Fetzen

Part 13

Chapter 133,536 wordsPublic domain

Der Fremde saß unbeweglich, in sich abgeschlossen. Kein Gedanke verriet sich nach außen. Sein huschender Blick trug irgend etwas von Jappes in die Denkmaschinerie, verarbeitete es zu einer Hypothese, ein Schluß entstand und wieder eilte der Blick, eine neue Partikel zu holen. Die Unbeweglichkeit des verschossen Gekleideten in der Ecke störte Jappes, er fühlte, wie die Blicke ihn umklammerten, wie die Augen an ihm leckten. Es widerte ihn an, mit diesem abgefeimten Wesen zusammenzusitzen. Ueber Altefähr hinaus rasselte der Zug wieder auf den Rädern, und Jappes fühlte sich unbehaglich in dieser zweideutigen Gegenseitigkeit, in dieser rollenden Ruhe. Er fühlte, wie die Spannung sich in ihm vorbereitete, wie das Mißtrauen wuchs, wie es sich innerlich in ihm aufbäumte, sich diesem verrucht Ruhigen und gleichgültig Beobachtenden zu entziehen.

War es Furcht? ... War es die Wehrlosigkeit gegen das Unbestimmte? ... Da erwachte der Teufel in ihm: Der in der Ecke war ein Schurke! Huh! ... seine bohrenden Blicke stachen in jede Pore ... berührten mit frecher Gebärde sein Ich ... auflösend, zerstörend. Nichts war diesem Blicke heilig ... er bohrte und berechnete ... Stellte das Verhältnis der gegenseitigen Muskelkraft auf ... Maß die Schulterbreite ... studierte die Bewegungen ... berechnete kühl, ob eine Ueberrumpelung die Kräfte lähmen oder stärken würde ... hatte Zweifel, wie sie Mörder haben, ehe sie fähig sind zum Mord.

Jappes erbebte, als ihm die Gewißheit wurde, was in dem Fremden vorging. Die Erregung schüttelte ihn wie ein jäher Frost und mit der Rechten griff er in die Tasche und umklammerte seine Pistole. Der Reisende sagte mit ruhig-sicherer Stimme: „Sie frösteln, es ist etwas kühl, vielleicht schließen wir das Fenster.“ Die Worte kamen wie ein Verhängnis durch die schadhaften Zähne. Jappes hörte eine mahnende Stimme: Gib dir keine Schwäche, befolge seinen Willen nicht. Laß ihn keine Kraft in dir festsetzen. Er hörte die Stimme schwach, wußte nur, daß sie widerriet, fühlte, daß es gut sein mußte, wie sie gebot.

„Danke, nein,“ gab er zurück, „es ist nicht kalt.“

Der Fremde ließ nicht mehr locker, und Jappes war es angenehm, durch die Rede Gewißheit über seine Zweifel zu erhalten:

„Der Zug hat Anschluß an den Dampfer nach Trelleborg?“ fragte er Jappes. „Wann kommen Sie in Trelleborg an?“ und sein Blick lauerte, die Wirkung zu haschen.

„Ich fahre nicht nach Trelleborg,“ erwiderte Jappes, „ich steige in Saßnitz Hauptbahnhof aus, der Zug fährt bis zum Hafen weiter.“

„Sie kennen Saßnitz wohl gut, vielleicht können Sie mir ein Hotel empfehlen.“

„Ich war nie dort, deshalb kann ich Ihnen gut alle empfehlen, Hotels, die man einmal besucht hat, pflegt man nicht gerne zu empfehlen.“

„Ach so, Sie kennen Rügen nicht.“

„Nein, nur einmal bin ich von Stralsund herübergekommen, um am Strand zu bummeln.“

Jappes überdachte die Fragen, inquisitorisch waren sie nicht, nicht einmal verfänglich, vielleicht nicht einmal neugierig, vielleicht nur Gelegenheitsfragen? – Der Schaffner kontrollierte die Fahrscheine. „Ich zahle einen Zuschlag zweiter ab Stralsund,“ erklärte der Fremde und überreichte sein Billett.

