Fetzen

Part 16

Chapter 163,698 wordsPublic domain

Pepy ging über die Straße, ging durch die Anlagen, unruhig, unsicher, verwirrt. Die Ferne zog sie an mit unendlicher Sehnsucht. – Am Horizont ihrer lichten Tage ballten sich die Rätsel der dunklen Gewalten, die Macht über sie gewonnen hatten. Da standen die Bäume in strotzendem Laub und träumten der Höhe entgegen, die Blüten, die unter den saugenden Küssen der Bienen erstarben, da standen die Gräser im Spiele der Winde. Was ist eine Blüte, ein Baum, ein Gras im spielenden Wind? Was ist die Sonne im kreisenden All, die unendliche Glut der schöpfenden Zeiten? So ging ihr Traum in die Ferne, die Antwort zu suchen, das Glück und die Ruhe zu finden.

Welche Macht hat dem Menschen doppeltes Sehnen in die Brust gelegt: die Sehnsucht nach der Lust und die Sehnsucht nach dem Paradies? Die beiden Sehnsüchte töten den Menschen, weil sie Kräfte sind, die unabhängig voneinander wirken und deren Kraftrichtungen in den Tod gehen. Der jahrtausendalte Mythos von Kalvaria ist eine Wiederbelebung des Sehnens nach dem verlorenen Paradies. Christus hat die Menschheit nicht am Kreuze erlöst, er hat ihre Sehnsucht neu belebt, die Sehnsucht nach den Bildern unserer erträumten Verheißung. Die blutige Theatralik auf Golgatha! Gott als das absolut inaktive Wesen am Querholz haftend, appelliert an sein höheres Ich, an seine potenzierte Väterlichkeit, jammernd, klagend, verzweifelt: Eli, Eli, lama asabthani! Verzweiflung, welche die Lust besiegte, dem Leib entsagte, durch den Tod die Freiheit schuf, den Traum der Sehnsucht nach dem Paradies erfüllte. Ein Gott, der durch Verzweiflung an sich selbst die Welt erlösen wollte?! ... ein neuer Traum!

Am Himmel zogen die Vögel ihre Kreise, flogen nieder in langen, gleitenden Spiralen. Die Stadt lag hinter Pepy, die Anlagen des Englischen Gartens breiteten ihre Wiesenflächen aus, breiteten sie hin ins fließend-goldige Sonnenlicht. Der Kleinhesseloher See mit seinen schattigen Inseln lag in der Fläche wie ein dämmernder Traum. Am Ufer spiegelten sich zitternde Türme und wehende Bäume. Ein Schwan trieb durch den spiegelnden Abend. Eine geräuschvolle Reihe quakender Enten schwamm aus dem Riedgras und ihre Bewegungen zeichneten große Wasserkeile, in deren Spitzen je eine Ente schwamm. Pepy setzte sich auf eine Bank, zitternd, zagend, erbebend. Weshalb war sie gerade nach dem See gegangen? Es war nicht die lockende Kraft des Wassers, die sie anzog. Irgendeine Sehnsucht trieb sie hinaus, irgendeine lauernde Unruhe scheuchte ihr Wesen, gebot ihr, ins Freie zu gehen, ins Unbegrenzte, gebot ihr, die Seele von der Lüge der Umgebung zu lösen. Das Mädchen empfand die brutale Kraft, die sie jagte, als eine schmerzliche Erniedrigung, sie fühlte, daß sie nichts gegen die Ohnmacht vermochte. Sie fühlte, daß ihre Ohnmacht eine Kraft war, die sich in ihr nach innen betätigte – die ermattende Kraft der überflüssigen Einsamkeit!

Pepy entfaltete einen Brief, den ihr Jappes von Stuttgart geschrieben. Sie las die hastige Schrift und die Fülle der sanften Gedanken.

Rudibub, mein lieber!

