Erinnerungen eines alten Leipzigers
Part 10
Das hundertjährige Geburtstagsfest Friedrich Schillers wurde 1859 in fast allen Städten Deutschlands gefeiert und daß hiervon unser Leipzig keine Ausnahme machte, ist selbstverständlich. Am Abend des 9. November zogen die Sänger mit zirka 500 bunten Laternen von der Centralhalle aus nach Gohlis vor das ehemalige Schillerhaus, in welchem Schiller das »Lied an die Freude« dichtete, welches renovirt und zum dauernden Andenken als eine durch den längeren Aufenthalt des Dichters geweihte Stätte vom Rathe der Stadt Leipzig angekauft worden war. Im Theater fand an demselben Abend Festvorstellung statt. Am Morgen des 10. November bot die Stadt einen überaus festlichen Anblick. Fast kein Haus war ohne Fahnen- und Blumenschmuck. Auf dem Markt stand auf hohem Postament die Colossalbüste des Dichterfürsten. Von 9—½11 Uhr fand in allen Schulen, sowie in der Aula der Universität feierlicher Festaktus statt und um 12 Uhr schlossen fast alle Geschäfte ihre Läden, was damals gelegentlich eines Festes noch nicht in Leipzig stattgefunden hatte. Von 12 Uhr an begannen die sich an dem riesigen Festzug betheiligenden Corporationen auf dem Augustusplatz und um die Promenade, sowie die Grimmaische Straße herein bis auf den Markt Aufstellung zu nehmen. Da kam hoch zu Roß die Gesellschaft »Hyppomannia«, hinter ihr die Sänger mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel. Dann kamen die Studenten, von berittenen Chargirten angeführt, jede einzelne Couleur im vollen Wichs, die blanken Schläger in den Händen, ihnen folgte der Künstlerverein mit berittenen Herolden und einem Musikchor in alter Schweizertracht voran, die Mitglieder zum großen Theil nach Personen aus Schillers Werken kostümirt. Ihnen folgten die Professoren und Schüler der Kunstakademie mit ihren Emblemen. Dann kam die löbliche Kramerinnung und die sehr zahlreich vertretenen Turner und nun folgten in einer unabsehbaren Reihe von geschmückten Wagen und kostümirten Gruppen die Innungen. Zuerst die Gelbgießer mit zwei großen Altarleuchtern auf den Armen kostümirter Träger, die Klempner, geführt von stattlichen Gesellen in selbstgefertigten Harnischen, die Bäcker mit ihrer alten Schwedenfahne, die Scene ihrer Heimkehr von der Schlacht bei Lützen darstellend, dann die Schriftsetzer, auf festlichem Wagen das »Lied an die Freude« setzend, welches auf dem holpernden Wagen, der eine Presse trug, gedruckt und unter die Zuschauer ausgeworfen wurde. Die Barbiere, dem ehemaligen Regimentsfeldscheer huldigend. Hier wurden die Innungen durch das gesammte Lehrerkollegium Leipzigs unterbrochen. Nun schwankte ein Wagen, mit hohem blumengeschmückten Baldachin über Schillers Büste, daher. Rechts und links der Büste saßen auf zwei Riesenkürbissen zwei Elfen mit gefüllten Blumenkörbchen und streuten kleine Bouquets unter die Menge. Es war dies der Wagen der Gärtner. Den Gärtnern folgten Rath und Stadtverordnete, nach ihnen kamen die Buchbinder, vier Lehrlinge trugen einen Riesenband Schillerscher Werke. Jetzt kamen auf hübsch dekorirtem Wagen die Cigarrenmacher in voller Arbeit, die gefertigten Cigarren ebenfalls unter die Menge austheilend. Jedem Wagen folgten die übrigen Meister, Gehilfen und Lehrlinge des Gewerbes. Nun kam hoch zu Roß in prachtvoller mittelalterlicher Tracht, gefolgt von