„Der Fahrschein ist am Stettiner Bahnhof gelöst, Sie müssen die Uebergangskarte von Berlin nach Saßnitz nachlösen.“

Der Fremde zog eine Karte aus der Westentasche: „Ich dachte anfangs nur bis Stralsund zu fahren und habe den Zuschlag nur bis Stralsund bezahlt. Heute habe ich mich entschlossen, weiterzufahren.“

Jappes horchte auf, klang das nicht verdächtig? Hatte er den Mann nicht schon gesehen? Jappes war einen Tag in Stralsund geblieben. Sonderbar? Der Kontrolleur überreichte die Scheine: „So sind wir schon in Ordnung.“

„Herr Schaffner,“ bat Jappes und bot ihm eine Zigarette an, „ist der erste Tunnel vor Bergen oder nach Bergen?“

„Es gibt keinen Tunnel auf dieser Strecke,“ dankte der Schaffner für die Zigarette. „Dann ist mein Reiseführer nicht genau,“ sagte Jappes.

Es war kein Zweifel, der Fremde war ein Verbrecher und es reizte Jappes, mit ihm zu spielen. Er empfand die lebhaft brennende Gier, diesem Fremden seine Ahnungslosigkeit zu zeigen, und er redete mit der verschwenderischen Offenheit und mit der sprunghaften Erzählerlust, wie sie Freunde befällt, die lange nicht mehr zusammen waren und ihr Programm überhastend entwickeln, um Fragen auszulösen, und alles möglichst schnell anzudeuten suchen, um die Reichhaltigkeit ihrer Erlebniskarte darzulegen.

„Ich steige im Strandhotel ab,“ begann er, „es ist jedenfalls das vornehmste in Saßnitz, vielleicht wohnen wir zusammen? Vielleicht haben Sie auch keine Zeit, keine Lust, na, jedenfalls können wir zusammen Mittagbrot essen und eine Flasche leeren. Ich werde baden und um zwei Uhr können wir uns treffen. Ich hole noch ein paar postlagernde Telegramme; ich erwarte auch einen Scheck von der Dresdener Bank. Nachmittags können wir ja einen Spaziergang am Meere entlang machen, vielleicht über den Hafen gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und die Felsen öde sind. Ich habe mich sehr aufs Meer gefreut. Das Meer lockt mich immer mit starker Kraft. Die letzten Tage haben mich niedergedrückt ... doch das ist eine subtile Affäre, ich will Sie lieber damit verschonen.“

Der Fremde fühlte eine große Sicherheit und seine Gedanken wimmelten um sein neues Ziel: – gegen Stubbenkammer, wo das Meer braust und die Felsen öde sind, wiederholte er für sich und laut: „Ja, gut, das können wir tun, es wird mich freuen, den Spaziergang mit Ihnen zu machen. Bis zwei Uhr habe ich noch geschäftlich zu tun. Ich glaube, ich traf Sie einmal an der Dresdener Bank, als Sie einen Scheck abhoben. Ich glaube, hunderttausend Mark?“

„Ich erinnere mich nicht,“ sagte Jappes, „ich habe ein schwaches Personengedächtnis, aber hundert Mille habe ich einmal abgehoben.“

Der D-Zug hielt. Saßnitz Hauptbahnhof. Jappes stieg aus und der Fremde fuhr bis zum Hafen. Vom Meer blies ein scharfer Wind: „Das gibt Sturm,“ sagten zwei Reisende und deuteten auf den westlichen Himmel.

Christus und der jüdische Schächer: Als Tatsache unmöglich, als Symbol unglaublich, als Märchen wertvoll.

Jappes hatte sich unter dem Namen Dr. Golliwog ins Fremdenbuch eingetragen. Er ließ sich und seinen grauen Gast in einem Separatzimmer bedienen: „Wünscht Herr Doktor jetzt schon zu zahlen?“ dienerte der Kellner, erstaunt, weil Jappes ihn um die Rechnung bat.

