Erzählungen aus dem Ries

Part 15

Chapter 153,660 wordsPublic domain

In Christine regte sich, nachdem sie ihre Furcht und Verlegenheit vor Hans gänzlich abgelegt hatte, die gute Natur. Die Achtung, die sein Benehmen ihr einflößte, wurde zur Freundschaft, zur freundschaftlichen Theilnahme. Sie fühlte den Trieb, ihn wohl zu halten und ihn zu erfreuen durch Lob und durch die Aufmerksamkeiten, wozu der Familienverkehr so viele Gelegenheit bietet. War sie auch nicht mehr gedrückt durch das, was ihr früher als ein Unrecht vorkam, so fühlte sie sich doch erleichtert, wenn sie etwas für ihn gethan hatte. Einmal, als das Gespräch mit ihm eine scherzende Wendung genommen, sagte sie, indem sie plötzlich einen ersteren Ton annahm: »Hans, du mußt auch heirathen! Einem Mann in deinem Alter gehört ein braves Weib, und du verdienst die beste!« -- Hans sah ihr betroffen und argwöhnisch in's Gesicht; da er aber nur wirkliche Theilnahme darin erblickte, so antwortete er mit einer gewissen Laune: »Für unser Einen ist's Heirathen so eine Sach', man kriegt nicht immer die, die man gern möchte.« -- Christine, die ein wenig roth wurde, rief um so lebhafter: »Ein Bursch wie du kann sich jede aussuchen!« -- Hans verzog seinen Mund und erwiederte: »Ich glaub's wohl! So Einem kann's nicht fehlen! Wenn er die Hände ausstreckt, hängt an jedem Finger eine!« -- Ueber diesen kitzlichen Punkt fand Christine für gut hinwegzugehen, und die Heirath schon als geschehen betrachtend, sagte sie: »Dann werden wir Gevatterleut' und ich heb' deine Kinder aus der Täf (Taufe), und wir wollen recht vergnügt mit einander sein.« -- »Nun damit,« versetzte Hans lächelnd, »hat's noch gute Weg'. Zuerst heirathest du, und dann wollen wir sehen, was mit mir anzufangen ist.«

Freilich, auf die Hochzeit der Christine war mehr Aussicht als auf die des guten Hans. Die Verlobten hatten beschlossen, sich im Herbst »zusammengeben« zu lassen, und es wurde nun immer emsiger an der Ausfertigung gearbeitet. Die Frage, wie Christine als Frau Lehrerin sich kleiden solle, war erledigt. Heutzutage hätte man eine »Näherin« eingethan, die sich als Kleidermacherin schon einen Namen erworben, und der Lehrersbraut die gehörige Zahl bürgerlich französischer Anzüge fertigen lassen. Damals warf man aber die Rieser Tracht noch nicht so schnell über Bord, und es war demnach im Hause der Glauning beschlossen worden, nur zu der feineren Kleidung im Rieser Styl fortzugehen, wie sie die Weiber der reichen Bauern, der Müller, Wirthe und auch der Schullehrer noch trugen. Es war immerhin ein Fortschritt, und das Herz der Braut wurde außerordentlich erheitert beim Anblick zweier seidener Halstücher, die ganz neumodisch waren, eines herrlichen »geflammten« Rocks, der in zierliche Falten »gebegelt« (gebügelt) die stattlich Hinschreitende umwogen sollte, und einer großen Radhaube, nicht mit schwarzen, sondern mit weißen Spitzen und mit farbigen seidenen Bändern, womit im Dorf bis jetzt einzig und allein die Wirthin geprangt hatte. Als Christine dieses Wunder von Haube zuerst probirte und die seidenen Bänder, zierlich verschlungen, von ihrem Kinn auf die Brust herunter wallten, fühlte sogar die Taglöhnerin aus ihrer pflanzenähnlichen Ruhe sich herausgerissen; sie hing an der Beneidenswerthen mit einer Art von Andacht, stieß einen komischen Seufzer aus und rief: »Bändel zieret halt da' Menscha'!« wobei sie in ihrem Herzen dachte, daß sie in einer Haube mit so schönen Bändern sich neben der Christine wohl auch noch sehen lassen könnte. -- Dem Vorrath an Leinwand und Bettfedern, den die Mutter gesammelt hatte, wurde nebst dem Geldbeutel stark zugesprochen, und der Wunsch der ehrgeizigen Frau, ihre Christine wie eine reiche Bauerntochter auszustatten, und das Verlangen, doch auch noch etwas übrig zu behalten, kamen öfters mit einander in Streit. Hie und da gab es sogar einen kleinen Handel zwischen Mutter und Tochter, der aber bald wieder in's Gleiche gebracht wurde: Christine hatte den Vortheil, das einzige Kind zu sein. Indem nun die beiden mit der Dorfnäherin und dem Dorfschneider in die Wette arbeiteten, ging die Sache stetig vorwärts. Man war sicher, zu rechter Zeit fertig zu werden und in's Schulhaus mit einem Wagen voll Hausrath einzuziehen, wie er von einer Söldnerfamilie noch nie geliefert worden war.

