Erinnerungen eines alten Leipzigers

Part 12

Chapter 123,139 wordsPublic domain

Heite den 24. September war klener Meßsonntag. Ich hätt bald Malehr gehabt heite, weil mer e Student in der Petersstraße zwee große Vierfennger in Pabier gewickelt, von 3 Drebben hoch runter un mir grade uff de Nase schmiß, daß se ganz dicke wurde. Abends ham mer heite in der großen Dierbude uff’n Obstmarkt gespielt, aber weil Heinrich wieder emal een dichtg zu sich genommen hatte, un der große Löwe for die Döne aus Heinrichn seiner Bosaune kee musikalisches Geheer hatte, gabs zuletzt e großen Grawall un der starke Löwenbändger schmiß uns zuletzt alle eenzeln, eenen nach dem andern zur Bude naus, was mer blos ganz alleene Heinrichen un sein Saufen zu verdanken hatten.

In die erste Woche ham mir also eingenommen, alter Rest -- Thlr. -- Gr. 7 Pfg. Datum den 18. September 2 „ 8 „ 4 „ dihto den 19. „ 1 „ 28 „ 7 „ dihto bis mitgerechnet 23. Sept. 14 „ 7 „ 2 „ in den Privathaus eckstra 1 „ 2 „ 6 „ Heite, Datum den 24. September 3 „ -- „ 8 „ ----------------------- magt zusammengerechnt 22 Thlr. 18 Gr. 4 Pfg.

Dadervon hab’ch bezahlt fir 6 Mann Logis un Kaffee fir 8 Tage, jeder Dag 15 Ngr. 4 „ -- „ -- „ ------------------------ bleibt 18 Thlr. 18 Gr. 4 Pfg.

Für Mittagsbrod in der Speiseanstalt fir 8 Dage vor sechs Mann, jeder Dag 72 Pfg. 1 Thlr. 27 Gr. 6 Pfg.

un an jeden von uns Vorschuß v. 1 Thlr. 6 „ -- „ -- „ 7 „ 27 „ 6 „ -------------------------------------------- bis heite Rest 10 Thlr. 20 Gr. 8 Pfg.

Datum 26. September. Seit gestern spielen wir alle Abende bei Rappon (Rappo, größte Seiltänzer- und Akrobaten-Gesellschaft, welche in den 40er und 50er Jahren fast regelmäßig die Messen besuchte) in seiner Bude von sechsen bis um elfe, wofir wir jeden Abend 1 Thaler 8 Gutegroschen kriegen. Mei August hat in den eenen wilden Indianer, die daneben in der Bude lebendge Hihner zerubben un fressen, den alten Leinweber Dietze aus Schlettau sein Sohn Edward, der vor 4 Jahren von derheime fortgelaufen is erkannt, na -- das Metier kennt mer nich gefallen! Bei Rappos geht das Geschäft gut un solln mer ooch noch ganz egale neie Mitzen kriegen.

Datum 27. September. Heinrich war gestern Abend wieder so knill, daß er Grakehl in Quartier mit een von de Freiberger kriegte, der hat’n aber furchtbar zugedeckt un heite hat er e ganz blaues Ooge. Mei Bruder Luis fand heite frieh in seiner Drombete e Kinderzulp, den Eener wahrscheinlich aus Unsinn neingewärcht hatte, ä recht eenfeltger Spaß. Einnahme den 25., 26. un 27. September, ohne das von Rappon, was mer wechentlich kriegen 9 Thlr. 11 Gr. 1 Pfg.

Datum 1. Oktober. Heite war erster großer Meßsonntag un alles kribbelte un krabbelte von Menschen, mer mechte wissen wo se nur alle herkommen. Un weils bis jetzt so leidlich gegangen ist, fingen wir heite frieh um sechsse mit dem Choral »Mein Erstgefiehl sei Preis und Dank« an. In der blauen Mitze kriegten mer for unsern scheenen Vortrag vom Bergmannsgruß, ä wahrhaftiges Achtgroschenstück in Pabier gewickelt zugeworfen. S’ war e bohlsches (polnisches) aber das schad nichts, mir wärn’s schon los. Heinrich freilich meente gleich, daß mer daderfür sollten for jeden gleich zwee Glas Braunbier kofen, aber der Siffel wurde überstimmt.

