Fetzen

Part 14

Chapter 143,436 wordsPublic domain

Sein Leben setzte sich neben ihn und blätterte mit ihm in der Erinnerung. Seine Art Leben war erschöpfend, aber nicht befriedigend. Vielleicht kannte er die Ansprüche nicht, die er an das Leben stellte, er wandte nur Kräfte an, die dem Unterbewußtsein entsprangen, und sein Ziel war der Zufall. Sein Ziel war allerorts. Weshalb war er so geworden? Die Jahre reihten sich aneinander, immer kleiner, entfernter, bis sie irgendwo um die Ecke bogen, wo Leben und Unleben sich scheiden. Zeiten, deren Substrat sein Leben war. Kämpfe, Glauben, Schwankungen, Zuversicht. Er trieb im Leben, getragen von der starr-unsichtbaren Gesetz- und Zweckmäßigkeit des sittlichen Auftriebs. Er speicherte seine Kräfte auf, immer bereit zur Entladung, zum Schlag, zum jähen Panthersprung, federnd, instinktiv.

Im Strome, der ihn trug, trieben Episoden, zerstückeltes Leben, verronnene Träume. Er überholte die irrenden Fetzen, und die Jahre woben daraus sein gobelinhaft-allegorisierendes Reliefleben. Die Tage standen da, starr wie Stangen; trugen Fahnen oder trugen keine, trugen bunte wehende Wimpel oder graue hängende Tücher. Manche Tage hatten auf Halbmast geflaggt, die toten Tage der Sehnsucht. Er sah eine ragende Flaggenstadt. Die grellen Farben töteten das Grau und die Oriflammen, er sah seine bewegte Welt der wogenden Fahnen. Wie oft war er die verschlungensten und unsichersten Pfade gegangen, die Pfade, die jeden Augenblick aufhören konnten, irgendwohin weiterzuführen. Aber ihn hatten sie in die große Lichtung geführt, wo die Tatsachen des Lebens in ihrer Nichtigkeit zerstoben.

Das Meer atmete seine stickigen Nebel in die Nacht und die Stille kroch über das Wasser. Pepy trat in seine Erinnerung. Das rothaarige, blutbebende Mädchen. War sie die Braut des Engländers ...? Hatte sie den Weg der Lust schon beschritten ...? War ihr junger Leib in den Zuckungen des Taumels erbebt ...? War sie noch Pepy oder hatte sie den Stempel der gierigen Lust schon empfangen ...? Er litt seine Sehnsucht nach ihr, er fühlte seine schmerzliche Liebe, litt in seiner Seele beim Gedanken an das unberührte, hingebungsvolle Mädchen, das in den Jahren der unbewachten Begierde ihr Leben entscheiden mußte. Er riß sich los von den quälenden Gedanken und durch den Nebelflor klang sein Gebet in die Nacht: Ruth, mein Rudibub!

Weshalb kam er nicht von Armida los, von diesen schwebenden Wesen ohne Begierden und voller Lüste! War es der Reiz des Zwittergeistes, der in ihr steckte? War es die lockende Kraft ihres ernst-tändelnden Daseins? Weshalb lockte ihn das Meer? Die Fragen verwirrten ihn. Gab es überhaupt eine Antwort darauf? Er folgte ihr, weil er wollte, weil er mußte. Er folgte dem hüpfenden Irrwisch, dem tänzelnden Flämmchen. Er folgte! – Calvandi erschien mit einem sarkastischen Grinsen, mit seiner ermüdeten Geilheit in den Augen. Jappes krampfte die Finger zusammen. Er dachte an die foltereinsame Nacht im Park der Winterstein. Weshalb ließ er sich von Armida befehlen, weshalb war er vor Calvandi gewichen? Mit dem Finger schrieb er die Antwort in die Nacht: Feigling! Dachte an seinen Spaziergang mit dem Fremden am Strand und an die graue Sorgentasche, die er ins Meer geschleudert hatte. Wo war der Fremde? In Berlin. Wo war Calvandi? Bei Armida. Wo war Armida? Bei Calvandi. Eine heiße Blutwelle schoß ihm in die Schläfe. Er war tolerant, duldete, daß seine Freundinnen Freunde hatten, war liebenswürdig gleichgültig gegen sie. Weshalb betrog er sich in seiner laxen Liebe! weshalb duldete er alles mit erlebter Selbstverständlichkeit?! War er ans Meer gegangen, um Armida einen Gefallen zu tun? ... Nein! er war Calvandi ausgewichen, und das Bewußtsein der duckenden Feigheit folterte ihn.