geharnischten Rittern, der Landvoigt Geßler mit Rudenz und Harras, hinter ihnen ein Haufen Kriegsknechte, von denen einer auf einer Stange des Landvoigts Hut trug. Ihnen folgten Wilhelm Tell mit seinem Knaben, umgeben von Schweizervolk. Die Gruppe war von der löblichen Schneiderinnung gestellt worden und bildete einen hervorragenden Glanzpunkt im Zuge. Im Zuge der Schuhmacherinnung, welche nun kam, schritt Hans Sachs mit seinen Gesellen im Costüm. Die Schmiede folgten mit bekränztem Ambos und Hämmern, die Schlosser mit einer im vollen Betrieb befindlichen Werkstätte auf einem Wagen, die Maschinenbauer ebenfalls mit Wagen als Werkstätte und im Zuge getragenen Miniaturlokomotiven, Tendern und Wagen. Die Pianofortearbeiter mit Schiller selbst in antiker Tracht, die Stirn lorbeerumkränzt, die goldne Leyer im Arm. Die Glockengießer mit einem Wagen, auf welchem Schillers Glocke steht. Die Fleischer, auf einem Wagen zwei bekränzte Opferlämmer mitführend, indeß andere weißgekleidete Gesellen im Zuge eine riesige Wurst tragen. Die Töpfer mit zwei Wagen mit Drehscheiben im Betrieb und einem kolossalen Topf. Den Hutmachern schwebt ein mächtiger Freiheitshut voran, dann folgen die Riemer und Sattler, die Glaser und Tischler, Zimmerleute und Maurer und die anderen Gewerke, sowie die von einem Berittenen geführten Eisenbahnarbeiter. Der Zug dauerte länger als eine Stunde im Vorüberziehen.
Abends war ein kolossaler von allen Zugtheilnehmern ausgeführter Fackelzug. Als Nachfeier wurde am 11. November die Schiller-Linde in Gohlis gepflanzt.
[Sidenote: 450 jähr. Universitäts-Jubiläum.]
Am 9. Dezember 1859 feierte die Universität ihr 450 jähriges Bestehen in Leipzig. König Johann und sämmtliche Prinzen wohnten dem Festmahl im Schützenhaus (jetzt Krystallpalast) bei. Abends war Commers in der Centralhalle. Die königliche Familie wurde von den Studenten mit Fackeln zum Bahnhof geleitet.
[Sidenote: Vatermord.]
Am 25. September 1859 Abends 8 Uhr erschoß der Conditorgehilfe Clermont im Hause Königsplatz Nr. 1 parterre, seinen Stiefvater, den Cafetier Krüger mit zwei Pistolenschüssen. Er wurde am 14. Januar 1860 wegen Todtschlages zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt, nach einiger Zeit aber von Sr. Majestät zu 8 Jahren Gefängnis begnadigt.
XIX.
Die Hiersemusen!
»Da -- da -- da«
»Was denn -- wo denn?«
»Was ist denn los?«
»Da läuft sie -- --«
»Ah -- jetzt kommt sie hierher!«
»Wer denn -- wo denn?«
»Na -- sehn se denn nich, da is se ja!«
»Ah -- -- de _Hierschemusen_!«
So flogen oft die Worte und Reden herüber und hinüber, auf den Straßen unseres guten Leipzig in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren unseres Jahrhunderts. Ein Rudel Jungen und Mädchen kam dann dahergestürmt und umkreiste, sie neugierig anstarrend, eine schlankgewachsene Frau von schier undefinirbarem Alter, welche inmitten des Trubels ruhig dahin schritt. Nur wenn ihr ein dreister Bengel einmal etwas zu nahe kam, stockte einen Augenblick ihr Fuß; wie zur Abwehr, aber niemals drohend, hob sie leicht den schirmbewaffneten Arm, und -- hui -- wie stiebte die leichtfüßige Schaar sofort auseinander, freilich nur um gleich darauf, einem Volke dreister und zudringlicher Spatzen gleich, dasselbe Spiel wieder zu beginnen. Der Bengel aber, den sie angesehen hatte, blieb meist betroffen zurück.
