Fenn Kaß

Part 10

Chapter 103,634 wordsPublic domain

„Ich komme mir vor, wie ein Frauenzimmer!“ sagte Putty und erkannte seine eigene Stimme nicht. So hatte der Aufruhr seines Innern die Muskulatur seiner Kehle umgeknetet.

„Du bist wohl verrückt,“ sagte sein Vater und richtete sich mühsam zornig auf.

„Es ist ja wahr,“ gab Putty, schon dem Weinen nah, zurück, und zeigte mit verächtlicher Gebärde an sich herunter.

„Ich meine gar, du Aff ...“ eiferte das Schneiderhinchen und schlug seinem unbotmäßigen Buben jähzornig die Hand ins Gesicht.

Dann geschah etwas Plötzliches, züngelnd Gewalttätiges, wie ein Sprengschuß.

„Es war seine Schuld“ – war Puttys erster Gedanke, als er wieder zu sich kam. Er hatte wirklich nichts dafür gekonnt. Es war, als wäre er ein Spielzeug aus Hausenblase gewesen, in das jemand heftig hineingepustet hätte. So plötzlich, mit einem Ruck, hatten sich seine Arme gespannt, waren seine Fäuste wütenden Hunden gleich dem Schneider an die Kehle und ins Gesicht gesprungen. Mitten aus einem Gerümpel von Tisch und Stühlen sah das angstverzerrte Gesicht des kleinen, blassen Mannes hervor. Aus einer schmalen Wunde über dem linken Auge floß ein spärliches Blutgerinsel, wurde durch die Braue abgelenkt, fand den Weg hinunter über die Wange. Als der Schneider das warme Rieseln spürte, griff er mit der Hand hin. Der Anblick des roten Saftes erfüllte ihn mit Entsetzen. „O Gott, o Gott!“ stöhnte er und zeigte Fenn schaudernd die beiden blutgefärbten Finger. Und er sah so ärmlich, so mitleidheischend, so gottergeben aus, so ganz zerknirscht im Opferlamm-Gefühl eines, von dem man verlangt, er soll einem Vatermörder verzeihen, daß Fenn ein Lächeln unterdrücken mußte.

Die Schneiderin und die beiden Mädchen hatten von draußen einen heisern Schrei und heftiges Poltern gehört und stürzten herein. Als sie des Blutes ansichtig wurden, stießen sie gellende Hilferufe aus und drängten Fenn, der beschwichtigen wollte, beiseite. Sie hoben den hilflosen Schneider auf die Beine und bestürmten ihn mit Fragen, was geschehen sei. Er deutete nur stumm, mit einer herzbrechend betrübten Duldermiene auf seinen ungeratenen Sohn, der zitternd, zu Tode erschrocken, leichenfahl dastand und nun auf einmal aufheulend in die Knie brach.

Wären jetzt alle mit bissigen Vorwürfen über ihn hergefallen, so hätte sich Putty vielleicht gewaltsam einen Weg in die Freiheit gebrochen. Als aber die Weiber hörten, was geschehen war, sahen sie ihn entsetzt an, wie einen Ausgestoßenen, und führten den Vater sanft hinaus in die Küche, an den Wasserstein, wo sie ihm unter der Pumpe umständlich die Wunde auswuschen. Es war ein kaum halbfingerlanger Riß, den sich der Schneider beim Aufschlagen auf die Tischkante zugefügt hatte. „Daß einem sein eigen Herzblut nach dem Leben trachten muß!“ stöhnte er, während ihm seine Älteste ein nasses Tuch auf die Stirn drückte.

„Sagen Sie doch das nicht!“ fiel Fenn, fast ärgerlich, ein. „Putty hat sich gegen die Ohrfeige gewehrt, und dabei sind Sie zu Fall gekommen.“

„Wollte Gott, daß du recht hättest, Fenn,“ hauchte das Schneiderhinchen.

Im Zimmer drinnen hörte man Putty schluchzen und von Zeit zu Zeit leidenschaftlich aufheulen. „Ich tu ja alles, was ihr wollt! Der Vater soll nur das nicht sagen, nur das nicht!“

Der Schneider wurde allmählich gerührt. „Führt mich zu ihm hinein,“ sagte er matt.

