Fetzen

Part 3

Chapter 33,607 wordsPublic domain

Der Alte: „Ich liebe es sehr, jungen Leuten interessant genug zu sein, aber manchmal ist es gefährlich, interessant zu sein. Ich erinnere mich, auf einer meiner Reisen in Italien besuchte ich das Grabmal des großen Michelangelo zu Florenz, in Santa Croce. Im rechten Seitenschiff des alten Franziskanerklosters, es war an einem schwülen Spätsommertag, zwischen dem ersten und zweiten Altar, stand ich vor dem Grabmal Buonarrotis, vertieft im Andenken an den großen Meister, wie er im Gefühl der Liebe und der Verklärtheit seine Werke auf der Basis idealisierter Anschauungen schuf – – – da plötzlich entstand ein Gemurmel um mich, dann ein Fragen und Rufen: ‚Heil dem großen Meister! Michelangelo ist auferstanden!‘ Vier Männer trugen mich über den wimmelnden Santa-Croce-Platz durch die Via San Cristoforo in die Via Ghibellina ins Haus Nummer 64 ... Gelt, Schatz, Nummer 64 wohnte der Florentiner?“ fragte er seine Frau, welche zustimmend nickte. „Die begeisterte Menge war kaum zu überzeugen, daß ich Deutscher sei und Studien über Michelangelo mache und das Opfer einer verblüffenden Aehnlichkeit geworden war. Sie sehen, Freund, es ist gefährlich, großen Männern ähnlich zu sehen, wenn es auch schmeichelt. Einem Globetrotter passiert doch manch köstliches Abenteuerchen.“

Da wagte Jappes zu bemerken: „Ich kenne kein Bildnis des großen Meisters, aber ich bin überzeugt, daß er Ihnen sehr ähnlich gesehen hat.“

Papa Wertheim mummelte zufrieden an seiner Pfeife, aber Jappes fand, daß sie ihn gar nicht an türkische Rauchware erinnerte und daß das Brodeln der Pfeife nicht sehr appetitlich klang. Der Alte war gerührt, als er an die erhabenen Augenblicke dachte und wie ein Idiot sagte er mit lallender Zunge: Sein Traum wäre es immer gewesen, ein großer Mann zu werden, aber die Hemmungen des Alltags hätten seine Seele den olympischen Flug nicht nehmen lassen. Er gab sich Mühe, ein imponierendes Pathos anzuschlagen, seine Worte und seine Erregung illustrierte er durch einen embryonalen Gestus. Manchmal erlaubte er sich deklamatorische Abschweifungen, fing einen Satz an, ohne ihn zu Ende zu bringen: „Es war in Palermo oder Ferrara, vielleicht auch in Mailand, oder, Mutter, war es in Venedig? aber Mutter, du nickst ja ein! Ihnen, Herr Doktor, ist es sicher auch langweilig, lassen wir die anstrengenden Reisen. Stochern wir ein wenig im Psychologischen herum. Ich las die Tage ein Traktätchen über den biologischen Wert der Langweile, sehr interessant! Können sich’s mal ansehen. Sie finden ein nettes Kapitelchen über das Instinktive im Menschen, das unbesiegbar sein soll. Ein Brocken über den Wert der Lüge in der Gesellschaft und eine bürgerliche Ansicht über die Gottesidee ...“

Jappes fuhr dazwischen: „Ein Bürger hat überhaupt keine Idee, und wenn Gott nach dem Hirngespinst eines Bürgers geschaffen wäre, sollte er sich wirklich nicht dazu hergeben, zu existieren. Und eine Lüge ist durchaus nichts Schlimmes, wenn sie nur schädlich ist; ist doch die Wahrheit selbst nur eine Parodie der Lüge.“

