Part 2
Als es dunkelte, knipste er die Glühbirne an, hängte die saloppen Bilder verkehrt an die Wand, flegelte sich auf die Ottomane und spann seine Gedanken hinüber zur Universität: Ein heilig-ernster Schauer durchrieselte seine langen Glieder. Er war voll frommer Ehrfurcht vor dieser mächtigen Geisteszentrale, wo die antwortdurstigen Studentenseelen mit dem klaren Quell reiner Vernunft getränkt wurden. Er malte sich eine geistige Sahara, wo die durstigen Studenten lechzend harrten, bis die Professoren wie Kamele, mit den Schläuchen ihrer Weisheit zum Labetrunk erschienen. Er verglich die Professoren mit zweibeinigen wandelnden Lexicis, Vertretern verschiedener Fakultäten: Meyer, Brockhaus, Herder, die alle dasselbe sagten, aber in einer anderen genialen Ausstaffierung. Oder mit tantenhaft peinlich geordneten Zettelkästen. Männer, die wie eine Uhr funktionierten, die schwer zum Lachen zu bringen waren, es sei denn über eigene dumme Witze. Und der Neid, der schlimme Nager, befiel ihn, als er dachte, wie die Professoren mit klassischer Gebärde ganze Bücher hersagen konnten. Ja! der Neid frißt das Beste im Menschen.
Dann marschierten seine Vorstellungen über das Studentenleben auf, um in ihrer Glorie zu paradieren. Romantisch-sentimentale Lockenköpfe mit nachlässig geschlungener Binde. Jünglinge mit kritischen Denkrunzeln über der Stirn, Verse murmelnd, träumerische Augen und krankhaft bleicher Teint, das Wasserzeichen des Genies in stillen Nächten durch musische Arbeiten eingeprägt. Angesäuselte Studenten mit Mandoline und Sackpfeife im klingenden Tonfall eine Holde besingend, Schabernack und ulkige Nächte in Braus und Schwulitäten. Jappes wurde misepetrig zumut beim Gedanken, daß es auch solche gab mit bunten Mützen und farbigen Bändern, wie sie kapitale Ochsen bei Viehausstellungen in seiner Heimat trugen, die, wenn man ihnen zu lange – und Gott, die Herren leben rasch! – ins Einglas schaute, einem auf zehn Schritt Entfernung Löcher in die Haut knallten.
Das war der erste lebensgefährliche Gedanke, welcher Jappes je befallen hatte und sinnend lag er mit zuckender Seele, als es an die Tür klopfte: „Herr Doktor braucht gewiß sehr viel Licht, doch das ist weiter nicht schlimm, wollte auch gar nicht stören; es ist nur wegen dem Bezahlen.“ Jappes klopfte der Wirtin auf die Schulter: „Ich kann schließlich auch im Dunklen denken und brauche die Bilder an der Wand nicht umzuhängen. Ich wünsche eine gute Nacht.“ Aergerlich schlug er sich in die Daunen. Beim Frühstück fragte Frau Wertheim, wie er geschlafen habe:
„Ohne Licht!“ sagte er barsch, biß seine Semmeln hinunter, packte seine Papiere und ging. Ein leichter Regen weinte über die Stadt, die Sehnsucht nach einem schönen Tage hatte.
VIERTES KAPITEL
Gott erschuf den Gespielen der Frau und nannte ihn Kavalier.
Jappes wurde feierlich zum akademischen Bürger ernannt und Seine Magnifizenz der Rector Magnificus drückte ihm hochselbst die Hand. Damit war er Studierender und hatte seine Ausweiskarte.
Angelica erhielt einen Brief. Liebe Mutter! Dein Sohn schreibt Dir Erfreuliches. Heute war sein erster großer Tag: die feierliche Aufnahme in den Organismus des Studentenkörpers. Der Rektor, ein glattrasierter Herr im Brautanzug, drückte mir die Hand vor über tausend Studenten. Denk Dir einen großen Saal, so groß wie unsere Scheune und die Remise dazu. Mutter, nun muß ich immer viel denken, bis ich auch ein großes Tier bin.
Angelica zerdrückte eine Träne, war stolz auf ihren großen Sohn und sagte: Das ist der Segen des Herrn Pfarrers.
