Part 5
Er hatte jene geheimnisvolle Scheu vor der Tiefe der Wissenschaft, wie sie uns zu befallen pflegt, wenn wir auf einen abgrundtiefen Born der Weisheit stoßen. So war er der Universitätsweisheit gar nicht abgeneigt. Ihm widerstrebte vielmehr die ungeheure Komik der Professoren und der Studenten, die sich während der akademischen Stunden mit wissenschaftlichem Trockengemüse unterhielten, sich monatelang an vorsintflutlichen Steckenpferden müde ritten, die widerspenstigen Weisheitsgäule noch einmal bei den Semestralprüfungen oder beim Staatsexamen im eingedrillten Parademarsch kabrieren ließen, um sie dann auf alle Zukunft den Stallknechten der All- und Eintagssorgen zum langsamen Abschinden zu überlassen. Sicher litt er an der Verstiegenheit junger Studenten, die sich klüger als ihre Lehrer dünken, und den Versuch machen, ein eigenes pädagogisches System auszuknobeln, um dann in einen noch viel größeren Zopf zu verfallen, um in eine babylonische Verwirrung zu geraten, eine Verwirrung, die sie über ihre eigenen Regeln stolpern läßt. So entsteht in den jungen Hirnen der ewige Weichselzopf von unentwirrbaren Verwicklungen, der vom widerspenstigen Geist der Nörgelei geflochten wird. Gelingt es diesen „Autodidakten auf eigene Gefahr“, sich einen Weg zu der höheren menschlichen Erkenntnis zu bahnen, so gelingt es ihnen auch meistens, die Lampenweisheit, am grünen Tisch erarbeitet, zu eklipsieren. Und ist es nicht eine geheime Schadenfreude der Gelehrten, zu sehen, wie eigenmächtige Streber dem Geist der Zersplitterung verfallen, um als tänzelnde Irrwische irgendwo in einem Sumpf zu verlöschen!
Jappes besuchte um so eifriger die Vorlesungen des Privatdozenten Professor Dr. Günther, bei welchem er seinen heißhungrigen Oppositionsgeist mit allen Gerichten philosophischer Reaktion stillen konnte. Besuchte literarhistorische Vorlesungen, war aber empört und enttäuscht, weil er einen Marktschreier vorfand, der seine literarische Boutique auskramte, einen geistigen Trottel, der im Wahn einer pathologischen Genieerscheinung lebte. Er hatte ein Buch über die Symbolik des Kuhfladens bei Homer geschrieben. Mit einer Stimme aus der Vergangenheit redete er über die Zukunft mit einem Gegacker wie ein Huhn, das ein Ei geboren hat. Ein Mann, der aus Schreck vor der sozialen Revolution Vaterlandsparteiler geworden war, ein Fachsimpler mit bewundernswertem Mangel an eigenem Denkvermögen.
In Jappes’ Kollegheft stand: Blödsinn in Permanenz! Vielleicht findet man die Systematik bei Polonius unter: Wahnsinn mit Methode ...!!! Das war seine einzige Hoffnung und er ging mit dem Bedauern, daß die anderen mehr geschrieben hatten. Er schrieb seinem Tagebuch:
Schalte deine Denkvorrichtung um oder ganz aus, wenn du an die Erbauung denkst, die ich an der Universität genieße. Die Wonnen der Wissenschaft sind wie Senf auf nacktes Fleisch. Die Portionen sind groß und ungenießbar. Die Sudelköche der Weisheit kochen das Ochsenfleisch der fremden Gesinnung mit ein paar Lorbeerblättern ihres eigenen Ruhmes. Ich tröste mich mit dem Leitsatz: Das Wesen der Philosophie ist, sich mit wenigem zu begnügen. Ich brauche Erholung und fahre in die Berge, Addio!
Die Berge sind Magneten, die nur für gewisse Naturen Affinitäten haben.