„Freund!“ unterbrach der Alte und legte seinen stinkigen Kloben auf den Tisch. „Dann sind wir einig: Gott ist nur ein unrasierter Anthropomorphismus, in der Kirche, der Hochburg für Volkstäuschung, großgepäppelt. Wäre ein Aushängeschild für Frisierläden, aber für den Allmachtsgedanken doch zu haarig. Ich gebe mir mein Ehrenwort, an einen solchen Gott habe ich nie geglaubt. Jeder hat seine Religion in sich und die meinige ist durch die Erfahrung meiner Jahre und durch meinen sittlich-strengen Lebenswandel geheiligt.“ Jappes dachte, so siehst du aus, und brannte eine Zigarre an, die der Alte zur Ablenkung reichte und dann fortfuhr: „Wenn wir Fehler haben, ist es immer der Dämon unserer Vergangenheit. Wir sind doch alle ein bißchen die Söhne unserer Väter!“

„Vielleicht sind wir nicht wir selbst,“ stimmte Jappes zu, „und der verzwickte Verdammungsapparat wird sein Menetekel nur für einige schreiben, wenn die große Bilanz im Tale Josaphat gezogen wird, und die ganze Schuld unserer Sünden fällt auf den Stammvater Adam –“

„Oder auf den Affen, von dem wir stammen,“ lachte der Alte.

Jappes: „Vielleicht haben wir das Possierliche und Lustige gerade vom Affen geerbt und wir müßten ihm danken und ihn laufen lassen, statt ihn einzusperren.“

„Das Leben ist ein großer Rausch, und weil der Mensch vom Affen abstammt, wird die spätere Menschheit sicher zum Kater kommen,“ meckerte Herr Wertheim.

„Ich höre ihn schon schnurren,“ lachte Jappes.

Der Alte war ärgerlich, weil ihm der Witz nicht eingefallen war.

Jappes empfahl sich. Vater Wertheim steckte ihm noch eine Handvoll Zigarren zu und die Wirtin begleitete ihn auf die Diele. „Der Hecht war gut und mein Magen dankt Ihnen für die Flasche Bordeaux, in welcher er nun rumschwimmt.“

„Nichts zu danken,“ sagte die Wirtin, „auch nicht für den Rehschlegel, und den Likör zum Mokka. Mehr als zwanzig Mark rechne ich Ihnen nicht, Herr Doktor“ – und leiser – „noch ein Wort: Mein Mann ist eine alte Gurke, der vor Alter einen Knacks weghat, gereist ist er nie und Italien kennt er nur aus den Büchern.“

„Aber erzählen tut er täuschend,“ meinte Jappes, „und geizig ist er auch nicht. Ein bißchen Schwefel tötet die Mikroben der Langweile.“

Der Alte greinte durch die Tür: „Die Geschichte, welche ich erzählen wollte, spielte in Padua!“

„An der Brenta,“ darauf Jappes, „ich bewundere Ihr Gedächtnis.“

„Alter Globetrottel,“ sagte die Wirtin und empfahl sich.

ACHTES KAPITEL

Weil die Engel Gott gleich sein wollten, versuchten sie Menschen zu erschaffen, brachten aber nur uneheliche fertig.

Jappes saß auf dem Bett und rauchte eine Wertheim-Zigarre. Er dachte an die Reisen des Alten. Mählich dämmerte ihm, wie die Literarhistoriker behaupten konnten, Homer habe nicht gelebt. Er malte sich den epischen Aufschneider in Kaftan und Fes mit brodelnder Pfeife. Nein! das war doch unmöglich: Einer, der überhaupt nicht existiert, kann doch auch nichts erzählt haben. Auf dem Flur schrillte die Klingel, Jappes horchte auf, obwohl er niemand erwartete. Es ist eine sonderbare Erscheinung, daß eine Klingel uns mit Blitzesschnelle aus unserer Gedankenwelt reißen kann. Wir lassen die Reihe unserer Bekannten plötzlich vorbeidefilieren, haben das Empfinden, als müsse etwas ganz Bestimmtes kommen, die Empfindung verdichtet sich zur Vorstellung, – ein angstjammerndes Telegramm, – eine himmelhochjauchzende Postanweisung – – – – nichts! Alles ist still. Unsere Vorstellung assoziiert keine Phantasiebrocken mehr. Und wenn der Vorwitz, das weibliche Organ unseres besseren Ich, uns nicht zu sehr quält, erfahren wir nie, wer geklingelt hat. Es war halt nichts für uns – und das ist unser Trost.