Er war sich nie so groß, so edel, so erhaben vorgekommen wie jetzt, wo er dem schluchzenden Opfer seiner Beschränktheit die Hände auflegte und ihm versicherte, er wolle ihm denn also noch einmal verzeihen, und er hoffe, er werde die Lehre beherzigen, mit der ihn der liebe Herrgott hart am Abgrund des Vatermordes vorbeigeführt habe.

Vierzehn Tage später bezogen Fenn Kaß und Putty Heinen ihre Zellen im Luxemburger Priesterseminar.

Zweites Buch

Erstes Kapitel

Um die Menschen ist es manchmal wie um Schachfiguren. Ein Spiel ist vorbei, und das Leben stellt die Figuren zu einem neuen Spiele auf. Jahrelang ist es vielleicht, als erlebten sie Großes, aber ihre Schicksale waren nur Schein, Ereignisse ohne Beziehungen, und darum ohne Bedeutung, Erlebnisse ohne Ausstrahlung, Schicksale ohne Widerhall an andern Menschenschicksalen. Dann eines Tages beginnt das neue Spiel, und die Fäden neuer Glücks- und Unglücksgewebe spinnen sich zwischen den Menschen.

Was seit den letzten Jahren mit den Menschen vorgegangen ist, die uns in dieser Erzählung nähergetreten sind, war die Aufstellung zu einem neuen Spiel auf dem Schachbrett des Lebens.

Fenn Kaß und Putty Heinen hatten ihre drei Jahre im Seminar in der unheimlichen Ruhe verbracht, in der geistliche Seminaristen diese dunkle Durchgangszeit vom Triebleben der Jugend zum pflichtbeherrschten Berufsdasein zu verbringen scheinen – denn nach außen wird von den Kämpfen, deren Zeuginnen die Zellenwände jener Anstalt sind, nichts laut.

Fritz Lampert hatte in Brebach die Mühle seines Onkels übernommen, nachdem ein ungebärdiges Pferd dem alten Hagestolz, der es eigensinnig zähmen wollte, den Schädel eingetreten hatte. In dem neuen Lampertshaus in Brebach aber, das sich über den Trümmern des alten aufzubauen versuchte, waltete als Hausfrau die frühere Lehrerin „Brauns Marjänni“.

Es war keine erfreuliche Sache, wieso das gekommen war. Schon als Lehramtskandidatin und dann als angehende Lehrerin in Brebach, wo Fritz durch seinen Einfluß ihr die Stelle hatte verschaffen helfen, war Marjänni im Hause des Jugendgespielen häufig zu Gaste gewesen. Erst besuchte sie Fritz in Begleitung einer Verwandten, dann geschah es immer öfter, daß sie in Brebach spät abends weit um die Gärten herumschlich und bei Fritz zur Ucht ging, oder daß er auf ein Stündchen in ihre Stube im ersten Stock der Mädchenschule kam. Dann spielten sie „Mühlchen“ oder Sechsundsechzig, tranken einen mit Nußschalen angesetzten süßen Schnaps und redeten von den Tagen ihrer Kindheit. Sie hatten einander nicht eigentlich lieb. Es war die süße Angewöhnung, die sie einander in die Arme führte. Marjänni machte gerade die leidige Prüfungszeit der jungen Lehrerinnen durch, in der die armen Dinger zwischen Pfarrer und Bürgermeister, diesem und jenem einflußreichen Bauern und seiner Bäuerin, der Pfarrersköchin und sonst einer gottesfürchtigen Seele nicht mehr wissen, wie der rechte Pfad geht und ganze Abende voll Herzeleid verlassen daheim sitzen. Da war Fritz Lampert derjenige gewesen, der in solchen Augenblicken der Hilflosen Stärke und Stütze vortäuschte, und sie war ihm in Erlösungsfreude und Vergeltungsbedürfnis anheimgefallen. Acht Tage lang hatten sie sich gemieden nach jener Nacht. Dann trieben ihn die hungrigen Sinne wieder ihr zu. In ihr aber hatte der Ordnungssinn und Haushaltungstrieb der Frau, die in ihrem Leben wie in ihrem Wäscheschrank Ordnung halten will, wieder die Oberhand gewonnen, und sie hatte Fritz mit Fasten und Milde dahin gebracht, daß er ihrem Verhältnis rechtzeitig die standesamtliche Sanktion gab. Und so war sie zu Ostern in der Lampertsmühle die schöne Müllerin geworden, und schon um Mariä Himmelfahrt war der Hochzeit die Taufe gefolgt.

