Erinnerungen eines alten Leipzigers

Part 11

Chapter 113,393 wordsPublic domain

Seine intime Freundschaft mit Bruder Studio haben wir bereits geschildert, und so beschränken wir uns darauf, zu constatiren, daß auf diese Weise durch die sich innerhalb vier voller Meßwochen riesig anhäufenden Massen von alten und ältesten Kleidern die ohnehin aufs Aeußerste beschränkten Logis der Kinder Israel allmälig so vollgepfropft wurden, daß ein Anderer als diese Leute es für eine blasse Unmöglichkeit erklärt haben würde, in denselben auch nur eine Stunde zuzubringen. Die glücklichen Bewohner aber schienen sich sehr wohl dabei zu befinden. Nun entwickelte sich aber auf dem Judenbrühl der Handel der Trödeljuden wieder unter sich um die den Leipzigern erst abgekauften Sachen. Hier war vom lebensmüden, bis zur Entstellung mit Beulen versehenen Cylinder bis zum hocheleganten, wenn auch etwas verblaßten seidenen Schuh der Prima Ballerina und vom zinnernen Löffel mit verbogenem Griff bis zum schweren silbernen Eßbesteck und gigantischen Armleuchter Alles zu sehen, was nur überhaupt transportabel war. -- Es fanden sich auch Käufer aus der Bürgerschaft bis zum Gelehrten, der auf irgend ein altes hierher verschlagenes seltenes Buch bot; ein allgemeines Handeln, Feilschen, Schachern vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht entwickelte sich auf diesem Theile des Judenbrühls. Die meisten der eingekauften alten Sachen gingen nach Rußland und Polen, wo dieselben entweder gereinigt und reparirt ihrer ursprünglichen Bestimmung aufs Neue wieder zurückgegeben oder zu allen nur möglichen andern Sachen umgearbeitet wurden. -- Wie der verbogene Kupferkessel als goldglänzender preußischer Dreier vielleicht dieselben Hände wieder passirte, die ihn gefertigt und als unbrauchbares Möbel verschleudert hatten, so erschienen hunderterlei Gegenstände auf der nächsten Messe wieder in totaler Umgestaltung, und nichts gab es für den Trödeljuden, das nicht wenigstens zu Etwas gut gewesen wäre. So konnte es beispielsweise vorkommen, daß der frühere glückliche Besitzer einer defekt gewordenen Hose, welche er froh war einem Juden »aufgehalst« zu haben, nächste Messe auf dem Brühl eine Anzahl in den verschiedensten Façons schwungvoll gearbeiteter Mützen, an dem besonderen Stoffmuster, als aus den Beständen seine frühere Hose deutlich wiedererkannte; und der Häringsbändiger, dessen Locken jetzt eine solche Mütze bedeckte, ahnte nicht, daß gerade ihre Bestandtheile früher das Hintertheil der Hose seines erbittertsten Nebenbuhlers in der Gunst irgend einer Schönen gebildet hatte.

So gab es kein Haus der Stadt, in welches nicht wenigstens einer oder der andere der Handelsjuden eingedrungen wäre, und überall sah man den stets demüthigen und bescheidenen Mann gern, so daß Viele, als dieser Hausirhandel verboten wurde, die alten Geschäftsfreunde sehr vermißten.

Dabei war es oft rührend und erhebend, auch für Andersgläubige, mit anzusehen, mit welcher Strenge gerade diese alten, oft so schmierigen Juden, trotz ihrer Sucht, um jeden Preis Geschäfte zu machen, ihre religiösen Feste feierten und streng die für dieselben vorgeschriebenen Satzungen hielten.

Wie bekannt, fallen gerade in die Hauptzeit der Michaelismesse die höchsten Festtage der Israeliten.

Zuerst das Neujahrsfest mit seinem zweiten Tage, dann das Versöhnungsfest, das Laubhüttenfest und dessen zweiter Tag, dann das Fest Laubhüttenende und zuletzt das Fest Gesetzesfreude.

