Fetzen

Part 4

Chapter 43,462 wordsPublic domain

„Gehen wir hinein, die Menschen, die etwas sein wollen, sitzen drinnen und sammeln sich, statt sich schon am Flitterkram zu zersplittern. Schnell, dort wickeln sie die Stullen aus dem Papier, das Pack frißt immer, schade, daß es nicht unsterblich ist!“

„Komm, Jappes,“ bat Pepy, „sei vernünftig.“

„Ich will es versuchen, Liebe. Es ist gefährlich, mit Menschen zusammenzukommen, man muß immer auf etwas gefaßt sein. Du bist sehr schön, wenn du so schweigend neben mir gehst. Hier die Plätze, ich glaube, im Theater setzt sich die Dame rechts.“ Und Pepy: „Jappes, du bist ein liebes Schaf.“

Er drückte ihre Hand.

Die Kunstgelehrten streiten darüber, ob Lohengrin eine spaßhafte oder eine ernste Figur sei.

Die ersten Takte gerannen zur Melodie und das Orchester erzählte ein Märchen:

Monsalvat im fernen Land ist eine heilige Burg. Ein lichter Tempel, dessen Pracht die Rosen Schiras’ glühend neiden, liegt im Purpur eines glückverklärten Scheins. Verzückte Engel tragen Liebessehnsucht auf dem weichen Flaum der Flügel nieder. Im ätherklaren Schein harrt eine Ritterschar des Wunders, das aus lichten Höhn herniederschwebt. Süßer Duft umschmeichelt sanft die Wartenden. Und bebend legt die süße Furcht das zage Herz in seinen Bann. Ein Purpurschein umloht ein Flaumgewölk, das schwebend sich der Erde naht. Die Wartenden, vom Strahl der Liebe heiß durchglüht, erschauern in verklärter Wonne. Die Schale mit dem Blut des Herrn, in weißen Nebelflor gehüllt, erglüht im Flammenglanz der ewigen Glut und senkt sich vor dem Auserkorenen der Schar, vor Lohengrin, der seiner Sinne nicht mehr mächtig anbetend sich als Opfer weiht. Segnend gibt der Gral dem Ritter seinen Weihekuß. Im Herzen des Auserwählten verzehrt sich die Beseligung zur Wirklichkeit, indes die lichte Schar dem ätherklaren Zelt entgegenschwebt. – – – –

Die viergeteilten Violinen verklangen in hoher Lage auf dem Gralmotiv modulierend.

Jappes flüsternd zu Pepy: „Darf ich klatschen?“

„Wenn du etwas empfunden hast. Ja.“

„Ich habe sehr stark empfunden.“

Die fanfarenartig rauschenden Triolen, die König Heinrichs Rede begleiteten, füllten Jappes mit hellem Jubel, daß er Pepys Hand fast zerdrückte. Dem falschen Telramund wäre er am liebsten an den Hals gesprungen. Telramund, der in seiner blechernen Rüstung und mit seiner blechernen Anklage eine jämmerliche Figur bot. Als Oboe und Englischhorn erklangen, als trauernde Zeugen von Elsas Unschuld, weinte Pepy, und Jappes flüsterte: „Vergiß nicht, wo wir sind.“ Ein Herr zischte und Jappes schwieg. Als der Schwan mit Lohengrin erschien, sagte er lachend: „Der gefiederte Omnibus!“ Erneutes Zischen und Pepy schaute ihren „Kavalier“ vorwurfsvoll an. Als das Warnungsmotiv im düsteren As-moll unheilkündend vor Ungehorsam warnte, schaute Jappes den Zischenden bedeutungsvoll an. Der erste Aufzug verlief unbefriedigend für Jappes, weil Telramund nicht getötet worden war.

Pause.

