diadem umlohte ihre weiche Frisur. Ihre Hand war ohne Ringe und ihre Nägel rosig angehaucht wie Taubenfüße. Der prangende Raum erzuckte im erotischen Taumel. Die Tänzerin wagte eine groteske Spirale und die Musik erstarb in einem glühend-weichen Seufzer. Jappes blies eine feine Three Castle in einen blühenden Akanthus, machte eine Drehung und tippte Armida auf die Nägel. „Onglissa! Die Krallen sind scharf und passen zur Musik – so erkünstelt –“
„Du sollst die Krallen einer Dame nicht höhnen. Die Ehre einer Damenbegleitung weißt du nicht zu würdigen. Sieh, wie der Clown auf der Bühne seine Dame graziös umtänzelt.“
„Verzeih, Liebling!“ bemerkte Jappes und feixte, „beides ist mir furchtbar gleichgültig: Sowohl der Gegenstand auf der Bühne als der Gegenstand meiner Begleitung. Wenn ich manchmal ein Gefühlchen hinüber äußere, ist es nur die Routine des Angeborenen. Jappes ist sehr weit von der Sache.“
– Hast du uns sonst nichts anzuvertrauen? baten zwei zitternde Löckchen, die sich aus der Umklammerung des Haarreifs gerettet hatten. – Hast du uns sonst nichts anzuvertrauen? baten zwei schattige Brauen, die um den See zweier blauer Augen wuchsen. –
Jappes schneuzte sich geräuschvoll. Einer eingedorrten Dame mit schlanker Turbanfrisur lief ein kalter Schauer über den dürren Rücken und ein verachtender Blick krallte sich in seine zwinkernden Augen. Er hüllte das Produkt seiner Anstrengung in das Linnen und wandte sich an Armida: „Verzeih, Liebling! manchmal muß man Rücksicht auf sich nehmen und die angehäuften Unannehmlichkeiten wegräumen. Die Dame ist eine von den weichen, die aus der Not keine Tugend zu machen wissen. Ueberhaupt will dieses späte Mädchen hier im freiesten Lokal seine Konservenbüchse der Erziehung öffnen! Eine alte Jungfer kann nicht so leicht mit der Vergangenheit brechen, weil sie nie in der Gegenwart gelebt hat.“
„Freiheit und Anstand sind blutsverwandte Begriffe und zieren jeden, der sich ihrer zu bedienen weiß. Dein Spruch ist: zurück zur Natur. Es gibt auch viel Natürliches, was häßlich ist –“
„Gewiß, meine Gnädigste,“ – trank ein Glas Wasser leer – „auf Ihr Wohl. Das macht frisch im Kopf, es ist nichts schwieriger als gute Einfälle haben. Um ehrbare Leute zu belästigen, bedarf es keines besonderen Talentes. Man braucht nur ein Organ dazu. Liebling, die Menschen sind komische Leute.“
Pause.
Polichinell sang auf der Bühne ein schleimiges Couplet. Er sah gar komisch aus in seinem gewürfelten Pierrot und in seiner umgestülpten Stranitzenkegelmütze. Ein buntes Mädchen fingerte eine quietschende Melodie am Flügel und um ihren Mund war ein Lächeln gemalt. Der Hanswurst sang:
„Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt.“
Dabei machte er schweißtriefende Sprünge und klapperte seine Armut über die Bretter. Jappes rümpfte die Nase: „Wenn der Tintenfisch in Gefahr ist, quetscht er seine Tintenblase leer und die Feinde sehen ihn nicht mehr.“ Die Dürre wurde durch die Worte in ihrer Andacht gestört und die Wut zog ihre Lippen zum Strich. „So ist sie sehr appetitlich, dachte Jappes, alte Schote, dein olympischer Frühling ist vorbei!“ Am Applaus merkte der Komiker, daß er gefallen hatte. Jappes war aufgebracht, weil die knöcherne Dame ihm so viel vorwurfsvolle Aufmerksamkeit schenkte: „Kannst du Runen lesen, meine Teuerste?“ fragte er Armida.