Am nächsten Tage saß er mit Pepy auf der Bahn. Das Abteil war voll Tabaksqualm und Jappes sagte: „Zwar habe ich mir vorgenommen, sechs Wochen lang nicht zu rauchen, aber hier muß ich den Qualm doch einsaugen, drum rauche ich lieber auch.“ Er bot sich eine Zigarette an: „Sehr liebenswürdig! da kann ich doch nicht ausschlagen.“ Sie fuhren nach Oberstdorf. Es war ein Spätherbsttag und in der Altweibersonne schwammen die Herbstfäden wie träumende Erinnerungen. Sie saßen auf der Plattform und die Füße baumelten vom Trittbrett. Jappes griff in die Brusttasche und langte sein Portefeuille hervor: „Unsere Visitenkarten!“ und er zeigte die Pfandscheine. Dann entfiel ihm sein Portefeuille, das er zwischen den Knien preßte. Der Zug rasselte weiter und Pepy starrte auf den Bahnkörper. Jappes saß nachdenklich und plötzlich schnalzte er mit den Fingern.
„Bist du traurig, mein Freund?“ fragte Pepy.
„Nein! ich denke gerade, was drin war ... es sind nur Fetzen, Pepy, Fetzen!“
Von ferne grüßten die Berge mit den leuchtenden Schneekoppen und den wallenden Nebelschleiern. Am Bahnhof sagte Pepy: „Hier sehen wir die ersten nackten Knie.“
Und Jappes: „Wir werden bald mehr sehen.“
VIERZEHNTES KAPITEL
Wenn der Magen nicht erschaffen wäre, müßte man ihn erschaffen, sagte ein Bauer und machte einen philosophischen Knicks.
Als Jappes in die Ferien fuhr, gab es ein schweres Fest auf dem Schlapphof. Ein Mastochse war verblutet, ein Schwein und eine Gans. Es gab Knödel und Braten und Küsse und Suppe und Tränen. Fragen und Hasten. Und Jappes sagte vergnügt: „Es ist Glück in der Bude!“ Und in der Bude war Glück. Die Nachbarn waren vollzählig erschienen und alle kannten die Briefe auswendig, welche Jappes im Laufe des Semesters geschrieben hatte: „Mein Bub ist klüger als alle Professoren zusammen, weil er sich über sie lustig macht, und mit keinem zufrieden ist,“ pflegte Angelica zu sagen. Aber sie wagte es doch nicht mehr, so recht daran zu glauben, seit der Herr Pfarrer ihr verraten hatte: „Die Universität ist ein mühsames Studium. Die Erfahrung, Mutter Angelica, die Erfahrung!“ Der Herr Pfarrer war wirklich klug und unfehlbar. Kein Zweifel, wenn er sagte: „Das Studium an der Universität sei ihn hart angekommen.“
Die Gäste saßen in der großen Stube vor hochgetürmten Schüsseln und Tellern, begannen ganze Berge von Fleisch abzutragen und feierten den Gast mit kräftigem Geschmatze. Bauern verschlingen maßlos! Mutter Angelica ließ die Nachbarn gerne an ihrer gesteigerten Freude teilnehmen. Sie tranken Bier und reichten es in einer urgroßmütterlichen Amphore herum. Jappes trank einen massigen Humpen mit einem Zuge leer und rief: „Das könnte ich zehnmal!“ Da horchten selbst die geeichtesten Säufer mit gespanntem Respekt.
„Du bist ein echter Student, mein Bub, und du siehst, alle sind stolz, daß du so viel verträgst. Es ist schon ganz recht so, aber das darfst du nicht mehr tun.“ Und Angelica küßte den Sohn.
„Werd ich auch nicht,“ rief Jappes, „und ich schwöre es bei diesem Humpen.“ Dann trank er ihn zum zweitenmal leer, und die Bauern gröhlten vor viehischer Freude.
Ein Bauer mit markigen Zügen fixierte Jappes eine Weile, lachte dann plötzlich ein gutmütiges Lachen und meinte vertraulich in höchstem Hochdeutsch: „Es ist viel Heiterkeit im Zimmer, gelt, Studiosus? Erzähl Er einmal, was Er denn so studiert auf der hohen Schule – ...“
Da wurde der Waffenstillstand proklamiert. Löffel und Messer und Gabel ruhten. Die Kau- und Schluckbewegungen, wurden eingestellt. Jede Tellerverschiebung wurde untersagt. Es erwies sich unmöglich, die Integrität der Fleisch- und Gemüseplatten wiederherzustellen und die Reihen der fehlenden Stücke wieder aufzufüllen. Aber die Blicke ließen erkennen, daß noch ein erbitterter Kampf bevorstand. Ja! eine Magd schickte sich an, die Bierkanone frisch zu laden.