»Du -- kann die aber Een ansehn!«
»Wie denn -- se wollte Dir wohl was thun?«
»I -- nee, nee -- aber -- weeßte -- ’s wurde mer ganz nippernäppsch derbei!« -- -- --
»De Hirschemusen!« sagten die stehenbleibenden Frauen, dieselbe an sich vorbeigehen lassend. »Se sieht immer noch aus wie früher.«
»Nee -- die verrickte Person -- sehn Se blos, Frau Müllern, heute hat se bei der Hitze gar e Pelzmantel um -- --«
»Ja -- ja -- und im Winter läuft se mit dem Strohhut un’n Sonnenschirm!«
»Aber’n Pompadour oder e Körbchen hat se egal am Arme!«
»Das arme Thier -- Du lieber Gott -- mer weeß ooch noch nich, was een an der Stirn geschrieben steht, die hat ooch nich gedacht daß se emal als Halbverrickte uff der Straße rum loofen wirde.«
»Ja -- ja -- mer erzählt Verschiednes!«
»Na -- Heernse -- da kennt’ch se e Licht uffstecken -- e ganzen Roman sag ich Sie!«
»I -- da erzähln se doch, Frau Melzern -- ich bin, weeß Kneppchen, nich neigierig, aber -- -- --«
»Ja, Frau Melzern, erzähln se’s nur, ich habe ooch schon lange so was munkeln hören -- --«
»I nu!« sagt Frau Melzer geheimnißvoll, indem sie den Marktkorb, gleich den andern beiden Frauen, auf die Erde stellt -- -- »wissen Se -- eegentlich is es e Geheimniß -- un blos de Bolizei wees es -- aber ooch nur ganz heemlich un blos de Höchsten dervon -- aber mei Neffe der is Schreiber beim Gericht -- und -- die wissen Alles!«
»Gott, ’s leeft mer ordentlich kalt übern Rücken!« sagte die Müllern, das leichte Umschlagetuch trotz der Hitze um sich ziehend.
»Nu, daß es nich richt’g mit ihr is, wissen Se.«
»Natürlich -- Se meenen hier oben -- --«
»Na ja« -- fährt Frau Melzer ungeduldig über die Unterbrechungen fort, denn jeder Nerv in ihr drängt sie, den Quatsch, den sie selbst erst heute von einer andern _Freundin_ gehört hatte, möglichst vergrößert wieder los zu werden, »freilich -- im Koppe is es nich richtig mit ihr, aber -- wissen Se, wovon das kommt?«
Frau Müller und Frau Lehmann wissen’s natürlich nicht und zittern vor Neugierde.
»Eene arme verlass’ne Creatur is se -- aus Liebe is se ibergeschnappt, weil se der schlechte Kerl verlassen hat -- --«
»Nee -- die Männer -- die Männer --«
»Aber -- das is noch lange nich Alles -- ’s richt’ge Geheimniß kommt erst noch -- aber -- ich bitte Sie -- keen Menschen en eenziges Wort -- nicht wahr? Mer kommt doch für seine Güte nich gern in Ungelegenheiten.«
Die Müllern legt betheuernd die Hand auf die Brust und gelobt tiefstes Schweigen. Die Lehmann reckt alle zehn Finger in die Luft -- sie ist sprachlos vor Neugierde.
»Hab’n Se gesehn, was de Hierschemusen immer vor feine Sachen hat -- wenn Se se ooch immer zur verkehrten Jahreszeit anzieht, heite den nobeln Pelzmantel -- --«
»Un vorigen Winter e echtes blaues Barègekleid mit drei großen Volants un e breiten idaliänschen Strohhut -- -- --« fällt die Müllern ein.
»Un e ganz neien Sonnenschirm von gelber Seide mit Spitzen -- --«, sagt die Lehmann.
»Sehn Se? Sehn Se?« fährt Frau Melzer triumphirend fort. »Un -- wo hat se’n her? Liederlich is se nich und ooch nich mehr in den Jahren dazu -- verdienen thut se ooch nischt -- also? -- -- Ich weeß es -- woll’n Se’s wissen?«
Welche Frage! -- Die drei Köpfe der Frauen fahren eng zusammen.
»Von ihrem Vater kriegt se’s -- von ihrem heemlichen Vater -- un das is -- -- --«
Athemlose Spannung der beiden andern Frauen, höchster Triumph der Melzern.