Daß zwischen dem Haus der Glauning und dem Schulhaus immer der engste Verkehr statt gefunden hatte, versteht sich von selbst. Forstner war fast in allen Stunden, die er sich abmüßigen konnte, bei der schönen Braut gewesen, und seine Mutter hatte über alle wichtigen Fragen mit ihr und der Base Rath gepflogen. Bei einem so lebhaften Temperament, wie es der junge Lehrer besaß, konnte sich die Glut des Liebenden freilich nicht immer auf der ersten Höhe behaupten; gerade wenn sie dauern sollte, mußte sie sich mäßigen und so zu sagen in regelmäßigem Flußbette hinströmen. So war denn mit der Zeit der Verlobte ruhiger geworden, und ohne daß sein Wohlgefallen an der Braut sich minderte, öffnete sich sein Herz auch wieder andern Dingen. Den ganzen Frühling hindurch hatte er Einladungen seiner Freunde zu fröhlichen Gelegenheiten ausgeschlagen. Er führte Christine mit seiner und ihrer Mutter an schönen Feiertagen nach Nördlingen, Oettingen oder Wallerstein, unterhielt sie, zeigte ihnen belehrend die Schlösser und Hofgärten der fürstlichen Residenzen und ging in gemüthlichem Gespräch mit ihnen nach Haus. Wie nun aber der Eifer der Ausfertigung, je weiter diese vorschritt, nur um so lebhafter wurde und die Weiberherzen ganz zu erfüllen schien, glaubte Forstner den Collegen und Kameraden sich nicht länger entziehen zu dürfen. Man hatte in Oettingen ein musikalisches Kränzchen gestiftet, und er mit seinem hübschen Tenor und seinem Geschick auf der Violine war ehrenvoll dringend zur Theilnahme aufgefordert worden. Er verpflichtete sich dazu, und da die Gesänge und die Musikstücke, die man aufführte, bald gut zusammengingen, so legte der rasche Fußgänger mit Vergnügen die ziemlich lange Strecke zurück, die zwischen dem Dorf und dem Ort der Zusammenkunft lag, und freute sich der künstlerischen Unterhaltung und der lustigen und geistreichen Gespräche, die auf die kleinen Concerte zu folgen pflegten.