Einnahme d. 28. 29. 30. Sept. un heite d. 1. Oct. zusammen 16 Thlr. 7 Gr. 6 Pfg. daderzu vom 25. 26. und 27. Sept. 9 „ 11 „ 1 „ Von Rappon for diese Woche = 7 Dage jeder 1 Thlr. 10 Ngr. 9 „ 10 „ -- „ Un alter Rest 10 „ 20 „ 8 „ ------------------------- 45 Thlr. 19 Gr. 5 Pfg.

Wieder ab vor diese Woche vor Logis, Kaffee un Mittagessen 5 Thlr. 27 Gr. 6 Pfg. Un neier Vorschuß vor Jeden 1 Thlr. 6 „ -- „ -- „ 11 „ 27 „ 6 „ ----------------------------------------------- bleibt Rest 33 Thlr. 21 Gr. 9 Pfg.

womit mir kenn sehr zufrieden sein. Die scheenen Mitzen hab’n mer von Rappon ebenfalls umsonst erhalten. Se sind grau mit silbernen Bonbong, wie de östreichschen Militärmitzen un sehn sehr fein aus, mir habn uns dichtg driber gefreit.

Datum 4. October. Dietzens Junge der den Indianer machte is fortgelaufen und bei Renzen als Mohr in den Zirkus eingetreten. Er sagt er könnte die Kost nich länger vertragen. Heite haben mir bei die Studenten in’n Thiringer Hof in der Burgstraße bei e Commers bis jetzt, wo’s frieh um Dreie is, gespielt un hatte uns Rappo für diesen Abend freigegeben. Bier gabs so viel mir nur wollten und finf baare Thaler kriegten mer außerdem noch, Heinrich war natürlich schon um Zwelfe so beseift, daß’n de Studenten uff e Faß festgebunden un nischt wie Unsinn mit’n getrieben ham. Morgen wird er schöne Töne aus seiner Bosaune rausbringen! S’is e Jammer mit den Kerl, aber wenn mer heem kommen sag ichs gewiß seiner Frau, der Carline, vor der hat er geherigen Respekt. Einnahme den 2. 3. und 4. October ohne Rappon seins 13 Thlr. 7 Gr. 2 Pfg.

Datum 6. October. Hab ich’s nich gesagt? Ae ganzen Dag is Heinrich dienstunfähig gewesen gestern von wegen seiner Beseiftheit, weshalb August mußte de Bosaune blasen. Ja -- ja -- der Suff der bringt Krempler noch in ä friehes Grab. Gestern früh wie mer gerade an der Sandgasse den Morgenchoral spielten, kommt e Herr und sagt, mir sollten in de Königstraße No. 11, zwei Dreppen hoch gehn, da wohnte e Freind von ihm der heite seinen Geburtstag hätte, indem er grade 30 Jahre alt wirde. Wir sollten recht sachte de Dreppen nauf gehn un oben mit aller Macht das Lied »Schier dreißig Jahre bist Du alt« blasen, worüber sich sein Freund furchtbar frein wirde. Als Lohn gab der Herr 1 Thaler, dann ging er mit uns bis in de Hausflur, blieb aber unten stehen. Wir freiten uns über das noble Geschenk und schlichen uns ganz leise de 2 Dreppen nauf. Oben nahmen wir sachte Aufstellung un legten nu los, daß de Wände zitterten. Kaum aber warn mer bis zur dritten Strofe gekommen, so ging uff emal de Vorsaalthür uff un e Frauenzimmer in ener Nachtjacke und de Haare einzeln in Pabier gewickelt, stürtzte mit e großen Besen uff uns los un haute uff uns ein daß uns Heern un Sehn verging un wir lauter Frösche rausbrachten. Ich denke natirlich mer sein vielleicht falsch gegangen un trete vor un will den Irrthum aufklären, da kommt aber uff emal noch e Frauenzimmer, ene ganz Alte, ebenfalls aus dem Logis rausgesterzt, die haut mich schwipp, schwapp mit e nassen dreckgen Scheuerlappen um Maul und Ohren, daß ich bald erstickte, denn der Lappen blieb mir auf Mund und Nase und dem Hals kleben un ich war froh, daß die Alte loslies un ich ebenfalls Hals über Kopf ausreißen konnte, wie meine Collegen schon gethan hatten. Ae ganzes Werterbuch voll Schimpfworten, sowie den Besenstiel schickten uns die Frauenzimmer noch hinten nach und erst unten wickelten mir meine Freinde den Lappen runter, so daß ich wieder ordentlich Athem holen konnte. Wir waren natirlich iber so ne Behandlung fir unsre musikalische Leistung eiserst aufgebracht, aber der Herr, der immer noch in der Hausflur stand, wollte sich todlachen, griff in die Westentasche und ich denke, na -- e Viergroschenstick macht Alles wieder gut, was aber drickt er mir in de Hand? E Pabier -- un wie ichs besehe is es werklich und wahrhaftig e Finfthalerschein! Na -- unsre Freide! Nu sagte uns der Herr, die Dame oben sei ene vom Theater, ene Dänzerin, heite sei ihr Geburtstag wo sie wirklich 30 Jahre wirde, un weil se sich immer nur fir 23 Jahre alt ausgebe, habe er ihr den Possen gespielt. Wir stellten uns nun auf die Straße vor dem Hause auf und spielten fast eine Viertelstunde lang weiter nichts als »schier 30 Jahre bist Du alt« bis die Alte schimpfend an uns vorbei un nach der Bolizei lief, weshalb wir uns nun trollten; der Herr war ebenfalls gegangen.

