Part 10
Die Wahrheit Salomons stammt aus dem Harem, seine Moral ist eine sündige Frucht in heiliger Packung.
Sind wir Männer nicht alle Bösewichte, die junge Mädchen verführen wollen, und sehen wir nicht immer mit der größten Empörung, wenn ein anderer dasselbe getan hat. Oh! wir geilen Bocksgesichter mit der Maske des moralischen Anstandes können vor dem ewigen Richter nicht bestehen, am Jüngsten Tage, wenn das Tal Josaphat von verführten Freundinnen wimmelt. Trauern wir in Sack und Asche, ehe die Tage da kommen, von denen der Prophet lamentiert: Ihr Berge fallet über uns und ihr Hügel bedecket uns! Wer wollte beim großen Gerichte an die Brust schlagend bekennen: Das Blut derer, die wir verführt haben, komme über uns selbst. Wir lüsternen Feiglinge mit dem grinsenden Faunskopf haben der Frau in ihrer aufopfernden Gläubigkeit die Fabel von der Schlange erzählt, um sie kirre zu machen für unsere armseligen Hundebegierden. Wir taumeltrunkenen Silene, Ritter vom Phallus, haben die groteske Gebärde der Zeugung erfunden, weil unsere Begierde sich nicht genug an uns fressen konnte.
Erdenwurm! du pflanzest deine Art fort in brünstiger Betäubung und auf dem Todbett quält dich noch der Kitzel des Fleisches. Der Tag ist schon nahe, an welchem alles in erotischem Wirbel ertanzt und Eros schwingt seine Fackel um die gleißenden Fliegen des Alltags. Wir malen das Fleisch mit raffinierter Exaktheit, unsere Musik erschauert vom Zucken verhaltener Begierde. Schreit nicht alles: Komm, nimm mich, Leben! Tanzen wir nicht die Begierde mit lässigem Schnörkel, sind unsre Tänze nicht Symbole der Unzucht? Wie soll uns Erlösung werden aus dem Pfuhle der Sünde! Christus kann sein consummatum est nicht mehr von Golgatha rufen, Christus der Langverheißene, der bewußt in den Tod ging. Ein göttlicher Selbstmörder, der sich im Freitod von aller Begierde lossagte, aller Liebe entschwor, das Leben von sich warf, als Jugendsaft ihm seine Lenden schwellte.
In Pepy wuchsen die Begierden der Jugend, erst weiche Pfötchen und zahnlose Mäuler, dann spitzige Krallen und verschlingende Schlünde. Jappes lehrte Pepy, die Tiere bändigen: „Durch Hunger macht man sie zahm.“ Und Pepy hungerte nach Liebe. Alle die freundlichen Freunde umlungerten Pepy: Die Musik und die Männer, die Tänze und ihr eigen Geschlecht. Der fatale Geist ihrer dunklen Seele flüsterte: der Weg zur Erlösung geht über die Trümmer des Verderbens!
Pepy wollte rasch zur Erlösung kommen und die Verführung lauerte, sie ins Verderben zu jagen.
DREISSIGSTES KAPITEL
Wer früh über seine Jugend urteilt, tut seinem Alter leicht Abbruch.
Arco Calvandi hatte drei Viertel seines Vermögens in Monte Carlo beim Roulette verspielt. Zur Erholung von seiner entnervenden Anstrengung war er nach Chamounix gefahren und von dort schrieb er einen Brief an Armida:
Hochgnädige Teuerste, mein Vermögen ist bis auf ein Viertel den Lauf alles Rollenden gegangen. Ueberzeugt, daß meine Kinder eine würdige Nachkommenschaft sein werden, habe ich mich entschlossen, zu heiraten und meine Rolle als Vater sehr ernst zu nehmen. In den Alpen ruhe ich mich aus von den zukünftigen Strapazen. Einen Onkel, der auf dem Mars gestorben ist, gilt es zu beerben. Ich verstehe es, zu erben. Die Zuzugsbedingungen zum Mars sind sehr erschwert. Vorläufig bewerbe ich mich um den Prix Montyon, denn tugendhaft können meine Vorsätze alle genannt werden. Meine Kinder, oh, ich küsse die lieben Dingerchen in zärtlicher Vaterumarmung, werde ich davor warnen, Glückspiele zu üben. Quarante-et-un und Poker und Pharao und Roulette und Bakkarat sei die verfemte Fünf, die nicht in ihr heilig-junges Leben spielen darf. Das sind die fünf Laster der Reichen, werde ich ihnen sagen und heute bete ich: Gott schütze meine Kinder vor Reichtum.
