Fenn Kaß

Part 11

Chapter 113,740 wordsPublic domain

Wer da glaubt, daß sich auf dem Dorf die persönlichen Besonderheiten im Einerlei des Werktags verwischen, begeht einen schweren Irrtum. Nirgends sind die Typen so scharf und eckig herausgearbeitet, nur daß sie sich oberflächlicher Wahrnehmung nicht offenbaren. Fast jeder ist dort ein abgeschlossenes Original mit fester anerkannter Eigenart, und die Leichtgebackenen sondern sich bald heraus und gelten nicht für voll. Die Zuchtwahl hat sie längst aus den Reihen der eigentlich Besitzenden verbannt, sie wohnen in den Taglöhnerhütten, wo die letzten Häuser stehen, aber auch sie werden in der eigenartigen Umwelt jeder zu einem menschlichen Sonderfall. Je nach der Blutmischung geht ihr Geschlecht zugrunde oder arbeitet sich langsam, durch zwei, drei Generationen – langsamer als in den Kreisen, wo der Besitz leichtflüssiger ist – bis in die Front der Vollgültigen hinauf. Auch von dieser Menschensorte waren bei Fenn Kaß an jenem Abend mehrere zu Gast: der Jänni, ein gutmütiger Landstreicher, von dem die Sage ging, er übe manchmal das Sattlerhandwerk aus und dem „die Rede nicht wich“. Man verstand nicht alles, was er sagte, aber meist kugelten sich Jännis Kameraden – wenn bei ihm von Kameraden die Rede sein konnte – über das wenige, was sie verstanden, weil es entweder blödsinnig dumm oder verblüffend gescheit war. Ein anderer „Leichtgebackener“ war da, dessen Vater es schon zu nichts gebracht hatte, und von dem es wahrscheinlich war, daß sich unter ihm die Geschicke seines Hauses auch nicht zum Bessern wenden würden. Sein Vorname war eine onomatopoetische Anpassung des nicht ganz seltenen „Nikelas“ an die träge, nachgiebige und langstielige Behäbigkeit des Mannes: er hieß nämlich „Niegela“. Alles, wozu er angestellt wurde, besorgte er mit einer stumpfsinnigen Gewissenhaftigkeit, aber es dauerte unheimlich lang. Niegela war eigentlich nur dazu da, daß man sich über ihn lustig machte. Es hatte nicht den Anschein, als ob ihm irgend etwas zustoßen könnte, worüber man nicht lachen würde. Niegela war einmal auf dem Grund eines neuen Brunnens verschüttet und mit knapper Not, mehr tot als lebendig, heraufgeschafft worden. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er den Umstehenden eine Grimasse geschnitten, weil er es für seine Pflicht gehalten hatte, zu verhindern, daß sich die Leute um ihn noch weiter Sorge machten. Heute abend betrank er sich sinnlos, nicht weil es ihm, sondern weil es den andern Vergnügen machte, wenn sie ihn mit seinen langen Beinen über die Straße torkeln sahen.

Alle mit Namen nennen, die an jenem Abend dem Herrn Kaplan die Ehre schenkten, wäre nicht möglich. Es war auch viel menschliches Mittelgut da, wackeres Bauernblut, mit kräftigen Kinnladen, hellen Augen und ungeschlachten Fäusten, denen alles, was nicht Stall und Scheune und Acker war, wie bloßer Zeitvertreib ohne irgendwelche Wichtigkeit vorkam. Ihr Ehrgeiz reicht nicht über die Nasen ihrer Gäule und die Grenzen ihrer Gemarkung, und ihre Seelen sind wie Söldner, die der lautesten Werbetrommel folgen.

* * * * *

Dergestalt war die Gesellschaft, die Fenn Kaß zu einem Glas Bier, einem Schinkenbrot und einer Zigarre um sich versammelt hatte. Es dauerte nicht lang, so war er mit den drei Kamps Burschen in einem angeregten Gespräch über die geplante Feldbereinigung. Alles ginge am Schnürchen, sagten sie, nur Emil Masseler und seine Erbtante wären störrisch. Der sanfte Emil spitzte den Mund und lächelte, zuckte langsam die Achseln und meinte zuletzt, es sei ja alles gut, wie es sei. Da mischte sich der Fritt ins Gespräch und steckte dem hochmütigen Großbauernsohn energisch Bescheid. Ob er denn glaube, das Dorf werde sich durch seinen Starrkopf im Fortschritt hindern lassen.