„Ja!“ scherzte Jappes, „ich liebe es nicht, mit einer Schuld ans Meer zu gehen, man weiß nie, wo man bei einer Seefahrt landet. Das Essen und den Wein zusammen, bitte.“ Der Fremde und der Kellner lachten zu dem Scherz. Jappes zog eine schwergefüllte Banknotentasche hervor, blätterte durch die braunen und blauen Scheine, warf die Tasche nachlässig zur Seite und langte nach einem kleinen Maroquintäschchen, faltete ein großes Trinkgeld für den Kellner zurecht, zahlte die Zeche, brannte eine Zigarre an und ging mit dem eilfertigen Fremden zum Strand.

Wer ein Stück Wegs am Meer entlang auf Lohme zugeht, merkt bald, wie der Weg zum Pfade wird und zwischen den massigen Kieselklötzen eingeengt kaum Platz für einen Strandläufer bietet. In fremder Begleitung ist es gefährlich im Gänsemarsch zu gehen, dachte Jappes und hüpfte nebenher von Stein zu Stein wie die Springflut. „Oh, ich liebe es, über die Steine zu springen,“ wehrte er der Einladung des Fremden, im Pfade zu gehen, „das Meer, das Meer, es macht mich ganz trunken, ganz toll. Drüben ist das Meer wilder, da lagern wir uns in der windgeschützten Tannenpflanzung hart am Wasser.“

Der Fremde trug seine graue Handtasche und schritt vorsichtig an den ragenden Kieseln vorbei: „Sie sind ein Schwärmer, mich hat das Meer auch immer begeistert.“ Die ewigen Wellen schluckten über die Kiesel und die Möwen zogen ihre schreienden Kreise tangierend an die wogende Fläche. Vom Hertha-See herüber ragt eine weiße Kreidenase ins Meer. Spült eine Welle heran, dann zerschellt sie an der kahlen Wand, sonst ist der Boden sandig und ein eilender Fuß kann bis zur nächsten Welle jenseits des eckigen Felsens sein.

„Sie warten die Welle ab und laufen hinüber,“ rief Jappes, „ich komme noch rechtzeitig hin und ein kleines Fußbad schadet nicht viel.“

Der Fremde lief mit steifer Bewegung und kam trocken hinüber. Jappes plätscherte durchs Wasser der antreibenden Welle und setzte sich auf einen abgerundeten Felsblock, der auf dem Trockenen lag.

„So stelle ich mir die Predigt am See Genezareth vor, erhaben auf einem Stein und mit dem Wellengang um die Wette brüllend. Setzen Sie sich einen Augenblick, fremder Freund, die Sonne malt die Wasser gerade rot. – Seltsam, heute früh haben wir nichts voneinander gewußt und schon flanieren wir zusammen am Strand. Wenn das Meer so rieselnd blutig ist, reizt es mich, peitscht mein Blut, mich ins Wasser zu stürzen, einen Menschen umzubringen und dazu zu brüllen, damit ich sein heilig-letztes Röcheln nicht vernehme. Die Wassergeister haben eine geheimnisvolle Kraft, die Undinen, Elfen, Nixen – der Meermann, das ganze Heer der Nebelmänner. Mich überläuft es kalt. Heiiih ... die ewig schwebenden Wellen, der lockende Wassertanz, das Spiel der tanzenden Geister.“ Er riß seine Pistole aus der Tasche und feuerte sie ins Meer. Der Fremde fuhr zusammen und kauerte auf einem Stein. Jappes krallte seinen Blick in die irrenden Augen des Gegners: „Meine Pistole trage ich immer bei mir. Meine siebenmal treue Freundin – einmal in Westerland auf Sylt – doch nein! weshalb die Stimmung verderben durch eine Raubmordgeschichte, die ich dort mit einem Fremden ... Puh, heiih ... keine Grillen! unsere Opfer sind uns alle sicher.“ Ein zweiter Schuß rollte übers Meer und Jappes sprang vor den Fremden.