In Stuttgart sitz ich am Nesenbach und wohne bei Ida Telluren. Du weißt, sie ist von der Gattung der Tanten. Tanten sind von Gott geschaffene Apparate, den Ruhm der Dichter zu fördern. Ich habe meinen Beruf doch gänzlich verfehlt, sonst könnte ich unmöglich die Kollegien alle schwänzen. Wäre meine Schrift besser, ich wollte Aktuarius werden und die Wonnen des Alters erwarten: Pension und Rheuma. Oh! süßer Klang der süßen Namen. Mein Fenster geht auf die Straße, ich höre, wie drunten einer das Lob der Stockfische preist: Die beste Qualität zu den niedrigsten Preisen. Für einen Stockfisch muß es doch ehrenvoll sein, öffentlich angepriesen zu werden. Anzeige und Reklame sind die unglücklichsten Sündenböcke und der literarische Geschäftsgenius der Händler bürdet ihnen die gröbsten Schnitzer auf. Gestern – ach, es ist schon so lange her – habe ich einen Ausflug mit der Tante gemacht, du wirst leicht erraten, wohin. Wir sahen eine Anzeige in einem feinen Lokal:

Landwein aus hiesiger Gegend, direkt vom Besitzer auf Flaschen gezogen!

Verzeih mir, Pepy, wenn es mich an die Urinflaschen meiner Patienten (!) erinnert. Es ist jedenfalls ein seltenes Phänomen, ein Mann-faß zu finden, aus welchem man Wein auf Flaschen ziehen kann. Aber der Wein war sehr gut und hat mich zu einem großen Konsum veranlaßt. Die Tante hat mein Wesen beruhigt. Als ich ankam, war ich in Aengsten und Sturm und mein Geist war in steter Revolte. Ueberall, wo ich hinkomme, ist der Reiz für das Leben verschwunden, der Schmelz ist verwischt und ich finde immer die fertige Frucht, ohne den lockenden Hauch der Reife. Ich finde Häuser und keine verschlossenen Türen, die Pforten sind klaffend, und ich sehe die Wirklichkeit durch die Spalten grinsen. Ich habe zu viel gesehen, um zufrieden zu sein. Vielleicht ist es die Frau, die uns jagt und die wir jagen, und welche das weibliche Rätsel in tausend Formen variiert, um sich und uns die Sinne im Banne zu halten. Mein Leben hat keine Zukunft, weil ich keine Rätsel sehe. Hinter alle Türen habe ich geschaut, hinter alle Kulissen und Fenster. Mein Blick ist von allem leer geblieben. Darum weiß ich immer, was ist. Es gibt kein Rätsel außer uns. Wir sind unser eigenes Verhängnis –

Mein Rudibub, ich freue mich, Dich wiederzusehen. Es wird eine Wendung in meinem Leben werden. Ich lasse die grauen Reflexionen, um Deine Stimmung nicht auch noch zu unterminieren.

Manchmal muß ich den Flegel wecken, damit er die bösen Geister vertreibe. Er peitscht sie immer alle hinaus. Und das ist mein Trost, denn Flegel sind stark und die seichten Geister der nagenden Qual sind feige. Ja! feige Qual der schleichenden Sorgen – wo Kraft ist, ist Glück! und Pepy, – wir wollen in Zukunft einander vertrauen. Wir wissen um die Kniffe des Lebens, wir kennen die Zicken und Schrullen der Tage. Mein Rudibub, Du siehst, ich schreibe mich immer ledig vom Krame der Sorgen. Bald sehe ich am Leben die mürbende Qual, bald sehe ich die lachende Fratze. Januskopf der bittersüßen Zwittergestalten, wo sind die Pole des Leids und der Freude, die eure unendlich fernen Blicke erwarten? Wir wandern die Bahnen, die zu den Polen führen und wir bleiben alle am Wege liegen, die einen näher, die anderen ferner. Ich halte Einkehr in mich und bin auf dem Weg, ein Franziskus zu werden. Die Gloriole der Heiligen wird langsam gewoben. Wir sind allzumal Sünder, doch ist die Gnade der Vergebung unendlich. Wem Gott die Gnade der Sünde gab, dem wird er die Gabe der Tränen nicht wehren.