Ein junger Künstler unterhielt sich mit Jappes über Wagner: Es sei schauderbar, daß man Wagner früher ausgepfiffen habe. Und dazu die unsinnigen Gerüchte, daß der Besuch einer Wagner-Oper Pest und Blattern und Gallensteine nach sich ziehe. „Das ist mir neu,“ sagte Jappes, „ich erinnere mich, daß ein Jahr vor meiner Geburt Lohengrin im Berliner Opernhaus seine dreihundertste Aufführung erlebte. Uebrigens, haben Sie den Draht gesehen, mit welchem der Schwan über die Bühne gezogen wurde. Ich entdecke den Schwindel immer.“

Der Fremde lachte: „Wann sind Sie geboren?“

„Am 16. Oktober 1893.“

„So, ein merkwürdiges Datum.“

Da begann der zweite Akt.

ELFTES KAPITEL

Guter Wein ist so erhaben, daß man keine schlechten Aphorismen darüber machen soll.

Jappes und Pepy saßen in einer Nische der holländischen Teestube. Sie trank ein Glas Glühwein, er aß eine Schale Eis. Pepy überlegte, ob sie Jappes ernst nehmen solle. Sie fand ihn entzückend und abstoßend. Mußte ganz verbissen über seine Späße lachen, die manchmal brutal klangen, dann stampfte sie mit dem Fuß auf: Teufel! Er warf ihr huldigende Blicke zu und sagte: „Pepy, du bist bezaubernd, lockend schön, faszinierend wie der Nabel des Buddha, wenn man ihn gesehen, kann man nicht mehr los.“

Pepy erfuhr gerne, daß sie reizend war, aber die Vergleiche zerstörten die schauersüße und sinneglühende Romantik. „Du bist der beste Mann, weil ich für dich schwärme, aber du sollst dich auch liebhaben und das Gute nicht in dir töten durch das Grobe deines Benehmens.“

„Soll ich schön schweigen und mich vor Langeweile töten. Ich, Jappes, genannt Paul vom Schlapphof. Ein tüchtiger Kerl, wer nicht am Weibe verrückt wird. Pepy, du bist aus Dreck und ich bin aus Dreck und zwei mal Dreck ist Dreck. Die längste Zeit waren wir zusammen, glaubst du nicht auch? Feiern wir Abschied heute, ein bißchen Abschied voneinander, wir haben nicht viel aneinander zu verlieren, weil wir noch nicht viel gewonnen haben.“ Pepy war starr. Jappes bestellte eine Flasche Affentaler, und mit sinnlicher Ungeduld fragte er Pepy, wieviel Männer sie lieb habe.

„Aber Jappes, du bist wohl entgleist! Keinen einzigen, sage ich dir, keinen!“

„So,“ sagte Jappes, „keinen?! Ich danke dir, daß du nicht einmal mich lieb hast. Kapsele deine Gefühle ein, bis dein guter Ritter kommt und die Schale der Ehe bringt. Hehe! Der Storch wird die Taube sein, die alljährlich wiederkommt, um die Wunderkraft des Kelches neu zu stärken.“ Er lachte ein gedehntes, viehisches Lachen.

Pepy schluchzte, nahm seine Hand, und sagte weinend: „Jappes, ich habe dich lieb.“

„Du willst wohl Ortrud sein und Rache nehmen, Schlange du, du glatte. Komm, trink mit mir dies Trostgebräu, daß deine Tränensäcke nicht versiegen.“ Er schenkte ein: „Prosit! Trinken wir auf das, was wir nicht lieben.“ Sie tat ihm nicht Bescheid. Er trank die beiden Gläser leer. Dann war es still.

„Soll ich gehen, Jappes?“ Er schwieg.

„Soll ich noch dableiben?“ Er schwieg.

„Was soll ich tun?“ Er schwieg.

