Part 14
Durch Alles, was bisher in ihm vorgegangen, hatte Hans die Fähigkeit erlangt, der Christine zu ihrer Verlobung ehrlich und ruhig Glück zu wünschen. Er that es und ging so weit, ihr dabei die Hand zu geben. Aber er vergab sich nichts damit; der Ausdruck seines Gesichts sorgte dafür. Christine wurde roth über und über, sie sah ihn beschämt, ja bittend an und ihre Hand zitterte in der seinen. Es war eine Genugthuung für den treuen Burschen und er kostete ihre traurige Süßigkeit. Aber dann fing er selbst ein anderes Gespräch an und half dem Mädchen, aus Schonung, von der Tiefe der Empfindung wieder zur Oberfläche empor. Beiden wurde leichter um's Herz, und Christine überließ sich bald wieder der Freude und der Ehre ihres Brautstandes.
Am ersten Sonntag Abend nach dem »Verspruch« ging Hans in's Wirthshaus. Einige junge Leute hatten vorgehabt, ihn aufzuziehen; aber er hatte so was Eigenes in seinem Gesicht und in seinem Auge; sie trauten dem Landfrieden nicht und dankten ganz ehrbar auf seinen Gruß. Man discurirte über allerlei andere Dinge; unser Freund sprach resolut, verständig und machte zuletzt sogar hie und da eine humoristische Bemerkung in seiner alten Manier. Wie nun bei natürlichen, eben so wie bei gebildeten Menschen keine wirkliche Kraft ohne Anerkennung bleibt, so bekam der Wackere, als er die Wirthsstube verlassen hatte, von seinen Kameraden ernstlich empfundenes Lob. »Der ist gescheidter,« hieß es, »als die Leute glauben. Er macht sich aus der ganzen Geschichte nichts, und er hat Recht. Die Christine ist eine falsche Person, die einen so braven Kerl gar nicht verdient. Er darf sich Glück wünschen, daß er sie nicht bekommt -- und wie's ihr geht, das wollen wir sehen.«
III.
Die größte Heilkraft auf Erden besitzt -- die Zeit. Indem sie den Menschen in ihrem Strome fortführt und andere Bilder vor seine Seele bringt, entzieht sie ihn mehr und mehr der Einwirkung dessen, was gewesen ist. Sie mildert den Schmerz, löst die Spannung, entkräftet die Selbstanklage und giebt der Seele die Stärke und Ruhe wieder, ohne die sie ihren eigenen Anfechtungen erliegen müßte. Was uns heute unerträglich scheint, vielleicht in wenigen Tagen schon dünkt es uns eine mäßige Last. Was uns im ersten Moment als eine ausgesuchte Schmach niederdrückt, nach einigen Wochen erscheint es uns als ein gewöhnliches menschliches Ungemach, und unser übertriebenes Leidwesen darüber kann uns ein Lächeln entlocken.
Freilich kommt dabei sehr viel auf die Art des begangenen oder erduldeten Unrechts, auf das Temperament und den Charakter des Menschen an. Es giebt Dinge, die der Seele keine Ruhe lassen, die mitgehen auf dem Wege, den sie nimmt, und ihr immer gegenwärtig bleiben. Es giebt Naturen, welche Handlungen und Erlebnisse von geringerem Belang festhalten und sich selbstquälerisch damit zu tragen im Stande sind; Menschen, in denen die Vergangenheit sich immer wieder vergegenwärtigt und die eine Beschämung roth machen kann, welche ihnen vor zwanzig Jahren widerfahren ist. Andere Erlebnisse verflüchtigen sich von selbst, und andere Naturen wissen Dinge von sich abzuschütteln, die sich sonst wie Kletten anzuhängen pflegen. Auch der Bildungsstand ist hier von großem Einfluß. Je mehr der Mensch seinen Geist entwickelt und sich zu einem innerlichen Leben erzogen hat, desto leichter versetzt er sich in die Vergangenheit, desto bedeutsamer ist für ihn das Gewesene, desto mehr durchdringen sich in ihm die Zeiten. Je näher der Mensch der Natur steht, desto mehr lebt er in der Gegenwart, desto mehr vergißt er, desto weniger belästigt ihn seine Vergangenheit.
