Fetzen

Part 11

Chapter 113,510 wordsPublic domain

Der Abend schwieg im lauernden Dunkel und in Jappes kochte die Wut der Empörung. Er stieß einen gellenden Pfiff in die Nacht, riß ein paar Immortellen von einem Beete: „Narr sei klug!“ warf er hervor und lief dem Lichte entgegen.

„Soll ich dich lieber mit meiner Abwesenheit beehren?“ fragte Jappes und reichte Armida die Immortellen. „Die Unterwürfigkeit ist die legitime Tochter der Erziehung, ich will die Tochter adoptieren und pflegen.“

„Bleib,“ sagte Armida, und dankend nahm sie die Blumen, „ich bedauere, daß du so bist, und wünsche doch, daß du so bleibst. Unterhalte dich gut und referiere mir über den Abend. Herr Calvandi kommt erst um elf Uhr an. Am Potsdamer Bahnhof. Such mich morgen auf.“ Reichte Jappes eine Karte, hielt ihm die Hand zum Kuß hin und verließ den Saal. Jappes dachte an Pepy und die Sehnsucht krampfte sein Herz zusammen. Mit verstörter Miene schritt er durch den Saal und trat an ein Tischchen, wo Erfrischungen für die Gäste bereit standen. Begrüßte ein paar Bekannte, wechselte gleichgültige Worte mit ihnen und suchte den Dämon zu töten, der in seiner Seele wühlte, seit Armida den Namen Calvandi gesprochen.

Fräulein Flavia Winterstein konzentrierte ihre ganze Aufmerksamkeit auf Jappes. Sie war ein wundervollbusiges Mädchen, entzückend und weich wie die geträumte Begierde. Voll kecker Grazie und übersprudelnder Tollheit, wie ein taumelnder Schmetterling, der auf die leuchtende Blüte flattert. Sie liebte den bittersüßen Honig, den Jappes barg. Sie war geschaffen, die verwirrten Sinne des Gastes zu ordnen. Er stand mit unheiliger Braue wie ein grollender Gott: „Nanu,“ lächelte Flavia, „allein auf dem Ball? Einen Tanz habe ich für Sie reserviert. Sind Sie schon für den ganzen Abend vergeben?“

„Der Teufel tanzt heute mit mir den höllischen Reigen und die Geister der trüben Gedanken spielen dazu. Verflucht und zugenäht! Ich bin in einer verrückten Stimmung. Heute tanze ich nicht, kommen Sie später, wir verplaudern die Pause bei einem Gläschen Chartreuse.“

„Ich werde kommen,“ sagte sie entschwebend, und im Gehen ließ sie ihr schönes Lächeln zu ihm spielen: Cakewalk und Czardas, Pas-de-deux und Walzer, Foxtrott und Steps wechselten in rhythmischer Folge. Française artete aus in Cancan. Jappes entdeckte die lüsternen Blicke, verfolgte die lohende Brunst, die nach einer Umarmung geilte, kippte Glas um Glas, und die Sehnsucht folterte ihn. Er wünschte mit Pepy zu tanzen, wünschte sich an ihrem lodernden Jubel zu berauschen, wenn sie mit fliegenden Locken und erhitztem Fleisch dem Tanz ihre Hingebung weihte. Dachte an Armida, und eine Blutwelle schoß ihm jäh in die Schläfe. Verließ den Saal und trat in die Stille. Lehnte sich an einen Baum und lauschte dem Huschen der Schatten, horchte dem Schritt der Einsamkeit, die lautlos durch die Nacht ging und seine Seele mit weichen Händen berührte. Die jagende Hast der vergangenen Tage flog vorüber, seine Zeit, seine nutzlos verbrachte Zeit. Er hörte eine Stimme flüstern: Jappes, du bist noch nicht weit, du hast erst das Bewußtsein zum Tier. Du kennst erst den Schein und verfolgst das Trugbild, den Wahn. Kehre um, der Inhalt des Lebens liegt hinter dir! – Seltsame Kämpfe, die dich zur Qual der Erkenntnis führen! Du hast den Weg zum Leben verloren. Deine Träume sind schleichende Einsamkeit und deine Freude ist Qual. Trug ist dein Wesen und Sorge. Schleune den Schritt und lasse den Wahn des irrenden Dunkels. Dein Weg geht nach rückwärts zur dämmernden Sphinx.