Hochallergnädigste Fraue!
Mein Leben ist ein Zickzack mit zwei Pfeilen. Darf ich zu Ihnen eilen, den Balsam Ihrer Nähe zu trinken und mich an der Gleichgültigkeit erbauen, mit welcher Sie meine Anwesenheit dulden. Darf ich zu Ihnen kommen? Ich habe Ihnen so vieles zu verschweigen. Ich hoffe, Gnade bei Ihnen zu finden, weil ich überzeugt bin, daß Sie ohne mich kaum unglücklich werden könnten. – Sonst erschieße ich mich über sieben Tage ab heute courant um 4.45 nachmittags in meinem Schlangenkabinett, auf daß niemand mehr sage, kein Mensch weiß, wann und wo er stirbt.
Ihr alleruntertänigster hochfraulichen Wünschen lauschender
Arco Calvandi.
P. S. Meine Wahl habe ich getroffen, die Braut sollen Sie sein.
Es gibt Fakultäten, für welche gewöhnliche Professoren zu klug sind.
Arco Calvandi war Doktor der sportlichen Fakultät und beehrte die Vie Sportive mit gelehrten Artikeln über den Hürdenlauf. War Amateurreporter der meisten sportlichen Veranstaltungen, setzte Preise aus in Auteuil, Chantilly und Vincennes. Konkurrierte in Longchamps und in den Maisons-Laffitte. Geschah etwas Verrücktes bei einem Rennen, so murmelte man unwillkürlich den Namen Calvandi. War gewissenhaft wie ein Beichtkind, verließ beim Sechs-Tage-Rennen das Velodrom keine Sekunde, um alle Wechsel zu notieren. Ließ sich, während er schlief, von seinem Diener vertreten, der bei Gott nicht wußte, weshalb die Rennfahrer stundenlang Ellipsen fuhren.
Der Diener händigte Arco Calvandi den Notizblock unbeschrieben aus: „Sie haben immer gewechselt, die Rennfahrer, und jetzt fährt nicht einer mehr von den alten. Ich schrieb nichts, weil ich nicht wußte, wie schnell auch die andern verschwinden würden.“ Arco Calvandi gab ihm ein Trinkgeld so hoch, daß selbst der Diener sich schämte, es zu nehmen. Er liebte es, die Dummheit zu bezahlen. Bei Ehre, er gab oft Trinkgelder, weil er viel mit Menschen zusammen war.
Innenleben hatte Calvandi nicht, seine ganze Seele war mit erlebten Tatsachen gepolstert. Zum Nachdenken hatte er keine Zeit, für die Zukunft hatte er keine Berechnung. Er lebte dem Augenblick in maßloser Verschwendung. Reiche Naturen sind verschwenderisch nach außen und nach innen, leben das Leben der anderen und sind immer der Mittelpunkt, um den sich ihre Umgebung dreht. Wenn ein Augenblicksmensch mit seiner spontanen Handlungsentschlossenheit von der berechnenden Vernunft überrumpelt wird, setzt es immer eine Katastrophe. Er war eine von den seltenen Ausnahmen, die, wenn die Liebe über sie kommt, vernünftig werden, weil die meisten Menschen, so die Liebe sie durchglüht, reif für den Affenstein sind – und Arco Calvandi war unter normalen Verhältnissen verrückt. Sein Benehmen war verrückt, obwohl seine Neigung zu Armida sehr vernünftig war. Kaum hatte er den Brief abgesandt, als er zur Post eilte und ein dringendes Telegramm aufgab: „Armida, laß dir zwei Millionen und mich antrauen. Es wird mein Glück sein.“
Herr Arco war ein fünfundzwanzigjähriger Junggeselle, der mit dem Leben abgerechnet hatte und darüber nachzudenken pflegte, wie er sich bei einer zukünftigen Krankheit verhalten würde. Wenn er sich von seinem Mittagsschläfchen erholt hatte, ließ er den Tee an den Diwan bringen und seufzte: Armida.