Jappes opferte zu vielen Göttern.

Der Mord geht durch die Nebel und küßt seine Opfer.

Feucht von dem haftenden Nebel trat er in eine Schenke. Dunkle Teerjacken hockten an den schmierigen Tischen, stützten die Ellbogen auf und stierten in die Fuselgläser. Schnapstrinker reden und lärmen wenig. Sie rauchten aus braunen Erdkloben und hatten die Mützen im Nacken. Ueber dem Schanktisch nickte die verhutzelte Wirtin. Sie schien ihre beste Kundin zu sein. Dann und wann kam sie mit trunkensicheren Schritten und schenkte die Gläser voll bis scharf an den Rand, ohne einen Tropfen zu vergießen. Die Trinker stießen ihren Gruß vor sich hin, ohne nach dem Eintretenden hinzublicken. Jappes setzte sich an ihren Tisch und bestellte eine Runde, bestellte eine Flasche, eine zweite. Bestellte Kautabak, schob einen Priem in die Backe, gab die Spirale weiter. Die Fischer bissen hinein und das Feuer in ihren scharfen Augen hinter den schweren Wimpern begann zu glimmen, wurde zur Lohe gesteigert. Es waren nicht mehr die stummen Trinker, die in Gedanken um ihr geplagtes Dasein den Schnaps hinuntergossen, als hätten sie Bewußtsein vom Unrecht, das sie sich taten. Der Alkohol war ihr Sorgenbrecher, der sie von der Erde loslöste, sie aus der Fron der strengen Tage herausriß in höhere Gefilde, wo sie wieder zu ihrer Natur kamen, sich stark fühlten und frei, den Augenblick der Beseligung genossen und keinem armseligen Erwachen entgegendachten. Und sie tranken, tranken, weil ein anderer zahlte und wurden froh dabei.

Da saßen die massiven Gestalten und brachten Gesundheiten aus, erzählten Jappes irgendwelche Begebenheiten, die ihnen gerade einfielen; die Wirtin war näher getreten, lehnte an der rauchbraunen Holzwand, horchte auf die Erzählungen, mit denen sie seit Jahren vertraut war, aber horchte, weil sie einem Fremden erzählt wurden. Jedes Wort kam stoßweise wie eine Bö, wie ein Ruderschlag, und die Erzählung schwamm sicher weiter.

Sie erzählten ihr Leben ohne Murren, ohne überhobene Freude; erzählten von ihren Leistungen, jeder war ein Held, ein Sieger in den Gefahren. Was hatten diese Männer erlebt neben ihrer Arbeit! Seenot, gekenterte Boote, tote Kameraden, zerrissene Netze. Das Meer war ihnen Fluch und Segen. Die Türe flog auf. Ein junger Fischer mit federnden Schritten trat ein, er roch nach der frischen Nacht. Die Trinker blieben in atemspannender Erwartung und sogen die Kühle, die von der Tür kam. „Ein Glas!“ dröhnte der Fischer, riß ein Gewehr von der Schulter und stampfte mit dem Kolben auf den Tisch. Das Hutzelweib brachte ein Weinglas Schnaps. Die Gläser klangen zusammen, der Fischer musterte Jappes scharf und stieß sein Glas an das seine: „Prost! Das fließt wie Oel und brennt wie Feuer,“ rief er, und die Wirtin füllte sein Glas wieder voll.