Ungefähr um dieselbe Zeit, da in Brebach der kleine Stammhalter des Hauses Lampert über die Taufe gehoben wurde, zog der Jugendfreund seiner Mutter, Fenn Kaß, als wohlbestallter Kaplan mit seiner Mutter und dem alten Wöllem ins Dorf und wurde von Feuerwehr und Gesangverein, von männlicher und weiblicher Jugend festlich empfangen und nach Gebühr und Überlieferung geehrt.

Sein Pfarrer, Herr Brendel, hatte die dünnen, geschlossenen Lippen in die Breite gezogen und ihm eine magere, blutleere Hand mit schwarzgeränderten Fingernägeln zum Gruße gereicht. Er hatte dabei die Hoffnung ausgesprochen, daß sie in segensreichem Wirken mit Gottes Hilfe einander in die Hände arbeiten würden. Pfarrer Brendel, der auf die hübsche Lehrerin nie gut zu sprechen gewesen war, hatte es sich nicht verkneifen können, einige Zeit nach Fenns Installation die Geburt des jungen Lampert in einer Predigt zu feiern, die mit feinen und groben Anspielungen auf den Fall gespickt war. Am selben Sonntag Abend hatte er seinen neuen Kaplan zu Tisch, und es entspann sich zwischen beiden folgendes Gespräch, bei welchem Fräulein Brendel, gierig aufhorchend, mit den Händen den Nickelaufsatz des kalten Stubenofens streichelnd, daneben stand, bis es heikel wurde und der Herr Bruder sie hinauswinkte. Den Rest hörte sie dann durch das Schlüsselloch.

„Ich habe diesem Frauenzimmer überhaupt nie über den Weg getraut!“ sagte Pfarrer Brendel mit zusammengekniffenen Brauen.

„Warum?“ fragte Fenn kurz und abweisend.

„Sie sah schon danach aus. Eine Lehrerin zieht sich doch so nicht an.“

Fräulein Brendel räusperte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses.

„Mir ist nie aufgefallen, daß Fräulein Braun sich extravagant angezogen hätte,“ sagte Fenn Kaß.

„Nun ja, nicht gerade extravagant. Aber es gibt im Äußern der Frau denn doch gewisse – wie soll ich sagen? – Besonderheiten, gewisse Linien, deren Betonung auf eine eitle und leichtfertige, vielleicht gar unkeusche Sinnesart deutet.“

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“

„Nun, ich will mich aus Schicklichkeitsgründen nicht deutlicher ausdrücken!“ Und Pfarrer Brendel schnaufte vor nachträglicher Entrüstung.

„Ich habe mich nie auf dergleichen verlegt.“

„Sie weichen mir aus.“

„Das tue ich manchmal, wenn ich merke, daß anders das Gespräch auf keinen grünen Zweig kommt.“

Pfarrer Brendel dachte eine Weile darüber nach, ob sein Kaplan ihm mit diesen Worten wohl eine Zurechtweisung habe erteilen wollen. Aber im Bewußtsein seines guten Rechts setzte er sich darüber hinweg und suchte zuvörderst, das angeschnittene Gesprächsthema in seinem Sinne zu erschöpfen. „Und dann: Die Sache mit Fräulein Braun und diesem hergelaufenen Lampert sah ich lange kommen.“

„Wieso?“ klang in feindseliger Zurückhaltung die Frage des Kaplans.

