Fetzen

Part 15

Chapter 153,588 wordsPublic domain

Ein hastiger Klingelzug riß ihn aus seiner Träumerei. Pepy stand an der Tür, reichte Professor Günther die Hand und trat zaghaft ein. Sie fühlte sich unfrei in diesem Tempel ihrer Schuld. Was lockte sie in dieses Haus, wo sie das Opfer ihrer Nacktheit gebracht hatte? Wie unruhig war sie seit jenem ersten Abend gewesen. Wie konnte die Besorgnis sie foltern, die Sorge um ein Kind? Hatte sie den Verführer nicht in der leidenschaftlichen Hingabe begehrt! Hatte sie die Sünde nicht aufgesucht! War sie nicht selbst verantwortlich für den Verlust ihrer Unschuld! Wie ungeheuer erhob sich die Anklage: Dirne, in den Armen eines verheirateten Mannes! Buhlerin um die eitle Gunst deines geschmeichelten Ehrgeizes! Was für ein Opfer hast du gebracht, um vom betäubenden Weihrauch des Ruhmes zu riechen! O Schmach deines Leibes! O Fluch deinem Verhängnis. Umsonst die Tränen, welche die Gewalten des Blutes bändigen sollten. Die erschlaffende Leere nach jener Nacht, die verlorene Mädchenehre und als Entgelt die düstere Schmach der verhängnisvollsten Verworfenheit. Nein! es konnte nicht sein, alles war Einbildung. Ein Kind von Professor Günther, unmöglich! nie würde sie wieder zu ihm gehen, nie, nie wieder. Pepy wagte nicht aufzuschauen. „Gehen wir spazieren,“ bat sie, „den ganzen Tag habe ich gearbeitet und möchte ein wenig ins Freie.“

Günther überlegte eine Weile: „Gut, gehen wir in den Englischen Garten, hinaus nach der Isar.“

Am Brunnhaus saßen sie am künstlichen Wasserfall. Das Rauschen umspülte die Ohren. Das seltsame Rauschen der fallenden Wasser. Weiden standen, nickend übers Wasser gebeugt, und der Wind raunte in den schattigen Bäumen. Günther nahm Pepys Hand. So saßen sie umkost von den rauschenden Wassern.

„Wir taten unrecht,“ flüsterte sie. Er blieb stumm und drückte einen Kuß auf ihre Hand. War das eine Antwort? eine Entschuldigung? eine Anklage? oder war es ein Ausweichen? Das zischende Quirlen der schäumenden Wasser riß die Antworten im Wirbel mit. Pepys Hand lag schlaff in der seinen, so zag, so weich, so versonnen. Günther steckte diese Ermattung an. Er kapitulierte vor der geschlechtlichen Geschlossenheit des Mädchens, dessen Sinne sich gegen den Mann wandten, dessen Gefühl aber noch auf seiner Seite war. Erhabenes Wunder der Mädchenliebe! Das Opfer der Nacktheit bleibt immer rein vom Makel des Hasses. Die Liebe verklärt jene erste Stunde zum Bild, zum gesteigerten Erlebnis. Geheimnisvolle Macht der Hingebung, der ersten Offenbarung, der hoffenden Erfüllung!

Die Kontraste türmten sich in Pepy. Hier Liebe, dort Schmach. Hier Leben, dort Schande!

Jeder würde um ihre Tat wissen, ihr Kind würde unehelich sein. Sie dachte an Jappes: „Die in der Gemeinschaft der Begierde Gezeugten sind nicht unehelich!“ Taten nicht tausend dasselbe in der Ehe im liziten Verhältnis der gemeinsamen Zeugung! Die Gesellschaft würde sie verurteilen, wie sie jede Ausnahme verurteilt, die kurzsichtige Gesellschaft mit der Massenmoral, mit ihren Massenbegierden. Ihr Leben flackerte auf in greller Einsamkeit – ihre Mutter! – Was war ihr jene unglückselige Stunde gewesen, der sie mit verhaltener Empörung fluchte? Ein schauervoller Schmerz, ein schmerzlicher Schauer. Das Warten auf die Entscheidung würde nur graue neblige Qual sein, manchmal durchzuckt vom grellen Schein der Lust, der ersten gesteigerten Lust. Und die Geburt würde Qual sein, eine markzerreißende, erschütternde Qual. Drunten quirlten die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten ein Leben und zwei.

