Familiensklaven

Part 17

Chapter 173,813 wordsPublic domain

Leutnant Frank fand seine Schwester dort, wo sie ihn erwarten wollte: am Fischotterbecken. Er tat so, als wäre sie eine Dame, die er soeben erst verlassen habe und zwang sie zum Mitgehen, den Weg entlang, der zum Bahnhof führte. Nur wenige Menschen gingen hier, und so konnten sie sich aussprechen. Sie hatte ihr neues Kostüm an und den Hut auf, der aber schief saß und unter dem das Haar nur lose aufgesteckt war.

»Was ist denn los? Du siehst ja ganz verstört aus?« fragte er erschreckt.

»Entschuldige nur, aber ich wußte mir im Augenblick keinen anderen Rat. Ich konnte doch nicht an Euren Tisch kommen ... Ich kann keine Nacht mehr bei Roderichs bleiben.«

»Was sagst Du? Weshalb nicht?«

Sie bogen links ein, an dem Gehege der Hirsche vorüber, wo es dunkel und einsam war. »Ich bitte Dich, fasse Dich kurz! Ich bin in Uniform, ich muß Rücksicht nehmen.« Leichter Aerger klang aus seinen Worten, wodurch sie eingeschüchtert wurde.

Mit zitternder Stimme sprach sie mühsam weiter: »Ich sehe, Du bist böse, dann will ich selbst zu Mama. Es wird mir nur so schwer, Du weißt, sie regt sich leicht über alles auf, gerade jetzt, wo Fröhlich sich ihr vorstellen wollte.«

Sie war dem Weinen nahe, und so lenkte er in Güte ein: »Aber, mein Nuckerchen, so sprich doch! Wer hat Dir etwas getan?«

Endlich beherrschte sie sich und fand die Worte.

Es war kurz vor neun, sie hatte die Kinder zu Bett gebracht, als sie noch in das zweite Stockwerk hinaufging, um aus einer der Kammern etwas zu holen. Sie hatte gleich nach dem Abendbrot Rudi weggehen sehen, und so war sie ahnungslos, denn sie wußte nicht, daß er später wieder zurückgekehrt war und sich in seinem Zimmer befand. Diener und Mädchen waren in der Küche, und so erschien ihr alles oben still. Sie hatte das elektrische Licht im Gange aufgedreht und suchte unter den Kleidern, die in der Kammer hingen. Plötzlich, als sie, die Sachen im Arm, die Tür schon zugeschlossen hatte, fühlte sie sich von hinten umschlungen und gewaltsam geküßt. Rudi war es, der lachend sagte, sie solle immer hübsch an den »dummen Jungen« denken. Und als sie aufschrie und ihn einen gemeinen Menschen nannte, folgten Worte von ihm, die ihr die Schamröte ins Gesicht trieben. Im selben Augenblick hatte er das elektrische Licht ausgedreht, und sie stand im Dunkeln, nachdem sie laut um Hilfe geschrieen hatte. Kaum ihrer Sinne mächtig, war sie dann weiter getappt, hatte sich allmählich zurechtgefunden und war weinend in ihrem Zimmer auf das Sofa gesunken. Aus dem Lachen in der Küche entnahm sie, daß niemand etwas gehört hatte, und so bezwang sie sich allmählich. Rasch machte sie sich zum Ausgehen fertig, gebrauchte zu dem Hausmädchen die Ausrede, daß sie Frau Roderich eine Nachricht zu überbringen habe und daß die Kinder inzwischen nicht ohne Aufsicht bleiben dürften.

»Er hat mich schon immer belästigt, ich wollte es Euch nur nicht sagen. Ich habe ihn auch stets gründlich abfallen lassen, nun aber wirst Du einsehen --.« Sie konnte nicht weitersprechen, denn zuviel stürmte in diesem Augenblick auf sie ein.