Jappes stand im Lichthof der Universität und lauschte dem murmelnden Geräusch, das sich an dem hohen Kuppelgewölbe brach. Eilige Studenten zogen vorüber, knipsten die Asche wichtig von der Zigarette, verrieten durch Haltung der Handschuhe, daß sie eine gute Kinderstube absolviert hatten. Man sieht jedem Menschen die Kinderstube an, dachte Jappes, und ich schmeichle mir, daß ich im Freien aufgewachsen bin. Fesche Burschen, deren Beinkleider von betörendem Schnitte waren, lachten über irgendeinen Witz, stiegen die Treppe hinauf und tippten mit dem Stock auf die Stufen. Dandys, denen der Snob in den Nacken gebaut hatte, bildeten eine Gruppe. Peinlich korrekte Ehrenmänner mit Bügelfalten wie Anstandslehrer, Schlipsen, die Ladenschwengelrepräsentationsschleifen ausstachen. Einer hielt ein Päckchen Keks unter dem Arm und naschte sie zierlich hinunter. Es gab Ein- und Zweigläser in der Gruppe; die Zweigläser schienen die Klügsten.
Als sie gingen, wußte Jappes, daß sie zum Segeln wollten, falls Egon zu pumpen beliebe.
Die Weibsen sind an der Universität in der Minderheit. Jappes sah zwei Arten, die einen mit Kavalier, die anderen, die noch keinen hatten. Etliche gingen sinnend vorüber und schleppten sich müde an ruppigen Büchermappen. Jappes sagte: Das sind die fleißigen Arbeitsbienen, denen vielleicht nur der literarische Stachel fehlt. Andere klapperten mit Holzsandalen vorbei, hatten sonnengebräunte Gesichter: Töchter der Rucksackkultur. Jappes sah, daß die meisten blond waren und ihm schien, als wären sie noch nicht schlüssig in der Wahl zwischen Kavalier oder Studium. Selbst unter den Büchertragenden gab es noch solche, die Jappes Zweifel einflößten: Ob die Büchertaschen nicht gar Attrappen seien? Oja-duftige Bürgertöchter hingen lässig am Arm ihrer ehe- und pensionssicheren (in spe!) Kavaliere. Gierig tranken sie den Honig der Worte, der von den angebeteten Lippen floß, hörten die vernichtende Kritik gegen ein Buch, gegen einen Vortrag und hauchend: Gelt, wenn’s Doktor bist, hältst auch Vorträge – aber andere, weißt! ... Es war eine bunte Mappe von dünnen und dicken, von lachenden und ernsten Studentinnen. Im Gewimmel glänzende Mitternachtstulpen und göttliche Flirtmaschinen. Jappes dachte: Wie heißt wohl der Geist, den sie suchen mit der Lampe des Geschlechts? Er stieg die Treppe hinauf zur Quästur. Zwei Studentinnen gingen vor ihm. Eine hatte kuhmagdpralle Waden. Sie sagte: „... möglich, daß vom ästhetischen Standpunkt aus etwas einzuwenden wäre, aber die Form ist doch die Hauptsache – übrigens willst du jetzt eine Kässtulle?“
Die andere piepste: „Ja, eine kleine!“ Jappes dachte: Gottlob, daß es auch noch natürliche Menschen gibt, die nicht nur metaphysische Bedürfnisse zu befriedigen haben. Und das dralle Kind stahl sich in seine Sympathie. Jappes belegte so viele Vorlesungen, bis sein Geld fast alle war. Aber er war glücklich, daß er nicht zu knapp eingekauft hatte.
FÜNFTES KAPITEL.
Beichtstuhl und Pfandhaus: Es wird nur Speicherkram eingeliefert gegen einen Vorschuß auf Rückfall.
Wer wollte die unverschuldete Geldlosigkeit eines Studenten nicht entschuldigen, zumal wenn er nach ehrlichen Mitteln greift, um seine Finanzen aufzubessern? Alle Studenten sind, von den Ausnahmen abgesehen, ehrliche Burschen.