Da sah man, was man sonst nie sah, auch den Aermsten und Unscheinbarsten der Juden die Geschäfte vollständig ruhen lassen und nicht blos die besten Kleider hervorsuchen, sondern -- -- _in weißer Wäsche_ erscheinen. Privatsynagogen mit zum Theil theuren Eintrittspreisen wurden eröffnet. Auf dem damals ebenfalls noch nach der Promenade zu abgeschlossenen Eselsplatz (jetzt Ritterplatz) und in vielen Höfen der Ritterstraße und des Brühls erstanden die Laubhütten, und ungeachtet des öfteren Zudranges Andersgläubiger und deren nicht immer tactvollen Benehmens verrichteten die strenggläubigen Juden hier ihre Gebete. Manchem, der herzugekommen war, sich lustig zu machen, erstarb angesichts der Glaubenstreue und ruhigen Ausübung ihrer Religionsgebräuche das lose Wort auf der Zunge. -- -- -- Wer nun aber, sowohl aus der Sparsamkeit, wie aus dem übrigen Benehmen dieser Handelsjuden etwa geschlossen haben würde, daß dieselben alle arm oder mittellos gewesen wären, der würde sich sehr getäuscht haben und erstaunt gewesen sein, wenn er erfahren hätte, daß viele dieser Leute mit Tausenden von Thalern in ihren schmierigen Brieftaschen hierher nach Leipzig zur Messe kamen und außerdem oft noch über bedeutende Credite bei den hiesigen Bankiers verfügten.

Durch das Zuchthaus- oder, wie es eigentlich hieß, das Georgenpförtchen gelangte man an eine steinerne Treppe, welche auf den Wall der früheren Stadtbefestigungen führte. Hier stand auf der rechten Seite bis an das Grimmaische Thor eine Reihe ganz gleicher einstöckiger Häuschen -- genau wie von der Magazingasse bis zum Petersthor. Nur ein sehr schmaler Pfad zog sich vor den Häuschen, Peters- und Grimmaischer Zwinger genannt, hin, auf der andern Seite fiel der Stadtgraben, damals schon durch den Schwanenteich hier beim Brühl verdrängt, steil hinab.

Dem Georgenhaus gegenüber stand die alte, mit einem an der Ecke der Ritterstraße vorspringenden Thurm versehene Heuwaage. Auch die unteren Theile der Ritter- und Nicolaistraße waren zur Meßzeit fast durchgängig Massenquartiere von Handelsjuden.

Die meist noch im alterthümlichen Kreuzbogenstile gebauten Gewölbe, sämmtliche Höfe und alle Straßen steckten voll Verkäufer und zwar dominirte zwischen Nicolai- und Katharinenstraße die noch jetzt bedeutende Rauchwaarenbranche, von dort an kamen die Manufactur-, Seiden- und Weißwaaren, und im oberen Brühl, mit der Leinwandhalle, dominirte die Leinenbranche. Auch Buden waren auf dem Brühl aufgestellt, und das Gewühl war zur Meßzeit oft geradezu lebensgefährlich. Am Ende des Brühls gen Westen, da wo jetzt die Tuchhalle steht, stand bis Mitte der vierziger Jahre ein lebhaft frequentirter Gasthof mit Ausspannung, »die goldene Gans«. Der Besitzer derselben hieß Peter und wurde daher von Jedermann »Gänsepeter« genannt.

Das melodische »Nix zu handeln« des polnischen Trödeljuden tönt schon längst nicht mehr durch Leipzigs Straßen -- auch der Trödeljude ist vornehm und sässig geworden, die öffentlichen Laubhütten zur Michaelismesse sind verschwunden -- verschwunden das alte Meßtreiben auf dem Judenbrühl und der Stadt überhaupt, wie lange wird’s noch dauern und die ganze Leipziger Messe wird, wie der alte Judenbrühl, zur Mythe?

XXI.

Unter den Buden.