„Heute können wir dir gleichtun,“ sagte ein Trinker mit schwerem Baß zum jungen Fischer und, auf Jappes deutend: „Der Fremde zahlt eine freie Nacht.“

„Ich zahle eine freie Kugel,“ gab der Junge zurück, „es geschieht ein Unglück. Ihr wißt, daß gestern nacht ein Boot mit einer Leiche ans Ufer getrieben wurde. Ich kam vom Hafen herauf. Da stand das Boot auf dem Sand mit der angefaulten Leiche.“ – Dann schleuderte er sein gefülltes Glas in die Ecke und ergriff sein Gewehr: „Jan Meeren fand ich bei meinem Weib,“ brüllte er wutbebend, „hier ist sein Tod! Am Morgen bin ich zu den Sakramenten gegangen und habe die Hostie aus dem Munde genommen, ins Gewehr gesteckt und in die Sonne geschossen. – So bin ich himmlischer Freischütz geworden ...“

Dann hatte er die Tür aufgerissen und war in die Nacht hinausgegangen. Niemand wagte über den Teufelsschützen zu reden – sein Vorhaben war zu ungeheuerlich, zu satanisch, zu gerecht. Ein alter Seebär saß in der Ecke und weinte. Die Fischer sagten: er ist schwermütig, und wenn er Schnaps trinkt, muß er immer weinen. Als er jung war, gab es keinen fideleren Burschen auf der ganzen Insel, und keinen verwegeneren. Einer flüsterte Jappes ins Ohr: „Vielleicht hat er einmal eine Hostie gestohlen!“

Ein Holländer, der mit zwei Pinken im Hafen lag, sang mit breiter wässeriger Stimme:

„Lust en rust mijn genoegen,“ kippte sein Glas leer, sabbelte sein schnapsgeschwängertes „Aannemen“ hervor, warf einen „blanken gouden Willem“ auf den Tisch: „Ik heb geen kleingeld bij mij. Kun je mij wisselen?“ Die Wirtin hob den Willemsd’or auf, als wolle sie ihn auf seine Echtheit prüfen: „Ich kann nicht wechseln,“ schnäpselte die Alte und ließ das Stück auf den Tisch klinkern. „Ich zahle die ganze Zeche,“ rief Jappes der Wirtin zu, „lassen Sie dem Mann das Geld und bringen Sie uns noch eine Flasche.“

„Ik dank U, mijn-heer,“ empfahl sich der Holländer, „hier verkoopt men sterke dranken,“ und er beschrieb einen unsicheren Bogen nach der Tür. Die Nacht ging zur Neige und die Schenke war voll Qualm und Fuselduft. Die Trinker sägten im Schlaf, daß die Stube zitterte. Jappes zahlte die freie Nacht und zahlte eine zweite. Draußen dachte er an den Freischützen, der einen Gottesraub begangen hatte, um die Schmach zu rächen, die ein anderer ihm angetan hatte durch Benutzung seines Weibes.

Der Morgenwind spielte im Sandrohr. War es nicht wie eine Toteninsel? Was sollte die seltsame Leiche bedeuten? Ein Unglück? Eine Rache? Und er dachte an den Freischütz, dachte an Arco Calvandi.

Auf der Post gab er ein Telegramm auf: Tante Ida empfangen Sie mich um Schillers willen, Jappes.

Draußen brannte die Sonne in Gluten.

VIERZIGSTES KAPITEL

Die Rezensenten sind Organe, und der gute Ton gebietet, daß man gewisse Organe nur mit dem Anfangsbuchstaben andeutet. Hier ist er zufällig A.

In Tempelhof war Abendunterhaltung. Bewegliche Damen in hauchiger Toilette, Blumen, Gekicher, Sorbet, Wein, Liköre und Protz. Die Zimmer reich ausgestattet, halb modern, halb orientalischer Stil. Teppiche, Kissen und kostbares Pelzwerk. Ambraduft im molligen Retirado der Damen. Auch die Galane hatten Zutritt, wenn sie nicht rauchten.

Am Abend wurde wenig geraucht.

