Fetzen

Part 12

Chapter 123,483 wordsPublic domain

Er war erschrocken-naiv wie ein Medium im magnetischen Schlaf. Sein lautloser Katzentritt und die vorgehaltene Rechte wie bei einem Wünschelrutengänger ließen an das Wahngebilde eines Spukes denken. Mitschüler erzählen, daß er vieles wußte, was er nie gelernt hatte, und niemand erinnerte sich, den schwarzen Doktor je lachen gesehen zu haben. Er hatte nie Freunde gehabt, und seine Wirtsfrau hatte ihn nie zu Gesichte bekommen. Alle Aufträge schrieb er mit fadendünner englischer Steilschrift auf ein Konzeptpapier, in höflich-geschraubter Form, als richte er eine untertänige Bitte an die durchlauchtigst allmächtigste Majestät.

Der schwarze Ring hatte eine merkwürdige Herkunft. Eine ganze Legendenwelt war drum gedichtet worden. Alle dreihundert Jahre sollte der Ring nach Californien zurückkehren, an den Ort seiner Herkunft. Der Stammbaum der Seraphs trieb seine Aeste ein halbes Jahrtausend aufwärts, und es schien wie ein sonderbarer Zufall, daß alle den schwarzen Stein trugen, oder war es durch die Kraft des Steines, daß der Stammbaum bis auf den ersten Inhaber zurückging? Ende des vorigen Jahrhunderts erhielt Doktor Seraph plötzlich in Heidelberg, wo er studierte, ein Päckchen mit dem seltsamen Ring aus Californien, wo ein entfernter Verwandter, der Millionär Eduard Bain in Pasadova gestorben war. Bain war dreiviertel Jahrhundert alt und die letzten sechzehn Jahre hatte er nicht geschlafen. Man erzählte sich im geheimen, weil der Zufall den Stein von dem Toten getrennt habe (denn Bain verkehrte nur mit lebenden Leichen, für welche der Stein keine Affinität zeigte), habe der Tod auch den Schlaf, seinen dunklen Bruder, von ihm gerissen ...

Der Millionär konnte nur in Theatern und geräuschvollen Lokalen einnicken.

Doktor Seraph saß oft stundenlang in träumerischer Betäubung vor einem Kästchen aus dreifachem Holz, Taxus, Kreuzdorn und Hollunder. Legte den Blutstein hinein und geriet in eine schlaflose Erschöpfung. Sein scheinbar erloschenes Leben flackerte mählich auf, steigerte die Kräfte bis zum magneto-elektrischen Prozeß. Seine Gesichtszüge wurden von einer unendlich verzückten Beseligung beschienen, seine mattgebeizte Fleischfarbe nahm ein leichtes hauchiges Rot an und mit einer bis zum Paroxysmus gesteigerten Aufmerksamkeit schien er berauschender Musik zu lauschen, schien das Farbenspiel eines Festgepränges zu verfolgen, schien von ambrosischen Düften umfächelt, geriet in Ekstase, bis zum Wahnsinn gesteigerte Begeisterung, machte keine Bewegung, alles bildete sich in seinen plastischen Wachszügen. Die Ermattung warf den leuchtenden Ausdruck plötzlich aus seinem Gesicht und die Totenstarre malte den gelben Ton über sein Fleisch. Er schien von einem unendlichen Leiden gefoltert, von ungeheueren Krämpfen zerrissen, von stechender Qual zermürbt.

Mechanisch griff er in das Kästchen. Steckte den Blutring an den Finger und legte den Teufelstein lautlos hinein ... Sprach mit eintönig hölzerner Stimme – die Worte wie Bewegungen eines Hypnotisierten, eckig und zäh – sagte Sätze mit unheimlicher Bedeutung und mit schleichend dürrem Tonfall: „Tödin-Tod ihr bejaht das Gegenteil! – Geist von Mitternacht furchtbarer als das Leben! – Schauerjungfern fliegen aus und säen Kindersamen auf die keuschen Mädchenäcker. Ungetauft sind sie im Tod erlöst. Weilen ohne Gut und Bös am seltenen Ort, in Nobiskraten. Legt eine offene Schere auf – die jungen Wiegen sind dann erlöst vom Nachtgejaid. Wechselbälge – Haare – Beine. Schwefelhölzer – Spinnen – Molche – Kröten – Echsen. Aeugig eins der Hase, Beine drei, ist Loki nicht der Feind vom Morgen? Gehenkte klappern schon am Galgenholz. Im Sturm nimmt Wodan die gehängten Seelen mit. Geborsten und verflucht – naht der Gesell mit Dreispitz schon, mit Feuerstein und läßt die Funken stieben.