Aber es war etwas für Jappes: Das Pfandhausmädchen. Ein kleines, rundes Ding, mit Anlagen zu zappeliger Fülle, harmonisch zusammengespielte Details mit angenehmen Rundungen und sanften Uebergängen. Sie lachte ein kleines, glückliches Lachen durch ihren Crêpeschleier und bebte, als Jappes das „gnädige Fräulein“ empfing:

„Nennen Sie mich nicht gnädiges Fräulein,“ sagte sie untertänig, „ich bin Ihnen zu sehr viel Dank verpflichtet, und ich will nicht, daß Sie sich demütigen. Damals im Pfandhaus waren Sie so gut zu mir, und ohne Sie hätte ich der Mutter den Kranz nicht kaufen können.“ Ihre Worte wurden von Tränen erstickt. Brandrote Locken fielen über den Tisch, als sie sich schluchzend nach vorne beugte. Sie weinte, bis sie ihrem Gemüt Genüge getan hatte, und Jappes ging es nahe. Streichelnd hob er ihr Köpfchen: „Armes, kleines Mädchen, mußt nicht heulen, ich bin ja bei dir.“

„Ich bin so gefühlvoll,“ wimmerte sie.

„Das beweist eine gesunde Natur,“ erwiderte Jappes, „wie heißt du, komm, sage mir? Ich will gut zu dir sein.“

Zwei große rotgeweinte Augen standen unter Wasser: „ich heiße ... meine Freundin nennt mich eigentlich immer Pepy.“

„Mußt nicht weinen, Pepy,“ tröstete er, obwohl seine Augen selbst kaum trocken blieben. Dann riß er sich zu seiner starken Natur zurück, wie wir zu tun pflegen, wenn wir mit einem geliebten Wesen um einen Menschen trauern, der uns beiden nahestand, und uns selbst die Rolle des Trösters unserem Freunde gegenüber zufällt. Für Jappes war Trost ein Bedürfnis schwacher Seelen. Er kannte zu wenig von dieser jungen Mädchenseele und er schämte sich vor sich selbst, weil er mit abgedroschenen Gemeinplätzen der Schulbank ein einsames Mädchen über den Tod seiner Mutter hinwegtäuschen sollte. Die traurigen Empfindungen seiner eigenen Seele hatte er niedergekämpft und seine Sprache hatte den Klang der Unsicherheit: Die Saite des Mitleids darf im Trostakkord nicht fehlen. Er sprach von der Unabänderlichkeit der ewigen Gesetze, von der Vergänglichkeit alles Irdischen, vom Erwachen im Jenseits zum besseren Sein, von der Erlösung von den Trieben und dunklen Gewalten. „Die Glorie der Verklärtheit umstrahlt die Verblichene, die, von der Fessel des Alltags ledig, in seraphischer Reinheit von der Erfüllung ihrer Träume durchschauert, den Allspender des Glückes preist.“ ... Da fühlte er, daß er log. Er wußte, wie weit er allem Pietistisch-Frömmelnden fernstand, wie alles Sentimental-Weinerliche ihm fremd war. Er fluchte sich beim Gedanken, daß er diesem Mädchen den Popanz überirdischer Vergeltung zum Trost vorhielt, obwohl das Sterben für ihn ein biologisches Geschehen, ein chemischer Prozeß, ein Auflösen der Materie in andere Daseinsformen war.

Durchs Zimmer ging die Stille auf leisen Füßen. Pepy nach einer Weile: „Ich bin sehr unglücklich!“

Jappes schwieg und er fühlte, daß seine Zunge am Leim der Lüge klebte. Das Mädchen saß zusammengekauert und Jappes hielt ihre Hände. Und unsicher: „Pepy, der Tod nimmt uns alle mit sich. Wir weinen und trauern und können das Verhängnis nicht abwenden. Unsere Trauer ist Ohnmacht und unsere Liebe zu den Toten ist ohne Sehnsucht. Unsere Seele wird vom jähen Riß des Verlustes zerrissen. Wir trauern, weil wir vor dem letzten Rätsel stehen und keine Lösung sehen. Und unsere Seele, die nach einer Antwort ringt, zerfließt in ihrer Ohnmacht in Tränen. Ist die Seele uns nicht anerzogen mit all ihren Attributen der Sehnsucht und Liebe? Unsere Seele ist nichts oder etwas sehr Großes, das wir nicht fassen können.“