„Das hängt davon ab, wo sie geschrieben sind.“
„Versuch es einmal in dieser ledernen Visage,“ bat Jappes, „kannst du nicht lesen, daß die Jungfer lebhaft bedauert, daß in ihrer Jugend niemand sie um ihre Unschuld begaunert hat.“
„Du sollst nicht so viel von Unschuld reden,“ gab Armida zurück, „du magst das Wesen des Clowns auf der Bühne nicht leiden und doch liebst du es, selbst frech und lächerlich zu scheinen. Ich kann dein Wesen verstehen, weil ich weiß, daß auch der Clown ein ernstes Wesen birgt. Darum soll nichts dir zum Vorwurf gelten. Wir gehen, heute abend haben wir noch Wichtiges vor und die Zeit geht auf zwölf.“ Sie bezahlte die Zeche und Jappes tat, als ob er an einer Seite gelähmt sei: „Hol mir meinen Mantel, mein Lieb, ich liebe es, wenn du mich bedienst.“ Armida gehorchte.
„Geh vor mir her,“ – befahl sie auf der Straße – „es könnte uns lästig werden, zu zweien zu gehen.“
„Du könntest vielleicht auch eine neue Bekanntschaft wünschen.“
Zehn Schritt hinter ihm trippelte Armida. Sie trank den Rhythmus seiner Bewegungen und ihre Seele erbebte: Jappes ist Harmonie! Aber er wußte nichts von ihren Gedanken.
Die organische Funktionentheorie ist das Schoßhündchen der Psychologen – ist aber nicht immer stubenrein.
Armida wechselte ihre Wohnung zweimal in achtundvierzig Stunden. Ihre Kleider jede dritte Stunde und ihr Wesen war ein stetes Uebergangsstadium. Jappes versicherte sie: Er könne sich nie an diese Eigenarten gewöhnen, wenn nicht seine zarte Ritterlichkeit ihm die Kraft verleihe, das Ritual der Mode ihrer Gewohnheiten nachzubeten. Er nannte Armida bald Zierstengelchen, bald Seidenäffchen, bald Leckerchen. Er fand immer etwas Süßes, Rauschendes, sagte es aber so kühl, daß alle Wirkung dabei in die Brüche ging. Er sagte: „Sternchen, ich liebe es, tote Kinder des Geistes zu gebären, denn für die Geburtshilfe braucht man den Fötus und für den Spiritus braucht man Verwendung. Meine Gedanken saugen sich groß am Nabelstrang der Phantasie und der geistige Trödelkram muß zum Lumpensammler kommen.“ Armida ließ ihn reden, sie horchte nur der Melodie und der Text war ihr Luft. Und so gefiel es beiden.
Ein Kraftwagen nahm beide in seine Arme und brachte sie schnaufend zum Stettiner Hof. Sie fanden ein Telegramm vor:
Armida Grand Prix, Dresdener Bank Tausend hundert und zwanzig fünf.
Calvandi.
„Ein Codetelegramm?“ fragte Jappes.
„Eigentlich ist Calvandi nur ein Codewort,“ erklärte Armida, „und dann mein Name. Das andere sind angenehme Ziffern.“ Zwei Ohren spreizten sich neugierig. – Der bunte Bettschirm sah, daß ein braunes Kleid über einen weißen Mädchenkörper gestülpt wurde, und er zitterte beim Gedanken an doppelte Szenen seiner wachen Nächte in Treue.
Von einem Turm fiel ein Glockenschlag in die Nacht. Eins!
ACHTZEHNTES KAPITEL
Die Gewohnheit macht selbst mit dem Tode vertraut.
Um zwei in der Nacht stand ein zitternder Wagen am Krankenhaus in Briez. Armida zog einen Schlüsselbund aus ihrem „Ridicule“ und öffnete ein Seitenpförtchen. Jappes schritt hinter ihr auf einem schmalen Pfad, der mit Steinfliesen gepflastert war. Eine doppelte Zierbaumhecke stach in schwarzen Linien vom matten Boden ab. Ein müder Wind führte einen dumpf-süßen Bromgeruch mit sich. Eine Jodwelle löste ihn ab. An einem schmalen Gitterfenster lehnte eine Krankenschwester. Dann verschluckte das Haus die späten Wanderer. Schwere Bastläufer dämpften die Schritte und geleiteten Armida und ihren Begleiter die Stiegen hinan. An einer weißen Türe standen sie still. Sie klopften. Und die Tür wich ihnen aus. Sie traten in einen weißen Saal und ein Mann in weißer Litewka stellte sich vor: „Doktor Seraph.“ Armida sagte: „Molo.“ Dann kam ein Gruß mit den Lippen.