Pepy, wenn ich nach München fahre, müssen wir ernste Gedanken tauschen. Du siehst, ich habe meine Seele ein bißchen abgestaubt. Ich bin dem Einfluß Armidas entgangen, wenn ich mit mir auch noch nicht ganz im reinen bin. Sie will eine Probeehe eingehen. Armida ist stärker als ich, und es ist mein erstes ungelöstes Rätsel, weil ich nicht weiß, wie ich zu diesem Weibe kam – und mein zweites: wie ich wieder von ihm kam. Kurz, ich bin fort und erwarte den Tag, an welchem ich Dich wiedersehe. Vielleicht hast Du auch ein Rätsel für mich, denn Du schreibst mir ja von sonderbaren Dingen, die in Dir vorgehen.

Rudibub, es freut mich, Deine tüchtigen Arbeiten im Glaspalast zu sehen. Du kannst Dir Glück wünschen, daß Du Professor Günther auf Deiner Seite hast. Entschuldige, wenn mein Brief zu tantenhaft klingt, ich erzähle Dir, in welcher Verfassung und in welcher Umgebung ich ihn geschrieben habe.

Deinen Lippen sage ich meinen Gruß und denke Dein als

Golliwog.

Schwester, mein Gebet sind Tränen, die ich in deinem Tempel weine, aber du hörst es nicht. Vor deinem Tempel steht ein Leierkastenmann, er singt dir, daß niemand außer ihm zu dir betet, und deshalb weine ich.

Pepy weinte, als sie den Brief gelesen hatte. Es war so viel Jappes drin und sie wußte das am besten. Sie würde ihm ihr Geheimnis anvertrauen müssen. Er würde es anhören und noch ein gutes Wort finden. Sie hatte Professor Günther einen Besuch versprochen. Die Zeit war längst vorüber. Aber sie mußte zu ihm, zu irgend jemand, reden, weinen. Sie ging den Weg zurück, ging an Günthers Garten vorbei, ging um das ganze Viertel, stand an seiner Türe still, sah die Klingel und ging wieder fort ... noch einmal bis ans Ende der Gartenumzäunung, dann würde sie schellen. Sie fand keinen Mut dazu ... bis zum nächsten Viertelglockenschlag. Auch der verklang im fallenden Abend. Die Nacht kam mit den schleichenden Nebeln, die sich um die Häuser legten und die fernen Geräusche dämpften. Pepy wurde das Warten zur Qual und doch empfand sie eine Wollust, die Zeit hinauszuschieben ... noch zehn Schritte, dann würde sie klingeln, bis fünfzig zählen, warten, bis drüben das elektrische Licht erlosch, das einen Hausgang eine Minute lang erhellte. Sie maß die zehn Schritte, zählte bis fünfzig, das Licht erlosch und Pepy wagte nicht, an die Klingel zu rühren. Sie lehnte an der Tür, und die Sehnsucht trug ihre Aengste der Ferne entgegen.

Schritte kamen übers Pflaster, Schlüssel rasselten. Professor Günther schrak an der Tür zusammen, dann raffte er sich auf zu einem flüchtigen Wort: „Fräulein Pepy, Sie haben wohl lange gewartet? Ich bin kurz nach unserer verabredeten Stunde gegangen.“

„Ich hatte mich verspätet und bin zufrieden, daß ich Sie treffe. Sie müssen mir helfen, ich verlebe schreckliche Tage in Sorge und Bangnis.“

Günther zog Pepy fort von der Türe, übers Pflaster am Garten entlang und sagte ihr leise forschende Worte: „Einbildung! Du quälst dich mit unnützen Sorgen. Weshalb nimmst du das Schlimmste an, du weißt nichts ... Warte erst ab ... du kennst ja die Zeichen.“ Professor Günther sah Pepys erschrocken-büßendes Gesicht, das zu ihm durch den Schleier blickte und ihm mit starrer Pupille in die Seele drang. Er sah, wie ihre Lippen die Worte brachten: Die Blutwoche ist zum zweiten Male ausgeblieben!