Da verkündigte Jappes das Evangelium seines Studienjahres: „Ich habe alles studiert und auch nichts. Das erste Jahr verstudiert man so, um in die Materie einzudringen. Die Studenten sagen: Die ersten Hunde ersäuft man! Es ist ein akademisches Jahr, um die Bekanntschaft der Professoren zu machen. Aber es ist derselbe Krach unter denen, wie unter den Bauern auf dem Dorfe. Die einen beweisen, daß es einen Gott gibt, die anderen beweisen, daß es keinen gibt. Das sind die, welche sich Philosophen nennen und irgendwie mit oder gegen den Erzbischof gehen. Sie haben ihre Zeitung und schimpfen sich drin; eine Art geistiger Volksbote mit hochklingendem Phrasengetön und ganz pfundigen Schimpfreden. Hauptsächlich unter ‚Verschiedenes‘ findet man den größten Krakeel, aber was die Zeitung von einem gewöhnlichen Käsblatt unterscheidet, ist, daß die Herren nicht über jeden herfallen, sondern sich selbst nur gegenseitig anschimpfen. Die Herren sind Träger der höchsten Ideen, und deshalb machen sie nur Musik für erprobte Ohren.“
„Du hältst es doch gewiß mit denen, die für Gott streiten,“ sagte die besorgte Mutter, „deinen Gott darfst du nie verleugnen.“
„Ich gehe schon lieber gleich nicht mehr hinein zu den Raufbrüdern, man könnte höchstens noch um seinen Glauben kommen. Aber so gehe ich immer mit denen, die am stärksten schreien, und das tun die Klerikalen.“
„So soll’s sein,“ riefen die Bauern, „Angelica, dein Sohn verleugnet seine Heimat nicht.“ – Da brachte die Magd den bauchigen Bierkrug, und die Blicke der Bauern umstreichelten ihn. Mutter Angelica konnte sich nicht enthalten und küßte dem Sohn die gläubigen Lippen.
„Wenn ich alles erzählen sollte, was man da lernt,“ fuhr Jappes fort, „müssen wir schon noch einen Abend zusammenkommen.“
„O–o–o–h!“ riefen die Bauern wie aus einem Munde.
Da legte Jappes los:
„Psychobiologie und Kolloquium dazu, mexikanische Mythologie, ethische Probleme der modernen Zivilisation, Systeme der Pädagogik und Didaktik, koptische Kurse und altägyptische, hieratisch geschriebene Texte, Einführung in die babylonisch-assyrische Schrift und Sprache, keilschriftliche Uebungen, Entziffern südarabischer Inschriften, neupersische Grammatik nach Salemann Shukovski, Einführung in die ältere chinesische Sprache mit Lektüre von Mong-tsz’e, Rigveda mit dem Kommentar des Sayana, Aristoteles’ Nikomachische Ethik, Räthoromanisch, lateinische Paläographie, Astrophysik. Theorie der Differentialgleichungen ...“
„Meiner Seel!“ grunzte ein Bauer begeistert, „wenn ich die Namen nur wüßte.“ Ein anderer: „Du gebrauchst ja so gelehrte Ausdrücke, daß man gar nichts mehr versteht.“ Und ein dritter: „Aber so von der Landwirtschaft verstehen eure Herren nichts?“