Zottig zottig Hühnerei Hahnenkamm im Wirbelwind Reicht ihm schnell den Hexenbrei Beule – Warze – Narbe – Grind Schafriri, friri, riri, zi – –“

Dann änderte sich seine Stimme plötzlich, wurde weich, schwebend, melodisch; er griff in das Kästchen und tanzte mit den Ringen durchs Zimmer, singend schien er einem Trugbild zu folgen.

Tod mit Muck In jähem Lauf Leg Spuck auf Spuck Und spucke drauf.

Wer Herr seines Schicksals ist, ist selbst das Opfer einer großen Kraft, die aus der Ferne wirkt.

So war sein Schlaf, seine Träume. Träume ohne Schlaf sind seltsame schwebende Gebilde, und wer Bilsenkraut oder Nachtschatten in der Walpurgisnacht durch einen hohlen Totenknochen schlürft, kann eine schaurige Fahrt machen.

Armida wußte um das geheimnis- und verhängnisvolle Dasein des schwarzen Doktors. Ihre Weiberlist, ihn des Ringes im Schlaf ledig zu machen, war nicht anwendbar – er schlief nie. Seraph hatte ein höllisches Laster, er trank den Totenhauch der Sterbenden ... Das stechende Feuer seines düster-fahlen Blickes gab seinen Augen etwas Ausgehöhltes, etwas Feucht-Kühles, Unterirdisch-Nächtliches. Doktor Seraph empfand sein Leben nicht als Verhängnis. Es war für ihn eine Tatsache, ein So-sein-müssen, Sich-nicht-denken-können wie anders sein. Er war schön wie der Tod im Leichenhaus. Kein Mitarzt wußte um ihn, allen war er der Totenkopf, der nur die Operationen vornahm, die vom Aerztekollegium als unmöglich erklärt worden waren. Trotzdem waren nicht alle unter seinem Messer geblieben, und das Staunen war groß im Operationssaal.

Armida kannte ihn aus seiner Studentenzeit von Heidelberg her. In der Anatomie saß er neben ihr, schaute sie nie an und gab ihr jeden Tag einen kleinen Würfel weißen Zuckers. Im dritten Semester hatten sie sich plötzlich gegenseitig und zu gleicher Zeit angeredet: „„Weshalb reden wir eigentlich nichts??““ Eine Woche waren sie nicht aus dem Lachen gekommen, beim Anblick befiel beide ein hysterisches, konvulsivisches, unstillbares Lachen. Das übertolle Lachen brachte das Semester dazu, Armida „Gluckerchen“ zu nennen. In dieser Zeit des erotischen Frühscheins wollte Seraph der Medizin entsagen. Er bereitete sich vor, die leichttönende Leier seiner Muse in würdigen Empfang zu nehmen, schrieb fleißig Rezensionen und Skizzen, schlief ganze Tage und die Nächte dazu, ließ die medizinischen Vorlesungen im Stich, schwänzte die Uebungen, schaffte sich alle möglichen und unmöglichen Romane an, besang „seine befreite Armida“ und kündigte seinem Professor seine Promotionszusage. Schrieb ihm einen Brief voll Hohn auf die Quacksalberei: Plötzlich habe er sie satt bekommen, um sich auf das Feuerroß der Begeisterung zu setzen, das mit der Phantasie, dem Hafer der utopischen Begabung gefüttert, den Olymp des Ruhmes erstürmt. In Knüttelversen hatte er seine Umsattlung angedeutet:

Mein Doktor wartet unentwegt auf die Geburt, Doch fehlt die Amme, ihn zu säugen, Wenn so ein Knabe literarisch hurt, Kann er doch keinen Doktor zeugen ...