Forstners Temperament -- das hat man schon gesehen -- war überwiegend sanguinisch. Von Leuten dieser Art ist bekannt, daß sie gewisse Dinge schneller und lebhafter erfassen, aber schneller auch wieder lassen als andere. Ich sage, gewisse Dinge. Es wäre schlimm, wenn der Sanguiniker in seinem Geist und Herzen nicht die Kraft besitzen könnte, einem Gedanken, einer Pflicht und einer ernstlichen Neigung treu sein Leben zu widmen. Aber von gewissen Dingen, namentlich solchen, die auf dem Felde der Unterhaltung und des Lebensgenusses liegen, wird der Mann von leichtem Blut schneller hingerissen als andere und weiter geführt, als er anfangs dachte, auch wenn er, wie unser Lehrer, eine Dosis Phlegma besitzt, welche der Klugheit zur Unterlage dient. -- Das musikalische Kränzchen in der genannten fürstlichen Residenz gewann in raschem Aufschwung einen Stand der Blüthe, wie er unter günstigen Verhältnissen bei solchen Verbindungen einzutreten und eine Zeitlang zu dauern pflegt. In solcher Zeit gelingt alles; die Theilnahme scheint ununterbrochen zu wachsen, die Freude kommt ungesucht und der Ruhm des Instituts verbreitet sich in der ganzen Umgegend. An den Tagen, wo man sich in Oettingen versammelte, fanden sich nun bald auch Gäste von benachbarten fränkischen Orten ein, die nach ihrem bekannten Naturell dem Vergnügen keinen Eintrag thaten. Musiker trinken gern, und ein leichter Rausch ist der Zustand, der allein würdig scheint, auf künstlerischen Enthusiasmus zu folgen, weil er diesen nicht verglühen läßt, sondern liebevoll erhöht und weiter trägt. Da nun das Bier, welches der Ganswirth lieferte, vortrefflich war, so fühlten sie sich, wenn es auch meistens Dorf- und Stadtlehrer mit zwei- bis fünfhundert Gulden Einkommen waren, doch alle wie Könige. Die musikalischen Aufführungen gewährten edeln und feinen Genuß, das darauf folgende Gelag machte sie fröhlich wie die fidelsten Musensöhne, und die Gesänge, in welche die innere Lust hier unwillkürlich ausströmte, klangen noch schöner und ergreifender, als die kunstmäßig vorgetragenen, weil die Formen der Kunst von der lodernden Glut der Seelen überschwänglich erfüllt wurden. -- Forstner, eine Zierde sowohl der Aufführungen als der Gelage, sah sich in diesem Zirkel geehrt und geliebt; seine Freundschaft wurde gesucht, ein Lehrer aus der benachbarten fränkischen Stadt erklärte ihn für ein Genie und schloß sich eng an ihn an; da war es ohne Zweifel natürlich, daß die Theilnahme an dem Kränzchen in ihm endlich zur Passion wurde und daß er an den Versammlungstagen regelmäßig als einer der ersten kam und einer der letzten ging. Eben so natürlich war es aber auch, daß dabei Zeit und Geld verthan wurden »nach Noten« -- und letzteres mehr als es Forstners Einkommen vertrug.

An Zeit hat der Dorflehrer im Sommer keinen Mangel. Dessen ungeachtet verminderten sich die Besuche des Bräutigams im Hause der Braut auf eine Weise, daß es auch der Vielbeschäftigten und Arbeitstrunkenen auffallen mußte. Sie machte ihm darüber Vorwürfe und setzte mit etwas empfindlichem Ausdruck hinzu: es sehe beinahe aus, als ob's mit seiner Lieb' zu ihr gar nicht mehr so arg sei, wie sonst. Allein da schloß er sie mit einer Zärtlichkeit in seine Arme und sprach von seiner ewigen Liebe und Treue in so schönen Ausdrücken, daß der halbe Zweifel in der Seele des Mädchens rasch wieder getilgt war. Er zeigte eine ernste Miene und belehrte sie, wie er sich im Singen und Musiciren üben und Bekanntschaften machen müsse, weil ihm dies zu seinem Fortkommen durchaus nöthig sei. Er erzählte ihr, welchen Beifall er in dem Kränzchen erhalte und wie geehrt er sei -- und Christine, selbst geschmeichelt, meinte, das sei dann freilich etwas anderes und auch sie könne ihm jetzt nicht rathen wegzubleiben.