„Und ob!“ begann Jappes von neuem, „alles wissen sie, alles! Sie wissen alles von den Bauern bis hinauf auf die Aegypter im grauesten Altertum. Die Aegypter verwendeten keinen Dünger und durch die künstliche Bewässerung des Nilus hatten sie eine hohe Kultur. Die Griechen mergelten und düngten und bewässerten. Wissen, daß Karl der Große ein großer Landwirt war, kennen die Geschichte der Dreifelderwirtschaft aufs Tipfelchen: Winterfeld, Sommerfeld und Brachwirtschaft. Alles hat seine Geschichte, die Runkeln, die Rüben, der Klee. Und die Bauern machen den Gelehrten manchmal nicht wenig zu schaffen. Die Gelehrten wissen alles vom Vieh, kennen die Aetiologie und die Prophylaxis der Tierseuchen, kennen die Krankheiten alle, den Rotz bei den Einhufern, den akuten und den chronischen Verlauf. Reden über das Kalbefieber und beweisen, daß es eine Lähmung des Rückenmarks und der Ganglien der Bauchorgane ist. Sie gebrauchen nur gelehrte Namen dafür. So sprechen sie nicht von Abführmitteln gegen das Gebärfieber der Kühe, sondern von Purgiermitteln.“
„Und dafür nimmt man ganz gewöhnliche Kühe her?“ fragte ein Bauer. Jappes nickte bejahend, als ein zweiter ihn bestürmte: „Aber odeln tun die Herren doch nicht selbst?“
„Wenigstens nicht praktisch,“ erwiderte Jappes, „aber sie wissen ganz genau, was Jauche ist, und beweisen, daß es kein stinkendes Wasser ist, was sie allerdings auch nicht leugnen. Sie nehmen das alles vom chemischen Standpunkt und sagen: Es ist eine Flüssigkeit, welche im wesentlichen aus Harn besteht, und 0,15 Prozent Stickstoff und 0,5 Prozent Kali enthält – ich habe die Münchener Universität erschöpft und im nächsten Semester geht’s nach Berlin.“
Einem pfiffigen Bäuerlein wurde der Gelehrtendünkel zu dumm: „Es ist immer schön, wenn man weiß, was man riecht, aber ich habe auch ein paar Fragen: Wieviel Jahre wird ein Roß älter, wenn es richtig Hafer kriegt? und wie weh tut es, wenn ein Roß dich auf den Fuß tritt? sag es, Studiosus!“
Hier wußte Jappes nicht mehr Bescheid, und die Bauern freuten sich ungemein, daß einer der Ihren dem „Weisen“ eine Schlinge geworfen hatte. Angelica aber küßte den Sohn, weil er so genau wußte, was Odel war.
Dann begann ein wütender Fraß und die Gesichter erglänzten gedunsen vom Bier.
Plötzlich erhob sich die Mutter, und Tränen standen in ihren Augen: „Lasset uns beten für den Vater und die abgestorbenen Geschwister! Vater unser, der du bist –“
Die Tiefe der Seele muß man in der naiven Art der Landleute studieren. Wer darüber lacht, kennt nur die schwindsüchtigen Surrogate der Kulturseele.
Die Nacht fand berauschte und satte Gestalten, und als der Mitternachtsmond in die Stube schien, wankten sie alle nach Hause. Die Schwester traf Jappes auf dem Flur: „Du, Paul, ein Gläubiger säuft nicht so wie du, das tun höchstens die Türken und Juden. Wenn du wirklich nicht glauben solltest, so glaube trotzdem, und gehe jedenfalls in die Kirche, wenn du auch nicht glaubst.“
Jappes staunte das Mädchen einen Augenblick an und fand keine Worte. Sein Schulfreund ging vorüber. Der zog ihn mit sich hinaus in den Hof: „Jappes,“ fragte er forschend, „darf ich dich was fragen?“
„Selbstverständlich!“
„Jappes, hast du schon eine Braut?“
„Selbstverständlich!“
„So!?“ ... nach drei Schritten: „Und heißt?“
„Rudibub! Ich erkläre dir später, weshalb sie so heißt.“
Da war der Freund still, und dachte nach, wie ein Mädchen Rudibub heißen könne.
FÜNFZEHNTES KAPITEL
Damen-Bekanntschaften, welche mit der Visitenkarte gemacht werden, sind wie Suppen, die mit Maggiwürze gezaubert sind: eine Geschmacksache, die im Bereich eines jeden liegt.
