Part 11
Endlich kam der Tag, wo es zwischen Ludwig und Annemarie »schriftlich gemacht« werden sollte. Die Liebenden hatten ihn in der letzten Zeit sehr herbeigesehnt. Ihr Glück war zu groß, als daß sie nicht hie und da die Furcht hatte anwandeln sollen, es möchte wie ein Traum zerfließen, und die Unterschrift war eine neue, große Sicherung und gab ihnen festen Boden unter die Füße. Mit der Zusammenkunft der Familien zu einem »Heirathstag« ist das Glück der Liebenden nicht immer schon außer Frage gestellt. Zuweilen führt die Unterhandlung über die Mitgabe selber noch zum Streit, und ein von der einen Seite begehrter, von der andern verweigerter »Raupe« oder junger Stier kann Anlaß zu einem Bruche werden, der nur allenfalls durch flehentliches Zureden der jungen Leute wieder zu heilen ist. Wenn nämlich der Vater des Burschen nach wiederholter vergeblicher Aufforderung zu dem des Mädchens sagt: »Ich hätt' nicht geglaubt, daß du ein so intressirter Mensch wärst! Wahrhaftig, schämen thät' ich mich« u. s. w. so kanns dieser krumm nehmen, zornig werden, auf den Tisch hineinschlagen, daß die Krüge wackeln und die Gläser umfallen, und erbost ausrufen: »Was? ich hab' für mein Mädle so viel gethan, daß ich's vor meinen andern Kindern gar nicht verantworten kann, und du willst mir so kommen? Himmel-Kreuz« u. s. w. u. s. w.
Im gegenwärtigen Falle war dergleichen freilich nicht zu fürchten. Die Angerbauersleute waren zu vornehm, als daß sie hätten markten sollen; auch lagen die Verhältnisse anders als gewöhnlich. Als man sich nun Nachmittags in der obern Stube des Angerbauers versammelt und den Getränken und Backwerken der Bäuerin die gebührende Ehre angethan hatte, setzte man sich zu einer Verhandlung, die nicht allzuviel Zeit in Anspruch nahm. Der Protokollführer war der Schullehrer des Dorfs, einer von der alten Gattung, ein Mann von etwas über fünfzig Jahren, der sich noch »Schulmeister« nennen hören konnte und weniger nach Ehre als nach einer guten Nahrung trachtete, im übrigen seinem Amte wohl vorstand. Nach einer würdigen Einleitung des Angerbauers wurde ausgemacht, daß Annemarie dem Ludwig ihr Vermögen von 2900 Gulden (bei Nennung dieser Summe nickte der Schullehrer dem Bauer, den er kannte, höflich bedeutsam zu, als wollte er sagen: »Alle Achtung!«) und Ludwig der Annemarie seinen Hof anheirathe, mit Allem darin, wie es geht und steht. Der Bäcker machte die Bemerkung, daß man bei solchen Gelegenheiten zuweilen auch einen »Rückfall« bedinge, wenn nämlich eines der Eheleute sterben sollte, ohne daß Leibeserben vorhanden wären. Ludwig, der sah, daß der Alte damit seinem Vater entgegenkommen oder ihn versuchen wollte, sagte rasch: »Wir hoffen mit Gottes Hülfe zu leben und wollen für so einen Fall nichts ausmachen. Wenn ich sterbe, dann gehört der Hof meinem Weib, wie umgekehrt mir ihr Vermögen. Anders thut's mein Vater nicht.« Der Angerbauer schwieg: er hatte die Möglichkeit vor Augen, daß Annemarie als kinderlose Wittwe die Eigenthümerin des Hofes werden und ihn durch eine zweite Heirath an eine andere Familie bringen könnte. Ludwig rief aber: »Nicht wahr, Vater?« und der Bauer antwortete: »Ja, ja, darüber bedingen wir nichts.« Sein Gesicht sah indeß nachher aus, als wollte er sagen: »Das macht mir so leicht keiner nach!«
Als das Nöthige besprochen war, setzte der Schullehrer die verschiedenen Punkte auf, las sie feierlich in einer Art von Predigerton vor und reichte die eingetauchte Feder zum Unterschreiben. Als dieß von allen nach der Reihe vollzogen war, ergriff Ludwig die Geliebte rasch bei der Hand und hielt und drückte sie, als ob er sie nicht mehr loslassen wollte. Gerührte Glückwünsche ertönten von allen Seiten.