Geladene Gäste und Freunde des Hauses. Der dicke Winterstein, die Ursache des Reichtums, seine panachierte Gattin, Henny, die Tochter, die knospende Fülle der bräutlichen Flavia. Jappes, der Bummler, der Musiker Friedrich Wilhelm Berendtsen, Doktor Nepomuk Keupe, der Bräutigam der holdumstrickten Flavia und andere verschwindend kleine Größen zweiter und dritter Ordnung. Bediente hasteten wie Ordonanzen im Hauptquartier.

Doktor Nepomuk Keupe schrieb die Waschzettel bei Scherl für Nikolausbücher. Er war durch Ullstein gegangen. Er hatte viel Gutes getan und manch armes Geschreibsel mit den wärmenden Worten bezahlter Anerkennung bekleidet. Aber in den Büchern war noch allzuviel armselige Nacktheit unbekleidet geblieben. Er führte die Unterhaltung bei den Damen, sprach ihnen über die polizeiliche Notwendigkeit der Kritik: „Die Kritiker sind die Regulatoren der Moral, die Gegengifte der Schamlosigkeit und der Frivolität. Gegen angemessene Bezahlung wissen sie die Frivolität in Unflätigkeit umzumodeln, die Schamlosigkeit in Würdelosigkeit. Die Kritiker sanieren die ethische Begriffsverwirrung des Volkes, sie stellen die geistige Hausapotheke mit den genießbaren Mixtürchen zusammen, versenden die anregenden Baldriantropfen gegen die Ohnmacht lasziver Versumpfung, machen das Publikum gefeit gegen das große Gift sittlicher Perversität, durch Verabreichung des schleichenden Giftes in erprobter Dosis. Deshalb schufen die Verleger die verantwortungsvollen Posten der Rezensenten, welche der Nacktheit wenigstens eine Schwimmhose überziehen.

Der Kampf gegen die Unmoral ist auf der ganzen Linie entbrannt, wenn die Kritiker auch das letzte Mittel noch nicht gefunden haben, die Nacktheit wirksam zu bekämpfen. Der Kampf gegen die Bekämpfer der Konvention ist eingeleitet. Die Kritik ist sich ihrer kulturellen Verpflichtung bewußt, sie tritt ein für eine höhere Geistigkeit, auf ihrem Banner weht das Motto des gesteigerten Ethos. Gebrandmarkt! die an der bestehenden Ordnung rütteln, gebrandmarkt! welche die Anarchie der Empfindung predigen, gebrandmarkt! die mit den heiligsten Gefühlen spielen, die mit unersättlicher Ironie und gleißendem Witz das Intimste persifflieren, die Heines der modernsten Salons, die ihre Federn an den obszönsten Mätzchen wetzen. Dreimal Pfui! den schamlosen Vaterlandsverrätern, welche, in fremdem Sold, das Teuerste ihres Volkes, wie eine Kurtisane auf der Straße ihre Reize, feilbieten. Pfui und Elend dem eklen Geschmeiß, das wie Heine die edelsten Triebe in der Pfütze der Zote schleift. Pfui! Pfui! Pfui!“

Die Damen horchten der sittlichen Entrüstung, die sich wie ein Donnerwetter aus der schwül-gespannten Atmosphäre des Doktors entlud. Die Dramatik der polternden Verdammungsrede hatte die Damen eingeschüchtert. Doktor Nepomuk Keupe stand wie der wetternde Moses, der in seinem heiligen Zorn die Gesetzestafeln vor den umtanzten goldenen Kalbsfüßen zerschellte. Jappes hörte mit lächelnder Aufmerksamkeit zu, wie der zähe Jude Heine heruntergerissen wurde, wie der Doktor sich ins weiche Pyjama moralisierender Stoffe drapierte, um seine abscheuliche Nacktheit zu bedecken. Er trat näher zu dem witzigen Köter, der mit sittlichem Gebelle in der Nacht seiner Verworrenheit den guten Mond Heine ankläffte. Horchte den holprigen Dithyramben, die er auf das Lob des Judenfressers und Ueberjuden Bartels sang, weil er Heinrich Heine den letzten Tritt versetzt und ihn mit kluger Umständlichkeit hinter die spanische Wand gebettet habe. Lauschte den literarischen Mätzchen des kritischen Urteilsbeamten, der die Schablone zum Symbol erhob, der an literarhistorischen Expektorationen litt, welcher zufälliges Genie vom armseligen Postament bürgerlicher Unzulänglichkeit beurteilte.