Am Opernhaus in Berlin trat eine Dame zu Jappes: „Ich sehe Sie zum drittenmal heute. Ich sah Sie in Pankow, in Tegel und nun an der Oper. Ich brauche Sie, weil Sie so rasen. Ich gebe Ihnen Geld, viel Geld, nur Geld. Nehmen Sie und suchen Sie mich heute noch auf. Im Baltic-Hotel, Zimmer 29.“
Jappes bleckte die Zähne und zog die Lippen nach rückwärts: „Sie kommen mir sehr gelegen. Ich bin voll von niedrigen Dingen, von armseligen Dingen. Wir speisen bei Hiller, das frischt auf. Kennen Sie Hiller?“ – Sie nickte. „Sie kennen mich wohl schon lange und ich Sie auch. Heute sind unsere Wege erst zusammengestoßen. Madame sind kühn und ich habe auf etwas Kühnes gewartet.“
„Unsere Wege stoßen noch öfter zusammen. Um zwei Uhr also oder früher! Irgendwo! Möglich, daß wir uns treffen, eh wir es wünschen. Lesen Sie diese Zeilen, ich habe Eile!“
Knapp vor einem Mietauto fegte sie über die Straße. Jappes ging und dachte nichts. Dann überlegte er, wie sie aussah. Er fand keinen Anhaltspunkt. Sicher hatte er sie nicht angeschaut. Vielleicht war es nur eine Halluzination, ein Spuk im Straßenwirbel. Aber das Corpus delicti hielt er in der Hand. Eine düstere Ahnung setzte sich in seiner Seele fest. Ueber die Stadt zischte ein Sturm und die Menschen rannten, rissen ihn mit, im Wirbel, im Taumel, nein, sie schleiften ihn mit, seine Gedanken jagten sich wirr ... aber er blieb leer ohne Halt. Er wußte von ihr und wußte doch nichts. Aber sie war und war für ihn. Vielleicht ein Dämon? Wie war sie nur? Dann war er müde und fingerte nervös an seinem Spazierstock. Ging weiter, und dachte an nichts mehr. An einer Litfaßsäule bremste der Vorwitz ihn fest. Mechanisch las er die farbigen Zettel und dachte an etwas ganz anderes: Ist sie aus einer Neppbude, aus einem Irrenhaus, Kongregationsleiterin, eine Hysterische? Ihre Worte überdachte er mit hartnäckiger Analyse, nein! er wußte gar nichts und das quälte ihn am meisten. Sicher würde er sie nicht wiedererkennen, wenn er sie träfe. War sie schwarz, blond oder braun??? ... aber nein! Unbestimmt ohne Form, ohne Linie, sie war nicht und war doch. Ein Wolkenbruch prasselte nieder. Er trat in ein Kaffeehaus und ging wieder. Draußen sagte er seinen Namen: Jappes! und es antwortete in ihm: Ich besitze dich noch. Da fuhr eine Droschke vorüber. Sie hielt und eine seidene Dame musterte ihn mit einem langen ruhigen Blick. – Er sah sie und dachte nichts.
Eine Stunde später streifte ihn eine Dame in elegantem Straßenkleid. Sie hing nachlässig am Arm eines Offiziers, besah die Schaufenster und schaute nachdenklich in Jappes’ Auge. Er wich dem Blick aus – und dachte an nichts.
In der Frankfurter Allee drängten sich die Leute vor einem Haus. Ein Feuerwehrmann stieg auf einer Leiter hoch und klopfte an ein Fenster. Einer erzählte: ein Liebespaar hat sich erschossen! Ein anderer: eine schwangere Jungfer hat sich mit Kreosot vergiftet. Noch ein dritter: ein Student hat sich an der Türklinke erhängt. Er habe zweimal vorsprechen wollen, in drei Tagen, wegen einer Geldforderung, das zweitemal habe der Leichengeruch ihm durch das Schlüsselloch den Atem geraubt.
Jappes dachte, wie er wohl sterben werde: Ich lebe rasch und werde rasch sterben.