Jappes stand mit geschlossenen Augen: Irgendeine Landschaft sah er in drehender Bewegung, die zum Wirbel wuchs, fühlte sich emporgehoben, von der Erde gelöst, schwebend, drehend, machtlos. Fühlte, daß er einer Ohnmacht nahe war, einem Wahnsinnsanfall, daß der Taumel ihn ergriff, daß er ein Spielzeug war und die Macht über sich verlor ... Teilte die Augenlider und tastete sich an den dunklen Umrissen der Gegenstände zur Wirklichkeit zurück. Sagte die Namen des Geschauten ... ein Baum, der Weg, ein Beet, orientierte sich in der Umgebung, hob die Blicke hinüber zu den Walzertakten, die von der Villa kamen, sah die tanzenden Schatten an den verhangenen Fenstern – gab sich einen Ruck mit der Schulter, schritt über den knirschenden Rieselkies und dachte an das verwirrende Spiel der Dämonen.

Die Pause war längst vorüber. Fräulein Winterstein hatte sich am Serviertisch beim Diener nach Jappes erkundigt. Der Diener kniff ein Auge zu und sagte mit vertraulicher Geste: „Der Herr hat eine Halbe Kognak binnen,“ und er wies auf die Flasche, „er ist benebelt und paßt in die Nacht.“

Doktor Seraph hatte sich entschuldigen lassen. Frau Kommerzienrat brachte der Tochter die Nachricht: „Der Totenkopf kommt wieder nicht. Er muß eine Leiche massieren.“

DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Diskretes sucht man immer so schnell als möglich zu erleben ... Wozu wäre die Heuchelei da, wenn es nichts gäbe, was man nur durch sie erlangen kann.

Pepy machte Toilette mit der Umständlichkeit, wie sie jungen Damen eigen ist, wenn sie einen Besuch machen, wo sie ihre Eigenliebe zur Schau stellen wollen. Merkwürdig für das eigenliebige Geschlecht, daß es die Umständlichkeit beim Toilettieren zur zweiten Natur gestempelt, wenn nicht gar zur ersten erhoben hat. Damen fühlen den Kitzel wohliger Wollust am stärksten in ihren Boudoirs, wenn sie mit dem Bewußtsein ihrer Reize allein sind und an all die begierlichen Schmeicheleien und lüsternen Lockungen der Männerlippen denken. Wir sündigen am stärksten in den Begierden. Die Tat, der große erotische Akt ist für uns nur bewußtloses Geschehen. Die Sünde ist der Schrei nach Dämpfung der tätigen Empfindung. Die Erinnerung an die Freude bewegt die Seele nur schwach, aber die Begierde danach wühlt sie auf zum chaotischen Wirbel. Das Wesen des Glückes ist Begierde nach Freude.

Pepy packte eine Ordnungsmappe, gefüllt mit sauber geschnittenen und sorgsam geklebten Scherenschnitten; gute Abdrücke von Holzschnitten, Tapetenmuster, mit Tusche kolorierte Zeichnungen. Ihr Freund Günther hatte sie mitsamt ihren Arbeiten zu sich geladen. Eine Auslese wollte er treffen und ihr eine Empfehlung an einen Freund schreiben, welcher sich um die Arbeiten Pepys bemühen sollte, um sie in den Ausstellungen bekannt zu machen.

Pepys Traum war es, in die Oeffentlichkeit zu treten und aller Welt ihr Talent vor Augen zu führen.

Professor Günther war selbst Amateurmaler und hatte eine bürgerlich-mittelmäßige Pinselführung erarbeitet, kannte die alten und neuen Meister, und war: bereit, selbst zu den Neuesten bejahend zu nicken, sobald es ihm möglich war, die Farbentumulte im Ausdruck eines Vorstellbaren zu deuten.