Mit seiner Mutter hatte Forstner eine andere Erörterung. Die alte Frau besaß noch etwas Vermögen. Es war nicht mehr so viel als vor einigen Jahren; denn der begabte und überall beliebte Sohn hatte als Schulgehülfe mit seinen Einnahmen unmöglich reichen können, und jedes Jahr mußten etwelche Schulden getilgt werden. In seiner jetzigen Stellung war er ausgekommen, so lange er eingezogen lebte; jetzt hatte sich wieder ein Deficit gezeigt, und er mußte die Mutter neuerdings angehen. Diese sträubte sich und las ihm gehörig den Text. Allein es gelang ihm auch ihr gegenüber zu beweisen, daß ihm die jetzigen Ausgaben in Folge der gemachten Bekanntschaften zehnfach wieder hereinkommen würden, und die beschwichtigte Mutter zahlte.

Der Sommer näherte sich seinem Ende. Die Ausstattung der Christine war beinahe fertig -- ein Gegenstand der offenen Bewunderung und des geheimen Neides besuchender Freundinnen. An den Kästen und »Bettscha'den« (Bettstatten), an Tischen und Stühlen hatte der Schreiner des Dorfs sein Meisterstück gemacht. Sie waren nicht von Mahagoniholz und nicht polirt, aber mit brauner Oelfarbe überzogen, so schön wie man's noch nie gesehen. Hemden, weiße Schürzen, Schnupftücher, »Handswellen« (Handtücher), Tischtücher und Strümpfe gewöhnlicher und feingemodelter Gattung lagen gewaschen und gebügelt im »Weißwaarenkasten.« Die Betten waren schon überzogen mit blau- und rothgestreiftem, selbstgewirktem Zeug. Spitzenhauben, Sonntagskappen (wo das »Bödele« aus Gold- oder Silbergeflecht bestand) und verschiedene Alltagskappen prangten im obern Fach des reichbehängten Kleiderkastens. Ein neuer Spinnrocken mit Rad, von einem Nördlinger »Dreher« kunstreich gefertigt, stand bereit, um an dem Tag des Einzugs, mit dem feinsten und weißesten Flachs überzogen und mit rothseidenem Band umwickelt, mitten auf dem Wagen zu prangen. Es fehlten hauptsächlich nur noch ein paar Sessel, welche die alte Glauning, des feinen Schwiegersohns wegen, sich auch noch zu bestellen entschlossen hatte, und ein kleines Stück Hausrath, welches erst später nöthig zu werden pflegt, das aber vorsorgliche und humoristische Eltern in der Regel auch gleich mitfertigen lassen.

Was Christine an Geld mitbekommen und wie es gezahlt werden sollte, war ausgemacht. Die Heirath des einzigen Kindes mit einem Lehrer versetzte die Wittwe in eine Nothwendigkeit, die auf dem Lande stets mit Leidwesen empfunden wird, das Gut, das ihr Mann von seinen Vorfahren überkommen, vergrößert und so schön hergerichtet hatte, in andere Hände übergehen zu lassen. Der angestellte Schwiegersohn konnte es nicht übernehmen, und sie konnte es nach der Ausstattung ihrer Tochter nicht mehr halten. Als sie das einmal vor Hans aussprach, bemerkte dieser: er habe daran auch schon gedacht und bei sich überlegt, was Haus und Feldung in heutiger Zeit wohl gelten möchten. Er sei über eine Summe mit sich einig geworden, und um diese wolle er selber das Gut an sich bringen. Die Wittwe, angenehm überrascht, ließ ihn die Summe nennen; und da auch sie schon einen Ueberschlag gemacht hatte, dessen Ergebniß von dem Gebot des Vetters nicht viel abwich, so wurden sie bald »Handels eins.« Sie machten aus und gaben sich die Hand darauf, daß nach der Heirath der Christine -- denn vorher wollten sie keine Aenderung treffen -- die Sölde um die vereinbarte Summe von ihr an ihn übergehen solle. Der alten Glauning fiel ein Stein vom Herzen. Sie konnte mit dem Handel zufrieden sein, dann aber war es ihr lieb, daß ihr »Sach« an einen »Freund« überging, und nicht minder, daß der um sie verdiente Hans wenigstens ihr Haus und ihre Güter erhielt, wenn auch nicht ihre Tochter. In dem Vergnügen, das sie empfand, sah sie ihn mit gutmüthiger Schlauheit an und sagte: »Du hast g'wiß schon eine mit zwei- oder dreitausend Gulden!« -- »Das nicht,« erwiederte Hans, »ist aber auch nicht nöthig. Vor der Hand getrau' ich mir die Geschichte allein zu behaupten.« -- »Wenn's Einer kann, so kannst du's. Aber besser ist besser.« -- »Das schon; ich will auch gar nicht sagen, daß ich ledig bleib'. Wenn ich in dem Haus da einmal festsitz', dann wird sich wohl eine finden, die's riskirt mit mir.« -- »Hundert für Eine!« rief die Base mit Wärme; »so viel du willst!« -- Hans zuckte die Achsel und sagte: »Also dabei bleibt's! Wenn die Christine heirathet, bin ich der Käufer.«