Sie goß die Gläser voll, „Trink Jappes, und sprich, dein Schweigen ist gräßlich und paßt nicht zu dir.“ Er trank. „Ich werde Arzt, prosit! Nabelstrangspezialist. Weshalb schneidet man das Organ ab? Ich werde den Nabelstrang kultivieren, pfropfen und ihn so drillen, daß er der Rezeptator der okkulten Schwingungen wird. Ich sage dir, der Nabel wird nicht umsonst in Indien verehrt; wenn wir ihn ausbauen, können wir alle Geheimnisse durchschauen. Ja, du lachst, ich werde den Nabelstrang ausbauen und eine Physiologie schreiben, eine Anatomie und eine Psychologie. Da muß das Feinste der Seele hinein, das Animalische. Freundin! es wird das zentrale Problem der medizinischen und okkulten Forschung. Das Problem, um das sich alles dreht. Es wird der Nabel von allem sein. Prosit!“ Er soff sein Glas leer. „Trink nicht zuviel,“ sagte Pepy, „du bist schon an der Grenze des Ungenießbaren.“ „Ja,“ tat ihr Jappes Bescheid, „es ist ungefähr die Grenze. Aber ich bin nicht so dumm, wie ich mir die Mühe gebe zu scheinen.“ Ihr Lachen streichelte seine grobe Stimme.

Jappes hob sein Glas: „Leben, ich küsse dich!“

„Du bist unberechenbar,“ sagte Pepy, „man weiß nie, was kommt.“

„Ich tue immer das Gegenteil von dem, was man erwartet.“

Da wurde Pepy traurig: „Weißt du, Jappes, ich kann dich nicht lieben, weil ich keinen Halt an dir finde, weil dein Wesen mir immer entgleitet, und ich muß dich lieben, weil du so bist. Ich kann das selbst nicht verstehen.“

Er: „Da gibt es nichts zu verstehen! Bitte, Fräulein, zahlen.“

Als sie gingen, nahm Jappes die leere Flasche mit, aber er war traurig, als er das Mädchen sah, das nach Liebe rang.

Schlichte Naturen haben manchmal tiefe Gedanken, die uns heimlich von ihrem Wesen Kunde geben.

Nebelhaft und drohend starrten die Häuser in die Nacht, hier erlosch ein Licht, dort ein anderes. Straßenkehrer säuberten die Schienen der Tram, kehrten den Unrat der Straßen zusammen und schliefen dabei. „Die Bedeutung, weshalb wir in Lohengrin waren?“ fragte Jappes.

„Hast du das Lohengrin-Motiv verstanden?“

„Ich glaube ja,“ sagte er und wurde ernst. „Sage mir etwas von deiner Seele. Ich liebe deine Stimme, Pepy!“

„In der Lohengrin-Idee liegt etwas von meinem Leben. Ist es nicht das göttliche Sehnen aus der Einsamkeit nach der Menschwerdung? Gott will keine unterwürfige Demut, kein Zerfließen in Anbetung, er will durch die Liebe erlebt und begriffen werden. Gott will ein fühlender Mensch sein und in seiner Sehnsucht ruft er nach der Frau, nach dem Herzen. Ist es nicht die Kraft, die sich in Liebe wandelt und die Tragik gebiert? Der Mann, der sich läutert und die Frau, die aus Sehnsucht stirbt. Lohengrin wieder rein vom Schmerz durch das Opfer der sterbenden Elsa. Jappes, das wirst du verstehen, wenn du dies Büchlein gelesen hast.“ Und sie reichte es ihm.

Zwölf Schläge rieselten durch die Nacht, und zwei Menschen dachten an den Inhalt der vergangenen Stunden.

ZWÖLFTES KAPITEL

Tagebuch des Malers Geraldo

Frag mich, was Kunst ist, ich sage Leben.

Frag einer mich, was Leben ist, ich sage Kunst:

Wie Vater und Sohn unwandelbar eins und doch ewig verschieden.

Mit seiner Lampe las Jappes das Tagebuch:

Frau Martha, die Geliebte des Malers Geraldo, war eine seltsame Frau.