Wir können nicht vermeiden, bei speziellen Anlässen über Allgemeines zu reden.

„Das Atelier habe ich beibehalten, als mein Sohn seine Praxis in Baden-Baden übernahm,“ plauderte Professor Günther und öffnete die Tür zum Atelier. „Er war ein gutes Talent,“ fuhr er fort, „ein paar Bilder sind noch da, aber die letzte Hand hat er nicht drangelegt. Meist Kopien mit kaum merklichen Variationen in den Tönungen. Teniers Alchimist mit mittelalterlich-abenteuerlichem Gerät, die Madonna von Fra Filippo Lippi, einige Landschaften, ein Stilleben, der einzige Entwurf von Günther junior, der Kopf der Madonna Tempi von Raffael.“ Auf einer Staffelei eine fertige Skizze, die Pepys Aufmerksamkeit aufsog, und ihr Wesen mit dem Basiliskenblick der Bestürzung bannte:

„Eine seltsame Geschichte knüpft sich an das Bild, es ist von meinem Jugendfreund,“ erzählte Professor Günther, „Meister Geraldo kennen Sie wohl nicht? Er lebt in Antwerpen und studiert Rubens. Er verkehrte viel bei uns und hat manchmal im Atelier gemalt. Bei seiner plötzlichen Abreise blieb das Bild unvollendet stehen. Es ist eine persönliche Variation des Pietà-Gedankens. Die Tragik des Bildes liegt in der Geschichte seiner Entstehung. Der Weg zur künstlerischen Vollendung geht über viele Opfer hinweg und Menschenmaterial wird dabei nicht geschont. Die Geliebte Geraldos, im Bilde symbolisiert, war ein doppeltes Opfer. Das Opfer Geraldos und ihr eigenes. Die Sehnsucht nach Liebe hat sie getötet, nachdem sie Meister Geraldo ein überflüssiges Kind geboren hatte ...“

Pepy hörte die Anklage und sie fühlte ihre Niedrigkeit, ihre Ueberflüssigkeit. Der Gedanke an die Mutter riß die vernarbte Qual wieder zum blutigen Leiden. Sie biß ihre Hand in duldender Ohnmacht und vermochte die Tränen nicht zu hindern, die durch die gepreßte Wimper drangen. „Ueberflüssig!“ Das Verdammungswort brannte in ihr mit ätzender Qual. Sie trug die Hölle der „Verworfenheit“ mit sich, weil sie außerhalb des Eheparagraphen geboren war. Ueberflüssig! Sie hörte das Anathema der Gesellschaft, nur unter Gleichgeborenen konnte sie anerkannt werden, aber die Unehelichen sind die verruchte Minderheit!

Weinend stand sie, die Pietà in Trauer um die verlorenen bürgerlichen Ehren.

„Sie sind wehleidig,“ sagte Professor Günther, verwundert über die Wirkung seiner Worte, „Sie müssen die Vergehen der anderen nicht zur eigenen Qual machen.“ Er nahm Pepys Hand: „Seien wir Freunde,“ sagte er listig, „und hüten wir uns, nicht selbst unter die Räder zu kommen. Unser Geist ist schlau, unsere Witterung ist gut und wir haben Mut. Mein Freund hat sich durchgekämpft und Frau Martha – ich glaube so hieß seine Geliebte – hat das erhabenste Opfer gebracht und sich im Dienste der Kunst erschöpft. Ich habe viel über mein letztes Gespräch mit Ihnen, Fräulein Pepy, nachgedacht. Das Kind Marthas hat ein gutes Stück Weg fürs Leben voraus. Mit einem gehäuften Kapital an Erfahrung und Leiden trat sie ins Leben und ist der Sorge enthoben, in trauernder Liebe an die Mutter zu denken. Sie hat ihre ganze Kraft, um gegen den Frevel zu kämpfen, den sie ihm antat, weil sie es als Opfer ihrer ungezügelten Lust in die Welt setzte ...“

Professor Günther fühlte, daß er gegen Tränen machtlos war. Entschuldigte sich einen Augenblick und verließ das Atelier. Pepy blieb allein mit ihrer zermürbenden Qual, und ihr Stolz verbot ihr, diesem Manne zu gestehen, daß sie diese Ueberflüssige war. Der Psychologe eilte in seine Bibliothek und las ein Kapitel über hysterische Anwandlungen. In einer Marginale notierte er die Symptome und den Verlauf der Anwandlung. In Klammern schrieb er: (Beobachtungen an einem jungen, gesunden Mädchen!).