Tische des Ekels und Tische voll röchelnder Schmerzen. Leichentische, Operations- und Seziertische. In einer Ecke ein Laparotomietisch mit Zinkplatte und weißem Emailleanstrich: Apparate für Narkose: Chloroformmasken mit Rinne und Netz. Flaschen aus braunem Glas mit federndem Verschluß. Aethermasken mit Bügeln und Stoffüberzügen und sechsfacher Gazeschicht. Doktor Seraph hielt einen Apparat zur lokalen Anästhesie in der Hand. Eine Tube mit Aethylchlorid und ein Doppelgebläse.
In einer Desinfektionsschale Scalpelle und Sticheltrephinen. Lupuslöffel, Curetten und Acupuncturnadeln, Pinzetten und Zangen und Bistouris. Messer und Schere und Spatel.
Doktor Seraph sprach gedämpft, als wolle er die Tote nicht wecken, die auf dem Leichentisch lag. Ihr Fleisch war grünlich gelb. Er nahm einen Block mit Notizen und trat zu der Toten.
Milchdrüsenkrebs. Ein Ulcus mit torpidem Charakter. Die Sekretion des Geschwürs serös, jauchig und stinkend. Die Jauche enthielt nekrotische Gewebspartien. Parenchymatöse Blutungen hatten die Kräfte erschöpft. Die Lymphdrüsen am Hals waren affiziert und verschlechterten die Prognose. Die Frau war mager und schwach. Wir halfen mit Opiaten nach. Sie schlief und vergaß ihre Schmerzen. Wir fürchteten, sie würde durch die Ulceration und infolge der häufigen Blutungen an Anämie sterben, aber die metastatische Geschwulst entwickelte sich rasch. Wegen Recidivs war sie zweimal operiert, und infiltrierte Lymphdrüsen waren exstirpiert worden; ein operativer Eingriff konnte sie nicht mehr retten.
Jappes bemerkte: „Man pflegt die Therapie der carcinomatösen Dyskrasie als die ‚Partie honteuse‘ der Medizin und Chirurgie zu bezeichnen.“
„Ja,“ antwortete Doktor Seraph: „Einwandfreie Heilungen sind selten. Es gibt noch heute kein Medikament und auch keine wirksame Art von Diätetik gegen Carcinosis. Deshalb grassieren die Scharlatane und Kurpfuscher, die das Gebreste durch besondere Arcana zu heilen wähnen. Die Aetiologie der Krebskrankheit gibt leider für die Therapie keinen Anhaltspunkt. Wir können nicht feststellen, weshalb die Tumoren so infektiös sind. Ein Spezifikum für Carcinosis gibt es nicht, wenn man auch mit der Condurangorinde und der Guackotinktur den Glauben der Patienten zeitweise auffrischt.“
„Ermüde dich nicht, Molo,“ bat Armida, „unser junger Freund ist noch nicht übers Physikum hinaus. Er wird noch Gelegenheit haben, die chirurgische Pathologie und Therapie zu hören.“
Doktor Seraph fuhr belehrend fort: „Die Therapie beschränkt sich auf eine indirekte innere Behandlung, ich sage indirekt, weil sie keine direkten Angriffspunkte findet. Gegen Anämie gibt man Eisen oder Chinin. Amarra zur Unterstützung der Verdauung. Das wirksamste der wenig wirksamen Mittel ist das von alters her angewandte Arsenik. Wenn es die Krankheit auch nicht zu heilen vermag, so verzögert sich doch der Verlauf und schiebt den Tod hinaus.“
„Kann man sich etwas von den Heilquellen erwarten?“ fragte Jappes mit lebhaftem Interesse.
