Erinnerungen eines alten Leipzigers

Part 9

Chapter 93,332 wordsPublic domain

Und wie in Geyer, so war es in dem kleinen Gebirgsnest Elterlein, in Grünhain, Schlettau und Scheibenberg und in all’ den großen Dörfern bis Schwarzenberg, denn hier war die eigentliche Heimath der Harfenisten. Jetzt ausgestorben und durch die um Vieles minderwerthigen Tingeltangel verdrängt, aber nicht ersetzt, bezogen die Harfenisten vor 30 und 40 Jahren und bis weit in das vorige Jahrhundert zurück außer vielen anderen Orten des In- und Auslandes auch regelmäßig in zahlreichen Trupps die Leipziger Messe, und sowohl Fremde wie Einheimische erfreuten sich an ihren Liedern und ihrer Musik. Auch das nahe Böhmen stellte, wie bekannt, und wie noch heute seine Musikanten.

Das eigentliche Hauptinstrument jener, sich meist aus Familienmitgliedern oder doch nahen Verwandten zusammensetzenden Trupps bildete die ehrwürdige, jetzt nur noch in größeren Capellen zu findende Harfe; eine Geige und drei, vier Guitarren vervollständigten die Harmonie einer solchen kleinen Capelle. Die Geige und wohl auch die Flöte spielte in der Regel das einzige männliche Mitglied der reisenden Truppe, und dieses war oft der Vater, meist aber der Bruder, Gatte oder sonstige Verwandte der anderen weiblichen Mitglieder oder eines derselben. Mochten sie aber auch die übrige Zeit weilen, wo sie wollten, ob auf ihren Reisen, die sie bis in weitentfernte Länder brachten, oder zu Hause, wo sie in der Ferienzeit Spitzen klöppelten und daneben neue Musikstücke und Lieder einübten; zur Meßzeit zogen sie alle immer wieder der Handelsstadt an der Pleiße und Elster zu, und eine Messe -- ohne Harfenistinnen, das wäre damals von Jedermann eben gar nicht als eine richtige, vollwichtige Messe angesehen worden. An den letzten Tagen vor Beginn der Messen zogen sie in Leipzig ein und rückten in ihre bescheidenen Quartiere in den Hinterhäusern der Vorstädte, wo sie für ein Billiges Unterkommen fanden. Sie theilten sich in sogenannte ansässige und in fliegende Trupps. Die letzteren bestanden in der Regel nur aus zwei, höchstens drei Personen, fast immer zwei Schwestern und einen Bruder dabei. Dieselben zogen fast stets mit Geige und Harfe, nie aber ohne letztere, von Schenke zu Schenke, wo keine »ansässige Capelle« concertirte, stellten sich in eine passende Ecke des Gemaches und spielten ihre zwei bis drei Stücklein, worauf ein Mädchen mit zusammengebogenem Notenblatt bei den Gästen cassiren ging. Dreier der verschiedensten Nationalitäten, formlose Vierpfenniger und preußische Sechser empfing die auch für die kleinste Gabe freundlich dankende Harfenistin; hatte sie aber ihre Runde beendet, so gaben die Zwei oder Drei ein sogenanntes Schlußstück zum Besten und verschwanden, um in unzähligen anderen Localen aufs Neue ihr Glück zu versuchen.

Eine um Vieles günstigere Stellung nahm die »ansässige« Harfenisten-Capelle ein. Sie bestand mindestens aus vier, meist aber aus fünf bis sechs Personen und »spielte« die ganze Messe über in ein und demselben, natürlich nur größerem und stark besuchtem Locale, in welches sie regelmäßig alle Messen wiederkehrte und durch vieljährige Thätigkeit in demselben gar bald heimisch und mit den musikalischen Lieblingswünschen der Gäste vertraut wurde.

