Part 12
Und sie, die schöne Christine? Unstreitig werde ich nicht nöthig haben den Leserinnen erst noch ernsthaft zu versichern, daß ~sie~ gar wohl wußte, wie es mit dem Herzen des guten Burschen stand. Wo gäbe es ein hübsches Mädchen, die hier nicht sogleich Bescheid wüßte? Ich kann sogar verrathen, daß Christine schon als Fünfzehnjährige, nachdem sie ihn einmal auf einem gewissen Seitenblick ertappt, von dem Stand der Dinge gleich eine sehr entschiedene Ahnung hatte. Aber ein unausgesprochenes Gefühl hat auch für die einfache Schöne das Gute, daß es zugleich vorhanden und nicht vorhanden ist. Sie kann ihm gegenüber ihre Gedanken ebenfalls unausgesprochen lassen und thun, als ob es nicht existirte, während es schon diplomatische Geistesbildung erfordert, auch das ausgesprochene Gefühl zu ignoriren. Christine sah, wie sie den Vetter am Schnürchen hatte, und freute sich darüber. Es gefiel ihr besonders, daß er so bescheiden war, daß er sie nicht nöthigte, Ja oder Nein zu sagen, sondern ihr die Freiheit ließ, in der sie sich immer noch so wohl fühlte. Sie hatte eine Empfindung, wie sie bekanntlich auch schöne junge Damen haben, die es ebenfalls höchst reizend finden, eine Zeitlang als erstrebenswerthes Gut zu glänzen, bevor sie ihre Macht und Freiheit an einen Einzelnen hingeben. »Den kannst du haben und am Ende glücklich mit ihm leben,« dachte die gute Christine, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wenn sie sich vorstellte, wie glücklich sie den Vetter machen könnte, wenn sie ihm entgegenkäme. »Aber es hat noch Zeit,« rief es dann in ihr; -- »wer weiß!« --
Aehnlich dachte die Mutter. Daß sie für ihre Tochter einen Mann haben konnte, brav, in der Arbeit geschickt und in seiner Art vermöglich, war gut. Aber wer konnte sagen, ob ihrer Christine nicht noch was Besseres, vielleicht was viel Besseres anstand? »Es hat noch Zeit,« war darum auch ihr Refrain, wenn sich beide mit einander über diese Angelegenheit besprachen. Einmal setzte sie hinzu: »Du därfst aber oh nex thoa', daß 'r verschächt wurd (verscheucht wird)!« Und Christine antwortete: »Des fällt mer net ei'! Er hätt's oh net om mi verdea't!« Und sie folgte ihrer Natur und traf in ihrem Sinne das Rechte: sie bewies gegen Hans eine Freundlichkeit, die seinem Wunsche die Aussicht auf das Ziel freiließ, ohne sie selber zu verpflichten.
Aus diesen Gründen nannten wir im Eingang unserer Erzählung die drei Leute glücklich. Hans war es durch seine Liebe, durch seine Herzensgüte und seine Hoffnung. Mutter und Tochter waren es durch ihre behagliche Existenz, durch die Ehre, die ihnen widerfuhr, durch die Sicherheit, die ihnen Hans gewährte, und durch die Macht, die ihnen gegeben schien. Das Glück des Hans war nun freilich um vieles löblicher, als das seiner beiden Verwandten; allein ich wünschte doch nicht, daß Christine zu streng beurtheilt würde. Sie schätzte den Vetter nur, sie liebte ihn nicht; sollte sie ihm nun entgegenkommen und sich binden ohne Noth? Und daß die Mutter aus bewußter, die Tochter aus instinktmäßiger Vorsicht den wackern Burschen für dem Nothfall bewahrt zu sehen wünschten, das wollen wir zwar nicht bewundernswürdig finden, aber -- aus Galanterie -- auch für keine Todsünde halten.
Ein solcher Zustand kann nicht dauern, und soll es auch nicht. Die unentschiedene Seele sieht sich auf einmal in eine Lage versetzt, wo sie ein bestimmtes Ziel vor sich hat, welches alle ihre Wünsche an sich reißt. Und nicht nur das Erreichen, auch das Erstreben dieses Ziels kann das bisherige Glück trüben und alteriren.