Er hatte seine medizinische Bibliothek an einen Trödler losgeschlagen und mit Ekel an sein Leichenschinder-Leben zurückgedacht; voller Ekel dreimal vor dem Namen Arzt ausgespuckt, wie schwäbische Bauern tun, wenn sie einem Schwein begegnen, verlebte mit Gluckerchen sanfte Tage gegenseitiger Ergüsse in lyrischer Umarmung, dachte an Familienleben, geordnete Zukunft, eine gesicherte Tracht Ruhm, vor den Kritikern, den Prügeljungen der Literatenkaste, noch rechtzeitig gerettet. Da kam plötzlich der schwarze Ring und mit ihm der freudelose Pflichteifer an seinem eklen Handwerk.

FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Wer viel vom Leben spricht, nimmt es nie von der ernsten Seite. Wir nennen die Flöhe Ungeziefer, weil sie uns jucken, ein Flohologe hat allerdings zwei Namen dafür, den wissenschaftlichen und den vulgären.

Sie machten einen Ausflug mit der Wannseebahn, Jappes, Armida und Arco Calvandi. Stiegen in Schlachtensee aus. Es war irgendeine Zeit. Vielleicht warm, vielleicht kühl – ein angenehmes Halbdunkel in den verschlungenen Pfaden, die sich durch den Wald am See entlang schlängelten. Die spezifisch ewige Stimmung, wie sie einen befällt, wenn man einen schattigen See entlang bummelt. Die breite, gleißend-ruhige Fläche des Sees mit abwechselnd dunklen und weißen Einkerbungen am Ufer, lag in dem schweren Holzrahmen der umragenden Wälder. Herr Arco Calvandi, der bewußt-verrückte Franzose, der schäkernde Lebemann, mit einem freien Knabengesicht. Ein leichtes, zugestutztes flaumiges Bärtchen, wie hingeklebt in das milch-rosige, gutmütig-offene Muttergesicht. Mit den Privilegien der Reichen hatte er von seinem Vater jene Offenheit und Gutmütigkeit derer in den Zügen, die nie jemandem Rechenschaft abzulegen haben und von frühester Jugend durch toleranteste Erziehung daran gewöhnt sind, über die intimsten Angelegenheiten des Lebens mit gentlemanreifer Bravour zu reden, ohne zu erröten. Ein bezaubernder Mensch, der kein Hehl daraus machte, daß Menschen seiner Ansicht nach zu gegenseitiger Lust geschaffen sind, und es so schnell wie möglich einsehen sollen. Sein wiegend sicherer Gang und seine Kleidung verrieten den Autofahrer, der daran gewöhnt war, sich bei den schaukelnden Bewegungen sicher und ohne Anstrengung zu äquilibrieren.

Armida hatte eines ihrer ungezählten aber gutgezahlten Cover-coat-Strapazierkleider an. Kragen und Schlips und Reitgerte. Eine deplacierte englische Miß mit der ungeduldigen Spannung eines Walter Scottschen Romanes auf das Abenteuerlichste gefaßt und, was für Armida charakteristisch war, zu naivst-mädchenhaften Kapitulationen vor starken Männern bereit. So war sie heute.

Jappes war die dritte Seite dieses ungleichseitigen Dreieckes. Er schien überflüssig, wie für den Geometer die dritte Seite eines rechtwinkligen Dreieckes, die man leicht mit der Hypotenuse Calvandi, der Grundlinie Armida und aus dem Verhältniswinkel beider bestimmen konnte nach dem Lehrsatz: sagt mir, wer ihr seid, und ich sage euch, mit wem ihr umgeht.