Unterdessen war der Abend gekommen und nun sollte erst die rechte Festlichkeit angehen. Nicht umsonst waren die Angerbäuerin und ihre Tochter wiederholt ab und zu gegangen. Eine Magd erschien mit zwei brennenden Kerzen in spiegelblanken Messingleuchtern; die Tafel wurde abgeräumt, mit einem schöngewirkten Tischtuch überzogen und gedeckt. Je zwei Teller von Steingut, silberne Bestecke (die, nebenbei gesagt, zum Theil der Schmalzbäuerin gehörten) und sogar Servietten oder »Salveater« ließen auf ein tüchtiges Mahl schließen, was der Schullehrer mit großem Interesse zu bemerken schien. Im Schein der Lichter, die auf der Tafel prangten, sah die schöngeweißte, nett gehaltene Stube sehr heimlich aus.
Nicht lange, so erschien die ganze Familie, und am Ende der Pfarrer mit seinem Neffen. Nachdem sich der Sturm der üblichen Glückwünsche einigermaßen gelegt hatte, fand sich der Pfarrer an der Seite der Verlobten. Er fragte: »Nun, bist du zufrieden, Annemarie?« -- »O, Herr Pfarrer!« erwiederte das Mädchen in einem Tone, der mehr sagte als jede Versicherung. -- Der alte Herr sah sie liebevoll heiter an und sagte: »Die Tugend, scheint's, ist doch auch etwas in der Welt werth und kann auch zu etwas führen! Das Geld und der Stand sind doch nicht alles!« -- Das Mädchen ward roth und erwiederte: »Ich schäme mich der Reden, die ich damals geführt hab'. Ich bin tausendmal glücklicher, als ich's verdiene.« -- Der Geistliche nickte beifällig und bemerkte: »Auf diese Art holst du nach, was dir fehlt.«
Als er kurz darauf allein dastand und mit frohen Blicken die Gesellschaft übersah, machte sich der Angerbauer an ihn und sagte: »Sie freuen sich, Herr Pfarrer, und haben auch alle Ursache dazu; an dem heutigen Tag sind doch eigentlich Sie Schuld.« -- »Ich?« fragte der Pfarrer. -- »Sie,« versetzte der Bauer. »Sie mischen sich nicht in Familienangelegenheiten? Ja freilich: ungeschickt nicht, aber geschickt.« -- Der alte Herr fragte mit liebenswürdiger Schalkheit: »Hab' ich's nicht recht gemacht?« -- Der Bauer drückte ihm die Hand und rief: »Recht gemacht haben Sie's, Herr Pfarrer!«
Es versteht sich von selbst, daß es die Gastgeber während des Tafelns an keiner Aufmerksamkeit fehlen ließen und namentlich das schickliche »Nöthigen« nicht vergaßen. Am meisten Höflichkeit wurde dem Pfarrer erwiesen, der Gegenstand der freundlichsten und zartesten Ehrenbezeugungen war aber Annemarie. Ihr wurden die besten Bissen auf den Teller gelegt, und wenn ihr zugeredet wurde, nahmen die Stimmen den weichsten und sanftesten Ton an. Man fühlte, daß bei ihr etwas gut zu machen sei, und that mehr und that es besser, als man es für eine reiche Schwiegertochter gethan hätte. Alle Liebe, welche diese Leute in sich hatten, kam gegen das Mädchen heraus, und der Pfarrer sah seinen Enkel, der es zu bemerken schien, mit einem bedeutsamen Blick an.