Günther hielt die tote Hand, verlor den Kontakt mit den Instinkten des Mädchens, brütete starr vor sich hin, ohnmächtig im Kampf gegen die Natur der Dinge. „Wir taten unrecht?“ ... dazu die grollenden Durakkorde der fallenden Wasser. Die Oede berührte ihn mit den saugenden Händen der Leere. Die Ueberlegung lähmte seine Empfindung. Fort von der narrenden Fratze der Sorge! Er dachte an ein Gespräch mit Pepy: „Die Tochter des Malers Geraldo ist verdammt, den Weg ihrer Mutter zu gehen. Von Schuld kann man nicht reden und Sühne kann niemand verlangen. Das Rätsel der Vererbung der sittlichen Schuld ...“ Wer war dieses Mädchen, das seine Gier des Geschlechtes wieder aufgeweckt hatte? War sie vielleicht eine Uneheliche wie Geraldos Tochter? War sie in ihm zum Verhängnis gereift? Er durfte keine Schuld an Pepy haben, er, der starke Mann der Seelenleben. Könnte er nicht eine Unschuld schaffen, wie er die Schuld erschuf? Konnte er Pepy nicht verleugnen? Sie erneut in seinen Bann zwingen? „Nur sittliche Kräfte können der sittlichen Schuld begegnen ... Die sittlichste Rechtfertigung ist, die Schuld durch Ueberredung des Geistes zu tilgen durch Abstraktion von der Wirklichkeit.“ Wie bequem, von der Wirklichkeit zu abstrahieren. Ein leichtes, wenn Jappes nicht wäre, der Hitzkopf, der brutale Draufgänger.

„Haben Sie Nachrichten von Ihrem Freunde Jappes?“ fragte er forschend.

Pepy erbebte. Großer Gott! Jappes? Sie dachte an Golliwog und die glückdurchbebten Tage in seiner vulkanischen Nähe: „Er ist in Stuttgart. Es geht ihm gut, ich habe viele Briefe erhalten aus Berlin, vom Meer. Jappes ist der beste.“

„Wann fahren Sie in die Ferien zu Ihren Eltern?“

Ein jäher Aufschrei der marterdurchzuckten Seele, ein schriller Schrei durch die Nacht: „Geraldo!“ Pepy lag erschlafft an Günthers Arm gelehnt, kein Laut, kein Schluchzen, kein Atemzug. In Günther tanzten die Gespenster den verwirrenden Reigen und drunten quirlten die schäumenden Fluten und lockten, lockten ... lockten ein Leben und zwei – – – und lockten ein drittes.

ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Der Zufall ist eine männliche Dirne, man kann mit ihm machen, was man will, und er ist für jedermann da.

Tante Telluren holte Jappes am Bahnhof ab. Sie hatte aufregende Nachrichten erhalten. Jappes’ unverhofftes Telegramm, eine Verlobungsanzeige.

„Armida – Arco Calvandi grüßen als Verlobte.“

Wo blieb Jappes, ihr Traum, der Freund Armidas? Nun war er gekommen. Sie stand vor ihm mit feuchter Wimper und wußte sein fröhliches Lachen nicht zu deuten. Sie dachte, er würde ankommen, geknickt, voll Liebesharm, bleich, unglücklich. Und nun sprang er lustig aus dem Wagen, warf ihr einen Blumenstrauß in den Arm, küßte sie auf die weiche Tantenhand, hastig, übermütig, sprudelnd, berauschte sich voller Entsetzen an seinen Worten – ja! sagte er nicht: „Tantchen, ich bringe gute Nachricht, Ihre ausgezeichnete Nichte ist verlobt, mit einem schönen, reichen, jungen Mann, mit einem witzigen Kavalier, jeder Zoll ein Gentleman.“ Alles ging so schnell. Er riß sein Portefeuille hervor und reichte ihr eine Photographie: Arco Calvandi, sprühend-listige Augen, schlanker, voller Wuchs, schmatzende Lippen, korrekte Gebärde und Drill in der Haltung.