Sein Entschluß war sofort gefaßt. »Geh und erwarte mich am Eingang -- Kurfürstenstraße! Ich bringe Dich nach Hause.« Sein Groll war verschwunden, nur Entschlossenheit sprach aus ihm. Plötzlich drückte er ihre Hand. »Geh, Schwesterchen, Du sollst Genugtuung haben! Solche schmutzigen Burschen müssen nach ihrem Werte behandelt werden.«

Große Liebe zu ihr sprach aus seinen Augen, denn sofort fiel ihm ein, wie sie neulich wieder an ihn gedacht hatte. Trauriges Los eines armen Leutnants, der nach außen hin glänzen mußte und die Welt nie erfahren ließ, wie oft sorgsame Frauenhände bemüht waren, ihm über die Einschränkungen hinwegzuhelfen! Und diese hier war auch eine von den Schwestern, die sich mühten, die duldeten und entbehrten, um die Uniform in der Familie stets blank und rein zu halten. Und das sollte ihr heute dreifach vergolten werden, und wenn das eigene, kaum begonnene Glück frühzeitig in Trümmer fiel.

Sie sah jetzt erst, was für Folgen ihr übereilter Schritt haben würde, und so legte sie sich aufs Bitten. Sie wolle doch lieber wieder zurückgehen in ihre Stellung und morgen dem Bankdirektor alles sagen, er solle nur ruhig bleiben.

Die Tränen neuer Angst traten ihr in die Augen.

Er aber schnitt ihr jedes Wort ab. »Das ist meine Sache. Geh und warte draußen, ich befehle es Dir. In fünf Minuten bin ich da.«

Er zwang sich zur militärischen Rauheit, reichte ihr nochmals die Hand, drehte sich kurz um und ging denselben Weg, den er gekommen war.

Er nahm nicht wieder Platz bei den dreien, sondern sagte im Stehen höflich: »Ich bitte die Herrschaften sehr um Entschuldigung, wenn ich mich sofort empfehle. Zwingende Gründe rufen mich ... Gnädige Frau, ich hatte die Ehre --. ... Herr Bankdirektor, es war mir ein Vergnügen -- ... Gnädiges Fräulein, ich habe mich herzlich gefreut --.« Damit verneigte er sich förmlich vor den Eltern, und mit einer Augensprache freundlicher vor Kornelia. Er hatte bereits dem Kellner gewinkt und bezahlte.

Alles geschah rasch, mit der deutlichen Absicht, nicht mehr aufgehalten zu werden. In der Bestürzung vergaßen Herr und Frau Roderich das Essen und hatten nur kurze Worte des Bedauerns. Kornelia jedoch reichte ihm ohne Zagen die Hand und sagte: »Wir hoffen auf baldiges Wiedersehen.« Sie hätte gerne noch mehr hinzugefügt, aber ihre Stimme stockte, denn etwas Fremdes sprach aus seinem Wesen, das sie nicht begriff.

Auch Frank hatte die Empfindung, daß er wenigstens zu ihr noch mehr sagen müsse, und er wollte schon ihre Hand an die Lippen ziehen, um seinen Gefühlen stumm Ausdruck zu geben, aber er bezwang sich mit Macht. Nochmals verbeugte er sich förmlich nach drei Seiten, grüßte militärisch und ging rasch aus der Halle.

Vater, Mutter und Tochter sahen sich überrascht an und suchten nach Worten. Dann endlich sagte Frau Roderich: »Das ist doch auffallend, findet Ihr nicht? Er hat ja nicht einmal seinen Wein ausgetrunken.«

Der Bankdirektor zuckte mit den Achseln und schwieg sich aus, Kornelia aber saß wie träumend da, ohne jede Bewegung. Sie hätte ihm nacheilen mögen, denn eine Ahnung sagte ihr, daß er dasselbe Bedürfnis haben würde, wie sie. Aber so etwas schickte sich nicht in dieser Welt des Scheins, wo die glatte Form den Vortritt vor den Gefühlen hatte.

Drüben schmetterte die Militärmusik. Fanfaren bliesen den Armeemarsch Friedrichs des Großen. Draußen auf der Straße hatte sich Frank mit seiner Schwester in eine Droschke gesetzt und empfahl dem Kutscher Eile.

Sie wollten noch vor zehn bei der Mutter sein.

XXI.