Als Christine das achtzehnte Jahr hinter sich hatte, kam, was Hans in den Stunden der Sorge befürchtete. Es trat ein Nebenbuhler auf.
Im selbigen Winter gab es zwei Hochzeiten, die im Wirthshaus gefeiert wurden, also zwei Tanzgelegenheiten. Bei der ersten ging Christine mit Hans und einer Kamerädin auf den »Ansing.« Wie man ohne Zweifel schon aus seinem ganzen Charakter vermuthet, war das Tanzen die Stärke des Hans nicht. Er hatte keine Freude daran, er leistete auch nichts Rechtes darin und bequemte sich darum auch nur höchst selten dazu. An diesem Ansing tanzte er nur ein paar Reihen, weil ihn Christine in Folge der Koketterie, mit der hübsche Mädchen bescheidene Liebhaber zuweilen auch unversehens beglücken wollen, selber dringend dazu aufgefordert hatte. Nachdem er das Nöthige gethan zu haben glaubte, bedankte er sich und sagte zu ihr mit gutmüthigem Lächeln, sie möge sich den Abend nur recht lustig machen, vor ihm habe sie nun Ruhe. Sie versetzte: »Was schwätscht ietz doh widder! 'S wär' koë Wonder, i tanzet net geara' mit d'r!« Dann aber gab sie doch vergnügt einem flinkeren Burschen die Hand, der schon auf sie gelauert hatte. Hans belohnte sich für seine Anstrengung durch einen tüchtigen Trunk und stellte sich in eine Ecke, um der Lustbarkeit zuzusehen. Das war ihm lieber als selber mitzumachen, d. h. wenn Christine tanzte. Er freute sich auch jetzt wieder, wie schön sie's konnte und wie sie ordentlich »das G'rihß hatte« (wie man sich um sie riß).
Als später der stattliche Sohn eines reichen Bauern auf den geringern Burschen, der sie eben im Reihen führte, zuging und zu ihm sagte: »Komm, loß me oh a weng mit der Christine danza! Du host ietz gmuag (genug)!« -- sie dann ohne viel Umstände nahm und nach einigen Worten, die er an sie richtete, strampfte und den Kopf schüttelte, daß das grünseidene Quästchen auf der Fischotterkappe baumelte, da war Hans im Namen der Geliebten stolz auf die Ehre, die ihr widerfuhr; denn jener Bursche war dermalen der »fürnemste« im ganzen Dorf, und der Gute fühlte sich selbst geschmeichelt, daß so einer sie aufzog und, wie es schien, das Tanzen mit ihr gar nicht hatte »verwarten« können. Bald sah er auch, daß der schöne »Hansirg« (Hansjürg) sie wirklich recht gern im Arm oder an der Hand haben mußte. Er tanzte lange mit ihr, so lange, bis ihr die Schweißtropfen an der Schläfe standen und über die rothen Backen herunterperlten. Dann führte er sie zu einem Trunk in die Stube.
Alles das war in der Ordnung und wurde von Hans auch durchaus so gefunden. Als aber beide nicht lange nachher wieder mit einander herauskamen, um sich herumzudrehen, da freute er sich plötzlich nicht mehr. Er sah, wie der Bursche schon mit einer gewissen Vertrautheit sprach, dabei ganz eigenthümliche Augen machte und die Stimme dämpfte, so daß er seine Worte nicht verstehen konnte, und das Blut stieg ihm in's Gesicht. Er mußte sich alle Mühe geben, sich nichts »anmerken« zu lassen; und um dieß besser zu können, ging er in die Stube, setzte sich an seinen Tisch und fing ein Gespräch an. Früher, als er glaubte, kam Christine zurück und sagte zu ihm und zu der Kamerädin: »So, nun will ich ausschnaufen, nachher gehn wir heim; für heut ist's gnug!« Ein Stein fiel dem guten Burschen vom Herzen. Er wußte nicht, daß der »Fürneme« in seiner plötzlichen Zärtlichkeit etwas zu weit gegangen, Christine böse geworden war und sich ihm entzogen hatte, d. h. daß die Sache für ihn, den Hans, immer noch sehr gefährlich stand.