Wenn man in Betracht zieht wie sich noch heutzutage die Kinder Leipzigs und der Umgegend freuen, wenn Vater oder Mutter ihnen verspricht mit ihnen »unter die Buden« zu gehen, trotzdem die jetzigen Messen eigentlich, betreffs des früheren Treibens während derselben, kaum noch der Schatten der Messen vor 40 und 50 Jahren sind, so kann man wohl ungefähr darauf schließen, welche Freude eine solche Botschaft damals bei uns Kindern hervorrief. Mit den Vergnügungen für die Kinder war es vor 40 Jahren außer dem Treiben auf Straßen und Plätzen bei weitem nicht so gut bestellt wie jetzt, wo Reisen, Sommerfrischen, Feriencolonien, Schrebergärten, ja Kindersommerfeste und -- -- -- Kinderbälle -- -- -- zu der Tagesordnung gehören. Zwar war der Schulunterricht damals ein einfacherer betreffs der einzelnen Fächer, aber keineswegs ein kürzerer und durch den oft übertriebenen Wust, den damals allein das Auswendiglernen ganzer Capitel der Bibel und ganzer Serien von Gesangbuchsliedern in Anspruch nahm, und der uns auch in den Ferien ganze Berge von Arbeiten aufbürdete, waren wir keineswegs weniger mit Arbeiten belastet wie die Kinder der Jetztzeit.