Geraldo war ein phantastischer Mensch mit medialer Veranlagung, der nur das Groteske und Spukhafte im Leben sah. Marthas Liebe steigerte seine künstlerische Begabung und weckte das Dämonische in ihm, durch die Begierde nach künstlerischer Selbstvollendung, mit Hilfe der geliebten Frau. Er ging den Leidensweg zwischen den beiden Polen künstlerischen Werdens, Analyse und Synthese, Geburt und Erlösung – den Kalvarienberg der leidenden Erfüllung, des begierdelosen Opfertums. Sein Gott war die werktätige, erzeugende Idee, das Sich-selbst-finden in der Kunst, das Sich-über-sich-hinaussteigern. In Gott erkannte er das schaffende Wesen, das sich ihm offenbarte auf dem Wege künstlerischer Erleuchtung. Bei der religiösen Hingabe hat der Mensch ein rationales Bedürfnis, das Bedürfnis der bewußten Anbetung eines Heiligsten. Aber immer wieder erfährt er, daß für das Letzte, Tiefste die Vernunft ein unzureichendes Werkzeug ist. Weder das suchende Licht der Vernunft noch ihr messendes Lot reicht in die letzten Wesenstiefen des Gotterlebnisses hinunter. Dem anbetenden und gottsuchenden Menschen bleibt immer ein ungeklärter und unerfaßbarer Rest, von dem der religiöse Mensch gerade in Zeiten tiefster Ergriffenheit und Bedürftigkeit ahnt, daß dieses begrifflich nicht Definierbare, dieses der Vernunft Entschwindende der Wesenskern der Religion ist.

Im Taumel des Schaffens hatte Geraldo seine Geliebte symbolisiert und allen Phasen seiner Entwicklung eine Erinnerung geschaffen. Er schuf sich eine Galerie der Liebe und feierte einen mystisch-brünstigen Kult.

Wie Beatrice bei Dante und Laura bei Petrarca die klassischen Typen der Sehnsucht sind, in denen der Mann die letzte menschlich-männliche Ergänzung bei der Frau auf dem Wege der Liebe sucht, so dachte Geraldo, auch dieses Sehnen lebe in der Frau, nur unbewußter, scheuer, verhüllter. Er fragte sich, warum der Dichter immer so viel Mann ist und so wenig Mensch und weshalb er nicht auch einmal den Versuch mache, das Problem von der weiblichen Seelensehnsucht aus zu lösen. Er verbiß sich in den Gedanken und schuf ein Bild, das er wie eine Entdeckung und eine erste Gestaltung der Welt offenbarte. Er nannte sein Bild Beatrice. Eine neue Beatrice, geboren und geformt aus der Sehnsucht des sich Entwachsen-wollens, des über sich Hinaus-wollens. Eine Beatrice im Gefühl ihrer tiefen Sehnsucht, im Glauben an die Möglichkeit der Selbststeigerung durch den Geliebten, den Mann. Zugleich gab Geraldo seinem Bilde den Unterton des sehnsuchtsvoll Zweifelnden, des sehnsuchtsvoll Sichern, des sehnsuchtsvoll Schmerzlichen.

Es war sein eigener Seelenkonflikt. Ein Ringen nach Selbsterlösung, eine Sehnsucht nach dem großen Unbekannten, ein romantisches Streben, die Sucht nach Ergänzung. Ein expressionistisches Bestreben, die tiefinnersten Schwingungen seiner Seele ins Frauliche zu transponieren. Wochenlang hatte er sich eingeschlossen und Skizze um Skizze entworfen, bis ihm der große klassische Wurf seines Werkes gelang: Beatrice, die vom Wesen der Liebe durchgeistigte Frau, durchschauert vom heiligen Odem abgeklärter Sehnsucht.