Wer nun aber vielleicht glaubt, daß diese, oft dreiviertel des Jahres in der Welt herumziehenden Mädchen unter die Classe der besonders leichtfertigen und unsoliden zu rechnen gewesen seien, der irrt sich gewaltig. Sie waren meist durchaus ehrbare Mädchen, welche zwar einen und zwar selbst etwas derben Spaß verstanden, im Uebrigen aber durchaus die sittlichen Grenzen innezuhalten wußten. Gar mancher Musensohn oder Handlungscommis, welcher nach »Feierabend« (Polizeistunde) auf vieles Bitten die Erlaubniß erhielt, die schöne »Hulda« oder »Anna« -- nach Hause zu begleiten, und der entzückt und im Vorgefühl seines Sieges die schwere Harfe durch Dick und Dünn, eine halbe Stunde weit, der zierlich Kleid und Röckchen bei den Straßenübergängen hebenden vorausschreitenden Harfenistin nachtrug, mußte an der bewußten Hausthür, belohnt mit einem neckischen Dank, mit langem Gesicht ohne Kuß abziehen. Wenn er sich dann auch gegen seine ihn beneidenden Genossen aller möglichen Erfolge rühmte, so waren dies doch eben nur Flunkereien; Thatsache war, daß die Harfenistin der früheren Messen bei Weitem besser war als ihr Ruf. In großen Etablissements, wie in _Auerbach’s Keller_ z. B., wo die Harfenistinnen bis 2 Uhr Morgens spielen durften, waren denn auch stets nur besonders gut geschulte Trupps zu finden. Kein Wunder, daß der Zudrang zu diesen Localen auch ein großer war. Sowohl im oberen, eleganteren Keller, den hauptsächlich Familien besuchten, wie im unteren sogenannten Faustkeller, dessen Möblement aus einfachen Holztafeln mit gekreuzten Beinen und ebenso einfachen Stühlen bestand und der fast nur von der Herrenwelt frequentirt wurde, concertirte je eine tüchtige Capelle Harfenistinnen. War nun schon im oberen Keller das Leben ein lebhaftes und das Treiben im hohen Grade animirt, so mußte, wer im Faustkeller Platz nahm, ein gut Theil Humor besitzen, denn das Treiben daselbst war oft sehr fidel und durchaus zwanglos, wenn auch stets anständig. Griesgrämige Gesichter konnte man hier nicht brauchen, entweder hellten sich dieselben schnell auf oder ihr verstockter Besitzer verschwand ebenso schnell wieder, wie er gekommen.

Ein allgemeines »Hut ab!« begrüßte den biedern Meßbesucher, wenn er, angezogen von dem aus dem Faustkeller emportönenden Jubel, die steile Treppe zögernd betrat. Verdutzt schaute der neue Ankömmling auf die unter ihm sitzende dichtgedrängte Masse ihm entgegenwinkender, jubelnder, feuchtfröhlicher Zecher, denen das im Hintergrund des Kellers stehende, mächtige, fast 4 Ellen hohe Faustfaß ein würdiges Relief gab.

Unwillkürlich zog er den Hut.

»Runterkommen!« tönte das weitere Commando, und schon entschlossener und angezogen von dem frohen, tollen Treiben beeilte der »Neue« seine Schritte und verschwand sofort in dem dichten Menschenknäuel. Da saßen sie Alle einig und vergnügt beisammen, die verschiedensten Elemente der Einheimischen und Fremden, die einen guten Tropfen und einen fidelen Jux über Alles liebten. Der biedere Schuhmachermeister aus der Provinz, der heute seine Bürde Leder eingekauft hatte, saß neben dem Großeinkäufer aus Griechenland in seiner Nationaltracht; der flotte Student neben dem Fabrikanten; der Berliner Grossist neben dem Commis seines erbittertsten Concurrenten, und über Allen schwebte der Geist des Weins und der harmlosen Fröhlichkeit.