Wenn wir uns nun trotzalledem nicht blos unsern guten Humor bewahrten, sondern auch gesund und kräftig emporwuchsen, so lag dies wohl mit daran, daß erstens der jetzige sogenannte gute Ton, oder sagen wir lieber die nur zu oft eine ungesunde Frühreife der Kinder zeitigende jetzige Erziehungsmethode, die wahre Kindesnatur noch nicht so in Fesseln schlug und künstlich unterdrückte, sondern auch daran, daß sich damals Leipzig selbst innerhalb der Stadt noch zum großen Theil einen gewissen ländlichen Charakter bewahrt hatte. Große Plätze, Rosenthal, Promenaden, viele alte Oekonomiehöfe, Wallgräben, die vielverzweigten Flüsse, ferner die großen damals noch sämmtlich unbebauten Terrains von Reichels-, Gerhards-, Reimers-, Lehmanns-Garten u. s. w. gewährten uns Kindern geräumige Tummelplätze inmitten der Stadt. Dennoch war dies alles ziemlich einförmiger Natur und es war somit kein Wunder, wenn wir das jedesmalige Herankommen der Messen besonders freudig begrüßten. -- Was gab es da alles zu sehen! Uns’re Kinder, welche jetzt Gelegenheit haben Panoramen, Zoologischen Garten und anderes auch außerhalb der Messen zu sehen, haben keine Ahnung davon, wie wir staunend vor den großen Menagerieen eines _Kreuzberg_ und Anderer standen und glücklich waren, wenn wir die 2 guten Groschen erschwingen konnten, welche zum Besuche dieser Riesenbuden erforderlich waren. Damals war der gesammte Roß- wie Königsplatz und auch der Obstmarkt mit Schau-, Schieß- und Trinkbuden vollständig besetzt. Von der Königstraße bis zur Holzgasse (Sternwartenstraße) standen die Schießbuden in doppelten Reihen und der stereotype Ruf der in denselben fungirenden -- meist mit grellfarbigen Blousen oder sonstigen fantastischen Trachten bekleideten -- Mädchen, »’Mal schießen meine Herren? Viermal fär ä Groschen!« lockte handlungsbeflissene Jünglinge, biedere Handwerksmeister und Gesellen, ebenso wie den Bruder Studio und den behäbigen Meßfremden an die oft kunstreich und humorvoll ausgestatteten Schießstände. Zögernd traten auch wir Jungen, dem Zauber der aufgesteckten Thonpfeifen und rothhosigen Soldaten erliegend, heran und opferten unsern Dreier oder wenn’s hoch kam unsern Sechser dem flüchtigen Waffenspiel, um dann gleich hinterher das so schnell vergeudete Geld bitter zu bereuen -- freilich -- hin war hin. Vor dem damaligen alten Kurprinz standen zwei uralte Caroussells, damals Reitschulen genannt. Man mußte auf einer Treppe in das Innere der völlig umkleideten Buden hinaufgehen und fand hier einen vollständigen Eisenbahnzug -- damals ein besonderes Zugmittel -- dessen Lokomotive der glückliche und stets vielbeneidete Inhaber dieses Platzes mit den Rädern rasseln und sogar pfeifen lassen konnte. Der überaus einfache Mechanismus dieser Reitschulen wurde durch Schieben in der unteren verhängten Hälfte in Bewegung gesetzt. Schieber waren natürlich wir Knaben, wofür wir dann abwechselnd mitfahren durften. Von hier bis zur kleinen Windmühlengasse (jetzt Markthallenstraße) standen die Schankbuden, in denen -- außer der von Stöpel, -- Harfenisten spielten. Bei Stöpel gab es die von Jedermann als Delikatesse anerkannten, echt »Wiener Würstchen«. -- -- Dann folgten wieder große Schaubuden, von denen wir nur die von »Knie« und von »Rappo« als die bedeutendsten und als fast jede Messe anwesend erwähnen wollen, -- Mordgeschichten, vor deren in jeder Beziehung schauerlich großen Bildern das verehrte kunstsinnige Publikum gruselnd stand und welches die im Duett oder Terzett unter Begleitung eines Leierkastens vorgetragene Beschreibung der ausgestellten Moritaten mit offnen Ohren und offnem Munde vernahm -- producirten sich an der Seite der Stöpelschen Bude und an anderen Durchgängen; dazu Juden mit offnen Verkaufskästen, Bergleute mit nachgebildeten »Bargwarken aus Freibarg«, Kraftmesser, Schaukeln, Caspartheater, wilde Männer, Zwerge und Albinos, Riesen und zarte Frauen von 400 Pfund Gewicht, optische Liebesspiegel, in denen liebesbedürftige dienende Jungfrauen vom Lande und aus der Stadt sofort den ihnen dereinst bestimmten Zukünftigen sehen konnten und für den geopferten Groschen sogar gleich einen, noch dazu gedruckten, Brief desselben erhielten. -- Stände mit Fleckseife, an denen den Bauern die fettigen Rockkragen zu einer Hälfte gewaschen wurden, so daß sie nun, um auch die andre Hälfte rein zu kriegen, schon gezwungen waren ein Stück Seife zu kaufen, was wieder Andere veranlaßte, ebenfalls solche zu erstehen. Elektrisirmaschinen, an denen Hilfsbedürftige die Wohlthaten des elektrischen Funkens vom zarten Zucken an bis zum Schlage, der einen Ochsen hätte umwerfen können, an sich probiren lassen konnten. -- Delikatessen und Glücks-Zuckerwaaren- und Kräppelchenbuden, Seelöwen, Bärenführer mit Bären, Affen und in der Regel auch einem Kameel, Savoyarden mit Murmeltieren, neue offne Reitschulen mit allem möglichen und unmöglichen Gethier zum Reiten, dazwischen fliegende Trupps Meßmusikanten füllten Roß- und Königsplatz bis auf den großen Theil aus, den stets ein »Cirkus _Renz_ oder _Suhr_ und _Hüttemann_« u. s. w. einnahmen, aus. Auch Bosco, der echte und wahre Bosco, war zu jener Zeit fast zu jeder Messe in Leipzig und machte glänzende Geschäfte. --

Auf dem Augustusplatze aber, der damals noch in seiner vollen Größe existirte und noch nicht durch die Bauten des Museum-, Neuen Theater-, Mendebrunnen und durch die Anlagen an demselben verkleinert wurde, standen viele Tausende zum Theil mächtige Verkaufsbuden aller Branchen. Große Detailfirmen aus Berlin, Frankfurt und andren weit entfernten Orten nahmen mit ihren riesigen Waarenlagern oft ein ganzes Viertel der langen Budenreihen ein. -- Buden mit zehn und mehr Verkäufern waren keine Seltenheit und der Umsatz dieser einzelnen Firmen war oft ein so bedeutender, daß -- wollten wir denselben in Zahlen bezeichnen -- von manchem, der den damaligen Meßverkehr nicht gekannt hat, derselbe als unglaublich hingestellt werden würde.