Der Bauer giebt sich nicht viel mit Erinnerungen ab, wenn sie nicht von sehr gewichtiger Art sind. Durch seine Denkweise, durch Natur und Gewohnheit, namentlich aber durch die ihm auferlegten Arbeiten ist er vorzugsweise auf die Gegenwart gewiesen. Alle feinern Differenzen kommen auf dem Dorfe gar bald wieder ins Gleiche, und nur tiefe Leidenschaften in tiefen Gemüthern können auch hier still fortglühen.
In dem Haus, in welchem unsere Erzählung hauptsächlich spielt, war äußerlich bald alles wieder im alten Gang und auch innerlich vieles wieder hergestellt und gemildert. -- Am raschesten war es der Wittwe Glauning gelungen, ihre frühere Gemüthsruhe wieder zu erlangen. Sie hatte sich wegen ihres Benehmens gegen Hans im Stillen doch auch einige Vorwürfe gemacht; aber nach wenigen Tagen schon war ihr das neue Verhältniß etwas Gewohntes und übte auf ihren Geist die Macht einer Sache, die nun einmal nicht anders ist. Wenn sie den Vetter sah, wie er mit ernstem Fleiß weiter arbeitete, dachte sie wohl: »Das ist doch wahrlich ein braver Mensch! Man sollte gar nicht glauben, daß es noch solche Leute gäbe!« Aber eben durch diese Anerkennung fand sie sich mit ihm ab. Hans war ihr von nun an der gute Vetter, der sehr freundschaftlich gegen sie handelte, auf dessen Dienste sie aber beinahe schon ein gewisses Recht zu haben glaubte.
Christine folgte der Mutter nach. Das beschämende Gefühl und die Vorwürfe, die sich beim Anblick des Vetters zuweilen noch in ihr erneuert hatten, kamen seltener und blieben endlich ganz aus. Sie lebte im Wonnemond des Brautstandes, und die ganze Welt erschien ihr in heiterem Lichte. Wenn man sie hinter ihrem Rücken scharf beurtheilte, in's Gesicht gratulirte man ihr, lobte den Herrn Lehrer und pries sie glücklich. Die Kunst, sich höflich zu verstellen, ist auf dem Lande keineswegs unbekannt und gehört zur guten Lebensart wie anderswo. Es giebt auch hier Leute, die um so lebhafter zu schmeicheln verstehen, je nachdrücklicher sie dieselbe Person gegen Andere durchgehechelt haben; Leute, von denen man als etwas Besonderes hervorhebt, daß sie sich »recht anstellen,« d. h. einen Eifer, ein Vergnügen, eine Bewunderung zeigen können, von denen ihr Herz nichts weiß. Der Glanz des Ruhms, den sich der Bräutigam durch seine persönlichen Vorzüge erworben hatte, warf seine Strahlen auch auf die Braut; um seinetwillen that man der Christine mehr Ehre an und bewies ihr mehr Achtung als vorher. So sah die Glückliche sich umhuldigt von allen Seiten und hatte in der Freude ihres Herzens natürlich kein Arg, daß von den schönen Sachen, die man ihr sagte, auch nur eine Sylbe abgehen könnte.
Forstner selbst zeigte sich jetzt gegen sie von seiner liebenswürdigsten Seite. Er war von Leuten, auf deren Urtheil es ihm ankam, wegen seiner verständigen Wahl gelobt worden; ein paar muntere Collegen, die er von dem Vermögensstand der alten Glauning unterrichtet und mit der Braut bekannt gemacht hatte, erklärten ihn für beneidenswerth; er war in der besten Laune, sog den Blüthenduft des schönen Verhältnisses mit vollen Zügen ein und that alles, was der Erwählten angenehm und schmeichelhaft sein konnte. Wie hätte da Christine noch Aug' und Ohr haben können für etwas anderes! Sie liebte und sah den Geliebten glücklich, sie sah seinen Eifer, ihr Freude zu machen, und fühlte keinen lebhafteren Trieb und wußte keine höhere Pflicht, als ihm seine Liebe zu vergelten.