In der Regel gibt es zwei Wege, um aus der Klemme zu kommen, den Vater der Braut um einen unkündbaren Vorschuß anzuhauen – doch dazu ist eine Braut und ein bemittelter Vater vorausgesetzt. Dazu kommt die Gefahr, daß Herr Studio im Verweigerungsfalle nicht nur den Vorschuß, sondern auch die Braut verliert, was um so peinsamer ist, wenn die Braut den Vorschuß wirklich aufwiegt. Aber wie oft ist die Braut nur ein Vorschuß auf Liebe! Der andere Weg ist, in aller Demut und Gelassenheit mit irgendeinem versetzbaren Gegenstand die große Bedürfnisanstalt der Stadt aufzusuchen, um auf rechtmäßigem Wege das Allernötigste leihweise aufzunehmen. Durch weise Verordnungen der respektiven Stadtväter sind diese Anstalten gegründet. Die Abschätzer, welche den Preis für die zu versetzenden Gegenstände festsetzen, sind nur bis zur Hälfte der normalen Wertskala geeichte Männer, sind also nur halbanrechnungsfähig: Die Begründer der Versatzämter waren sicher Juden, die eine bewegte Studentenzeit hinter sich hatten.
Jappes ging den Weg, den so viele schon gegangen sind, denn er war Student und hatte nichts Wertvolles zu versetzen, weil er nie große Bedürfnisse hatte. – – –
Im Pfandhaus:
Ein vielfältiger Duft umkitzelt die Nase und weckt die kühnsten Bilder, erinnert an Sachen, die man sonst nicht leicht zu denken wagt. Geruch von Windeln, Kleinkinderstube, Affenhaus, Hunden in der Brunstzeit, schweißstinkigen Wäschestücken, stickigem Qualm – Nase trink dir genug! Ein Archenduft, wo alles um Vater Noah versammelt stank. Jappes hatte eine gute Nase. Er war noch Novize, aber nicht schüchtern. Er tat wie ein Esoteriker, wie ein alter Pfandgast. Verordnungen und Bestimmungen waren an die Wand genagelt:
Außer Kindern unter vierzehn Jahren, Geisteskranken und betrunkenen Personen wird jedermann als Verpfänder zugelassen. Dem Pfandgast steht es frei, sich beim Abschluß des Pfandgeschäftes des eigenen oder eines willkürlich gewählten Namens zu bedienen ... usw.
Jappes überlegte: vierzehn Jahre hatte er, war nicht geisteskrank, nicht betrunken. Er las alle Tafeln durch, hörte Namen rufen, alle mit derselben Betonung, wie Nummern; denn auch vor dem Pfandgesetz sind alle gleich. Alle, die versetzen, sind bedürftig und nur die Bedürftigen beugen sich einem Gesetze.
Durch ein Schalterfenster kam der krähende Diskant eines Buckligen, der mit fiebernder Eile Zahlen hersagte. Er sah aus wie ein Fragezeichen und hatte ein zerknittertes Gesicht. Ein schwammiges Biergesicht daneben verfolgte die schreibenden Finger, die wie Würstchen über eine lange Zahlenliste glitten.
Frauen mit Körben voll von Wäschestücken, Kleidern und Schachteln, kamen und gingen, bettelnd und fluchend, weil ihr Saumann kein Geld herausgab. Eine brachte Bilder und heraldischen Schnickschnack, eine andere eine ziselierte Lampe, eine wertvolle Uhr, eine nackte Bronzefigur. Ein zerschossener Soldat kam mit Regenschirm und Tripperspritze, den Werkzeugen seiner zivilen Praxis. Der Schätzer lehnte ab: „Luxusgebrauchsartikel nehmen wir nicht an, lesen Sie die Verordnung!“
Ein Kind schrie auf und die Mutter schob es an ihre Naturmilchflaschen. Buntes Stilleben! in welchem die Frauen die Staffage sind! Jappes versetzte ein Schachspiel mit Figuren aus Elfenbein geschnitzt und war mit dem Erlös zufrieden. Nach ihm kam ein Mädchen an die Reihe. Sie war nie auf dem Versatzamt gewesen und paßte auch nicht hin. Verschüchtert bat sie um fünfzig Mark für ein Opernglas. Der Schätzer gab dreißig. Sie verzog die Lippen zu einer weinerlichen Grimasse und sagte: „Dann langt es noch nicht.“ Jappes bat: „Fräulein, verzeihen Sie, ich kann Ihnen mit etwas aushelfen.“ Sie zuckte zusammen und erwiderte:
„Glauben Sie, ich schäme mich nicht, hier zu sein, es ist so hart. Die Mutter ist gestorben und ich will einen Kranz aufs Grab kaufen.“ Dann weinte sie und war still. Jappes gab ihr sein Geld, sie bat um seine Adresse und ging.