Pepy saß nachdenklich und ihr leuchtendes Gesicht lag verklärt unter dem brandroten Gelock. Ein Zucken warf sich über ihren jugendlichen Leib, ein Zittern, wie es durchs Boot läuft, wenn der Wind in die gebauschten Segel greift, und jäh sprang es über ihre Lippen: „Die Seele ist unser Verhängnis,“ und nach einem Augenblick: „Herr Jappes, ich bin ein uneheliches Mädchen.“

Als er schwieg, fühlte sie, daß sie mit ihm einsam war.

Wir gebrauchen manchmal Worte, die, aus dem Zusammenhang der Rede gerissen, ein Schlagwort sind, das ein Schicksal enthält.

Draußen kokettierte die Sonne mit den Abendschatten und warf ihnen rosige Blicke zu. Jappes stand am Fenster und sog nervös an seiner Zigarre, zählte die Fenster der gegenüberliegenden Häuser, zählte die Vorübergehenden, gruppierte sie dutzendweise, fuhr mit dem Daumen die Umrisse der Fensterscheiben entlang. Wieviel Uneheliche gehen wohl vorüber? dachte er, und keinem sieht man es an. Dachte, ob es uneheliche Zwillinge gäbe, ob Uneheliche ihren Vater lieben könnten, ihren Vater, den sie nie gekannt. Dachte, daß sein Vater gestorben war. Sein Vater, der sich nie um ihn gekümmert hatte. Er wußte, daß er ein großer hagerer Mann war, mit unruhigen Augen, der immer schnell über den Hof ging, immer im Hause herumarbeitete und doch nie etwas tat. Eines Tages war er gestorben und Jappes wußte nichts von ihm. Eine Stimme in ihm sagte:

„Du bist unehelich seit dem Tod deines Vaters.“ Und Jappes dachte: Es ist keine Unehre, unehelich zu sein, wenn man in Liebe gezeugt wurde. Die Stimme in ihm flüsterte: „Die Väter sind nicht die Herren der Kinder. Sie haben sie im Taumel gezeugt und etwas von ihrem Wesen verloren, aus dem im Kinde ein neues fremdes Wesen entsteht.“

Jappes lauschte dem Locken eines Kreuzschnabels und dachte verschwommene, uneheliche Gedanken. Hockte auf dem Fensterbrett und warf die Zigarre in den Hof: „Kinder sind fleischgewordene Begierden, sonst nichts,“ – dann saß er bei Pepy – „die in der Gemeinschaft der Begierde Gezeugten sind nicht unehelich. Unehelich sind die in der Ehe Gezeugten in Gedanken an einen anderen Gatten. Die Ehe ist die große Lüge, der Ausgleich der Triebe ohne die Gemeinschaft der Seelen. Viele verehren in der Ehe einen anderen Geliebten oder eine andere Geliebte und der männliche oder weibliche Gatte ist nur der Altar, auf dem sie das Opfer ihrer Sehnsucht bringen.“

„Verachten Sie mich deswegen, Herr Jappes?“

Er nahm ihre Hand: „Pepy, wir sind nicht verantwortlich für die Taten unserer Väter. In der Ehe wissen unsere Väter nicht, was sie tun. Sie können das Geschlecht der Seele so wenig bestimmen wie das Geschlecht des Leibes. Im Zeugen ist der Mensch Tier; die Väter wissen vom Wesen des Kindes am wenigsten; sie wissen nur um die Not und die Bedürfnisse des Leibes. Unser größtes Glück ist es vielleicht, dem Einfluß des Vaters früh zu entgehen.“

Pepy sagte leise: „Herr Jappes, Sie reden wie ein Verführer, sind Sie etwa nicht stolz, daß Sie ein eheliches Kind sind?“