Von seiner sportlichen Praxis her war Calvandi gewöhnt, das Tempo anzugeben. Das knabenhaft listige Feuer seiner lüsternen Augen wußte die Ironie seiner Worte ohne das Mienenspiel zu markieren. Seine unsicher-stockende Ausdrucksform gab seiner Sprache etwas Hastendes, als habe er Eile, eine gedachte Pointe durch die Lebhaftigkeit der Rede über die Lücken der fehlenden Wörter hinwegzuheben. Er faßte seinen Besuch bei Armida sehr ernst und für sich ausschlaggebend auf. Calvandi und Jappes musterten sich mit der ruhigen Unruhe zweier Menschen, die in derselben fatalen Lage sind: Bei einer Frau und zwei Männern gibt es immer eine doppelte Intrige, denn eine Frau hat immer einen Schimmer von Aufmerksamkeit für einen dritten, der in ihr Leben hereinspielt, sei es in der Hoffnung, einen Freund zu gewinnen durch die Maske ihres Interesses, sei es, ihren Mann durch die Eifersucht fester an sich zu schmieden. Eine doppelt umworbene Frau hat unfehlbar die stärksten Trümpfe in der Hand und kann ruhig Jeu ansagen. Sie wird selten verlieren.

„Wir nehmen die Direktion am See entlang,“ begann Calvandi zu Armida gewandt, „wir werden einen charmanten Abend haben, ein reizendes Hors-d’oeuvre für die pikante Nacht. Liebespärchen pflegen nicht zu dritt zu gehen, wir werden also auffallen.“

„Wir sind nicht mehr im Alter, wo man verliebte Mondscheinbummel macht,“ lachte Jappes, „Verlobte pflegen sich nicht mehr öffentlich und vorlaut in der Liebe zu betätigen. Ich hätte dem Sittenrichter einen Vorschlag zu machen: Einen roten Crêpe am rechten Arm für Verlobte, damit man sie erkennt wie die Trauernden am schwarzen Flor.“

„Eine Idee!“ baute Calvandi aus, „eine deliziöse Idee! Wenn die Verlobten ihre Verliebtheit nicht mehr durch gegenseitige Anhuldigungen nach außen betätigen, sollten sie den roten Crêpe tragen bis zur Ehe, dem Gesetz der zwangsvoll-gegenseitigen Hingabe.“

Armida verzog die Lippen zu spöttisch-fragender Grimasse und bewegte die Reitgerte mit gelenkigen Fingern. „Sonderbar, die Männer reden immer über Frauen und denken dabei an Liebe, oder sie reden über Liebe und denken dabei an Frauen, – ob ein Mann aufrichtig liebt, persönlich lieben kann ...? na, ich wollte die Frage nicht entscheiden.“

„Verzeihen Sie, Madame; meine erste größte Dummheit wäre es gewesen, wenn ich mich nicht sterblich in Sie verliebt hätte,“ sagte der Blaubart, „für Sie allein habe ich mehr Dummheiten begangen, als für meine übrigen Eintagsfrauen zusammen. Madame, mein Herz hat sich in glühender Liebe für Sie verzehrt ...“

Armida wehrte: „Freund, keine Flausen, die uns kompromittieren könnten. Mir scheint das größte Uebel für einen jungen Mann, wenn das Gerücht über sein wildverbraustes Leben schlimmer ist als die Wirklichkeit.“

„Madame,“ fiel Arco hastig ein, „heute bedauere ich zum ersten Male in meinem Leben, kein Tagebuch geführt zu haben, ein persönliches Bändchen Casanova, ein paar schwüle Kapitel Paul de Kock. Meine Sprache stört Sie wohl am meisten. Die Form ist ungelenk, meine Calembours kann ich nicht richtig anbringen.“

Jappes machte eine Bewegung voll graziöser Koketterie: „Ich glaube, wir langweilen uns so agréable als possible.“

Die grössten Schweiger waren Philosophen und umgekehrt.

Schade, dass sie geschrieben haben.