Die zweite Hochzeit folgte wenige Wochen darauf. Christine war entfernt mit der Braut, der reiche Bauernsohn mit dem Bräutigam verwandt, und beide gingen als Gäste auf die Hochzeit. Durch die Miene des Trutzens, die Christine gegen ihn annahm und in der sie ihm noch viel schöner vorkam als letzthin, wurde der Bursche auf's neue gereizt. Er bat sich mit höflicher Miene ein paar Reihen aus, und sie konnte es ihm nicht abschlagen. Während des Tanzes fand er Gelegenheit, sie zu besänftigen und Vergebung zu erhalten. Er war voll Freude, setzte sich in der Stube neben sie, ließ eine Flasche Wein kommen, trank und »juxte« (jauchzte), tanzte wieder, und so gings mit wenigen Unterbrechungen fort bis zum »Obedmohl.« Bedenken wir, daß dieser Bursche, abgesehen von dem Reiz, den er als der Sohn des vielleicht wohlhabendsten Bauern im Dorfe hatte, hübsch, hochgewachsen, geschickt und ein vortrefflicher Tänzer war, daß seine Zärtlichkeit ihm von Herzen ging und die Schmeicheleien aus seinem Munde für Christine etwas außerordentlich Wohlklingendes hatten, so werden wir es natürlich finden, daß das Herz des Mädchens nach und nach erweicht wurde und eine Hoffnung in ihr aufflammte, die sie berauschte. In dieser Hoffnung, in der süßen Aufregung ihres Innern wurde sie so schön, daß das Herz auch des Burschen völlig schmolz und er sich förmlich in sie verliebte.
Nach dem Mahl begab sich Christine nach Haus. Sie fühlte, daß es für heute genug sei, ging nicht mehr auf den Ansing und vertraute ihre Tageserlebnisse mit Auswahl der Mutter. Der junge Bauer blieb, theilte im Rausch der Liebe und des Weins sein Glück einem Kameraden, dem Bruder der Hochzeiterin, mit, schwur, daß er keine andere möge als Christine, und daß er sie heirathen werde. Als der Kamerad ihn an den Stolz seines Vaters erinnerte, entgegnete der Verliebte, sein Vater habe ihm nichts zu sagen, was ~er~ wolle, müsse geschehen. Christine bekomme so viel wie manche Bauerntochter und ihre Schönheit sei nochmal so viel werth. Wenn er auch reichere haben könnte, auf's Geld sehe er nicht, das kriege er selber genug. Sein Vater solle ihm nur kommen -- Himmel-Kreuz-Tausend -- er werde es ihm schon sagen u. s. w.
Auch der andere Morgen, das Getöppel der Seinigen, die sein gestriges Benehmen für ein Plaisir ansahen, das er sich gemacht, auch das ruhige Bedenken der Verhältnisse kühlte seine Glut nicht. Er hatte sich den Gedanken in den Kopf gesetzt, und ein Mann wie er mußte seine Sache durchführen. Am folgenden Sonntag nach dem Essen kehrte er unerwartet mit dem Kameraden bei Christines Mutter ein. Hans hatte schon munkeln hören und war in trüber Stimmung. Als die beiden stattlichen Bursche in die Stube traten, sah er sie mit einem Gesicht an, auf dem kein Willkommen zu lesen war. Und wie er nun die Freude sah, mit der die Base und Christine die Gäste empfingen, die Geschäftigkeit, womit sogleich in's Wirthshaus nach braunem Bier geschickt wurde und die Base sogar Kaffee machen wollte -- in einem Hause, wo immer nur Milchsuppe gefrühstückt und der Kaffee nur bei den seltensten Feierlichkeiten aufgetischt wurde -- da gab es ihm einen Stich in's Herz. Er fühlte, wie wenig er zu der Gesellschaft paßte, und schützte einen nothwendigen Gang vor, um aus dem Hause zu kommen. -- Als er Nachts zurückkehrte, war der Besuch natürlich fort, aber der Schein des Glücks, das er gebracht hatte, glänzte noch auf den Gesichtern der beiden Weiber. Christine sah wohl, daß ihre Freude dem guten Hans wehe that; sie bedauerte es, aber sie konnte sich nicht helfen und den Strom ihres Triumphgefühls nicht zurückhalten. Sie erblickte sich schon als eine der ersten Bäuerinnen im Ries und ihr sonst so gesunder Schlaf wurde mehrmals durch den süßen Tumult ihres Herzens unterbrochen.