„Ich bin ein Mörder!“ brüllte er im Sprung und zielte mit der Pistole in das aschfahle Gesicht. „Wie du, bin ich ein Mörder! Geh deinen Weg zurück. An mir kannst du dein blutiges Handwerk nicht üben! Heb deine Hände hoch, du verstehst die Parole ja: Hie Geld, hie Blut! Beim Mord geht es von rot auf rot!“ – Zog dem Fremden einen kleinen vernickelten Revolver aus der Westentasche, öffnete dessen graue Reisetasche: Ein Rock, Charpie und Watte, eine Mütze, ein Dietrich, Seife, Taschentücher und ein massives Brecheisen. Der Fremde starrte mit verlorenem Blick und eine wutverhaßte Linie zog sich um seinen Mund. Jappes warf ein paar Kiesel in die Tasche und schleuderte sie ins Meer. Machte dem Fremden ein Zeichen, daß er vor ihm hergehe.

Sie warteten zwei Stunden am Bahnhof und der Fremde fuhr mit dem Nachtschnellzug nach Berlin. Jappes löste ihm einen Fahrschein zweiter Klasse und reichte ihm die Hand bei der Abfahrt: „Ich hoffe, Sie brauchen keinen Zuschlag für die erste Klasse nachzulösen.“

SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Die Sünde ist eine Erbschleicherin, die auf den Tod der Tugend lauert.

„Meine ganze Mappe wird im Glaspalast ausgestellt,“ rief Pepy freudestrahlend und hob ihre Hand graziös an Professor Günthers Lippen. „Ich bin sehr glücklich und ich danke Ihnen vielmals, mein Freund.“

„Schön, schön, für seine Freunde muß man immer etwas Angenehmes tun können und es wird zur Pflicht, wenn man ein Talent fördern kann. Wir gehen ins Atelier hinauf, da können wir ungestörter plaudern. Gestört werden wir sowieso nicht, meine Frau ist mit einer Freundin ins Residenztheater.“

Sie stiegen die Treppe hinauf und die Läufer dämpften ihre Schritte. Professor Günther ging hinter diesem jugendbebenden Wesen. Sein Blick umfaßte die vollen geschweiften Hüften des Mädchens, die prall-molligen Waden, in gemusterten durchsichtigen Strümpfen gerundet. Er umfing ihre Bewegung, trank den Rhythmus, der von ihr ausströmte, berauschte sich an seinem glühenden Verlangen. Sein wild pulsierendes Blut trieb ihn, dieses rothaarige Kind zu berühren, ihr in lodernder Brunst seine Sehnsucht zu klagen, in ihrem weichen elastischen Busen zu wühlen, ihr heißes Fleisch zu küssen, jede Fläche, einzeln, lange, lange ... Er stolperte die Treppe hinauf, von der Begierde gepeitscht, von der Unsicherheit gefesselt.

* * * * *

Wer könnte die geheimnisvolle Macht des Fleisches bezweifeln! Sind die mystischen Verzückungen der Heiligen etwas anderes als erotischer Taumel? Sind die devoten Verzückungen der Klosterfrauen etwas anderes als saugende Erschöpfung im Andenken an das liebeglühende Herz des Erlösers? Ewige Gesetze des Blutes, die uns die Sinne verwirren, die uns im Rausch der kreisenden Säfte zum gesteigerten Leben führen. Göttlicher Funke der Empfindung, der du das Leben zur Wonne machst! Oh! die Wollust der schlingenden Arme. Oh! die Nähe der rieselumrauschten Umarmung. Oh! der Zauber der müden Gestalten. Taumel, Wirbel, Glut und Beben und selig still Versinken in sich selbst.