Das Glück hat die Eigenschaft, daß es sich aus sich selber vermehrt und seine Vermehrung von außen her magnetisch anzieht; darum giebt es auch eine Zeit, wo es in stetem Wachsen ist. Die Freude machte Christine nicht nur holder und feiner, als sie bisher erschien, sondern auch geistig aufgeweckter und heller. Sie war in der Freude sicher, und ihre Urtheile, ihre Bemerkungen im Gespräch erschienen dem Verlobten gar oft mit Recht sinnig und treffend. Forstner sah sich nun auch von dieser Seite beruhigt -- er glaubte aus ihr eine Frau ganz nach seinem Herzen bilden zu können. Dies verhehlte er ihr aber auch nicht; er erquickte ihr Herz mit Lob über Vorzüge, die sie bis jetzt noch nicht an sich gekannt hatte, und ein außerordentliches Behagen, ein liebevolles Dankgefühl gegen ihn war die Folge davon.
Die beiden jungen Leute und eben so die beiden Mütter waren in einem Zustande, wo man die Engelein im Himmel singen und musiciren hört. Der Liebes- und Freundschaftsverkehr ließ bei der nothwendigen Arbeit des Tages kaum so viel Muße übrig, um die Ausstattung der Braut und die künftige Einrichtung zu erwägen und die ersten Vorbereitungen zu den Unternehmungen der nächsten Monate zu treffen.
Hans ging seinem Geschäft nach und schien nur dafür Sinn und Auge zu haben. Was er mit seinen Verwandten zu reden hatte, wurde kurz und ruhig abgemacht; er war gern allein, man sah es und ließ ihn allein. Da Christine an ihrer Ausfertigung arbeiten mußte und die strengere Bauernarbeit für sie nicht wohl mehr schicklich war, so hatte man eine Taglöhnerin für sie eingethan. Diese war schweigsam, eine von den still hinlebenden, in ihrer Gedankenlosigkeit glücklichen Personen, wie man sie auf dem Lande nicht selten findet, und der Bursche hatte zu seinem Troste nichts zu leiden durch Geschwätz und durch Fragen, die ihm jetzt doppelt zuwider gewesen wären.
Ihm war das zuletzt Erlebte freilich nicht verschwunden und von der Gegenwart überdeckt, wie den andern; aber es hatte sein Peinliches verloren, die Zeit hatte es gemildert und ihren Duft darauf geworfen. Es war nicht mehr das bloße Leid, das er empfand. Diesem war die niederdrückende Gewalt genommen, die man entweder überwinden oder der man erliegen muß; es hatte selbst etwas Liebes und für die Seele Wohlthuendes erhalten.
Was wir poetisches Gefühl nennen, ist von keinem Stande, von keiner Schichte der Gesellschaft ausgeschlossen. Früher hätte man diesen Satz vertheidigen müssen; jetzt, wo man die Volksmelodien und Volkslieder kennt und ehrt, wird ihn niemand zu bestreiten wagen. Wo ist Liebeslust und Liebesleid inniger, tiefer und rührender ausgesprochen, als in eben diesen Liedern, die aus dem Volke hervorgegangen oder von ihm angenommen und erhalten worden sind, und die immer noch, in Gesellschaft oder in Einsamkeit, von ihm gesungen werden? Wenn das tiefere Gemüth auf sich selbst und sein Leid beschränkt ist, fällt ihm ein Lied ein, das seinen Zustand ausdrückt; der Mund summt es unwillkürlich, das Herz schauert und die Augen werden feucht.