Damit war's aber auch zu Ende. Der Vater des Burschen erhielt von dem Besuch und dem wesentlichen Inhalt des gepflogenen Raths Kunde, und es folgte nun zwischen beiden ein Auftritt, in welchem der prahlerische Liebhaber gar bald den kürzeren zog. Der Alte entwickelte einen Zorn und eine Machtvollkommenheit, wovor der Bursche sich verkriechen mußte. Was der Wüthende forderte, wurde mit »ja, ja, i will's ja!« zugesagt -- und in kurzem hieß es: »des Moürs (Maierbauers) Hansirg hat mit der einzigen Tochter des reichen Bachbauers von ** Heirathstag gehalten.«
Christine war tief beschämt. Es ging die ersten Tage nicht ohne Vergießung vieler Thränen ab. Allein ihr Temperament und ihr ganzes Wesen war nicht von der Art, daß sich darum ein Gram in ihr befestigen und an ihr zehren konnte. Da der Ungetreue noch dazu aus dem Dorf weg heirathete, so hatte sie, auf gut ländlich, den Traum der Liebe und des Ehrgeizes in wenigen Wochen vergessen.
Hans hatte seit jenem Sonntag ein Betragen angenommen, das er eine Zeitlang unverändert festhielt. Er ging äußerlich ruhig seinem Geschäft nach, beschränkte seinen Verkehr mit Christine und der Base auf das Nothwendigste, machte ein gleichmäßig ernsthaftes Gesicht und suchte zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. Nachdem die Verlobung des Nebenbuhlers bekannt geworden, zeigte er (wer ihn begriffen, sagt sich das von selber) keine Schadenfreude. Er hatte diese nicht etwa zurückzudrängen, sondern die eigentlich so zu nennende empfand er gar nicht. Er bedauerte die Beschämte vielmehr, ging ihr aus dem Weg, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, und überließ sie ihrer Traurigkeit. Als sie nach einigen Tagen schon um vieles getrösteter aussah, gab er seiner Stimme im Gespräch mit ihr unwillkürlich einen freundschaftlicheren Klang, um sie gewiß zu machen, daß er nicht böse sei, und ihre Beruhigung, so weit es von ihm abhing, zu fördern. Aber weiter ging er nicht. Es hatte ihn doch recht »verdschmohcht« (verdrossen), daß sich die schöne Christine dem Bauernsohn mir nichts dir nichts an den Hals geworfen und sich angestellt, als ob er, der Hans, gar nicht mehr auf der Welt wäre. Er wollte sein Herz von nun an nicht mehr an ein Mädchen hängen, die von ihm nichts wollte -- Christine sollte durch nichts mehr daran erinnert werden, daß er sie jemals gern gehabt habe.