Die Uebernahme dieser Verpflichtung war kein Akt der Großmuth von unserem Freund. Er hatte das Gut lieb gewonnen, die von ihm Jahre lang bebauten und verbesserten Felder waren ihm an's Herz gewachsen, und da sich eine so gute Gelegenheit bot, sie zu erhalten, wollte er sie nicht auslassen. Trotz des Gemüthes, das wir an ihm kennen, war er keineswegs so romantisch gesinnt, daß er sich etwa vorgenommen, selber unbeweibt zu bleiben und nur der Erinnerung an seine Liebe zu leben. Im Gegentheil, es war ihm ganz ernst mit dem, was er der Base gesagt hatte; wenn Christine verheirathet war, so wollte er selbst eine brave Frau nehmen, die von ordentlichen Leuten herkam und etwas hatte und mit deren Eingebrachtem er nach und nach ganz schuldenfrei werden konnte. Mit ihr, wenn sie auch der Christine an Schönheit lange nicht gleich käme, wollte er leben, wie sich's gehört, und einen rechten Mann machen.

Von derjenigen Seite, wo neue Einrichtungen getroffen werden mußten, war demnach alles in Ordnung. Es blieb nichts mehr übrig, als die Erfüllung der gewöhnlichen Formalitäten, und das Brautpaar konnte verkündigt, die Hochzeit konnte gefeiert werden. Als die Glauning dies dem Verlobten mittheilte und den Tag der Verkündigung bestimmt wissen wollte, bemerkte dieser: es gehe jetzt noch nicht -- man müsse noch warten. Mutter und Tochter sahen ihn bei diesen Worten befremdet an. Er war in der letzten Zeit einmal auf drei Tage verreist und hatte vorher auf Befragen nur erklärt, daß er nothwendige Geschäfte besorgen müsse. Nach der Rückkehr war er unruhig und aufgeregt; Christine wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte; sie sagte es ihm und mußte mit einer Antwort vorlieb nehmen, die sie nur für eine Ausrede halten konnte. Und jetzt, nachdem alles fertig und alles im Reinen war, sollten sie noch warten? Sie fragte nach der Ursache; er erwiederte, die könne er noch nicht sagen. »Auch mir nicht?« entgegnete sie verletzt und erröthend. -- »Auch dir nicht, gute Christine,« antwortete Forstner. »Es ist um unseres gemeinschaftlichen Besten willen, und ich hoffe, in kurzem kann ich reden.« -- Wie bedenklich das alles der Braut und der Mutter erscheinen mochte, sie mußten sich in seinen Willen ergeben und zusehen.