»Gustchen! Göttlichste aller Harfenschlagenden Schönen!« ruft begeistert ein ältlicher Herr, dessen Glatze und goldne Brille, sowie das weiße Halstuch auf einen, kurze Zeit seiner heimathlichen Herde entronnenen Seelenhirten schließen läßt, der auf einige Tage zur Messe gekommen ist und, der schönen -- ach längst entschwundenen Studienzeit gedenkend, aufthaut -- »Dein Wohl -- im Wein!«

Und das schöne erzgebirgische Kind wirft dem »alten Herrn« einen so süßen Blick als Dank zu, daß er sein Herz im innersten Busen erzittern fühlt und es ihm heiß bis zu der sonst in unschuldiger Weiße erglänzenden, jetzt aber sanft gerötheten »_Platte_« hinaufsteigt.

»Du -- -- --?« sagt sein Nachbar und Bruder, ein etwas verknöcherter Gymnasiallehrer, der hier mit ihm zu kurzem Wiedersehen zusammengetroffen ist und doch erst die eigentliche Veranlassung zu ihrem Besuche des Faustkellers gegeben hat, »wenn das Deine Frau wüßte!«

Erbleichend ob der schauderhaften, schrecklichen Möglichkeit sinkt dem entflammten Pastor die zum Einschänken erhobene Flasche herab und während er fast entnüchtert ein »~Apage Satanas!~« murmelt, ergießt sich der goldene, flüssige und süffige Strom auf den Schooß des Sonntagsstaates seines Nachbarn zur Linken, eines massiv groben Baiern, der sofort alle Schleußen seiner Beredsamkeit öffnet und dem armen Theologen eine Fluth von Grobheiten und Ehrentiteln an den Kopf wirft, in denen besonders das Thierreich eine hervorragende Rolle spielt.

»Sie -- sein’s a Vie’ch!« schließt er seinen entrüsteten Sermon, um aber gleich darauf, als er das Entsetzen des geistlichen Herrn sieht und seine gestammelten Entschuldigungen hörte, von der Grobheit zum Jovialismus überzugehen, den Attentäter auf die Schulter zu klopfen und zu versichern »Na -- ’s macht nix aus -- Schad nur um den Wein!« -- -- und der einen Moment bedrohte Frieden ist wieder hergestellt. »Auf Ehre« flötet ein junger, stark nach Patschouli duftender Benjamin, der am Tage im Meßlokale seines Berliner Chefs in Fellen und Rauchwaren macht, indem er bemüht ist, das thalergroße Monokel, das consequent immer wieder auf die starkentwickelte Nase herabfällt, aufs Neue in’s Auge zu klemmen, »auf Ehre reizende Rosa, wie Se hab’n gesungen vorhin das Lied von der Schwalben wie se ziehn heimwärts, is mer geworden ganz warm ums Herz, un wenn mer a Herz hat als Cavalier« -- jetzt saß glücklich das Monokel wieder oben, aber durch das Einklemmen desselben zogen sich die buschigen Augenbrauen des »Cavaliers« in so unnatürlicher Weise in die Höhe, daß sein Gesicht nicht gerade als ein besonders geistreiches gelten konnte, »so mechte mer wohl singen, wie der Herr von Fielitz im Berliner Opernhaus: Reich mir die Hand mein Leben, komm auf mein Schloß -- -- --.«

Bumms -- fällt ihm das Monokel wieder auf das Riechorgan, was seinen halblauten pathetischen Gesang unterbricht.

»Darf ich mer machen de Hoffnung, daß Se sein nich grausam un gestatten mer zu leisten Ihnen Ritterdienste; darf ich Se begleiten später nach Hause?«

»Das dauert noch lange -- --«

»Un wenn’s noch so lange dauerte -- bin ich nich mei eigner Herr und bin gekommen von meine Giter, blos zum Vergnügen nach der Leipziger Messe?«

»I gar!« flüstert Rosa zerstreut, denn ein lustiger, bildhübscher, kecker Musensohn wirft ihr eben eine Kußhand zu.