Mit nachlässig-nebensächlicher Gebärde bot Calvandi Zigaretten an und hielt das Etui, aus getriebenem Silber mit massivem Wappen und verschnörkelten Initialen, spielend in der Hand. Jappes dankte, sein Geschmack gehe nach einer Zigarre. „Die Liebe ist die einzige Religion, in welcher es keine Renegaten und keine Sektierer gibt,“ – Arco Calvandi unterbrach – und reichte Armida Feuer. „Die Leidenschaften muß man bis zur Gewohnheit abschwächen. Sehen Sie die Zigarette, ein einzelner Massengenuß. Die einzelne Zigarette verraucht und Kenner halten sich nicht an eine Marke. Die Namen vergißt man, vielleicht erinnert man sich, daß man einmal ein wunderbares Kraut verdampft hat. Das Rauchen an sich ist das große Beständige, das Bleibende, der Reiz am Rauchen. Eine einzelne Zigarette macht das Rauchen nicht aus, wir brauchen mehr, viel, nur keine Spezialitäten. Allmählich stellen wir den Geschmack auf ein besonderes Aroma ein und bleiben dabei. Es genügt, daß wir rauchen. So ist die Liebe, eine Gewöhnung an die Frau, bei einer Marke dauert es zuweilen länger, – vielleicht ist die Marke eines Tages ausverkauft, wir finden eine andere, nicht schlechter, nicht besser –, das Wesentliche ist, daß die Leidenschaft unterhalten wird, dann erst werden die Gefühle seßhaft und lernen an der alten Scholle kleben. Der Vergleich ist mir so eingefallen in rauchender Damengesellschaft.“

„Möglich, daß der Vergleich stimmt,“ eiferte Armida, Calvandi zu unterstützen. „Mancher verbrennt sich an der Zigarette, kriegt Kopfweh, verpulvert sein Vermögen für Luxuszigaretten. Sie haben mich überzeugt, Herr Arco, habe ich richtig verstanden, eine Frau ist Gift in brennender Hülle?!“

„Darf ich noch einmal um Feuer bitten,“ bettelte Jappes, „die meine scheint schief gewickelt – und ist doch keine Gewohnheitszigarre zum Hausgebrauch für die besten Freunde. Die Gewohnheiten sind die erloschenen Krater der Leidenschaft; die Leidenschaft ist ein Spiel, das Spiel unserer Instinkte mit den Kräften. Wir werden gespielt, wie wir gelebt werden – irgendein großer Lebenskünstler hat das Leben so geprägt.“

Arco Calvandi dachte an die Tage von Monte Carlo, wo er sechs Millionen im Roulett verjeut hatte, dachte an seine Auferstehung, die er durch Armida erhoffte, dachte an die Wiedergeburt des Sünders aus dem Pfuhle zügelloser Verschwendung, dachte, daß Berlin sein Damaskus werden sollte. Er hatte Gründe genug, ein ernstes Wort zu reden, aber der Zwittergeist von Witz und Ironie diktierte ihm:

„Manches Leben endigt in einem Spiel und manches Spiel in einem Leben. In der Ehe hält die Frau die Grillen eines Mannes warm. Für einen Roman ist sie die Hauptperson, weil sie für die Spannung sorgt. Die Frau ist zäh und wird auf Seite 313 in Romanen erst getötet oder in der Ehe unschädlich gemacht.“

„Schau ihn, den Weisheitsstengel,“ und Armida klopfte ihm mit der Reitpeitsche auf die Finger, „er spricht wie ein ergrautes Ehesemester. Dümmer als die Rede eines Weisen klingt es nicht. Die Frauen haben alle eine Grille, nennt mir sie schnell – nanu, wie still! Wie heißt die Grille, Freunde?“

„???“

„Ihr schweigt, wohlan, die Grille ist der Mann. Ein Mann ist eine kleine Welt. Das Feuer einer Frau ist viel zu groß, um so ein Einzelgrillchen alleine daran zu wärmen. Nicht nur Frauen heiraten in Romanen – Wie könnten sie allein die Tragik schaffen! Romane, wo eine Frau und viele Männer sind, kann man zum Ueberdruß noch lesen. Wo nur ein Mann und viele Frauen vorkommen – bei Gott! – da hält der Mann den letzten Akt nicht aus. Er zappelt hin und her und stirbt aus Ueberdruß. Ist er ein Kavalier, schießt er sich eine Kugel vor. Ist er ein Lump, tut er desgleichen. Und ist die Frau allein im Prunkgebäude des Romans, dann wird gekämpft, bis nur der Stärkste übrigbleibt – und der gehört dann noch der Frau.“