Auf seinem Pfandschein stand: Doktor Jappes. Der Bucklige musterte ihn scharf: Doktor Jappes? und der Student haßte das Fragezeichen. Draußen schrieb er mit Bleistift an die Wand: Empfindsame Nasen sollen Karbolwatte einstecken! Dann spuckte er hin und sagte: Wozu war ich nun hier?
SECHSTES KAPITEL
Wem Gott eine Begierde gab, dem gab er auch Gelegenheit, sie zu befriedigen.
Nacht! Von den Gaslaternen tropft ein müdes Licht und zerspritzt auf dem Pflaster. Paare flüstern Geheimnisse im Schatten. Andere gehen müde umschlungen, zucken auf im Licht, wenn sie ihre Gesichter sehen. Stehen eine Sekunde still, gebannt vom Gedanken, daß sie im Wonnetaumel eine Sünde taten: die Sünde! Ihre Blicke streifen aneinander vorbei und zag: Wir verlassen uns nicht. Sie wissen, daß sie müde sind und sich doch nicht verlassen können, obwohl sie allein sein wollen. Müde sein und nicht ruhen dürfen ist Qual. Ist Qual nicht der Fluch der Lust, wenn sie die Jugend mordet! Sie gehen in den Abend und ihre Seelen hüllen sich in den Schatten der Nacht. Andere kommen. Ihre Herzen sind trunken von Sehnsucht nach dem Geheimnis. Stehen still, als wollten sie sich noch etwas Wichtiges sagen, wozu ihnen der Mut fehlt. Schweigend küßt er ihr die Stirne und hauchend, oh, du! Lächelnd drückt sie ihm die Hand. Sie gehen und träumen vom Glück, das der Erfüllung harrt. Durch die Straßen geht die Begierde hingebungsvoll, geil, einladend, schüchtern. Verführte Verführung, tierisch-triebhaft. Betrügt das Leben um seine Inhalte und lacht den Hohn der Verworfenheit, gleitet durch die Nacht, reicht die Schale der verdorbenen Frucht und träufelt den Mohn des Vergessens mit lässiger Hand in die Wunden des verlorenen Selbst.
So geht sie und dichtet die Parodie der Liebe.
Das Haus schlief schon, als Jappes in seine Bude stieg, und der Mond lag wachend in der Treppe, gelb wie Safran. Er rasselte geräuschvoll mit den Schlüsseln und warf die Tür ins Schloß. Nach einer Weile:
„Nun liegt sie drunten in der Erde und hat einen Kranz aus Pfandhausblumen.“ Die Trauer wuchs in ihm, als er an das Mädchen dachte.
* * * * *
Draußen ging ein müder Wind. Jappes schrieb auf ein Blatt: Der Tod ist der höchste Gott, weil wir ihm unser letztes Opfer bringen; aber wozu an den Tod denken! Er ist ja doch immer das letzte! Er riß eine Schublade auf und langte ein paar Aepfel hervor: Das ist ein anderes Kraut; die Mutter hat sie selbst eingepackt, ein Borsdorfer, eine Kalville; Herr Doktor Jappes speist schöne Aepfel und denkt nicht mehr an die letzten Dinge. Puh! der dürre Tod. Und lustig: Im Anfang war der Apfel!