Jappes trat zu der Gruppe: „Sie gestatten,“ er stellte sich vor: „Jappes Paul.“

„Doktor Nepomuk Keupe.“

„Wenn Sie so viele Jahre Universität hinter sich hätten wie ich, wären Sie nicht mehr so klug,“ wandte sich Jappes an Doktor Keupe. „Sie haben das Lob der Kritik gesungen. Entschuldigen Sie, wenn ich mich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Das klang alles zu hanebüchen, zu geschraubt. Ueberall gibt es Pharisäer und Schriftgelehrte, die den Heiland der Wahrheit kreuzigen. Glauben Sie nicht, daß Heine nach dem ewigen Gesetz der Kausalität geworden ist, nach dem unwandelbaren Prinzip der Genialität? Sie sprechen ihm Würde ab. Konnte er als Notleidender würdevoll sein? War es nicht sein gutes Recht, die Talmiwerte der Kultur zu verstoßen? aber in den Goldkammern hat er nicht geplündert, wie die zivile Clique der gedungenen Häscher der Gesellschaft. Die stinkige Jauche, die aus den verschrobenen Gehirnwindungen des Literarhistorikers Bartels floß, hat die Asche Heines nicht besudelt. Er hat Heine den Eselstritt gegeben. Heine hat den Tritt erhalten und uns Sterblichen blieb der Esel zurück.

Es gibt nur eines zu beweisen: Daß Heine Deutscher war. Hat jemand Schöneres und Tieferes aus der sehnsuchtkranken tiefen deutschen Seele geholt als der Dichter der trauerliebenden Lieder? Weshalb wollt ihr kriechenden Verleumder beweisen, daß Heine schlecht war! Zweifelt ihr nicht selbst an der Wahrhaftigkeit des Urteils? Wie könntet ihr sonst beweisen wollen! Weshalb sucht ihr die Läuse des großen Meisters zu fangen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, eine solche Laus ist erhabener als ihr, denn sie hat vom lebendigen Safte des Dichters gesogen, derweil ihr euch am Aas genugtun müßt, Leichentöter, Leichenschänder! Heine war sittlicher denn ihr. Seine Selbstanalyse, seine Selbstironie war seine Beichte und seine Buße. Seinen Leichnam habt ihr für Gold verkauft. Schacher habt _ihr_ getrieben mit den Gefühlen eures Volkes.

Treitschke verurteilt Heine, weil dem Dichter der historische Sinn abgeht. Sollen wir Treitschke verurteilen, weil ihm der lyrische Sinn fehlt?

Heine war das unendlich gute Enfant terrible der Literatur, die grollend-fluchende Güte. Es ist keine Vermessenheit, Heine mit dem alttestamentlichen Gotte zu vergleichen, mit dem ewig fluchenden, verwünschenden, zermalmenden Urwesen, das die Erde trotzdem nicht auf die rotierenden Gestirne prallen läßt, selbst wenn die Zornesader auf der göttlichen Stirne zum Platzen schwillt. Hättet ihr Heine verstanden, ihr steifen Zwerchfellträger, wie unendlich feiner könntet ihr eure Tartüfferie zum Dogma absoluter Glaubwürdigkeit ausgeben. Weshalb rührt ihr beständig in der Odelgrube, wenn der Gestank euch so verhaßt ist?“