Arco Calvandi dankte für die Belehrung. „Mein Exempel hat diesmal nicht recht gestimmt. Es ist nicht schwer daneben hauen, denn das Beispiel trifft den Fall ganz einfach oder trifft ihn nicht.“

Jappes stellte sich beiden in den Weg, kreuzte die Arme über der Brust: „Es wär vernünftiger, das Leben nach einem Roman zu leben, als einen Roman nach dem Leben zu schreiben. Alle berechenbaren Zufälligkeiten würde man miterleben, während das Pikante der Romane nur der Treppengeist des Lebens ist. Im Leben fällt uns immer erst später ein, was wir hätten tun sollen. Würde einer von Jugend auf nach einem gegebenen Roman leben, dann käme wenigstens eine unglaubliche Spannung hinein. Romane soll man für die Jugend schreiben, aber die Romane nicht aus dem Hinterhalt aufs Leben loslassen, wie eine zahnlose Meute mit dem Schaum der Moral in dem lüsternen Maul. Treppengeist! Die vernünftige Jugend lacht die meisten Romanhelden aus, sie würde heute ganz anders gehandelt haben: Keine langen Intrigen, um etwas zu erhaschen, was man viel leichter im Laden nebenan haben kann. Alle Helden und alle Heldinnen verschenken dasselbe. Die Romane müßte man von rückwärts schreiben. Sie würden verblüffend kurz und auch ...“

„Wir sind vom Leben abgekommen,“ unterbrach Calvandi, „die Romane der Armen werden viel zu oft gelebt, um geschrieben werden zu dürfen, und die Romane der Reichen werden viel zu oft geschrieben, um gelesen werden zu sollen. Die Ehe ist die schweinslederne Ausgabe unserer sterilisierten Gefühle. Das Kind ist eine Dichtung zu zweien. Die Dichtung ist das fidele Handwerk, das die Liebe mit der Welt versöhnt. Setzt Frau statt Liebe, Mann statt Welt, und der Vergleich ist fertig, wenn ihr Kind statt Dichtung setzt. Ihnen, gnädige Frau, will ich mein Herz zu Füßen legen ...“

Jappes lachte laut auf: „Ihr Herz hat sich in glühender Liebe für sie verzehrt – – oder wie sagten Sie erst kurz? – und jetzt wollen Sie es ihr zu Füßen legen. Selbst Armida kann zurückdenken.“

Armida lachte Arco spöttisch an: „Rückfällige Kranke sind die undankbarsten Patienten. Ich danke, Freund, für Ihre edle Herzenssache. Ist die Glut zu groß in Ihrem Herzen, dort ist der See, die Glut zu kühlen.“

Da fiel das Lachen auch Calvandi an: „Verliebte sind immer lächerlich, Madame, Sie wägen die Worte auf der feinen Wage, weh! ich habe schon verlernt, die Komplimente gut zu drechseln.“

Und Jappes: „Wir sind schon daran gewöhnt, die Menschen nicht mehr ernst zu nehmen.“ Vor Wannsee ließ der Pfad den See und kroch zum Bahnhof. Vom See sprang ein kühler Wind und rüttelte die Bäume aus dem Schlaf, weil der Mond schon aufgegangen war und neidisch auf die elektrischen Lichter hernieder sah.

„Kommt, Freunde,“ rief Armida, „ich sollt von mir auch etwas haben.“ Sie riß beide an ihre Seite und hängte sich ein. Sie hüpfte zwischen den beiden dunklen Gestalten und wunderte sich über die Männer im allgemeinen und über die ihren im besonderen.

SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Niemand glaubt gern die Erlebnisse: der andern, und es gibt Erlebnisse, die man nicht für einen anderen erleben möchte.