Aber eine Träne stahl sich durch die Wimper, als Jappes durchs Zimmer ging und sich zwang, lustig zu sein. Da hörte er ein leises schüchternes Klopfen an der Tür. Im Türspalt erschienen zwei sanft bittende Augen und eine schmiegsame Stimme klang: „Störe ich nicht, Freund, ich bin so einsam, so arm heute ...“
„Mich stört man nie,“ sagte Jappes, „ich gebe Ihnen einen Apfel, dann sind Sie nicht mehr so einsam.“
„Da muß ich lachen,“ sagte die Stimme, „wie ist das komisch! Fast wie im Paradies.“ Er gab ihr den Apfel und sie aß. „Schmeckt sehr schön, danke, wie ulkig! Ich muß immer lachen. Heiße übrigens Reinette. Das ist auch ein Apfelname. Der Apfel ist ein gefährliches Talent. Freund! Ich habe so eine seichte Natur, bin immer ein bißchen verliebt – ja Gott! wie lustig: In Paris habe ich auch so einen Studenten gekannt, ein toller Bursche, er hat mich auf der Straße aufgegabelt, in sein Zimmer hat er mich eingesperrt und ist davon gerannt – – – – willst du den Rest auch hören, ja?“
Jappes nickte: „Nun ja!“
„Eine Viertelstunde war er weg und kam wieder: ‚Reinette, zieh dich aus!‘ Er legte mir ein neues Korsett an. Ich mußte lachen, daß ich mir den Bauch in Falten zog. Wie eine Gipsfigur stand er vor mir und sagte: ‚So, nun hast du eine schöne Figur; ich bin Aesthet und Philosoph, weißt du, Reinette, Menschen, die alles mit dem Verstande tun, selbst das Gute.‘ Es war zum Heulen komisch. Er schmiß mich die Treppe hinunter und rief: ‚Mit der Vernunft kommt man der Liebe nicht bei.‘ Ist das nicht zum, Schieflachen?“ Während sie lachte, schüttelte sie ihre Ponnylocken und dann: „Wohne da nebenan, sehr schön und bequem und üppig.“
Jappes: „Kleine, du bist wie die Pointe zu einem zotigen Witz.“
Reinette: „Das versteh ich nicht recht. Ach so, ja! Mein ganzes Leben ist so ein schwüler Witz,“ – und zärtlich – „hast du mich denn gar nicht lieb? Ich bin doch so manierlich und gefällig.“ Sie lachte durch die Nasenflügel und warf sich auf die Ottomane. Eine glühenddunkle Macht peitschte ihr Wesen und zuckend krampfte sie ein Kissen in den Händen.
Jappes: „Du spreizt dich ja verlangend wie eine Kokotte und wenn ich dich enttäusche und keiner von der Sorte bin, die ...“ Sie unterbrach ihn:
„Von was für einer Sorte?“
Und er: „Wenn ich kein Schrittmacher der Liebe bin.“ Reinette: „Sei nicht gar so sportlich und nenn mich Reinette.“ Verlangend hielt sie ihr Händchen hin und bittend: „Noch einen Apfel!“ Jappes saß auf der Tischkante: „Da fang!“
„Komm, Jappeschen, setz dich her und erzähle mir von deiner Liebe. Komm! Ich hab dich ja so lieb ...“
Jappes lachte ihr ins Gesicht: „Du bist so eine Amorette.“
„Ach ja, Jappeschen, nenn mich Amourette, wie der Baron und schau mich nicht so zynisch an, du willst mich ja doch nur quälen und hernach bist du nett zu mir, genau wie der Baron: Abholen mit Auto und Dressing-gown und Orchidee im Knopfloch, küßt mir die feinen Schweden, zwinkert durchs Monokel, aber zu Hause ist der Teufel los, ich glaube, der Kerl ist eifersüchtig, bin auch eine feine Nummer, die mit Baronen umzugehen weiß, Ach! Komm, Jappeschen, ich erzähle dir: Der Baron sitzt vor mir mit übergeschlagenen Beinen, im persischen Salon, der Kerl ist blödsinnig reich, mustert mich scharf und fragt: ‚Wo warst du die Nacht, Amourette? bist so sanguinisch frisiert!‘ Dabei sieht er so blasiert aus, wenn er den Schwedenpunsch mit dem Halm schlürft – ‚Brauchst mir gar nicht zu antworten, weiß, daß du nicht allein warst, mir nicht treu bist!‘ Wenn ich dann weine, weil ich wirklich allein war, wird er immer so nett und sein Herz schmilzt. Von der Anrichte nimmt er ein Fläschchen Barcarole, bespritzt mich damit und sein bißchen Verstand wird brüchig. Wenn ich weiterschluchze, setzt er sich zu mir auf den Diwan und tätschelt mir die Beinchen: ‚Deine Wade ist so fein modelliert, und du bist so süß, Amourette.‘ Dann bring ich ihn zur Verzweiflung und wimmere: ‚Das sagt mir jeder!‘ Jappeschen, gelt, das ist langweilig, wenn man über die Liebe der anderen sprechen hört.“ – Sie legt ihren Kopf an seine Brust. – „Die Geschichte mit dem Baron artet immer in ein paar angenehme Tätlichkeiten aus, ach! die Männer fallen immer auf uns herein.“
Jappes bewußt: „Ich falle nie herein. Dein Baron ist ein Affe!“
Reinette schmollte: „Ja, stimmt, ich halte mich immer mit Affen auf. Das hat schon ein junger Privatdozent gesagt, ein ganz flaumbärtiger, aber eine Glatze hatte er schon mit dreißig Jahren und mordsgescheit! eine Kapazität oder was Aehnliches, er hat es mir selbst gesagt. Jappeschen, hast du schon so ein kleines Mädchen liebgehabt?“ Sie kicherte.