Eine Stunde später war im Hause Roderich großer Aufruhr. Fräulein war fortgegangen und nicht wiedergekommen. Emma hatte es berichtet und war erstaunt, durch Fanny in ihrer Wache nicht abgelöst zu werden. Nun war Kornelia alles klar, und die Eltern teilten ihre Ueberzeugung, daß nur die Schwester es gewesen sein könne, die den Bruder zu dem raschen Aufbruch veranlaßt habe. Man horchte das Hausmädchen aus, ohne die gewünschte Aufklärung zu bekommen. Auch der Kandidat hatte sich nicht mehr sehen lassen, und so war auch kein Grund zu der Annahme, er könnte die Veranlassung zu Fannys Flucht gewesen sein; denn nicht anders war ihre Handlungsweise aufzufassen. Sang- und klanglos war sie davon gegangen, ohne ihre Sachen mitzunehmen.

Kornelia, von dunklen Ahnungen erfüllt, stieg hinauf zu Rudi und klopfte: das Nest war leer. Das Rätsel blieb für sie ungelöst, da Emma berichtete, »der junge Här« sei gleich nach acht Uhr fortgegangen und habe ausdrücklich zum Diener gesagt, daß er erst spät wiederkommen werde; man möchte es den Eltern bestellen, falls sie fragen sollten.

Frau Agathe, die heute nach all der Aufregung die blühendste Einbildung hatte, war sofort geneigt, die Skandalszene im Hause nach ihrer Art auszulegen. »Ihr irrt Euch alle, sie war gar nicht drüben! Die hat Rudi angestiftet, mit ihr auszureißen. Paßt auf, es ist so! Jetzt wird endlich alles ans Licht kommen. Und wer wird recht haben? Ich! Sie hat neulich schon alles umgedreht, als die Sprache darauf kam.«

»Worauf denn?« warf Roderich überrascht ein. »Das ist ja etwas ganz Neues?«

»Na, jetzt kannst Du es ja auch wissen, Papa,« sagte Kornelia ruhig. »Sie hat schon viel unter Rudis Unausstehlichkeiten zu leiden gehabt, und ich ahne beinahe etwas Schlimmes, aber anders, wie Mama es tut.«

»Und das habt Ihr mir alles nicht gesagt?« Der Bankdirektor vergaß ganz die Nachtruhe, die ihm heute besonders nötig tat, denn er hatte sich schließlich müde gekneipt. Erregt ging er in dem großen Familienzimmer auf und ab, in jener Stimmung, die fleißige Sekttrinker oft überkommt, wenn sie von plötzlicher Munterkeit gepackt werden. Er war heute besonders kampflustig, das sah man ihm an. »Es wäre ja ein Skandal für unsere ganze Familie, wenn der Junge von schlimmen Instinkten geleitet worden wäre. Und so etwas spielt sich hinter meinem Rücken ab!«

»Der arme Kandidat, er tut mir wirklich leid,« fuhr Agathe, unberührt davon, in ihrer Meinung fort. Sie sah ihn plötzlich wieder in den Vordergrund gerückt, nachdem das Traumbild der Uniform so schnell verflogen war. Sie ahnte selbst, daß schlimme Dinge heranziehen würden.

»Bekümmere Dich nur nicht wieder um den Kandidaten, der wird sich schon ohne Dich helfen. Geh nur und leg Dich schlafen! Morgen ist auch noch ein Tag, und da wird sich das weitere finden!«

»Adolf, Du wirst wieder brutal. Das hab' ich nun davon. Ich wollte gleich nicht in den Zoologischen gehen. Aber Ihr hattet Euch beide gegen mich verschworen! Ihr steckt ja immer unter einer Decke. So einen kleinen Leutnant anzuschleppen, von dem zwölfe auf ein Dutzend gehen. Das war wieder so Nelis Art --. Immer nach ihrem Kopf, darin kommt sie ganz nach Dir!«

»Gott sei Dank!« brauste Roderich wieder auf.

Frau Agathe lachte, weil sie dieses Lob lächerlich fand. Die Sektgeister rumorten ebenfalls in ihr, und so waren ihre Nerven heute merkwürdig abgestumpft, was sie durch ihren Widerstand zu erkennen gab.