»Das is -- -- -- ä reicher bohlscher (polnischer) Graf!!«
»Ae -- -- bohlscher -- -- -- Graf!«
»Heern Se, nu thun Se mer aber de Liebe an, un vertreten Se nich länger ’s Trottoir!« sagt hinzukommend, mit gemüthlicher Amtsmiene der Polizeidiener, »ich muß Se sonst weeß der hohle uffschreiben!«
»Herr Jeses -- Se ham Recht -- mei Mittagessen!« besinnt sich Frau Melzer, nimmt schnell ihren Korb und -- nach einem letzten Blick auf die Freundinnen eilt sie hastig davon.
Dies führt aber auch die beiden anderen Frauen zu ihrer Pflicht zurück.
»Mei Mann -- er wird so immer gleich ungeduldig, wenn er mal den Kleenen warten muß -- na -- Adje!« sagt die Lehmann und -- weg ist sie.
»Na -- ich will nur ooch machen, daß ich zu Hause komme, die hochnäsige Krausen, die immer Alles zuerst wissen will in ganz Leipzig, wird sich scheene wundern, wenn ich ’r Alles erzähle -- -- ä bohlscher Graf -- -- -- ä richtger bohlscher Graf?«
* * * * *
So entstanden und schwirrten die Gerüchte über die Hierschemusen in unserm Leipzig hin und her, eins immer unsinniger als das andere -- bald sollte sie die Tochter eines russischen Fürsten, bald die verlassene Geliebte irgend eines exotischen Prinzen sein -- und woben allmählig um die arme Person einen Nimbus, der in keiner Weise gerechtfertigt war. Auch der Name Hiersemus war ihr vom Volksmunde verliehen, kein Mensch kannte sie unter einem andern, außer einigen Eingeweihten des Polizeiamtes. Und was verbarg sich schließlich hinter diesem Namen und dem um sie gewobenen Sagenkreis? Die alte, einfache Geschichte einer armen, verlassenen Frau, die sich ihr Unglück in den Kopf gesetzt und ihren harm- und gefahrlosen, zeitweiligen Irrsinn nur dadurch documentirte, daß sie consequent im Sommer Winterkleidung und im Winter Sommerkleidung trug. Von schlanker Gestalt, mußte sie trotz einiger Sommersprossen im Gesicht in ihrer Jugend sicher nicht unschön gewesen sein, und fast dreißig Jahre lang bemerkte man fast keinerlei Veränderung an ihr.
Wer aber war sie und wie war ihr Lebensgang?
* * * * *
Frau Amalie Auguste Stalzer, dies war der richtige Name der Hiersemusen. Ganz merkwürdiger Weise läßt sich auch nicht der allergeringste Anhaltepunkt darüber finden, wie der Volksmund darauf gekommen ist, gerade den seltsamen Namen Hiersemus für sie zu wählen. Zwar war in früheren Zeiten diese jetzt fast ganz von der Volksspeisekarte verschwundene Speise ein Leibgericht der Leipziger, und auf der Menukarte der städtischen Speiseanstalt fungirte »Hirsemus mit Syrup« oder »Hirsemus mit Pflaumen« früher fast jede Woche einmal und ist auch jetzt noch dann und wann auf ihr zu finden; allein in welche Verbindung der Volksmund jene Unglückliche mit seinem alten Leibgericht gebracht hat, ist unerfindlich und wird wohl nun auch niemals ergründet werden.
Die Hiersemusen war im Jahre 1806 in Breslau geboren und in der katholischen Religion erzogen worden. Ihr Vater war Stadtsoldat, hieß Josef Sattler und war aus Olmütz gebürtig. Er wurde nach Auflösung der Truppe der Stadtsoldaten pensionirt und starb in Leipzig im Jahre 1834.