Pepy schämte sich ihres Benehmens, und als Professor Günther wieder erschien, fand er sie mit einem verweinten Lächeln, das um Entschuldigung bat: „Das kenne ich bei jungen Mädchen,“ sagte er begütigend, „ein wenig Schwäche ziert die stärkste Frau.“ Das Mädchen lachte ein fröhliches Lachen und war zufrieden, daß ihr neuer: väterlicher Freund ihr die Tränen nicht übelnahm.

Beide wußten nichts um ihr gegenseitiges inneres Leben.

Die Ehre ist Ichsucht, eine bürgerliche Tugend.

Professor Günther nahm Platz in einem Sessel neben Pepy. Sie reichte ihm ihre Arbeiten, er musterte sie einzeln, sagte der Freundin ein paar belobigende Worte über das gute Verhältnis zwischen Ausführung und Motiv, wagte einen kleinen Tadel gegen die Linienführung, fand eine gegenteilige Ansicht zu Pepys Auffassung in der Darstellung einer Tänzerin. Pepy hatte eine Bacchantin dargestellt, eine weintaumelnde Mänade mit fliegend-zerzaustem Haar, den Thyrsus schwingend in der Rechten, in der Linken einen überfließenden Becher und lüsterne Blicke nach den fallenden Tropfen. Die Linien waren schwebender Rhythmus und hüpfendes Haschen.

Günther fand das Motiv überlastet, weil die Aufmerksamkeit auf zwei Punkte zugleich zu lenken sei, auf Thyrsus und Becher. Der Rhythmus ließe sich plastischer gestalten, wenn der Becher mit den fallenden Tropfen Weins allein das Symbol ihres Rausches sei; die Tänzerin verliere dadurch den Sinn eines Piedestals, sie werde leichter, geschmeidiger, tanzender. Pepy versprach das Motiv in dem Sinne zu variieren und Professor Günther riet ihr, die Meister nicht zu verkennen. Klopfte Pepy auf die Schulter, mit väterlicher Hand: „Nur Technik, Freundin, Technik, Technik, Technik. Im allgemeinen versprechen Ihre Arbeiten Erfolg. Die Linienführung ist sicher, die Flächenverteilung vortrefflich. Der Raum geschmackvoll ausgenützt, das Kolorit schmeichelnd. Die Motive sind entzückend.“

Er reichte Pepy eine Empfehlung an seinen Freund:

Die Dame hat Stil, und ich gratuliere zu unserer Entdeckung. Sie wird uns Ehre machen, sie wird mir Geraldo ersetzen.

Günther.

In Pepy wühlte die Unsicherheit der gequälten Natur. Ihr Leben schien ihr eine fatale Groteske, wo alles in nebelhafter Ferne groß und drohend erschien. Wo dunkle Mächte im Spiele waren, wo das Verhängnis lauerte, wo die Entscheidung sich vorbereitete, die Antwort verzögernd, ob alles sich zur Katastrophe oder zur Erlösung wenden würde. Sie war arglos und ohne Falsch, sorglos wie selbstsichere Mädchen, die sich in sich selbst genug sind. Sie empfand das Glück, ihre Arbeiten ausgestellt zu sehen, wie junge Versifexe, wenn sie ihre Löwenklauen vor dem kritischen Publikum in Sonderdruck erscheinen lassen. Junge ahnungslose Seele, gequält von der geheimnisvollen Furcht, ein Spielball der fataltätigen Gewalten werden zu müssen. Arme Mädchenseele! die das verhängnisvolle Erbe ihrer Mutter mit sich trug.

Die Tiefe eines Kunstwerkes liegt in der Tragweite seines Symbols.