„Fortschritt?“ sagte Emil Masseler mit lächelnder Skepsis.

„Jawohl, Fortschritt!“ begehrte das Frittchen auf. Und erklärte heiser krähend, mit vielen hochdeutschen Ausdrücken, das Wesen und den Vorteil der Feldbereinigung im Interesse der rationellen Ackerwirtschaft.

„Was meinen Sie dazu, Herr Kaplan?“ schloß er seine Ausführungen.

„Ich wollte, ich hätte dem Emil sein Geld und er wüßte mein Französisch,“ lallte der Jänni, und ein wieherndes Gelächter machte dem sachlichen Redefluß des Kleinen ein Ende. Aber das Frittchen gab noch nicht klein bei. Es verzieh dem Glattrasierten nicht sein Hohnlächeln über den Fortschritt und begann, trotz dem Herrn Kaplan, auf Emil wegen dessen Reise nach Lourdes zu sticheln. Denn Masseler der Ältere war in Lourdes gewesen.

„Und wenn du zehnmal hingehst,“ krähte der Fritt giftig, „deinen Dickschädel kann dir die Muttergottes doch nicht wegkurieren!“

Emil schaute auf den geistlichen Herrn, von dem jetzt sicher ein scharfer Verweis gegen den respektlosen Fritt ergehen würde.

Indes, Fenn Kaß tat nichts dergleichen. „Kommt Kinder, wir wollen uns wieder vertragen,“ sagte er beschwichtigend. Emil war schmerzlich erstaunt und nahm sich vor, der Erbtante über den uneifrigen Herrn Kaplan klaren Wein einzuschenken, damit auf diesem Umweg der Herr Pfarrer erfahren sollte, wie sein Untergebener die Muttergottes und ihren treuen Verehrer Emil Masseler ungerochen verunglimpfen ließ.

Von der Feldbereinigung glitt das Gespräch auf andere Gegenstände über, die auch die Allgemeinheit betrafen. Fenn stellte seinen Zuhörern, die ihn nur teilweise verstanden, eindringlich vor, wie sie sich hier draußen unverzeihlich das Leben schwer machten. An tausend Ecken und Enden könnten sie sich die Arbeit erleichtern und Zeit behalten für andere Beschäftigung, die sie vorwärts brachte. Warum, zum Beispiel, verhielten sie sich gegen Ackerbaumaschinen noch so ablehnend? Warum hatten sie keine Wasserleitung und mußten eine Menge Zeit damit verlieren, daß sie ihr Vieh zur Schwemme trieben, oder aus dem Brunnen Wasser herzutrugen? Warum hatten sie kein elektrisches Licht und hantierten jahraus jahrein mit ihren feuergefährlichen, trüben Ölfunseln in Stall und Scheune?

„Elektrisches Licht!“ sagte wieder mit seinem ironischen Lächeln Emil Masseler.

„Warum nicht?“ fragte der Kaplan dawider. Sie hatten in der Nähe des Dorfes die schönste Wasserkraft. Oder gar im Dorfe selbst, die Majerusmühle.

„Der Lampert läuft uns nach mit seiner Mühle,“ sagte Emil Masseler.

Fenn meinte, was einer auf solcher Mühle heutzutage noch verdiente, das könnte ihm die Gemeinde gern für die Wasserkraft ersetzen. Und der Lampert hätte sicher nichts dagegen, wenn ihm seine weiße Kohle allein, ohne Arbeit und Kopfzerbrechen, so viel eintrüge, wie sie es heute mitsamt der Mühle tat. Er machte seinen Zuhörern von ungefähr die Rechnung auf. Alle schenkten ihm nachdenkliche Aufmerksamkeit. Nur der sanfte Emil äußerte: „Ja, wenn das ginge!“

„Es ginge schon, wenn alle wollten,“ sagte Fenn. Die drei Kamps ereiferten sich für den Plan. Man würde natürlich das alte Rad durch eine Turbine ersetzen.