Datum 8. October. Gestern Nachmittag spielten mir von dreien bis um sechse bei e Richtschmaus in der Zeitzerstraße und kriegten derfor 1 Thaler un freies Bier. Natierlich hatte Heinrich wieder e dichtigen Zacken, un de Folge war, daß mir’n bei Rappon de Bosaune wegnehmen mußten, weil er egal falsche Döne rausbrachte und de Harmonie störte. Rappo drückte e Auge zu, weil mir nun blos Finfe waren; na warte nur Heinrich, wenn mir wieder zu Hause kommen, Deine Carline soll Alles erfahren wie de Dich aufgeführt hast.

Einnahme den 5. 6. 7. und 8. October zusammen 11 Thlr. 29 Gr. -- Pfg. Ekstra von dem Ständchen v. 5. October 6 „ -- „ -- „ Einnahme vom 2. 3. und 4. October 13 „ 7 „ 2 „ Einnahme von Rappon, for 6 Dage 8 „ -- „ -- „ Alter Rest 33 „ 21 „ 9 „ ------------------------ 72 Thlr. 28 Gr. 1 Pfg.

wieder ab Logis, Kaffee, Mittagessen und Jeden 1 Thlr. Vorschuß 11 „ 27 „ 6 „ ------------------------- bleibt Rest 61 Thlr. -- Gr. 5 Pfg.

Datum 11. October. Vorgestern haben mir ene Innung aus der alten Herberge in die neue geblasen un dann den Obermeister Ständchen gebracht, aus der Innungskasse kriegten mir dafür 3 Thaler und von den Obermeistern noch zwei Thaler, gestern spielten mir den Nachmittag im Garten der großen Funkenburg wo viele Menschen warn weil e Luftballon losgelassen wurde, wir kassirten iber 4 Thaler, was uns noch nicht bassirt ist. Einnahme Alles in Allen den 9. 10. und 11. October, ohne Rappon seins 16 Thlr. 4 Gr. 7 Pfg.

Datum 13. October. Mer merkt daß de Messe zu Ende geht, die Einkäufer und großen Verkäufer sind alle fort und die Straßen in der Stadt sind viel leerer wie vorige Woche noch. Aber dafor gehts Geschäft auf dem Augustusplatz flott und s’is e Gedränge daß mer kaum durchkann. Die Handelsleute sind fröhlich und vergnügt un Vormittags wenn mir oder e anders Chor kommen und spielen, tanzen sie oft in den Reihen daß de Buden wackeln und dann geben se uns gerne ä paar Pfennge oder ä Sechser, viele Male aber geben se e Groschen, ja -- s’is e fideles Völkchen. Bei’n Schustern hatten se gestern ene Bude bekränzt weil der Händler darin nunmehro seit 30 Jahren zur Messe kam, wir mußten ihm e Ständchen bringen un dann sammelten se für uns und brachten bald finf Thaler for uns zusammen. Mir wollten das viele Geld for die kleine Mühe erst nich nehmen, aber -- se meenten wir wirden’s wohl schon brauchen kennen. Du lieber Gott, da hatten se freilich recht, zumal wenn mer ä armer Weber is wie ich und 6 lebendge Kinder zu Hause hat.