Annemarie aß wenig und gegen das Ende der Mahlzeit wurde sie still und stiller. Ihre Seele war in die Vergangenheit gerichtet. Sie dachte an ihre Liebe und ihre Noth, an ihre Bitterkeit und ihre Klagen, und wie sich alles das in unendliches Glück aufgelöst. Sie dachte an die Feindschaft, unter der sie gelitten, und die sich nun in die zärtlichste Freundschaft umgewandelt. Als ihr der Angerbauer von dem eben zerschnittenen Kuchen das schönste Stück überreichte, machte die Güte und die Achtung in seinem Blick einen solchen Eindruck auf ihr erweichtes Herz, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten. Sie aß ein Stückchen, um die Gabe zu ehren, aber der Strom der Wehmuth war im Gange, das übervolle Herz mußte sich entlasten und unaufhaltsam brachen ihre Thränen hervor.
Alles sah auf sie, ernst, bewegt; die meisten begriffen den Grund dieser Thränen. Es entstand eine feierliche Stille. Ludwig drückte der Geliebten auf's zärtlichste die Hand, die Augen der Frauen wurden feucht. Der Angerbauer saß in tiefem Ernst da und in seinen Blicken entzündete sich ein Feuer, das den Pfarrer beinahe noch mehr ergriff, als das Antlitz der Braut. Niemand wollte das Wort nehmen, und der Pfarrer dachte endlich selber daran, durch eine passende Bemerkung einen Uebergang zu unbefangener Unterhaltung herbeizuführen, als ihm ein anderer zuvorkam. Johannesle hatte die weinende Annemarie bisher staunend angesehen; wie die Thränen kein Ende nahmen, sondern wieder und wieder aus ihren Augen flossen, stand er auf, ging zu ihr und sagte mit dem ehrlichsten Tone von der Welt: »Warum weinst du denn, Annemarie? Du hast ihn ja jetzt!« Diese naive Rede rief auf dem Gesicht des Mädchens ein sanftes Lächeln hervor und eine milde Heiterkeit in der Gesellschaft. Annemarie sagte mit gütevoller Stimme: »Du wirst's auch noch verstehen lernen, Kind, warum ich wein'! Aber jetzt will ich aufhören.« Und sie trocknete ihre Thränen.
Als der Pfarrer mit seinem Enkel nach Hause ging, fragte er, wie ihm heute der Angerbauer und seine Frau gefallen hätten. Theodor erwiederte: »Ich bin ganz erstaunt über sie; nie hätt' ich ihnen zugetraut, daß sie so gut und so wahrhaft zart sein könnten.« -- »Du siehst also, daß du früher nicht ganz Recht hattest, diesen Mann, weil er im Zorn grobe Reden ausstieß, ohne weiteres für roh zu erklären, und wirst künftig mit deinem Urtheil behutsamer sein.«
Nach sechs Wochen fand die Hochzeit statt. Es war nur Eine Stimme über die Schönheit der Predigt, die Andacht des Brautpaars, ihren prächtigen Anzug, das vortreffliche Mahl, wobei die Wirthin des Dorfs sich selbst übertraf, und das große, große Vergnügen. Die Musikanten hielten eine Ernte, wie seit Jahren nicht. Der Höhepunkt des Festes war übrigens der Moment, wo der Angerbauer in der Laune des Weins bewogen wurde, drei Reihen allein mit der Braut zu tanzen. Er drehte sich taktfest, aber etwas steif herum, und sein Gesicht drückte eine so eigene Mischung von Galanterie und Selbstgefälligkeit aus, daß ein paar ältere Weiber, mit denen er in seiner Jugend zu tanzen pflegte, nicht umhin konnten, sich spöttisch lächelnd anzusehen, als wollten sie sagen: »Der alte Narr! Wenn man ihm das vor einem Vierteljahr gesagt hätte!« Der Angerbauer hörte dieß natürlich nicht, da es überhaupt nicht gesprochen wurde. Als er daher unter großem Beifall den letzten Reihen geendet hatte, konnte er in ungestörter Freude seiner Tänzerin ein Glas Wein präsentiren und dann zu einem Vertrauten sagen: »Daß die Hochzeiterin am schönsten tanzt, hab' ich gesehen; daß sie aber auch am besten tanzt im ganzen Dorf, das kann ich jetzt aus Erfahrung bezeugen. Ueberhaupt: mein Ludwig ist nicht dumm gewesen!«
Die Lehrersbraut.