Diese guten Vorsätze wurden im Ausgang des Winters gefaßt. Im Sommer stand das Verhältniß unseres wackern Freundes wieder so ziemlich auf dem alten Fleck, ja es war im Begriff weiter zu gedeihen. -- Christine hatte zwischen Hans und dem Ungetreuen Vergleichungen angestellt, und es war ihr zum erstenmal klar geworden, daß Treue und Zuverlässigkeit etwas seien, wovor man Respekt haben müsse. Das frühere Benehmen des Vetters erschien ihr jetzt nicht mehr als ein Gegenstand herablassenden Spiels, im Gegentheil, sie hatte dabei ganz ernsthafte Gedanken. Und wenn sich nun ~er~ zurückhielt und gar nicht mehr dergleichen thun wollte, so -- kam sie ihm selber entgegen; allerdings nur mit einer gewissen Vorsicht. Sie offenbarte in ihrem ganzen Wesen nur mehr Achtung und Freundschaft und der Ton ihrer Stimme erhielt nur eine herzlichere Färbung. Zuweilen aber, wenn er im Geschäft etwas recht gut gemacht hatte, warf sie mit ihren graublauen Augen ihm einen Blick zu, dessen Dankbarkeit auch ein Unparteiischer durch eine bedeutende Zugabe von Zärtlichkeit verstärkt gesehen hätte. Dem widerstehe ein liebendes Herz, und obendrein ein großmüthiges! Hans ließ sich Schritt für Schritt wieder zurückführen in die angenehme Gefangenschaft. Er kostete nun seinerseits einen gewissen Triumph, wiegte sich in frohen Momenten stolz im Gefühl der Macht und gab sich einer Sicherheit hin, die nur zuweilen durch die Einwürfe der Bescheidenheit unterbrochen wurde. Dann prüfte er wieder, hielt wieder an sich -- und Christine kam ihm einen Schritt weiter entgegen. Die treue Seele war über die Maßen vergnügt; aber dieses Vergnügen that ihm gar zu wohl, und ihm war, als müßte er es vorläufig dabei lassen.
Der Verkehr der drei Leute nahm einen Charakter an, dessen reine Fröhlichkeit jeden theilnehmenden Beobachter erquickt hätte. Man scherzte und neckte sich; dem Vetter gelang es jetzt, der Schönen lustige Geschichten, namentlich wenn sie kurz waren, ohne Anstoß zu erzählen und sein Gesicht dabei durch jenes humoristische Lächeln zu erhellen, das ihm so gut ließ. Das Dorf war über ihr Verhältniß im Reinen, und wenn es geheißen hätte: Christine wird ihren Vetter heirathen, so hätte sich kein Mensch darüber gewundert. Hans wurde nun von seinen Kameraden mit ihr aufgezogen und gelegentlich ermahnt, einmal ein Ende zu machen, damit man bald wieder eine lustige Hochzeit bekäme. Und jetzt, in den Tagen des Herbstes, faßte er ernstlich den Entschluß, ihr seine Herzensmeinung zu sagen. Er verschob indessen die Ausführung von einem Tag zum andern. War es das Gefühl, daß Eile nicht nöthig sei und Christine ihm doch nicht entgehen könne? oder war der Geist des Zweifels wieder über ihn gekommen, oder vermochte er nur nicht über die Anrede mit sich einig zu werden und wartete auf eine Gelegenheit, wo sie sich von selber machte? Sei dem wie ihm wolle -- er zauderte.
Da trat auf einmal ein Nebenbuhler auf, der noch gefährlicher war, als der erste, und in kurzer Zeit die Hoffnungen des Guten zertrümmerte.
II.
Der Nebenbuhler des Hans war der neue Lehrer, der den bisherigen in der Dorfschule ersetzte. Der alte war im Ausgang des Sommers an eine andere Stelle befördert worden, die jährlich um zwanzig volle Gulden mehr trug. Der neue, ein geborner Rieser, im Seminar erzogen und als mehrjähriger Gehülfe praktisch gebildet, übernahm sein Amt im Oktober.
Friedrich Forstner -- so hieß der junge Mann -- war kaum vierzehn Tage im Dorf, als er schon die meisten Herzen gewonnen hatte. Ein Theil erinnerte an das »neue Besen kehren gut« und wollte erst sehen, wie er sich halte. Nur wenige alte Murrköpfe oder junge Eifersüchtige erklärten ihn für einen »Windbeutel.« -- Der Contrast zwischen ihm und dem bisherigen Lehrer war freilich sehr stark.