Jappes stieß einen Luchspelz mit dem Fuß: „Man sollte sich schämen, im Kragen über solche Dinge zu reden. Die Sorte Leute kommt mir wunderlich vor. Wie ein Mensch, der ein Schloß sieht und nur über dessen W.C.s redet, die sicherlich sehr nützliche Institute sind und in besonderen Nöten alle Achtung verdienen. Lesen Sie Heines Lieder und die Wunder seiner Prosa und lesen Sie ein paar Seiten gehässiger Polemik im Stile Bartels ... Na! dann haben Sie das Schloß und die W.C. Die Leute haben recht, so zu urteilen, aber sie sollten ihren Unrat in aller Stille umrühren, wenn der ahnungslose Bürger friedlich schlummert!“

Herr Doktor Nepomuk Keupe reichte Jappes die Hand: „Sie ereifern sich, mein Herr, die Auffassung Barthels’ ist durchaus nicht meine Meinung. Sie haben recht, die unsaubersten Handwerke verhelfen am schnellsten zur Pinke. Das Pamphlet Bartels ist eine Verquickung von Augendienerei und Patriotismus in verschrumpelter Form. Bartels beißt den Heinekenner heraus, er ist nur eine notwendige Verwesungserscheinung des lyrischen Leichnams.“

Die Damen atmeten auf, als das Gespräch die abschüssige Kurve gefährlicher Reibereien passiert hatte und in der flachen Bahn des gegenseitigen Ausgleichs weiterrollte. Jappes verglich die Kritiker mit Spinnen, die ihre Netze ausspannen und auf ein neues Werk lauern, um es auszusaugen, wenn es klein genug ist, um die Maschen nicht zu zerreißen. Er bewunderte die Unermüdlichkeit der literarhistorischen Spinnen, die mit seltsamer Ausdauer ihre Netze immer wieder neu weben, wenn ein zu großes Tier achtlos durch ihre Netze jagte.

„Ihre Vergleiche sind entzückend,“ sagte die besorgte Flavia, „sie sind von seltener Treffsicherheit. Sie können so weitermachen, Herr Jappes,“ fügte sie in freundschaftlichem Tone hinzu.

„Meine Gnädigste,“ wandte sich Jappes an Flavia, „die besten Vergleiche sind die, welche man nicht macht. Würden die Dummköpfe das Gegenteil von dem sagen, was sie denken, sie würden die Welt in Staunen setzen.“ Ein Ventilator zischte am Fenster: „So wird man immer ausgepumpt von den vielen unsichtbaren Ventilatoren der Umgebung,“ fuhr er fort, „puh, ich hasse diese Saugmaschinen, solange sie kein absolutes Vakuum erzeugen. Mich reizt es, eine Zigarette zu rauchen, wenn die Damen gestatten.“ Er empfahl sich und ging ins Rauchzimmer. Doktor Nepomuk Keupe folgte in kurzem Abstand und nahm in einem für die größten Dimensionen berechneten Klubsessel Platz. Sie sprachen über Romane, über neue Schöpfungen, über neue Richtungen. Kramten ihre Weisheit aus über Sturm und Drang, über die ewigstarre Klassik, gedachten der Romantik im sehnsuchtkranken Hölderlin, hechelten das junge Deutschland und die klassizistischen Epigonen. Trafen auf den Naturalismus voll strotzender Berühmtheiten, wagten sich an den Expressionismus mit seinem ewig-ineinanderfließenden und ewig-voneinanderstrebenden Naturalismus und individuellen Mystizismus: der Schleier der Maja, jeder sah die Welt, die er sich brennend in der Seele schuf.