Jungfrau Amalie Auguste Sattler soll von hervorragender Schönheit und Lieblichkeit gewesen sein, worauf selbst ihr Aussehen noch als Vierzigerin und Fünfzigerin hindeutet, insbesondere sollen ihr ein Paar prächtiger blauer Augen und eine Fülle goldblonden Haares schon sehr frühzeitig Massen von Bewunderern zugeführt haben. Unter all diesen Bewerbern zeichnete sich besonders der damalige junge Bürger und Cigarrenhändler Anton Stalzer aus, und da er trotz der Armuth und des niederen Standes des jungen Mädchens seine Bewerbungen auf das Eifrigste betrieb und als Bürger -- welche Eigenschaft damals eine gewisse höhere gesellschaftliche Stellung bedeutete als jetzt -- der Vielumworbenen eine gesicherte Existenz bieten konnte, so sagte Amalie Auguste, zumal da auch ihr Herz dem jungen hübschen Mann freudig entgegenschlug, gern ja und wurde bereits 1822, also kaum 16 Jahre alt, das Weib des geliebten Mannes. Glückstrahlend zog sie am Arme des Geliebten in das ihr von demselben bereitete Heim, und auch ihr alter Vater war glücklich, sein einziges Kind wohl versorgt zu wissen. -- --
Aber Vater und Kind hatten sich in dem jungen Ehemann bitter getäuscht. Seine Verhältnisse waren längst total zerrüttet, und nur um die Geliebte zu besitzen, hatte er Alles aufgeboten und es wohl verstanden, diese Zerrüttung vor Jedermann sorgfältig zu verbergen. Aber als er sein Ziel erreicht hatte, ward er zum offenbaren Schurken, und kaum ein Jahr nach der fröhlich gefeierten Hochzeit verschwand Stalzer für immer aus Leipzig, Alles mit sich nehmend, was er nur konnte, sogar die geringen Sparpfennige des alten Soldaten, und seine junge kaum 17 jährige Frau in tiefster Noth und Verzweiflung zurücklassend.
Er blieb für immer verschollen.
Die junge Frau fiel in eine langandauernde, schwere Krankheit, und als sie endlich von des alten Invaliden väterlicher Hand sorgsam gepflegt vom Krankenlager wieder erstand, da war nicht blos der größte Theil ihrer körperlichen Schönheit vernichtet, sondern auch ihr Geist umnachtet oder doch für immer getrübt.
Noch länger als elf Jahre lebte der alte Soldat, und da es seine Tochter verstand, kunstvoll zu sticken und zu nähen, so hatten Beide im Verein mit seiner Pension ihr einfaches, aber genügendes Auskommen.
Im Jahre 1834 starb der Alte, und die junge Frau stand nun ganz allein auf der Welt. Da ihr leichter Irrsinn vollständig harm- und gefahrloser Natur war, so ließ man sie ruhig gewähren, sie fand unter den vielen reichen in Leipzig wohnenden katholischen Glaubensgenossen willige und gutbezahlende Abnehmer für ihre Stickereien und außerdem reiche Unterstützung durch Geld und Ueberlassung bereits getragener, oft noch sehr werthvoller Kleidungsstücke. Daher kam es auch, daß sie oft solche trug, deren Eleganz und Werth in keiner Weise mit ihrem Stand als Stickerin harmonirte. Im Laufe der Jahre aber bildete sich noch ein anderer Erwerbszweig bei ihr aus, der ihr zwar, wie man sagt die Kundschaft der Damen bis zu den höchsten Gesellschaftskreisen Leipzigs verschaffte, sie aber auch leider mehrfach in Conflict mit den städtischen Behörden brachte; sie wurde nämlich eine bekannte und sehr gesuchte Kartenschlägerin, und manche als feingebildet und besonders geistreich bekannte Dame -- man sagt sogar, daß auch die Herrenwelt diese Dienste der Hiersemusen gern in Anspruch nahm -- lauschte heimlich im verschlossenen Gemach den Glück oder Unglück aus den bunten Blättern verkündenden geheimnißvollen Worten der stets kalt und düster blickenden Sybille. -- -- --
So trieb die Hiersemusen ihr stilles Wesen viele Jahre lang. Ob Alles sich auch nach und nach um sie herum veränderte -- sie blieb sich gleich, und wenn man sie auch einmal monatelang nicht gesehen hatte und sie als todt betrachtete, so belehrte Einen der oft plötzliche Ruf auf der Straße »De Hierschemusen« eines Andern.