»Ihr solltet doch lieber sehen, ob Rudi nicht seinen Koffer gepackt hat. Vielleicht hat er gar Geld von Dir genommen. Geh und sieh einmal nach! Ich hab' ihn nicht erzogen. Gute Nacht!«

Ungeniert hatte sie sich bereits die Taille aufgeknöpft, und so ging sie nun in ihr Ankleidezimmer, wo Emma bereits auf sie wartete.

Kornelia stand schweigend am Fenster und weinte. Als Roderich das sah, trat er auf sie zu und fragte leise nach dem Grund. Sein Rausch war plötzlich verflogen, denn diese Ereignisse gingen ihm durch den Kopf.

»Wenn man schon ein bißchen Glück in Aussicht hat, dann wird's einem wieder gründlich verdorben,« schluchzte sie auf. »Wenn nur endlich einer käme und würde mich hier herausnehmen, ich wollte ihm schon folgen bis ans Ende der Welt. Was sind wir denn, wir reichen Mädels! Wahl bringt immer Qual.«

Er wurde gerührt und tröstete sie, indem er mit der Hand über ihre Wange fuhr und sie auf ihr seidenweiches Haar küßte, dessen natürlichen Duft er mit väterlicher Liebe so gerne einsog. »Laß nur, was ich tun kann zu Deinem Glück, das tu ich. Mein Wort darauf. Schlaf nur jetzt erst!«

Er drückte noch einen Kuß auf ihre Stirn und ging dann noch einmal hinunter in sein Arbeitszimmer, weil er die Ruhe noch nicht finden konnte.

In dieser Nacht blieb Rudi außer dem Hause. Es kam öfters vor, daß er bei einem Freunde in Lichterfelde übernachtete, wenn er an schönen Tagen hinausgefahren war, und so traf auch richtig am Morgen von dort ein Telegramm ein, daß er erst mittags kommen werde. Der Bankdirektor war heute früher als sonst aus den Federn und zeigte sich sehr ungemütlich über diese Nachricht, denn gerne hätte er sich den Aeltesten gleich beim Kaffee vorgenommen. Er mußte heute früher fort, und so konnte er sich mit dem Vorgang nicht weiter befassen. Man müsse abwarten, was am Tage kommen werde, sagte er zu seiner Frau; auf alle Fälle solle man ihn sofort durch den Fernsprecher benachrichtigen.

Zehn Uhr war längst vorüber und Fröhlich erschien nicht, wodurch die Angelegenheit noch verwickelter wurde und Frau Roderich Grund bekam, neue ungeheuerliche Vermutungen zu hegen. Sie übertrug nun die Rolle Rudis auf den Kandidaten. Entschieden sei das Brautpaar gestern abend zusammengetroffen, habe sich in Berlin vergnügt, und Fräulein habe darüber ihre Pflicht vergessen.

Kornelia war ratlos; sie konnte nur dasselbe befolgen, was der Vater für das Beste erklärt hatte: abzuwarten. Erst um zwölf Uhr erschien der Kandidat und wünschte sehr aufgeregt die Hausherrin zu sprechen. Gleich am frühen Morgen hatte er in einem Rohrpostbriefe von Fanny die nötige Mitteilung erhalten, war sofort zu ihr geeilt und nun hierhergekommen, um bittere Klage zu erheben. Nun aber erlebte er eine kleine Enttäuschung, als ihn die Gnädige höflich aber kühl empfing. Ihr Traum hatte ein Ende, das sah sie ein, und so wollte sie die Ehre des Hauses nach jeder Richtung wahren.

»Ich stehe der ganzen Angelegenheit völlig interesselos gegenüber,« sagte sie mit einem Heben ihrer runden Schultern, ohne diesmal den leisesten Versuch zu machen, ihn zum Platznehmen zu bewegen. »Ich muß Sie schon bitten, sich heute nachmittag an meinen Mann zu wenden. Uebrigens war es durchaus unrecht von Fräulein, so ohne weiteres das Haus zu verlassen. Ich bin in die größte Verlegenheit gekommen.«

»Recht war es, durchaus recht, Frau Bankdirektor,« erwiderte er mit scharfer Betonung. »Meiner Braut muß Genugtuung nach jeder Richtung werden.«

Sie erhob sich zu ihrer ganzen Größe. »Ja, was für eine Sprache führen Sie denn, Herr Kandidat!«