„Und man könnte durch eine kleine Umleitung des Bachs das fünffache Gefälle herausbekommen,“ warf der Kaplan ein. Es war ja so einfach. Da ging eine Schlucht, der sogenannte Höhlenweg, sichelförmig um das Dorf. Fast niemand benutzte ihn, weil er vor Schmutz die meiste Zeit unwegsam war. Der Niveauunterschied vom Einfluß des Baches ins Dorf bis zur Mühle, nahe am untern Ende der Schlucht, war ziemlich beträchtlich und bildete ein Gefälle, das jetzt unausgenützt blieb. Wurde der Bach in den Höhlenweg geleitet, was oben mit einem kurzen Durchstich leicht und billig zu machen war, so hatte man einen natürlichen Mühlendeich, eine fertige Talsperre im kleinen, die Kraft für eine elektrische Anlage reichlich hergab. Niemand wurde geschädigt, Erdmassen waren kaum zu bewegen, die Kosten konnten ein paar Tausende nicht überschreiten. Es war so einfach, daß man sich wundern mußte, wie noch niemand auf die Idee gekommen war. Die drei Kamps und der Fritt waren gleich Feuer und Flamme für den Plan. Emil Masseler verhielt sich ablehnend. Die Sache gefiel ihm schon deshalb nicht, weil sie ihm keine Handhabe bot, auf seine Scholle pochend ein Machtwort dagegen zu sprechen. Denn der Höhlenweg war Gemeindebesitz, und außer Lampert war eigentlich niemand da, dessen Grund und Boden in Mitleidenschaft gezogen wurde.

„Laßt euch die Sache durch den Kopf gehen,“ redete Fenn seinen Gästen zu. „Es wäre eine Sünd’ und eine Schand’, wenn es ginge und wir wollten’s nicht schaffen. Wir betrögen uns selbst um eine der schönsten Kulturwohltaten“ – er sagte wahrhaftig „Kulturwohltaten“, und den jungen Brebachern weitete sich dabei die Brust – „und dazu haben wir als Menschen doch schließlich unsern Verstand, daß wir ihn gebrauchen, um uns Gottes Erde immer schöner und wohnlicher einzurichten.“

Da kam von der Tür her eine schmalzig salbungsvolle Stimme, die sagte: „Gott hat dem Menschen seine unsterbliche Seele gegeben und seinen Verstand, auf daß er damit sein Heil wirke und seinem Schöpfer immer wohlgefälliger werde. Das dürfen Sie nicht vergessen, Herr Kaplan.“

Alle Köpfe reckten sich nach der Tür, in deren Rahmen Herr Pfarrer Brendel stand und mit zwei ausgestreckten Fingern die Gebärde des Segnens skizzierte, mit der er durch die Reihen der knienden Dorfkinder zu schreiten pflegte. „Übrigens, gelobt sei Jesus Christus,“ fügte er hinzu, und Emil Masseler sekundierte: „In Ewigkeit Amen.“

Pfarrer Brendel sah auf die Uhr. „O, so spät schon,“ tat er erstaunt. „Ich komme von einer Kranken gerade hier vorüber und wollte eben nur auf eine Sekunde hereinsehen.“

„Ich hatte Sie eingeladen, Herr Pfarrer,“ sagte Fenn.

„Ich weiß, ich weiß, aber ich wollte nicht indiskret sein. Jung zu jung gesellt sich gern. Ich gehe schon wieder. Gelobt sei Jesus Christus.“

„In Ewigkeit Amen. Ich wollte auch gerade gehen, Herr Pastor. Wenn Sie erlauben –“

„Aber nein doch, Masseler, bleiben Sie, ich will dem Herrn Kaplan seine Gäste nicht entführen.“

„O, es bleiben ja noch genug. Sie entschuldigen mich, Herr Kaplan, aber ich habe meiner Tante versprochen –“

„Bitte, Herr Masseler, nichts zu entschuldigen. Gute Nacht, und lassen Sie sich den Abend gut bekommen.“

* * * * *

Als die beiden draußen waren, sagte der Niegela zu den Umstehenden: „Die Kranke, die der besucht hat, die hat lange Hosen an und trinkt Schnaps.“

„Und spielt mit ihm Sechsundsechzig,“ sagte der Fritt.

Es kam kein rechter Zug mehr in die Unterhaltung. Auf dem Heimweg tauschten die Burschen ihre Eindrücke aus.

