Erinnerungen eines alten Leipzigers

Part 13

Chapter 133,061 wordsPublic domain

Sittigen Bürgerstöchtern und sonstigen mit Schönheit begabten Huldinnen wußte er geschickt die liebesglühenden Brieflein girrender Handlungscommis oder studirender Ganymed’s zuzustecken, mochten auch gegen das Liebesglück ihrer Töchter unempfindliche Väter und eifersüchtige Mütter das ehrsame Jungfer Töchterlein zehnfach bewachen. War man doch damals noch nicht so weit fortgeschritten auf dem Wege der Cultur, um seine Gefühle der Eselswiese der Tagesblätter anzuvertrauen und dieselbe zugleich -- wie dies jetzt üblich und jedenfalls gefahrloser ist -- als ~Postillon d’amour~ zu benutzen. Fanden aber in seinem Rayon Hochzeiten oder Kindtaufen statt, so war es wieder der in sein bestes Gewand gehüllte Eckensteher, welcher der ehrsamen Jungfer Brautführerin oder Gevatterin von ihrem Partner das zierliche Körbchen mit den weißen Handschuhen überbrachte und als Gegengeschenk an seinen Auftraggeber den Rosmarinzweig oder das gestickte Taschentuch mitnahm. -- Daß bei all diesen Thaten der biedre Vermittler ebenfalls seine Rechnung fand, ist selbstverständlich. Im Aeußeren sahen sich die Eckensteher so ziemlich gleich, sie trugen dunkle Jacken, Hosen und Westen von starkem baumwollnen Stoff, eine niedrige Mütze, und über die linke Schulter geknüpft das breite Gurtband ihres Schibocks oder Karrens. Im Winter kam noch eine gestrickte Jacke hinzu, die sie dann meist über der Jacke trugen. Ihr unzertrennlicher Begleiter, dem sämmtliche Nasen ein sanftes rosiges Incarnat verdankten, war die »Kümmelbulle«, welche, gleichsam als ihr zweites Herz, in nächster Nähe desselben ihren Platz hatte und deren nie versiegender Inhalt wesentlich zur Unerschütterlichkeit ihres philosophischen Phlegma’s beitrug. Waren nun die Eckensteher in ihrer Eigenschaft als solche wie bereits erwähnt mit der Kundschaft ihres Rayons genau bekannt, so war dies in ihrer Eigenschaft als Nachtwächter, so weit sie diesen Dienst versahen, erst recht der Fall. Sie kannten so ziemlich die sämmtlichen Tugenden und Untugenden sämmtlicher Bürger und sonstigen Bewohner ihres Kreises, so weit sich dies auf deren kleine Liebhabereien bezüglich des Kneipens erstreckte und ließen verständnißinnig bei diesen kleinen Schwächen die weitgehendste Nachsicht walten. Für Manchen aber und hier müssen wir leider immer wieder »Bruder Studio« in erster Linie anführen, waren sie nur zu oft ein wahrer Schutzengel, der für einen sanften Händedruck mit metallischem Klang und ein gutes Zweigroschenstück stets empfänglich, den bezechten und irregehenden Bürger der Stadt oder der Universität, in menschenfreundlichster Weise, die wankenden Piedestale kräftig stützend, unter die Arme griff und sanft heimgeleitete zu Muttern oder der diese Sachen schon etwas ruhiger betrachtenden Wirthin. Nur in seiner amtlichen Ehre, als zum Schutze der Ruhe und Sicherheit verpflichtetes Glied der städtischen Verwaltung, durfte der Gute nicht gekränkt werden und in solchen Momenten, wo ihn Bruder Studio oder andre ulklustige Brüder, auf irgend einem zugstillen Eckchen fanden, wenn er sich einmal auf wenige Augenblicke »innerlich beschaute« und ihm heimtückisch von hinten in’s große Horn bliesen, konnte er sogar die beschworendste Freundschaft total vergessen und »sehre eklig« werden. Leider müssen wir aber bekennen, daß solche Attentate auf die gutmüthigen »Nachträthe« nur zu oft vorkamen, und wenn dann diese Attentäter gar noch behaupteten, er -- der würdige und verpflichtete Wächter der Nacht -- habe geschlafen, so war es rein aus mit der Freundschaft und mit vorgehaltenem Spieße brachte er die schnöden Verleumder »auf die Wache«.