Das war mehr als ein Urteil. Er war dem Verhängnis nicht gewachsen, für Mitleid war er nicht geschaffen. Er wollte fort, allein sein, das Kommende vorbereiten. Er ging neben Pepy, abgeschlossen, berechnend, verachtend. Sie ging ihren leichten, wiegenden Gang und fand nicht die Kraft, einen Gedanken zu denken. Und beide wurden durch seine Worte erlöst: „Entschuldige mich, Pepy, ich werde zu Hause von einem Kollegen erwartet, du kannst ja morgen am Vormittag bei mir vorbeikommen.“

Kein Gruß, kein gutes Wort. Eine „gute Nacht“ so kühl wie der Nebel, der in den Straßen lag. Ein paar hastige Schritte, eine Türe, die ins Schloß fiel, ein freudiges Bellen, das sympathische Quieksen der jungen Boxerhunde. Dann wuchs die Stille wieder in die unendliche Weite.

Pepy las Jappes’ Brief wieder im fahlen Licht einer zwinkernden Straßenlaterne.

FÜNFUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Wer es versteht, über Dummheiten nachzudenken, findet meist einen tiefen Sinn darin.

Armida und Arco Calvandi kehrten halbwegs Berlin-Stuttgart um. Sie hatte ein selten schön geschliffenes Parfümfläschchen aus Onyx vergessen, in welchem sie Fleur de Nice zu kolportieren pflegte. „Ich kann den Geruch der Menschen unmöglich vertragen, diesen fürchterlichen Hauch der atmenden Leiber. Ihren Blicken bin ich leichter gewachsen. Wie fallen die Nasen der Menschen mich an, gerade, als ob sie die Duftwolke durchbohren wollten. Ich hasse die schweißige Masse mit den staubzerfressenen Fratzen ...“ Sie schüttelte sich vor Unbehagen.

Arco stand fröstelnd am Perron und starrte in das Räderwerk einer Lokomotive. Das Warten machte ihn frösteln, obwohl die Sonne ihr Feuer noch sandte. Er kehrte sich zu Armida, pflückte das Monokel aus dem Auge und sagte mit runzeligem Blicke: „Die Masse hat dich nicht immer empört und es ist noch nicht lange, seit sich Liebe in Haß gewandelt hat. Du solltest die Masse nicht schimpfen, sie ist wie das Meer, welches das Elend des Grundes bedeckt und uns nach einem alten Gesetze trägt. Mir fällt nichts Geistreiches ein, darum mache ich Vergleiche: Das Meer und die Masse des Volkes. Viel unnütz Getier, manchmal ein leckerer Bissen, ein wertvolles Objekt für ozeanographische Museen. Obenauf schwimmen die Klugen, die Schlauen, alle fischen in dem großen Bassin, der eine den Hering, die Perlen der andere, Korallen der dritte, und so treiben die Barken oben mit den hungrigen Netzen und fischen die Massensubjekte. Zuweilen fordert die Masse ein Opfer, das Opfer sinkt nieder und die Wasser breiten den Schleier darüber. Andere schwimmen mit Luxusbooten und schauen die Ferne der schillernden Massen, träumen die Rätsel der fließenden Weite; jagen der Masse die Schönheit ab, steigern den Rausch zum Taumel, zum herrschenden Wahnsinn. Ihr Flaggenwort lautet: Wir sind die Herren der Meere! Ruhm trägt schnell über glatte Meere, doch wehe dem Boote, wenn es die Strömung trifft oder ein Spielzeug der wirbelnden Charybde wird. Dann nimmt die Masse Revanche und zeigt, wieviel Platz sie im Schoße für Größe birgt.“