»Die Sprache des anständigen Mannes, der über gewisse Dinge mit sich einig ist. Ich bitte ergebenst, mich von dem Unterricht heute zu entbinden. Ich bin nicht in der Verfassung --.«

»O gewiß, gewiß,« säuselte sie. »Sicher wird mein Mann Sie auch ganz und gar von Ihrer Verpflichtung entbinden, falls Sie es wünschen.«

Er war betroffen und sagte nichts mehr, denn auf diese Wendung war er nicht gefaßt gewesen. Er hatte Sonnenschein sehen wollen, und empfing nun das Dunkel der drohenden Zukunft, das ihn mit Bangen erfüllte. Er verbeugte sich stumm und ging. Draußen drückte er nur flüchtig seinem Schüler die Hand, der sich aber an seinen Arm hängte und ihn bis auf den Treppenflur begleitete. »Ich kann mir schon denken, Herr Kandidat, weshalb Sie Kummer haben,« sagte er zum Abschied. »Aber ich stehe auf Ihrer Seite. Ich lasse mich von keinem andern unterrichten. Sie sollen sehen, ich halte Wort.«

Eine Stunde später kam ein eleganter Herr, wünschte Herrn Roderich junior zu sprechen und übergab dem Diener seine Karte mit dem Bemerken, daß er nachmittag zwischen drei und vier Uhr in einer dringenden persönlichen Angelegenheit wiederkommen werde.

Emil fand nichts Besonderes darin und legte die Karte in des jungen Herrn Zimmer, ohne den Damen etwas davon zu sagen.

Kurz vor zwei stellte sich Rudi wie ein ahnungsloser Engel ein. Er hatte gestern auf alles geachtet, was Fanny tat, bevor sie das Haus verließ, und war zum zweiten Male fortgegangen, wenigstens beruhigt darüber, daß sie den Lärm unten nicht fortgesetzt hatte. Und so spielte er den Erstaunten, als Frau Roderich ihn mit den Worten überfiel: »Rudi, was hast Du getan! Du wirst uns noch die Polizei ins Haus bringen! Papas Zorn kennt keine Grenzen.«

Auf dem Korridor hatte ihm Emma bereits gesteckt, daß Fräulein »ausgerissen« sei, und so war er auf alles gefaßt. Seine Schauspielerei hätte der Mutter in der Zeit ihrer schönsten Triumphe Ehre gemacht. Die durchzechte Nacht noch in den Gliedern, der ein schlechter Schlaf gefolgt war, wehrte er sich mit großer Entrüstung, so daß es laut durch das Zimmer dröhnte. »Das traust Du mir zu, Mama? Na, da hört aber alles auf! Das ist ja wieder mal der reine Ueberfall von Euch, für alles soll ich verantwortlich sein! Wer weiß, wer ihr da oben einen Schreck eingejagt hat. Bräute sehen ja überall männliche Gespenster. Ich war nicht hier, was geht mich die Geschichte an.«

Das Essen wurde schon aufgetragen, und da die Kinder diesmal wieder bei Tisch waren, schwieg man sich in dumpfer Schwüle aus. Endlich sagte er, um zu beweisen, daß er alle Vorgänge in der Familie überwache: »Wann werden denn die Verlobungsringe bestellt, Neli? Heimliche ist wohl gestern schon gefeiert worden? Ihr habt ja da sehr gemütlich mit meinem zukünftigen Schwager zusammengesessen. Ich bin auch mal so'n bißchen drüben durchgestrichen, aber nicht lange. Ich wollte Euch nicht stören!«

»Ja, weshalb bist Du denn nicht heraufgekommen?« warf Frau Roderich ein. »Wir dachten, Du wärst ganz wo anders.«

»Er hatte vielleicht ein böses Gewissen, Mama,« sagte Kornelia und erhob sich mit den Kindern, da sie fertig mit dem Essen war. Er lachte spöttisch hinter ihr her und rief ihr nach: »Na, mit Deinem Leutnant nehm ich's noch auf.«

»Renommiere nur nicht zu früh,« war ihre Antwort, bevor sie die Türe schloß.