Es ist schwer, die Psyche eines Junggesellen zu ergründen und sich in den abgrundtiefen Schächten ihrer Junggesellenwelt zurechtzufinden, im Gewimmel grinsender Schrullen und hüpfender Steckenpferde. Junggesellen pflegen, wie der allmächtige göttliche Hagestolz, ihren eigenen Werken die größte Bewunderung zu zollen, pflegen ihre Lieblinge mit der Gunst ihrer Freigebigkeit zu beehren und den infamsten Groll über ihre Widersacher zu entladen. Sie treiben ihre Liebe bis zur Entselbstung und kommen dadurch meistens wieder zur Originalität zurück, die sie durch den Mottenfraß ihrer Zurückgezogenheit in sich selbst eingebüßt haben.
Herr Arco Calvandi hatte seine Steckenpferde alle zu Tode geritten, und was blieb ihm noch übrig, als seine aktiven Kräfte in der Narkose der Ehe einzuschläfern?
EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Wäre die Kunst Gemeingut, man könnte den Sinai abtragen.
„Sie haben den reinsten Kunstsalon,“ sagte Pepy zu Professor Günther, „das muß ich mir mal alles ansehen.“
„Oh, bitte, bitte,“ dienerte Herr Günther, „gnädiges Fräulein soll sich ungeniert umsehen. Originalkopien und Originaldrucke!“ – „und wunderbare Rahmen in passender Ausführung,“ ergänzte Pepy. Der Geschmack des Professors fühlte sich angenehm gekitzelt. In der Sammlung gab es nur feinste Kultur und höchste Rasse: Aus der oberdeutschen Schule die leckere Frau Venus mit dem putzigen Cupidobuben von Cranach dem Jüngeren. Von seinem künstlerischen Namensvetter, Lukas dem Alten, der Untergang Pharaos. Zwei Originalkopien der holländischen Schule: eine kranke Ziege von Du Jardin und ein seltsam juckendes Bild von Dou, eine greise Mutter, welche junge Läusebrut auf einem Bubenkopf zerstört.
Pepy dachte, das ist höchste Rasse, würde Jappes sagen, weil sie obenauf krabbeln.
Der Professor deutete ihr Lächeln auf das komische Motiv. Der Barberinische Faun, in einer feuchten Nische von lebendem Efeu umrankt, grinste sein übermütiges Satyrlachen im Schlaf. An der Wand die seltsame, rätselumlauerte Medusa Rondanini, und des großen griechischen Meisters Boethos Gans mit den ringenden Knaben. Der Kopf des phantastisch-phantasierenden Homeros, mit einem Auge die olympischen Ueberfreuden schauend, mit dem anderen das Tosen der Feldschlacht verfolgend. Demosthenes, der klassischste Kopf Athens, der Kieselstein-lutschende Bürger der Polis. Die große Allegorie mit den Triumphen Petrarcas, aus der Schule von Andrea Mantegna: Ruhm und Zeit, Ewigkeit, Keuschheit und Tod. Murillos Betteljungen, Trauben und Melonen verspeisend.
Ein paar Gelegenheitsbilder, teils Geschenke, teils zufällige Ankäufe – modern chaotische Farbenagglomerationen, sprühend witzige Farbensynthesen, kraß grollendes Geschehen, hysterisch zusammengeschweißte Koloraturen, taumelnde Bewegung, pointilliertes Gestoppel auf schreiender Leinwand, drängend stoßendes Genie, im Ruck des Zufalls Unverdauliches prostituierend, visionäre Gestalten, apokalyptische Gebilde, hingerülpst, Unflat hingespuckt – da! – Linienwelle, Punkt, strebende Fläche, Strich, Klecks, ein Name: Dada im Bilde. Irrende Pinsel, und lachendes Niesen. Ein Stolpern der Farbe, geile Fetzen im Traume der Lues, Krüppelwesen in verquetschten Formen, krötige Brunst im Schlamme der Zeit, kreiselnder Drang und flatternde Lappen.