„Mein Vater ist nicht mehr, und ich weiß nur, daß er der Mann meiner Mutter war, daß ich manchmal zufrieden bin, nicht zu sein, wie mein Vater war. Das ist mein Ernst, jawohl! Ein uneheliches Kind zeugen, ist kein Verbrechen, auch kein Vergehen. Das Zivilgesetzbuch hat es mit keiner Strafe bedacht, obwohl die Ehe eine zivilrechtliche Gültigkeit ist. Pepy, fühlst du dich nicht ebenso frei, wie ein anderes Mädchen, bist du nicht aus dir selbst herausgewachsen ohne den traditionellen Zwang der hierarchischen Familienbrödelei! Vom Wesen der Väter haben wir nichts Wesentliches, manchmal eine leise Erinnerung, und dann zucken wir auf, weil wir wissen, daß es nicht unsere eigene Regung ist, die in uns wach wird.“

„Haben Sie Ihren Vater nicht liebgehabt?“

„Nein,“ sagte Jappes, „denn ich habe ihn nie gebraucht und nicht gekannt, denn um einen Menschen zu lieben, muß man ihn kennen, und um ihn zu kennen, muß man ihn gebrauchen – komm, Pepy! sag’ ‚du‘, ich werde dein Freund sein, denn ich habe nichts vom Vater.“

Und Pepy: „Sie sind sonderbar und haben eine verzerrte Weltanschauung. Mein Vater ist ein berühmter Mann und die Mutter ist aus Liebe zu ihm gestorben. Sie dürfen nicht höhnen, weil ich die Frucht einer Liebe bin.“

„Ich höhne nicht, denn ich sage dir, die in der Gemeinschaft der Begierde Gezeugten sind nicht unehelich. Die Welt ist verzerrt und ich schaue diese Verzerrung. Wir sind immer das Material der Zufälligkeiten.“ Dann zerdrückte er eine Fliege und sagte: „Du sollst nicht töten! ... Der Mensch lebt nicht allein, aber er lebt manchmal einsam. Pepy, komm wieder, wenn du glaubst, daß ich dir was bin.“

Sie ging.

Schlechte Hirtenbriefe sind meist gute Witze. Gute Hirtenbriefe sind meist schlechte Possen.

Jappes lag zu Bett und die Langweile kritzelte ihm ein dürres Kapitel. Er spann seine Gedanken durch die Nacht: Die Ehe – Zwangsvorstellung der Liebe. Die Instinkte sind die aktiven Kräfte, die uns die Sinne verwirren, und uns die Echtheit unseres Gefühls vorzaubern. Wir vergehen in der Schwüle der gegenseitigen Unausstehlichkeit. Wir wissen um unsere geheimsten Tricks, um unsere intimsten Regungen, Wünsche. Die Begierde bäumt sich hoch. Wir werden müde vom Taumel. Armseligkeit! Wir tragen unsere Kinder mit uns in latentem Zustand. Wir suchen nach Namen und suchen nach den Kindern, die zu den Namen passen. Bei jeder Geburt verrinnt ein neuer Traum, das Kind paßt nicht zum Namen. Und wir haben so viele Namen übrig. Wir verstäuben in der Ohnmacht des Alters und die unmündige Hoffnung unserer Schöpferkraft trinkt sich genug am Kelch der Enttäuschung. Wir sind die Opfer der Zufallsväter. Und es ist der Fluch des Opfers, daß es andere Opfer will.

Er dachte daran, daß impotente Bischöfe in Fulda ein Manifest zur Kindererzeugung zusammengepeitscht hatten. Erinnerte sich, daß auf dem Gymnasium ein schwindsüchtiger Lehrer über die physikalischen und biogenetischen Kräfte sprach und dabei einen Ohnmachtsanfall erlitt. Der Ekel fegte sein Hirn blank, als er an die pensionierten Gefühle des Alters dachte. Lauschte der Nacht, die draußen vorüberging, hörte Gläserklang im Nebenzimmer, schmeichelndes Lachen eines Mädchenmundes und dazwischen brünstige Laute eines Mannes. Dachte, daß Kinder um die Existenz betrogen wurden, daß die Begierde sich ins Leere verspritzte und die Lust sich selbst auffraß. Dachte an die Toten, die ihm gleichgültig waren, um welche er nie geweint hatte, und laut: „Lasset uns beten, auf daß sie nicht wieder auferstehen.“

Dann kam der Schlaf und trug ihn ins Vergessen.