Der Winter war vergangen, die erste Frühlingszeit hatte schön begonnen und die Feldarbeit nahm ihren Anfang. Wenn der letzte Schnee weicht, die Sonne wärmer scheint, der Boden locker, die Wiese grüner wird und die Lerche singend in den Himmel steigt, dann geht durch jede bedrängte Seele ein Gefühl der Genesung. Auch die weichere Natur fühlt sich körperlich und geistig stärker und fängt im Leid wieder an zu hoffen; das männliche Herz gesundet fühlbar, wird seiner selbst mächtig und der Bedrängniß überlegen. Dann ist aber gerade die Zeit gekommen, wo es das Leid lieb gewinnt und es aus freien Stücken festhält und hinabsteigt zu der Süßigkeit melancholischer Träumerei.
Unser guter Freund hatte mehr Anlage zu innerlichem Leben von der Natur erhalten und in sich ausgebildet, als es auf dem Lande gewöhnlich ist. Von der Lustbarkeit weniger angezogen, durch eine scheue Leidenschaft auf sich selber gewiesen, kannte er schon länger den Reiz gemüthlicher Vorstellungen. Die Neigung dazu und die Kraft, solche Vorstellungen zu erzeugen, trat jetzt um so stärker in ihm hervor und gewährte ihm die volle Lust herzlich gehegter Trauer. Freuten die Verlobten sich in hellen Dur-Tönen -- ihm war ein Glück, und ein reiches Glück, in Moll beschieden. Seine Arbeiten störten ihn darin nicht; er verstand sie so gut, daß sie wie von selber ihren Gang gingen und ihm Zeit genug übrig ließen, seinen Gedanken nachzuhängen. Wenn er mit seinen Kühen wohlgehaltenes Land »äckerte« und von dem Hauch der frisch aufgeworfenen Erde umdampft zuweilen »sinnirte,« wurden die Furchen darum nicht schlechter und er rief den Thieren zeitig genug sein »Härrerei'« zu, wenn er an der »G'wand« (Ackergrenze, wo umgewendet wird) angekommen war. Auf der Wiese rechte er mit der Taglöhnerin um die Wette Streu, obwohl es in seinem Innern summte, während in ihr die vollkommene Stille des Nichts Platz genommen hatte. Die ländlichen Arbeiten begünstigen zum Theil ein gewisses träumerisches Wesen; besonders einladend dazu ist aber die mittägliche und abendliche Heimkehr von einem entfernteren Ackerstück, so wie die Fütterungs- und Verdauungszeit der untergebenen Thiere. In den völlig einsamen Momenten, erfüllt von seiner Empfindung, kamen unserm Burschen allerlei Lieder in den Sinn. Er sang sie mit herzlicher, gedämpfter Stimme und fühlte ganz die Besänftigung und erneuerte schönere Aufregung anspruchloser Kunst. So sang er das Lied:
»Da droben auf jenem Berge, Da steht ein hohes Haus, Da schauen wohl alle Frühmorgen Drei schöne Jungfrauen heraus« u. s. w. --
wohl mehr wegen der lieben, rührenden Melodie, als weil die Reime seinem Zustand entsprachen. Wenn er aber das letzte »G'setz« für sich hinsummte, dann hatte er dabei doch auch seine ganz eigenen Gedanken.