»Gott soll mer leben lassen« ereifert sich der, sich immer mehr in sein phantastisches Lügengewebe verstrickende handlungsbeflissne Benjamin, »mei Name is --«

»Esau -- Esau« fällt der eifersüchtige Musensohn ein, der seine Aufschneidereien mit angehört hat, »Esau -- ist sein Name -- und in Meseritz ist er derhame -- das E ist nur deshalb zu seinem sonst richtigen Namen gesellt, weil sich die »Cavaliere« von Meseritz und Umgegend auf etwas gespanntem Fuß mit der »Sau« befinden -- holdseligste Rosa!«

Rosa und die Umsitzenden lachen laut und der liebegirrende Benjamin fährt wüthend auf, aber sein Nachbar und Concurrent seines Chefs zieht ihn gewaltsam an den Rockschößen wieder auf die Bank herab.

»Machen Se kenen Stuß, Levy« sagt er, »der Herr Student is e kleiner Spaßvogel -- allons -- angestoßen!«

»In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht!« pflichtet der ebenfalls aufgethaute Gymnasiallehrer bei und hält sein Glas hin; zögernd begraben die beiden Nebenbuhler das Kriegsbeil und die Gläser klingen hell aneinander.

»Also Levy heißt er« brummt der Student in sich hinein, »e Vieh ist also doch dabei!«

»Was ham Se gesagt!?« fragt hitzig der nur halb versöhnte Benjamin.

Schrumm -- schrumm -- schrumm rauschen die Harfentöne durch den Keller und die drallen Mädchen erheben sich zum Chorgesang.

Aller Streit ist vergessen, frisch tönen die Mädchenstimmen durcheinander im Sopran und Alt und beim Refrain des Liedes aus den »Mottenburgern« stimmt Alles mit ein:

»Ja ich bin der Oberbürgermeister -- bin der Tyrann, ja der Tyrann von Mottenburg!« -- --

Der Schuster aus der Provinz singt, daß die Wände wackeln könnten, der Gymnasiallehrer will durchaus mit dem Berliner Grossisten Brüderschaft trinken, was aber der Mann der Gottgelahrtheit noch glücklich verhindert. Der Bruder Studio schwingt sich unter ungeheurem Jubel auf das Hauptfaß und dirigirt, auf demselben reitend das Lied bis zum Ende desselben.

Der Theologe macht einen kühnen Versuch, den Arm um die Hüfte der jetzt zum Cassiren die Runde machenden Hulda zu legen, begegnet aber auf diesem Wege der Hand des stark »angerissenen« Bruders, wodurch beider Hände erschrocken zurückfahren; der »Giter« besitzende Monokelbändiger lehnt sich stolz befriedigt und siegesgewiß zurück, denn »Rosa« hat ihm -- ach der Aermste wußte nicht, daß er bereits der Fünfte war, der dasselbe Versprechen heute Abend erhielt -- das Recht ihrer Begleitung nach Hause zugestanden und der Student verschwindet auf wenige Augenblicke, um draußen den Zustand seiner Casse zu prüfen, denn »hier wird nicht gepumpt« steht in Form eines buntkolorirten Bildes bereits im oberen Keller zu lesen.

Das Notenblatt aber, welches Hulda mit demselben Lächeln, Alt oder Jung -- Christ oder Jude -- entgegenhält, bedeckt sich mit Sechsern und Groschen, ja Zweigroschenstücken und wie sie dasselbe in die hinter dem Bruder an der Wand hängende Geldkatze leert, gibt es dem Nagel an der Wand einen ordentlichen Ruck.

So geht es fort, Lieder und Musikstücke wechseln ab, eine Flasche Rebensaft folgt der andern, Niemand denkt ans Heimgehen, bis auf einmal auf einer der oberen Stufen das »Auge des Gesetzes« in Gestalt eines untersetzten Polizeidieners erscheint, der halb schmunzelnd, halb dienstlich streng das noch vollzählige Auditorium einen Moment betrachtet, als thäte es ihm Leid dies fidele Völkchen zu stören. Indeß -- der Dienst geht über Alles, er steigt deshalb noch eine oder zwei Stufen weiter herab, hebt den stockbewaffneten Arm und als hierauf etwas Ruhe eintritt, läßt er seinen Vers los.