„Gehabt schon, aber nicht lieb,“ meinte Jappes, „du bist ein interessantes Weibchen, das schon ganze Romane erlebt hat.“
„Ja,“ sagte Reinette, „genau ganze Romane, wo sie sich am Schluß auch immer kriegten. Ich kriege alle Männer herum, überhaupt Weiberröcke bringen die stabilsten Grundsätze aus dem Gleichgewicht. Ein junger Kaplan war einmal so weit, an mir Wohlgefallen zu finden, da läutete es Angelus, er betete und kam auf andere Gedanken. Aber das ist eigentlich nur ein Anfang ...“
„Glaubst du, daß Kapläne anders sind? Es sind doch auch Brüder wie wir. Aus Fleisch und Blut und Begierden und sie beten zu ihrem Gotte der Liebe.“
„Mit Gott halte ich es nicht,“ wehrte sie, „ich bete zum Teufel, der ist zuverlässiger und schlauer und ...“
„Und? ...“ betonte Jappes.
„Puh! Du bist langweilig,“ sagte Reinette, „du hast keinen Takt, mit Damen umzugehen und kein Gemüt und keine Liebe.“
„Kleine,“ flüsterte Jappes, „ich bin nicht gemütskrank.“
Und Reinette: „Sooo! Liebe ist eine Gemütskrankheit. Du bist gefühlsroh und sadistisch und, und ...“
„Ja, und eifersüchtig,“ schrie Jappes, „dein Baron ist ein Lump, sonst würde er dich heiraten. Ich weiß gar nicht, ob ich deine Anmut oder deinen Witz am meisten bewundern soll. Ich bin so verblüfft und voll von neuen Eindrücken.“
Amourette stand starr: „Mache ich einen solchen Eindruck auf dich, Jappeschen? Du bist doch wirklich ein lieber, guter Kerl!“
Jappes nahm ihre Hand: „Armes Schwesterchen, du tust mir leid, ich denke just, was aus dir wird, wenn du so alt bist, sagen wir so alt, bis der Geschmack des Barons nicht mehr mitmacht. Reinette, Barone sind konservativ, aber Weiberchen sind wandelbar und der feinste Puder frißt den Teint.“
„Jappes, liebes Dummerchen, laß mich machen, überhaupt daran denkt man nicht, vorerst gut gelebt! Ich quartiere mich schon bei einem alten Krebs ein.“
„Alte Krebse zwicken und schnappen lieber junge Fliegen. Puh! mir graust, wenn ich bedenke, wie du runzlig und abgeliebt aussiehst. Brrr.“
„Du quälst mich,“ schrie sie und lag zuckend auf der Ottomane; nach einer Weile und schmollend: „dann geh ich in die Isar.“
„Trottel,“ sagte Jappes, „dann sterben die Fische.“
Reinette sprang zur Tür und keifend: „Lump, Betrüger, Komödiant, hast wohl eine andere, gelt, eine jüngere. Zwanzig Jahre ist alt. Erst lockst du mich mit Aepfeln, machst vor mir das süße Männchen, bist eifersüchtig, schimpfst meinen Baron und ekelst mich zum Schluß zur Tür hinaus. Der Baron wird mit dir reden. Jesus! Der Baron ein Affe! Mit Kugeln wird er dich durchsieben. Herr Doktor Jappes, mich verführen Sie nicht! Ich bin ein ehrbares Mädchen.“
Die Tür flog zu.