I.
In einem Dorfe mitten im Ries, in einem hübschen Hause, wohnten glückliche Leute -- Mutter, Tochter und Vetter. Sie waren gesund und verhältnißmäßig, d. h. nach ihrem Stande, wohlhabend. Die Mutter von ruhigem Temperament, mehr geneigt sich am Angenehmen zu freuen, als aus verdrießlichen Dingen, wie sie im Leben vorkommen, sich viel zu machen; die Tochter, Christine, hübsch und wohlgemuth; der Vetter, Hans, wacker und thätig, ein guter »Baur« -- wie man das im Ries nennt -- und »ein rechter Schaffer.«
Ein eigentlicher Bauer im Sinne der dörflichen Rangordnung war Hans freilich nicht; das war aber auch der verstorbene Glauning, der Vater der Christine, nicht. Erst Söldner und Weber hatte sich dieser durch ächt Rieserische Arbeitsamkeit und Sparsamkeit zu einer Mittelstellung zwischen Söldner und Bauer emporgearbeitet. Das Weberhandwerk wurde aufgegeben und nur im Winter noch zum Wirken des eigenen Garnes betrieben, um so fleißiger den Geschäften des Ackerbaus und der Viehzucht nachgegangen. Es gelang dem stillen, ruhig fortarbeitenden Manne, das Unglück eines Brandes, der nebst sechs andern auch sein strohgedecktes Haus in Asche legte, zu überstehen, ein neues, bequemeres, plattengedecktes an seine Stelle zu setzen, und bei seinem Tode der Wittwe ein respektables Anwesen zu hinterlassen: das Haus mit Wohnung, Stall und Stadel in Einem Bau, vier Kühe mit Nachzucht, fünf Schweine, einen schönen Baumgarten, zwei »Dawert« (Tagwerke) Wiesen und vier Morgen »in ein Feld« -- also, wer das nicht verstehen sollte, zwölf Morgen Ackerland. Allerdings war dieses »schöne Sach« nicht schuldenfrei; der alte Glauning hatte eine runde Summe aufnehmen müssen, um die runde Zahl von Morgen Landes zu erhalten, die im Ries mehr bedeuten wollen als anderswo. Aber der Hauptgläubiger war gegenwärtig -- Vetter Hans.
Hans Burger -- denn der Mann verdient, daß wir seinen ganzen Namen nennen -- war vom nächsten Dorfe, Sohn des dortigen Schmieds. Er wurde von dem Vater in seinem Handwerk unterwiesen; aber trotzdem, daß ihm ein paar Arme verliehen waren, die im Nothfall den Ambos in Stücke schlagen konnten, hatte er für seine Person doch mehr Freude am »Bauernhandwerk.« Nach dem Tode seiner Eltern führte er die kleine Oekonomie und nahm Hammer und Zange nur als Gehülfe seines Bruders in die Hand. Dieser konnte zu eben der Zeit, wo der alte Glauning starb, »einen guten Heirich« (gute Heirath) machen. Hans überließ ihm Schmiede und Oekonomie, nahm seinen Vermögenstheil heraus und ging zur Base Glauning, um ihr die Wirthschaft zu führen. Christine war damals noch nicht ganz fünfzehn Jahre alt; demungeachtet wollte man bemerken, daß der Vetter sie verstohlenerweise schon mit ganz besondern Augen ansehe.