Günther und Pepy sahen keine Staffelei, keine Bilder. Ihre gegenseitigen Gedanken waren Wirklichkeit. Sie gehörten sich, von Mund zu Mund, von Fleisch zu Fleisch. Das Mädchen in erschrocken-erregter Erwartung erzitterte, als Günther ihr das gekräuselte Gelock löste, ihr glühendes Gesicht an seine pochende Schläfe drückte, ihr Stirn und Auge streichelte und in langer Umarmung ihre Lippen preßte. Sie begehrte diesen Mann, wie er sie begehrte. Ihre köstlich-reifen Brüste quollen aus dem gelösten Mieder, und Wonne durchschauerte den willenlosen Körper, als er seine Lippen zum Kuß hinunterneigte. Löste ihre leuchtende Unterkleidung und ihr Fleisch quoll hervor, perlend, blendend weich. Wundersam samtige Knie, die Fülle der flaumigen Beine, die Wölbung des bebenden Leibes, der dunkle Schatten der männlichen Sehnsucht. Günther hüllte sie ein mit den Blicken. Umschmeichelte streichelnd die lockenden Reize und seine Sinne stöhnten von der Marter des flutenden Blutes. Biß seine Zähne in das saftige Fleisch, das sich wehrlos dem Drängen entgegenspreizte, zuckend in betäubender Lohe.

Worte sind schwache Trabanten, wissen nicht von den Lüsten der Menschen zu sprechen. Und Taten sind stumm ...

Heilig ist die Lust, welche die Sinne berauscht, welche die Begehrenssehnsucht nach dem Tempel der Freude weckt. Mensch! entsprossen aus dem Mutterleib, ewig zieht es dich zum Mutterschoß zurück. Der Traum vom Kind, der Traum vom Weib wird nie so schön geträumt als unbewußt. O heilig-weicher Schoß! du birgst das Wunder einer Welt in Seligkeit aus nichts erschaffen. Fluch dem Schöpfer, daß er die Begierde nackter Zweisamkeit bei Tieren schuf! Ward der Mensch erniedrigt? Ward das Tier erhoben? Das Leben ist aus Lust geworden nach einem heiligen Schmerz im Mutterleib. Liebend hegt die Frau die Frucht, die ihr mit schmerzlich-banger Qual die Mutterschaft zerriß. Geheimnisvoll Gefäß der schmerzlich-süßen Lust! O Litanei der süßen Namen! Nicht Fleisch ist Schöpfer – Heiliger Geist aus jenem Wunderland, das die Erlösung in die Welt gesetzt. Marter ist dein Traum von Lust und alle träumen wir die martervolle Freude. Kelch der Gnade, du Labung des begierdevollen Opfertums. O Mater lacrimosa, hast du auf Golgatha das Wunder deiner Ueberschattung nicht verzückt beweint, als mit dem Sohnesblut das Mutterwort vom Kreuze tropfte? Weh deiner heiligen Ohnmacht, daß du den Tabernakel glückverklärter Herrlichkeit nicht künftiger Erlösung weihen durftest. Löwenmutter, die nur einen Sohn der Wüste schenkte, wende deine Huld den Armen zu, die deine Leiden in der Mutterwürde büßen.

Kunst und Leben: Traum und Wirklichkeit; Erwachen liegt dazwischen.

Pepy kannte kalte Marmormänner, die mit ihren toten Reizen keine Sinne kitzeln. Gips und Stein! so war die Kunst, kalt und tot. In dieser Nacht sprach der erste warme Mann zu ihr, den sie wie einen Traum erlebte. Fleisch und Blut! so ist das Leben warm und schaffend.

ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Es gibt Menschen, bei denen der Fortpflanzungstrieb stärker ist, als der Selbsterhaltungstrieb.

„Es reizt mich, dich zu heiraten mit allem Formelkram und allem Jirimiri. Dein angetrautes Weib! Ein Jahr vergeht im Flug, bis dahin bin ich dieses Abenteuers überdrüssig. Die Welt dreht bunt zu unseren Füßen, wir täten unrecht, uns nicht mitzudrehen. Wo ist der Weg, den diese Welt durchmißt? Sie dreht und dreht um Sonne, Mond und Sterne, und übers Jahr ist sie am selben Fleck. Vergiß nicht, daß die Drehung rasch ist und daß der Taumel uns die Richtungswerte nimmt.“

So sprach Armida und Calvandi grinste:

„Es wird ein seltenes Paar, und Seltenheit ist selten auf dem Torkelglobus. Ich werde dir am Tage treu und nachts dein Diener sein. Die Familie beruht auf Beischlaf, und das Glück des Kindes hängt vom Vatersegen ab. Mein Täubchen, komm, sei meine süße Maus. Die Ehehälften müssen sich zu einem Ganzen schlagen. Wir gehen los: zum Schöps, zum Paternoster, kehren heim in unsere trauten Brautgemächer. O holder Engel du! In meinen Tränendrüsen herrscht die ewige Ebbe, heute wär ein Tag, dem Glücke von der salzigen Flut zu spenden. Wie ist der Brauch allhier: darf man die ungeweihte Braut mit einem Kuß versehen?“

„Tu wie du willst und laß den Brauch für die Gebräuche.“

„Du honigsüße Lorelei. Laß mich den Inhalt deiner Waben pressen und meine Muskelkraft mit dir in der Umschlingung üben. Die Schnute fix! Wie feierlich die Gegend schweigt – – – Deine Fresse ist recht appetitlich, noch einen Kuß für deinen Lippenzwilling, bei Ehr, das ist der beste Liebesschilling.“

„Laß mich schnaufen, Arco, du bist grob.“

„Ich bin nie grob, manchmal stürmisch galant. Die Last der Ehe wird die Glut schon dämpfen. In Flittertagen darf man nicht empfindlich sein. Bist du nicht Mutter übers Jahr, dann sterben meine Vaterträume, die in der heißen Brust gehegten. Wie schön, von einer Frau geliebt zu sein! Arme Freundin, das kannst du nie erleben und mußt mit eines Mannes Liebe fürliebnehmen. Du hast mich doch lieb? Verzeih, wenn du dein Denken durch die Ueberlegung schändest.“

„Ich glaube ja und du?“

„Ich habe mich nicht lieb.“

„Und mich?“

„So lieb, wie wir uns beide gegenseitig lieben. Ich habe Sehnsucht nach den Hügeln meiner Träume, nach dem Tale meiner Sehnsucht. Treten wir ins Eden, ins Dorado, dein Michael ist abgereist, der am Garten der Armida Wache stand. Du bist die Schlange, ich der Apfel und der Teufel wird beim Pflücken geigen.“

„Jappes ist am Meer mit seinem Flammenschwerte und das Dorado steht dir offen. Vergiß nicht, daß der Teufel Kolophonium zum Fiedeln braucht. Die Schlange häutet sich noch nicht. Jappes-Michael muß sein Nein zum Ja für dich verwandeln. Das Jawort ist die Klausel der Geschlechter, und Michael ist eine Großmacht, die mit zähem Wall mein Ich umschlossen hat.“

„Weh mir der Qual, den Terminus noch abzuwarten!“

„Denk, daß du ein Mann und ein Franzose bist und einer Dame ritterlich entgegenstehst. Der Rittersinn soll nicht allein im Rosse liegen. Ich denke, deine Ahnen waren Ritter?“

Perversität und Genie treiben zum selben Ziel: dem Wahnsinn.

„Von meinen Ahnen soll ich dir erzählen, dem Stammbaum meiner Ritterschaft, mein Pedigree ... Vom: Hausgeist derer, die sich meine Väter nannten, von der Kette meiner Uren, die sich zum Gedeih des Stammes der Calvandi zeugten. Frankreich steht und fällt mit dem Geschlechte der Calvandi! Unsere ersten Streitrosse standen unter Ludwig dem Frommen, le Débonnaire. Nach dem Normannenzug ritten sie zum Grafen Eudes, als bei Karl dem Kahlen keine Wolle mehr zu scheren war. Der Stammbaum reitet durch die Wirren treu an königlicher Tafel seinem Glanze nach. Meine Ahnen waren kühne Zeitgenossen aller großen Taten; mit den Königen standen sie auf du und du, mit der Reihe derer, die man Ludwig nennt, auf geldvertrautem Fuß. Meine Phantasie illuminiert mir die Taten aller Louis, wenn ich an die Namen denke, die von ihrem Wesen Kunde geben; Ludwig der Fromme, der Dicke, der Junge, der Löwe, der Heilige, der Zänker, der Elfte, der Vater des Volkes, der Unglücksziffrige, der Sonnenkönig, der Namenlose, mit Maria Leszczynska ins Ehebett getraut, der Sechzehnte, den man vom Denken suspendierte. Die Philipp, Karl und Heinrich, die in den Ludwigslücken glänzen, haben meiner Ahnen Tätigkeit am eigenen Leib erfahren und sie für ihren Raub geadelt.