Der alte war seines Zeichens ursprünglich ein Weber, und, wie man annehmen muß, an seine Stelle gekommen in Ermangelung eines Bessern. Eine lange, hagere Gestalt mit kleinem Kopf und dünner Nase, von der man sogleich auf einen charakteristisch näselnden Ton der Stimme schließen konnte. Gutmüthig bis zu einem gewissen Grad, wurde er an Einfalt nur von Einem seiner damaligen Collegen übertroffen. Indem er zur Nothdurft lesen, schreiben und rechnen lehrte, genügte er dennoch. Seine Hauptthätigkeit bestand im Abhören dessen, was die Kinder, entweder von ihm aufgegeben oder freiwillig, auswendig gelernt hatten. Diese Kunst war für einen Mann, der Gedrucktes lesen konnte, nicht schwer, und da die »Schulfrau« (die Gattin des Lehrers) dies auch verstand, so vermochte sie ganz gut für ihn Schule zu halten, wenn er über Land gegangen war oder irgend ein dringendes Geschäft abzumachen hatte. In einem Zweige der Pädagogik war der würdige Repräsentant der guten alten Zeit Virtuos -- in Führung des Haselstocks. Wenn die Buben oder keckeren Mädchen schwatzten und »bätschten,« d. h. Tauschgeschäfte machten, was namentlich mit »Helgen«[2] zu geschehen pflegte; wenn sie, zum Sprechen aufgefordert, dem Befehl nicht nachkommen konnten, weil sie zu heimlichem Genuß eben Brod oder Obst in den Mund gesteckt hatten; wenn sie statt das Auswendiggelernte ohne Anstoß »herzubeten,« »gatzten« (stotterten) und nicht mehr weiter konnten, dann schwang er, besonders wenn er schon vorher in gereizter Stimmung war, den gefürchteten Stock mit einer Fertigkeit auf Achseln und Rücken des Schuldigen, daß es eine Freude war zuzusehen. Und mit jener Befriedigung, die man nach Ausübung einer Kunst empfindet, in der man sich Meister weiß, legte er, während der getroffene Schlingel heulte, das Instrument wieder bei Seite.
In den größten Zorn konnte der Mann gerathen, wenn er fand, daß ein Schüler seine »Lection« übersprungen hatte. Damit verhielt es sich so. Vielleicht um sich auch die Mühe des Aufgebens zu ersparen, oder berücksichtigend, daß nicht einer ein so gutes »G'merk« (Gedächtniß) habe wie der andere, stellte er es den Kindern anheim, aus Luthers kleinem und großem Katechismus nach Oettingscher Einrichtung von vorne beginnend auswendig zu lernen, so viel ihnen gutdünkte, indem er dann abhörte, was sie ihm als gelernt bezeichnet hatten. Wie nun der Ehrgeiz aus keinem Winkel der Erde zu verbannen ist, so lernten auch die Schüler tüchtig; denn es galt die Erlangung des Ruhms, von allen zuerst mit den sämmtlichen zweiundfünfzig »Lezgen« oder Lectionen des großen Lutherischen Katechismus fertig geworden zu sein. Hie und da besaß einer der geistreicheren Jungen viel Ehrgeiz, aber sehr wenig Lernbegierde; was war natürlicher, als daß er nun gelegentlich einige Lectionen überhüpfte? Manchmal gelang der Betrug, wenn auch die Mitschüler nichts gewahr wurden oder so gute Kameraden waren, daß sie schwiegen. Wenn aber der Lehrer selber stutzte, oder irgend ein Schelm ihn durch Lachen aufmerksam machte, oder ein Verräther geradezu rief: »Herr Schullehrer, der überhupft!« -- dann gerieth der Getäuschte in eine schwer zu beschreibende Wuth, und die Streiche des Haselstocks regneten auf den entlarvten Betrüger. Diesem blieb nichts übrig, als die Schläge trotzend oder schreiend hinzunehmen und nach Umständen außer der Schule den Verräther durchzuprügeln, was meistentheils geschah, da der unternehmende Bursche in der Regel kräftig und gewandt, der »Batscher« (Plauderer) schwach und feig zu sein pflegt.