Drei Jahre gingen in's Land. Christine wuchs heran und wurde nach den Begriffen des Dorfs immer schöner. Mittelgroß, rund, aber von angenehmer Rundung, das gutmüthige, ruhig vergnügte Gesicht, dessen Linien nicht ohne eine gewisse Anmuth waren, frischroth mit bräunlichem Hauch, die Zähne regelmäßig und weiß -- konnte man sie einem Apfel vergleichen, der untadelich gereift eben vom Baum genommen wurde. Damals war unter den Rieser Bauernmädchen noch nicht die Mode aufgekommen, die Haare doppelt zu scheiteln und auf beiden Seiten herunterzukämmen, wodurch sie sich jetzt ein städtisches, vornehmeres Ansehen zu geben suchen. Das Haar wurde von der Stirn an zurückgestrichen und gegen die Mitte des Kopfes zu von dem landesüblichen Käppchen bedeckt. Das ließ einfacher, munterer, und stand besonders Gesichtern, wie Christine eines hatte. Am hübschesten erschien diese, wenn sie an heiterem Sommertag, in weißen Hemdärmeln und den Rechen in der Hand, auf die Wiese ging, ohne eine Ahnung von Sorge, in Fülle körperlichen Wohlseyns schwimmend und gänzlich der frohen Gegenwart hingegeben. Aus dem runden Gesicht blickte zugleich ein eigenthümliches Selbstgefühl heraus, und das hatte seinen guten Grund.
»Die schöne Christine« hieß sie im Dorf. Nur eine Bauerntochter konnte mit ihr noch verglichen werden; aber da diese »so eine rahnenge« war, nämlich allzu schlank, so erhielt Christine von den bäuerlichen Schönheitsrichtern den Vorzug. Die jungen Bursche tanzten gern mit ihr, und wenn einer sie an der Hand im Reihen führte, sang er wohl auch den Musikanten Schelmenliedchen vor, ihr zu Ehren. Aus dem Stegreif zu dichten, ist die Sache des Rieser Burschen nicht, solche Talente sind dort Ausnahmen; dagegen weiß er bekannte Lieder passend anzubringen und damit, ähnlich dem gelehrten Schriftsteller, der eine öfters citirte klassische Stelle wieder citirt, auf bescheidene Weise elegant zu werden. Wenn ein tüchtiger Kerl, mit Christine herumgehend, sang:
Macht mer 'n Walzer auf, Der a weng luste geht, I hab' a Tänzere, 'Sist der Müh werth --
dann im Takt strampfend schmunzelte, so gewann das oft gehörte Liedchen wieder Bedeutung. Einige Zuschauer konnten lächeln und irgend ein alter Bekannter der Christine gemüthlich zurufen: »Ja, ja, so isch -- sott (solche) git's net viel!« Als unter den zuschauenden Weibern einmal die noch immer stattliche Wittwe Glauning vornean stand, machte es der zufällige Tänzer der Christine noch besser; er sang, indem er dem Liede durch Gesichtsausdruck und Blick Sinn verlieh:
A schneaweißa Däube (Täubin), A schwarzer Dauber; Und wann d'Mueter schön ist, No[1] wurd d'Tochter sauber.
Bei dieser Gelegenheit war die Heiterkeit der Mutter noch um vieles lebhafter, als die der Tochter, die an solche schöne Dinge schon gewöhnt war. -- All die Huldigungen aber, die sie erfuhr, gaben dem Wesen des Mädchens nach und nach eine vergnügte Sicherheit, Wohlgefälligkeit, und, wenn man dieses Wort in den Grenzen ländlicher Möglichkeit verstehen will, einen Ausdruck von Huld, der ihr ganz gut stand, aber auch mehr hinter ihr vermuthen ließ, als vorläufig noch hinter ihr war.