Pfarrer Brendel winkte seine Schwester hinaus und fuhr fort: „Herr Kaplan, Sie sind erst seit ein paar Wochen im Dorf. Sie scheinen nicht zu wissen, was vorher die Spatzen von den Dächern pfiffen.“

„Was denn?“

„Daß unser tugendhaftes Fräulein Lehrerin Abend für Abend ihren Freund Lampert besuchte und stundenlang mutterseelenallein bei ihm zubrachte.“

„Das ist nicht wahr.“

„Wieso, Herr Kaplan, das ist nicht wahr?“

„Das glaube ich nicht.“

„Ob Sie es glauben oder nicht, es ist so.“

„Ich kenne Fräulein Braun von Kindheit auf, ich halte sie nicht für fähig ...“

„Lernen Sie die Menschen kennen, Herr Kaplan. Frau, sage mir, wie du dich anziehst, und ich sage dir, wer du bist.“

„Na ja, das ist ja auch eine Psychologie,“ sagte Fenn obenhin. Er hatte wirklich keine Lust, mit dem verbauerten Menschen sich auf einen längern Wortstreit über einen so explosionsgefährlichen Gegenstand einzulassen. Die Gerüchte über das Verhältnis Marjännis zu Fritz waren früher tatsächlich nicht bis zu Fenn gedrungen. Um so brutaler hatte sich ihm jetzt die Wahrheit enthüllt. Auf dem Nachhauseweg suchte er sich über seine Betroffenheit klar zu werden. Es war ein milder Herbstabend. Fenn ging vom Pfarrhaus die Straße bergauf, an den letzten Häusern vorbei, durch einen mit niedrigem Gebüsch eingefaßten Hohlweg bis zur Höhe, wo der Wald anfängt und man die Nähe und Ferne mit dem weitgeschlängelten Fluß, dem in großen Schlingen ausbiegenden Tal, dem Dorf und seinen Äckern und Wiesen beherrscht. Hier hinauf war er gleich am ersten Tag nach seinem Einzug in Brebach gestiegen, seinem innersten Bedürfnis nach Klarheit und nach Überblick über die Dinge folgend. Er kannte aus seinem Seminarleben die Wohltaten der „Retraite“, der tagelangen, gewollten Einsamkeit, in der sich alles Vergängliche wie ein Niederschlag auf den Boden der Seele senkt und diese mit ihrem Wesen geklärt und still darüber steht. Fenn Kaß stand da, in allen Weiten der einzig wache Mensch. Die Nacht mit ihren leisen Geräuschen, eine Frucht, die leise in die Stoppeln fiel, ein kurzer Lufthauch, der auf eine Sekunde das Rauschen des Flusses herübertrug – die Nacht war um ihn, wie ein dunkler, stiller Weiher, der sich mit unsichtbaren Ufern um einen breitet und auf dessen Spiegel ab und zu eine Blase mit geheimnisvollem Klang zerspringt. Dann wuchs aus der Stille das Grollen eines nahenden Schnellzuges, der bald weit unten vorbeiglitt. Feuerschein hauchte die dem Schlot entqualmenden Wolken an, die Wagenreihe glimmerte mit ihren hellen Scheiben durch die Landschaft, wie nachts auf einer schwarzen Wand ein Phosphorstrich.

Jetzt war es wieder totenstill. Fenns Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel. Er lehnte an dem Stamm eines hoch ausgeästeten Kirschbaums, von dem er mit dem Blick den ganzen Umkreis des Horizonts umfaßte. Das Band des Flusses leuchtete matt vom Widerschein des Nachthimmels, die steigende Masse der Ferne mit den dunklern Flecken der Wälder lastete schwer wie in unsichtbare Unendlichkeiten hinaus, die hellen Häuser des Dorfes unten in der Talsenkung drängten sich aneinander, wie schlafende Tiere im Pferch.