Er war kaum in seinem Zimmer und hatte die Karte gelesen, als auch schon der Diener kam und zum zweiten Male denselben Herrn meldete, der unten im Empfangssalon warte. Rudi konnte nicht anders, er mußte hinunter. Zuvor aber warf er einen Blick in den Spiegel, zog seine kleinen Taschenbürsten hervor, strich sich die Haare glatt und versuchte auch dem kleinen Schnurrbärtchen die möglichste Form »Es ist erreicht!« zu geben.

Unten erwartete ihn ein sehr forsch aussehender junger Mann mit einem Schmiß auf der Stirn, der in einem hellgrauen Anzug steckte und es für nötig gefunden hatte, weder Hut noch Stock wegzulegen.

»Referendar Kurz,« stellte er sich mit einer gemessenen Verbeugung vor.

Rudi machte einen erhabenen Kopfnicker. »Darf ich bitten, Platz zu nehmen?«

»Danke sehr. Unsere Angelegenheit kann im Stehen erledigt werden. Ich komme im Auftrage des Herrn Leutnants Frank. Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, worum es sich handelt.«

Rudi spielte den Verblüfften. »Keine Ahnung, Verehrtester.«

»Ich muß jede Vertraulichkeit zurückweisen. Sie haben sich gestern gegen das Fräulein Schwester meines Herrn Auftraggebers eine tätliche Beleidigung erlaubt, wofür auf alle Fälle Genugtuung gefordert wird. Ob Sie sie zu geben imstande sind, entzieht sich noch meiner Kenntnis. Aber ich möchte um eine bestimmte Erklärung darüber ersuchen -- um eine ~ganz~ bestimmte.«

Rudi war blaß geworden, seine Sicherheit sank, aber sein Hochmut kam nun stammelnd zum Ausdruck. »Ich verstehe Sie ganz und gar nicht. Mir alles schleierhaft, was Sie da sagen.«

»Sie leugnen also?«

»Leugnen? Ich muß mir einen derartigen Ausdruck verbitten, denn ich war gar nicht zu Hause. Habe erst heute davon erfahren.«

»Können Sie mir das mit Ihrem Ehrenwort versichern?«

»Ich gebe Ihnen durchaus nicht die Berechtigung, eine derartige Frage an mich zu richten.«

»Sie leugnen also doch?« fuhr der Referendar kalt fort.

Rudi sah nach der Uhr und nahm eine herausfordernde Stellung ein. »Ich verbitte mir jede anzügliche Redensart. Was wünschen Sie also?«

»Vor allem eine bestimmte Erklärung darüber, ob Sie die tätliche Beleidigung gestern zugeben.«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich von der ganzen Angelegenheit nichts weiß. Ich bedaure sehr, meine Zeit ist gemessen!«

»Das genügt mir vorläufig. Ich werde meinem Auftraggeber davon Mitteilung geben.« Referendar Kurz machte denselben gemessenen Kopfnicker wie zuerst und entfernte sich.

Kornelia stand im Verandasaal und hatte alles mit angehört. Sie war Emil gerade begegnet, als er mit der zweiten Karte zu ihrem Bruder hinaufstieg, war diesem vorausgeeilt und hatte ahnungsvoll hier Platz genommen. »Pfui, was bist Du für ein schlechter Mensch,« sagte sie, noch zitternd vor Erregung. »Weißt Du, wie die Studenten so etwas nennen? Kneifen! Wirklich zuviel Ehre, die man Dir antut. Jetzt aber sitzt Du in der Schlinge. Morgen kommt der Herr sicher wieder, und dann wird's mit Deiner Feigheit ein Ende haben.«

»Feigheit?« schrie er sie an. »Laß Deine kecken Worte!«

»Ja, Feigheit. Ich wiederhole es. Walter hat Dich wieder nach Hause kommen sehen und hörte auch, wie Du zum zweiten Male fortgingst. Du warst also doch oben! Fräulein Frank lügt nicht, aber Du bist voll Unwahrheit. Laß nur Papa nach Hause kommen, Du sollst schon klein werden und Abbitte leisten!«

»Ich?«

Es sollte noch ausfallend klingen, aber er verlor seine Haltung und stand mit verzerrtem Gesicht vor ihr, wie eine entthronte Größe, die jämmerlich zusammengeschrumpft ist. »Dieser Gnom soll sich lieber um seine Schularbeiten kümmern!« sprach er hinter ihr her, als sie die Wendeltreppe hinaufging.