Klassik: Meine Eisstücke kühlen dein siedendes Hirn.
Moderne Kunst: Meine fliessenden Wasser treiben deine Mühlen.
„Die Modernen machen sich das Handwerk leicht,“ begann Professor Günther die Unterhaltung, „sie schöpfen nicht, sie erschöpfen sich, aber sie scheinen ihre Kunst wirklich ernst zu nehmen.“ Pepy zog ihre Augen von einer kolorierten Zeichnung von Paul Klee und zu Herrn Günther gewandt: „Ist es nicht das erhabenste Opfer, sich im Dienste der Kunst zu erschöpfen? Unsere Künstler leben im raschen Wirbel der Zeit und dürfen nichts Ausgeglichenes schaffen. Sie müssen die Fetzen der Eindrücke gobelinartig zusammensetzen, um nicht fremd zu erscheinen. Sie wollen los von der Natur, von der Materie, sie wollen los von der klassischen Form, von der geraden Gebärde. Die Antike ist überwunden. Der beschleunigte Schritt der Zeit erlaubt nicht genau hinzusehen, sie wollen Seelen malen und wandelbare Eindrücke. Die Körper sind alle gezeichnet und das war nur ein Vorstudium für die Kunst der Gegenwart. Die Kunst hat nie eine Vergangenheit, die lebendige Kunst. Ein Moderner kann sich nicht an die Antike anlehnen, nicht an die Renaissance, nicht an das Barock. Gesetzt, die moderne Kunst sei eine Krankheit, auch eine Krankheit muß man ernst nehmen. Ein Künstler muß Lebendiges schaffen und das Vergangene ist tot.“
Professor Günther: „Die Pflanze und das Tier bauen ihre Gewebe aus dem Verfall ihrer Ahnen. Es ist die ewige Kette des Geschehens, in welchem jedes Lebende nur ein auslösbares und ein einschaltbares Glied bedeutet.“
Pepy: „Die Zeichentechnik ist das formhaft Kompakte, was der Moderne braucht, aber sein Erlebnis ist die vitale Substanz. Das Erlebnis kann so verschieden gedeutet werden, um den Ausgleich zwischen Außen- und Innenwelt herzustellen. Wir sind alle etwas Künstler geworden und unser Schaffen ist das Ringen unserer Seele, uns nach außen zu erleben. Unsere Kunst ist das romantisch-ironische Spiel, unser Selbst vor uns zu behaupten. Die Alten hatten das Monopol in ihrem künstlerischen Schaffen, sie waren die Träger der Idee, des Absoluten. Die wenigen Olympier hatten die Möglichkeit, ihre Träume nach eigenen festen Gesetzen zu gestalten, es gab nur Mensch und Tier und Pflanze und Träume. Ihr Betätigungsfeld war begrenzt. Sie schufen ihre Werke, um sich über die Nöte der Zeit hinwegzuhelfen. Sie schufen ihre Werke, um ihrem Ideal näher zu rücken. Aber sie schufen kein Leben, sie schufen Natur durch getreue Kopie des Gegebenen. Die Deutung ihrer Werke hat ihrem Schaffen den Inhalt gegeben.“
Professor Günther: „Ueber Ansichten kann man nicht streiten. Die künstlerische Objektivität hat den sittlichen Relativismus geschaffen, aus welchem die Gesetze unserer sozialen Entwicklungsrichtung geflossen sind. Die Idee mußte in einer Form auskristallisiert werden und die alten Meister vollführten die Sublimation in der Retorte ihres Geistes. Das wortgewordene Prinzip hat die Richtlinien für unsere ethische Entwicklung gezogen.“
„Die Modernen verleugnen die Antike nicht. Sie erkennen sie stillschweigend an. Sie schaffen auf einem neuen Boden. Das neue Prinzip in der Kunst ist die Anklage der Zeit, der Schrei der fiebernden Zeit, das Sichhineinbohren in den Charakter der kino-dramatischen Zeit; deshalb werden die Thesen der Kunstgelehrten zu schwindsüchtigen Dogmen. Die Kunstideologie der führenden Männer fußt in der Tiefe des Irrtums des individual Geschauten, und weil sie jedes Paktieren mit dem Geschmack der Masse ablehnt, muß sie abseits und fremd dastehen wie jede Utopie. Von ein paar Anhängern geglaubt, von ein paar Eingeweihten zum Popanz erhoben, sind die Kunstideen in klassischer Fassung unverdaulich für die praktische Sucht der Allgemeinheit. Der starre Dogmenglaube hat in der Philosophie den Skeptizismus geschaffen; so weckt auch die bedingungslose Unterwürfigkeit der kompromißlosen Klassik die Skepsis gegen das stereotyp-traditionelle Artistentum, gegen die Regel, die Schablone, gegen die Prinzipien.