Fenn Kaß dachte mit wehem Zorn an die Freundin seiner Kindheit und Jugend. Auf dem Grunde seiner Gedanken stand schmerzhaft, mit den Augen eines wunden Tieres, die Frage: Warum hat sie mir das getan? Bis sich die Antwort durchrang, erst zag, dann herrisch: daß er zu solch einer Frage kein Recht hatte. Was war jenes Weib denn ihm schuldig, ihm, der dem Weibe entsagt hatte? Wieder einmal, wie damals bei dem Schimpf der betrunkenen Burschen, dämmerte diesem Leidenschaftslosen auf, was seine Entsagung letzten Endes bedeutete. Solange die Frau, die allein er unbewußt zu seinem Leben je in Beziehung gebracht hatte, gleichsam geschlechtslos, ein Wesen an und für sich, in seinem innern Gesichtskreis stand, solange die Besitzfrage nicht gestellt war, solange hatte in ihm auch der Besitzerinstinkt geschlummert. Nun war er brutal vor die Tatsache gestellt, daß diese Frau ihre Weibheit, das Besondere, an das er nie mit wachen Sinnen gedacht hatte, an einen anderen weggeworfen hatte, weil sie bei diesem zu finden wußte, was ihr Freund ihr nicht geben durfte. Das war die Stunde, in der Fenn Kaß die Zähne zusammenbiß, heißen Herzens und grimmigen Gemüts erst das Opfer brachte, das er längst schon gebracht zu haben wähnte.

Aber er brachte es, er wurde mit sich fertig. Wie einen unbändigen Falken schmiedete er seinen Willen fest an den Gedanken, daß alle, die drunten in den dämmerhellen Häusern schliefen, ein Recht hatten auf seine Liebe, daß er ihnen Gutes tun mußte, und daß er sie mit Liebe zu sich zwingen wollte. Er wanderte ziellos querfeldein, die ganze Nacht, und als der Morgen kam, weitete sich seine Seele zumal mit der Welt, die um ihn war. Eine Flur nach der andern, ein Hügel um den andern, drang das Land leise und unwiderstehlich ringsum aus dem Dunkel, wurde scharf und klar, und so hellte sich in Fenn Kaß die dunkle Welt seines Wollens auf, bis seine Zukunft in kühnen, deutlichen Umrissen vor ihm stand.

* * * * *

Mutter Kaß und der alte Wöllem waren um ihren Herrn Kaplan sehr in Sorge gewesen und freuten sich, die eine mit lautem Gruß, der andere mit zufriedenem Grunzen, seiner Heimkehr. Frau Kaß saß in der Küche am Herd und drehte energisch die Kurbel der Kaffeemühle, die sie zwischen den blaubeschürzten Knien hielt, Wöllem ging zwischen Küche und Schuppen wackelbeinig hin und her und schaffte Reisig für das Morgenfeuer.

„Denkst du daran,“ fragte Frau Kaß, „daß du heute abend den Burschen zum Besten geben wolltest?“

Fenn hatte bei seiner Installation in Brebach von der männlichen Dorfjugend ein grasgrünes Plüschsofa geschenkt bekommen und wollte heute abend dafür ein Fäßchen Bier auflegen. Er sah nach den Zigarren, fragte, ob die Mutter für die nötigen Schinkenbrote gesorgt und ob Wöllem die erforderlichen Vorkehrungen für einen ungestörten Zapfbetrieb getroffen habe. – Alles war bereit, sie konnten kommen.

Und sie kamen. Sie wußten, was sich schickte, denn sie rieben klirrend alle, Mann für Mann, umständlich ihre genagelten Sohlen an dem Kratzeisen ab, fuhren sich beim Hutabziehen gleich mit der Hand, die die Krempe hielt, glättend über den Scheitel bis in den Nacken, und jeder war bestrebt, sobald er dem Herrn Kaplan die Hand gedrückt hatte, durch die Reihe der Kameraden hindurch rücklings mit tastenden Ellenbogen in den Hintergrund unterzutauchen.