Der Arzt: „Eher im Gegenteil! Die stark angreifenden Brunnen von Aachen, Wiesbaden, Kreuznach und andere, sind eher schädlich. Die indifferenten Thermen jedoch, wie Ems und Gastein können gegen andere Uebel gebraucht werden, wenn der Patient carcinomös veranlagt ist. Sie fördern das Wachstum der krebsigen Geschwulst nicht, der operative Eingriff und die Narkose sind die einzigen Mittel, den Krebskranken das Leiden und den Tod zu erleichtern.“ – Das sagte er mit einer unbeholfen-sachlichen Ironie.
„Es gibt Aerzte, die prinzipiell keine Krebse operieren,“ füllte Jappes die Pause.
„Die Operation mit dem Messer oder der Schere“, dozierte Seraph, „ist am radikalsten und man hat eine Kontrolle, ob durch die blutige Exstirpation die carcinomatöse Geschwulst beseitigt ist; weil aber in der Regel Recidive auftreten, ist die Operation meist nur vom physiologischen Standpunkt aus ein galanter Aderlaß ...“
Armida glättete sein ironisches Grinsen: „Komm, Freund Molo, die Nacht ist schon weit, und du verlierst deine Kräfte in klinischer Prosa. Du hast nicht nur für die Toten zu sorgen. Laß die gelehrten Reflexionen. Töte den Krebs deiner müden Nächte durch die Narkose des Schlafes.“
Doch Jappes: „Eine plastische Operation kann man im Alter nicht machen oder bei anämischen Patienten. Das wäre eine Kur nach Doktor Eisenbart. Der Blutverlust wäre zu groß und die Qual würde jenseits des Acheron enden.“
„Das wäre nicht das schlimmste,“ betonte Armida.
„Du sprichst recht,“ sagte die gelehrte Litewka: „Wo das Messer versagt und die Schere, bleibt noch die quälende Aetzung. Die Idee hat etwas für sich, weil kein Blut verloren geht und die ätzende Flüssigkeit bis in die miterkrankten feinsten Lymphgefäße eindringt. So würde der örtliche Krankheitsstoff zerstört. Doch nur im Prinzip! Die Erfahrung beweist, daß das Gewebe, welches mit dem Aetzmittel in Berührung kommt, mit demselben eine innige, feste Verbindung eingeht und das Aetzmittel unwirksam macht. Auch dann noch treten Recidive auf und die Krankheit beginnt von neuem. Erfolge hat man mit Chlorzink erzielt als Paste oder als Aetzpfeil. Der Schmerz ist sehr heftig, den man nach der Aetzung durch subcutane Morphiuminjektionen dämpfen kann. Die Geschwulst wird ein mehliger Schorf.“
Doktor Seraph öffnete ein Schränkchen. – „Chlorgold und Antimonbutter finden manchmal wirksam Verwendung. Von den Pasten Arsenik und die Wiener Aetzpaste.“ Er reichte sie Jappes.
„Ist sie an Peritonitis gestorben?“ deutete Armida auf die Tote.
„Sie ist in Marasmus verfallen und ist mit starken Krämpfen in langem Todeskampf verschieden.“
Jappes besah die Tote mit ihrer zerfetzten Brust. Sie lag mit geschwollenen Lippen und gläsernem Blick. Aus ihrem Munde floß ein bräunlicher Schleim. Ihn quälte die nächtliche Stille, die in unbestimmten Intervallen von einem jammervoll-schmerzlichen Stöhnen zerrissen wurde. Klänge wie gedämpfter Eulenruf, die in würgende Laute verklangen ... Ihn quälte die tote Gestalt auf dem schreiend-nackten Totengerüst. Vor den Fenstern lag die lauernde Nacht, und Wärter schoben die verzerrten Leichen.
„Gegen den Tod kann man nicht prophylaktisch wirken, auch nicht operativ,“ sagte Armida, „aber du könntest dich schonen, Molo, sonst legt der knöcherne Mann dir bald die seltsame Schlinge.“ Sie grüßte ihn kurz.