So hielt der alte Lehrer Schule. In ähnlicher Weise kam er auch den Pflichten eines Küsters, Organisten und Vorsängers nach, nämlich immer in einer gewissen Entfernung. Für die Bauern war er doch »kein unebener Mann.« Da er, mit einer Anzahl von Kindern gesegnet, »nothig« und geschenkbedürftig war, so befleißigte er sich den Wohlhabenden gegenüber stets der gebührenden Höflichkeit. Er war dienstwillig, und wenn ein Vater anfragen ließ, ob sein Bube heute nicht »aus der Schule bleiben« könnte, so nahm er es mit dem vorgeschützten Grunde niemals genau. Sogar das Verlangen, den Haselstock zu führen, so mächtig es in ihm war, konnte er »aus Rücksichten« bemeistern. Die »gestandenen« Bauern fühlten sich in keiner Weise unter ihm. Er trug sich städtisch, aber der städtische Anzug war das Produkt des Dorfschneiders und nicht geeignet, neben der Rieser Tracht den Anblick von etwas Feinerem zu gewähren. Er sprach ein wenig hochdeutsch; aber jeder Andere glaubte in der ächten Rieser Sprache etwas Gescheidteres sagen zu könnnen. So flößte er in keiner Art Respekt ein. Darum war es aber gerade commod mit ihm umzugehen, und das ist eine Eigenschaft, die auch im Dorfe Beifall und Gunst findet.
Friedrich Forstner war seiner ganzen Erscheinung nach das, was der Rieser Bauer einen »Herrn« nennt. Mittelgroß, zierlich gebaut, sah er in seiner einfachen, aber wohlgefertigten Kleidung nett, beinahe elegant aus. Als ein aufgeweckter Kopf und von Natur anstellig zu Allem, hatte er im Seminar eine nicht gewöhnliche Summe von Kenntnissen erlangt; als Gehülfe in Dorf und Stadt hatte er die Klugheit ausgebildet, die Niemand lästig wird und sich spielend nach den Umständen zu richten weiß. Er sang hübsch, verstand mehrere Instrumente und war ein vortrefflicher Gesellschafter.
Gleich bei seinem Einzug hatten die Glieder der Gemeindeverwaltung und andere Männer, die mit ihm zusammen kamen, eine eigene Empfindung. Forstner ließ es durchaus nicht an Höflichkeit fehlen, aber sie, anstatt die Artigkeiten, wie bei seinem Vorgänger, wohlgefällig hinzunehmen und nur kurz zu danken, fühlten sich unwillkürlich getrieben, sie zu überbieten. Der junge Mann erwiederte bescheiden, schlug mit Gewandtheit einen vertraulichen Ton an und wußte es zu machen, daß die Bauern ihren Respekt behielten, ohne dadurch genirt zu sein, ein Gefühl, das ihnen ganz neu war. Als der zeitige Ortsvorsteher nach Haus kam, sagte er zu seinem Weib: »Höer du! der nui (neue) Schulmoëster ist a fei's Mändle!«
Eine ähnliche Erfahrung machten die Schulkinder. Forstner hielt bei seinem Auftritt eine Anrede an sie, und es war den meisten, als ob sie das, was er sagte, verständen! Als die Eltern zu Hause fragten, wie's gegangen sei, wußten sie sogar von dem Gehörten etwas wieder zu erzählen und es einigermaßen zu expliciren! Am andern Tag fand eine Aufmerksamkeit statt, wie sie die Wände der Schulstube nie gesehen hatten. Bei einem entstandenen Lärm genügte ein Zuruf und ein Blick des Lehrers, um zwei in Streit gerathene Buben augenblicklich verstummen zu machen; und wie später einer mit seinem Nachbar schwatzen wollte, stieß ihn dieser, anstatt auf das Vergnügen des »Blieselns« einzugehen, mit dem Ellbogen in die Seite und rief mit gedämpfter Stimme ärgerlich: »Halt's Maul!« -- Nach dem vierten Tage erlebten die Eltern etwas Unerhörtes: die Kinder wollten nicht mehr aus der Schule bleiben! Ein Söldner brauchte seinen zehnjährigen Sohn bei einer Arbeit und wollte ihn zu Hause behalten; das Bürschchen widersprach, und als das nichts half, begann es zu »flannen« (flennen). So lange das Dorf stand, der erste Fall dieser Art.