Die Menschen wogten vorüber, pustend, keuchend mit schwerem Gepäck, Tränen und Lachen. Ida Telluren stand wie ein Pfeiler in der brandenden Flut des hastenden Gewoges: „Arco Calvandi!“ aber auch gar keine Aehnlichkeit mit Friedrich Schiller, keine Locken, keine klassische Nase, kein Typ, kein Charakter. Da brach Jappes das Schweigen, die bohrende Ueberlegung.

„Wie freue ich mich, daß ich Sie sehe, Tante Telluren!“

„Und ich! ... und ich!“

Er nahm ihren Arm und erzählte ihr vieles, was er von Calvandi nicht wußte, erzählte ihr die prickelnden Schauer der Saßnitzer Stunden. Brachte Grüße von Freunden, von entfernten Verwandten, einen Gruß von Armida und Arco Calvandi. Die Verlobten kämen in nächster Bälde nach Stuttgart, die Tante zu sehen. Ida Telluren erbebte; aus Freude, aus Sehnsucht, aus Vorwitz, wer weiß! Sie sprachen von den Plänen der Zeit, die in die Zukunft ging, sprachen vom Wetter, von den tückischen Launen der jagenden Winde, schwärmten von Helios, der drüben am westlichen Himmel die Rosse ins Feuermeer lenkte, sprachen und schwärmten und füllten die Pausen mit privaten Gedanken.

„Du mußt an dein Examen denken,“ begann Ida zu trösten, „dann wirst du die trüben Gedanken verscheuchen, welche dich seit Armidas Verlust umschwirren. Arbeit ist ...“

„Gut, wenn sie gemacht ist,“ fiel ihr Jappes ins Wort, „und ich habe keine trüben Gedanken. Uebrigens, wenn das Herz der Sitz der Liebe ist, müßtest du mir Ruhe verschreiben, weil Ruhe für kranke Herzen der einzige Balsam ist. Aber wie soll ich Ruhe finden?! Doch nein, Tantchen, behandeln wir mein Herz nicht, es ist noch nicht krank. Eine Freundin, welche heiratet, ist kein Verlust. Ein bißchen Vakanz schadet dem fleißigsten Herzen nicht. Die Leidenschaft hat ihre Gesetze und Rechte. Ich habe Zeit und bringe den Bruch meines Lebens auf einen Generalnenner: die Liebe, das Verhängnis, die Schuld, man kann das Leben durch alle teilen. Ich habe einen Weg und kein Ziel und die Zukunft ist eine weiße Steppe. Tante, in Saßnitz hat ein Fischer den Buhlen mit einer Freikugel zu töten geschworen, hat ein heilig-hohes Verbrechen begangen, die Hostie gestohlen in frommer Brunst und die Liebe in Rache gewandelt. Die seltsame Kraft des heiligen Blutes im gläubigen Herzen! Tut der Fischer unrecht im Herzen? Der Kirche hat er den Treueid geleistet, als sie ihm die Frau antraute. Nun hält er den göttlichen Eid mit einem teuflischen Schauer. Es ist kein Widerspruch in dem widerspruchsvollen Geschehen. Er sühnt die Schuld und verpfändet die Ehre auf Leben und Tod. Ich sah ihn vom heiligen Schauer getragen, als er seine Ehre zu rächen gelobte. Es gibt Verbrechen, die erhabener sind als die edelste Tugend.“

Sie traten in die Wohnung von Ida Telluren. Die Zofe brachte labende Atzung und eine feurige Flasche Lacrimae Christi. In Idas Zügen wechselten Lichter und Schatten in rascher Folge. Die Gestalten drängten sich und die Fülle der schnellen Gedanken. Der Fischer ... Armida ... Verbrechen ... Rache und Schwur ... Jappes ... Calvandi ... Sühne und Schuld und die geschändete Ehre des Mannes ... Kein Bissen berührte ihre Zunge. Tante Telluren dachte an den rächenden Fischer, dachte an die Freikugel und ihre blutige Bestimmung. Weshalb hatte Jappes sein Erlebnis erzählt? War sein Fall nicht ebenderselbe?