Was ist die Kunst anders als das Evangelium für die Evolution des Geistes! Sollen wir die Prediger verdammen, welche die grellen Widersprüche zwischen Lehrern und Schülern predigen, zwischen Vätern und Söhnen, zwischen lebender Kultur und toter Tradition? Die Jugend hat recht in ihrer Kraft, im Schatten des Alten darf sie nicht zum Krüppelwesen werden. Weshalb will man den wenigen Olympiern das Monopol des Geistes zuschreiben? Haben nicht auch die Kleinen das Unrecht ihrer Umgebung gesehen, erlebt, erlitten? Es ist nicht genug, daß Christus mit göttlichem Pathos die Bergpredigt in die Welt verkündet hat, seine Diener wiederholen und variieren die Gedanken des göttlichen Redners, werden nicht müde, sie dem Volke in allen Tonarten mundgerecht zu machen mit der Kraft der wiederholten Behauptung. Ihr nüchternen Skribenten des grünen Tisches! Ihr habt nicht das Recht, den Kleinen den Mund zu wehren – denn ihr gehört selbst dazu. Die Kleinen, die Auflehnung predigen, die Gleichheit fordern, die nach Freiheit lechzen, nach der Freiheit der Entwickelung, die den Kampf des Ichs predigen, die Selbstbehauptung, die Selbstwerdung. Nicht alle sind Künstler des Wortes, nicht alle geben sich die Mühe, die Gedanken im Rhythmus der fließenden Sätze zu prägen.

Weshalb wollt ihr euch müde klauben, ihr Lohnarbeiter der gewerblichen Feder, um herauszuschnüffeln, zu welcher Kategorie ein Schriftsteller gehört. Alle passen in euer Prokrustesbett, denn die Gedanken sind dehnbar und mit euren sophistischen Messern wißt ihr die gangbarsten Ideen zu amputieren. Ihr findet leicht einen Leisten, die Haut, welche der Schriftsteller zu Markte trägt, darüber zu schlagen. Ihr findet expressionistische Bauern, klassische Säuglinge und dadaistische Esel. Suchet und ihr werdet finden.

Die Damen fanden die beiden Herren in erregtem Gespräch, gestikulierend, erhitzt, in gesteigerter Unterhaltung. Doktor Nepomuk Keupe hatte gerade eine Parallele zwischen Mark Twain und Sophokles beendet. In beiden liegt dasselbe, man muß ihre Worte nur umkehren, aber nicht zu gleicher Zeit. Jappes verglich das Feuer d’Annunzios mit dem Feuer von Henri Barbusse und punktierte die Pointe, die Damen zu schonen. Der wahre Doktor Keupe und der falsche Doktor Jappes saßen auf den braunledernen Klubsesseln wie auf Schlachtrossen und mit kritisch geschlossenem Visier brachen sie die literarischen Lanzen. Die Achtung gegen die Damen schrieb ihnen ein anderes Thema vor: Ueber religiöse Mystik und mystische Religion. Was das wohl mit Weibern zu tun hat? Sie verglichen Wassermanns Christian Wahnschaffe, den werdenden Franziskus mit Dostojewskis Aljoscha, der mystischen Blüte des russischen Startzentums im epileptisch-sittlichen Verbrecherreich der Karamasoff.

Den Damen wurde die Zeit zu lang (dem Leser wohl auch!) und ihre Mündchen strafften sich faul zum Gähnen. Fräulein Flavia unterbrach die gelehrte Oede:

„Redet mal etwas Vernünftiges, ihr Kampfhähne, ihr macht einen Sums, als ob ihr euch gegenseitig verschlingen wolltet. Es kann euch ja gleich sein, was Homer über Bismarck gedacht hätte. Redet meinetwegen über die Unsterblichkeit der Maikäfer oder über die antediluvialen Memoiren eines Mammuts an seine Geliebte.“

Jappes dachte an Ida Telluren.

EINUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Die Gesetze der fallenden Wasser schließen die Wirbel nicht aus.

Professor Günther erwartete Pepy mit unruhiger Begierde. Ging im Atelier hin und wider, dachte an den weichen Fluß ihrer Glieder, an ihre quellende Ueppigkeit, fühlte die wohlige Nähe ihrer sprießenden Jugendlichkeit. Strich sich mit sieghafter Gebärde über die Glatze: Ja, sie war sein geworden. Sie hatte ihn begehrt, ihn, den alten Knaben, sie, die wogende Jugend. Sie würde noch oft kommen, immer, ihr blutiges Erstlingsopfer unblutig erneuern. Er wühlte sich in die Vergangenheit. Mit wollüstiger Inbrunst dachte er an die Freundin, die ihn in Jugend hatte aufleben lassen.