Das kam aber selten vor, denn der biedre Nachtrath wußte sehr wohl jugendlichen Uebermuth von flegelhaftem Benehmen zu unterscheiden. -- Hierbei sei eines heiteren Vorkommnisses gedacht, das Verfasser selbst mit erlebte und das die Gutmüthigkeit der Nachträthe illustrirt. Einer unsrer Freunde hatte nach dem Weihnachtsfest zu Anfang der fünfziger Jahre, früher als er eigentlich zu erwarten hatte, seinen Lehrbrief als nunmehriger Commis nebst einer hübschen runden Summe als Weihnachtsgeschenk bekommen und zur gemeinschaftlichen Feier dieses Ereignisses hatten wir, außer dem Festgeber noch vier oder fünf junge Leute, tüchtig geknippen. Die Folgen dieser für uns damals ungewohnten Kneiperei waren natürlich bei uns allen eine mehr oder mindere Bezechtheit, und in der durch dieselbe hervorgerufenen jugendlich tollen Laune beschlossen wir, der in Lurgensteins Garten wohnenden Angebeteten -- natürlich nur per Distanz Angebeteten -- unsres Freundes, deren Geburtstag etwa zwei Stunden vorher angebrochen war, ein Ständchen zu bringen. Gesagt -- gethan. Einer von uns besaß einen prächtigen lyrischen Tenor, und damit der Lärm nicht zu groß werde, sollte der Tenor das Lied: »Den Frauen Heil« allein singen, während wir andern seinen Gesang mit Brummstimmen begleiteten. Wir schlüpften über die Pleißenbrücke, zogen uns in dem bis an das betreffende Haus reichenden Gebüsch bis an letzteres heran und legten los. Die Geschichte klappte famos. Trotzdem unser Tenor nur halblaut sang, mußten dennoch unsre Stimmen bis in die inneren Gemächer des Hauses dringen, denn eben als wir den zweiten Vers unsres Liedes begannen, sahen wir, wie sich oben an einem Fenster des ersten Stockwerkes eine Gestalt bewegte, das Fenster öffnete und -- ach welche Enttäuschung für unsre Gefühle -- ein mit irgend einem Etwas gefülltes Gefäß im weiten Bogen nach unserm vermutlichen Standpunkt entleerte. Erschrocken und in allen unsern Gefühlen tief verletzt, brachen wir unser Ständchen Knall und Fall ab und wollten uns eben zurückziehen, da hörten wir, eben aus dem Gebüsch auf die Straße getreten, vor uns an der Hausthür eine pustende räsonnirende Stimme und -- ein Nachtwächter, angethan mit Spieß und Horn, stand vor uns. Der Gute hatte den molligen Winkel an der tiefen Hausthür benutzt, um -- sich ein wenig inwendig zu besehen -- unsern Gesang gar nicht gehört und an unsrer statt die für uns bestimmte nasse Ladung von jenem Undankbaren da oben bekommen.

»Nee«, räsonnirte er pustend und an sich herumwischend, »sollte mer so was glooben? Die denken am Ende gar, ich habe geschlafen -- s’is e Skandal -- nich e mal so e bischen ausruhn gönn’ se Een. Foi Deibel! Un wer wees was se runter gegossen ham!«

Wir umgaben ihn tröstend und mit ihm auf die da oben räsonnirend -- -- da -- -- wie ich so hinter ihm stehe, hängt mir sein großes Horn, welches die Nachtwächter sonst nur zum sogenannten »Feuertuten«, also bei ausgebrochner Feuersgefahr benutzten, so verführerisch vor der Nase, daß ich -- wie eine geheime Macht zog’s mich dazu -- im nächsten Augenblick das unselige Mundstück desselben gefaßt hatte und zwei -- drei schauerliche Stöße aus demselben mit aller Macht meiner gesunden Lunge entlockte. Ach! -- Kaum war die grause Frevelthat geschehen, so bangte uns auch vor dem nun zu erwartenden Strafgericht und in seltsamer Uebereinstimmung nahmen wir unsre Force zusammen und rissen aus was nur die Beine leisten wollten.