Kunst ist ein Lavieren zwischen Geist und Materie. Kunst entsteht in der Siedeglut der keimenden Jahre, und unsere Zeit ist zerfetzt. Ein ewiges Fließen und Wirbeln in zügellosem Rasen der Zeit. Wir sind alle mehr Künstler denn je, die Bewegung, die Fläche und die Linie stehen in einem anderen Verhältnis zwischen Anschauung und Wirklichkeit. Der Idee kommt man näher durch Schaffen illusorischer Typen als durch die Methode des naturgetreuen Konterfeis. Wie könnten die Klassiker unsere dröhnende Zeit malen! ... Wie gelänge es den größten, die stampfende Eile zu bannen ... Wie würde Goethe die bebende Hast der keuchenden Industrieapparate besingen ...? Die Alten verstehen die klassische Gebärde, aber nicht die wogende Bewegung der Seele. Die Antiken zeichnen ingenieurmäßig die verdauliche Behäbigkeit der hämmernden Mittelpunkte, aber die Bewegung fehlt, die weltflüchtige kämpfende Gier.
Das Bestreben der Modernsten ist das Loslösen der Bewegung von der Form, und die Kritik will ihnen das Suchen verbieten. Die Kleinen sind die Vorläufer, die Verheißer der neuen Epoche, unwürdig im Vergleich zu dem, der da kommen wird, die Seele der pulsierenden Kräfte zu fassen. Die vielen suchenden Künstler im drängenden Sturm sind die Steine zum Aufbau der mächtigen Pyramide, auf deren Spitze der Große erscheint, um den Anachoreten der Wüste zu predigen ...“
Pepy war erschöpft von der langen Tirade, und Professor Günther stand bewundernd vor der jungen Kampfnatur, die ihm ihr unausgeglichenes Wesen zur Schau stellte. Er staunte den Willen des Mädchens an, weil sie die Tradition verleugnete und sich eine neue Welt zu schaffen gesonnen war. Ihre wirren, brandroten Locken über der pochenden Schläfe reizten ihn, und ihre junge lebende Fülle lockte wie die zittrige Glut ihrer Ausführungen. Ihre Begeisterung hatte ihn einen Augenblick gebannt, dann kam es ihm wieder ins Bewußtsein, daß er dieses junge Mädchen nicht zu sich geladen hatte, um Kunstprobleme mit ihr zu erörtern ...
ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Christus hat uns sein Reich gepredigt, aber er hat uns keinen Fingerzeig gegeben, wie wir es erkennen können, deshalb ist unser Irrtum Unwissenheit und schuldlos.