Einnahme den 9. 10. und 11. October Alles in Allen aber ohne Rappon seins 15 Thlr. 29 Gr. 8 Pfg.

Datum 15. October. So wäre se denn zu Ende de liebe Messe. Fir uns war se wieder recht segensreich und morgen kenn mer heimwärts wandern, denn for de ärgste Noth for nächsten Winter is Gott sei Dank gesorgt. Es giebt doch noch recht gute Menschen in der Welt, die gerne geben, auch wenn sie selbst nicht viel haben.

Rappo hat sich wieder nobel gemacht und uns, für die letzte Woche statt 7 Dage jeden 1 Thlr. 10 Ngr. was zusammen 9 Thlr. 10 Ngr. gemacht hätte, 14 Thaler gegeben.

Einnahme d. 12. 13. 14. u. 15. October 25 Thlr. 11 Gr. 2 Pfg. ferner Einnahme vom 9. 10. u. 11. Oct. 15 „ 26 „ 8 „ von Rappon 14 „ -- „ -- „ hierzu Alter Rest 61 „ -- „ 5 „ ------------------------ 116 Thlr. 11 Gr. 5 Pfg.

ab für Logis, Kaffee un Mittagsbrod 5 „ 27 „ 6 „ ------------------------ bleibt Rest 110 Thlr. 13 Gr. 9 Pfg.

Es kommt also auf Jeden von uns 18 Thlr. 12 Gr. 3 Pfg., wofür wir alle Gott danken. Krempler Heinrich hat uns himmlisch gute Worte gegeben, daß wir seiner Carline von seiner Aufführung nichts sagen sollen und weil er sonst ein guter Kerl un dichtger Bläser is un sich de letzten Dage gutgehalten hat, so hab’n mern alle versprochen, diesmal noch zu schweigen.

XXIII.

Allerlei Chronika von anno 1860.

[Sidenote: Diebstähle in der Universitäts- und Stadtbibliothek.]

Am 27. Februar anno 1860 wurde ein hiesiger, bis dahin hochgeachteter Privatgelehrter wegen mehr als hundert Diebstählen von Bildern, Pergamenten, Buchschalen u. s. w., welche er in gewinnsüchtiger Absicht und zum schweren Nachtheil der Universitäts- und Stadtbibliothek begangen hatte, zu einer Zuchthausstrafe von 5 Jahren verurtheilt. ~Dr.~ … gehörte einer alten und angesehenen Familie Leipzigs an, besaß Frau und Kinder und hatte, da Niemand Verdacht gegen ihn faßte, aus alten, sehr werthvollen Werken der beiden Bibliotheken seltene und einen hohen Werth repräsentirende Kupfer- und Stahlstiche, Radirungen, ebenso kostbare, zum Theil nie wieder zu ersetzende Einbände, Meisterwerke alter Buchdrucker- und Buchbinderkunst, aus den ihm anvertrauten Werken herausgerissen, die Defecte durch Einklebung anderer Blätter u. s. w. zu verdecken gesucht und dann das Gestohlene an auswärtige Antiquare und Kunsthändler verkauft. Da es sich in fast allen Fällen um höchst seltene Werke, zum Theil Unicas handelte, so war der Verlust, den beide Bibliotheken erlitten, kaum annähernd zu ermitteln, jedenfalls aber ein sehr hoher und gar nicht zu ersetzender.

[Sidenote: Petersthor.]

Am 5. Februar wurde mit dem Abbruch unsres alten prächtigen Petersthores begonnen und der Stadtgraben links von demselben bis zur Universitätsbrücke ausgefüllt; zugleich wurde der Zwinger vollständig niedergelegt und der Neumarkt erhielt einen Ausgang auf die nun zu errichtenden Promenadenanlagen. Der Abbruch des Petersthores war zu Ostern beendet.