Eines Abends -- nachdem vier Tage verflossen waren -- kam Forstner mit raschen Schritten auf das Haus zu und trat mit ernster, feierlich aufgeregter Miene in die Stube. »Ich bring' eine große Neuigkeit!« rief er Christine entgegen, die mit ihrer Mutter am Tische saß. Das Mädchen fuhr unwillkürlich zusammen und erhob sich rasch. »Was für eine Neuigkeit? Du erschreckst mich!« -- »Es ist nicht zum Erschrecken, sondern zum Freuen,« erwiederte er. -- »So sag's!« rief Christine, noch keineswegs ermuthigt. -- »Nun, ohne Umschweife: ich bin als Lehrer nach ** berufen« (er nannte eine fränkische Stadt, aus der sein Freund und College vom Oettinger Kränzchen war) »und werde die Stelle mit nächstem antreten.«

Das Mädchen war mehr bestürzt als erfreut über diese Nachricht. »Du kommst in eine Stadt?« fragte sie zagend. »Was soll dann aber aus uns werden?« -- »Du wartest hier bei deiner Mutter, bis ich mich eingerichtet habe. Dann hol' ich dich ab und wir machen Hochzeit.« -- »Ich in eine Stadt!« rief sie, indem sie, wenn auch dunkel, alles Bedenkliche dieser Ortsveränderung empfand. »Da paß' ich nicht hin!« Und die Mutter setzte bekümmert hinzu: »Dann hab' ich die halbe Ausfertigung und alle die theuern Bauernkleider umsonst machen lassen!« -- Forstner lächelte. »Wir werden manches brauchen können, was Ihr angeschafft habt, Frau Schwiegermutter. Und für die Kleider, die nicht in die Stadt passen, schaffen wir andere an. Ich bekomme für's erste hundert Gulden mehr als hier, kann mir durch Privatstunden noch andere hundert verdienen und habe die Hoffnung bald vorzurücken.«

Trotz all den schön eröffneten Aussichten wollte sich bei Christine noch kein Vergnügen einstellen. »Ich weiß nicht,« sagte sie, indem sie vor sich hinsah, »mir ist so angst!« -- »Wenn du an einen Ort sollst,« erwiederte der Verlobte mit einem Blick des Vorwurfs, »wo ich bin? Schäme dich, Christine! Freuen solltest du dich, daß ich vorwärts komme, und etwas einbilden solltest du dir, die Frau eines Mannes zu werden, der in zehn Jahren vielleicht Oberlehrer ist.« -- »Ich freu' mich auch,« erwiederte Christine, deren Mienen sich nun doch aufklärten, »aber ich fürchte nur« -- -- »Du bist ein Kind,« versetzte er, indem er sie bei der Hand faßte. Und mit einem zärtlichen Blick setzte er hinzu: »Bei mir wirst du doch angewöhnen? Da wird's dir doch nicht »and thun« nach deinem Dorf?« -- »Nun,« erwiederte das Mädchen, der bei diesen Worten das liebende Herz aufging, »das mein' ich selbst. Und in die Stadtleut' werd' ich mich am End' auch schicken!« -- »Freilich wirst du das! Ein schönes, liebes und gescheidtes Mädchen wie du.«

Bei der Mutter hatte die Aussicht, eine Frau Oberlehrerin zu bekommen, die fatale Empfindung, so feine Bauernkleider umsonst angeschafft zu haben, bereits zurückgedrängt und sie sagte jetzt: »Es ist wahr! Und das Weib muß Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhängen, wie's in der Bibel heißt. Herr Lehrer, nehmen Sie die Stelle nur an, meine Tochter wird sich drein finden.« -- »Es freut mich,« erwiederte Forstner, »daß Ihr so verständig seid, obwohl ich bei Euch darauf gerechnet habe.« Und in einem Ton, der halb dem Liebhaber, halb aber auch dem Lehrer angehörte, sagte er zu der Verlobten: »Folg' mir nur, liebe Christine, und gieb dir Mühe zu lernen, was dir fehlt. Ich will dir alles sagen und zeigen, und in sechs Wochen wird dich kein Mensch mehr von einem Stadtmädchen unterscheiden können. Du hast die Gaben, du wirst sie unter meiner Leitung ausbilden und eine Frau werden, die mir Ehre macht.«

IV.