Ein Träumer kann nichts Geistreiches über den Traum sagen.

Es traf sich, daß Jappes am Empfangstage der Tante nach Stuttgart kam. Ida Telluren gab einen kurzen Tee und Jappes ging auf sein Zimmer, müde von der Reise und müde, fremde Gesichter zu sehen. Er stöberte in seinen Büchern und Zeitschriften, die Tante Telluren wie Kleinodien verwahrte. Fand einen Artikel von Doktor Seraph, der in einer dunkel-gelehrten Dissertation die Geburtenhinterziehung abhandelte.

Der Doktor verfocht die juristischen Thesen über das keimende Leben, betonte das verbrecherische Vorgehen der Aerzte, die ihre operative Praxis in den Dienst der Vernichtung der Leibesfrucht stellten. Bekämpfte die Ansicht, man könne vor der Geburt kein Leben vernichten, verwies auf die Mittel, die Empfängnis zu verhindern, warnte vor den Gefahren, welche die Mütter bedrohten, redete in menschlich-klinischer Sprache und abstrahierte von jeglicher moralischer Abschreckung. Vertrat die Ansicht, selbst wenn ein Kind nur statistisches Material sei, dürfe sein Leben nicht gefährdet werden, sei das Mädchen durch die uneheliche Geburt der Schande preisgegeben, an sich aber ein wertvoller Mensch, so müsse man im Prinzip die Hilfe verweigern, weil der Wert ein relativer Begriff sei und den Prinzipien absolute Gültigkeit zugesprochen werden müsse.

Er schloß seinen Artikel mit einem Aufruf an die Aerzte: Brüder in Aeskulap! Seien wir unserer hohen Verantwortung eingedenk. Die geringe Widerstandskraft des kranken menschlichen Körpers und die mißlungenen Operationen haben eine große Bresche in das Vertrauen zu uns gelegt. Verhindern wir, daß man uns wegen einer ehrlosen Praxis gegen das keimende Leben den Vorwurf freiwilliger Tötung entgegenhalte. Statt durch die Häufigkeit unserer Hilfe „in derartigen Fällen“ zahllose Mitwisser unserer verbrecherischen Schuld zu schaffen, statt Hehler und Mördernaturen zu fördern, treten wir geschlossen auf gegen das Vertrauen der schöpferischen Lust, das man uns entgegenbringt ... und, fuhr er fort, ist es nicht vernünftiger, dem Volk und der Gesellschaft die Freiheit der Zeugung durch die gehäufte Zahl der unehelichen Geburten zu predigen, als das ewig-verbrecherische Dunkel um das natürlichste Geschehen zu weben! Weshalb hat die Kirche die Barriere des Ehekontraktes zwischen Mann und Frau aufgestellt! Hat die dogmatische Tugend die Triebe besiegt? Nein! Weshalb gibt sie der Natur die Freiheit der Leiber nicht zurück? Weiß sie die Zwangslage der gegenseitigen Hingabe nicht zu lösen, weshalb schafft sie die Gewissenskonflikte und zwingt zu äußerer Ehrlichkeit auf dem Weg des Verbrechens. Was ist unsere Moral anders als die Umgehung der Natur der Dinge, nur Schein und Trug, ein Phosphoreszieren der faulenden Tugend!

Jappes las nicht zu Ende. Er hatte die Abhandlung gelesen, weil sie von Doktor Seraph war. Ein Gedanke hatte sich nicht losgeschält aus dem starren Satzgefüge. Er gab sich keine Mühe, über seine eigene Stellungnahme zu Seraphs Problem nachzudenken. Er las nur zerrissene Sätze, sah Stichwörter, verlor den Zusammenhang. Was sollte das theoretisierende Geschreibsel bedeuten? Was sollte ein Artikel ändern können?