»Ach Scheiden, ach Scheiden, Wer hat doch das Scheiden erdacht! Es hat mein jung frisch Leben Das Scheiden so traurig gemacht.«
Er lebte mit der, die er liebte, in Einem Hause; aber er war viel schlimmer geschieden als ein Liebhaber, der in die Fremde muß. Für ihn gab es kein Wiederfinden, kein Wiedersehen, keine Wiedervereinigung! -- Bedachte er, wie sehr und wie lang er Christine geliebt und wie treu er an ihr gehangen, dann kam ihm wohl ein Lied auf die Lippen, das im Ries oft gesungen wird:
»Treu hab' i geliebet, Was hab' i davon? Mein Herz ist betrübet, Das hab' i zum Lohn.«
Und in tiefem Ernst sah er dann für sich hin. -- Einmal wurde dieser Ernst durch ein halb weh-, halb gutmüthiges Lächeln verdrängt. Es war ihm ein anderes Liedchen eingefallen, das seine Erfahrung erklärte:
»Wann's Mädle sauber ist, Und ist no jung, no jung, Muß der Bue luste sei', Sonst kommt er drum.«
»Ja freile,« sagte er dann zu sich, »doh hot's eba' g'fehlt, und i ka' me net beklaga'. 'Sist oena' (eine) wie die ander. Wer koe (kein) so a »Luftikus« (Variation von Windbeutel) ist, der ka' nex ausrichta' bei da' Mädla'!« Und er erleichterte nun sein Herz in folgenden Strafreimen:
»Was hilft me a schöner Apfel, Wann er innen ist faul! Was hilft me a schöas Dea'del -- Sie macht mer nor d's Maul!«
Der leichten Anklage der schönen Base folgte aber bei dem guten Burschen in der Regel die Rechtfertigung, die Einsicht in die Natur der Dinge und den Lauf der Welt, die Ergebung und die stille Trauer. Einmal, als er nach der letzten abendlichen Fütterung im Stalle saß und die Kühe wiederkäuend dalagen, summte er in der leise belebten Stille eine Melodie ohne Text, die ihn dergestalt rührte, daß ihm Thränen in die Augen traten. Er besann sich auf das Lied -- es war das bekannte:
»Wann mei' Schatz Hochzeit macht, Hab' i a traurige Nacht, Sperr mi in mei' Kämmerlein Und wein' um mein' Schatz.«
Es klopfte und zitterte in seinem Herzen und die Thränen rollten die Wangen herunter. Das war ihm aber doch zu arg. Er stand rasch auf, wischte sich die Augen und rief mit wahrem Zorn: »Hohl der Teufel die Narrheit! Ich werd' noch ganz zum alten Weib! -- Aber jetzt ist's auch gnug!« Er ging in dem Gange vor dem »Bahren« (Futtertrog) hin und her und fing ein kleines Gespräch mit einer Kuh an, die sich erhoben hatte und ihn anmuhte. Allein er konnte nicht verhindern, daß ihm seine Gedanken wie verwöhnte Kinder noch einmal zu dem verbotenen Gegenstand entliefen. Er dachte an seine alten Träume, mit der Christine das schöne Haus zu bekommen und drin mit Weib und Schwieger ein Leben zu führen herrlich und in Freuden. Mit einer Art von Heroismus sang er hierauf das launig desperate Lied:
»Und aus isch mit mir, Mei' Haus hat kei' Thür, Und mei' Thür' hat kei' Schloß, Und mein' Schatz bin i los.«
»Ja, ja,« sagte er dann halb lächelnd zu sich, »Alles ist hin miteinander! -- D's Haus freilich, das traut' ich mir wohl noch zu kriegen; aber was hilft mich d's Haus ohne d's Weib!« -- »Nun,« setzte er endlich sich ermannend hinzu, »am End' bleib' doch ~ich~ noch da!«
Zu der schönsten Zeit auf dem Lande gehört der Morgen eines Feiertags, wenn die Sonne scheint und die Luft mild und lieblich ist. Je mehr der Bauer die Woche hindurch gearbeitet hat, desto besser versteht er am Sonntag zu ruhen. Seine Bewegungen sind dann +con amore+ langsam, die Mienen drücken ruhiges Vergnügen, sein ganzes Wesen tiefe Gelassenheit aus. Mit der Arbeit der Wochentage hat er auch die Sorgen hinter sich gelassen und ist zu einer Art von Naturstand zurückgekehrt, wo ihn ein Hauch der goldenen Zeit und ihrer Glückseligkeit anweht. Er kommt an solchem Tag in eine tiefere Stimmung und gibt sich entweder stiller Träumerei hin oder freut sich an der Schönheit einzelner Gegenstände der Natur, nicht wie ein schwärmender Poet freilich, aber schlicht und naiv wie ein Kind. Und dieses Naturbehagen wird durch die kirchliche Feier des Tags nicht gestört, es wird durch sie gestärkt, erhöht und sanktionirt.