Seit der große Korse die Ländertafel anders malte, leben meine Väter vom Goldstaub der Jahrhunderte. Mein Vater war korrekt und zäh in der Verfolgung eines Zieles. Es soll kein Tadel sein: Drei Jahre ritt er an der Bahn entlang mit einem Terzerol, den Führer eines Zugs, der ihn zu spät aus der Provinz zu einer Freundin in die Stadt gebracht, zur Rechenschaft zu ziehen. Mit verhängtem Zügel hat er sein Roß am Zug entlang gepeitscht ... Da dämmerte im dritten Jahr in seinem geistverwirrten Sinn, daß er nicht wußte, wie der Führer war. Die Jugendtage hat er in heilig-augustinischer Versunkenheit verliebt, die Kirche wurde sein Refugium. Zur Vesperzeit sah man ihn mit einer Koppel Hunde und mit seinem Jagdgewehr im kühlen Raum der Kirchenwölbung, mit unverwandtem Blick die Frauen äugend ... Seltsam, keine lachte.“

„Die Ehrfurcht ist um die Ehre länger als die Furcht. Dein Vater war ein Feuergeist. Sein Hitzkopf ist dein Erbe. Ich liebe Männer, die sich Opfer bringen.“

„Ich nutze meine Zeit, eh auch der Wahnsinn mich befällt. Der Geist, der die Calvandi lenkt, wird müde nach dem ersten Drittel ihres Lebens. Kein Edelstein ist erblich in der Familie, der den dunklen Geist des Hauses bannt und seine Kraft für den Ruin des Trägers ins Spiel der Zeiten wirft. So sterben wir durchs Blut, das unserem Leben seinen Rhythmus leiht. Der letzte unserer Art wird nie geboren werden. Der Wahnsinn ist der starke Geist, das Absolutgesetz, das willenlos den freien Willen zwingt. Die transzendente Kraft des Wahnsinns schafft den Uebergeist. Und Priester dieses Geistes sind wir alle vom Geschlechte der Calvandi!“

Armida nahm seinen Arm und sie verließen Calvandis Zimmer.

NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL

Der Tod ist eine Allegorie, die aus einem praktischen Gebrauch entstanden ist: Dem Sterben.

Die Nacht ging Jappes am Hafen entlang. Aufgestapeltes Kistenzeug für den Versand der Fische türmte sich ins Dunkel. Lastkrane griffen in die Luft. Traniger Petroleumgeruch schwängerte um die Kohlenschiffe, die in den Docks lagen, wie schwarze Seeungeheuer. Toter Fischgeruch kam mit dem scharfen Seewind. Der Leuchtturm am Ende der ins Meer getriebenen Mole zwinkerte sein abwechselnd erlöschendes und aufflackerndes Licht herüber. Jappes wunderte sich, daß der Hafen so regungslos lag, wie ausgestorben. Keine Hafenschenke mit wettergebräunten Gesichtern, keine Schnapsräusche und Schlägereien. Und die Stille tat ihm weh im atmenden Rhythmus des flüsternden Windes. Kam an den Eingang zur Mole; las eine Warnungstafel: „Das Betreten des Molo bei Sturm oder Nebel ist verboten!“ Das Wasser leckte an dem massiven Gemäuer. Er kletterte vom Fahrdamm auf die breite Brüstung, die ihren blankgespülten Streifen zum Leuchtturm zog. Ein Passagierdampfer mit schiefen Schornsteinen schlief friedlich in der Brut der schwarzen Fischerbarken. Jappes sprang über das spitzstäbige Geländer und stieg die Treppe hinauf, die zu den Lichtschlitzen des Leuchtturmkopfes führte.