Jappes war müde. Er setzte sich ins Sofa, blies Zigarette um Zigarette in den Raum, und die Stille tat ihm wohl und die bläuliche Wolke, die im Zimmer schwebte. Wie die Wolke wuchs, kamen seine Gedanken und unterhielten sich mit ihm. Sollte er Ida Telluren nicht heiraten? Es wäre ein lustiger Witz. Er würde die Tante glücklich machen und aus ihrem Glücke Zufriedenheit schöpfen. Die Idee war so kühn, daß er nicht lachte und noch eine Weile damit spielen wollte. Er würde sein Leben ändern, ihm eine andere Plattform schaffen, von wo aus er es beobachten könnte. Er würde nicht mehr der Insurgent Jappes sein, weit entfernt! Ein neues Operationsfeld, ganz andere Kräfte würden sich in ihm entwickeln. Er würde ein Mann, ein Gatte sein! ... Wer weiß, was noch!

Er trat ans Fenster, dann durchmaß er das Zimmer mit hastigen Schritten. Bekannte Gestalten erschienen: Calvandi voran, Herr Arco Calvandi am Arm einer Fischersfrau, die gleißenden Wogen, die brausenden Fluten, der Fremde am Strand und die graue Tasche, ein trockener Knall, ein Fischer, das Gewehr in der Faust, sprang in ein Boot und Armida rang die Hände am Ufer. Pepy trat herzu, legte ihren Arm um die weinende Armida und küßte ihr die Augen trocken, mit weichen glühenden Lippen. Wirbelnd kam der Sturm über die grollenden Wasser getanzt ... dann war plötzlich alles licht und heiter. Jappes griff sich an die Stirne: Leben, Leben, blutigrotes, ich tanze mit den wirbelnden Fetzen!

Die Türe ging lautlos auf und Ida Telluren erschien, im Blick eine hastige Frage: „Jappes, du darfst nicht allein bleiben. Gott! und der Rauch, du rauchst ja wie ein Aragonier. Du bist so erregt, du darfst dich nicht überreizen. Schone dich, Freund, die Nerven, die Nerven.“

Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und in seiner Pupille stand ein glühender Funken.

DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Die Mystik ist eine geschlechtliche Depravation, man findet sie nur bei Enthaltsamen oder bei Ausschweifenden.

Jappes wohnte bei Ida Telluren. Sie waren sich gegenseitig ihr Fall. Er brauchte Ruhe und sie brauchte Leben. Sie wandelten die Nacht in Tag. Seine Worte flossen in Ida Telluren wie ein Bächlein in den Sand floß. Sie absorbierte seine hastige Rede und die drängenden Ideen. Die Nacht verging im Flug in der Glut der glühenden Lichter. Ida Telluren lauschte dem gesteigerten Leben, lauschte den fließenden Worten des Freundes. Hörte die seltsamen Kämpfe, die Folge der unglaublichen Widersprüche, horchte, horchte und horchte – ihre Seele trank von dem eilenden Rhythmus, trank sich trunken an der lohenden Eile, an der eilenden Hast. Trank den Becher zur Neige, den die schäumende Gegenwart reichte. Wie die Wolken des Alltags zerstoben! Wo blieben die lästigen Sorgen der irdischen Zeiten. Alles war Leben und nichts war Leben. Gesteigerte Kräfte, die sich zur Höhe türmten. Oh! Ihr Freund war groß. Sie sah sein Leben im Flug entgleiten, wie ein Spiel sah sie sein Leben entschweben. Sie dachte: Jappes ist groß und lauschte den Worten, die wie glühende Tropfen durch die Stille der Nacht gingen:

Leben! du Traum der unerlaubten Begierde. Gnade der Zeit! Sehnsucht der Nächte in Stille gehüllt. Lauernde Gluten zur Trauer geworden. Bewegung, die sich lärmend am Gestade der Nacht gebrochen. Weltflüchtige Begierde im Kreisel erschöpft. Leben in tanzenden Fetzen, Leben in wirbelnder Glut! Leben zum Wahnsinn gepeitscht, Leben, Leben, Leben, dreimal heilig-rotes Leben! Lüge der Zeiten, die Blößen zu hüllen. Schauer der Nacktheit in der Kühle der wallenden Nebel ... Ein Leuchtturm am Strand, umbraust von den wiegenden Fluten; ein Boot, von der Kraft der Ruder getrieben, zum Ziel, zum Turm, zur ewigen Leuchte. Der Leuchtturm wich in die Ferne, die Sehnen erschlafften, und ein Sturm trieb das schwanke Fahrzeug über Wirbel und Schlünde, dem Hafen entgegen, wo die Winde schliefen, dem Strande entgegen, wo die Wasser leckten, die Schiffe zerschellten ... Welt der pochenden Aengste, ewigwiederkehrende Fluten der Zeiten. Träume der dämmernden Nächte, Nichtigkeit der fiebernden Stunden. Hysterisches Bewußtsein der Größe der Welt, Rätsel des Kosmos durch ewige Bahnen gelenkt, rotierender Wahnsinn der schöpferischen Allmacht, Genie, in welchem Gott und Welt zum ewigen Zwecke verschmolzen, Geister erlöst von der Schwere des Leibes, Odem von Gott in den Dreck geblasen, zum Menschen erniedrigter göttlicher Hauch, Liebe des brünstigen Fleisches zur Hymne gewandelt, Halleluja der singenden Engel im ewigen Taumel der heischenden Freude erbebend. Selige Schauer! Gieren nach Lust der dienenden Triebe. Vorstellung und Welt, die eine der Pol, die andere die unendlich ferne Polare.

Mit der Nacht wuchs die Ferne, die Stille, und der Ernst trug die leichten Gedanken zu Grabe. Ida Telluren hörte das Geheimnis, das von den Lippen des Freundes floß, als draußen die Sterne in Gluten erbebten. Hörte, wie Jappes geworden im Spiel der Kräfte, im blinden Vertrauen der kühnen Gewalten. Staunte, daß er die Tage in Keuschheit verlebte, daß seltsam-tierische Kräfte die zwingenden Kreise um sein irrendes Leben zogen. Hörte die strenge Askese, die er in schwüler Umgebung übte, wie entsagende Abtötung ihm Spiel und ohne sittliche Größe ward, ein aktives Leben im Banne zynischen Widerstrebens, ein rätseltrunkener Geist, der dem Leben die Lösungen nahm und tändelnd die eilenden Tage verfolgte. War sein Leben nicht fremd? nur das Erbe vergangener Geschlechter: Liebe und Haß und Freude und Trauer, die ewig starren Attribute jahrtausendalter Seelen, die irgendwo im Leben standen, liebten, haßten, frohlockend, in Trauer sterbend, – das schwanke Erbe ausgelebter Tage. Das Bewußtsein war sein eigen, das Wissen um das Sein der angeerbten Dinge, das Bewußtsein, daß sein Ich der Träger altererbter Güter sei.

Jappes beichtete der Tante den Inhalt der entschwundenen Tage, alles war Umriß und Skizze, ein Nippen von allem in zäher Begierde, ein zerstörendes Genießen, ein Hungern der Seele in der genußvollen Fülle. Ihm fehlte die Kraft zur Lust und der Wille zur Freude, er war ein entsagender Dränger, ohne Hoffnung, im Leben etwas für sich zu gewinnen, kein Christ, kein Held und kein Sektierer moralischer Dogmen, er war, wie er war, bei allem dabei, wie ein starres Idol ohne fühlende Seele, ein Lachen zur Trauer, zur Freude ein skeptisches Grinsen. Ihm war nichts genug für seine weite Begierde. Weshalb ging er den Weg durchs Leben? Weshalb trat er die Erde geformt aus der Asche der Ahnen? Weshalb trank er den Hauch der atmenden Menschen? Weshalb bot die Erde dem einen so viel und weshalb war sie ihm so verschlossen? Sein Leben war reich an Erfahrung, an Befriedigung arm. Er war zu allen bereit, zäh auf der Suche, die Werte der Jahre zu finden. Auf seinem Weg lag die Zwittergestalt des Lebens, der Zwitter befriedigter Gier und enttäuschter Wünsche.