Armida und Jappes traten ins Dunkel. Von ferne krähte ein Hahn. „Es hat wieder einer verleugnet,“ lachte Jappes und sprang zum Wagen. Am Steuer lehnte der Chauffeur und gähnte dem Morgen entgegen.
Zwei Laternen fraßen die eilende Finsternis.
Jappes dachte an zwei seltsame Ringe, welche der Doktor an den Fingern trug.
NEUNZEHNTES KAPITEL
Man erzählt manchmal einen Witz, um über eine Pointe zu lachen.
Arco Calvandi hatte einen Witz erzählt: „Eine Landpomeranze hatte von einem leckeren Schmeichler erfahren, daß sie angenehm empfunden würde. Und die Schönheit sagte ihr: du bist wie ich. Das wollte sie im Bilde sehen, weil der Spiegel ihr Bild immer wieder verlor. Sie suchte einen Maler auf. ‚Mögen Sie mich malen,‘ flehte ihr weicher Sopran! Der Maler: ‚Gnädiges Fräulein entschuldigen: wie wünscht gnädiges Fräulein gemalt zu werden?‘ Und die Holde: ‚Wie man so gemalt wird.‘ Der Maler witterte das Wild: ‚Ich bin Historienmaler.‘ Sie sann und die Frage entfiel ihr: ‚Was ist ein Historienmaler?‘ Er: ‚Einer, der nach der Geschichte malt.‘ ‚Gut,‘ sagte die Schöne errötend, ‚dann komme ich nach der Geschichte wieder.‘ Sie ging, und ein Lachen prallte an die Staffelei des Malers.“
Aber Armida hatte eine richtige Geschichte, die war kein Witz. Alf Skyölen, ihr Vater, in Saßnitz auf Rügen. Von Norwegen war er gezogen, an der schwedischen Grenze. Mit einem Schiff und zwei Segeln hatte der Wind ihn südwärts geblasen. An die Insel spie ihn das Meer. Dort fand er ein Weib vom Wetter gebräunt. Er nahm es zur Frau. Sie bauten sich Kähne und hielten sich Fischer; geteertes Holz und gegerbte Gesichter. Das Jahr verschlang ein Boot und drei Fischer, er baute dann zehn und dang sich die nötigen Mannen. Zu Ostern rissen die Netze, so schwanger vom zappelnden Hering; im Sommer ruderten die Fischer die flache Last der Flundern. Das Gold in der Truhe wuchs, die Summe der schwimmenden Fänge.
Alf Skyölen war stolz auf seine schwarze Armada. Sie beherrschte die Küste und die laichenden Fische. Als ihm eine Tochter ward, nannten die Fischer das Mädchen Armida. Sie kannten den Namen nur so und dachten an die Herrin der Meere.
Da kam das Verhängnis von Westen. Netze und Fischer und Skyölen mit Frau verschlangen die Tiefen.
Und von der Armada blieb nur Armida.
Schornsteinfeger sind schwarz. Bäcker sind weiß. Ich sage, was vom Meere kommt, ist tückisch und bewegt.
Mit dem Gold und dem Traum nach der Ferne wuchs sie dann groß. Schön wie das Meer und verschlagen wie dieses. Und ewig bewegt. Sich selbst überlassen, wurde sie der Heimat fremd. In Greifswald war sie im Pensionat und hörte Vorlesungen dortselbst, lebte in Heidelberg und studierte ein Semester Jura, ein anderes Philosophie, zwei weitere Theologie, im fünften Medizin. Das lockte sie. War zwei Monate lang in München, studierte Kunstgeschichte, besuchte die Pinakotheken und die Ausstellungen, blieb am Rembrandt haften und gewann Böcklin lieb. Ließ alles im Stich und warf sich auf die Plastik und die Glyptothek erhielt ihren Besuch fünf Monate. Am Tag in den Galerien, des Nachts im Café. Abends im Theater und morgens verließ sie irgendeine Bude nach einer wüst durchzechten Nacht. Sie lockte Menschen, umkoste sie und verschlang sie mit tückischer Tiefe. Der Taumel küßte sie und Armida jagte die Begierde. Sie war stürmisch und kühl und sie wußte: das Meer wuchs in ihr. Fuhr in die Berge und stieg mit den Gemsen um die Wette. Holte Edelweiß von den zerbröckelten Wänden und mit Lächeln im Blick erzählte sie vom Locken der Tiefe. Hatte nur zweierlei Freunde: denen sie Geld abnahm, denen sie Geld gab, und gegen beide war sie maßlos. Sie wußte, in ihr gab es eine Ebbe, eine Flut, einen ruhigen Abgrund und eine stürmische Brandung mit Gischt und mit donnerndem Wirbel. Das Meer wuchs in ihr und sie wuchs mit dem Meere.