Frau Martha hatte seiner überfließenden Seele oft in Stunden seliger Andacht gelauscht und sie verzehrte sich vor Verlangen, das Werk zu sehen, in welchem sie die Seele des Malers in reiner Anschauung fühlen konnte. Sie wußte, daß es ihre eigene Seele geworden war, und daß Geraldo mit magischer Gewalt ihre beiden Seelen in einem Bilde vereinigt hatte. Da kam der Tag der Offenbarung und schweigend stand sie vor dem Bilde ihres Traumes. Geraldo fühlte während der Arbeit an seiner Beatrice, daß ihn das Problem seiner Liebe weitertreibe. Der flutende Hauch des Genies umkoste seine Seele und trieb seinen Genius zur Weitergestaltung. Und doch fühlte er mit einer leisen Enttäuschung, daß die tiefste Wurzel seiner genialen Versenkungsweise in das Weibliche nur die eigene glücksuchende Sehnsucht war: nur die eigene Sehnsucht. In seiner Geliebten suchte er ein Wesen zu finden, das aus dem ähnlichen Drängen wie er selbst nach dem anderen Wesen, dem Kinde, suchte. Aus diesem Verdoppeln des Sich-finden-wollens erträumte er die Loslösung des göttlichen Funkens. Nach qualvollen Tagen innerer Erschöpfung, kam er auf den Verkündigungsgedanken: das Motiv zu einem zweiten Bilde.

Er spürte, daß auch in diesem alten Thema ein viel tieferes sich symbolisiere, daß auch Gott sich nach einem Geschöpf sehne, das aus seiner eigenen Sehnsucht heraus ihn erwartet. Geraldo malte im Engel den Verkünder der Mutterschaft zu einem erlesenen Wesen, in Maria eine Mischung von freudiger Selbstgewißheit, von demütiger Scheu und rauschhafter Freude in der Ahnung des Kommenden. In anbetender Betrachtung war der Maler vor dem fertigen Bilde hingesunken, und was er künstlerisch geahnt und geschaffen, begehrte er mit der Leidenschaft eines Faszinierten. Ein teuflischer Plan reifte in ihm: Er brauchte eine neue Art von Modell zu seiner Weiterbildung, zu seiner Erlösung aus dem Kampf mit den dunklen Gewalten seiner brodelnden Kräfte, die nach Gestaltung rangen. Er brauchte ein suggerierbares Weib, ein Medium.

Seiner Freundin entwickelte er seine Gedanken, sagte ihr, was er von ihr wollte, sprach ihr vom Wunder seiner Berufung ... In der Freundin fand er eine leicht entzündbare Frau und merkte, daß er ihr nichts zu suggerieren brauche, daß auch in ihrer Seele diese Sehnsucht nach Erfüllung sich drängte. Er verspürte ein Glück, das ihm die Sinne raubte: Er hatte eine Beatrice-Natur gefunden in seinem Sinne. Er fühlte die willenlähmende Wirkung seines ersten Bildes und sah in Frau Martha das Opfer seines Symbols; das sich vor Sehnsucht verzehrende Weib.

Geraldo war ein phantastisch-theosophischer Adept, der sich auf Grund einer Vision als Werkzeug Gottes sah, seine künstlerischen Träume plastisch zu gestalten. Er führte die Freundin zu seinem neuen Bilde: der Verkündigung. Sprach ihr über die Gedanken, die ihn dabei geleitet, offenbarte ihr mit zündender Begeisterung seine ringende und glückdurchglühte Seele. Die Freundin erlebte sich selbst in der Anschauung des neuen Bildes, mit verhülltem Gesicht saß sie lange und dann rang sich der Gedanke durch: Es gibt einen Mann, der ein Wissen um unser frauliches Schicksal hat.