Das Gefühl der Huld wurde in Christine vorzugsweise durch Hans genährt. Beichten wir in seinem Namen ohne Umstände. Hans hatte sich allerdings schon in die noch nicht Fünfzehnjährige versehen und nach einem Besuch, kurz vor dem Tode des alten Glauning, ernsthaft zu sich gesagt: »Des wurd (wird) a Mädle für mi!« Die Hoffnung seines Herzens hatte großen Antheil an seinem Entschluß, der Base die Wirthschaft zu führen; sie belebte sein ganzes Wesen und machte ihm die Bauernarbeit noch viel lieber, als sie ihm ohnehin war. Bald freilich trat neben dieser Hoffnung auch eine gewisse Furcht hervor; sie steigerte sich, als Christine zu dem Glanz ihrer ländlichen Reize heranwuchs, und erzeugte das Gefühl und den Humor der Entsagung, dem sich der gute Bursche mit der halben Lust einer treuen, opferfähigen Seele hingeben konnte. »Ja, ja,« sagte er dann wohl mit einem Seufzer, »i sig (sehe) scho, die krieg i net; die ist z'schöa' für mi!« Aber dieses Gefühl konnte natürlich nicht dauern; nach einiger Zeit kam auch die Hoffnung wieder und er ermuthigte sich mit der Bemerkung: »Was doh (da)! A Bursch wie ih kann oh a schöns Weib kriega'; des ist scho oft vorkomma'!« Dann wich der Ernst aus seinem Gesicht, er wurde herzensvergnügt und that der Mutter und der Tochter noch eifriger alles zu Liebe. Aber er fand nicht den Muth, mit Christine von seiner Liebe zu reden.
Die Leserinnen dieser Erzählung haben schon errathen, wo es bei unserem Freund haperte. War Stand und Vermögen gleich und das Herz des Liebhabers doch ohne Zuversicht, so mußte es mit der Figur nicht zum besten bestellt sein. Und das können wir allerdings nicht leugnen. Hans gehörte unter den ledigen Burschen nicht zu den Schönen, und auch nicht zu den Lustigen, die sich bei festlichen Gelegenheiten »recht aufführen« können, auf diese Art den Mangel besonderer Schönheit decken und den Mädchen ebenfalls in die Augen stechen. Er war untersetzt und etwas krummbeinig. Seine Arme haben wir charakterisirt; auf seinen Schultern konnte er ohne Anstrengung ein »Schahf« (Scheffel) Korn tragen. Sein Gesicht war breiter, als man's liebt, und die Nase nicht ganz regelmäßig, die Farbe für einen noch in den Zwanzigen befindlichen Menschen zu braun. Eines war schön an ihm: seine treu blickenden, braunen Augen. Sie waren sogar sehr schön und ihr Glanz hatte einen rührenden Reiz, wenn er heimlich in gutmüthigster Liebe einen Blick auf Sie warf. Nur Schade, daß er dies immer bloß heimlich that, und wenn er ihr offen ins Gesicht sah, in den Grenzen einer freundschaftlichen Herzlichkeit blieb, die wohl einen angenehmen Eindruck macht, aber keinen Zauber ausübt, wie es der Blick der Leidenschaft vermag. Hätte er sie im rechten Moment einmal so angesehen, wie er es heimlich zu thun pflegte, dann wäre ihr Herz vielleicht geschmolzen und ihr Gesicht hätte einen Ausdruck erhalten, der ihm den Muth gegeben hätte, mit seinem Anliegen hervorzugehen und die Schöne zu erobern. Dann hätten wir freilich auch unsere Geschichte nicht schreiben können.