Ein schönes Ziel, auf dessen Erreichen man sich gefreut hat und durch das man in heiterer Einbildungskraft schon vorher beglückt war, plötzlich versinken zu sehen, ist betrübend, auch wenn sich in der Ferne ein neues erhebt, das noch erstrebenswerther scheint. Christine hatte geglaubt, in wenigen Wochen die Frau des Geliebten zu sein und in ihrem Geburtsorte, wo es allein ihren Sinn reizte, etwas zu gelten, in guten Verhältnissen und geehrt zu leben. Nun sah sie die Hochzeit verschoben und sollte dann im eine Stadt ziehen unter fremde Leute, an deren guter Meinung ihr nichts liegen konnte, wenn sie auch das Vertrauen zu sich gehabt hätte, sie zu gewinnen. Statt der Gewißheit hatte sie nur eine neue Hoffnung, die noch dazu bedeutend mit Furcht gemischt war -- ein Ziel, das nur ihrem Verstande, nicht ihrem Herzen ehrenvoll erschien, und das nur durch Anstrengungen erreicht werden konnte, die ihr keine geringe Last dünkten. -- Doch, so war es einmal; sie mußte sich darein fügen und dem neuen Stand der Dinge die beste Seite abzugewinnen suchen.

Zu dem in den Verhältnissen liegenden Grunde, die Trauung zu verschieben, trat in kurzem und unerwartet ein neuer: die Mutter Forstners erkrankte und starb nach wenigen Tagen. Sie hatte sich außerordentlich gefreut, daß ihr Sohn den Fuß auf eine Leiter gesetzt, auf welcher er zum Gipfel der Ehre emporsteigen konnte, und sie rühmte ihn jetzt, daß er, wenn auch mit einigen Kosten, so nützliche Bekanntschaften gemacht habe; denn er hatte ihr nicht verschwiegen, daß er seine Berufung hauptsächlich den Bemühungen seines Freundes vom Oettinger Kränzchen verdankte. War es ihr nun auch nicht vergönnt, ihn auf dem neuen Weg zu begleiten, so starb sie doch mit dem erhebenden Gedanken, ihn an der Seite einer wackern und schönen Frau, die eigentlich sie gewählt hatte, dem städtischen Oberlehrer zugehen zu sehen. -- Der alte Geistliche benutzte diese Umstände zu einer erbaulichen Rede, und die Verlobten weinten der Verstorbenen von Herzen in's Grab. Nach Verlauf weniger Tage gehörten sie freilich wieder dem Leben an und gedachten der sorgsamen Mutter gelegentlich mit Lob, aber ohne Trauer.

Der Tag, auf welchen Forstner seinen Abzug angesetzt hatte, war gekommen. Die Bauern zeigten sich bei dieser Gelegenheit freundlich und diensteifrig. Der Lehrer hatte seine Pflichten nie vernachlässigt und die Liebe der Kinder sich erhalten. In der letzten Zeit hatte unter den Eltern allerdings die Meinung um sich gegriffen, daß er eigentlich ein »leichter Passagier« sei, dem die Christine recht auf die Finger sehen dürfe. Aber der Erfolg, die Anstellung in der Stadt überzeugte auch sie eines Bessern; sie sahen in seinem »Gelaufe« ein kluges Manöver und der gescheidte Mann stieg in der Achtung der praktischen Dorfleute. Die Kinder, in denen die bessere Unterweisung neue, feinere Gefühle ausgebildet hatte, ehrten den Lehrer durch sinnige Kränze von Herbstblumen und durch ein gemeinsames Präsent. Gaben spendeten auch wohlmeinende und vermögende Eltern, und die Nachbarn halfen den Wagen beladen, den ein reicher Bauer unentgeltlich nach dem neuen Aufenthaltsort zu fahren sich erboten hatte. Der Abschied von den Repräsentanten der Gemeinde war freundschaftlich und herzlich, aber heiter; Forstner sollte ja wieder kommen, um das schöne Dorfkind abzuholen. -- Von den Segenswünschen seiner Braut und ihrer Mutter begleitet, nach vielfachen zärtlichen Händedrücken, fuhr er aus dem Dorf unter tüchtigem Knallen der Geißel, womit der Oberknecht, der auf dem Sattelgaul saß, ihn und sich selber zu ehren suchte.