„Er ist ein feiner Kerl,“ sagten die Kamps.

„Man kann mit ihm disputieren,“ pflichtete ihnen der Fritt bei.

„Und er hat seine Zigarren nicht abgezählt,“ lobte ihn der Jänni.

„Freundlich hat er nicht drein geschaut, wie der Pastor auf einmal da stand,“ stellte der Ruß fest. Und da waren sie alle darin einig, daß dieser Pfarrer und dieser Kaplan schlecht zusammen in der Deichsel gingen.

„Aber da könnt ihr euch darauf verlassen,“ meinte der Fritt, „der wird ihm die Zähne zeigen, der alte Brendel steckt den nicht in die Tasche.“

* * * * *

Am nächsten Morgen nach der Messe bat Pfarrer Brendel seinen Kaplan, ihn vor der Kirche zu erwarten, er habe mit ihm zu reden.

„Sie haben sich da gestern abend mit den jungen Leuten eingelassen. Ich finde, man darf in dieser Beziehung nicht zu weit gehen.“

„Sie haben recht, Herr Pastor. Und ich glaube, nicht zu weit gegangen zu sein.“

„Sie haben allerhand Fragen aus dem profanen, materiellen Gebiet mit ihnen besprochen. Man muß da sehr vorsichtig sein, Herr Kaplan.“

„Ich weiß, Herr Pastor. Wir sind ja gelehrt worden, daß ein unverlöschliches Siegel uns von der Laienwelt ausscheidet und zum besondern Anteil und Eigentum Gottes macht, daß unser Amt noch über dem der Engel steht. Da klingt es freilich befremdlich, wenn wir von künstlichem Dünger und Turbinen und elektrischen Beleuchtungsanlagen zu unsern Pfarrkindern reden.“

Pfarrer Brendel hatte bei dieser Rede seines Kaplans sichtlich zum mindesten einen Steigbügel verloren, und er schuf durch Räuspern und Schnäuzen eine Pause, um wieder Herr der Lage zu werden. „Ich weiß, daß unter euch Modernen die Tendenz herrscht, zum Volk hinabzusteigen, wie ihr das nennt. Nehmen Sie sich in acht. Wer sich unter die Kleie mischt, wird von den Säuen gefressen.“

Fenn dachte: „Dagegen läßt sich jetzt nichts mehr einwenden, was diesem Mann gegenüber die Mühe lohnte.“

„Ich habe Sie beobachtet, Herr Kaplan, seit Sie in Ihren hiesigen Wirkungskreis eingetreten sind. Es wäre ja schließlich nicht so viel dagegen zu sagen, daß Sie die Leute wirtschaftlich zu beraten suchen. Das ist ja manchmal ein brauchbares Mittel, ihnen auch sonst beizukommen. Aber Sie scheinen ein sogenannter Wissenschaftler zu sein. Wie ich höre, geben Sie sich Mühe, unsern Bauernburschen allerhand astronomische, physikalische, geologische Probleme zu erklären. Sie rütteln sogar an der biblischen Schöpfungsgeschichte.“

Fenn mußte lächeln.

Und Pfarrer Brendel machte eine weitere Anstrengung, sich in seiner überlegenen Stellung zu behaupten: „Glauben Sie mir, Herr Kaplan, die Wissenschaft hat schon manchen in die Wüste geführt. Wir Ältern, die wir die Erfahrung haben, wir sagen mit Christus dem Herrn: Eines nur ist notwendig.“

„Ich kann Ihnen aber Roscher zitieren. Sie kennen doch Roscher?“ sagte Fenn und dachte: „Vielleicht fragt er am Ende wenigstens, welcher?“

Aber Pfarrer Brendel brummte kaum hörbar: „Natürlich kenne ich Roscher! Was sagt denn der?“

„Roscher sagt: Sobald die Kulturüberlegenheit des Priesters aufhört, ist sein Ansehen gefährdet.“

„So? Und ich sage Ihnen: Haben Sie Kulturüberlegenheit, soviel Sie wollen, wenn Ihnen die Frömmigkeit fehlt, ist alles umsonst. _Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt qui aedificant eam!_“