Nach und nach war der Mai herbeigekommen. Die Bäume glänzten in frischem Laub, einzelne standen über und über in Blüthe. Es wurde nun ein Lieblingsvergnügen des guten Hans, in der schönen Sonntagsfrühe sich in den Garten zu begeben, und was in der Woche gewachsen und ausgeschlagen, was von ihm selbst darin gearbeitet und hergerichtet war, mit Ruhe zu beschauen. Er freute sich an dem grünen Laub und an den schönen Blüthen der Bäume, aber auch an dem Gesurre der »Emmen« (Immen, Bienen) darin; denn sie hatten an der Mauer des Hauses selber einen »Emmenstand,« worin sich drei Stöcke befanden, und er hoffte, daß einer davon bald schwärmen werde. Er freute sich bei den Stöcken der rothen und gelben Hosen, welche die Bienen anhatten, und wie ordentlich ein Vergnügen aus ihnen glänzte, mit so reicher Beute heimzukehren. Zu der Südgrenze des Gartens hinabgewandelt, sah er mit Lust über die weißblühende Dornhecke auf die Wiese hinaus und freute sich der schönen Blumen darin, eben so des reichlichen Grases, das eine gute Heuernte versprach. Die Lerchen schienen ihm noch lieblicher zu singen, als an Wochentagen draußen auf dem Felde, und es war ihm, als müßte bei diesem Gesang, bei der Schönheit und dem Wohlgeruch der Blüthen, bei der warmen Luft und dem hellen Sonnenschein, und bei den herrlichen Aussichten auf ein gesegnetes Jahr die ganze Welt sich glücklich fühlen.
Er selber fühlte sich glücklich, glücklicher als seit langer Zeit. Es war noch immer ein Zusatz von Trauer in seinem Glück, aber sie war aufgelöst und hatte sich innig mit seinem Wohlgefühl verbunden. Das genesende Herz war nicht nur gestärkt durch die Schönheit der Natur, durch die stille Betrachtung des Blühens und Gedeihens, sondern auch durch die religiöse Bedeutung des Tages. Hans gehörte nicht zu den »Betischten,« wie man im Ries, das Wort von »Beten« ableitend, die Pietisten nennt; er machte aus der Frömmigkeit nicht das Geschäft seines Lebens. Aber man hat wohl schon bemerkt, daß in seinem Wesen doch gar manches lag, was recht eigentlich christlich war, und bei aller Natur, die mit ihm verbunden blieb, hätten wir einem solchen Mann im Lebensverkehr doch mehr vertrauen mögen, als manchem von den Stillen im Lande, deren Mehrzahl wir übrigens gerne nicht nur für ehrliche, sondern überhaupt für respektable Leute halten. Hans hatte einen guten »Unterricht« (mit diesem Wort bezeichnet der Rieser ausschließlich den Religionsunterricht) genossen, und er war der Mann, von den Lehren des Geistlichen mehr zu behalten als der erste beste. Er hatte ein dankbares Gemüth gegen Gott und war ihm anhänglich und diente ihm in den Formen, in denen er erzogen war. In seinem Hin- und Herdenken fiel ihm nun auch wohl ein Ausspruch der Bibel oder des Gesangbuchs ein, der ihn tröstete und von seiner Empfindung frei machte.