Ein heiteres fröhliches Leben herrschte unter diesen Meßverkäufern und es war gar nichts seltenes, daß an besonders geschäftsstillen Vormittagen -- wenn ein Trupp Meßmusikanten auf dem Platz erschien, alsbald Alt und Jung in den Reihen im Tanze dahinflog, und da diese Geschäftsleute eben auch Geschäfte machten und dem Grundsatz »leben und leben lassen« huldigten, so fiel hierbei natürlich auch für die armen Musikanten etwas Erkleckliches ab. Während der sogenannten »Meßfreiheit« d. h. der Zeit zwischen dem Einläuten und Ausläuten der Messen, was stets mit der sogenannten »Armensünderglocke« des Rathhauses geschah, durfte trotz der damals noch nicht existirenden Gewerbefreiheit Jedermann handeln mit was es ihm beliebte und ohne daß von ihm ein Nachweis zum Gewerbebetrieb verlangt wurde. In dieser Zeit durfte keine Pfändung in Handelssachen vorgenommen und Niemand in Wechselhaft genommen werden. Alle damaligen Gesetze waren eben dahin gerichtet, die Messen und ihren Verkehr zu schützen und jedes Hinderniß eines freien Meß- und Handelsverkehrs von denselben fern zu halten. -- -- -- Mit diesen gewiß nur lobenswerthen Bestrebungen unsrer früheren Stadtväter waren freilich die massenhaften Einschränkungen, welche man seit dem Jahre 1874 dem freien Meßverkehr anlegte, nicht in Einklang zu bringen und die schädigenden Folgen, welche dieselben naturgemäß haben mußten, sind denn auch nicht nur nicht ausgeblieben, sondern haben den allgemeinen Meßverkehr so reducirt, daß man jetzt alles Mögliche aufbietet, um nur annähernd den früheren Verkehr wieder herbeizuführen. -- Mit welchem Erfolg -- davon möge ein späterer Chronist berichten.

XXII.

Die Leipziger Meßmusikanten und das Tagebuch des Chorführers und Leinewebers Gottfried Hahn aus Stollberg im sächs. Erzgebirge.

Wie die Harfenistinnen, so standen auch die Mitglieder jener fliegenden Capellen, welche zur Meßzeit regelmäßig hier in Leipzig eintrafen und mit ihren mehr oder minder gediegenen musikalischen Produktionen die Herzen der übrigen Meßbesucher und Einwohner, nicht zu vergessen die für alle musikalischen Genüsse sehr empfänglichen Dienstboten besonders weiblichen Geschlechtes, erfreuten, aus dem sächsischen Erzgebirge und Vogtlande, sowie aus dem nahen Böhmen. Sie gehörten durchgängig der armen Volksklasse an und waren meist Weber oder Bergleute. Es gab unter diesen Chors einzelne in Bergmannstracht, andere uniformirt, welche eine ganz acceptable Concert- oder Ballmusik leisten konnten, und da sie selbst, d. h. die Mitglieder derselben die bescheidensten Menschen waren, welche man sich nur denken konnte, auch die kleinste Gabe dankend annahmen und sich da, wo sie Nichts kriegten, einfach wieder trollten, so waren sie durchgängig beliebt und gern gesehen. Ja selbst Nörgler, welche über Alles räsonirten und denen es niemand recht machen konnte und die deshalb auch oft genug darüber schimpften, wenn einer der Musikanten draußen an der Vorsaalthür klingelte und um eine kleine Gabe bat, freuten sich im Geheimen doch, wenn sie den ersten Choral einer solchen Capelle wieder hörten. »Es ist doch wieder Messe« sagten sie dann erfreut und summten unwillkürlich die Melodie mit. »Es ist Messe!« jubelte Rieckchen oder die stramme Pauline beim Fensterputzen, wenn sie die bekannten Töne zum ersten Mal wieder, seit vielen Wochen, auf der Straße hörte und beugte sich waghalsig so weit aus dem Fenster, wie sich dies einigermaßen mit ihrer Sicherheit und den Regeln des Anstandes vertrug.