Irgendein Anlaß brachte Günther und Pepy im Gespräche auf Ibsen. Der Professor redete literar-philosophisch, und Pepy redete mit Ibsen.

„Die Bedeutung Ibsens kann man nicht leugnen,“ sagte er, „Ibsen ist der größte Ethiker und auf die Spezialpsychologie in Eheangelegenheiten ist er nicht ohne Einfluß. Er ist Universalmoralist und der geeignetste, ins Esperanto übertragen zu werden. Die moderne Gesellschaft muß auf Ibsenschem Boden stehen und aus dem verhängnisvoll-toleranten Nährboden die Kraft schöpfen, um sich zum Uebermenschen emporzuranken.“

Pepy: „Das Gefährlichste und Wahrste sind die Gespenster von Ibsen. Die Manen, die Geister der Toten, zitieren sich von selbst. Sie erscheinen, uns vor dem Verhängnis zu warnen und versichern uns der Nutzlosigkeit, ihm entrinnen zu wollen. Die Tochter des Malers Geraldo ist verdammt, den Weg ihrer Mutter zu gehen. Von Schuld kann man nicht reden und Sühne darf niemand verlangen. Das Rätsel der Vererbung der sittlichen Schuld.“

Professor Günther fürchtete einen neuen Weinanfall Pepys und Mitleid glitt über seine mit theoretischem Moralwasser gewaschene Seele: „Wenn das Kind Marthas Freunde findet, die ihr sittlichen Beistand leisten, wird sie die Gespenster bannen. Nur sittliche Kräfte können der sittlichen Schuld begegnen. Gespenster beißen nicht, man muß ihnen zu begegnen wissen. Ibsen zum Trotz haben seine Gespenster die soziale Stellung der Gespenster stark in Mitleidenschaft gezogen. Ibsen ist der Dichter der gesunden Moral und des praktischen Ausgleichs. Die theoretische Erörterung einer Frage ist der einzige Trost, wenn die unsühnbare Schuld geschehen. Die sittlichste Rechtfertigung ist, die Schuld durch Ueberredung des Geistes zu tilgen durch Abstraktion von der Wirklichkeit, denn die Wirklichkeit ist das Vehikel, das uns zur Erkenntnis führt. Die Befolgung des Guten oder des Bösen – was man allgemein gut oder bös nennt – ist unterschiedlos entscheidend für unseren Werdegang. Die Gesetze unserer Moral sind auf der Basis des bösen Beispiels entstanden, und die Ethik wurzelt in der Unmoral. Unsere sittliche Läuterung entspringt aus unseren schlechten Taten. Gut und Bös sind zwei sittlich gleichlautende Termini. Mit Hilfe der Relativität kann man das Böse zum Guten biegen, und ethische Werte sind an sich schon dehnbare Begriffe.“

Von den Jesuiten haben wir die Überrumpelungsmethode. Sie nannten sie Rhetorik.

Pepy nickte versunken vor sich hin. Jedes Wort war eine Prägung ihrer Gedanken, eine feste Form, in welcher ihre Erfahrung lag. Die kluge Selbstsicherheit, mit welcher Professor Günther über die Grundlagen der sozialen Ethik sprach, imponierten der jungen Künstlerin:

„Die sozialen Reformen gehen aus den Mißständen hervor, die Hygiene aus den großen Epidemien, die Schulen sind die Palästra, wo Weisheit gegen das größte Uebel, die Dummheit kämpft, die Zuchthäuser werden gebaut, um dem arbeitsscheuen Diebesgesindel – den mittellosen Marodeuren der menschlichen Gesellschaft – und den geschlechtlich depravierten Subjekten ein Asyl zur Besserung zu bieten. Eine schlau ausgeklügelte Diät! Die geistige Nahrung ist völlig gestrichen. Die aussichtslose Methode der körperlichen Einwirkung auf den Geist, durch harte Fron, steht in voller Blüte. Was erreichen die elenden Paragraphendrechsler von Legislatoren durch Formulierung der Gefängnisverordnungen?! Sie lassen den Geist der Delinquenten hungern und zermürben den Körper. Zappelige Theoretiker! Ihr seid die Depravierten, ihr seid die Mumien und liegt starr, allem Leben fern, umwickelt vom ruchlosen Gewebe juristisch-spröder Leitsätze. Feiglinge! Hört ihr den Schrei aus der Gehenna! Hört ihr das Röcheln der Hinsterbenden in den Käfigen, euren Moralanstalten! Sie schreien nach dem Tode, sie schreien nach Freiheit. Zu feig seid ihr, sie durch den Tod zu erlösen; zu feig seid ihr, euch gegen ihre Freiheit zu wehren. Euer lahmes Gewissen ist noch nicht reif für den Mord. Allmählich schläfert ihr es ein in der Narkose sittlichen Wahnes. Korrektion! Die Schere, mit welcher ihr das wuchernde Gestrüpp eurer Unmoral zustutzen wollt. Achtung vor den Pulsöffnern und Seidenschnürorden! Achtung vor Nero! Ehrfurcht vor den Inquisitoren! Achtung vor allen Massenmördern aller Zeiten! Sie sind nicht zurückgeschreckt vor dem Blute, aber ihr! Ihr heuchelnden Mörder habt Angst vor dem fließenden Blut und doch füllt ihr die Totenlisten derer, die in euren Besserungsanstalten verreckt sind.

Die Menschheit hat ihre Bastille noch zu stürmen, viele Burgen haben noch zu fallen. Zum Aufruhr mit Feuer und Schwert gegen die schleichenden Mörder der bürgerlichen Gerechtigkeit. Baut die Arbeiterfürsorgegesetze aus, Unfall- und Invaliden-Rente, und die grauen Bauten moralischen Siechtums stehen überflüssig und erlöst vom Fluch der gärenden Revanche! Menschheit! du bist im Widerspruch geschaffen. Der große Horus Ahura Mazda wurde von Ahriman, dem bösen Prinzip, besiegt. Der Dämon Malignus ist der Herr unserer Weltordnung. Ihr blinden Prinzipienreiter redet über gut und bös. Nehmt beides als gegeben hin und ihr abstrahiert von der Frage: wie kam das Böse in die Welt? Wo bleibt euer Gott, der alles erschaffen hat – auch das böse Prinzip! Ehe Gott den Engeln die Wahl zwischen gut und bös freistellen konnte, mußte er das böse Prinzip bereits erschaffen haben. Wo ist euer Gott? Wie kann er Böses schaffen! Und wo ist der Zweite, der Schöpfer des bösen Prinzips: Der sein Reich gegen das Reich Gottes setzen konnte?

Gehet hin zu den Bogumilen, sie lehren euch mit den Manichäern, daß Satan und Christus gemeinsame Söhne Gottes sind. Erkennt nicht Christus selbst den Herrscher der Welt bei Joh. 12, 31 an: ‚Jetzt ergeht das Gericht und wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen.‘ Unsere Gesellschaft hat das Faustrecht bekämpft und basiert ihre Macht hinwiederum auf Gewalt. Gestehen wir vor aller Welt, im offenen Kampfe würde Ahriman wieder siegen, denn unsere Kampfkraft stirbt am Bewußtsein unserer heuchelnden Ohnmacht, an unserer ohnmächtigen Heuchelei. Fürchtet die dunkle Rache der Bösen, die sich zum Kampfe sammeln und zu eurem Röcheln lachen werden. Die Rache wird die Anführerin der Unterdrückten sein und den schlauen Köpfen der Gesetzgebung die tönernen Postamente rabulistischer Verkommenheit entzweischlagen. Bessert euch im Gericht über euch selbst, dann könnt ihr den Samen der Reformen um euch ausstreuen. Drachenzähne sät ihr aus, und die Bestürzung lähmt euch, wenn die stählerne Wehr der daraus erstehenden Kämpfer euch entgegenblitzt – –!!!“

Der Wind ist ein falscher Bräutigam, er betrügt die Windblütler um ihre Unschuld.