Jetzt war aber offenbar dem guten Nachtrath die Laus vollständig über die Leber gelaufen, das war ihm doch zu bunt!

Da wir viel zu leichtfüßig waren, als daß er uns hätte einholen können, so gab er auf seinem kleinen Horn wiederholt das Nothsignal. Während nun die Anderen sich rechts nach der Nonnenmühle zu glücklich in Sicherheit brachten, flohen der neuernannte Commis und ich quer über die Promenade und auf das Thomaspförtchen zu und hier erreichte uns die rächende Nemesis. -- Schon glaubten wir uns gerettet und lachten über den tollen Streich -- da -- als wir im schnellsten Lauf uns durch das Pförtchen in Sicherheit bringen wollten, sprang inwendig hinter der Ecke ein zweiter Nachtrath vor, senkte quer über unsern Weg seine lange Lanze und -- im nächsten Moment rollten wir in süßer Gemeinschaft mit unsern Sonntags-Nachmittags-Vier-Uhr-Anzügen in den durch aufgethauten Schnee und Regen gebildeten zollhohen Schlamm und wurden die leichte Beute des von uns so tief in seiner Würde gekränkten Nachtrathes.

Aber -- o Himmel! Wie sahen wir aus! -- Von oben bis unten mit einer wahren Schlammkruste überzogen, in meinen nagelneuen Cylinderhut war der eine Nachtwächter in der Hitze seines Ausfalls mit dem Bein getreten -- ade Vierthalerhut -- indes der Cylinder meines Freundes in den in der Ecke stehenden Wasserkasten vom Wind hineingetrieben worden war und jetzt sanft auf den Wogen desselben dahintrieb. -- Ach, die Vorwürfe zu Hause, und nun gar noch polizeiliche Anzeige -- Strafe -- Herrgott vielleicht gar Gefängniß -- -- --!!

Mein Freund weinte bittre Thränen und auch mit mir stand die Geschichte so so. --

Da, wie die beiden Verfolger unsern großen Kummer sahen, entfloh ihr Zorn und ihre Wuth und das Mitleid trat an ihre Stelle. »Da sehn se nu was se angericht ham!« sagte der von mir so freventlich Beleidigte -- »na ja sie sein eb’n noch halbe Kinder -- -- komm se mit -- ich wohne gleich hier in der Burgstraße -- meine Frau mag aufstehn und sie renevirn -- denn so kenn se nich zu Hause gehn.«

Und so wurde es; statt uns anzuzeigen und in Strafe und Ungelegenheiten zu bringen, weckte der Gute sein Weib, dieses stand auf, und während wir behaglich in dem kleinen Stübchen einige Tassen schnell bereiteten Kaffees genossen, trocknete der Schmutz an unsern Sachen am heißen Ofen zur dann leicht zu entfernenden Kruste, und gesäubert konnten wir, noch ehe es völlig Tag wurde, unsre eignen Wohnungen wieder aufsuchen.

»Lassen’s nur«, sagte der Alte, als wir ihm unser letztes Achtgroschenstück als Dank überreichten, »dadervor is’s nich geschehn«, und wir hatten alle Noth, daß Mutter Bremme, seine Frau, diese unerhört große Vergütung für Kaffee, Herberge und Reinigung endlich annahm. --

Eine gute alte Sitte war es auch früher, da wo in Restaurants und anderen Etablissements in der Neujahrsnacht Festlichkeiten, insbesondere Gesellschaftsbescheerungen stattfanden, mit dem Glockenschlage 12 Uhr Nachts den Nachtwächter hereinzurufen, der dann im Saale feierlich seines Amtes waltete, in der Regel einen besonders schönen auf den Jahreswechsel bezüglichen Vers sang und in’s Horn stieß. Geradezu Regel war dies z. B. im Schützenhaus (Kristallpalast), wo dies stets geschah. Ein Thaler war dann mindestens der Lohn, der dem Nachtwächter gespendet wurde, oft aber auch bedeutend mehr.