Noch eins war, ich will nicht sagen schön an Hans, aber proportionirt und nicht zu tadeln: der Mund und seine mannhaften Zähne. Wann er bei seinen Kameraden im Wirthshaus saß und in der Laune, die das braune Bier erweckte, gutmüthig über andere und sich selber Spaß machte, dann umspielte seine Lippen ein humoristisches Lächeln, das ihm sehr gut stand und dem ganzen Menschen etwas Angenehmes gab. Das Gesicht glänzte, und sogar die Zähne, die zur Hälfte zwischen den geöffneten Lippen hervorsahen, schimmerten Heiterkeit. Aber auch in diesem Vorzug konnte er sich nie vor der Geliebten zeigen. Einmal wollte er eine lustige Geschichte, die im Wirthshaus großen Beifall gefunden hatte, zu Hause wieder erzählen. Als aber Christine aufmerksam horchte und nicht gleich vergnügt aussah, wo nach seiner Ansicht das »G'spässige« der Geschichte schon begonnen hatte, brachte ihn die Furcht, sein Ziel zu verfehlen, in Verwirrung; er verpfuschte das Ende und wies ein Gesicht, das eher geeignet war Mitleiden als Heiterkeit einzuflößen. »'Sischt doch grad,« sagte er darauf im Kuhstall, den er nach seiner Niederlage aufgesucht hatte, »als wann's der Deufel g'macht hätt'! Im Wirthshaus ka'n es, und derhoe'mt (daheim) ka'n es net und stell me a' wie a'n Esel!« Als ihm hier eine Kuh, die nach Futter verlangte, diesen ihren Wunsch durch eine Kopfbewegung und einen Blick zu erkennen gab, die er sogleich verstand, sagte er: »Ja, ja, du sikscht (siehst) g'scheider drei' und host meaner Segel im Hihra (mehr Grütz im Kopf) als ih!« Gleichsam um das Vieh für seinen Verstand zu belohnen, gab er ihm etwas extra. Bei sich selber aber beschloß er fest, seine Geschichten künftig nur im Wirthshaus zu erzählen.
Sein Gefühl, das so sträubig war, sich in der Gestalt von Worten zu offenbaren, bewies der gute Hans um so mehr durch Thaten. Die Wirthschaft besser zu führen, als wenn's seine eigene gewesen wäre, die Aecker herzurichten wie Gartenland, Korn und Vieh auf dem Markt zum höchsten Preis zu verkaufen, und im Hause der Geliebten Freude zu machen durch Erfüllung ihrer Wünsche, die sie entweder aussprach oder die er ihr an den Augen ansah, das war seine Sache. Im Uebrigen wollte er -- warten. »'S macht se villeicht amohl von o'gfohr« (von ungefähr), dachte er und tröstete mit dieser Möglichkeit sein ungewisses Herz. Sein Zögern hatte auch noch einen Grund, den die Leser ganz vernünftig finden werden. Eins in's andere gerechnet, war sein Verhältniß zu Christine für ihn auch jetzt schon eine Quelle von Vergnügen. Mit ihr die ländlichen Arbeiten zu verrichten, wie die Jahreszeit sie brachte, das Heu »zusammenzuschlohen« oder das Korn zu sammeln, auf dem Wagen die Garben von der Gabel zu nehmen, die ihre rüstigen Arme ihm entgegen streckten, und ihn so schön und gleichmäßig zu laden, daß sie ihn bewundern mußte; im Winter mit ihr zu dreschen und seinen Flegelschlag nach dem ihrigen kräftiger »auf dem Tennen« erschallen zu lassen; Abends mit ihr und der Base zu schwatzen, Rath zu halten über die Arbeiten des folgenden Tages, über Kauf und Verkauf; namentlich aber, vom Markt heimgekehrt, ihnen aus dem ledernen Gurt das Geld vorzuzählen und Lob dafür zu empfangen, daß er wieder so viel gelöst habe -- dieß und anderes, wie es der Verkehr in einem Haus und Geschäft mit sich bringt, war für ihn eine Kette von Freuden, Labsal und Trost für alle Unbilden, die er erfuhr oder im zweifelnden Herzen sich selber anthat. Sollte er nun das alles auf's Spiel setzen, indem er Christine zum Weib verlangte und eine abschlägige oder auch nur eine ausweichende Antwort erhielt? In diesem Fall mußte er das Haus verlassen, oder wenn er blieb, war ihm die Freude verdorben und jede fernere Werbung untersagt. Hans -- das haben wir nun hoffentlich schon klar gemacht -- war kein gewöhnlicher Mensch; er hatte seinen Kopf und sein Ehrgefühl.