Armida legte ihm die Hand auf den Mund: „Still, mein Freund, sonst machst du mir noch ein politisches Glaubensbekenntnis. Du glaubst an die bewußte Kraft der Masse, du schwörst auf den Terror, ich sage dir, Arco, die Massen sind unbewußt wie die Wasser, sie gehorchen den siderischen Gesetzen, nur Ebbe und Flut, Trägheit und Auftrieb! Die Segler sind die Herren des Abgrundes. Der Abgrund ist die einzige Kraft des Wassers. Die Stürme und Riffe sind Launen und Possen. Kluge Schiffer kennen die Zeichen der lauernden Wasser. Mir ist das Meer verhaßt, weil es brüllt, wenn es zerstören will. Wäre die Masse des Volkes lauernd, sie wäre die Herrin der Welt, aber sie tost gegen sich selbst, brüllt im Rausche der bluterstickten Emeuten und frißt an sich selber im schäumenden Gischt, durchwühlt die Tiefen der tierischen Triebe und besudelt sich selbst mit dem Schlamm der schlummernden Tiefe. Hast du das Meer schon bei Sturm gesehen? Es ist ein Chaos von wirbelndem Schmutz!“

„Ich unterbreche dich, Freundin, ich habe dein Urteil gehört. Du siehst zu genau, ich glaube, du bist zu nahe am Strand. Ich begrüße mit großer Freude, daß wir Meinungsverschiedenheiten haben, das wird die ehelichen Verhältnisse klären und die Fesseln stählen.“

„– oder zertrümmern.“

„Es gibt auch interessante Trümmer. Das Ganze ist nicht immer harmonisch. Weshalb willst du eigentlich zu Ida Telluren? Täten wir nicht besser, unser Glück ganz einsam zu hegen, statt die Neugier der Tante zu füttern. Die Tante ist ein erloschener Krater und er kann nur von fremdem Feuer rauchen.“

„Der Rauch ist nicht das Wesen des Feuers. Ich gehe zur Tante, damit sie mir die Zukunft aus den Karten deute. Unsere Zukunft hängt von den Weissagungen der Tante ab. Sie hat mir manches richtig vorhergesagt.“

„Und wenn die Tante eine schwarze Zukunft deutet?“

„Schwarz oder weiß! Die Karten entscheiden die Zukunft. Und Jappes ist auch ein Magnet. Nicht schwächer denn du, wohl mein ich, ist er noch stärker und schneller, nur überwacht er das Tempo, er hemmt seinen Lauf, er bedient sich der Bremse, die Kurven nimmt er mit Vorsicht, er überdenkt seinen Weg. Das ist es, was mir Sorge macht; er will die Eile, ohne die Katastrophe zu wollen. Stets hält er die Hand am rettenden Hebel. Die einen nennen es Klugheit. Ich sage, Jappes ist feig. Drum ließ ich ihn gehen, daß er in der Einsamkeit den Schlüssel zur Lösung finde. Er hat mir zehn Worte geschrieben: ‚Armida, ich bin einsam wie der Wind in den Lüften!‘ Die Deutung der Worte ist einfach. Er wünscht mit dem Strome zu schwimmen, ich soll ihm wieder die Planke zum Sprunge sein. Ich begrüße die Worte, ich sehe, ich habe einem Mann zum Willen verholfen. Hüte dich, Arco, jemals dein eigener Herr zu werden.“

„Ich bin ein Stück deiner eigenen Herrin,“ grinste Arco Calvandi, und mit dem Stock schrieb er Armidas Namen in die ölige Schicht der Kolbenstange der Lokomotive. – „Willst du, daß ich dir ein Opfer bringe?“ Er klebte sein Monokel ins Oel der Stange, tippte Finger für Finger seiner Hände, die mit weißen wildledernen Handschuhen bedeckt waren, ins Oel, drückte die Innenfläche der Hände gegen die schmierige Stange: „Du siehst, wie ich allem entsage,“ – und er zog die Handschuhe von den Händen – „es ist ein Geschenk von dir, das du mir machtest, als wir meinen unbestimmten Geburtstag begingen. Es ist für mich die größte Qual, ohne Handschuhe zu sein, dir bringe ich das Opfer mit Freuden.“ Er ließ die ölbeschmierten Handschuhe, den Stock entlang, vor die Räder der Lokomotive auf die Schienen gleiten.