„Darauf kann ich Ihnen wiederum dienen. Der Aquinate sagt –“

„Ich muß Sie bitten, mir mit Ihren profanen Zitaten vom Leibe zu bleiben. Der Aquinate! Wer ist nun das wieder?“

„Ach so, ich dachte, Sie kennten – Also sagen wir, der heilige Thomas von Aquin.“

„Den lasse ich mir gefallen.“

„Der sagt: _Inutilis pietas, quae scientiae discretione caret._“

„Hat das der heilige Thomas wirklich gesagt?“

„Jawohl, es steht in der _Summa theologiae_.“

„Na, ich glaub’s Ihnen. Aber ich muß nochmals bitten: untergraben Sie nicht mutwillig Ihr Ansehen dadurch, daß Sie sich mit den Leuten allzu gemein machen und daß Sie ihnen Dinge entschleiern, die ihnen ewig Geheimnis bleiben müßten. Sie kennen diese Sorte noch nicht genügend.“

„Haben Sie von gestern abend den Eindruck gewonnen, daß ich mich mit dieser Sorte, wie Sie sagen, zu weit eingelassen habe?“

„Das nicht gerade. In gewissem Sinne vielleicht sogar zu wenig.“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, ich will durchaus offen sein. Ich habe erfahren, daß in Ihrer Gegenwart über die Muttergottes von Lourdes respektlos geredet wurde, sehr respektlos, und daß Sie nicht, wie es wohl Ihre Pflicht gewesen wäre, Einspruch erhoben.“

„Eigentlich freue ich mich, daß Sie mir diese Gelegenheit zur Aussprache geben. Ich kenne zunächst nur eine Muttergottes, und die ist weder von Lourdes noch von Marpingen, noch läßt sich ihr Wohnsitz sonstwie geographisch bestimmen. Was nun speziell den Wunderglauben an Lourdes betrifft, so vermag ich nicht, ihn zu teilen. Wenn dieser Wunderglaube Bedingung für meinen geistlichen Beruf gewesen wäre, trüge ich heute nicht dies Kleid.“

„Wie, Sie glauben nicht an Lourdes?“

Fenn sagte schonungslos, was er über die Geschichte von Lourdes alles gelesen hatte.

„Es ist furchtbar!“ murmelte Pfarrer Brendel vor sich hin.

„Was finden Sie Furchtbares daran? Wenn Sie wüßten, wie in die Geschichte von Lourdes die Politik und die Habsucht hineingespielt haben, fänden Sie es sehr angebracht, daß die Wahrheit über den Ursprung jener Wunderhistorie nicht verschüttet wird. Die daran glauben wollen, mögen in ihrem Glauben Trost suchen und finden, ich werde ihnen eine Überzeugung nicht stehlen, die ihre Leiden lindern kann. Aber zwingen lasse ich mich nicht, daß ich etwas unterstütze, was ich für – sagen wir einmal, für künstlich aufgebaut halte.“

„Und weiß man im Bistum, wie Ihr Standpunkt ist?“

„Ich habe seinerzeit da, wo es darauf ankam, kein Hehl daraus gemacht.“

Pfarrer Brendel war niedergeschmettert. Die Persönlichkeit seines Kaplans war ihm in den paar Minuten unheimlich geworden. Er fand einen Ausweg: „Herr Kaplan,“ sagte er, „ich schlage Ihnen vor, wir gehen zusammen in die Kirche und beten, daß wir über diese schlimme Anfechtung hinwegkommen.“

Fenn ging nachdenklich mit. Und während neben ihm sein Pfarrer, das Gesicht in den Händen, nach Sammlung rang, dachte der junge Kaplan, wie merkwürdig es sei, daß man in seinem Beruf so oft auf die ärgsten Hindernisse dort stößt, wo man die größte Hilfe zu finden berechtigt wäre.

Zweites Kapitel

Frau Marjänni Lampert stand mit geschürztem Rock am Herd und kochte ein Milchsüppchen für ihr Kind, als Fenn Kaß mit gebücktem Kopf durch die Türe trat. „Gelobt sei Jesus Christus. Wie geht’s, Frau Marjänni?“

Sie ließ vor Schreck den Löffel in den Topf fallen, streifte den Rock herunter und wischte hastig in seinen Falten die Hände ab. „O Mamm, wat sin ech elo erschreckt!“

„Nun, einen guten Abend werd’ ich doch wohl noch geboten kriegen,“ lachte er.