Der Feuerwehrmann von der Leiter rief: „Damit das Publikum sich nicht beunruhige, wisse es, daß es sich um eine Filmaufnahme handelt.“
Jappes dachte im Gegröhl der Menge, ob man bei seinem Tode auch kurbeln werde? Dann lockte die Zeit ihn zu Hiller. Der Oberkellner geleitete ihn dienernd an ein Ecktischchen. Das Dauerlächeln im Frack entfernte sich wieder. Ein Boy brachte ein Briefchen auf einer silbernen Platte. „Man muß sich geirrt haben,“ betonte Jappes, „ich kenne niemanden hier.“ „Ich weiß auch nicht,“ knixte der Boy – „vielleicht kennt man Sie hier.“ In seinem Blicke fehlte das Trinkgeld, das Jappes nicht zu geben pflegte.
Solange Knigge und die Lebensmittelindustrie kein Rezept für Unterhaltungswürze finden, wird es noch raffinierte Tischgespräche geben.
Eine schwebend-blütenleichte Gestalt trat aus dem Spiegel auf Jappes zu. Er hörte, wie Stühle gerückt wurden und wie die Genicke der Männer knackten, die sich nach der Gestalt umbogen. Eine flaumweiche Hand faßte seine Schulter und aus einer schmeichelnd-vibrierenden Stimme schmolz sein Name: Jappes! Er war betäubt von der unerwarteten Berührung und ein seltsamer Hauch durchwehte seine Seele. Er murmelte: „Vielleicht bist du es, Freundin?“
„Zum dritten Male, mein Freund und für dich allein.“
Er erwies ihrer Hand seine Reverenz. Dann bemühten zwei Kellner sich um das Ueberflüssige an der Dame, und nannten sie Fräulein Armida.
„Ich komme spät,“ hauchte sie, „was hast du von meinem Brief gedacht, Freund?“
Jappes schob ihr den Brief zu: „Bei Briefen denke ich mir nie etwas. Ich habe gewartet, was kommen soll. Ich warte seit Wochen auf etwas Seltsames und bin enttäuscht, weil du so natürlich bist, und mir Fragen stellst. Ich frage nie. Ich weiß immer, mit wem ich zu tun habe. Ich hätte bis zur Nacht gewartet, und hätte dann bis zum Morgen gebrütet, hätte dann Narr gesagt, und wäre gegangen. So war es ausgemacht. Ich wollte warten, bis du kämest mir zu sagen, wer du bist. Aus deinem Munde wollte ich es hören.“ Mit ihren weichen Augen trank sie seine Blicke leer.
„Hast du nun genug?“ fragte Jappes.
„Mit einem Mal kann ich dein Wesen nicht trinken,“ lächelte sie, „und das reizt mich, und während ich berauscht bin, fließt immer etwas Neues, Eigenartiges in dein Wesen hinein. Weshalb bist du so unerschöpflich. Darf ich dir eine Nelke anbieten, eine weiße Nelke, ich habe sie selbst gezogen.“
„Danke,“ wehrte Jappes. „Nelken liebe ich nicht. Der Friedhofduft –“ ein Schütteln fiel ihn an. Er erzählte ihr das Abenteuer in der Frankfurter Allee. Ihre Zähne leuchteten weiß wie frischgeschälte Mandeln: „Der Mann auf der Leiter war deine Freundin!“
„Albernheit,“ rekelte er gähnend, „ein Kinostern!?“
„Wäre ich abgestürzt ...?“ da zerbrach sie eine kostbare Reiherfeder und ein nervöses Flimmern spielte um ihre Lippen.
„Dann wärest du nicht hier, und ich säße in schmerzlicher Einsamkeit!“ Er sagte es mit weichem Tonfall, und sein Blick bohrte sich in ihre Alabasterstirn.
Nach der Suppe fragte sie: „Jappes, wer spricht aus dir?“ Er punktierte: „Ein Gelangweilter.“ Und staccato: „Ich kann nicht warten ...“ Der Ober deutete es für sich und eilte, den Fisch zu holen, servierte ihn mit einer schmalzigen Entschuldigung bei Jappes.