Auch Eckensteher und Nachtwächter sind anderen modernen Einrichtungen gewichen. Für den Eckensteher ist der moderne Dienstmann erstanden und in der Nacht unterbricht kein Hornruf oder Gesang, es sei denn ein unberechtigter von den Geistern des Bachus oder des Gambrinus hervorgerufener, die nächtliche Stille.

Einsam zieht dann der Schutzmann seine Bahnen und für jedes Vergehen winkt das Strafmandat.

»Sitte und Anstand« verlangt das Gesetz mit eiserner Strenge und doch herrschten beide früher ganz gewiß mehr als jetzt.

XXV.

Der alte Petersschießgraben und Leipziger Volksoriginale: ~Dr.~ Ewald.

Bis zur Erbauung des Tivoli, welches gegen die Mitte der vierziger Jahre errichtet wurde, war eigentlich unser Leipzig nicht überflüssig mit größeren Vergnügungslokalen versehen. Der Wettiner Hof in der »blauen Mütze«, der inmitten eines ziemlich wüsten Hofplatzes stand, war der Tummelplatz für die Hefe des Volkes, andere größere Säle existirten fast gar nicht und so kam es, daß der schon damals stark baufällige Petersschießgraben mit seinen, fast die ganze Länge der jetzigen Münzgasse und des Floßplatzes einnehmenden Schießständen und sehr bescheidenen Gartenanlagen von der Leipziger Bürgerschaft der Mittelstände stark frequentirt wurde. Freilich war damals auch der Bewohner Leipzigs noch bei weitem nicht so fußfaul wie zur Jetztzeit, wo oft für kaum einige Minuten entfernte Strecken schon Pferdebahn und Droschke benutzt wird. Zur Sommerszeit machte man damals weite Fußtouren mit Kind und Kegel und zwar stets hin und zurück zu Fuß. Statt der jetzigen modernen Kinderwagen hatte man damals die kleinen blauen Handleiterwagen mit Deichsel, an diese spannten sich die größeren Geschwister vor, oder auch wo solche nicht vorhanden waren, ein dienstwilliger Lehrjunge oder Gesell und fort ging es, hinaus ins Freie und Tagestouren wie nach Grimma, Lausigk, Borna, Schkeuditz u. s. w. wurden sehr häufig unternommen. Einige Flaschen brausendes und schäumendes, von Muttern selbst gefülltes Braunbier, auch wohl ein Fläschchen Kümmel, dazu eine wohlgefüllte Tasche mit Brod, Butter, Käse, Schinken und hausschlachtener Wurst, bildeten die gediegene Verproviantirung, und wie herrlich schmeckte dies Alles im grünen Wald oder auf grüner Aue, gelagert unter dem Schatten irgend einer mächtigen Eiche. Wurde es Vatern zu warm, so zog er den langschößigen Rock aus und legte ihn mit auf den allgemeinen Bagagewagen, wo auch Mutters »Saloppe« (Umschlagetuch) noch ihren Platz fand. Vater steckte die Mütze auf seinen Stock und hielt in der Linken den mit Kanaster gefüllten Ulmer (Tabackspfeife), Mutter spannte zum Schutz vor der Sonne den Regenschirm (Familientulpe) auf, wir Kinder sprangen mit dem Spitze nebenher und keine Königsfamilie konnte glücklicher sein, als wie wir alle es waren. -- -- --