Dieser Sturmbock revolutionärer Gedanken hatte Pepy begeistert. Sie staunte über das jugendliche Draufgängertum dieses alten Professors, dessen Leben ihr vorkam wie ein Konflikt zwischen Anarchie und Gesellschaft. Sie reichte ihm ihre Hand zum Abschied:

„Sie weihen mich in die Abgründe des Lebens ein, ich danke Ihnen für die Lichtblicke. Vieles ist wahr von dem, was Sie sagen.“

Er hielt ihre Hand lange brünstig umklammert. „Freundin Pepy, man findet nicht die richtige Anerkennung bei einer dummen Frau, die Oede des Familienlebens lauert in allen Winkeln, wenn der Mann den Geist zuviel hat, welcher der Frau fehlt. Das Verhältnis zwischen mir und meiner Frau ist zu ungleich, und das habe ich erst gemerkt, als die sinnlichen Reize bei ihr zur Begierdelosigkeit abgestumpft waren. Das Schlimmste ist, wenn der Mann jung bleibt und die Frau altert!“ ... Er geleitete Pepy zur Tür und preßte einen sinneglühenden Kuß auf ihre warme Hand.

Der Abend lag friedlich über der Stadt! Im Unendlichen zitterten die Sterne.

Pepy dachte an Günther mit mitleidvoller Begierde.

VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Die Magie ist ein Kompendium tierisch-wertvoller Naturen.

Doktor Seraph war ein maskenhafter Mensch, wie eine verwischte Skizze zum Leben. Seine Stirne, die blutleer schien, war mattgrau wie plastischer Fensterkitt und von zwei Linien durchfurcht, die an den beiden Enden zusammenliefen und ein Schifflein bildeten. Der Mund war wie zugeklebt und ohne Lippen. Runzeln von den Augen fächerförmig über die intelligent mageren Backen sich verlierend, bargen die Bitternis einer hartverlebten Jugendzeit. Die schmalen gepreßten Schultern verrieten die bückende Haltung bei grübelnder Beschäftigung. Die unruhig flackernden Augen schienen beständig eine Gefahr erspähen zu wollen. Der Prototyp jener telepathischen Vorführungskünstler, die in ihrer zuckenden Ueberreiztheit ihre abgrundtiefen animalischen Kräfte betätigen. Seit seiner Geburt hatte er nicht gelebt – und seltsam – er war wie eine versteinerte Figur, mit den bedeutungstiefen Runen diabolischer Rätsel. Mit ruhigen verglasten Augen stierte er mit weitausholendem Blick in die Ferne, wie ein Somnambule, der plötzlich durch eine unglaubliche Macht erschreckt, ins Endlose starrt. Etwas schwebend Taumelndes in der Erstarrung.

Trug an dem mager-langen Ehefinger einen schwarzen Ring, der alles Licht auftrank. Ein Pfand des Teufels, das sich in der Familie weitererbte. Ein Stein, der den Schlaf raubte, und alle, die ihn trugen, in Verbindung mit Toten brachte. Doktor Seraphs Ahnen waren Aerzte und Totengräber. Ein Großonkel war katholischer Pfarrer gewesen, hatte sich am Vorabend seiner Primiz verachtend von seinem Ring getrennt und ihn in ein Kästchen eingeschlossen. Ein unruhiger Traum hatte ihn gequält. Etwas Grausiges war geschehen und doch konnte er sich nicht entsinnen, was es war. Er amtierte kein Jahr in seiner fetten Pfründe, da kam Freund Hein, um ihm den Ring zu kündigen. In der ganzen Pfarrei hatte niemand einen schöneren Herren gesehen und die Trauer war groß, als er so plötzlich starb. Nach der Weissagung einer Wahrfrau sollte Doktor Seraph der letzte Träger des Ringes sein und in seiner Hand war eine übermäßig große Lebenslinie.

Am Zeigefinger der rechten Hand trug er den Pesach, einen Blutstein in Platin gefaßt. Der Stein hatte die Kraft, den Blutfluß zu stillen. Wenn eine Frau ihn bei der Entbindung in die Hand nahm, gebar sie ihr Kind ohne Schmerzen. Die trübrote Farbe war wie ein Blutfleck auf dem Finger des Doktors.