Bei Kommerzienrat Winterstein drängten sich die Gäste. Die Zeit webte den Abend am westlichen Himmel. Lässige Paare schlenderten raschelnd durch das Laub der Parkwege der Villa in Tempelhof. Leicht erregte Gestalten, in animierter Stimmung, im Gespräche, von Tee und Wein und Kaffee, von Zigarren- und Zigaretten-Wirkung diktiert. Leicht fröstelnde Damen mit übergeworfenem Shawl, gütig gelangweilt der Unterhaltung lauschend. Die Kavaliere interessiert erzählend. Ein wohliger Rhythmus schwebte durch die Abendschatten, und taumelnd sanken dürre Blätter nieder. Ueber den spärlich nackten Baumgipfeln grinste der Mond, gelb wie eine Kunsthonigscheibe, auf die gesellschaftlichen Feinschmecker. Der Abend streute herbstlich herbe Gerüche in die steigenden Nebel.
Frau Kommerzienrat in ihrer leichtgerafften Robe redete ihrem Gemahl eindringlich zu, und neben seiner geschwollenen Fleischigkeit sah sie aus wie die geschmackvolle Garnitur einer appetitlichen Platte. Armida und Jappes sprachen über Calvandis Brief. Herr Arco Calvandi wurde für den Abend erwartet, auch Doktor Seraph war geladen.
Das Kicksen der Billardbälle sprang aus einem offenen Fenster in den Park: „Die Leute drinnen arbeiten tüchtig am Billard,“ begann Jappes, eine Zigarette inhalierend, „arbeitsames Volk, muß immer den Bizeps betätigen und Gehirngymnastik machen im Zusammenzählen der Pointen ...“ Armida im eleganten Ballkleid mit übergeworfener Mantille ging nachdenklich und achtete nicht auf das, was Jappes sagte. Ihre Gedanken weilten in der Welt ihrer Träume, Bekannten lachte sie ein automatisches Lächeln im Vorübergehen, oder sandte einen zeremoniellen Gruß hinüber. Jappes trat Kastanien entzwei, welche am Boden lagen und schnalzte zu dem knirschenden Platzen der aufspringenden Stachelschalen. Stieß hie und da einen unzufriedenen, einsilbigen Ruf aus: „Pf! ... Blöd! ... Puh! ... Hm ... Uuuh! ...“
„Du illustrierst deine Langweile,“ spöttelte Armida, „du hast nur ein Ohr für Lächerlichkeiten, auch deine Art, dich zu benehmen, treibt manchem die Galle auf. Meide die Gesellschaft, wenn sie dich ärgert. Auch in deiner Welt ist nichts wahr. Nichts ist originell, alles ist Gegenteil, Geist oder Widerspruch, Täuschung und Betrug an dir selbst. Dein Leben ist Ichsucht und Verleugnung der bestehenden Ordnung ohne Ersatz für dich. Deine mitleidlose Sittlichkeit ist für deine eigene Bequemlichkeit zugeschnitten, und der ätzende Humor mit der hingeluderten Ausdrucksform ist kein Beweis von Geist. Jappes, du bist mein größter Irrtum!“
„Mäßige deinen göttlichen Eifer,“ begegnete ihr Jappes ironisch, „der Narr ist mir noch nicht geschnitten, solange ich warm bin, hast du noch Aussicht, daß ich mich bessere. Bei allen neunundneunzig Namen Gottes! ja, ich bin ein großer Lump und will kein Hehl daraus machen. Sei dreimal verflucht, du Weib, weil ich dir folge, keinen Anteil an dir habe und doch nicht von dir loskomme. Wie willst du, daß ich dich liebe, wie in einem Roman, wie in einer Novelle, wie in einer Zote?“
Armida drehte sich mit einem unwilligen Ruck jäh um. „Flegel!“