„Du hast einen sonderbaren Begriff von Opfer. Es ist einfach à la Arco Calvandi. Wann wird der Tag kommen, an welchem du deine letzte Dummheit begehst?“

„O sicher nicht an dem Tag, wenn ich dich verlassen werde. Du bist noch nicht zur Dummheit geboren, denn dumm werden, heißt, zu sich selbst kommen. Ich kann dir auch ein anderes Opfer bringen und mich selbst vor die Räder werfen. Herrin, du darfst nur befehlen, das Opfer ist immer bereit, dir den Tribut seiner Liebe zu zollen.“

„Ich glaube, du würdest es tun?“ sagte Armida und öffnete die Augen zur Frage, „doch mein Spielzeug will ich noch nicht zerbrechen und ich will nicht, daß dein Opfer so tragisch sei. Bleibe nur knetbar, dann bin ich zufrieden. Ich spiele immer à la baisse mit den Menschen und hasse die titres fixes. Ich glaube, du wirst stets eine Marionette mit freien Bewegungen bleiben, solange ich die Drähte halte. Willst du mir immer untertänig sein, Arco Calvandi?“

„Ich sage nicht nein.“

„Willst du mich nie verleugnen, Arco Calvandi?“

„Ich sage nicht doch!“

Armida überlegte eine Weile: „Und wenn ich Jappes an deine Stelle setze?“

Arco Calvandi legte den Finger an die Stirn: „Da muß ich die Antwort erst überlegen. Auf keinen Fall bin ich zu Kompromissen entschlossen und du weißt, meine Freundin Armida, Verrücktheit ist ein Privilegium der Reichen. Du bist meine letzte Leidenschaft und ich werde sie auch zu nähren wissen ...“

Ein Zeitungsjunge lief am Zug entlang: Simpel, Jugend, Lustige Blätter, Brummer, Raddatsch – eine Atempause – Zeitungen, Frankfurter, Berliner, Kölnische, Münchener, Stuttgarter – Simpel, Jugend – Handkarren rollten vorüber, Träger drängten sich, eilende Menschen, Rufen, Hasten, Kohlendampf in stinkigen Schwaden; Dröhnen und Poltern und Stoßen und Rollen. Ein D-Zug spie Massen aus, verschluckte andere, puffte Rauch in wirbelnden Wolken gegen die Wölbung der Halle, die nächste in die freie Luft und draußen entschwanden die Schlußsignale. Arco Calvandi warf seine Stirne in Falten und deutete mit dem Zeigefinger auf Armida: „Du sagst also, die Karten entscheiden, – es wäre möglich, daß die Karten trügen.“

Dann summte er zu einer bekannten Melodie: „Les jours d’antan sont loin! hélas!“

SECHSUNDVIERZIGSTES KAPITEL

Es ist schade, wenn gute Worte, welche immer selten sind, ironisch klingen.

„Anna,“ sagte Professor Günther zu seiner Frau, „du sagst dem Mädchen, es soll am Vormittag nicht im Atelier abstauben, ich habe zu tun.“ Frau Professor machte einen Knicks: „Ich werde es ausrichten.“ Nach ein paar Augenblicken unruhigen Wartens brachte sie die Frage hervor: „Gustav, willst du die Hunde wirklich aus dem Hause tun?“ Sie trocknete die feuchten Härchen ihrer Augenschlitze. Keine Antwort. Professor Günther stand ans Fenster gelehnt. „Du sagst?“ fragte er in barschem Ton.

„Mein Gemahl,“ wiederholte Frau Anna, „Gustav, willst du die Hunde wirklich aus dem Hause tun?“

„Ob ich will?“ fiel er die Frau mit scharfer Rede an. „Du kannst doch nicht alle Hunde aufziehen. Doktor Gehren erhält einen, Doktor Brunner einen und Doktor Heinzfeld den dritten.“

„Gib doch dem Buben einen oder zwei,“ bettelte sie, „ich werde sie bringen, sie sollen in der Familie bleiben, sie sind treu, und Fräulein Pepy hat sie aus der Taufe gehoben. Es ist eine liebe Erinnerung.“

Professor Günther überlief es kalt. Was hatte Pepy mit den Boxerhunden gemein? Richtig, bei ihrem ersten Besuch waren die Hunde „flügge“ gewesen. „Meinetwegen,“ sagte er, „bring sie alle drei nach Baden-Baden, wenn du denkst, daß Arnulf sich freut.“