[Sidenote: Fleischhalle.]

Am 16. April wurde die neue Halle für die Landfleischer eröffnet und dem Verkehr übergeben. -- Jetzt Gebäude der permanenten Industrie- und Gewerbeausstellung am niedren Park, gegenüber der neuen Börse.

[Sidenote: Omnibusse.]

Am 12. August trat die Omnibusgesellschaft »Heuer« ins Leben und wurde dies Unternehmen allgemein mit hoher Freude begrüßt. Die ersten eröffneten Linien waren Reudnitz (grüne Schenke), Lindenau (Drei Linden) und Plagwitz (Insel Helgoland), später entstand noch als Concurrenzgesellschaft die »Fiacer-Compagnie«, welche nach jahrelanger erbitterter Concurrenz schließlich das Feld allein behauptete, bis auch sie vor der 1872 erscheinenden Pferdebahn den Betrieb einstellen mußte. Die Touren erstreckten sich zuletzt auf alle jetzigen Vorstadtdörfer. Der Preis pro Tour betrug 15 Pfg.

[Sidenote: Pulverhäuser.]

Am 17. August wurden die alten Pulverhäuschen vom damaligen Judengottesacker im Johannisthal -- (jetzige Sternwarte) -- entfernt und auf das Feld gegenüber dem Napoleonstein verlegt.

[Sidenote: Hagelwetter.]

Am 27. August, Abends 7 Uhr, kam ein großes Hagelwetter über unsere Stadt. Nachdem am Nachmittag eine sengende Gluth geherrscht hatte, färbte sich der Himmel plötzlich in beängstigender Weise roth und gelb und ebenso plötzlich ging das Unwetter los. Es erstreckte sich von Corbetha bis Wurzen und zwei Stunden in der Breite. Obwohl das Unwetter nur wenige Minuten anhielt, waren dennoch seine Folgen ungeheure. Auf den östlichen Seiten der Leipziger Straßen und Plätze waren die sämmtlichen Fensterscheiben zerschlagen, und die Dachziegel und heruntergefallenen Essenköpfe lagen über eine halbe Elle hoch auf den Straßen. Fiacer und Droschken mußten in die erste beste Hausflur hineinfahren, um nur die Pferde vor den faustgroßen Hagelstücken zu retten, die Wagenleder aber waren meist durchgeschlagen. Allein in dem damals noch sehr kleinen Dörfchen Lindenau zählte man 16955 zertrümmerte Fenster. Auf den Straßen sah es aus als ob Revolution gewesen wäre. Aus den Fenstern wehten die ebenfalls theilweise zerfetzten Gardinen heraus, die durchlöcherten Firmen hingen in Fetzen herab und die Keller waren mit Wasser angefüllt, das sogar in den Verkaufsläden der innern Stadt theilweise über eine Elle hoch stand. Die Schloßenstücken wogen bis zu 10 Loth (170 ~grm.~). Da die Michaelismesse unmittelbar bevorstand, so mußte der Schaden, ohne Rücksicht auf die bedeutenden Kosten, so schnell wie nur irgend möglich, reparirt werden und Glaser, Schiefer- und Ziegeldecker erhielten sechs- und achtfache Löhne. Von allen Seiten der Windrose eilten auf diese Kunde die Arbeitskräfte herbei, aber trotzdem bedurfte es wochenlanger Arbeit, um die Schäden wenigstens einigermaßen zu ersetzen.

XXIV.

Eckensteher und Nachtwächter vor 40 Jahren.