»Heern Se -- meine Herrn -- s’ is um Zwee, un -- s’ thut mer leid, aber s’ is Feierabend!«

Damit aber entfesselt der Biedre ein Meer lustigen Widerspruchs.

»Hut ab! -- Runterkommen! Mittrinken! Rede reden!« So tönt’s ihm opponirend entgegen, ja -- der total bezechte Gymnasiallehrer ruft schluchzend »Uff’s Faß!«

»Heern Se« sagt der Mann der Staatsgewalt, »s’ geht Se werklich nich länger, Se missen nu ’naus!«

»Runterkommen -- Maul halten -- Mittrinken!« opponiren die Zecher.

Zögernd kommt der Mann des Gesetzes einige Stufen weiter herab; das Fluidium des Weines steigt ihm kitzelnd in die Nase -- noch schwankt er -- --

»Prost, würdiger Vertreter der herrschenden und alle Unthat rächenden Nemesis« ruft ein angehender Journalist und hält dem Polizeidiener das gefüllte Glas entgegen, »bist Du ein fühlender Mensch, gleich uns hochachtend Bachus den Fröhlichen, so komm -- o Edler in unsere Arme und schlürfe mit uns, durch gleiche Bande vereint, den süffigen Nektar der Reben -- bist Du es nicht -- so entfleuch aus diesen historischen Hallen und -- -- -- geh selber heeme!«

»Bravo -- bravo!« schrie händeklatschend das verehrte Auditorium.

Der biedre Polizeidiener aber war »ein fühlender Mensch«, halb zogen ihn hilfreiche Hände, halb kam er selbst; zehn Weingläser, alle gefüllt mit der edlen Gottesgabe, wurden ihm entgegen gehalten und -- -- -- der Edle verschmähte keins. In sanften Incarnat erglühte seine stattliche Nase, zwar protestirte er noch eine kurze Zeit, dann aber ergab er sich bedingungslos, bis die Harfenistinnen »einpackten« und aufbrachen, ihnen folgte ein Schwarm Verehrer und »Benjamin« erkannte oben auf der Straße, daß der Student bereits die Harfe Rosas in der Linken trug und ihr mit der Rechten lachend den Arm bot.

Ein höhnisches, »Gute Nacht, Esau!« drang noch an das Ohr des in allen seinen Gefühlen Getäuschten und ingrimmig wandelte er der heimischen Stätte des »Brühls« zu, um seinen Aerger und Jammer zu verschlafen. Gewiß aber wäre er um Vieles getrösteter heimgegangen, wenn er das etwas lange Gesicht des Studenten gesehen hätte, als Rosa demselben an ihrer Hausthür, weit draußen in der Vorstadt, mit dankendem Lächeln ihre Harfe abnahm und -- freilich nach zärtlichem Händedruck -- mit Schwestern und -- dem den Schluß machenden Bruder hinter der Hausthür verschwand.

Der Titel, mit dem sich Bruder Studio hierauf selbst regalirte, fing auch mit dem E. an und rangirte ebenfalls unter die weniger geachteten Thiernamen. -- -- -- Rechts und links vom Ausgange des altberühmten Kellers, auf der Straße standen, steif an die Wand gelehnt, wie weiland zwei Statuen des steinernen Roland zu Halle, der Theologe und sein gleich ihm total bezechter Bruder, der aus aller Façon gekommene Lehrer der heranwachsenden Jugend.

»Bruder -- komm!« lallte der Theologe.

»N -- e -- e -- e« stammelte der andere, »komm Du!«

»Ich -- kann -- die Wand -- nicht -- los -- lassen -- -- -- sonst -- fall ich um!«

»Na warte -- dann komm -- ich -- -- wie kannst -- du nur so -- viel trinken!« sagte, von vielfachem Schlucksen unterbrochen, der Lehrer und versuchte kühn seine Nüchternheit dadurch zu beweisen, daß er seine Wand loslies, um dem Bruder zu helfen.