Sie war durchdrungen vom Glauben, daß Gottes allmächtiger Wille die Seele geschaffen habe, und daß sie durch die Geburt eines Kindes seinen Willen erfülle. Gebannt durch den Gedanken, daß sie unter einem fatalistischen Zwange ihren Weg durchs Leben zu gehen bestimmt sei, lag ihr der Gedanke an die Sünde fern. Mit Geraldo glaubte sie: Durch den geschlechtlichen Akt kann der Mensch Gott nicht zwingen, eine Seele zu erschaffen, deshalb wird die Seele nicht nach der Empfängnis erschaffen, muß also schon früher erschaffen worden sein. Das Kind ist die Erfüllung des göttlichen Willens, ob es im Zwange der Ehe oder in den lockeren Banden freier Liebe gezeugt wird. Wie seine Bilder die Form gewordene Sehnsucht und die Beweise seiner hohen künstlerischen Berufung sind, so ist das Kind das gestaltete Sehnen der Frau, der konkrete Inhalt fraulicher Sehnsucht. In der Mutterschaft ist das Weiterleben der Mutter in ihrem Kinde enthalten; die Mutter sieht darin ihr Ideal, an der Menschheit weiterzuarbeiten, wie der Maler im Bilde sein innerstes Erleben gestaltet und an der geistigen Fortentwicklung der Menschheit wirkt. Die innere Erkenntnis muß die Frau bestimmen, sich dem Manne anzuvertrauen, das Gefühl muß ihr sagen, ob er der Würdige ist, der Gesinnungsgenosse, nicht nur der Zeugungsgenosse ... Dann rannen Bild und Wirklichkeit zusammen. Geraldo nahm die Freundin in der Verzücktheit des wallenden Blutes. Sie gab sich ihm im Schauer der Größe und im Glauben an den Gedanken prophetischer Erfüllung.

Nach diesem doppelten Schöpfungsakte befiel den Maler ein doppelter Ekel. Die Erfüllung des Wunsches war für ihn der Tod desselben. Die Freundin und das geschaffene Bild waren ihm gleichgültig. Er fühlte, daß er auf dieser Stufe der Entwicklung nicht bleiben konnte. Eine dunkle Gewalt trieb ihn, neuen Stoff zu sammeln, an dem er seine Kräfte betätigen könne. Es trieb ihn nach Italien. Er wollte seine Seele läutern im klassischen Lichte erhabenster Kunst. Die Enttäuschung lauerte auf ihn und wies ihn in die Schranken seiner düsteren Problematik. Der ewig blaue und reine Himmel tat seiner Seele weh, das Licht war zu grell für seine feuchte, nordische, kimmerisch-sagenhafte Gedankenwelt. Er fühlte, wie seine besten Kräfte verwitterten unter diesem zersetzenden Lichte. Und in seinem Herzen wurde die Sehnsucht geboren, die Sehnsucht nach dem Norden. Das Heitere tat ihm weh, das Ausgeglichene berührte ihn schmerzlich. In ihm gab es zu viele Fragen, die sich gebieterisch aufdrängten: er war kein Fertiger, er war ein Streber nach Neuem, Großem, Ungeahntem, nach sehnsüchtig Angehauchtem und dämonisch Durchglühtem.

Seine Problematik war, das Sphinxhafte im Leben zu packen und es nicht restlos vernunftmäßig zu erschöpfen. Er wollte noch Fragen offen lassen, die man nur gefühlsmäßig bei der Anschauung beantworten konnte. Er floh das Licht, die olympische Helligkeit und die ätherische Durchsichtigkeit, er floh die grelle Linie, das gelöste Problem und er ging den Weg zurück, den die Sehnsucht ihn wies.

Frau Martha ging mit einem Kinde schwanger und erstarb im Sehnen nach dem geliebten Manne, den es hinausgetrieben hatte, sich wieder zu suchen im Lichte der Anschauung. Die plötzliche Abreise des Malers hatte ihrer Seele mit banger Qual zugesetzt. Sie wußte, daß sie ohne diesen Mann nicht weiterleben konnte, weil er sie seine dunklen Wege geführt hatte und sie aus eignen Kräften weder zurück noch vorwärts zu finden vermochte.