Kam aber der Herbst ins Land, so suchte man die näheren Vergnügungsorte auf. Den »großen« und den »kleinen Kuchengarten«, die »Tabacksmühle« zwischen Thonberg und Stötteritz, Stünz mit seinem »Käsebruch« u. s. w. Vor Allen aber den »Petersschießgraben« am Petersteinweg. In dem langgestreckten Saal der ersten Etage saßen dann Bürger und Handwerksmeister, aber auch der Gelehrte und der Student an alterthümlichen Holztafeln mit kreuzweisen Untergestellen, einträchtig beisammen und beim Braun- oder Doppelbier oder der damals in doppelt so großen Flaschen enthaltenen Gose, discourirten sie über Politik und Stadtklatsch. Das Glas Braunbier kam damals 8 Pfennig, das nur wenig getrunkene Doppelbier einen guten Groschen (12 Pfennige) und die große Flasche Gose 2 gute Groschen; Butter, Brod und Käse in reichlicher Portion 12 Pfennige, mit Schinken 25 Pfge., eine Portion Schweinebraten 40 Pfennige, ein großes Beefstäck 30 Pfennige. Die Pfeife war in fast Aller Händen, denn die Cigarren waren erst seit wenigen Jahren in Aufnahme und noch theuer. Das letztere war auch bezüglich der erst nicht lange vorher aufgekommenen Streichhölzer der Fall, weswegen jeder Raucher mit Feuerstein und Stahl und Zündschwamm oder Lunte, die man über, auf ausgehöhlte Flaschenpfropfen gesteckte Nadeln strickte, versehen war. In den Ecken des Saales waren aber auch zur allgemeinen Benutzung sogenannte Tischfeuerzeuge, mit Spiritus und Fidibus angebracht.

Wo sich aber auch damals »de Berger un Meester -- natürlich mit Kind und Kegel -- Junggesellen und Jungfer Töchtern oder Mamsellen« (Fräulein galt nur als Bezeichnung für adlige oder allenfalls für Professoren- und sonstige hochgestellte Beamten-Töchter) zusammenfanden, stets stellte sich da auch in den dreißiger und Anfangs der vierziger Jahre ein Mann ein, der unter dem Namen »~Dr.~ Ewald« als städtisches Original Groß und Klein bekannt war.

Dieser »~Dr.~ Ewald«, aus guter Bürgerfamilie stammend, war ein verbummelter und gänzlich heruntergekommener Student, der viele Jahre in Leipzig studiert, den Doktortitel aber niemals erworben hatte, sondern nur von Volksgnaden trug. Damals -- von schier undefinirbarem Alter, sicher aber ein hoher oder doch mittlerer Vierziger, schwärzte er sich überall ein, wo er hoffte freie Zeche zu bekommen und ließ sich dafür auch Alles gefallen. Wenn wir sagen »Alles«, so ist dies in sehr weit ausgedehntem Maaße zu verstehen, denn damals war man für Späße, welche man jetzt als »mehr als derb« bezeichnen würde, noch bei Weitem nicht so empfindlich wie jetzt. Da Ewald Gott und alle Welt kannte, so blieb er an diesem und jenem Tische stehen, bis man ihn hieß »e mal mitzutrinken.« Wehe aber dem Unglücklichen, der hierbei die Vorsicht so weit außer Acht ließ, dem »~Dr.~« seinen noch sehr gefüllten Krug anzubieten, denn der gab ihn nicht wieder her, sondern leerte ihn, dabei fortwährend Trinksprüche auf »die Frau Meesterin« -- das »Jungfer Töchterlein« u. s. w. ausbringend, bis auf den letzten Tropfen. Studenten -- -- die er nur mit »Commilitonen« anredete, machten sich öfters folgenden wenig sauberen Witz mit ihm. Sie kneteten aus Mehl, Schmutz, Tabacksasche, Cigarrenstummeln und anderen delikaten Ingredienzen einen Kloß, spuckten hinein und legten ein Achtgroschenstück daneben und -- »guten Appetit« -- Ewald fraß den Kloß und steckte das Geld dafür in die Tasche. Sein Bruder hatte sich erschossen und renommirend lief er nun in dessen Rock herum und zeigte Jedem das Loch, wo die Kugel hineingegangen war, indem er nur bedauerte, daß Jener zu seinem Selbstmord den »guten Rock« angezogen habe.

Dabei machte er jeder Schürze die Cour und erlebte hierbei Abenteuer, welche nicht allemal günstig für seine Kehrseite abliefen. Damals kam das schöne Lied auf »Du hast ja die schönsten Augen« u. s. w. und sofort erkor es Ewald sich zum Lieblingslied, mit welchem er jedes Mädchen oder Frau drangsalirte, die das Unglück hatte seinem Blicke zu begegnen.