Es waren Menschen von ungeschlachter Kraft, die zuerst in der beständigen Angst lebten, sie könnten in der Stube des Herrn Kaplans irgend etwas versehentlich umschmeißen oder Löcher in den Fußboden treten. Erst allmählich wurden sie sicherer, da sie merkten, daß Frau Kaß und ihr Sohn sie gar nicht mißtrauisch beobachteten, wie sie es wohl von ihrem Pfarrer und seiner Köchin gewöhnt waren. Der alte Wöllem gar, der so vergnügt herumhumpelte und ungestraft nach seinem sauern Rolltabak duftete, flößte ihnen vollends Zutrauen ein, und sie wurden bald zutunlich. Der Herr Kaplan war ja auch gar nicht so unnahbar würdevoll, so lateinisch, wie die andern geistlichen Herren, die sie kannten. Erstens war er gerade so ein starkknochiger Enakssohn wie sie selber. Zwar seine Hände waren nicht schwielig und erdfarben, wie ihre, aber er wußte sie zu gebrauchen. Das hatten sie gesehen, als Wöllem das Bierfäßchen hereingerollt und Fenn Kaß es freihändig auf den Tisch gehoben hatte, wo es jetzt zwischen zwei Holzscheiten festgeklemmt lag. Und als der Herr Kaplan den Hahn ins Faß schlug, dachten alle, was er für einen geschickten Hammerschwung hatte und wie er sich so ganz sachgemäß und gar nicht linkisch dabei anließ. Und dann: Alles gefiel ihnen an dem neuen: daß er so kameradschaftlich mit ihnen anstieß, daß beim Lachen seine kräftigen Zähne blitzten, daß er bei der gemütlichen Unterhaltung weltlich ungezwungene Redensarten gebrauchte, daß seine Mutter ihn nicht „Ihr“ und „Herr“, sondern du und Fenn nannte. Und es war trotzdem – das fühlten sie, wenn auch ohne Scheu, so doch deutlich heraus – es war doch eine Kluft zwischen ihm und ihnen. Nicht nur seine Gelehrsamkeit: sein ganzes Wesen, die Reife und Sicherheit, die in ihm waren, die ruhige Überlegenheit, der sie sich gern beugten. Sie mißbilligten es denn auch, als ihr Hauptspaßmacher, der Schmiede-Anton, mit dem Herrn Kaplan gleich vertraulicher tat, als er es ihrem Empfinden nach gedurft hätte.

Aber Fenn nahm nichts krumm und ging gemütlich auf die Scherze ein. „Man merkt, daß Sie Schmied sind. Drei meiner Onkel waren Schmiede, und sie machten alle drei gern ein Späßchen.“

„Ja, Herr Kaplan, wenn man so bei der Esse steht und den Blasebalg zieht, dann fällt einem allerlei ein.“

Und Fenn Kaß erzählte, wie es ihm immer einen Mordsspaß gemacht hatte, den Blasebalg zu ziehen, wie stolz er gewesen war, als er es schon mit einer Hand zuwege brachte, gerade wie der Onkel und seine Gesellen. Wie immer in der Schmiede sich die Burschen zusammenfanden, ein Eisen in der Esse anglühten, um ihre Pfeife damit in Brand zu setzen und wie sie dann ein halbes Stündchen blieben und Scherze machten und Geschichten erzählten, daß bei ihrem Lachen die Nachbarschaft aufhorchte.