»Es ist Messe!« flüsterte die kleine Näherin oben im vierten Stock und emsig kramte sie im Schubkasten ihres kleinen Nähtisches nach einigen noch übrigen Pfennigen für die Musikanten herum.

»Herrjeh -- s’ is werklich schon wieder Messe -- wie de Zeit vergeht!« sagte de Müllern zu ihrer Busenfreundin und Logisnachbarin der Richtern, »heern se die scheene Musike?«

»I -- nu freilich!« antwortete die Richtern »s’in de Bergleite -- wissen se -- die die grünen Federstitze uff de Schackos ham, dasmal ham se noch eine Bauke un ene Lyra mitgebracht, wo sie druff mit ä Stäbchen wunderscheene klimbern, nee -- ich heere se zu gerne!«

»Ach Gott!« sagt die Müllern, horchen se blos, jetzt spielen sie den Schneiderwalzer. -- Jeses -- da denke ich sie stets an mein seeligen Mann, s’ war den sei Lieblingsstückchen, er sang allemal mit -- horchen se blos -- jetzt singen se derzu:

»-- -- -- Jette -- Jette -- zum Ballette Muß der Junge ganz gewiß! Denn schau doch -- O Frau doch -- Genau doch -- Nur diese -- Schnurgeraden Füße -- Wie Bratenspieße -- -- --.«

»Hurrah! S’ is wieder Messe! De Meßmusikanten sin wieder da« brüllten wir Herren Jungens und warfen Mützen und Schultornister jubelnd hoch in die Luft, daß die blechernen Penale (früheren Feder- und Bleistiftbehälter wie jetzt die Federkästen) neue Beulen kriegten und die ohnehin strapazirten Mützen vollends aus aller Façon kamen. Hei! was begann nun für uns für eine lustige Zeit. Wir schätzten es uns zur hohen Ehre, den Musikanten als lebendige Notenpulte zu dienen und kleine Schlachten, deren Resultate häufig zerschundene Gesichter und blutige Nasen waren, wurden zwischen uns geschlagen, um dieser Ehre theilhaftig zu werden. Verächtlich und triumphirend blickten wir Sieger auf unsre Besiegten oder auf die _höheren Söhne_, deren Eltern ihren auf uns neidisch blickenden Sprößlingen diese Dienstleistung im Reiche der schönen Künste nicht gestatteten.

»Donnerwetter -- schon wieder Messe!« rief der Bruder Studio aus, die »Meßmusikanten sind da -- na da wird wohl Levy Schmul auch bald kommen -- Zeit wird’s, denn -- -- --«

So klang es von allen Seiten und allen Ständen der Bevölkerung bis in die äußersten Winkel der Vorstädte hinaus, denn schon mit dem Glockenschlage sechs, des Montages der Vorwoche begannen diese Zugvögel mit größter Pünktlichkeit ihre musikalische Thätigkeit. Den Anfang an jedem Morgen machte stets ein Choral, denn der blutarme Weber und Bergmann des Gebirges hat ein gar frommes Herz. Wie vielseitig aber ihre Thätigkeit oftmals war und welcher Bescheidenheit sie sich in allen Dingen befleißigten, verräth am Besten das Tagebuch des Meßmusikanten Gottfried Hahn aus Stollberg im Erzgebirge von der Michaelismesse 1851, welches wir hier, genau nach seiner eignen Niederschrift folgen lassen.

Dage- und Cassabuch for unsre Gesellschaft, gefiert von Gottfried Hahn.