Einige dieser Abenteuer sind vielleicht nicht unwerth der Vergessenheit entrissen zu werden, wobei wir bemerken, daß wir nur streng als Wahrheit verbürgte Thatsachen anführen.

Im »goldenen Horn« (jetzt Stadt London) in der Nikolaistraße waltete damals ein drolliger und jovialer Mann, Namens Schwabe, als Wirth, der gern einen Jux mitmachte und z. B. einstmals auf seinem Pferde, infolge einer Wette, dreimal um sein Billard ritt. Dieser Schwabe hatte nun eine ebenso schöne, wie lebenslustige und heitere Frau und da auch ihr der »~Dr.~ Ewald« in deutlichster und dabei aufdringlichster Weise die Cour schnitt, so beschlossen beide Eheleute, indem sie noch einige Gäste ins Vertrauen zogen, mit Ewald einen derben Ulk auszuführen.

Frau Schwabe ließ demselben, es war im Winter, merken, daß sie für seine Huldigungen nicht unempfindlich sei und versprach ihm für den andern Tag ein Plauderstündchen, zumal da ihr Mann verreist sei. Ewald stellte sich nun auch pünktlich ein und lachend ließ die schöne Frau seine Liebesbetheurungen über sich ergehen, indeß im Nebenzimmer ihr Mann versteckt war. Plötzlich aber schrie sie auf »Ach um Himmelswillen! Da kommt mein Mann -- eben ging er am Fenster vorbei! -- Ach! gewiß hat der Verdacht -- der bringt uns alle Beide um!«

Ewald vor Schreck halbtodt, hörte gleich darauf, wie Schwabe wüthend an der verschlossenen Stubenthür rüttelte und mußte sich nun im Waschhaus in dem großen Waschkessel verstecken, wobei er zu seinem namenlosen Entsetzen hörte, wie der Wirth mit Pistol und Säbel überall »den Verführer« suchte und dabei wiederholt ins Waschhaus kam und schwor, den Verführer kalten Blutes zu ermorden. Viele Stunden bis zum späten Abend mußte der Bethörte bei großer Kälte in seinem unbequemen Versteck zubringen, bis Abends der Hausknecht erschien und in der Finsterniß, ohne ihn angeblich zu sehen, mehrere Fuhren Wasser über ihn in den Kessel goß. Erst da zwangen ihn Kälte und Nässe sich dem Hausknecht auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und er war froh, als ihn derselbe heimlich lachend entwischen lies.

Ein anders Mal hatte er sich in das Töchterlein des Gohliser Müllers verliebt. Diese -- sich ebenfalls mit ihrem Schatz verabredend -- ladet Ewald zum Stelldichein in die Mühlräume. Da auch hier der Schatz erscheint, läßt ihn die Jungfer in einen großen Mehlkasten kriechen und nimmt mit ihrem Geliebten kosend auf dem Deckel desselben Platz. Zu seiner Angst hört er im Kasten, wie der Andere plötzlich Ewalds Hut findet und nun schrecklich zu toben anfängt und ihn mit Mord und Todtschlag bedroht; schließlich schleudert der Wüthende den Hut auf einen hohen Holzstoß im Hofe und entfernt sich angeblich. Ewald, über und über mit Mehlstaub bedeckt, ersteigt auf einer Leiter den Holzstoß, ist aber kaum oben, als ihm die Leiter weggenommen wird und er nun zu Jedermanns Gaudium stundenlang in seinem verstaubten Costüm dort oben zubringen muß, bis man ihn mit einer Tracht Prügel auch hier endlich entließ.

Im Laufe der Zeit kam Ewald immer mehr und mehr herunter und wurde häufig Bewohner von »Sct. Stich« (Georgenhaus). Man fand ihn in den vierziger Jahren eines Morgens sterbend an der »Gothischen Pforte« (da wo jetzt das Harkort-Denkmal steht) im Gebüsch liegend, trug ihn ins Georgenhaus und daselbst starb er nach wenigen Tagen.

XXVI.

Leipzigs Südosten vor 40 Jahren.