NEUNTES KAPITEL

Die Professoren sind Seifenblasen, die meistens durch ihren eigenen Wind platzen.

Die Sonne warf einen gelben Klecks an die Tapete. Wagen fuhren über die Straße mit Hüh und Hott. Die Wirtin stellte den Kaffee auf den Nachttisch und Jappes tat, als schliefe er noch. Er war ärgerlich und die Langeweile durchzog seine Seele mit grauen Fäden. Er wollte etwas erleben, was Neues hören. Rekelte sich aus dem Schlaf und warf sich in die Kleider. Der Postbote brachte einen Brief von der Mutter. Jappes legte ihn auf den Tisch und quälte sich, was wohl drin stehe.

Ging fort und ließ den Brief ungeöffnet.

Tagsüber war er an der Universität und schlürfte das Manna des Wissens am Busen der Alma Mater. Lutschte sich stundenlang müde am ledernen Lutschbeutel verbissener Pedanten, ließ sich anöden vom faden Aesthetengeflunker, horchte der einschläfernden Musik verkrüppelter Humanitätsduselei, hörte subjektive Anschauungen über objektive Rhetorik, trieb im seichten Fahrwasser der sturmlosen Logik, geriet in die Strömung lyrischer Ergüsse und lauschte dem Gesäusel romantischer Seiltänzer. Und die Abwechslung reizte seinen Appetit, von allen Bissen zu essen, die auf den Schanktischen der Universität angeboten wurden, hörte, daß Moral keine Tugend sei, stocherte im geistigen Riesenmüllkasten und fand nebst abgenagten Knochen die Asche der guten Gedanken, ohne etwas vom Feuer der Kohle zu merken. An dieser Brutstätte großer Gedanken gewahrte er, daß das Gefieder der Vögel buntschillernd gespreizt war, daß die Vögel aber lauter faule Eier legten. Fand, daß das Schönste das Getrampel war, das die Dozenten sich in der akademischen Stunde ergreint hatten, zerbrach sich den Kopf darüber, wie die Studenten die Rezepte der Weisheit nachschreiben konnten, statt gegen den hirnzerschlitzenden Blödsinn Front zu machen, der dort verzapft wurde. Die Professoren rieben sich gegenseitig aneinander, um sich von den eigenen Unsauberkeiten freizumachen. Um sieben verließ er die letzte Vorlesung. Ein Dozent hatte über den Empirismus geredet: Eine erkenntnistheoretische Richtung, die alle Erkenntnis aus der Erfahrung ableitet. Für Jappes praktische Begriffe einer praktischen Lehre. Neben dem reflektierenden und kritischen Empirismus gefiel ihm der naive am besten. Die Hörer drängten zur Tür. Zwei Studenten diskutierten, ob John Locke oder Francis Bacon die Ehre gebühre, als Begründer des Empirismus anerkannt zu werden. Jappes mischte sich ein: „Ich bin dafür, Wilhelm Wundt aus Neckarau in Baden die Ehre zu geben, weil er den naiven Empirismus erfunden hat und ich bin Badenser!“

„Ein glänzender Kopf – Wilhelm Wundt,“ sagte der eine Student, und Jappes dachte an Pomade.

Er verfolgte eine üppige Bluse, die in ein Speisehaus lenkte. Saß vis-à-vis von ihr und sah sie auf und nieder wogen. Eine duftige handgearbeitete Guipurespitze wehrte dem kühnsten Auge, zu den gewölbten Eigentümlichkeiten des Mädchens zu dringen. Die Dame bestellte zwei Menüs, schlang sie hinunter und unterhielt sich mit Jappes über ihre Appetitlosigkeit. Er war sprachlos und kaute ein wieherndes Beefsteak à la tartare hinunter. Zahlte und empfahl sich: „Gnädiges Fräulein, lieben könnte ich Sie, aber nicht füttern.“ Und sie: „Reiten Sie angenehm mit Ihrem Roßbeef!“

Aus einem Kaffeehaus floß das sacharinsüßliche Ariengesäusel einer Streichkapelle. Das viktoriaschwangere Gebrüll eines Veteranenvereins zitterte durch den Tabaksqualm eines säuerlichen Bierlokals. In den Anlagen standen junge Astronomen, die sich mit dem Teleskop der Liebe in die Augensterne ihrer Geliebten verirrten. Jappes eilte vorüber, er hatte Sehnsucht nach dem Brief, der am Morgen von seiner Mutter gekommen war.