An einem besonders schönen Sonntagsmorgen steigerte sich unter solcher Einwirkung die Stimmung seines Herzens bis zur Heiterkeit. Vor dem religiösen Gefühl, wenn es die Seele auch nur als ein unbewußter Hauch durchdringt, können gewisse trübe Empfindungen nicht Stand halten; wir legen einen andern Maßstab an das Leid, und was uns sonst über die Maßen begründet erschien, das kann sich uns als eine Einbildung, ein Erzeugniß menschlicher Schwäche darstellen, und sein Wichtigthun kann uns ein Lächeln abnöthigen. Die wahrhaft gute Natur wird dann frei von der letzten Empfindlichkeit und fähig, nicht nur zu vergeben, sondern auch zu vergessen. Als Hans an diesem Morgen in's Haus zurückkehrte, weil die Glocken zur Kirche riefen und er die festlich geputzte Christine im »Wurzgarten« am Hause sah, wie sie noch ein Sträußchen pflückte, um ihren Schmuck zu vollenden, warf er im Vorübergehen einen Blick auf sie, wie ihn ein Mann auf ein glückliches Kind wirft. Und als sie ihn gewahr wurde und vergnügt und mit einer gewissen Gutmüthigkeit rief: »Guten Tag, Hans!« da dankte er ihr von Herzen freundlich und wünschte ihr eine »gute Andacht,« obgleich er wußte, daß ihre Andacht hauptsächlich im Denken an ihren Bräutigam und in der Freude über sein schönes Singen und Orgeln bestehen werde. Er selber ging würdig langsam in die Kirche und erbaute sich in ihr mehr als sonst, weil er, durch seine Herzenserfahrungen und sein Nachdenken darüber belehrt, mehr als sonst von der Predigt verstand. Er kam aufgerichtet und froh nach Haus, das Gefühl im Herzen, das wohl als ein Ersatz für die verlorene Freude des Lebens gelten kann, das Gefühl, durch Selbstüberwindung und Entsagung klarer und besser geworden zu sein.
Wer kann die Regungen eines Herzens schildern, das eben so der Leidenschaft wie der Resignation, eben so des Schmerzes wie der Erhebung fähig ist? wer das Spiel verfolgen der Trauer und der Tröstung, des Hinabsinkens und des Emporstrebens, des Rückfalls und der langsamen, langsamen Heilung? Nur andeuten läßt sich, was durch eine Seele geht, die dem liebsten und theuersten Wunsch entsagen muß, und das haben wir zu thun versucht.
Die Zeit und die Kräfte, die dem strebenden Menschen zu Hülfe kommen, übten endlich auch auf unsern Freund ihre ganze Macht. Seine Empfindungen zergingen freilich nicht wie die der andern, aber sie traten zurück in das Innerste seines Herzens, das sich über ihnen zuschloß. Er bewahrte sie hier, wie man im verborgensten Fache eines Schreins ein ererbtes theures Kleinod bewahrt, des Besitzes gewiß, ob man es zuletzt auch nur selten hervorzieht, um sich in seinen Anblick zu versenken.
Als der Frühling hingegangen war, standen Mutter, Tochter und Vetter wieder auf so freundschaftlichem Fuß, als ob ihr Verhältniß niemals getrübt worden wäre. Wenn die Glauning sah, wie Hans jetzt fast noch eifriger und gewissenhafter arbeitete, als früher, ging es ihr doch zuweilen an's Herz und sie dachte bei sich selbst: »So ein braver Mensch ist mir doch wahrhaftig noch nie vorgekommen! Der Bräutigam meiner Tochter ist schöner und feiner; aber wenn er nur auch so gut ist, wie der Hans.« -- Christine war von der Tugend des Vetters, die sich so völlig anspruchlos in Thaten kundgab, auch gerührt; aber ihr innerliches Lob schloß nicht mit einem Wunsch, der über die Güte Forstners noch irgend einen Zweifel zuließ. Ihr Bräutigam war nicht nur der schönste und feinste, sondern auch der beste aller Menschen; das bewies er ihr ja täglich durch seine Liebe, durch seinen Eifer, ihr Freude zu machen. -- Der Verlobte selbst begegnete dem Guten jetzt mit viel mehr Rücksicht als früher. Wenn Hans ihm seine gebührende Ehre gab und bei seinem Eintritt in's Haus mit ruhiger Freundlichkeit »guten Abend, Herr Lehrer« sagte, sprach aus dem Ton seiner Erwiederung und aus seinem Blick ein unwillkürlicher Respekt, und selbst zu Hause im Gespräch mit seiner Mutter gebrauchte er über ihn nie mehr despektirliche Bezeichnungen, wie sonst. Manchmal nahm er Gelegenheit, dem Braven wegen seiner Geschicklichkeit als Bauer ein Compliment zu machen und es so warm auszudrücken, daß Hans selber zu glauben anfing, dieser Mann wäre am Ende doch besser, als er ihm zuerst vorgekommen sei, und Christine könnte mit ihm glücklich werden.