Mit dem Jahre 1860 erlosch auch das denkwürdige Institut der sogenannten privilegirten »Eckensteher«, der Vorläufer unsrer jetzigen Dienstmänner. Wer hätte wohl noch nicht wenigstens traditionsweise von den Eckenstehern mit ihrem unverwüstlichen, an Faulheit grenzenden Phlegma, ihrer denkwürdigen »Bulle« und ihrem meist sehr schlagfertigen Mutterwitz gehört. Sie hatten ihre Standorte, wie schon ihr Namen ergiebt, an den Ecken der Straßen und Plätze, waren vom Rathe der Stadt verpflichtet und trugen am linken Arm das Zeichen ihres Standes, die ihnen vom Rathe zugetheilte Nummer. Naturgemäß gab es gute und mindergute sowie schlechte Plätze und auch hier war der Gewerbebetrieb genau geregelt, dergestalt, daß neue Anfänger stets zuerst die schlechtesten Plätze nehmen mußten. Wurde ein besserer Platz durch Tod oder sonstigen Abgang seines bisherigen Inhabers vacant, so rückten die Andern genau in ihrer Reihenfolge nach. Doch gab es auch Eckensteher, welche ihre alte liebgewordene Ecke um keinen Preis vertauschten. Diese wurden dann ein für allemal übersprungen. Dadurch kam es, daß diese Eckensteher sich nicht nur im Laufe der vielen Jahre, in welchen sie meist ihre Stellen inne hatten, eine feste Kundschaft herangebildet hatten, sondern auch jeden einzelnen Bewohner ihres Rayons genau kannten, mit seinen Verhältnissen oft genauer vertraut waren als manchem lieb war und daß auf diese Weise die Eckensteher sowohl eine Art lebendigen Adreßbuches wie ziemlich zuverlässigen Auskunftsbureau bildeten. Wahrhaft bewundernswerth war ihre außerordentliche Vielseitigkeit in Leistungen. So waren eine große Anzahl jener Eckensteher am ganz frühen Morgen »Milchmädchen«, am Tage dann Eckensteher und Abends »Kegeljungen«, bei besonders stillem Geschäftsgang nahmen sie auch wohl an kegelfreien Abenden den Hebekorb mit Brezeln und durchschritten unter dem melodischen Rufe »Warme weeche Brezeln -- warme weeche!« die Straßen. Noch andre von ihnen hatten sich sogar zu Amt und Würden aufgeschwungen, indem sie Abends halb zehn Uhr zum Naschmarkt zogen, wo sie die Attribute ihrer amtlichen Würde -- Mantel, Spieß und Horn empfingen und nun hinauszogen in das ihnen angewiesene Revier, um daselbst für die Nachtzeit als Auge des Gesetzes zu fungiren und als ehrsame Nachtwächter über Schlaf und Eigenthum ihrer Mitbürger zu wachen.

Würdevoll -- die Beine gespreizt, den langen Spieß in der Rechten, das kleine Horn an der linken Seite, während noch ein großes Horn auf ihrem Rücken herunterbaumelte -- schritten sie, wenigstens so lange die Straßen belebt waren, dahin und regelmäßig bei jedem Stundenschlag gaben sie der aus irgend einem Grunde noch wachenden Bewohnerschaft ein lautes Zeichen ihrer Wachsamkeit, indem sie ins Horn stießen und je nach der Stunde einen Vers sangen, worauf wiederum ein Hornstoß ihre Kunstleistung beschloß. Der punkt Zehn Uhr zu singende Vers war so ziemlich überall derselbe -- er lautete:

»Hört Ihr Herrn und laßt Euch sagen -- S’hat zehn geschlagen -- Bewahrt das Feuer und auch das Licht -- Daß kein Schaden gesch--iecht -- Lobt Gott den Herrn!«

Bei dem Absingen der späteren Stunden bis zum Ende der Nachtwache, die im Sommer bis Morgens vier, im Winter bis fünf Uhr Morgens dauerte, blieben die Strophen 1, 2 und 5 dieselben, die 3. und 4. Strophe aber war je nach der Stunde eine andere, meist der Dichtkunst und Phantasie der einzelnen Nachträthe (so wurde der Nachtwächter vom Bruder Studio genannt) überlassen. Daß der Eckensteher auch zugleich der Vertraute aller Sorten von Liebespaaren war und vorzüglich mit der studentischen Bevölkerung auf dem verständnißinnigsten Fuße stand, versteht sich von selbst. Er kannte die Uhren und sonstige für das taxirende Auge menschenfreundlicher Gelddarleiher irgend einen Werth habende Besitzgegenstände seiner studentischen Kundschaft genau und wußte mit gefühlvollem Herzen stets Rath, wenn es galt, einen dieser Gegenstände auf einige Zeit an einen Ort stiller Beschaulichkeit zu versetzen, wenn sein Client, was freilich sehr oft vorkam, an der Schwindsucht seines Geldbeutels laborirte. --