„Guten Abend auch. Und wo kommst du ... wo kommen Sie denn so auf einmal her?“

Marjänni stand schamübergossen. Hatte denn der, der so plötzlich ihr da gegenübergetreten war, nicht ein Recht auf sie gehabt? War ihr nicht immer gewesen, als gehörte sie zu ihm, seit den fernsten Tagen ihrer Kindheit? Kam er jetzt, Rechenschaft von ihr zu fordern? Dagegen bäumte sich etwas in ihr, etwas, das wie Trotz aussah und auch ein wenig Stolz war, von dem Bauernstolz, der von ihrem Mann auf sie abgefärbt hatte. Schließlich hatte sie doch eingeheiratet in die reiche Lampertsfamilie, die in Wiesing seit hundert Jahren immer die reichste gewesen war und zu der immer das ganze Dorf emporgeblickt hatte. Und sie war in Brebach die reiche und schöne Müllerin und hatte nach niemand zu fragen. Was wollte er denn von ihr, der arme Küstersfenn, der bei ihrem Schwiegervater die Kühe gehütet hatte für ein Butterbrot oder ein Stück Zwetschenkuchen Jawohl, sie hatte sich mit ihrem Fritz vergangen, aber das brauchte ja jetzt niemand mehr zu wissen. Was wollte er also von ihr?

„Ei ei,“ dachte Fenn Kaß, „das ist nicht mehr die alte Marjänni, das ist wirklich und wahrhaftig die Frau Lampert. Na, um so besser.“ Er besah sie sich eine Weile, und es fiel ihm auf, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Es war ja noch dasselbe Gesicht, so ziemlich auch noch dieselbe Gestalt. Aber etwas fehlte gegen früher, etwas, das wie eine Hemmung über dem ganzen Menschen gelegen hatte und jetzt verschwunden war. Und etwas war auch in dem Ausdruck dieses Gesichts und in allen Bewegungen, was früher nicht darin gewesen war. Etwas, was Fenn an Fritz Lampert erinnerte. Aber das war wohl nur Einbildung. Einerlei, es hatte sich bei ihm festgesetzt. Es kam über ihn, wie damals, als ihm der Pfarrer von den heimlichen Zusammenkünften der beiden erzählt hatte. Fenn war zumut wie einem, der ein liebgewordenes Haus von weitem wiedersieht und weiß, es steht noch und schaut ungefähr noch aus wie früher, aber ein anderer wohnt drin, und für dich hat es keine Stätte mehr.

„Wo ich herkomme?“ ging er auf Marjännis Frage ein. „Um die Wahrheit zu sagen: Geradewegs aus der Kirche.“

„Das hätte ich mir denken können. Da gehört Ihr ja eigentlich auch hin,“ sagte sie und suchte gleich, sich Vergebung für ihre plumpe Rede zu erlächeln.

„Freilich, die Kirche ist ja unsere Werkstatt.“ Er wollte fragen, ob Fritz zu Hause sei, und wußte plötzlich nicht, ob er noch „dein Mann“ sagen dürfte, da sie vorhin über das „du“ gestolpert war. „Ist Fritz zu Hause?“ fragte er schließlich.

„Nein, mein Mann ist auf der Jagd,“ beeilte sie sich zu entgegnen. „Aber meinen Sohn kann ich dir vorstellen. Komm doch herein in die Stube.“

Nein, er dankte. Er hätte mit Lampert reden wollen, er werde ein andermal wiederkommen. Und er empfand auch, daß sie mit ihm den rechten Ton nicht finden würde, daß es ihr lieb wäre, wenn er ginge.