Während er las, betete Reinette im Nebenzimmer ihr Liebesbrevier. Der Mutter ging es gut, und Pepy schrieb: Ich hole Dich morgen um sieben Uhr ab. Wir gehen in den Lohengrin. Es hat seine Bedeutung.

Es hat seine Bedeutung, las er zum zweitenmal.

ZEHNTES KAPITEL

Die Kunst bleibt rein, selbst wenn sie vom Pöbel beschmutzt wird.

Jappes führte Pepy aus. Beide in hoher Wichs. Er unterhielt und war galant. Lässig schlenderte er mit ihr in den Wandelgängen. „Ja, Pepy, wer ins Theater geht, sollte alle seine Sorgen in der Garderobe ablegen können. Eine Oper soll man eigentlich genießen wie ein türkisches Bad: den Zauber wohlig-prickelnd über sich ergehen lassen und dabei mit der Nacktheit seiner Gefühle allein sein. Die Oper will ich durchaus nicht mit einem türkischen Bade vergleichen. Nein!“ Pepy zerknitterte das Programm in ihren Händen: „Jappes, du bist wieder toll!“

„Kleine, liebe Puppe,“ fuhr Jappes fort, „ich habe den Hang zum Raffinierten und das viele wimmelnde Fleisch reizt mich. Dann könnte ich eine Dummheit begehen, irgendeine Mastdame anrempeln und sie in den großen Wandspiegel bugsieren. Die Lorgnetten machen mich nervös und ich verspüre Lust, eine Dame in der Abendtoilette in die Schulter zu beißen. Pepy, hier dürfen wir nicht oft herein, wenn du keinen Skandal aushalten kannst. Schau den Dickwanst drüben! Die Verblüffung über seinen plötzlichen Reichtum ist nicht mehr aus seinen Zügen gewichen und nun geht er mit seinen plattfüßigen Metzgergefühlen eine Oper genießen. Genußmenschen à hundertfünfzig Kilogramm Lebendgewicht. Da, der Kerl, sieht aus wie ein geschundenes Gerippe, ein Kopf wie eine Blase, und halluziniert der Kokotte, die neben ihm geht, die schlotterndsten Liebesgefühle. Aber wahrlich, das Weib ist wie aus Milch und Rosenduft und schön wie eine Sünde. Das Gefunkel der Geschmeide macht mich verrückt. Pepy, fühlst du dich wohl in diesem Massengeflunker?“

„Du bist wirklich lächerlich, es ist doch nett.“

„Nein! ich amüsiere mich, wie köstlich! das reinste Panoptikum. Korsettstramme Offizierlichkeiten, mit besäbelter Sicherheit im Auftreten, vierdimensionale Damen, in ihren Zügen das flache Bedauern, daß ihr Schoßhund fehlt. Junge flirtende Holdseligkeiten mit halbgezwungen-flötender Drehung zu ihrem Manne gewandt. Ihr Mann, eine selig-sichere Kotillon-Erinnerung. Rauschende Seidenpuppen durchlauern die Gruppen, ziehen die Blicke auseinander und mustern, mustern. Und die Männer sehen dasselbe ins Weibliche übersetzt, vielleicht zäher, sicherer, brünstiger. Die Männer sind stärker, sicherer, zugeknöpfter!“

„Die Männer sind nicht alle wie du, komm, du machst wirklich noch einen Alarm.“

„Ich sehe den Wind,“ entgegnete Jappes; „die Leute würden mich nie langweilen, nicht einmal, wenn sie im Negligé wären. Ich weiß, wie sie sind, und was sie nicht sind. Die hier alle sind verblassend wenig, weil sie etwas zeigen oder etwas sehen wollen. Den Leuten steht die Form ihrer Nachttöpfe auf der Nase geschrieben. Ich wollte, ich hätte keine Nase.“

Pepy stieß ihn in die Seite – „Jappes!“ –