„Jappes,“ sagte Armida, „ich brauche Calvandi allein. Tu mir den Gefallen und fahre nach Saßnitz. Das Meer wird dich entschädigen und du wirst deine Ueberflüssigkeit vergessen. Arco Calvandi reizt mich, und du weißt, was das bedeutet.“

In Stralsund wartete das Schiff, das den D-Zug auf seinem starken Buckel nach dem Eiland hinüberbrachte. Jappes saß in seinem Abteil mit der Gleichgültigkeit eines Weggeschickten, der kein Ziel hat, auf alle Fälle aber acht Tage auf irgendeine Weise totschlagen muß. Der scharfe Wind, der von der See dem fahrenden Schiff entgegenblies, riß den Zigarrenrauch jäh in den feuchten Morgen. Schwarze Fischerbarken mit gelbgrauen Segeln trieben auf den schlecht gekämmten Wellen. Ein Eiland reihte sich ans andere und alle grüßten mit ihren Laubwäldern herüber.

Auf dem Wasser gibt es keine Jahreszeit.

Kaputte Fische trieben mit der Strömung, die weiß-tote Bauchfläche nach oben. Der Tod kehrt das Unterste nach oben, das ist das Wesen des Todes. Jappes zielte mit einer halben Zigarre nach einem toten Hering, und die beiden Leichen schwammen friedlich nebeneinander. Ein erloschener Hering und eine tote Zigarre tun sich gegenseitig nichts. Er warf sich in die Polster, brach Schokolade aus der Tasche in den Mund und rauchte eine Zigarette dazu. Ihm gegenüber saß ein Reisender. Sonst war niemand im Abteil. Eine graue Handtasche nickte vom Netz herunter: Merkwürdig, daß Menschen graue Handtaschen haben, dachte Jappes, die Farbe der Scheinlosigkeit, der Unauffälligkeit, die Farbe des Nichts, der unausstehlichen Ueberflüssigkeit, des Elendes. Ich muß mir eine graue Handtasche kaufen. Seine Züge sprangen vom Netz herunter und wühlten sich in die Züge des Reisenden. Zuckerbäcker! schoß es Jappes durch den Kopf. Schwammig-verwaschene Züge wie Zuckerbäcker, Zuckerbäcker sind nie Charaktere.

War überhaupt ein Anhaltspunkt vorhanden vom Aeußeren auf das Innere dieses Menschen zu schließen? Die Konturen des Kopfes waren nicht scharf geprägt. Graumeliertes Haar oder blond? Man konnte nicht genau unterscheiden. War der Mann unrasiert oder überpudert? Die Augen verrieten nichts und sandten nur zufällige Blicke hinaus. Ein Mann, der zu allem unendlich viel Zeit zu haben schien und dann noch warten konnte, wenn diese schon abgelaufen war. Die staubigen Stiefel, der verschlissene Mantel, die Hände ... sollte er ein Philosoph sein? Auf keinen Fall paßt das zum Fahrpreis, fiel es Jappes ein. Uuiih ... da ist etwas nicht in Ordnung! Gibt es nicht in uns allen jene odische Lohe, mit deren Hilfe wir den sympathischen oder unsympathischen Nimbus unseres Gegenüber durchforschen können? Gibt es nicht in uns allen jene undefinierbare Kraft, die uns vor den Gedanken der Umgebung warnt, in uns die widerstrebende Regung wachruft, nichts von uns preiszugeben, ja! stehen wir nicht unverrückbar fest unter dem dunkel-machtvollen Gesetz der Dämonologie! Liegen die Geister, welche von unserem Körper Besitz ergriffen haben, nicht beständig auf der Lauer, sich gegen die Einwirkung von außen zu schützen! Wir sterben nicht, die aktiven Geister müssen den Totengeistern weichen, die ihren Raub in der Erde bergen, wo er ihnen von den Lebensgeistern wieder langsam Stück für Stück entführt wird, um irgendwo in der Ferne die neue Wohnung alter Geister zu sein. Weshalb hätten wir sonst den Traum und die Sehnsucht nach der Ferne?