Aber in ihren Verhältnissen trat mit dem zunehmenden Alter doch allmählich eine große Veränderung ein, ihre alten Freunde und Kunden starben dahin, andere Kartenschlägerinnen, die vielleicht besser lügen konnten als sie, machten ihr auch hier erfolgreich Concurrenz, und so trat nach und nach die bittre Noth an sie heran, ihr Geist verwirrte sich mehr und mehr, dazu kam körperliches Leiden, und es war somit ein Glück für sie, als sich der Rath ihrer als Bürgersehefrau annahm und sie als Versorgte Anfang der siebenziger Jahre im städtischen Georgenhaus unterbrachte. Fast noch ein volles Jahrzehnt lebte sie hier still und friedlich, bis sie am 31. August 1879 im hohen Alter von 73 Jahren verschied.
XX.
Der Judenbrühl.
Wenn auch der Leipziger Brühl zum Theil jetzt noch ein lebhaftes Verkehrsleben und in seinem östlichen Theile eine vorwiegend orientalisch-israelitische Färbung zeigt, so hält die Jetztzeit doch nicht im Geringsten bezüglich dieses israelitischen Charakters des Brühls einen Vergleich mit der Zeit vor fünfzig Jahren und länger aus. Die schroffen Gegensätze zwischen Christen- und Judenthum sind wesentlich mildere geworden. Die Zeiten, in denen außerhalb der Messen den Juden der Handel, ja selbst der Aufenthalt in Sachsen untersagt oder wenigstens sehr erschwert war, sind längst einer milderen Gesetzgebung gewichen. Die Messen sind in ihrem riesigen Verkehr aller Völker unter einander ungeheuer zurückgegangen, der früher freie jüdische Meßhandel in allen Straßen der Stadt ist eingeschränkt worden, und so ist es kein Wunder, daß auch der alte frühere Judenbrühl, der früher allein eine hervorragende Sehenswürdigkeit Leipzigs zur Meßzeit bildete, den Charakter als Mittelpunct des specifisch jüdischen Handelsverkehrs längst verloren hat. Früher theilte man unsern Leipziger Brühl in drei Theile. Der westliche, von der Hain- bis zur Katharinenstraße, hieß der obere, der mittlere, von Katharinen- bis Nicolaistraße, der Herrenbrühl und der untere östliche Theil, bis zum damaligen Georgenhause, hieß der Judenbrühl. Zur Meßzeit aber wurde der ganze Brühl in der Regel »Judenbrühl« genannt. Der Brühl sah damals noch etwas anders aus als jetzt. Er bildete an seinem östlichen Ende, also nach der jetzigen Goethestraße zu, eine Art Sack-Gasse, welche auf der einen Seite das alte finstere Georgenhaus, ein altes burgähnliches Gebäude und rings umgeben von hohen Mauern, abschloß. Das Georgenhaus sprang ziemlich weit in die Straße hervor; über seinem Thore sah man die Legende des weiland Ritter Georg, wie derselbe einen Lindwurm fein säuberlich aufspießt, in Stein gehauen. Das Georgenhaus selbst bildete früher einen hervorragenden Theil von Leipzigs Befestigungen; zur damaligen Zeit aber war es Arbeitshaus. Man erzählte damals, daß hier in jenen stillen Räumen der Stock gar namhafte Erziehungs- und Besserungsresultate geliefert habe. Außer diesem Erziehungsinstitut befand sich im Georgenhaus noch das städtische Waisenhaus und die damals nur primitiven Anstalten zur Aufnahme Blöder und Irrer.