Jappes ging durchs Zimmer: Isartrottel! Deinen Baron hau ich dir zu Brei. Ein nettes Lärvchen übrigens und nett zum Unterhalten. Aufs Hirn ist sie nicht gefallen. Schade, daß ihre Instinkte so stark entwickelt sind, aber das hat auch was für sich. Eine Liebe ohne Instinkte ist wie Feuer ohne Zugluft. Er nahm zwei Aepfel: Wir werden Frieden schließen. Das arme Schindluderchen weint sich noch tot die Nacht. Und weshalb heißt sie auch Amourette? Ohne zu klopfen öffnete er ihre Tür.
„Bravo, Freund, du bist tapfer, du suchst den Löwen in seiner Höhle auf. Ich wußte, daß du kommst,“ jauchzte Reinette.
Jappes sanft: „Du sagst Löwe, ich sage Katze, lassen wir die Tiere, hier ist ein Apfel, knabbere den und sei meine Amourette.“
Die Luft war duftgeschwängert und jede Sitzgelegenheit war einladend weich. Ein Tisch mit Lichtbildern: „Darf ich vorstellen, meine letzten Freunde. Die vergriffenen liegen dort im Koffer.“ Auf einer Kredenz Schokolade, Sardinen, Keks, Vol au vent und Pralinés und Schrippen. Eine smaragdene Flasche Anisette und zwei Gläser. Auf der Toilette Duftflaschen, Puder und Schminke und diskretes Werkzeug. Ueber dem Bett eine einladende Nymphe vor einem grinsenden Faun und die Aufschrift: „Treu für eine Nacht!“
Jappes fragend: „Und wenn dein Herr Baron das sieht.“
„Hat er mir ja selbst geschenkt, Freundchen,“ und sie hüpfte durchs Zimmer.
Frau Wertheim trat ein: „Herr Doktor, das Zimmer kostet zehn Mark die Nacht, darf ich bitten.“
„Zahle morgen,“ sagte er kurz, „zudem habe ich nur einen Apfel gebracht.“
„Ich lege es aus,“ wehrte Reinette.
Jappes bemerkte: „Das Haus ist solid!“
„Und reell,“ sagte die Dirne.
SIEBENTES KAPITEL
Der Glaube macht selig, aber wer glaubt, wird über die Ohren gehauen.
Bei Wertheims gab es ein großes Essen und Jappes war eingeladen. „Herr Doktor wird heute mit uns speisen, mein Mann wünscht seine Bekanntschaft zu machen,“ hatte die Wirtin ausgerichtet.
Sie saßen zu dritt bei Tisch.
Herr Wertheim, ein ramponierter Ehegatte. Ein müdgraues breites Gesicht. Um den Mund spielte eine zuckende Ironie und sprang von den Lippen über die vorstehenden Backenknochen auf die Stirnrunzeln. Ein quecksilbrig-bewegliches Köpfchen mit wallendem Prophetenhaar. Er trug einen grünen Kaftan, wie ihn die Emire tragen, um ihre Verwandtschaft mit Mohammed anzudeuten. Herr Wertheim war weder Jude noch Türke trotz Kaftan und Name und Fes. Er war ein sehr gesprächiges Männchen, das trotzdem den Redefreiheitsparagraphen bei seiner besseren Hälfte nicht zu erzwingen imstande war und viele Gedanken verkümmerten in seinem regen Geiste, weil er nie Gelegenheit hatte, sie auszusprechen. Mit gönnerhafter Gebärde stellte er sich vor und lud zu Tische ein: „Wir werden zusammen tafeln,“ sagte er feierlich, „und ein wenig plaudern; ich habe mich bereits ans Leben gewöhnt und auch ans Erleben. Der Herr Studiosus wird eine interessante Unterhaltung gewiß nicht ausschlagen.“
Jappes: „Im Gegenteil, ich habe eine Schwäche für Belehrungen und Herr Wertheim ist ein interessanter Kopf, der gewiß was Interessantes zu erzählen weiß.“