Vorgestern, als den 15. September 1851, sein mer hier in Leibzig zur Michaelimesse angekommen, nämlich ich Gottfried Hahn aus Stollberg im sächsischen Erzgebirge als erste Drombete, mei Bruder Luis mit der zweiten Drombete un’n Glabbenhorn, meiner Muhme ihr Sohn, der August bläst’s Waldhorn, Kremplers Heinrich aus Obervogelgesang mit der Bosaune, Hesse aus Oberpfannenstiel als erste Clarnette und Bäslers Fritze aus Lauterbach mit der zweiten Clarnette un’n Biston, mer sein also sechs Mann. Finf Tage warn mer unterwegens un ham uns mit Spiel’n von Ort zu Ort glicklich durchgefressen bis hierher. Gestern, am 16. ham mer uffn Naschmarkt vorn Herrn Aktuar von die Bolizei Probe gespielt. Mir wählten derzu das scheene Lied, als Marsch »Gott sei mit Dir mein Sacksenland« was mer aus’n ff kennen un bestanden ooch de Probe glänzend, so daß mer glicklich unsern Schein kriegten. Indem Krempler Heinrich zwar der Aeltste is, aber so sehre seift, ham se mich zum Kassirer erwehlt, aber s’ wird ooch Zeit, daß was in de Casse kommt, denn wie mer den Schein bezahlt hatten un dann in unser Quartier in der Webergasse No. 4 kamen, wo mer mit e Freiberger Bergmusikantenkor in ener leeren Dischlerwerkstelle uff lauter scheenen Strohsäcken schlafen, hattn mer in der Casse nur noch … Thlr. --.-- 7 Pfennge.

Heite, den 18. September is Sonntag un durften mer noch nich spielen, mir sein deswegen alle zusammen in de liebe Kirche gegang’n, dadermit mir de Messe »mit Gott« anfangn; Nachmittags warn mer in Rosendahl, wo’s nischt kost un Abends geht’s zeitig zu Bette heite.

Heite, den 18. September habn mer angefangen, zuerst in der Bosenstraße un mit’n Choral »Wie scheen leichtet der Morgenstern,« dann ’n »Schneiderwalzer« un zuletzt ’n »Bergmannsgruß«, wozu mei Bruder Luis, der August, Hesse un Bäsler den Dekst sangen. ’S machte sich sehr hibsch. Nachher wurden mer von ener Köchin, die in der »Bretzel« an der Ecke der Holzgasse dient, fer morgen frieh um sechse zu e Ständchen bestellt un kriegten mer zwanzig Neigroschen in Voraus. S’is nämlich der Köchin ihr Geburtstag morgen, un s soll so aussehn, als wenn e Verehrer ihr das Ständchen bringen läßt. Im Ganzen ham mer heite eingenommen 2 Thlr. 8 Gr. 4 Pfg., worunter aber zwee falsche Dreier un e versilberter Zweefennger.

Heite, den 19. September habn mer erst der Köchin zwee Dreppen hoch das Ständchen gebracht. Erst bliesen mer den Choral »Wach auf mein Herz«, dann »Wir winden Dir den Jungfernkranz« un als Schlußstück das scheene Lied »Heinrich ach -- un seine Caroline.« Die Köchin that sehr gerihrt un mer kriegten Jeder e Schnaps un zusammen noch e Viergroschenstick. Einnahme heite zusammen 1 Thlr. 28 Gr. 7 Pfg.

Bis heite den 23. September ham mer von 20. 21. 22. und 23. eingenommen 14 Thlr. 7 Gr. 2 Pfg.

Mit dem Krempler Heinrich is es ä wahres Elend, indem er zu sehre seift und was da aus der Bosaune rauskommt kann mer sich denken. Gestern Abend spielten mir in ä Privathaus, wo se uns reinholten un mer ooch zu essen und trinken kriegten un se nach unserer Musik danzten. Nachher sammelten se selber vor uns ein und kriegten mir noch 1 Thlr. 2 Gr. 6 Pfg. Krempler war so voll, daß mern reene zu Hause tragen mußten. Na -- er hats aber von mir beese gekriegt! --