„Gustav,“ rief Frau Günther erfreut, „du bist gut, mein Gemahl, ich weiß, du würdest mir mehr Liebe erweisen, wäre deine Zeit nicht so knapp. Ich werde Arnulf sagen, wie gut du bist. Mein süßer Mann,“ rief sie jauchzend, und das schmuddelige Weibchen sprang dem Professor an die Lippen. „Nun schnell,“ fügte sie glückstrahlend hinzu, „ich weiß, du hast zu tun und du hast wieder schwere Gedanken zu denken. Das Mädchen wird nicht abstauben, ich richte es sofort aus.“ Schnell einen Kuß auf seine matte Hand, und Frau Anna verschwand mit dankendem Lächeln.

Professor Günther riegelte die Tür ab und der Sicherheit wegen versuchte er an der Klinke, ob sie wirklich geschlossen sei. Stützte den Ellbogen auf das Schloß, legte die Stirn in die flache Rechte und lehnte den Kopf an die Füllung. Es war wie ein Spuk, wie ein narrender Traum. Und doch waren die letzten Tage Wahrheit. In seinen Schläfen hämmerte der Vorwurf. Er hatte ein Mädchen verführt! Die Wirklichkeit ließ sich nicht leugnen – eine Stimme höhnte, „die lebendige Wirklichkeit deines Kindes“! Ein schweres, verlegenes Atmen entrang sich seiner Brust. Kein Gedanke wollte sich bilden, er kämpfte gegen die tötende Stille ... Dann kam die Erinnerung und hielt ihm die Lüge vor: „Das Schlimmste ist, wenn der Mann jung bleibt und die Frau altert“ ... Lüge! sah er mit brennenden Lettern auf dunklem Grunde glühen. Lüge, Lüge war deine ekle Begierde. Sein Blick glitt über die Bilder des Ateliers. Venus und Cupido, die kranke Ziege, der grinsende Faun, die Meduse, der Untergang Pharaos. Wie ganz anders war die Bedeutung der Bilder heute.

Er streifte die Skizze von Meister Geraldo. Er dachte an die Tränen des Meisters, welcher aus seiner Liebe die Kraft zu seinen Bildern geschöpft hatte. Niemand hatte etwas von Meister Geraldo zu fordern. Er war nicht verheiratet und hatte sich ein freies Weib genommen, das entschlossen war, Freude und Leiden mit ihm zu teilen. Geraldos Liebe war ehrlich gewesen, die Liebe hatte ihn zum Leben erweckt, Geraldo war durch die Liebe geworden. Günther dachte an des Malers Abschiedsworte: „Ich tat unrecht, die Frau zu verlassen, aber sie wußte, daß eine Macht mich hinaustrieb. Ich bin glücklich, daß die Frau mir nicht flucht, und so kann ich in Liebe von ihr scheiden.“ Damals hatte er über die Frage der Schuld gelächelt: eine einsame Frau empfindet mehr Glück an ihrem unehelichen Kinde, als eine verheiratete ohne Kinder. So hatte seine eigene Lehre damals geklungen. Heute konnte er sich mit keiner Ueberlegung retten. Vor der Gesellschaft konnte er nicht bestehen. Er und sein Schicksal! beide waren das Opfer seiner Begierde geworden. Die Gesellschaft anerkennt die Begierden nicht! – wenigstens nicht offiziell. Und er wollte nach den Dogmen der Gesellschaft leben – so war er gezwungen zu handeln. Der Flug seiner Gedanken wurde mählich kühner und kühner. Er suchte nach Mitteln, einen Wall zu seiner eigenen Verteidigung aufzuwerfen. Er zählte die Wege auf, die zu seiner Ehrenrettung freiblieben. Ehrenrettung!!!

Er könnte Pepy verleugnen – doch nein, die Empfehlung, die er ihr geschrieben, ein Hindernis und Jappes ein zweites. Ein ergebener Arzt, der sie behandelt? ...