Ach -- er wußte nicht, was er that -- der Unglückliche, denn kaum hatte er den verwogenen Schritt gemacht, so versagten die rebellirenden Beine dem guten Willen den Gehorsam und statt zur Unterstützung des Bruders, trugen sie ihn im Sturmschritt über die Straße hinüber, wo er mit dem Cylinderhut voran, unter einem furchtbaren Knall an der Bretterthür der zur Messe daselbst seit vielen, vielen Jahren stehenden Nadlerbude vor Anker ging.

Der nun formlose Hut schob sich ihm über die Augen und die Brille über die Nase, so daß totale Finsterniß das Haupt des Guten umgab; aber er murrte nicht gegen sein Geschick, sondern vertraute auf die Sorgsamkeit und Menschenfreundlichkeit irgend eines vorüberkommenden Nachtrathes (Nachtwächters). Ein solcher erschien dann auch bald und nachdem er aus dem geistlichen Herrn glücklich ihre gemeinschaftliche Wohnung herausgebracht hatte, entdeckte er auch den in Dunkelheit schwebenden Gymnasiallehrer und brachte glücklich Beide nach Hause.

* * * * *

Am anderen Abend war die Scenerie und Handlung so ziemlich dieselbe, nur mit täglich veränderten Personen, die Harfenisten ausgenommen; denn selbst der Solideste schlug, wenn er einmal zur Messe fuhr, ein wenig über den Strang, ohne daß dies aber seiner sonstigen Reputation irgend etwas geschadet hätte.

XVIII.

Allerlei Chronika von 1850—1859.

[Sidenote: Cholera.]

Anno 1850 brach Anfang August die Cholera in Leipzig aus. Die erste Woche starben 59 und darauf von Woche zu Woche 72, 88, 99, 98, 116, 92, 60, 45, von der zehnten Woche war die Seuche als erloschen zu betrachten.

[Sidenote: Feuer.]

Am 21. September brannte der sogenannte Holzhof im Bauhof, Terrain der jetzigen Bauhof- und unteren Turnerstraße. Es gingen sämmtliche Arbeitsschuppen, riesige Posten Nutzhölzer, sowie 1500 Klaftern Brennholz in den Flammen auf. Der Brand währte zwei Tage, zu retten war bei der kolossalen Hitze, welche das Flammenmeer verbreitete, nichts.

[Sidenote: Neue Brücke.]

Anno 1851, am 9. September, wurde die neue Brücke nach Reichels Garten (an der katholischen Kirche) zunächst aber nur für den Fußverkehr eröffnet. An demselben Tage wurde das Frankfurter Thor am Kugeldenkmal abgebrochen und bis an die Chaussee verlegt.

[Sidenote: Oestreicher.]

Anno 1852 vom 12. bis 23. März passirten theils per Bahn, theils per Fußmarsch 9 Colonnen Oestreicher aus Holstein nach Böhmen unsre Stadt. Es war das 4. Armeecorps unter Feldmarschallleutnant von Legeditsch, an Fußtruppen 11 Bataillone mit 13320 Mann, incl. 319 Offiziere, 185 Pferde und 22 Fuhrwerke. Ferner an Cavallerie, Artillerie, Train und Depots 181 Offiziere, 5980 Mann, 4290 Pferde, 68 Geschütze und 626 Fuhrwerke.

[Sidenote: Kornähren.]

Am 12. Dezember 1852 wurden auf einem Stoppelfelde bei Eutritzsch blühende Kornähren gefunden.

[Sidenote: Raubmord.]

Anno 1853 am 5. Januar wurde im Hause Georgenstraße 10 die Witwe Friese, 57 Jahre alt, erschlagen und beraubt aufgefunden. (Siehe Heft II: Die letzte öffentliche Hinrichtung von Leipzig.)

[Sidenote: Meuchelmord.]

Am 26. Januar, Abends zwischen 8 und 9 Uhr, wurde der Hausmann Gimpel Hohe Straße 26 (Laurentius-Gärtnerei) durch einen Stich meuchelmörderisch getödtet. Der Thäter ist nicht entdeckt worden.