Da fand ihr Wesen den Damm und sie fühlte, daß es auch Menschen gab, die fern von dem Einfluß der anderen sind. Sie traf in Berlin auf Molo Seraph, und hier brachen sich die Fluten ihres wogenden Wesens. Er war ihr der Damm und die Schleuse: Er lenkte sie weiter in gebändigtem Fluß. Dann wurde sie mürrisch und trübe. Doktor Seraph folgte der geregelten Bewegung, aber ihm grauste vor der schlingenden Tiefe.
... Sie war wie das Meer mit der steten Bewegung, mit Tang und mit Schlick und weiter Gebärde. Sie war wie die Sehnsucht voll zuckender Bilder, sie war wie der Abend voll dämmerndem Gram, sie war wie ein Fest voll glänzender Freude. Sie war wie die Zeit voll fiebernder Eile.
ZWANZIGSTES KAPITEL
Plato hat vergessen zu behaupten, daß alle Menschen grinsen.
Sie ist kein Mädchen, sagte Jappes und er dachte an Pepy. Sie ist auch kein Bub und ist auch kein Zwitter. Sie steht zwischen den dreien, ein doppelt Geschlecht und auch keines, sie ist ein Gebilde, ein Traum, ein leuchtend Verhängnis, ein Fluch und ein Glück. Wer weiß! Und er nannte sie Ruth, denn ihr Wesen war Ruth und ihr Name war Pepy.
Seine Seele erschrak. Sie schrieb von einem englischen Freunde, der wollte sie retten im Hafen der Ehe. Die Engländer sind kluge Schiffer, und mächtig und reich, und er wird sie wohl retten, so dachte sich Jappes. An der Leine der Gedanken führte er die Sorge, und knurrend ging sie mit ihm wie eine treue Hündin. Er war voll von Pepys flatterndem Wesen, und seine Erinnerung bestieg die Leiter der vergangenen Tage. Er dachte an eine Szene mit Pepy.
„Du liebst mich,“ hatte sie am Fuße der Berge gesagt. „Das ist unser reinstes Verhängnis. Ich weiß, daß ich gleichgültig bin gegen Menschen, die mir mit Liebe begegnen, mir fehlt das Organ für die Liebe und ich muß Wache stehen bei meinem Geschlecht. Die Männer sagen alle dasselbe, sie sprechen von Liebe und modulieren auf demselben Motiv und greinen die Leier des Herzens ... Vielleicht tue ich dir Unrecht, vielleicht, vielleicht ...?“ Auf einem Baumstumpf saß sie und preßte das Moos, und die Berge grüßten von ferne. Sein Kopf lag in ihrem Schoß und sie haßte die duckende Stellung. „Ich bin noch nicht klug,“ hob Jappes den Kopf und verdrehte die glotzenden Augen. Pepy sah, daß die Ohren sich spitzten, und sein wolliger Kopf lag in lockengespreizter Umrahmung.
„Es gibt eine Figur,“ hub Pepy nun an, „sie reizt mich immer zum Lachen: Ein breites Gesicht, die Augen im Winkel, und zottige Locken zu Berge. Golliwog! nennen’s die englischen Kinder.“
„Dann bin ich für dich nur ein Spielzeug, ein gemaltes und lachend verzerrtes. Eine Skizze, ein hampelndes Männchen.“ Seine Augen lagen schielend im Winkel. „Du bist mein Golliwog,“ kam es durch ihre perlenden Zähne wie Emaille im roten Plüsche der Lippen.
Jappes im Echo: „Und du mein Rudibub.“