In sich selbst zurückgeworfen, floh Geraldo Italien, beladen mit dem Fluch der Enttäuschung. Sein Dämon trieb ihn zurück an die Stätte seines Schaffens und seiner künstlerischen Auswirkung. Er eilte, die Freundin zu treffen, die ihn mit freudiger Unruhe empfing. Er fühlte, wie sie während seiner Abwesenheit durch die Sehnsucht viel inniger mit ihm verwachsen, und er fühlte zugleich, wie weit sie durch den Zweifel von ihm abgekommen war. Er empfand ein augenblickliches Mitleid mit ihr beim Anblick ihrer vom Leiden durchgeistigten Züge, und bei seiner plötzlich wiedererwachenden Liebe empfand er ein vorwurfsvolles Gefühl der Ungerechtigkeit und inneren Untreue gegen die Freundin. Er erklärte der Geliebten seine Wandlung, seinen Drang nach neuem Erleben, die Unrast und die Zerfahrenheit seines suchenden Geistes. Ueber diesem Geständnis zerfielen bei ihr alle Zweifel und Sorgen. Sie gehörten sich wieder in innigem Beisammensein, und das brachte dem Maler endgültig die Erkenntnis, daß er doch seinen Weg allein gehen müsse. Frau Martha selbst fühlte mehr, als daß sie erkannte, sein Schicksal, das auch das ihre war, und sie fügte sich ihm in schmerzlichem Verzicht.

Frau Martha hatte das Kind geboren. Der Maler war nicht von ihrem Leidensbett gewichen. Dieses Kind war sein Werk wie diese Frau und wie seine Bilder. Alles war entsprungen aus dem Drange des vollendeten Schaffenwollens. Er war ergriffen, weil diese Frau ihm entsagte und ihr eigenes Leid dem höchsten und heiligsten Mutterschmerz zu Füßen legte. Er war voller Bewunderung für die zarte mütterliche Liebe und die Hoheit der Empfindung; ihre durchgeistigten Züge spiegelten die Verklärtheit des Schmerzes, schilderten das Erleben ihrer Trauer in bewußter Ergebenheit bis zur Heiligkeit des schauervollen inneren Erlebnisses.

Geraldo schöpfte daraus den Gedanken und die Kraft zu einem neuen Bilde. Er schuf sein letztes großes Werk: Die Pietà. Maria, die trauernde Mutter, die ihren Sohn beweint. Der tote Sohn im Schoß der Pietà war dieser Mutter der verlassene Mann, der von ihr die letzte große Entsagung forderte. Frau Martha klammerte sich verzweifelt an das letzte und einzige, was ihr geblieben war; an ihr Kind. Durch das Kind sprach sie zu Gott, dem unendlich Weisen, unendlich Guten, in ihm liebte sie den Maler, der ihrer Seele das Licht und ihrem Leben einen Inhalt gegeben hatte.

Nach der Vollendung dieses Werkes ward dem Maler die Erkenntnis, daß die expressionistische Ausdrucksform und -möglichkeit dem Wesen seines Schaffensideals am nächsten kamen. Ein Ahasver der Kunst irrte er durch alle Richtungen. Er spürte, daß für ihn ein neues Leben begann und zugleich ein neues Golgatha.

Die Mutter war einsam zurückgeblieben. In schmerzlichem Verzicht war sie von Geraldo geschieden. In dieser letzten größten heroischen Opfertat hatte sie sich körperlich und geistig erschöpft: Sie siechte dahin und die Pietà wurde zugleich ihr Grabmal.

* * * * *

Der Tag fand Jappes schlafend auf der Ottomane. Irgendein jäher Gedanke warf ihn ins Bewußtsein. Kräfte! Kräfte! rief er, dunkle bestimmende Kräfte. Ich erwarte die Dämonen.

Da kam die Wirtin und stellte sein Frühstück hin, „Herr Doktor hatte gewiß Zahnschmerzen, weil er so stöhnte die Nacht?“

Und Jappes: „Grade habe ich es mit dem Weisheitszahn zu tun.“

DREIZEHNTES KAPITEL

Die Weisheit ist der Schierlingsbecher, den selbst der weise Sokrates nicht vertragen konnte.

Jappes hatte eine kluge Maxime ausgetüftelt: Dem Dummen nutzen die Bücher nichts und die Klugen haben sie nicht nötig – und pflegte er hinzuzufügen – mit dem Satz kommt man immer aus als Student, einerlei, ob man sich zu den Dummen oder zu den Klugen rechnet. Er rechnete sich bald zu den einen, bald zu den anderen.

Manchmal ist es ein Vorteil, dumm zu sein!