[Sidenote: Armenhaus.]

Am 21. März wurde der Grundstein zum neuen Armenhaus am Gerichtsweg gelegt.

[Sidenote: Pestalozzistift.]

Am 27. Mai wurde der Grundstein zum Pestalozzistift am Exerzierplatz gelegt.

[Sidenote: König Friedr. August †.]

Anno 1854 am 15. August kam die Leiche des am 9. August bei Irnstein in Tyrol durch den Hufschlag eines Pferdes getödteten Königs Friedrich August von Sachsen auf dem Bairischen Bahnhofe hier an, wurde unter dem Geläute aller Glocken auf der Verbindungsbahn nach dem Dresdner Bahnhof übergeführt und von da Nachmittags 4 Uhr mittelst Extrazuges nach Dresden gebracht.

[Sidenote: Synagoge.]

Am 7. September wurde der Grundstein zum Juden-Tempel in der Centralstraße gelegt. (Eingeweiht und eröffnet wurde derselbe am 10. September 1855.)

[Sidenote: Fleischtaxe.]

Anno 1855 am 15. Juli wurde die Fleischtaxe bei den hiesigen und den Landfleischern aufgehoben. Rindfleisch kam zu dieser Zeit das Pfund 5 Neugroschen, Schweinefleisch 48, Schöpsenfleisch 40 und Kalbfleisch 30 Pfennige.

[Sidenote: Missionshaus.]

Am 14. Mai wurde zum Missionshaus am bairischen Bahnhof (jetzige Carolinenstraße) der Grundstein gelegt.

[Sidenote: Thür. Bahn.]

Am 9. Juli wurde mit dem Bau der Thüringer Eisenbahn begonnen. (Eröffnet wurde dieselbe 1856 am 25. März.)

[Sidenote: Landgericht.]

Anno 1856 wurde das Landgericht vom Rathhause an das neue Königliche Gerichtsamt abgegeben und zwar am 6. Juni.

Am 19. September wurde auch das Criminal- und Stadtgericht im neuen Bezirksgerichtsgebäude am Petersteinwege abgetreten. Die Gefangenen kamen einstweilen, bis die Gefängnisse fertig waren, in den (alten) Peterschießgraben. Die erste öffentliche Gerichtsverhandlung fand am 3. November 1856 statt und zwar gegen die Gebrüder Beuchelt.

[Sidenote: Museum.]

Anno 1857 am 23. März wurden die Promenadenbäume vom Petersthore bis zum Augustusplatz weggeschlagen, der Stadtgraben angefangen auszufüllen und der Bau des Museums begonnen.

Anno 1858 am 26. Dezember wurde das neue Museum eröffnet.

[Sidenote: Plagwitzer Straße.]

1858 am 1. Pfingstfeiertag war der neue Weg von Reichelsgarten nach Plagwitz (jetzige Plagwitzer Straße) zum ersten Mal gangbar.

[Sidenote: Einwohnerzahl.]

Am 29. Dezember 1858 betrug Leipzigs Einwohnerzahl mit dem Militair 74097 und zwar 36973 männliche und 37124 weibliche.

[Sidenote: Peters-Zwinger.]

Anno 1859 am 1. Januar wurde mit dem Abbruch der alten Magazingebäude, sowie der kleinen Häuser links vom Petersthor, dem sogenannten Peters-Zwinger begonnen.

[Sidenote: Berliner Bahn.]

Am 2. Januar 1859 wurde die Berliner Bahn eröffnet.

[Sidenote: Mord.]

Am 25. Februar Abends 10 Uhr erstach der Oberjäger Manicke vom 1. Jägerbataillon (unsrer Garnison) in der Thieleschen Wirthschaft (Bordell) kleine Fleischergasse No. 18, aus Eifersucht seinen Kamerad und besten Freund, den Oberjäger Heinecke in der Trunkenheit.

[Sidenote: Das Schillerfest.]