* * * * *

Allmählich wurde die Gesellschaft warm, und Fenn Kaß sah sich einen nach dem andern an und horchte auf den Widerhall ihres Innern. Das waren ja jetzt seine Kameraden sozusagen, die Gesellen, mit denen zusammen er allerlei Lebendiges im Dorfe wirken wollte. Und er wollte sie kennen, um sicher zu sein, wessen er sich von jedem zu versehen hatte. Da waren zunächst die drei Brüder Kamp, der Johann, der Thedi und der Viktor, blonde, rotbäckige Burschen mit lustigen, blauen Augen, gutmütig, gescheit und zu jeder Arbeit anstellig. Das hatte er bald weg. Wenn von Maschinen die Rede ging, standen die drei gleich im Mittelpunkt des Gesprächs und alle andern bezogen sich auf sie, als auf die offiziösen Dorfsachverständigen. Sie lachten bei jedem Wort, das sie sagten, nicht als ob ein besonders lustiger Anlaß vorläge, sondern aus innerm Bedürfnis, aus Freude am Dasein, weil bei ihnen die Heiterkeit jede Lebensäußerung begleitete, wie das Geräusch die Bewegung. Dann waren noch zwei Brüder Masseler, der Emil und der Nikolas oder „Neckel“. Emil war von einer bäuerlich zimperlichen Erbtante in den Manieren eines sanften Knaben erzogen und hatte in einem Jesuitenpensionat des Auslandes, durch das nach alter Überlieferung alle bessern Bauernsöhne des Landes hindurchgehen mußten, eine Erziehung genossen, die ihn für alle Zeit außerhalb der andern stellte. Er war von allen der einzige, der glatt rasiert ging. Er spitzte sehr oft den Mund, wie zum Küssen, zum Zeichen, daß er reden wollte, aber er redete selten und wenig, das Mundspitzen ging dann in ein mild ironisches Lächeln über, bei dem sich jeder denken konnte: Aha, er weiß es besser, der Emil, er ist nur zu diskret. So hatte sich Masseler der Ältere, mit dem vornehmen Namen Emil, zur Freude seiner Erbtante in den Ruf eines klugen und sanften Jünglings gebracht, im Gegensatz zu seinem Bruder Neckel, der zwar auch nicht viel, aber deftig sprach und sein bißchen gesunden Bauernverstand in robusten Redensarten ausmünzte. Eben noch ging über ihn die Geschichte um von der Antwort, die er dem Herrn Pfarrer gegeben hatte, als ihm der zumutete, einen Knecht zu entlassen, der nicht in die Kirche ging. „Na ja!“ hatte Neckel gemeint, „Da’ se’t den: ‚Laaft mer de Bockel eran,‘ an dann hun ech en Dreck, Här Paschto’uer.“

Der Längsten und Stillsten einer unter der ganzen Schar war „der Ruß“. Eine Hüne mit einem Kalmückenschädel, der in der ganzen Gegend als unverbesserlicher Wild- und Fischdieb bekannt und dem trotzdem nichts anzuhaben war. Dutzende Male hatten ihn die Gendarmen auslauern wollen, und er hatte ihnen jedesmal eine Nase gedreht. Niemand wußte, in welchem hohlen Baum jeweils sein rostiges Schießeisen versteckt war, aber so viel war sicher, daß der Ruß in der Nähe desselben hohlen Baumes gerade einen Wildwechsel ausgespürt hatte. Die Fische im Fluß kannte er mit Namen, er fing sie, bis unter die Arme und oft bis über den Kopf im Wasser, mit den Händen, füllte sie beim Gurt in die weiten Hosenbeine, die unten in den Strümpfen staken, und ließ sie, wenn ihn die Gendarmen überrumpelten, gemächlich nach unten wieder herauszappeln. Mit dem Ausdruck der beleidigten Unschuld erklärte er dann, er habe doch nur „Ried gerupft“, um seine Fässer zu kalfaktern, und hatten die Gendarmen den Rücken gedreht, so suchte er sich unter dem Uferrain und aus den Schilfbüscheln seine entronnene Beute wieder zusammen.

In einem gewissen drolligen Gegensatz zu all diesem schwergliedrigen Menschtum stand der „Fritt“. Der Fritt war ein kleiner beweglicher Kerl, an dem alles Nerv und Neugier war. Sowie eine Erscheinung in den Umkreis seiner Wahrnehmungen trat, nahm er sie an, wie ein Hund das Wild, und seine hohe, verschleierte Stimme kläffte in unablässigen Fragen nach dem Wie, Warum, Woher und Wohin der Dinge. Er hielt mit seinem Scharfsinn die Andern, Stärkern in Schach, und es wagte sich nicht leicht einer an ihn. „Er beißt,“ sagten sie von ihm, und tatsächlich hatte er einmal bei einer Rauferei sich in die Wade eines Gegners festgebissen. „Na ja,“ krähte er heiser, als einer auf diese Art der Verteidigung anspielte, „jeder hilft sich, wie er kann. Meinen Sie nicht auch Herr Kaplan?“ Und der Fritt gab sich nicht zufrieden, bis er die Meinung des Herrn Kaplan über den Fall ergründet hatte.