Er schlug den Weg in die Äcker ein und kam in die Nähe des Höhlenwegs. Am Rande der Schlucht stand Fritz Lampert, die Jagdflinte schußbereit, während unten im Gestrüpp seine Bracken läuteten. Fenn blieb stehen und wartete ab. Ein Häschen brach oben aus dem Gestrüpp, tat ein paar Sätze über einen Sturzacker und überschlug sich im Feuer, daß seine weiße Bauchwolle schimmerte. „Bravo!“ rief Fenn, und Fritz antwortete geschmeichelt: „Ah, du bist das! Den hab ich mir prompt geholt, was!“ Er nahm dem apportierenden Hund den Hasen ab und tat ihn nach den üblichen Manipulationen in die Jagdtasche. „So, jetzt kann ich heimgehen, jetzt lacht mich die Frau nicht aus.“

Fenn dachte: „Gute Laune ist die beste Maklerin“ und fing mit Fritz gleich von dem Geschäft zu reden an, das er mit ihm plante. Er erklärte ihm an Ort und Stelle das Technische und sagte, was man von ihm beanspruchte: daß er sich wegen seiner Wasserkraft abfinden ließe und die Mühle, die dem Wohnhaus gegenüberlag, als Betriebsgebäude für die elektrische Anlage billig hergäbe. Fritz wollte sich die Sache mal überschlafen. Daß ihm seine Mühle nicht viel einbrachte, gab er zwar nicht zu, indes, er wollte mit sich reden lassen.

„Und nun laß ich dich nicht los, nun mußt du mit mir zu Nacht essen.“

„Nein, Fritz, ich danke wirklich. Ich war vorhin bei euch zu Haus, ich habe deine Frau begrüßt ...“

„Um so besser. Du mußt mir den Gefallen tun.“ Er faßte Fenn am Ärmel und zog ihn mit fort.

* * * * *

Ja, gemütlich sah es aus bei Lamperts. Die Frau wußte ein Haus zu führen. Anfangs sei es ihr ja schwer gefallen, scherzte Fritz, da habe manchmal noch das Fräulein Lehrerin überwogen, aber sie habe sich als Hausmutter gemacht, sie koche leidlich, und es lasse sich mit ihr leben. Nur mit der Butter gehe sie zu sparsam um, wohl noch von zuhause her. Er müsse an allem reichlich Butter haben, und wenn sie zwei Mark das Pfund koste. Er begann sehr viele Sätze mit „ich“, um zu sagen, wie er, Fritz Lampert, dies oder jenes am liebsten habe. „Ich trinke keinen Viez, der ist mir zu läpsch.“ Oder: „Ich esse vom Hasen nur das Contrefilet, das hier, unterm Rückgrat sitzt.“ Und Frau Marjänni tat es ihm schon nach: „Mein Mann mag Fische nur, wenn sie direkt aus dem Wasser kommen,“ und: „Mein Mann könnte längst Feuerwehrkommandant sein, wenn er wollte.“

Fritz und Marjänni konnten es nicht fassen, daß Fenn Kaß sich in den Kopf gesetzt hatte, den Brebachern eine elektrische Kraftanlage zu bauen.

„Glaubst du denn, daß du dabei etwas aufsteckst?“ fragte Fritz.

„Ich will doch nichts aufstecken, ich bin schon zufrieden, wenn die Leute ihr Licht für Stall und Scheune und die Kraft für ihre Dreschmaschinen und dergleichen billig bekommen.“

„Was hast denn du davon?“ meinte Marjänni.

„Die Freude, daß ich ihnen einen Dienst geleistet habe.“

Fritz prustete los, und Marjänni sagte: „Doch, Fritz, ich glaube ihm das. Laß ihn doch, wenn es ihm Spaß macht.“

„Na ja, es gibt also doch noch Idealisten. Frau, hol uns noch eine Flasche, und bring dir ein Glas mit.“

Es wurde gemütlich. Marjänni brachte noch eine Flasche und schüttete zum Nachtisch eine Schürze voll frischer Nüsse auf das Tischtuch. Fenn hemmte seine Zunge rechtzeitig. Er wollte sagen: „Ei, das ist ja wie am Vorabend unserer ersten Fahrt nach Luxemburg“ – da trat die blutende Gestalt des alten Lampert dazwischen und schnitt ihm das Wort ab. Marjänni trank mit und wurde gesprächig. Fenn fiel es auf, wie der junge Lampert anfing, seinem Vater ähnlich zu sehen. Er hatte schon dasselbe gedunsene Gesicht, nur blasser, dieselben Quellaugen, dieselben groben Hände, die sich schwer auf alles legten, aber aus denen die Energie des Zufassens, wie sie in den Händen der Lampertschen Vorfahren gewohnt hatte, verflüchtigt war.