Jappes war die Straße gegangen, ohne daß sich der Zwitter regte. Ueberblickte er die wachsenden Jahre, so sah er die indifferenten Blüten der Lebensflora am Wege stehen: befriedigte Enttäuschung und enttäuschte Befriedigung, Blumen, die man nicht liebt und nicht bricht, Blumen, die nicht stören und weiterblühen; man möchte sie eben so lassen, weil es Blumen des Lebens sind.

Das Gleichgewicht ist die lähmende Kraft, die das aktive Leben zur Ruhe dämpft, zur nagend-kriechenden Ruhe.

Ida Telluren verstand den ganzen Sinn seiner Worte nicht. Auch die Worte waren nur Skizzen und drängende Hast. Jappes sprach, wie Menschen reden, wenn sie von intim-inneren Sachen erzählen, ein karges Wort, ein bedeutungsvolles Zeichen – – –

Sie fühlte sein Wesen in mimosenhaft-mütterlicher Ahnung. Was war ihr der Mann, der sein Leben erzählte? War er ihr Freund und noch mehr? War er ihr mehr als ihr Kind, das ein Objekt ihrer Träume geblieben? Seine Seele war Sehnsucht, wie ihre Seele, ein Bächlein zur großen fließenden Sehnsucht. Und Ida Telluren fand manchmal den Weg der träumenden Stunden, die wie schwebende Lichter die Jugend erhellten. Das schüchterne Sehnen des knospenden Mädchens, in Purpur erglüht, sich mit dem Ewiggeliebten des Geschlechtes zu einen. Sie fühlte die Trauer vom ewigen Scheiden der schwebenden Sehnsucht im Raume der Liebe. Sie erbebte vor der fahlen Oede ihrer abgeschlossenen Tage, die sie seit jener Zeit verlebt, als ihr Geliebter den schattigen Pfad der sterbenden Seelen betrat. Wie unendlich reicher wäre ihr Leben gewesen – sie fühlte, wie ihre Gedanken dem Abgrund nahten – die Frucht ihres Lebens war in der Blüte geblieben, sie ahnte, wie unendlich arm ihre lebhafte Seele dem Sturze entgegenging. Sie fühlte die schmerzliche Wonne ersterbender Liebe, die noch einmal im Fieber verklärter Bewußtheit erzittert. Wie kam ihr die Kraft, die schmerzliche Liebe zu tragen, die ersehnte Verheißung zu missen, der Lust zu entsagen, die zuweilen die Seele durchwühlte? Sie stand am Friedhof ihrer kalten Tage und ließ die lebendige Seele vom Hauche der Sehnsucht umwehen. Oh! schauertiefes Leiden der Frau. Oh! trauerlebendiges Herz. Du kannst den Schmerz nicht fassen, der in ewig-wiederkehrendem Rhythmus dein Blut durchkreist. Einsam stehst du in der Nacht der fernen Geräusche und harrst der Stunde, wo dir Erlösung wird. Du zählst nicht die Zeit, hast kein Maß für die einsam-tiefen Stunden, du harrst in der Nacht, bis die Sehnsucht stirbt im sengenden Odem des Geistes, der von Mitternacht über die Gräber weht. Frau! dein Kanon ist Liebe, dein Priester der Traum und du bist das Opfer der ewig-blutigen Rätsel.

Die Stille lag zwischen Jappes und Ida Telluren, lähmte die Zunge der keimenden Worte. Ihre Seelen lagen im Zwiegespräch und vermählten einander die wachsenden Gefühle der Einsamkeit. Draußen streute die Nacht die Ruhe und von ferne kam der junge Tag mit blutiger Lanze, die Träume zu scheuchen. Ihre Seelen griffen ineinander und ließen die Liebe werden, die Liebe der verbotenen Geschlechter. Tante Telluren erstickte ihre Trauer in einem Kuß auf Jappes’ Stirn. Er erhob sich mit elastischem Sprung und küßte der Tante die perlende Wimper.

„Tante, ich bin ein Flegel mit sanften Pfoten.“

Sprach’s und ging auf sein Zimmer.

VIERUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Die Tiefe einer Frauenseele liegt in ihrer leidenschaftlichen Aufopferung, die Zähigkeit liegt in der Verteidigung ihrer Ehre.