„Fische sind laichdumm,“ griff sie das Gespräch wieder auf und Jappes legte einen Karpfen auf ihren Teller.
„Zum Glück sind es Portionsfische,“ bemerkte er, „ich teil nie gerne, darf ich dir Mayonnaise übergießen? So! das habe ich nie gegessen – Karpfen mit Mayonnaise. Junge Karpfen sind geschmacklos wie alle jungen Fische!“
„Und Backfische?“ forschte sie.
„Geschmacklos! ich kenne es aus Erfahrung, mit und ohne Mayonnaise, Fische sind laichdumm hast du gesagt, es ist eine Fischerweisheit.“ An ihrem Kinn lachte ein feines Grübchen.
„Deine Leibspeise möchte ich kennen,“ perlte es von ihren Lippen. „Senf und Rhabarber,“ schnalzte seine Zunge, und das Grübchen zerfloß in eine Falte.
„Ober,“ rief er über die Schulter, „eine Flasche ‚Chateau Lafitte‘.“ – Ein Bleistift notierte den Namen und ergänzte den Preis, eine dreizifferige Zahl.
Zwei Lilienfinger führten das Glas an die Lippen.
Ein Gaumen knurrte: „Ist das Chateau Lafitte?“ Der Ober vergrößerte die Pupillen, als sein Ohr ihm sagte: das ist nicht Lafitte. Aus seiner Brust quirlte es duckend: „Kommt aus dem besten Haus, mithin kein Anlaß, eine falsche Marke zu liefern.“
„Ist nicht Lafitte,“ brummte Jappes. An seinen Augen las der Kellner, daß er Kenner war. „Mag sein, daß er aus der unmittelbarsten Umgegend ist,“ beschwichtigte der Ober.
Dann Jappes: „Stecken Sie mir den Zeigefinger vorne herein und den Daumen hinten herein und riechen Sie. Die unmittelbarste Umgegend, aber das Bouquet ist verflucht verschieden.“ Ein Grinsen schürzte die Lippen des dienenden Bonzen, und Jappes sah, daß drei Nelken unter dem Tisch zerfetzt wurden.
SECHZEHNTES KAPITEL
Die Leidenschaft ist die Dichterin der Märchen, welche wir unseren jungen Begierden zu erzählen lieben.
Seit drei Tagen war Armida mit ihrem Freunde verkracht. Und seit vier kannte sie ihn. An der Riviera hatte er eine Villa und hieß Arco Calvandi. In der Bülowstraße hatte er sie in einer Bar gefunden, als sie ihr Korsett im Pharao mit ihm verspielte. Er hatte zehntausend Mark gesetzt, gegen die Bedingung, wenn Armida verliere, es selbst zu lösen. Lachend war sie mit ihm nach Hause geautelt, und als er den linken Straps löste, war er betäubt niedergesunken. Armida hatte ohne den Einsatz das Haus verlassen und der Portier bemerkte, daß Calvandi die Dame arg mitgenommen hatte – nicht einmal die Figur war ihr geblieben. Hellichter Tag war es, als der Gewinner erwachte. Er fand einen Brief: Arco Calvandi! Hebe den Gewinst gut auf. Wenn du einmal verspielst, darfst du mir das Gerüst wieder anlegen, aber die Bedingungen bleiben dieselben! Mit einer Gänsehaut rettete er sich nach Paris. Die Nacht fraß seine Furcht, als er im D-Zug über die Grenze raste. Dann atmete er frei und trank die Entfernung.
Oh! er war ein schöner Mann, Herr Arco Calvandi.
* * * * *
Der D-Zug donnerte in die Gare-de-l’Est. An der Sperre wartete ein stiernackiger Chauffeur: Zwei flackernde Rattenaugen schwammen im krebsroten Gesicht. Im Mundschlitz verzehrte sich eine Zigarette in stiller Glut. Vor erregter Erwartung vergaß er den Rauch einzuschlürfen ... Eine Hand legte sich auf seine Oeljacke: „Sylvain angekurbelt, Panthéon, dort Lunch, dann Rennen in St. Enghien. Habe Eile, laß die Maschine das Letzte geben.“