Jappes pflanzte sich breit vor sie hin: „Freundin,“ sagte er demütig, „deine Nerven sind heute nicht für die Maximalbelastung berechnet. Wenn ich ungenießbar bin, so will ich mich erziehen. Gewiß, um Schönheit zu genießen, darf man mit keinem Mann vertraut werden. Ich bin noch nicht klug, nur kühn bin ich, und das ist keine Tugend. Der Mann ist ein gefährliches Prinzip. Ich bin durch eine Ironie der Natur geschaffen. Die Taten sehe ich nicht, ich sehe nur Zwecke und die Beweggründe der Menschen, und deshalb bin ich so geworden. Du wolltest mich für deine Bedürfnisse ausschlachten, und deine Vorwürfe gegen mich sind nichts als Erkenntnisse deines Irrtums. Wo ist deine große Toleranz, die manchmal dein Wesen bestimmt, alle Menschen zu entschuldigen? Mein Herz kriegt schier eine Gänsehaut, wenn ich die abgeschöpften Moralpauken aus deinem Munde höre ...“
Armida ließ Jappes stehen und eilte durch den Park der Villa zu. Jappes stand eine Weile still und paffte die blauen Kringel einer Zigarette in den Abend. Dachte nach über den plötzlichen Umschwung bei Armida und ging mit sich zu Gericht. Er richtete eine sich selbst verspöttelnde Anklage gegen den Bummler Jappes: Weshalb soll ich mich mit der trüben Neigung herumbalgen und zahm werden! Mensch, du bist ein lachender Fetzen im Wirbel deiner Gewohnheiten. Weshalb soll ich mich in die allzu engen Grenzen des Lebens zwängen? Ich tummle mich jenseits der Barriere, mache Kapriolen wie ein tolles Zicklein und ergötze mich am Feiglingsgewimmel, das nach Genüssen lechzt, sie aber nicht befriedigen kann, weil es sich müde an seinen Prinzipien und Moralparagraphen schleppt, unfähig, die huschenden Freuden zu haschen. ... Der Wert des Lebens steckt im Sittlichen? dann hat mein Leben keinen Wert. Abseits vom Leben geht ein dunkler Pfad, der Pfad der Isolierten, den soll ich gehen und mich zur korrekten Sittlichkeit erniedrigen? Was ist Sittlichkeit? Pilatusfrage! – Zum Schlagwort erniedrigte Lebensnorm, Thema einer kapitelweisen Abhandlung eines Lehrbuches der Ethik, Tummelplatz der Relativisten. Oh! die Sittlichkeit ist erhaben in den Lehrbüchern, in den Erziehungsanstalten, auf den Kanzeln, in der Gesellschaft. Sittlichkeit ist das Mutabor der Erziehungskalifen – sich damit zur Welt des Scheins zurückzulügen. Was ist Sittlichkeit? frage ich in den Zuchthäusern und Bordellen, was ist Sittlichkeit? frage ich in den Klöstern, in den Tiergärten und was ist Sittlichkeit? frage ich die kriechenden Legionen der Unterdrückten auf dem Wege nach Paria. Alle antworten mir im Chor: Knute und Knebel und Maske! Wiederum frage ich: Wer hat euch eure Sittlichkeit gelehrt? Im Chore fallen sie ein: – Unsere Sittlichkeit ist die Lüge, die vom Willen, sich im Leben behaupten zu müssen, vernichtet wurde. Unser ganzes Sein war Lüge, unser Glaube, unsere Hoffnung und unsere Liebe war Lüge, die Lüge an uns! Der Storch bringt die Kinder, der Weihnachtsmann die Geschenke, der Wauwau ist das böse Prinzip. Die junge Seele wird reif für die Lüge gemacht. Haben die materiellen Geister mit ihrer Freigebigkeit keine Zugkraft mehr, dann kommen die geistigen Kobolde und Wichtelmännchen, Engel und Teufel, Vergeltung und Sühne ... Der Löwe legt seine Pranken an das Gitter des Zwingers, die sittliche Barriere, die Freude und Freiheit umklammert, und brüllt in die Nacht U-u-u-a-h! ... Der tierische Schrei nach Freiheit, nach sittlicher Gerechtigkeit, nach der bestmöglichen erschaffenen der Welten. Der Appell des Instinktes an die Vernunft, die im Zwang der Erniedrigung in wollüstiger Selbstanbetung ihre Macht bewundert. Elend Gekreuch, den Ekel meiner Verworfenheit spucke ich dir in die lachende Fresse!
Eifersüchtige sind tragische Figuren, die eine komische Rolle spielen.