Als die Eisenbahnen im Entstehen waren, gab es unter den jüdischen regelmäßigen Meßbesuchern solche, welche mit Ausnahme ihrer in Leipzig zu den Messen verlebten Zeit fast die ganze übrige Zeit auf der steten Reise von und nach Leipzig begriffen waren. Denn da diese Handelsjuden den Grundsatz hatten, möglichst billig zu reisen, so kam es bei ihnen weniger darauf an, daß dies auch möglichst schnell geschah. Die Gelegenheiten, die sie deshalb theilweise benutzten, um von und nach Leipzig zu kommen, waren denn auch sehr verschieden, oft originelle. So kannte ich einen alten Juden aus Russisch-Polen, der länger als 30 Jahre seine Reise zur Neujahrsmesse nach Leipzig thatsächlich auf der Pritsche des Schlittens eines besser situirten Glaubensgenossen gemacht hatte. Wenn man bedenkt, daß der Schlitten in Eis und Schnee, Sturm und oft bedeutender Kälte Wochen zu seiner Tour bedurfte, und daß die Lebensweise des Pritschenfahrers dabei in der Regel eine sehr spärliche war, kann man eine solche Leistung wohl als eine hervorragende betrachten. Andere Juden kamen mit gewöhnlichen Frachtwagen, sie warfen ihr bescheidenes Reisebündel auf dieselben und liefen bergan nebenher, bergab saßen sie hinten auf. Es war schon eine Art Aristokratie der Judenschaft, welche sich dazu verstieg, in Gemeinschaft einen mit elenden Brettersitzen ausgestatteten gewöhnlichen Leiterwagen zu nehmen, der dann mit Menschen aufs Aeußerste vollgepfropft wurde. Den höchsten Adel aber bildeten diejenigen, welche sich bis zu einem gemeinschaftlichen, altersschwachen Omnibus aufgeschwungen hatten, bei welchem dann sogar die äußeren Wagentritte je einen zahlenden Passagier aufnehmen mußten.
So kamen sie an -- jeden Donnerstag vor der Vorwoche einer jeden Messe, und auf dem Plauenschen Platz, vor dem damaligen alten Leihhause, wo jetzt die Pferdebahnwartehalle an Tscharmann’s Hause steht, da lud der glückliche Fuhrmann, meist selbst ein polnischer Jude, seine glänzenden Passagiere ab. Glänzend in des Wortes verwegenster Bedeutung, denn die langen bis zu den Füßen reichenden Kaftane, wie die langen Schafpelze und die runden Käpsel, die gerollten langen Haarlocken, Prösen genannt, die scharf gezeichneten Gesichter und die listig blickenden Augen -- Alles glänzte -- erstere vor Fett und Schmutz, letztere von der Hoffnung auf »ä faines Geschäftche!«
Und die außer den Messen meist leeren Räume der Hinterhäuser des Judenbrühls füllten sich. -- In einer einzigen Stube, oft nur auf Strohsäcken und Decken als Lagerstätte, »logirten« oft zehn und mehr dieser erwerbsbeflissenen Kinder Israels, und kaum war der Montagmorgen der ersten Meßwoche angebrochen, so stürzten sich alle mit Todesverachtung ins Geschäft, und der melodische Ruf der Handelsjuden tönte durch alle Straßen unseres guten Leipzigs. Die sparsamen Hausfrauen Leipzigs kramten in allerlei abgelegten Sachen, legten nicht mehr repräsentations- und nicht mehr die Reparatur vertragende Kleider- und Wäschestücke, zu eng gewordene Westen des gutgepflegten Ehegatten, Beinkleider mit den unmöglichsten Defecten, verbogenes Zinn- und Kupferzeug, sorgsam zu diesem Zwecke aufgesparte Hüte und was nur noch einigermaßen verwerthbar erschien, auf einen Haufen zusammen, dabei beflissen, jeden Gegenstand in ein möglichst günstiges Licht zu stellen, und erwarteten nun ihren alten Bekannten aus Polen mit klopfendem Herzen. Sie wußten, Veilchen Rosenduft kaufte zwar Alles, was nur überhaupt noch verwerthbar erschien, aber -- er war auch zäh, zäh wie Hosenleder, und unglaubliche Zungenschlachten, bei denen von Seiten der zarten Frauen nicht immer salonfähige Worte fielen, die aber Veilchen Rosenduft, jeder Zoll ein Grande Seigneur, stets mit größter Honigsüße vergalt, wurden geschlagen, bis Veilchen den Sieg behielt und die erbeutete Trophäe in Gestalt eines Hosenpaares etc. seinem Museum derartiger Sachen einverleibte.