Der Bankdirektor nahm heute sein Diner auffallend rasch ein, so daß Emil sich beeilen mußte, ihm den üblichen Bericht zu erstatten. Kaum hatte Roderich die Serviette weggelegt, so ließ er seinen Sohn herunterrufen. Wenn der Bankdirektor etwas durchführen wollte, ging er gerade auf sein Ziel los. So sagte er denn kurz: »So, mein Junge, nun setze Dich hier an meinen Platz, schreibe ein paar höfliche Zeilen an Fräulein Frank und bitte sie um Verzeihung für Deine -- sagen wir milde: Unart. Mach, mach -- ich will den Brief gleich wegschicken. Das übrige mit dem Leutnant werde ich selbst besorgen, damit Du nicht gar zu beschämt dastehst.«

Rudi strich lächelnd sein Bärtchen. »Aber, Papa, ich bitte Dich, -- das ist doch nicht Dein Ernst?«

Der Bankdirektor beherrschte sich noch. »Rasch, ich warte nicht lange, die Brücke ist Dir gebaut.«

Als dann wieder eine Zwischenbemerkung folgte, erhob er in maßlosem Zorne die Hand. Aber er hatte es nicht nötig, zu schlagen, denn sein Blick bezwang den Sohn, der unter dieser Drohung sich dazu bequemte, den Wunsch zu erfüllen.

»So,« sagte Roderich wieder gemütlich und schloß den Brief. »Und nun noch eins, mein Junge. Berlin ist nichts für Dich, das sehe ich schon. Es ist zu klein für Deine weitgehenden Ansichten über Fleiß und Moral. Zum Offizier bist Du verdorben, das wirst Du selbst einsehen, denn die nötige Tapferkeit bringst Du nicht mit ... Du mußt in ein größeres Reich mit freieren Anschauungen. Wir wollen den letzten Versuch machen. Spremberg ist auch eine schöne Gegend, dort kannst Du's noch einmal in einer Fabrik wagen. Ich werde morgen gleich an einen Geschäftsfreund schreiben.«

»Ganz wie Du willst, Papa.« Er biß die Zähne zusammen und ging davon.

Noch am selben Tage setzte sich Roderich mit Leutnant Frank in Verbindung und drückte ihm sein lebhaftes Bedauern über den Vorfall aus, der durch die bereits erfolgte Abbitte seines Sohnes dem Fräulein Schwester gegenüber etwas abgeschwächt sei. Trotzdem sei er auch zu jeder andern Genugtuung bereit, soweit sie sich mit seinem Gefühle vertrage. Als dann Fröhlich sich bei ihm melden ließ, dauerte die Aussprache nicht lange, denn Roderich hatte alles getan, was in seinen Kräften lag.

Schon am Morgen des zweiten Tages schrieb Frank höflich, daß er auf Wunsch seiner Schwester die Angelegenheit nunmehr für erledigt halte und zugleich seinen Dank abstatte für das Eingreifen Roderichs, was ihm völlig genüge.

Agathe atmete auf, denn das Leben Rudis war gerettet. Er hatte ihr schon einen Schreck eingejagt dadurch, daß er von der »Notwendigkeit eines Pistolenduells« sprach, bei dem »einer auf dem Platze bleiben« müsse. Sie konnte nicht einmal im Geiste Schüsse knallen hören, und schon der Anblick eines Revolvers, den er in seinem Zimmer hatte, ließ ihre Nervenmusik schrill ertönen.

Fanny kam eines Abends und packte selbst ihre Sachen, und Roderich benutzte diese Gelegenheit, ihr noch einmal persönlich sein Bedauern über alles auszusprechen.

Nach einer Woche trat Rudi seine Fahrt an, um sich nun endlich die »Hörner abzulaufen«, wie sein Vater meinte. Es gab einige Tränen der Mutter, die aber schließlich fand, daß es so das beste sei. Nun war die Luft rein, und Kornelia konnte die gelockerten Fäden zwischen Berlin und Spandau wieder straffer ziehen.